Ludwig Tieck war oft unter diesen Freunden. Und lange Zeit kam auch

Jean Paul aus seinem Dresdner »Lenzhäuschen« nach Hosterwitz gewandert.

Er kam, wie Webers Biograph ihn schildert: dick, immer ein wenig

unsauber, stets von einem schnaubenden Pudel begleitet, ein alter Herr,

der mit einer etwas geschraubten Jugendlichkeit kokettierte und der so

gar nicht mit seinen poetischen Schöpfungen harmonierte.

* * * * *

[Illustration: Abb. 2 =Das Weberhaus, an der Straße die beiden

prächtigen Nußbäume=]

[Illustration: Abb. 3 =Der einzigartige Blumengarten des Weberhauses=]

»Oh Hosterwitz, oh Ruhe! Ruhe!« Das schrieb Weber einmal in einem

Briefe. Aber Ruhe nannte er es auch damals noch: die Euryanthe

schreiben; Ruhe nannte er: in vierundzwanzig Tagen drei Singspiele und

eine Oper einstudieren, zu jeder Probe drei Meilen zurücklegen und

außerdem in hundert Tagen noch achtunddreißigmal Dienst in Kirche und

Theater tun.

»In dieser Zeit,« schreibt sein Sohn, »sahen Caroline und der damals

auch in Hosterwitz wohnende (Freund und Schüler) Benedikt oft schon

früh vor sechs Uhr, wenn sie in die Laube im Garten traten, wo

gewöhnlich das gemeinschaftliche Frühstück eingenommen wurde, am

offenen Fenster seines Arbeitszimmers das bleiche Haupt des Meisters

über das Notenpapier gebeugt, oder ihn vom kurzen Morgenspaziergange

heimkehren. An allen Tagen, die ihm sein Dienst frei ließ, arbeitete er

sechs bis acht Stunden unablässig an der Oper und gönnte der gepreßten

Brust nur selten, bei langsamen Wanderungen am Elbufer oder durch ein

Waldtal die Erquickung tiefer Atemzüge balsamischer Luft. Mehr als

einmal rief er, aus dem heißen Arbeitszimmer in den Garten tretend und

die Arme ausdehnend aus: ›Ich wollte, ich wär ein Schuster und hätte

meinen Sonntag und wüßte nicht Gix noch Gax von ~C~-Dur und ~C~-Moll!‹«

Unablässige Arbeit schwächte seine ohnehin kränkelnde Brust. »Ich huste

und faulenze,« antwortete er ingrimmig den Freunden, die nach seinem

Ergehen fragten. Die Symptome der Müdigkeit häuften sich, seine Kräfte,

flackrig geworden, verzehrten sich in tätiger Hast.

Ein Jahr darauf, 1823, fühlte er sich zu matt für den der Entfernung

wegen beschwerlichen Aufenthalt in Hosterwitz, der ihm -- ein

tragischer Widerspruch -- gerade damals so not tat. Und doch rang er

sich in dieser Zeit den Oberon ab! »Dieses Leben und musikalische

Licht und diese tongewordene Heiterkeit und Frische schrieb ein

kranker, gebeugter und verdrossener Mann, den trockner Husten Tag

und Nacht quälte, der, in Pelze gehüllt, die geschwollenen Füße in

Sammetstiefeln, am Schreibtische saß und im stark geheizten Zimmer

fror.«

In diesen letzten Schöpferstunden umgeisterten ihn schon Todesgedanken.

Sie trieben ihn in Sorgen um das Wohl seiner Familie. Um für sie zu

sorgen, bestand er auf der verhängnisvollen Londoner Reise. »Ich

erwerbe in England ein gut Stück Geld, das bin ich meiner Familie

schuldig,« sagte er zu einem Freunde, »aber ich weiß sehr gut -- ich

gehe nach London, um da zu sterben -- still, ich weiß es.«

* * * * *

Am 7. Februar 1826 trat er die Reise an. In Pelze gehüllt stieg

er in den Reisewagen. Und während er in den dunklen Wintermorgen

hinausrollte, sank seine Frau in ihrem Zimmer zusammen und schluchzte

ahnungsvoll: »Ich habe seinen Sarg zuschlagen hören!«

Dreiundfünfzig Briefe flatterten noch nach Hosterwitz. Und dem

grünumbuschten Frieden des stillen Häuschens galt seine Sehnsucht aus

der Ferne: »Ich habe wohl schon genug -- vielleicht -- in Dresden gewiß

schon zu viel getan und will mich in Hosterwitz recht strecken und

pflegen.«

Er kam nicht wieder.

[Illustration: Abb. 4 =Ausblick aus Webers Arbeitszimmer in den Garten

und nach der Elbe=]

Am 5. Juni 1826, acht Wochen nach der Uraufführung des Oberon in

London, schloß der vierzigjährige Schöpfer die Augen. Und als er

in London schon aufgebahrt lag, ließ eine Freundin, Charlotte von

Hanmann, ihren Wagen am Dorfeingange halten und brachte der Frau in

Hosterwitz die Todesbotschaft, über der die Verlassene mit einem Schrei

zusammenbrach.

* * * * *

Ein Jahrhundert ist seitdem durch den friedsamen Garten, durch die

kleinen Räume des schlichten Hauses gegangen.

Der Zauber einer holden Verschollenheit liegt darüber gebreitet. Ich

sah das Idyll im seligen Glast eines Hochsommertages um die Stunde,

da Pan schläft -- vor den Fenstern des treuen Bewahrers, des alten

Krahmer, standen Kornpuppen mit einer Krone schwergebogener Halme. Und

ich sah es wieder im milden Riesellichte der Septembersonne -- über

Haus und Garten spann sich ein scheidender Abglanz der Glückstage,

deren sich Haus, Garten, Laube heimlich zu entsinnen scheinen.

* * * * *

Dem Kommenden guckt das Häuschen mit gemütlichen Fenstern entgegen --

es blinzt gleichsam vertraulich und wartend durch den Zaun, der das

benachbarte Feld einhegt.

Dann aber wehrt eine alte Steinmauer die Neugier ab -- es ist ein

Winkel für Vertraute. Zwei alte Nußbäume überschatten locker belaubt

das grüne Holztor zwischen den Torsäulen mit den Steinkugeln obendrauf.

Der Grundriß des Hauses hat die Gestalt eines längs zur Straße gelegten

lateinischen ~T~. Das ergibt drei Giebel, von denen einer der Straße,

der andere der hinter Dorf und Bäumen verborgenen Elbe zugekehrt ist,

während der dritte in den blühenden Garten blickt. Um diesen Giebel

knirschte Carolinens Schritt, wenn sie kam, den Heimkehrenden zu

empfangen, der ihr durch das Gitter des grünen Tores entgegenlachte.

Innen ist der alten Mauer, dem Tor zur Seite, ein schmaler, steinerner

Sitz eingefügt. Er sieht einer Konsole ähnlicher als einer Bank. Eine

Clematisranke zieht einen Bogen darüber. Diese hübsche Kleinigkeit

mutet an wie eine zierliche Titelvignette.

Rundum blüht es. Ein bunter Fries von Astern und Balsaminen umzieht den

Sockel des Hauses. Vor dem blaugrauen Giebel blühen hochstämmige Rosen,

Oleander, Astern, Geranien im Buchsbaumrondell. Sogar um die alte Pumpe

in ihrem Holzgehäuse mit spitzem, rotem Dach, die zu Webers Zeiten auch

schon dastand, blüht ein Kranz bunter Topfblumen: Geranien, fleißiges

Lieschen, blaßblaue, hängende Glockenblumen.

Dahinter, in dichtes Grün gehüllt, versteckt sich die Laube, in der

Caroline mit ihrer Näharbeit saß, wenn er oben am Freischütz schrieb.

Der Efeu hat die Laube dicht umwuchert. Über das hohe, spitze Dach

wächst er noch hinaus und krönt den Laubengiebel mit einem üppigen

Blätterschopf. Drinnen -- drei Steinstufen führen hinein -- ist es

kühl. Die weiße Decke ruht auf kornblumenblauen Wänden. Weißes,

bäuerlich gemütliches Gestühl steht drin. Durch die zwei Fenster

der Rückwand blickt man aus der blauen Kühle hinaus in durchsonntes

Gartengrün.

Und draußen im Licht, im Sonnenschein, von den Efeugardinen der Laube

umrahmt, liegt das Haus, hell, heiter und glücklich.

[Illustration: Abb. 5 =Großes Eckzimmer im Obergeschoß=]

Wein rankt an Spalieren an den Wänden herauf. Blaue Winden blühen

zwischen den Reben. Diese Blumentrichter, in deren zartweiße

Tiefe violette Saftmale hinabführen, wirken zwischen den

flachgeschichteten, silbern überreiften Weinblättern köstlich. Sie

erinnern an Becherschalen von hauchdünnem Porzellan. Und die

grünen Fensterläden mit den schräggestellten Jalousiebrettchen, die

vor den weißgestrichenen Fenstern in das silbergrüne Weingerank

zurückgeschlagen sind, vollenden den sommerlich heiteren Eindruck,

den das Ganze macht. Es sieht aus, als lupfe das Haus lauter kleine

grüne Flügel und schicke sich an, vor Vergnügen am eignen Dasein mal

ein bißchen über den Garten hinzufliegen. Und das ziegelbewimperte

Fensterauge im altersbraunen Dach zwinkert: ja, los -- mal übern Garten

hin!

[Illustration: Abb. 6 =Treppenflur des ersten Obergeschosses=]

* * * * *

Der Garten. Er ist gar nicht groß und scheint doch unabsehbar, weil

Buschwerk und Hecken seine Grenzen verhüllen, weil man über die Bäume

hin und zwischendurch in benachbarte Obstbaumwiesen und Gärtenwildnis

guckt und weil die gradlinigen Wege das Gartenstück so geschickt

aufteilen, daß sich ein Eindruck von Größe ergibt.

Da durchschneidet ein Weinlaubengang von der Haustür aus den Garten

der Breite nach. Sonnenlicht rieselt hindurch und mustert den sauber

geharkten Weg mit einem Schattengitter. Der Gang ist kaum zehn Schritte

lang. Hinten schließt eine lockere, wandartig verschnittene Buchenhecke

den Durchblick ab, sonniger Rasen schimmert hindurch -- der Gang

scheint in eine grüne Wirrnis zu führen, die gar kein Ende nimmt.

Man tritt aus dem Gang heraus und steht vor einer anderen Laube, die

mit ihren gelben Wänden ganz sonnig wirkt. Wilder Wein streckt wippende

Ranken herein -- eben hissen seine Blätter die köstlichen Likörfarben

des Herbstes.

Vor der Laube beschattet eine stattliche Linde einen kleinen Platz.

Eine weiße Bank steht darunter. Und nahe dabei, im schützenden

Hauswinkel, trägt ein Feigenstrauch sogar Früchte -- Weinstock und

Feigenstrauch: es ist eine beinahe biblische Symbolik häuslichen Glücks.

In einem anderen Winkel des Gartens macht der Weg eine kleine kokette

Biegung -- man steht vor einem Gitterpförtchen in der Mauer, tief

unter einer hohen, fächerleicht entfalteten Akazie und hinter dichtem

Gesträuch heimlich verborgen. Draußen läuft ein schmales Gäßchen

zwischen Gemäuern vorbei -- und das wieder ist ganz das Szenarium einer

Liebesgeschichte.

Und man guckt in den Garten zurück.

Was da alles auf kleinstem Raum wächst, blüht, reift! Obstbäume stehen

im Rasen. Dahinter die Weinlaube. Und rundum blüht es: goldgelbe

Röderblumen und fleischigrote Begonien, Astern und Phlox, Nelken und

Balsaminen. Es ist eine Fülle.

* * * * *

Und über all das hinweg, in das Blühen und Wachsen hinein guckt mit

allen Fenstern das Haus.

Man betritt den kühlen, anheimelnden Flur -- dabei kann man der Lockung

nicht widerstehen und zupft beim Eintreten mal an dem Klingelzug,

worauf der Flur von altväterischem Gebimmel widerhallt.

[Illustration: Abb. 7 =Die Weberlaube=

»Diese Laube alt und klein,

Soll allen Zeiten befohlen sein,

Weil hier ein heiliger Quell’ entsprang

Freischütz, der Ewigkeitsgesang.«

_Ernst von Wildenbruch_

]

Unten wohnt der biedere alte Krahmer, der Eigentümer dieses

Schatzkästchens -- er wohnt sozusagen in seinem Augapfel, denn wie

einen solchen hütet er das Haus. Und nächst ihm verdanken wir den

sorgsam und pietätvoll gepflegten Zustand des Ganzen dem Maler Heinrich

Hübner, der hier seit Jahren allsommerlich bis tief in den Herbst --

dann wird dieses Sommerhäuschen alt und feucht und unwirtlich -- sein

steinernes Berlin vergißt und künstlerisch von diesem Haus und diesem

Garten und der Landschaft ringsum lebt. Er hat Vieles hinzugetragen,

was -- ich möchte sagen: seelisch zu der vorhandenen Einrichtung der

Räume wenn auch nicht aus Webers Besitz, so doch aus der Weber-Zeit

stimmt.

* * * * *

Webers Zimmer liegen oben im ersten Stockwerk. Eine gewundene

Steintreppe führt hinauf.

Im Giebelzimmer, in das von drei Seiten Garten, Bäume und Berge

hereingrüßen, wohnte das gastfreie Ehepaar.

Der Raum mit dem behäbigen, runden Tisch, den behaglichen

Polsterstühlen und den edel schlichten Kirschbaummöbeln macht den

Eindruck, als würde Caroline jeden Augenblick wieder eintreten und mit

der Stimme der beliebten Bühnensängerin von einst sagen: Weber kommt --

ich bitte die Herren um ein Weilchen Geduld.

Aber nur seine Totenmaske blickt drüben im kleinen Arbeitszimmer dem

Besucher entgegen. Sie ist kostbarer Familienbesitz und war nur da,

weil der Maler Hübner das geistvoll feine Antlitz zeichnete. Alle

Weberbildnisse aus der Lebzeit des Meisters erblinden vor diesem

Abdruck des eben Verstummten -- der letzte Hauch des entschwundenen

Lebens durchdrang -- so scheint es -- die formende Masse und belebte

sie. Er gab ihr den aus seelischen Tiefen kommenden Blick der Pupillen,

der die schon geschlossenen Lider noch ein letztes Mal durchdringt, der

im Wissen um das Letzte noch einmal ins Leben zurückblickt. Und gab

der feingeformten Nase ein letztes nervöses Atmen, ein Veratmen. Und

ein letztes, unausgesprochenes Sprechen dem energisch und doch mild

geschwungenen Munde.

Ich neigte die Maske ein wenig nach vorn -- um diesen Mund erschien

ein feines, heimliches Lächeln, ein verstehender, stummer Spott aus

dem Schattenreiche der Toten, die um die Irrtümer der Lebenden wissen

und deren Eifer belächeln -- das Beste, das Letzte haben sie immer mit

hinübergenommen.

Das Antlitz lächelte voller Geheimnisse. Und durch das offene Fenster,

aus dem blühenden Garten, weiter her, von den fernen Duftbergen im

Abendlicht, aus dem Endlosen des perlmutterfarbenen Himmels drang

lautlos, verhallend, riesengroß vom Himmel niederflüsternd, aus

Freischützklängen geisterhaft ins Unendliche verklingend:

Schau der Herr mich an als König!

Dünkt Ihm meine Macht zu wenig?

Gleich zieh Er den Hut, Mosje ...

Und darüber hin, schattenhaft groß, als lautloser Zwieklang der

Lachgesang:

Hehehehehehehehehehe!

Hehehehehehehehehehe!

Im Weinlaub raschelte leises Frösteln.

* * * * *

Um mich stand still und schlicht das Zimmer, in dem der Tote dort den

Freischütz und die Euryanthe und den Oberon geschrieben hat.

Ich trat ans Fenster, an dem er saß, an sommerlichen Tagen, in bleichen

Nächten, über das Notenpapier gebeugt.

Unten, zum Greifen nahe, blühte der Garten im Herbstlicht, im

Abendschimmer. Heiterkeit flog vogelgleich drüberhin -- drüberhin.

Und es schien mir gut so, daß dieser lächelnde Garten den Schrei nicht

gehört hat, mit dem Caroline die Todesbotschaft empfing -- die Frau,

die schon Witwe war, ehe sie es wußte, eilte ahnungsvoll hinaus auf die

Straße, der Botin entgegen, als sie das Rollen des Wagens vernahm und

ihn an ungewohnter Stelle halten sah. Dort brach sie zusammen und dort

zerschnitt der Schrei die Luft.

Der Garten lächelte in friedlicher Glücksruhe fort.

* * * * *

Vom Fenster her sah ich hinüber nach dem Antlitz des Toten, dessen

Arbeitsstätte dieses kleine Zimmer war.

Der Zwieklang des Notengelächters in der Luft war verstummt. Und auf

den mageren Wangen dieses Gesichts lag ein verzitterndes Mitfühlen

des Schmerzes, den er zurückließ, und der für eine geliebte Frau der

Abschied von den Heiterkeiten des Lebens war, die einmal diese Räume,

diesen Garten durchklungen und deren milder Widerschein allsommerlich

in den unschuldigen Blumen des Gartens erblüht.

Wissenschaft und Vogelschutz

Auf meine wenigen Zeilen über »Vogelschutz von seiten eines

Forschers«[3] sendet Herr Schriftsteller R. Zimmermann an den

Herausgeber der Mitteilungen eine Erwiderung, die ich insofern begrüße,

als sie mir Gelegenheit gibt, auf die Frage etwas näher einzugehen.

Zunächst lasse ich Herrn Zimmermann das Wort; er schreibt:

»_Vogelschutz von seiten eines Forschers!_« Unter diesem

Stichwort übt im letzten Heft der Heimatschutz-Mitteilungen

Herr B. Hffm. eine scharfe Kritik an einer Arbeit des Ungarn

Csiki »Positive Daten über die Nahrung unserer Vögel« in der

»Aquila«, der Zeitschrift des Ungarischen Ornithologischen

Instituts. Bei aller Hochachtung und Verehrung, die ich für

den Verfasser der Kritik, mit dem ich mich ja sonst eines

Herzens und eines Sinnes weiß, empfinde[4], kann ich um des

Ansehens einer wissenschaftlichen Anstalt wegen, der gerade

auch die deutsche vogelkundliche Forschung reiche Anregungen,

der deutsche Forscher aber durch uneigennützigste Überweisung

wertvoller Veröffentlichungen u. v. a. m. nicht hoch genug

einzuschätzende Unterstützungen verdanken, und die vor allem

jederzeit auch zielbewußt für einen ganz entschiedenen Vogel-

und Naturschutz eingetreten ist und gerade auf diesem Gebiete

viel mustergültiges und vorbildliches geleistet hat -- wer

wohl hat es schon einmal bei uns versucht, die Bedingungen

festzustellen, unter denen man die so nützlichen Fledermäuse

neu ansiedeln und vermehren kann? -- nicht unwidersprochen

lassen. Ich bin mehrfach Gast des Ungarischen Ornithologischen

Instituts gewesen, 1911 bereits, als Otto Hermann noch ihr

Leiter war -- ich habe selten einen Menschen kennen gelernt,

der eine so große Hochachtung einflößte, wie diese prächtige,

im Wesen jugendfrische Greisengestalt! -- und später wieder

während des Krieges, als mich in feldgrüner Schützenuniform

der Weg einigemal über Budapest führte. Und ich zähle heute

die Stunden, die ich in anregendstem Gedankenaustausch gerade

auch über Vogelschutzfragen mit ihren Mitgliedern verleben

konnte, zu meinen schönsten ornithologischen Erinnerungen, und

bin dabei überzeugt, daß keiner der Herren, mit denen ich dort

zusammengetroffen bin, jemals die Hand zu Maßnahmen bieten

würde, die den Forschungen des Vogelschutzes zuwiderlaufen

würden. -- Die Elster ist in Ungarn ein ganz gemeiner Vogel

und stellenweise viel häufiger, als es bei uns manchenorts

die Krähen sind, sie tritt auch wohl überall stark schädigend

auf -- in Hermannstadt konnte ich mich 1911 wiederholt

selbst davon überzeugen, wie stark sie oft die Bruten der

Kleinvögel zu zehnten vermag --, und eine Beschränkung ihres

Bestandes gehört daher vielerorts zu den unbedingt gebotenen

Lebensnotwendigkeiten. Ist es nun aber ein Fehler, wenn

dann die abgeschossenen Vögel -- und bei den Untersuchungen

Csikis handelt es sich wohl ausschließlich nur um solche

des Schadens wegen, nicht aber der Untersuchung halber

abgeschossener Vögel, die dann, wie noch so manche andere,

dem Institut regelmäßig zur Untersuchung eingeliefert werden

-- nicht einfach draußen im Felde wertlos verludern läßt,

sondern sie noch wissenschaftlichen Feststellungen dienstbar

macht? Magenuntersuchungen liefern nicht nur wertvolles

Material für die wirtschaftliche Bewertung einer Vogelart --

hätten wir jemals mit der Kraft und, das darf man wohl sagen,

auch mit dem Erfolg für Mäusebussard und Turmfalk eintreten

können, wenn nicht mehrere tausend Magenuntersuchungen dieser

Vögel, die ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen

worden wären, uns ein so laut redendes Material beigebracht

hätten, das allein erst die weitesten Kreise und die Behörden

von dem großen Nutzen dieser beiden Tagraubvögel zwingend

überzeugte? --, sondern sie ermöglichen uns auch noch so viele

andere Einblicke in das Leben eines Tieres und bringen selbst

sogar überaus wertvolles faunistisches Material (Nachweis

einer ausgedehnteren Verbreitung der Nordischen Wühlratte

in Deutschland) bei, daß man nur bedauern kann, daß nur der

kleinste Bruchteil geschossener oder sonst tot aufgefundener

Vögel derartigen Untersuchungen zugeführt wird.

Rud. Zimmermann.

Leider kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß in der

vorstehenden Erwiderung die rein persönlichen Beziehungen eine etwas

zu starke Rolle spielen. Ich habe den Wert und die Bedeutung der

Magenuntersuchungen ja selbst hervorgehoben und ebenso die Bemühungen

der Ungarn um den Vogelschutz anerkannt; ich weiß ferner aus eigner

Beobachtung, daß die Elster in Ungarn häufiger ist als bei uns.

Doch kann ich auch heute meine Bedenken nicht unterdrücken, daß die

351 Elstern nicht bloß ihres Schadens wegen, sondern auch um der

Untersuchungen willen abgeschossen worden sind. Die meisten dürften

doch wohl aus der näheren oder ferneren Umgebung des Instituts stammen,

und da ist die Zahl 351 doch schon gewaltig hoch. Aber ich will der

Kürze halber zugeben, daß in dem vorliegenden Falle die Tatsachen

etwas gegen meine Auffassung sprechen. Ich habe den Fall nur an die

Öffentlichkeit gebracht, weil es der mir zuletzt bekanntgewordene

war und weil ich die Frage einmal anschneiden wollte, die viel

wichtiger ist, als aus meinen kurzen Zeilen hervorgeht. Ich nehme,

um dies darzulegen, bezug auf die Bemerkung Zimmermanns betr. des

Mäusebussards. Auch hierzu muß ich ein großes Fragezeichen setzen,

sofern es mir höchst unwahrscheinlich vorkommt, daß die allein von

Röhrig untersuchten 1210 (!) Mäusebussarde »ohne diese Untersuchungen

auch abgeschossen worden wären.« Daneben hat Röhrig noch bei 376 (!)

Rauchfußbussarden den Mageninhalt festgestellt, während ein paar Jahre

darauf Greschik wiederum 125 Rauchfußbussard-Magen lediglich des

Inhalts wegen vorgenommen hat. Bedenkt man, daß gleiche Untersuchungen,

wenn schon in viel geringerem Maße, noch von anderen Seiten ausgeführt

worden sind, so ist klar, daß sie mit zu starken Eingriffen in den

Bestand unsrer Raubvögel verbunden gewesen ist.

Ich bemerke ferner, daß z. B. Vollhofer allein fast 500 und Pawlas

sogar 600 Magen von Wasseramseln untersucht hat! Aber selbst wenn auch

in diesen Fällen Herr Zimmermann mit seiner von mir oben erwähnten

Bemerkung wenigstens teilweise recht hätte, so kann ich dieses

Zugeständnis doch keinesfalls betreffs der übrigen Singvögel machen.

Man wird sehr staunen, wenn man erfährt, daß Severin seinerzeit 3000

(!) Magen von insektenfressenden Singvögeln untersucht hat. So ziemlich

um dieselbe Zeit machte Cziki gleiche Beobachtungen an wahrscheinlich

ebenfalls sehr umfassendem Material, darunter z. B. Zaunkönig,

Gartenrotschwänzchen, Grasmücken usw., und wenige Jahre später

untersucht Rey 1075 (!) Magen von kerbtierfressenden Vögeln! Erwägt

man hierbei, daß es sich immer um freilebende, nicht aber um in der

Gefangenschaft gestorbene Vögel handeln kann und daß es außerordentlich

schwer hält, einmal einen einzigen aus natürlichen Ursachen verendeten

Vogel, noch dazu einen kleinen Singvogel, draußen in der Natur

aufzufinden, so wird man zugeben, daß der durch die Magenuntersuchungen

unter der Vogelwelt angerichtete Schaden größer sein dürfte als der

Nutzen, den sie uns und den überlebenden Artgenossen gebracht haben.

Jedenfalls muß ich hiernach meine starken und ernsten Bedenken

gegen eine _allzu umfangreiche_ Magenuntersuchung unsrer Vögel

aufrechthalten, und zwar um so mehr, als sich auch in andrer Beziehung

ein gewisser Gegensatz zwischen Wissenschaft und Vogelschutz immer

mehr zu entwickeln scheint. Er kommt dadurch zustande, daß jetzt den

Faunisten bzw. Systematikern sehr daran liegt, von den einzelnen

Arten bzw. Unterarten ganze Serien von Exemplaren zu erlangen, um

dadurch etwaige Schwankungen und deren Grenzen, örtliche Abweichungen,

Übergangsformen der einen in die andre Art usw. festzustellen. Daß das

besonders für weniger häufige Arten recht bedenkliche Folgen haben

kann, leuchtet ohne weiteres ein.

Man muß sich hiernach wohl gefallen lassen -- und Herr Zimmermann wird

mir da sicher zustimmen --, wenn einmal von unbefangener Seite auf

die Schattenseiten der Dinge aus wohlberechtigten Sorgen ernstlich

hingewiesen und im Anschluß daran die Forderung gestellt wird, daß nach

den angeführten Richtungen hin möglichst Maß gehalten werde!

Prof. ~Dr.~ Bernh. Hoffmann.

[3] Mitteilungen Heft 4/6, Bd. X, Seite 131

[4] Es beruht dies ganz auf Gegenseitigkeit (Anm. von B. Hffm.)

Kursächsische Streifzüge

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 10-12 · 第 5 / 7 段