Vielfach ist die Meinung vertreten, daß der Nußbaum nur bis höchstens

fünfhundert Meter Seehöhe und dann nur an geschützten Standorten

ertragreich bliebe; in höheren Lagen empfehle sich seine Anpflanzung

lediglich des Holzes, nicht aber der Fruchtgewinnung wegen. Diese

Ansicht mag viel dazu beigetragen haben, daß man von der Anpflanzung

abgesehen hat. Ich habe jedoch schon ganz andere Erfahrungen gesammelt.

In Bärenstein im Müglitztale trug ein alter, in über fünfhundert Meter

Höhe nicht besonders geschützt stehender, leider auch dem Kriege zum

Opfer gefallener Nußbaum seit Menschengedenken reichlich Früchte

und versagte nur dann einmal, wenn Spätfröste die Blüte vernichtet

hatten, was aber, wie bereits erwähnt, auch in tieferen Lagen zuweilen

vorkommt. Ein im gleichen Orte in fünfhundertfünfzig Meter Höhe

stehender jüngerer Baum trägt seit einigen Jahren ebenfalls reichlich

Früchte. Völlig überraschend war aber die Tatsache, daß sogar ein in

siebenhundert Meter Höhe stehender jüngerer Nußbaum am Köllnerschen

Vorwerk in Hirschsprung bei Altenberg noch ausgereifte Früchte trägt.

Man hatte mit Blühen und Früchtetragen nicht mehr gerechnet, weil

der Baum solange damit zögerte; es war dabei aber nicht beachtet

worden, daß die Mannbarkeit des Nußbaumes nicht vor dem zwanzigsten

Lebensjahre, vielfach sogar noch später eintritt.

Eine weitere Abneigung gegen das Anpflanzen der Nußbäume entspringt

aus dem angeblich schweren Anwachsen verpflanzter Bäume und anderen

Mißerfolgen, die aber durchweg aus gärtnerischen Mißgriffen entstehen

und lediglich darauf zurückzuführen sind, daß man die natürliche

Eigenart des Nußbaumes sehr oft außer Acht läßt. Der Nußbaum darf

nur im Frühjahr umgepflanzt werden, die Wurzeln sind dabei zu kürzen

und zurückzuschneiden. Da der Nußbaum im Gegensatze zu seinem harten

Stammholze sehr weiche Wurzeln besitzt, kommt es sehr oft vor, daß

die noch nicht angewachsenen Wurzeln der im Herbst versetzten Bäume

während der Winterruhe verfaulen und absterben, wodurch der Baum stets

eingeht. Wenn irgend möglich, vermeide man das Verpflanzen überhaupt

und lege die Samennüsse gleich an die späteren Standorte der Nußbäume.

Der Nußbaum darf, im Gegensatz zu den meisten anderen Bäumen nur im

vollbelaubten Zustande, am besten im Frühjahre verschnitten werden; der

Rückschnitt im unbelaubten Zustande während der Winterruhe bringt ein

Kränkeln und völliges Absterben des Baumes mit sich. Bei Anpflanzung

von Alleen ist darauf zu achten, daß die Nußbäume mindestens fünfzehn

Meter voneinander entfernt zu stehen kommen. Um gesund zu bleiben, muß

sich der Baum nach allen Seiten frei entwickeln können.

[1] Siehe Band X, Heft 4/6, Seite 95.

Praktischer Heimatschutz

In Alt-Trachau, dem ehemaligen alten Dorfplatz von Trachau, das

leider in seiner alten Ursprünglichkeit durch Einbauen moderner

Großstadthäuser bedeutend eingebüßt hat, kenne ich von Jugend her

ein kleines, immer sauber getünchtes Häuschen, das mich dadurch ganz

besonders interessierte, weil es neben seiner kleinen grüngestrichenen

Hoftür im alten Gemäuer einen alten Hausspruch barg, den nur wenige

kannten; ja, wie ich bei seiner Ausbesserung beziehungsweise

Sichtbarmachung erfuhr, nicht einmal alle die jetzigen Bewohner dieses

Hauses.

~KOM HER REIN DU GE

SEGNERDER DES HERN

WAS SEIEST DU DRAUSEN.~

[Illustration: =Alt-Trachau=

(Aufnahme _Julius Georg Perlik_, Dresden-Rochwitz)]

Diese alte Sandsteinplatte, welcher man bei Erbauung dieses Häuschens

oder schon früher, mit ungelenker Hand und primitiven Werkzeugen

diese alten Schriftzeichen eingraviert hat, lenkte eines Tages meine

Aufmerksamkeit auf sich, und ich hatte alle Mühe, diese alten, mit

Kalkfarbe verschmierten Buchstaben überhaupt zu entziffern. Seinerzeit

als es noch ein schöner, sinniger und volkstümlicher Brauch war,

solche Sprüche -- meist ernsten Inhalts -- über Türen, an Giebeln und

Torbogen, nicht nur anzubringen, sondern wo man noch Zeit fand sie

auch zu lesen und darüber nachzudenken, da waren diese Buchstaben wohl

noch scharf und leserlich. Doch bis dahin, als ich erstmalig darauf

aufmerksam wurde, war wohl der Faustpinsel des Scharwerksmaurers

verschiedene Male und in allen erdenklichen Farben darübergefahren. So

kam es, daß diese alten Schriftzeichen mit der Länge der Zeit fast eins

geworden waren mit dem übrigen Mauerwerk. Wind und Wetter und das Alter

haben das übrige getan.

Lange, lange Jahre vergingen und immer wieder sorgte der Besitzer

dafür, daß dieses alte Häuschen wieder schön wurde, mal weiß,

mal hellblau, mal rosa. Das Gebälk schön dunkel. Die Hoftür, das

Weinspalier, der Gartenzaun und die Fensterladen frisch blaugrün. Das

alte Ziegeldach aber bekam von Zeit zu Zeit durch einige neue Ziegel,

die sich hier und da notwendig machten, eine wunderhübsche Abwechslung.

Es war eben immer schön.

Der alte Spruch aber verschwand immer mehr. Dann wurde ich

Heimatschützler. In Nr. 3 der Heimatschutznachrichten läßt der

Heimatschutz seinen Mitgliedern wissen, daß Bilder von Hausinschriften

erwünscht seien. So ließ sich aber kein Bild machen. Bei dieser

Gelegenheit sollte dieser alte Hausspruch wieder zu Ehren kommen.

Sonntag, den 24. Juli dieses Jahres, frühzeitig, machten wir uns

ans Werk. Alles dazu Notwendige hatte ich bereits an Ort und Stelle

gebracht, auch die Genehmigung des Besitzers holte ich mir. Zement --

gestiftet von Kell & Löser -- war auch schon da. Kurz berichtet war die

Arbeit folgende:

Die Sandsteinplatte wurde von anhaftendem Mörtel und Putz gereinigt,

dann die als Rahmen gedachte, vorstehende und abgerundete Wulst oder

Kante aus einem Gemisch von Zement und Sand aufgetragen und verputzt;

die Mauer nach hinten um einige Zentimeter erhöht, um den darauf

liegenden Dachziegeln, die als Schutzdach und gleichzeitig, um das

Ganze zu heben, als Abschluß und zur Zierde dienen sollen, eine schräge

Lage zu geben.

Diese Arbeit nahm ungefähr sieben Stunden in Anspruch, fand

aber dadurch eine unerwünschte Unterbrechung, daß wir von einem

Wohlfahrtsbeamten wegen Entheiligung der Sonntagsruhe zur Anzeige

gebracht wurden. Ich ließ mich selbst zur Wache führen, und erwirkte

nach längerer Rücksprache mit dem Wohlfahrtsinspektor, daß wir doch

diese Arbeit zu Ende führen konnten. Darüber habe ich seinerzeit im

Heimatschutz persönlich Bericht erstattet.

Zum Schluß wurden die ausgebesserten Stellen dieser Mauer mit Weiße

überstrichen. Die Wulst aber bekam einen Anstrich in dunkel Ocker,

während die Innenfläche ganz hell Ocker gehalten wurde. So kam aber

die alte Schrift noch entschieden zu wenig zum Vorschein, wir sahen

aber vorläufig von einem Ausmalen der Buchstaben noch ab, da wir

befürchteten, daß das Historische dieses alten Spruches dadurch

einbüßen würde.

Soweit wieder hergestellt, nahm der Heimatschutz eine Besichtigung

unserer Arbeit vor, wobei ihm vor allem die sich zu schwach

hervorhebende und dadurch schwer leserliche Schrift auffiel. Er riet

uns deshalb, das Ausmalen der Schrift doch noch vorzunehmen. Diese

Arbeit wurde am 8. August ausgeführt. Mit Dunkelgrau ausgemalt wirkt

dieser Hausspruch wieder wie ehedem auf die Vorübergehenden und selbst

der Pastor von Trachau sprach gleich am nächsten Tage in diesem Hause

vor, und war sehr erfreut und doch beschämt, daß sich Leute gefunden

hatten, die diesen alten Spruch wieder zu Ehren brachten. Er selbst

gestand zu seiner Schande, wiewohl er über zehn Jahre hier im Amte sei,

wäre ihm dieser herrliche Spruch noch nicht aufgefallen. So mancher,

der hier hunderte Male vorbeiging, ohne ihn zu bemerken, macht jetzt

Halt vor diesem alten Spruch und sinnt. Der eine flüchtig, der andere

nachdenklich. Was mögen sie wohl alle denken? Warum hat man den alten

Spruch gerade jetzt wieder sichtbar gemacht?

[Illustration: =Alt-Trachau=

(Aufnahme _Julius Georg Perlik_, Dresden-Rochwitz)]

Die Bauersfrau gegenüber hat mir es erzählt, immerwährend ständen jetzt

Leute hier -- meist alte, aber auch junge -- und buchstabierten den

alten Spruch. --

Herr Perlik, der mich auch hier wieder in dankenswerter Weise

unterstützt hat, indem er mit besonderer Liebe und Sorgfalt den

größten Teil dieser Arbeiten nach meinen Angaben ausführte, fertigte

auch umstehende Aufnahmen an. Während mein Wanderfreund Burk

Handlangerdienste leistete, führte Herr Schilling die malerischen

Arbeiten aus. Die Skizze hierzu hatte Herr A. Wiehl nach der Natur

angefertigt und den zur Ausführung gebrachten Entwurf dabei mit

eingezeichnet. Ich übte das Amt eines Poliers aus.

So kann durch Mithelfen eines jeden manches wieder ans Tageslicht

gebracht und der Nachwelt erhalten werden. Es gibt in unseren schönen

Vororten und Dörfern noch viel Interessantes und Erhaltenswertes, aber

leider noch zu wenig Helfer.

Richard Köhler.

In den Hütten meiner Heimat

(aus »Bunte Gassen, helle Straßen«, ein Buch von Kinderland und

Heimat von _Max Zeibig_, Bautzen. 2. Band der Heimatbücherei

des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz[2])

Meine Heimat läuft vom Kamme duftblauer Berge waldreiche Hänge hinab

über einen Saum von blumigen Wiesen und fruchtschweren Feldern, eilt

an rauschenden Schornsteinen, klirrenden Werkstätten und sausenden

Webstühlen vorbei, zeigt stolz zwei alte, turmreiche Städte, davon eine

immer schöner und lieber als die andere, zieht hinaus in bauernsatte

Dörfer und wandert, wandert und kommt endlich ganz müde in die Heide,

in die grüne einsame Heide und ruht sich dort aus.

Und bin ich des Lebens und der Arbeit, des Hasses, Neides und Streites

müde, spricht mein Herz verlockend zu mir: Flieh’ auf! Deine Heimat

ruft, die Heide.

Da bin ich nun. In schimmerndem Kleide grüßen die Birken, die schlanken

Geliebten des Waldes. Die Fichten raunen und prahlen mit ihren jungen

Trieben; aber die Kiefern träumen und schweigen. Tiefverborgen liegt

ein Teich, da leuchten aus moosgrünen Binsen schneeweiße Rosen. Die

sind so heilig und so schön, wie ein Mädchen in seiner seligsten

Jugend. Hoch am Himmel ein beutesuchender Bussard, im Schilf Scharen

wilder Enten, im Wald das sorglose, flinkfüßige Reh, dazu tausend und

tausend blaue und braune brummige Käfer, Insekten mit lichtglänzendem

Flügelkleid, schönheittrunkene Schmetterlinge, von Heidekraut zu

Heidekraut überaus zarte, feinfädige Spinngewebe, darinnen der

morgenfrische Tau funkelt und leuchtet wie Millionen Brillanten, und

über allem ein ungemein feines und weiches Singen und Klingen und ein

Duft und eine Seligkeit, daß das Herz schreien möchte vor so viel

Schönheit.

Das ist die Ruhe, der Frieden meiner Heimat -- die Heide.

Heute bin ich in ihren Hütten gewesen.

Die Menschen wohnen in niedrigen, dumpfen Stuben. (Sie sind den lieben

langen Tag im Wald und auf dem spärlichen Feld! Was brauchen sie in den

Stuben frische Luft!)

Wie gemütlich so ein brauner, breiter Kachelofen ist! Das Doppelbett

hat einen frischen, buntblumigen Überzug. Auf dem Tisch stehen ein

paar blutrote Nelken, die brennen vor lauter Liebe. An den Wänden

hängen, gestickt, unter Glas und Rahmen, oder bloß auf Pappe gedruckt,

fromme, bescheidene Wandsprüche. Im Glasschrank feiern silbern- und

goldgeränderte Tassen, geblümelte Teller von Steingut und zierliche von

Glas, allerhand nichtige, kleine Figuren, verblichene, braungetönte

Photographien ein beschauliches Dasein. Von dem weißgestrichenen

Fensterbrett gucken steife Geranien und herzreiche Fuchsien neugierig

auf den rankenden Wein, der die kleinen Fenster wild umwuchert, wie

weit er mit seinen Trauben sei. Draußen im kleinen Gärtchen verblühen

späte Rosen in königlicher Pracht.

Zwei Alte kommen mir freundlich entgegen: »Schön Willkomm’«, sagen sie.

Wie lieb das klingt!

Ich muß immer auf sie sehen, auf die beiden Alten. Mein Gott, die

Hände, wie sind die hart und schwielig! Die haben im Leben was

gerackert und geschafft, und die müden, erloschenen Augen, die haben

manche Träne geweint ... »Wir haben einmal zwei Söhne gehabt,« erzählen

die beiden Alten, »echte, treue, starke Söhne der Heide. Da sind ihre

Bilder ... Sind alle beide gefallen. Für die Heide. Für die Heimat ...«

Die beiden halten sich an der zitternden Hand und sitzen ganz feierlich

auf ihrem zerbeulten Sofa. Gerade über ihnen hängt der Spruch: Befiehl

dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen! ... Die beiden Alten sind

ganz ruhig, ganz still. Sie haben ein Lebenlang geschuftet und gesorgt.

Nun sind sie so zufrieden und so fromm ... Das fühlt man.

_Arme Leute!_ hier in der Heide ...

O du ruhlose, friedlose, du laute, du törichte Welt, wenn du wüßtest,

wie arm du bist ... und wie reich sie sind in den einsamen Hütten

meiner Heimat!

[Illustration]

[2] Preis für Mitglieder (gebunden) M. 15,-- (sonst M. 18,--).

Bestellkarte anbei.

Das Weberhaus in Hosterwitz

Von _Edgar Hahnewald_, Dresden

Die Wohnungsnot zwingt dazu, jeden verfügbaren Raum nutzbar zu

machen; dadurch werden aber in gewissen Fällen auch Stätten

bedroht, deren unangetastete Erhaltung selbst in dieser Notlage

geboten erscheint. Das ist auch beim Weberhaus in Hosterwitz

der Fall, das bisher fast unbekannt und darum unberührt lag;

besucht und bewundert von denen, die diese Stätte zu schätzen

wußten, seine kulturelle und musikgeschichtliche Bedeutung

kannten. Jetzt aber glauben die Wohnungsbehörden, die bisher

Rücksicht übten, diesen stillen Winkel nicht länger schonen

zu können. Wenn aber das Weberhaus für dauernd bewohnbar

gemacht werden sollte, sind Eingriffe in die äußere und innere

Gestaltung unumgänglich nötig, die den historischen Charakter

des Hauses zerstören.

Der Heimatschutz bemüht sich, im Verein mit dem um die

Erhaltung der Kulturstätte verdienten Besitzer, Herrn Emil

Krahmer, die drohende Gefahr abzuwenden.

Es erscheint angebracht, auch weitere Kreise für diese

Schaffensstätte des Freischütz-Komponisten Carl Maria von

Weber zu interessieren, was durch die nachfolgende Schilderung

geschehen soll.

Die Schriftleitung.

An der Dresdner Straße in Hosterwitz, in beinahe unmittelbarer Nähe des

Pillnitzer Idylls, liegt Carl Maria von Webers Sommerhaus.

Hundert Jahre lang hat ein guter Stern über seiner Unversehrtheit

gewacht. Kaum daß es jemand wußte. Zwar Webers Möbel stehen nicht mehr

darin. Irgendwer hat später dem hinteren Fachwerkgiebel eine hölzerne

Veranda vorgebaut, die aber das Ganze nicht stört und die heute schon

wieder alt geworden und von der Zeit in die Stimmung des Winkels

einbezogen worden ist. Aber sonst ist es noch ganz und gar Webers

Haus geblieben -- man meint, die Blumen, die da blühen, habe schon

er gestreift, wenn er kam und seine Frau Caroline in der Laube ihm

entgegensah. Und die stillwachsenden Bäume haben das Häuschen nur noch

tiefer in friedevolles Grün gehüllt.

* * * * *

Es ist eigentlich kaum ein Wunder, daß die hundert Jahre das Häuschen

nicht antasteten. Die nahe Stadt wuchs sich nach anderen Richtungen aus

und ließ diesen Winkel unberührt. Und daß sonst niemand ein Aufhebens

von diesem Eckchen machte, gereichte ihm zum Schutz vor absichtsvollen

Aufmerksamkeiten, die vielleicht gerade das zerstört hätten, was nun so

reizend daran ist: seine Unberührtheit.

Wir schätzen heute solches Erbe bewußter. Aber sofort zwingen uns

auch die schärfer zugreifenden Bedrohungen dazu, uns schützend vor

das ideelle Gut zu stellen, das uns gelassenere Zeiten hinterließen.

Denn während es bisher gut für das Häuschen war, daß es unbeachtet

blieb, müssen wir heute gerade umgekehrt aller Augen darauf hinlenken

und sagen: dieses kleine Haus ist ein Schatz, den ihr alle kennen und

schützen und erhalten helfen müßt!

* * * * *

[Illustration: Abb. 1 =Hosterwitz, gemalt von Professor C. A. Günther

um 1820=

(Aus dem Dresdner Stadtmuseum)]

Als Weber, königlich sächsischer Kapellmeister und Musikdirektor der

eben erst geschaffenen deutschen Oper in Dresden, dieses Häuschen

fand, erfüllte sich ein längst gehegter Wunsch. Schon lange spähten

er und seine junge Frau nach einem »Sommernest« aus, das im Sinne der

damaligen Zeit anspruchslos sein, aber nicht zu weit ab von der Stadt

liegen sollte. Dieses kleine Haus, das dem Hosterwitzer Winzer Felsner

gehörte, entsprach allen Wünschen. Unverdrossen wanderte nun Weber

immer wieder von Dresden nach Hosterwitz und zurück, um das Ausmaß

irgend eines Raumes zu holen, das Caroline zum Plane der Einrichtung

brauchte. Und nachdem er sich so und so oft diesen Weg »entlang

komponiert« hatte, bezog das Paar glückstrahlend am 18. Juni 1818 das

erste Stockwerk des Häuschens, das ihm zum Sommerparadies wurde.

Wir fahren heute in fünfzig Minuten mit der Straßenbahn von Dresden

nach Hosterwitz. Damals kostete das einen strammen Fußmarsch. Und man

kann sich eine Vorstellung von dem festlichen Umstande machen, den

alljährlich die Übersiedlung in die Sommerresidenz verursachte, wenn

man der launigen Schilderung gedenkt, die Wilhelm von Kügelgen in

seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes von der Badereise seiner

Mutter von Dresden nach Lotzdorf bei Radeberg gibt: »Unser dottergelber

Reisewagen ward nun hochbepackt mit allem Nötigen, mit Koffern, Waschen

und darüber hingeschnallten Bettsäcken, vier Pferde wurden vorgelegt

und die ungeheure Maschine setzte sich in Bewegung.«

Auch Weber reiste mit einer solchen »Maschine«. Und später schaffte

er sich, um den häufig nötigen Fußmarsch zu ersparen, auch eine

Equipage an und versteifte sich darauf, selbst zu kutschieren, wobei er

freilich übel debütierte und nach der dritten Fahrt kleinlaut zu Fuß

in Hosterwitz ankam, während ein Bursche Tier und Wagen nachführte. Er

besaß aber später stets zwei Pferde, Reise- und Stadtwagen und eine

nach damaliger Sitte reich in Rot und Gold dekorierte Droschke. Und

es war eine seiner kleinen Eitelkeiten, daß man seine Equipage zu den

elegantesten der Stadt zählte.

* * * * *

Hosterwitz lag damals wirklich weit ab von der Stadt, und die Reise

dahin war schon ein Ereignis in einer Zeit, in der das Linckesche

Bad an der Elbe und Findlaters Weinberg hinter der heutigen Saloppe

die Ausflugsziele der Dresdner waren. Das hübsche Aquarell Professor

Günthers aus dem Jahre 1820 im Dresdner Stadtmuseum gibt eine

deutliche Vorstellung davon, wie ländlich und abgeschieden das

kleine Dorf am Fuße der Rebenberge lag. August Schumanns Staats-,

Post- und Zeitungs-Lexikon berichtet in dem 1817 erschienenen Bande,

daß Hosterwitz nur 21 Häuser und 113 Einwohner zählt, und fügt im

Ergänzungsbande von 1830 hinzu: »Hosterwitz liegt in und vor dem

Keppgrunde, unstreitig in einer der reizendsten Gegenden Sachsens,

welche wir selbst jenen von Pillnitz und Loschwitz noch vorziehen

möchten, da hier die ansehnlichen Berge fast jeder Art von Bekleidung,

nicht das Einerlei der ununterbrochenen Weinpflanzungen zeigen; auch

haben die hiesigen und poyritzer Wiesen einen auffallend üppigen

Charakter.«

* * * * *

In dieser friedlichen Landschaft lag nun Webers Sommerparadies, in

dem er Ruhe, Erholung von den ewigen Kämpfen mit seinen Dresdner

Widersachern und erfrischende Anregungen zum Schaffen fand.

Die Ströme, die aus dieser Umgebung in seine Arbeit hinüberfließen,

pulsen immer. Die Kantate, der er den Titel »Natur und Liebe« gab,

spiegelt ja geradezu im Duett »Holde, zaubrisch-schöne Hügel«

die Lieblichkeit des Elbtales musikalisch wieder. Die anmutige

»Aufforderung zum Tanz«, die schönsten Partien des Freischütz, der

Euryanthe, des Oberon und viele kleinere, nicht minder köstliche Werke

entstanden auf den Spaziergängen um Hosterwitz und sind in diesem

kleinen Hause niedergeschrieben worden.

Alle seine Schöpfungen kristallisierten sich so: eine musikalische Idee

blitzte auf wie ein Stern in der Nacht, tagelang reifte sie sich aus

bis zur letzten Note, und im Geiste gestaltet existierte sie längst,

ehe noch eine einzige Note auf dem Papier stand. Oft überraschte er

seine Freunde mit dem Vorspiel einer Komposition, die nur in seinem

Kopfe, dort aber unverlöschbar fixiert war -- in seinen Notizen findet

sich wiederholt lange vor der Niederschrift eines Musikstückes die

Bemerkung, daß er dies oder jenes »fertig gedacht« habe.

Kleinigkeiten wurden zu Anlässen seiner Schöpfungen. Ein Klarinettist

seiner Kapelle begleitete ihn einst auf einem Spaziergange nach dem

Linckeschen Bad. Weber schritt stumm vor sich hin. Es regnete. In der

Gartenwirtschaft hatten die Kellner Tische und Stühle, meist mit den

Beinen nach oben, in Gruppen zusammengesetzt. Beim Anblick dieser in

Reihen und Intervallen starrenden Tisch- und Stuhlbeine blieb Weber

plötzlich stehen, lehnte sich rückwärts auf seinen Stock und rief:

»Sehen Sie, Roth, sieht das nicht aus wie ein großer Siegesmarsch?

Donnerwetter, was sind das für Trompetenstöße!« -- abends notierte er

den fertig gedachten Marsch, der später im Oberon erklang.

Während eines schläfrigen Nachmittagsgottesdienstes in der Pillnitzer

Kapelle hörte er das unerträglich falsche Intonieren einiger alter

Weiber bei den Responsorien einer Litanei -- aus diesem Eindruck

entstand der Lachchor der Bauern im ersten Freischützakt.

Auf einer Fahrt nach Hosterwitz an einem Nebelmorgen wankte der Wagen

durch das graue, gespenstige Gewoge -- in dieser Stimmung schuf,

»dachte« er die Wolfsschluchtmusik.

* * * * *

Als schöpferische Offenbarungen strömten ihm auf diesen Gängen rund um

Hosterwitz die Ideen zu. Und in diesem Häuschen schrieb er sie nieder.

In jenem kleinen Zimmer, in das die sommerlichen Baumkuppeln der

Pillnitzer Maillebahn und die in wogenden Linien ziehenden blauen Hügel

hereinblicken, arbeitete er. In lauen Sommernächten saß er an diesem

Fenster und schrieb in fehlerlosen Partituren von den Flötenstimmen

bis zum Baß vollständig mit allen Zeichen, Pausen, Pianos, Fortes in

perliger Notenschrift, wie in Kupfer gestochen nieder, was in seinem

Kopfe »fertig gedacht« und unvertilgbar stand. Und sein Sohn Max, sein

treuer Biograph, läßt uns die frohe Feier dieser Arbeitsstunden ahnen:

»Kein Piano wurde dabei angeschlagen, das volle Orchester, von guten

Geistern gespielt, klang ja von selbst in seinen Ohren, während er

seine zierlichen Musikschriftzeichen malte.«

Manchmal, vom Glück des Schaffens durchströmt, von jenem göttlichen

Fieber erregt, das noch über das vollendete Werk hinaus nach Ausbruch

drängt, trat er, nachdem er einen Nachmittag lang gearbeitet hatte,

dann aus dem kühlen Hause hinaus in den Garten. Düfte strömten und die

Sonne leuchtete über allem. Er schritt über den knirschenden Sand der

Laube zu, in der seine Gattin nähte und stickte, warf die lange, graue

Arbeitsjacke von sich, reckte die Arme und rief: »Möcht’ doch den Kerl

sehen, der glücklicher ist als ich!« Und dieser Schöpfer und Kämpfer,

der kein Duckmäuser und kein sentimentaler Träumer war, der Wein und

volle Tische liebte, der mit adligen Kammerherren und bäurischen

Hüfnern in der Keppgrundschänke Kegel schob und der dem Leben seine

Kraft verschwendend hinwarf, fügte solchen Glücksausbrüchen still hinzu

»Gott behüts« und lüftete sein schwarzes Käppchen.

* * * * *

Hosterwitz schenkte ihm schöpferische Kräfte -- Hosterwitz schenkte ihm

Ruhe nach der unerhörten Anspannung im Winter in der Stadt.

In diesem bescheidenen Hause verlebte er eine Reihe glücklicher Sommer

und er war froh und heiter im Genusse der einfachen Freuden, die das

ländliche Idyll bot. Er streifte mit Carolinen durch Täler und Wälder,

tafelte mit Freunden in der wasserumrauschten Keppmühle Landbrot und

Ziegenkäse, spielte stundenlang mit seinem Jungen, seinem Hunde, seiner

Katze, seinem Kapuzineräffchen, lag im Grase, ließ sich die Sonne auf

den Rücken scheinen und streckte, wie er seinem Freunde Lichtenstein

einmal schrieb, vergnügt »alle Viere von sich«. Er mühte sich ab, aus

Bindfaden und Gurten ein Geschirr für den Hund zu bauen, der Sohn,

Katze und Affen spazieren fahren mußte. Und er war glücklich, wenn

alles um ihn her jachterte und purzelte.

Immer stand das kleine gastfreie Haus für Freunde offen. Und Weber

war stolz, wenn für die Gäste, die nur »ländliche Milch und süße

Früchte« erhofften, aus der Küche Carolinens wie durch ein Wunder

Eis, Moselwein, Champagner und allerhand treffliche Labe, nach

eines Freundes Ausdruck »in sächsischer und österreichischer Weise

kulinarisch gedichtet,« hervorquoll und sich auf Tisch und Rasen ergoß.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 10-12 · 第 4 / 7 段