Die große Ausdehnung des Schönecker Höhengebietes erklärt sich übrigens

daraus, daß hier mehrere Gebirgszüge zusammenstoßen: das Elstergebirge,

das sich von hier aus nach Südwesten hinzieht, und von der Kirchberger

Seite her der westlichste Ausläufer des Erzgebirges, der vom Kuhberge

bei Schönheide beginnt und wegen seiner Höhe bis zu siebenhundert

Metern eine Reihe von Genesungsstätten enthält, die, von ausgedehntem

Hochwald umgeben, von ihrer luftigen Höhe aus freundlich in das

gewerbfleißige Tal der oberen Göltzsch herabschauen. Auch der etwas

südlich davon verlaufende vogtländische Kamm des Erzgebirges, der sich

etwa vom Kranichsee bis zum Schönecker Wald dahinzieht, ist anziehend

genug, um mit dem übrigen Teile dieses Gebirges einen Vergleich

aushalten zu können. Um den hohen Wall, der sich hier zwischen das

sächsische Niederland und das Egertal schiebt, durchwandern zu können,

verläßt man am besten bei Rautenkranz, das bereits dem Vogtlande

angehört, die Bahn des romantischen oberen Muldentals, die von Aue

ab stundenlang zwischen Felstürmen und Wiesentälern bis zur Höhe des

Schönecker Waldes hinauf dahinführt und wandert auf der wohlgebauten

Straße in dem Tal der großen Pyra aufwärts, die in den Mooren des

Kranichsees entspringt. Noch zwei Dörfer mit den charakteristischen

erzgebirgischen Holzhäusern haben hier Platz gefunden, bis nach etwa

zwei Wegstunden auch die letzten menschlichen Siedlungen aufhören und

ein einsames Waldtal die Blicke des Wanderers bannt: bis fast an die

drei oder vier Häuser von Sachsengrund ziehen sich von den Höhen die

Fichten herab, und eintönig plätschern die Wässer im Wiesengrund,

während nach der böhmischen Grenze zu der fast tausend Meter hohe

Rammelsberg die Wacht hält. Was noch jenseits dieser Häuser liegt,

gehört bereits der Waldwildnis an, in der sich der Weg noch eine

Stunde lang hinaufzieht, bis der Kranichsee mit seinem Hochmoor

sich weit über die Höhe von fast neunhundert Meter ausbreitet. Hier

beginnt auch der sogenannte Schwertweg, der über den Rücken des

kleinen Rammelsberges nach dem Vogtlande hinführt. Eine merkwürdige

Höhenstraße, von der sich der Blick rasch nach allen Seiten weitet: im

Norden die blauen Linien der Auerbacher Berge mit ihrem Waldreichtum,

und nach Süden zu der Steilabfall des Gebirges nach der Egerebene,

hinter der weitere Gebirgszüge Nordböhmens hervorschauen. Bei einer

Waldlichtung überschreitet hier die Landstraße die Gebirgshöhe, die

von Tannenbergstal nach Klingental hinüberführt. Aber wir wollen das

merkwürdige Gebilde des Schneckensteins nicht vergessen, das sich

bescheiden im Walde versteckt hält und der schwer zu finden wäre, wenn

ihn nicht die Markierung des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine

jedem bequem zugänglich machte. Von den Topasen ist allerdings

gegenwärtig ebensowenig mehr zu sehen, als von den kleinen Schnecken,

nach denen dieser einsam im Walde emporragende Fels seinen Namen hat.

Auf Treppenstufen ist sein Gipfel auch für Ungeübte zu erklimmen,

und man könnte, wenn man die Felsrisse und Felsblöcke vor sich hat,

einen Augenblick an irgend einen Gipfel der Kalkalpen erinnert werden,

wenn uns nicht die bescheidene, nur nach Norden und Westen reichende

Aussicht belehrte, daß wir uns nur auf einer Höhe von etwa achthundert

Meter befinden und daß wir uns durch den Waldreichtum, der hier überall

zutage tritt, für die Schönheiten der Alpenwelt entschädigen müssen.

Das Elstergebirge macht hier eine ziemliche Biegung nach Süden und

zieht sich waldbedeckt bis zum Kapellenberg hin -- aber wir dürfen von

ihm nicht Abschied nehmen, ohne der Stadt Klingental zu gedenken, die

von hier aus in kurzer Zeit zu erreichen ist. Hart an der böhmischen

Grenze hat sie bis heute ihr Bild als sächsische Kleinstadt bewahrt,

und nur die kleine Rundkirche macht eine Ausnahme, die sich inmitten

des Ortes anstatt der sonst üblichen Renaissance- oder gotischen

Kirche erhebt. Mit Böhmen wird sie allerdings immer in einem gewissen

inneren Verhältnis bleiben, denn es waren böhmische Musikanten, die

hier herüberkamen und die Stadt gründeten -- die Geigen, Trompeten und

Klarinetten, die noch heute hier gefertigt werden, wandern in alle

Welt, und in jedem Hause des weit bis hinauf besiedelten Grundes klingt

und singt es ebenso wie in Markneukirchen, das weiter westwärts in

einem Seitentale der weißen Elster eingebettet ist.

[Illustration: Abb. 3 =Winnknock am Wendelstein=]

Übrigens ist auch der Kamm des Elstergebirges oberhalb Klingentals

reich an Aussichtspunkten aller Art und hat auch einzelnen Gehöften

Raum gegeben, sich da oben anzusiedeln, und man kann das weite

Waldgebiet vom Kuhberg bei Schönheide aus stundenlang durchstreifen

und findet immer wieder Punkte, die solche Wanderungen lohnend machen.

Ganz einsam wird der Wald erst in der Gegend von Kottenhaide bei

Schöneck, aber auch hier ist der Blick in das Waldgelände und über

die Wipfel der Fichten anziehend genug, um die Beschwerden des Weges

vergessen zu machen. Stundenlang schwellt ein weicher Moosteppich unter

den Schritten des Wanderers, während der Kuckuck lockt und der Specht

seine Schläge durch den Wald erschallen läßt. Wie ein fernes Sagen

erklingt das Rauschen der Bäume und das Murmeln der Bäche, die hier

oben zahlreich in dem Moore ihren Ursprung haben. Nur selten verhallt

in der Ferne der Schrei einer Lokomotive, die keuchend das Muldental

heraufkommt, um nach kurzer Zeit bei Schöneck wieder in weitem Bogen

ins Tal hinabzufahren. Den Schwarzwald des Vogtlandes hat man diese

Hochfläche genannt, und wer einmal auf ihr gewandert ist, wird diesen

Vergleich nicht unrecht finden und zugeben, daß so manches, was wir

bisher nur in der Ferne zu suchen pflegten, auch in unserem engeren

Vaterlande zu finden ist. Erst an dem Abfalle nach Westen zu lichtet

sich der Wald. Wie ein Wahrzeichen dieses Höhengebietes liegt nach dem

Elstertale vorgeschoben etwa zwei Wegstunden von Falkenstein Schöneck,

das schon durch seine Lage zu den seltsamsten Städten Deutschlands

gehört und deshalb wert ist, längere Zeit unsere Aufmerksamkeit in

Anspruch zu nehmen.

[Illustration: Abb. 4 =Rißfälle=]

Die Stadt Schöneck ist eine Bergstadt, wenn ein Ort in Deutschland

überhaupt diesen Namen verdient; denn sie liegt nicht nur auf der

stattlichen Höhe von siebenhundertachtundsechzig Metern, sondern

sie baut sich hier auch hart am Rande der erwähnten Hochfläche auf,

die sich von dem Elstergebirge zum Erzgebirge dahinzieht und nach

Westen zu ziemlich rasch zum Elstertale hinabfällt. Es ist, als wäre

hier oben jeder freie Platz bis zum letzten ausgenützt worden und

als klammerte sich ein Haus eng an das andere, um noch auf der Höhe

selbst bleiben zu können, denn schon die Hauptstraße des Städtchens

führt steil abwärts und noch mehr die Verbindungswege, die von der

Stadt westwärts nach den nächsten Dörfern weisen, und dem Wanderer,

der etwa von Ölsnitz her heraufsteigt, muß es zu Mute sein, als habe

er hier endlich die Höhe erreicht und müsse durch den Rundblick für

die Mühe belohnt werden, die ihm das Steigen gekostet hat. Und das

ist tatsächlich der Fall; denn zwischen jeder Häuserreihe drängt

sich ein Stück vogtländischer Gebirgslandschaft hinein, und von

dem Friedrich-August-Stein, der sich neben der Kirche unvermittelt

aufbaut und auf dem früher eine stattliche Burg zum Schutze gegen

die Sorben gestanden hat, bietet sich dem Auge eine geradezu

überraschende Aussicht dar: wie auf einer Landkarte liegt das ganze

Vogtland vom Kuhberg bei Netzschkau bis hinüber zum Kapellenberg an

der böhmischen Grenze vor dem Auge des Wanderers ausgebreitet, und

Hügel wechseln in endloser Reihe mit Wäldern, Wiesen und Dörfern, bis

sich fern am Horizonte die sanften Bogen des Frankenwaldes und der

bayrisch-böhmischen Berge darüber spannen. Und diese Landschaft zeigt

immer neue Reize, zu welcher Zeit man sie auch betrachten mag: wenn

an einem Sommerabend der rote Mond emporsteigt hinter den Bergen und

die ganze Gegend in seinem Dämmerlichte versunken ist oder wenn im

Herbste die Heidefeuer emporsteigen und klarer als je sich die Linien

der Berge und Wälder hervorheben, oder wenn an einem Januartage die

ganze Landschaft in dem Winterkleide leuchtet und die unendliche

Mannigfaltigkeit dieser Landschaftsformen in tausend Farben glitzert.

Nur die Stadt selbst bleibt immer dieselbe im Wechsel der Jahreszeiten,

ob man sie nun von Kemmler bei Plauen sehen mag oder von Mißlareuth

oder von dem Granitsockel des Kapellenberges: sie hängt, die Häuser

eng um den Markt und die Kirche gedrängt, hoch oben über dem Tale, und

mir fallen, so oft ich sie sehe, immer zwei Städte in Italien ein,

mit denen ich sie am ehesten vergleichen möchte: Assisi in Umbrien,

die Stadt des heiligen Franziskus, und Rokka di Papa, das Räubernest

im Albanergebirge bei Rom, das hoch oben am Latinerberg seine Stätte

gefunden hat.

[Illustration: Abb. 5 =Großer Rammelsberg und Sachsengrund,

Kammweggebiet=]

Die Stadt Schöneck darf sich schon im vierzehnten Jahrhundert der

Rechte rühmen, die ihr von Karl IV. erteilt worden sind und ist

heute wegen ihrer Lage ein stark besuchter Luftkurort geworden,

während die Bewohner vorzugsweise in der Industrie (Zigarren usw.)

beschäftigt sind, dagegen sind die Abhänge zwischen der Stadt und

dem Elstertale erst allmählich besiedelt worden, und manches der

hier liegenden freundlichen Dörfer ladet zu längerem Verweilen ein.

Durch den sogenannten Buttergrund führt ein Weg stark bergab nach

dem Dörfchen Marieney, das zwischen Wiesen und Wald dahingestreckt

liegt und das sich rühmen kann, die Heimat des größten vogtländischen

Dichters, Julius Mosen, zu sein. Dort streifte er als Knabe allein

durch Wälder und Auen oder lag am murmelnden Erlenbach oder er saß

stundenlang auf dem alten Kirchenboden, um dem Ticken des Perpendikels

und dem Schnarren des Räderwerks der großen Kirchenuhr zu lauschen.

Von dem sprachkundigen Vater wurde er schon in der Heimat in den

Anfangsgründen der lateinischen Sprache unterrichtet und selbst als er

auf das Gymnasium zu Plauen kam, wanderte er noch oft hinaus in das

Heimatsdorf, um die Eindrücke der Jugend wachzurufen. Die schöne Gabe,

Land und Leute zu schildern, die uns besonders in den Bildern »Im Mose«

entgegentritt, mag auf des Vaters Art zurückgehen, wie er den Kindern

die biblischen Geschichten und die Weltgeschichte erzählen könnte. Auch

die rauhe Kriegszeit, die damals über das Vogtland dahinging (Mosen

ist 1803 geboren), hinterließ bei dem aufgeweckten Knaben lebhafte

Eindrücke und klingt in den Vaterlandsliedern wieder, durch die er

volkstümlich geworden ist -- wer vergißt von seinen Erzählungen das

Heimweh oder Ismael, oder von seinen Gedichten Zu Mantua in Banden

oder den Trompeter an der Katzbach oder den Löwen zu Braunschweig

und wie die Gedichte alle heißen mögen, durch die sein Name in ganz

Deutschland bekannt geworden ist. Nach der Heimat zog es ihn immer

wieder zurück, mochte er nun als Aktuar in Kohren oder als Rechtsanwalt

in Dresden beschäftigt sein, wo er übrigens seine glücklichste Zeit

verlebte, und wie schwer mag es ihm geworden sein, als er nach dem

fernen Oldenburg übersiedelte, wo er eine sichere Stelle als Hofrat

und Theaterdichter im Dienste des dortigen Großherzogs gefunden hatte.

Eine zunehmende Krankheit verbitterte ihm seine letzten Lebensjahre,

und nur noch einmal fiel ein Lichtbild in diese Nacht, als Freunde

mit vieler Mühe eine Gesamtausgabe seiner Werke veranstalteten. Zwei

Fichten aus dem Vogtlande beschatten sein Grab, in welchem er nach

zweiundzwanzigjährigem Leiden am 10. Oktober 1867 zur Ruhe gebettet

wurde. --

[Illustration: Abb. 6 =Schneckenstein=]

Von Marieney gelangen wir in zwei Stunden nach Markneukirchen, dessen

wir schon bei der Erwähnung von Klingental zu gedenken hatten. Die

Stadt, die zwei Kilometer von der Adorf--Aue--Chemnitzer Bahn entfernt

liegt, ist neben dem genannten Orte der Hauptsitz der vogtländischen

Musikinstrumentenfabrikation, und man erhält in die Reichhaltigkeit

dieses Erwerbszweiges am besten einen Einblick, wenn man die wertvolle

Sammlung in- und ausländischer Musikinstrumente aus älterer und neuerer

Zeit besichtigt. Auch hier die Mannigfaltigkeit der Bodenformen, die

für das obere Vogtland charakteristisch ist und die sich auch in dem

südwestlichen Teile jenseits der Elster findet: die ganze Landschaft

aufgelöst in Berg und Tal, Teilstücke von Hügeln mit Dörfern oder

Einzelgehöften und Wäldern, so daß es sich auch hier lohnt, einmal

seitwärts vom Elstertal selbst auf die Höhen hinaufzusteigen. Wer

von Plauen kommt, wird allerdings noch durch eine ganze Anzahl von

vogtländischen Städten aufgehalten werden, die sich hier, wo eine alte

Straße am Elsterlauf entlang hinüber nach Böhmen führt, angesiedelt

haben. So liegt gleich Ölsnitz am Ende der erwähnten Straße, die

von Eger bis hierher führte, und gilt als eine der ältesten Städte

des Vogtlandes, die vielleicht von den Sorben gegründet ist. Als

dann die Deutschen das Land besiedelten, wurde hier eine befestigte

Straßensperre angelegt, und man grub gegen einen Angriff der Feinde

die großen Teiche (der letzte ist 1898 verschwunden), wobei die

Befestigungsanlagen noch durch das Schloß Vogtsberg verstärkt wurden,

dessen Türme auch von Schöneck sichtbar sind. Aus den Mitteln des

Bergbaues -- die Zinn- und Kupfergruben wurden 1519 durch Wasser

zerstört -- wurde die schöne St. Jakobskirche errichtet, die mit ihren

beiden Türmen weit über das Städtebild hervorschaut. Sie ist ein Muster

gotischen Kirchenbaues, obwohl von der ursprünglichen Anlage nur noch

die Türme in ihren Unterteilen sowie ein sandsteinernes Dreipaßrelief

von der äußeren Südseite des Chores erhalten sind. Auch später ist sie

öfters umgestaltet worden; so erhielt sie ihre jetzige Gestalt nach dem

großen Stadtbrande, während das Innere 1888/89 künstlerisch erneuert

wurde. Die Türme wurden 1865 nach den Plänen von Lipsius errichtet, und

auch im Inneren findet sich manches schöne Denkmal kirchlicher Kunst:

die Chorfenster von C. L. Türcke in Zittau mit prächtiger Glasmalerei,

sowie das Altargemälde: Abendmahl der Emmausjünger von Moritz Heidel

und der Taufstein, der 1833 von E. Rietschel gefertigt worden ist.

Ähnliche Umwandlungen hat auch die alte Kirche St. Katharina am

alten Friedhofe durchgemacht, deren Sterngewölbe im alten Chor aus

der alten Kirche noch auf das fünfzehnte Jahrhundert zurückweist. In

neuester Zeit hat Ölsnitz seinen Aufschwung besonders der Industrie

wie der Teppich- und Kammgarnfabrikation zu verdanken gehabt, nicht

zu vergessen seine günstige Lage, durch die es besonders wegen der

Nähe der sächsischen und böhmischen Bäder zu einem Standquartier für

Touristen geworden ist.

[Illustration: Abb. 7 =Schöneck=]

Das weiter südlich liegende Adorf, ein freundliches Städtchen mit etwa

achttausend Einwohnern, ist besonders durch die Perlmutterfabrikation

groß geworden, die auch in Ölsnitz zu Hause ist, die Muscheln wurden

früher zahlreich in der Elster gefunden, und der Erwerbszweig ist

geblieben, auch nachdem die Funde seltener geworden waren, so daß heute

auch zahlreiche importierte Stücke dort verarbeitet werden. Im übrigen

zeigt auch Adorf mit seinem geräumigen Marktplatz dasselbe freundliche

Bild wie alle diese vogtländischen Kleinstädte, und die Industrie,

die sich auch hier zahlreich findet, hat es nicht wesentlich zu

beeinflussen vermocht. Abseits davon sind noch zwei Orte zu erwähnen,

deren Name jedem bekannt ist und die dem Reichtum der Erde selbst ihre

Blüte verdanken: Bad Elster und Brambach. Inmitten der Nadelwälder

des Elstergebirges ist hier eine Stätte für Genesungsuchende

entstanden, die mit ihren Quellen und Sprudeln (alkalisch-salinische

Eisensäuerlinge, Glaubersalz, kohlensaure Stahlbäder) jährlich

Tausenden Genesung bietet und sich zu einem modernen Bade entwickelt

hat, wobei auch dem Moorboden aus den großen Lagern der Umgebung

ein wesentlicher Anteil zufällt. In weitaus freierer Lage ist Bad

Elster, wenn auch in weit bescheidenerem Maße, Brambach gefolgt, das

in der Nähe der böhmischen Grenze am Fuße des Kapellenberges in einer

engen Talmulde eingebettet ist. Wer von Adorf nach Brambach wandert,

durchschreitet zuerst in fortwährender Steigung ein stilles Waldtal,

bis der Weg zuletzt steil auf die letzte Hügelwelle hinaufführt, die

vor Brambach gelagert ist und erblickt von hier hinüber nach den

waldbedeckten Höhen des Elstergebirges und ein Stück ins böhmische

Land hinein, das sich hier von beiden Seiten an diese Ausläufer des

Vogtlandes heranschiebt. Auch Brambach selbst hat sich, so gut es

möglich war, an die eingeengte Lage im Tale des Fleissenbaches,

der hier in westlicher Richtung der Elster zufließt, angepaßt. Die

Straße nach Eger führt von hier unmittelbar am Kapellenberg vorbei,

der mit seinem granitenen Aufbau wie ein Wächter des südlichen

Vogtlandes dasteht und von dessen Gipfel eine weite Rundsicht nach

Norden und über Böhmen gestattet ist. Die beiden nächsten Dörfer, die

südlichsten des Vogtlandes, liegen bereits tief unten am Steilabfall

des Elstergebirges, und Straße und Eisenbahn haben die Senkung nur

künstlich durch große Bogen überwinden können. Wir sind hier am Ende

unserer Wanderung angelangt, aber an einer Stelle, von der sich in

kurzer Zeit weitere Glanzpunkte landschaftlicher Schönheit erreichen

lassen: das herrliche Egertal im Osten, oder das Kaisergebirge mit Eger

und Franzensbad oder das Fichtelgebirge mit seinen östlichen Ausläufern

bei Selb und Tirschenreuth und der uralten Kultstätte des Klosters

Waldsassen, die von hier in ein paar Wegstunden zu erreichen ist.

[Illustration: Abb. 8 =Kirche von Bösenbrunn am Triebelbach=]

Es war nicht meine Absicht, eine vollständige Beschreibung des

Vogtlandes zu geben, sondern es waren nur Wanderbilder, die vor dem

Auge des Lesers vorüberziehen sollten, um ihn selbst zu einer Fahrt

durch diesen südwestlichen Gau Sachsens einzuladen. Wer mehr mit der

Landschaft selbst vertraut werden will, der möge selbst kommen und

schauen, und er wird mit der Überzeugung zurückkehren, daß kein Grund

vorliegt, das Vogtland hinter den übrigen Gegenden unseres engeren

Vaterlandes zurückzusetzen. Daß es noch nicht »Mode« geworden ist, ist

wohl der beste Beweis, daß ein Unterkommen auf den Wanderungen auch

denen ermöglicht ist, die nur über bescheidene Mittel verfügen.

[Illustration: Abb. 9 =Bad Elster=]

_Anmerkung._ Wer mehr über das Vogtland erfahren will, sei auf

die Literatur verwiesen, die auch bei den vorliegenden beiden

Arbeiten benutzt worden ist, vor allem auf: Unser Vogtland

(Heimatkundliche Lesestücke für die Schulen des sächsischen

Vogtlandes, bearbeitet von einer Kommission Plauenscher

Lehrer, Verlag der Dürrschen Buchhandlung, Leipzig), Das

Königreich Sachsen in Wort und Bild von Leo Woerl und Steche:

Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler

des Königreich Sachsen; weitere Literatur ist in dem zuerst

genannten Buche angeführt. Denen, die ihr Wissen und Können in

den Dienst dieser Sache stellten, besonders Herrn C. Sippel,

Schriftführer des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine

in Plauen, der für beide Aufsätze eine Reihe von eigenen

photographischen Aufnahmen zur Verfügung stellte, bin ich zu

großem Danke verpflichtet.

Trachtenechtes Spielzeug

Von _Karl Lucas_, Meißen

Weihnachten naht. Es wird gebastelt, gesägt, geschnitzt, geleimt,

geklebt bis über die mitternächtige Stunde hinaus. Das Weihnachtsfieber

hat uns gepackt.

Auch mir ging es so. Auf dem Wunschzettel meiner Mädel waren kleine

Tierchen, Männer und Bauernfrauen verzeichnet. Diese Sächelchen waren

bereits in Anzahl im Besitze der kleinen Bittstellerinnen. Aber es

sollten noch mehr sein. Es sind das jene reizenden Gegenstände,

die aus unseren Erzgebirgsdörfern ihren Weg in jede Spiel- und

Holzwarenhandlung gefunden haben. Bei ihrer Naturtreue und ihrem

auch heute noch verhältnismäßig billigen Preise werden sie sehr gern

gekauft. Sie treten in scharfen Wettbewerb mit den altbekannten

früheren »Pfengstückchen«. Auch ärmere Leute greifen oft nach den

natürlicher wirkenden »Dreiertierchen« (Friedenskurs!). Es wird der

leider nicht überall befolgte Grundsatz angewandt: Wenig und gut ist

besser als viel und schlecht.

Ein Vorzug der »Dreiertierchen, Fünf-Pfeng- oder Groschentierchen und

-männel« ist es, daß sie sich in ein besseres Größenverhältnis zu den

aus Bauklötzchen, Modellierbogen usw. aufgebauten Gebäuden einstellen.

Das Spiel gibt so ein getreueres Bild der Wirklichkeit und wird

natürlicher und lebendiger.

Bei anderer Gelegenheit stieß ich auf die Künstlermodellierbogen.

Diese verhalten sich zu den schablonenhaften früheren Bogen wie Tag

zur Nacht. Leider gibt es auch heute noch Bogen, bei deren Herstellung

derartig hohe Maßstäbe wie an die Künstlermodellierbogen nicht

angelegt worden sind. An zwei aufgestellten Modellen -- Lappenlager

und rumänisches Bauerngehöft -- hatte ich erfahren können, was für ein

anschauliches Bild diesen Siedelungen samt dem Leben und Treiben der

Bewohner durch diese Bogen vermittelt wird.

Einem Zuge nach der Heimat folgend, wählte ich für meine Mädel das

»Altwendische Bauerngehöft« (Teubner Nr. 19) aus. Eine Pappe 37 : 50

Zentimeter genügte zur Aufstellung. Dabei blieb noch Platz für Wege,

Raine, Brücken, Baumgruppen, für einen Bach mit Entenpfütze. Die

Gebäude wurden durch eingelegte Pappe gesteift. So entstand ein

ziemlich standhaftes Spielzeug. Zur Belebung sind auf dem Bogen eine

Anzahl Leute, Tiere und Bäume aufgezeichnet. Sie erfüllen ihren

Zweck nicht recht. Die ausgeschnittenen, auch gesteiften Gestalten

vertragen das fortgesetzte Anfassen schlecht. Dann fehlt ihnen die

Körperlichkeit, die die Gebäude nach ihrer Aufstellung besitzen. Die

Einbildungskraft der Kinder überwindet den Mangel der Gestalten zum

Teil. Freudiger aber greifen sie zu den körperlichen Gestalten, die aus

unserer sächsischen Spielwarenerzeugung hervorgegangen sind.

Ich entschied mich von vornherein für die Aufstellung der

Holzsächelchen. Beim Durchstöbern der Vorräte in den Läden fand ich

Tiere, Taubenschläge, landwirtschaftliche Geräte, Wagen, Hundehütten,

Bienenstände in reicher Auswahl und geeignet für meinen Bauernhof.

Aber Menschen, wie ich sie brauchte, konnte ich nirgends auftreiben.

Um meinen Hof nicht verwaist stehenzulassen, nahm ich, was da war:

Bauern, Bäuerinnen, Butterfrauen, Nachtwächter, Kinder, Geistliche,

Brautleute, Kränzeljungfern, Stadtvolk. So hatte ich Leben. Aber es

paßte wie die Faust aufs Auge, wenn ich in meinem Hofe den Großknecht

in Älplertracht spazieren sah.

Meine Mädel freuten sich zunächst uneingeschränkt, nach und nach wurden

ihnen die Widersprüche aber bewußt. Freude löste diese Entdeckung bei

ihnen nicht aus.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band X, Heft 10-12 · 第 2 / 7 段