Jean Paul aus seinem Dresdner »Lenzhäuschen« nach Hosterwitz gewandert.
Er kam, wie Webers Biograph ihn schildert: dick, immer ein wenig
unsauber, stets von einem schnaubenden Pudel begleitet, ein alter Herr,
der mit einer etwas geschraubten Jugendlichkeit kokettierte und der so
gar nicht mit seinen poetischen Schöpfungen harmonierte.
* * * * *
[Illustration: Abb. 2 =Das Weberhaus, an der Straße die beiden
prächtigen Nußbäume=]
[Illustration: Abb. 3 =Der einzigartige Blumengarten des Weberhauses=]
»Oh Hosterwitz, oh Ruhe! Ruhe!« Das schrieb Weber einmal in einem
Briefe. Aber Ruhe nannte er es auch damals noch: die Euryanthe
schreiben; Ruhe nannte er: in vierundzwanzig Tagen drei Singspiele und
eine Oper einstudieren, zu jeder Probe drei Meilen zurücklegen und
außerdem in hundert Tagen noch achtunddreißigmal Dienst in Kirche und
Theater tun.
»In dieser Zeit,« schreibt sein Sohn, »sahen Caroline und der damals
auch in Hosterwitz wohnende (Freund und Schüler) Benedikt oft schon
früh vor sechs Uhr, wenn sie in die Laube im Garten traten, wo
gewöhnlich das gemeinschaftliche Frühstück eingenommen wurde, am
offenen Fenster seines Arbeitszimmers das bleiche Haupt des Meisters
über das Notenpapier gebeugt, oder ihn vom kurzen Morgenspaziergange
heimkehren. An allen Tagen, die ihm sein Dienst frei ließ, arbeitete er
sechs bis acht Stunden unablässig an der Oper und gönnte der gepreßten
Brust nur selten, bei langsamen Wanderungen am Elbufer oder durch ein
Waldtal die Erquickung tiefer Atemzüge balsamischer Luft. Mehr als
einmal rief er, aus dem heißen Arbeitszimmer in den Garten tretend und
die Arme ausdehnend aus: ›Ich wollte, ich wär ein Schuster und hätte
meinen Sonntag und wüßte nicht Gix noch Gax von ~C~-Dur und ~C~-Moll!‹«
Unablässige Arbeit schwächte seine ohnehin kränkelnde Brust. »Ich huste
und faulenze,« antwortete er ingrimmig den Freunden, die nach seinem
Ergehen fragten. Die Symptome der Müdigkeit häuften sich, seine Kräfte,
flackrig geworden, verzehrten sich in tätiger Hast.
Ein Jahr darauf, 1823, fühlte er sich zu matt für den der Entfernung
wegen beschwerlichen Aufenthalt in Hosterwitz, der ihm -- ein
tragischer Widerspruch -- gerade damals so not tat. Und doch rang er
sich in dieser Zeit den Oberon ab! »Dieses Leben und musikalische
Licht und diese tongewordene Heiterkeit und Frische schrieb ein
kranker, gebeugter und verdrossener Mann, den trockner Husten Tag
und Nacht quälte, der, in Pelze gehüllt, die geschwollenen Füße in
Sammetstiefeln, am Schreibtische saß und im stark geheizten Zimmer
fror.«
In diesen letzten Schöpferstunden umgeisterten ihn schon Todesgedanken.
Sie trieben ihn in Sorgen um das Wohl seiner Familie. Um für sie zu
sorgen, bestand er auf der verhängnisvollen Londoner Reise. »Ich
erwerbe in England ein gut Stück Geld, das bin ich meiner Familie
schuldig,« sagte er zu einem Freunde, »aber ich weiß sehr gut -- ich
gehe nach London, um da zu sterben -- still, ich weiß es.«
* * * * *
Am 7. Februar 1826 trat er die Reise an. In Pelze gehüllt stieg
er in den Reisewagen. Und während er in den dunklen Wintermorgen
hinausrollte, sank seine Frau in ihrem Zimmer zusammen und schluchzte
ahnungsvoll: »Ich habe seinen Sarg zuschlagen hören!«
Dreiundfünfzig Briefe flatterten noch nach Hosterwitz. Und dem
grünumbuschten Frieden des stillen Häuschens galt seine Sehnsucht aus
der Ferne: »Ich habe wohl schon genug -- vielleicht -- in Dresden gewiß
schon zu viel getan und will mich in Hosterwitz recht strecken und
pflegen.«
Er kam nicht wieder.
[Illustration: Abb. 4 =Ausblick aus Webers Arbeitszimmer in den Garten
und nach der Elbe=]
Am 5. Juni 1826, acht Wochen nach der Uraufführung des Oberon in
London, schloß der vierzigjährige Schöpfer die Augen. Und als er
in London schon aufgebahrt lag, ließ eine Freundin, Charlotte von
Hanmann, ihren Wagen am Dorfeingange halten und brachte der Frau in
Hosterwitz die Todesbotschaft, über der die Verlassene mit einem Schrei
zusammenbrach.
* * * * *
Ein Jahrhundert ist seitdem durch den friedsamen Garten, durch die
kleinen Räume des schlichten Hauses gegangen.
Der Zauber einer holden Verschollenheit liegt darüber gebreitet. Ich
sah das Idyll im seligen Glast eines Hochsommertages um die Stunde,
da Pan schläft -- vor den Fenstern des treuen Bewahrers, des alten
Krahmer, standen Kornpuppen mit einer Krone schwergebogener Halme. Und
ich sah es wieder im milden Riesellichte der Septembersonne -- über
Haus und Garten spann sich ein scheidender Abglanz der Glückstage,
deren sich Haus, Garten, Laube heimlich zu entsinnen scheinen.
* * * * *
Dem Kommenden guckt das Häuschen mit gemütlichen Fenstern entgegen --
es blinzt gleichsam vertraulich und wartend durch den Zaun, der das
benachbarte Feld einhegt.
Dann aber wehrt eine alte Steinmauer die Neugier ab -- es ist ein
Winkel für Vertraute. Zwei alte Nußbäume überschatten locker belaubt
das grüne Holztor zwischen den Torsäulen mit den Steinkugeln obendrauf.
Der Grundriß des Hauses hat die Gestalt eines längs zur Straße gelegten
lateinischen ~T~. Das ergibt drei Giebel, von denen einer der Straße,
der andere der hinter Dorf und Bäumen verborgenen Elbe zugekehrt ist,
während der dritte in den blühenden Garten blickt. Um diesen Giebel
knirschte Carolinens Schritt, wenn sie kam, den Heimkehrenden zu
empfangen, der ihr durch das Gitter des grünen Tores entgegenlachte.
Innen ist der alten Mauer, dem Tor zur Seite, ein schmaler, steinerner
Sitz eingefügt. Er sieht einer Konsole ähnlicher als einer Bank. Eine
Clematisranke zieht einen Bogen darüber. Diese hübsche Kleinigkeit
mutet an wie eine zierliche Titelvignette.
Rundum blüht es. Ein bunter Fries von Astern und Balsaminen umzieht den
Sockel des Hauses. Vor dem blaugrauen Giebel blühen hochstämmige Rosen,
Oleander, Astern, Geranien im Buchsbaumrondell. Sogar um die alte Pumpe
in ihrem Holzgehäuse mit spitzem, rotem Dach, die zu Webers Zeiten auch
schon dastand, blüht ein Kranz bunter Topfblumen: Geranien, fleißiges
Lieschen, blaßblaue, hängende Glockenblumen.
Dahinter, in dichtes Grün gehüllt, versteckt sich die Laube, in der
Caroline mit ihrer Näharbeit saß, wenn er oben am Freischütz schrieb.
Der Efeu hat die Laube dicht umwuchert. Über das hohe, spitze Dach
wächst er noch hinaus und krönt den Laubengiebel mit einem üppigen
Blätterschopf. Drinnen -- drei Steinstufen führen hinein -- ist es
kühl. Die weiße Decke ruht auf kornblumenblauen Wänden. Weißes,
bäuerlich gemütliches Gestühl steht drin. Durch die zwei Fenster
der Rückwand blickt man aus der blauen Kühle hinaus in durchsonntes
Gartengrün.
Und draußen im Licht, im Sonnenschein, von den Efeugardinen der Laube
umrahmt, liegt das Haus, hell, heiter und glücklich.
[Illustration: Abb. 5 =Großes Eckzimmer im Obergeschoß=]
Wein rankt an Spalieren an den Wänden herauf. Blaue Winden blühen
zwischen den Reben. Diese Blumentrichter, in deren zartweiße
Tiefe violette Saftmale hinabführen, wirken zwischen den
flachgeschichteten, silbern überreiften Weinblättern köstlich. Sie
erinnern an Becherschalen von hauchdünnem Porzellan. Und die
grünen Fensterläden mit den schräggestellten Jalousiebrettchen, die
vor den weißgestrichenen Fenstern in das silbergrüne Weingerank
zurückgeschlagen sind, vollenden den sommerlich heiteren Eindruck,
den das Ganze macht. Es sieht aus, als lupfe das Haus lauter kleine
grüne Flügel und schicke sich an, vor Vergnügen am eignen Dasein mal
ein bißchen über den Garten hinzufliegen. Und das ziegelbewimperte
Fensterauge im altersbraunen Dach zwinkert: ja, los -- mal übern Garten
hin!
[Illustration: Abb. 6 =Treppenflur des ersten Obergeschosses=]
* * * * *
Der Garten. Er ist gar nicht groß und scheint doch unabsehbar, weil
Buschwerk und Hecken seine Grenzen verhüllen, weil man über die Bäume
hin und zwischendurch in benachbarte Obstbaumwiesen und Gärtenwildnis
guckt und weil die gradlinigen Wege das Gartenstück so geschickt
aufteilen, daß sich ein Eindruck von Größe ergibt.
Da durchschneidet ein Weinlaubengang von der Haustür aus den Garten
der Breite nach. Sonnenlicht rieselt hindurch und mustert den sauber
geharkten Weg mit einem Schattengitter. Der Gang ist kaum zehn Schritte
lang. Hinten schließt eine lockere, wandartig verschnittene Buchenhecke
den Durchblick ab, sonniger Rasen schimmert hindurch -- der Gang
scheint in eine grüne Wirrnis zu führen, die gar kein Ende nimmt.
Man tritt aus dem Gang heraus und steht vor einer anderen Laube, die
mit ihren gelben Wänden ganz sonnig wirkt. Wilder Wein streckt wippende
Ranken herein -- eben hissen seine Blätter die köstlichen Likörfarben
des Herbstes.
Vor der Laube beschattet eine stattliche Linde einen kleinen Platz.
Eine weiße Bank steht darunter. Und nahe dabei, im schützenden
Hauswinkel, trägt ein Feigenstrauch sogar Früchte -- Weinstock und
Feigenstrauch: es ist eine beinahe biblische Symbolik häuslichen Glücks.
In einem anderen Winkel des Gartens macht der Weg eine kleine kokette
Biegung -- man steht vor einem Gitterpförtchen in der Mauer, tief
unter einer hohen, fächerleicht entfalteten Akazie und hinter dichtem
Gesträuch heimlich verborgen. Draußen läuft ein schmales Gäßchen
zwischen Gemäuern vorbei -- und das wieder ist ganz das Szenarium einer
Liebesgeschichte.
Und man guckt in den Garten zurück.
Was da alles auf kleinstem Raum wächst, blüht, reift! Obstbäume stehen
im Rasen. Dahinter die Weinlaube. Und rundum blüht es: goldgelbe
Röderblumen und fleischigrote Begonien, Astern und Phlox, Nelken und
Balsaminen. Es ist eine Fülle.
* * * * *
Und über all das hinweg, in das Blühen und Wachsen hinein guckt mit
allen Fenstern das Haus.
Man betritt den kühlen, anheimelnden Flur -- dabei kann man der Lockung
nicht widerstehen und zupft beim Eintreten mal an dem Klingelzug,
worauf der Flur von altväterischem Gebimmel widerhallt.
[Illustration: Abb. 7 =Die Weberlaube=
»Diese Laube alt und klein,
Soll allen Zeiten befohlen sein,
Weil hier ein heiliger Quell’ entsprang
Freischütz, der Ewigkeitsgesang.«
_Ernst von Wildenbruch_
]
Unten wohnt der biedere alte Krahmer, der Eigentümer dieses
Schatzkästchens -- er wohnt sozusagen in seinem Augapfel, denn wie
einen solchen hütet er das Haus. Und nächst ihm verdanken wir den
sorgsam und pietätvoll gepflegten Zustand des Ganzen dem Maler Heinrich
Hübner, der hier seit Jahren allsommerlich bis tief in den Herbst --
dann wird dieses Sommerhäuschen alt und feucht und unwirtlich -- sein
steinernes Berlin vergißt und künstlerisch von diesem Haus und diesem
Garten und der Landschaft ringsum lebt. Er hat Vieles hinzugetragen,
was -- ich möchte sagen: seelisch zu der vorhandenen Einrichtung der
Räume wenn auch nicht aus Webers Besitz, so doch aus der Weber-Zeit
stimmt.
* * * * *
Webers Zimmer liegen oben im ersten Stockwerk. Eine gewundene
Steintreppe führt hinauf.
Im Giebelzimmer, in das von drei Seiten Garten, Bäume und Berge
hereingrüßen, wohnte das gastfreie Ehepaar.
Der Raum mit dem behäbigen, runden Tisch, den behaglichen
Polsterstühlen und den edel schlichten Kirschbaummöbeln macht den
Eindruck, als würde Caroline jeden Augenblick wieder eintreten und mit
der Stimme der beliebten Bühnensängerin von einst sagen: Weber kommt --
ich bitte die Herren um ein Weilchen Geduld.
Aber nur seine Totenmaske blickt drüben im kleinen Arbeitszimmer dem
Besucher entgegen. Sie ist kostbarer Familienbesitz und war nur da,
weil der Maler Hübner das geistvoll feine Antlitz zeichnete. Alle
Weberbildnisse aus der Lebzeit des Meisters erblinden vor diesem
Abdruck des eben Verstummten -- der letzte Hauch des entschwundenen
Lebens durchdrang -- so scheint es -- die formende Masse und belebte
sie. Er gab ihr den aus seelischen Tiefen kommenden Blick der Pupillen,
der die schon geschlossenen Lider noch ein letztes Mal durchdringt, der
im Wissen um das Letzte noch einmal ins Leben zurückblickt. Und gab
der feingeformten Nase ein letztes nervöses Atmen, ein Veratmen. Und
ein letztes, unausgesprochenes Sprechen dem energisch und doch mild
geschwungenen Munde.
Ich neigte die Maske ein wenig nach vorn -- um diesen Mund erschien
ein feines, heimliches Lächeln, ein verstehender, stummer Spott aus
dem Schattenreiche der Toten, die um die Irrtümer der Lebenden wissen
und deren Eifer belächeln -- das Beste, das Letzte haben sie immer mit
hinübergenommen.
Das Antlitz lächelte voller Geheimnisse. Und durch das offene Fenster,
aus dem blühenden Garten, weiter her, von den fernen Duftbergen im
Abendlicht, aus dem Endlosen des perlmutterfarbenen Himmels drang
lautlos, verhallend, riesengroß vom Himmel niederflüsternd, aus
Freischützklängen geisterhaft ins Unendliche verklingend:
Schau der Herr mich an als König!
Dünkt Ihm meine Macht zu wenig?
Gleich zieh Er den Hut, Mosje ...
Und darüber hin, schattenhaft groß, als lautloser Zwieklang der
Lachgesang:
Hehehehehehehehehehe!
Hehehehehehehehehehe!
Im Weinlaub raschelte leises Frösteln.
* * * * *
Um mich stand still und schlicht das Zimmer, in dem der Tote dort den
Freischütz und die Euryanthe und den Oberon geschrieben hat.
Ich trat ans Fenster, an dem er saß, an sommerlichen Tagen, in bleichen
Nächten, über das Notenpapier gebeugt.
Unten, zum Greifen nahe, blühte der Garten im Herbstlicht, im
Abendschimmer. Heiterkeit flog vogelgleich drüberhin -- drüberhin.
Und es schien mir gut so, daß dieser lächelnde Garten den Schrei nicht
gehört hat, mit dem Caroline die Todesbotschaft empfing -- die Frau,
die schon Witwe war, ehe sie es wußte, eilte ahnungsvoll hinaus auf die
Straße, der Botin entgegen, als sie das Rollen des Wagens vernahm und
ihn an ungewohnter Stelle halten sah. Dort brach sie zusammen und dort
zerschnitt der Schrei die Luft.
Der Garten lächelte in friedlicher Glücksruhe fort.
* * * * *
Vom Fenster her sah ich hinüber nach dem Antlitz des Toten, dessen
Arbeitsstätte dieses kleine Zimmer war.
Der Zwieklang des Notengelächters in der Luft war verstummt. Und auf
den mageren Wangen dieses Gesichts lag ein verzitterndes Mitfühlen
des Schmerzes, den er zurückließ, und der für eine geliebte Frau der
Abschied von den Heiterkeiten des Lebens war, die einmal diese Räume,
diesen Garten durchklungen und deren milder Widerschein allsommerlich
in den unschuldigen Blumen des Gartens erblüht.
Wissenschaft und Vogelschutz
Auf meine wenigen Zeilen über »Vogelschutz von seiten eines
Forschers«[3] sendet Herr Schriftsteller R. Zimmermann an den
Herausgeber der Mitteilungen eine Erwiderung, die ich insofern begrüße,
als sie mir Gelegenheit gibt, auf die Frage etwas näher einzugehen.
Zunächst lasse ich Herrn Zimmermann das Wort; er schreibt:
»_Vogelschutz von seiten eines Forschers!_« Unter diesem
Stichwort übt im letzten Heft der Heimatschutz-Mitteilungen
Herr B. Hffm. eine scharfe Kritik an einer Arbeit des Ungarn
Csiki »Positive Daten über die Nahrung unserer Vögel« in der
»Aquila«, der Zeitschrift des Ungarischen Ornithologischen
Instituts. Bei aller Hochachtung und Verehrung, die ich für
den Verfasser der Kritik, mit dem ich mich ja sonst eines
Herzens und eines Sinnes weiß, empfinde[4], kann ich um des
Ansehens einer wissenschaftlichen Anstalt wegen, der gerade
auch die deutsche vogelkundliche Forschung reiche Anregungen,
der deutsche Forscher aber durch uneigennützigste Überweisung
wertvoller Veröffentlichungen u. v. a. m. nicht hoch genug
einzuschätzende Unterstützungen verdanken, und die vor allem
jederzeit auch zielbewußt für einen ganz entschiedenen Vogel-
und Naturschutz eingetreten ist und gerade auf diesem Gebiete
viel mustergültiges und vorbildliches geleistet hat -- wer
wohl hat es schon einmal bei uns versucht, die Bedingungen
festzustellen, unter denen man die so nützlichen Fledermäuse
neu ansiedeln und vermehren kann? -- nicht unwidersprochen
lassen. Ich bin mehrfach Gast des Ungarischen Ornithologischen
Instituts gewesen, 1911 bereits, als Otto Hermann noch ihr
Leiter war -- ich habe selten einen Menschen kennen gelernt,
der eine so große Hochachtung einflößte, wie diese prächtige,
im Wesen jugendfrische Greisengestalt! -- und später wieder
während des Krieges, als mich in feldgrüner Schützenuniform
der Weg einigemal über Budapest führte. Und ich zähle heute
die Stunden, die ich in anregendstem Gedankenaustausch gerade
auch über Vogelschutzfragen mit ihren Mitgliedern verleben
konnte, zu meinen schönsten ornithologischen Erinnerungen, und
bin dabei überzeugt, daß keiner der Herren, mit denen ich dort
zusammengetroffen bin, jemals die Hand zu Maßnahmen bieten
würde, die den Forschungen des Vogelschutzes zuwiderlaufen
würden. -- Die Elster ist in Ungarn ein ganz gemeiner Vogel
und stellenweise viel häufiger, als es bei uns manchenorts
die Krähen sind, sie tritt auch wohl überall stark schädigend
auf -- in Hermannstadt konnte ich mich 1911 wiederholt
selbst davon überzeugen, wie stark sie oft die Bruten der
Kleinvögel zu zehnten vermag --, und eine Beschränkung ihres
Bestandes gehört daher vielerorts zu den unbedingt gebotenen
Lebensnotwendigkeiten. Ist es nun aber ein Fehler, wenn
dann die abgeschossenen Vögel -- und bei den Untersuchungen
Csikis handelt es sich wohl ausschließlich nur um solche
des Schadens wegen, nicht aber der Untersuchung halber
abgeschossener Vögel, die dann, wie noch so manche andere,
dem Institut regelmäßig zur Untersuchung eingeliefert werden
-- nicht einfach draußen im Felde wertlos verludern läßt,
sondern sie noch wissenschaftlichen Feststellungen dienstbar
macht? Magenuntersuchungen liefern nicht nur wertvolles
Material für die wirtschaftliche Bewertung einer Vogelart --
hätten wir jemals mit der Kraft und, das darf man wohl sagen,
auch mit dem Erfolg für Mäusebussard und Turmfalk eintreten
können, wenn nicht mehrere tausend Magenuntersuchungen dieser
Vögel, die ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen
worden wären, uns ein so laut redendes Material beigebracht
hätten, das allein erst die weitesten Kreise und die Behörden
von dem großen Nutzen dieser beiden Tagraubvögel zwingend
überzeugte? --, sondern sie ermöglichen uns auch noch so viele
andere Einblicke in das Leben eines Tieres und bringen selbst
sogar überaus wertvolles faunistisches Material (Nachweis
einer ausgedehnteren Verbreitung der Nordischen Wühlratte
in Deutschland) bei, daß man nur bedauern kann, daß nur der
kleinste Bruchteil geschossener oder sonst tot aufgefundener
Vögel derartigen Untersuchungen zugeführt wird.
Rud. Zimmermann.
Leider kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß in der
vorstehenden Erwiderung die rein persönlichen Beziehungen eine etwas
zu starke Rolle spielen. Ich habe den Wert und die Bedeutung der
Magenuntersuchungen ja selbst hervorgehoben und ebenso die Bemühungen
der Ungarn um den Vogelschutz anerkannt; ich weiß ferner aus eigner
Beobachtung, daß die Elster in Ungarn häufiger ist als bei uns.
Doch kann ich auch heute meine Bedenken nicht unterdrücken, daß die
351 Elstern nicht bloß ihres Schadens wegen, sondern auch um der
Untersuchungen willen abgeschossen worden sind. Die meisten dürften
doch wohl aus der näheren oder ferneren Umgebung des Instituts stammen,
und da ist die Zahl 351 doch schon gewaltig hoch. Aber ich will der
Kürze halber zugeben, daß in dem vorliegenden Falle die Tatsachen
etwas gegen meine Auffassung sprechen. Ich habe den Fall nur an die
Öffentlichkeit gebracht, weil es der mir zuletzt bekanntgewordene
war und weil ich die Frage einmal anschneiden wollte, die viel
wichtiger ist, als aus meinen kurzen Zeilen hervorgeht. Ich nehme,
um dies darzulegen, bezug auf die Bemerkung Zimmermanns betr. des
Mäusebussards. Auch hierzu muß ich ein großes Fragezeichen setzen,
sofern es mir höchst unwahrscheinlich vorkommt, daß die allein von
Röhrig untersuchten 1210 (!) Mäusebussarde »ohne diese Untersuchungen
auch abgeschossen worden wären.« Daneben hat Röhrig noch bei 376 (!)
Rauchfußbussarden den Mageninhalt festgestellt, während ein paar Jahre
darauf Greschik wiederum 125 Rauchfußbussard-Magen lediglich des
Inhalts wegen vorgenommen hat. Bedenkt man, daß gleiche Untersuchungen,
wenn schon in viel geringerem Maße, noch von anderen Seiten ausgeführt
worden sind, so ist klar, daß sie mit zu starken Eingriffen in den
Bestand unsrer Raubvögel verbunden gewesen ist.
Ich bemerke ferner, daß z. B. Vollhofer allein fast 500 und Pawlas
sogar 600 Magen von Wasseramseln untersucht hat! Aber selbst wenn auch
in diesen Fällen Herr Zimmermann mit seiner von mir oben erwähnten
Bemerkung wenigstens teilweise recht hätte, so kann ich dieses
Zugeständnis doch keinesfalls betreffs der übrigen Singvögel machen.
Man wird sehr staunen, wenn man erfährt, daß Severin seinerzeit 3000
(!) Magen von insektenfressenden Singvögeln untersucht hat. So ziemlich
um dieselbe Zeit machte Cziki gleiche Beobachtungen an wahrscheinlich
ebenfalls sehr umfassendem Material, darunter z. B. Zaunkönig,
Gartenrotschwänzchen, Grasmücken usw., und wenige Jahre später
untersucht Rey 1075 (!) Magen von kerbtierfressenden Vögeln! Erwägt
man hierbei, daß es sich immer um freilebende, nicht aber um in der
Gefangenschaft gestorbene Vögel handeln kann und daß es außerordentlich
schwer hält, einmal einen einzigen aus natürlichen Ursachen verendeten
Vogel, noch dazu einen kleinen Singvogel, draußen in der Natur
aufzufinden, so wird man zugeben, daß der durch die Magenuntersuchungen
unter der Vogelwelt angerichtete Schaden größer sein dürfte als der
Nutzen, den sie uns und den überlebenden Artgenossen gebracht haben.
Jedenfalls muß ich hiernach meine starken und ernsten Bedenken
gegen eine _allzu umfangreiche_ Magenuntersuchung unsrer Vögel
aufrechthalten, und zwar um so mehr, als sich auch in andrer Beziehung
ein gewisser Gegensatz zwischen Wissenschaft und Vogelschutz immer
mehr zu entwickeln scheint. Er kommt dadurch zustande, daß jetzt den
Faunisten bzw. Systematikern sehr daran liegt, von den einzelnen
Arten bzw. Unterarten ganze Serien von Exemplaren zu erlangen, um
dadurch etwaige Schwankungen und deren Grenzen, örtliche Abweichungen,
Übergangsformen der einen in die andre Art usw. festzustellen. Daß das
besonders für weniger häufige Arten recht bedenkliche Folgen haben
kann, leuchtet ohne weiteres ein.
Man muß sich hiernach wohl gefallen lassen -- und Herr Zimmermann wird
mir da sicher zustimmen --, wenn einmal von unbefangener Seite auf
die Schattenseiten der Dinge aus wohlberechtigten Sorgen ernstlich
hingewiesen und im Anschluß daran die Forderung gestellt wird, daß nach
den angeführten Richtungen hin möglichst Maß gehalten werde!
Prof. ~Dr.~ Bernh. Hoffmann.
[3] Mitteilungen Heft 4/6, Bd. X, Seite 131
[4] Es beruht dies ganz auf Gegenseitigkeit (Anm. von B. Hffm.)
Kursächsische Streifzüge