frei. Das Alter erscheint mit den Jahren allmählich, aber mit einer
Krankheit oder einem großen Unglücksfall, den nichts je wieder gut
machen kann, plötzlich. Das letzte ist mein Fall gewesen. Hätte ich den
Verlust nicht erlitten, den ich erfahren, so möchte es noch mehrere
Jahre so fortgedauert haben. Aber durch die große Änderung, welche
dieser Verlust in mir hervorbringen mußte, und die mit jedem Tage nur
fühlbarer wird, bei der plötzlichen Vereinzelung nach einem
achtunddreißigjährigen gemeinschaftlichen Leben, und selbst in der
Abwesenheit ununterbrochenen gemeinschaftlichen Denken und Empfinden,
war es natürlich, daß die Änderung auch körperlich eintrat. Indes ist
das sehr leicht zu ertragen, zumal solange die Gesundheit so
unangegriffen wie bei mir jetzt bleibt. Ich kann daher, wenn Sie auch
nicht immer darin einstimmen, nur dabei bleiben, daß mir das Alter lieb
ist. Es ist ein natürlicher menschlicher Zustand, dem Gott seine eigenen
Gefühle geschenkt hat, die ihre eigenen Freuden in sich tragen. Wenn ich
durch einen Zauberstab machen könnte, daß ich die mir noch übrigen Jahre
mit jugendlicher Kraft und Frischheit verleben, oder so wie jetzt
bleiben könnte, so wählte ich das erste gewiß nicht. Die jugendliche
Kraft und Frischheit paßt nicht zu greifenden Gefühlen, und diese in
einem langen Leben erworbenen und erlangten Gefühle möchte ich doch für
nichts auf Erden aufgeben. Was Sie von meiner Stimmung sagen,
unterschreibe ich insofern, als sie allerdings eine seltene und den
tiefsten und gerührtesten Dank erheischende Gabe des Himmels, nicht
menschliches Verdienst ist. Wenigstens rechne ich sie _mir_ nicht zu. Ich
verdanke sie größtenteils der, welche auch jetzt die unmittelbare Quelle
derselben ist. Denn wenn man einem durchaus reinen und wahrhaft großen
Charakter lange zur Seite steht, geht sie wie ein Hauch von ihm auf uns
über. Ich würde mir selbst jenes Besitzes unwert erscheinen, wenn ich
jetzt anders sein könnte, als innerlich in abgeschlossener Ruhe in der
Erinnerung lebend, und äußerlich, wo sich die Gelegenheit darbietet,
nützlich und wohltätig beschäftigt.
Ich wünsche, daß meine Briefe Sie ruhig, heiter stimmen, Ihnen wie eine
Erholung, eine Erquickung erscheinen. Leben Sie herzlich wohl und
rechnen Sie mit vertrauender Zuversicht auf meine ununterbrochene
freundschaftliche Teilnahme. H.
_Tegel_, den 6. bis 9. Mai 1830.
Ich sage Ihnen, liebe Charlotte, meinen herzlichen Dank für Ihren am
27. April abgegangenen Brief, den ich richtig empfangen habe. Mit meinem
Befinden geht es sehr gut, und ich empfinde weder Folgen des nassen
Frühjahrs noch des strengen Winters. Dennoch machen sich die Folgen im
allgemeinen sehr fühlbar. Eine Menge von Leuten leiden hier an kaltem
Fieber. Ich habe für den Sommer meine Lebensart etwas geändert. Ich
stehe jetzt regelmäßig um sechs Uhr auf. Dafür gehe ich aber auch immer
vor, spätestens um Mitternacht zu Bett. Die Morgenstunden haben mehr
Reiz für mich, und so schreibe ich Ihnen, liebe Freundin, heute in der
Frühe. Es ist das erste, womit ich heute den Tag beginne. Auf meinen
Schlaf hat weder das frühe noch späte Aufstehen einigen Einfluß. -- --
Die Nacht hat etwas unglaublich Süßes. Die heiteren Ideen und Bilder,
wenn man solche haben kann, wie ich ehemals oft erfahren, nehmen einen
sanfteren, schöneren, in der Tat seelenvollen Ton an, dabei ist es, als
ob man sie inniger genösse, da in der Stille nichts, nicht einmal das
Licht sie stört. Kummervolle und wehmütige Erinnerungen und Eindrücke
sind dagegen auch milder und mehr von der Ruhe durchströmt, die jede
Trauer leichter und weniger zerreißend macht. Man kann auch dem Kummer
ruhiger nachhängen, und ein tiefes Gemüt sucht doch nicht den Kummer zu
entfernen, am wenigsten zu zerstreuen, sondern sucht ihn so mit dem
ganzen Wesen in Einklang zu bringen, daß er Begleiter des Überrestes des
Lebens bleiben kann. Ich kann mich jetzt schon auf die langen
Winternächte freuen und habe, was ich hier sage, im vorigen Winter oft
erfahren. Bedenkt man auf der anderen Seite wieder, wie freudig und
schön das Licht ist, so gerät man in ein dankbares Staunen, welch einen
Schatz des Genusses und wahren Glückes die Natur allein in den täglichen
Wechsel gelegt hat. Es kommt nur darauf an, ein Gemüt zu haben, ihn zu
genießen, und das liegt doch in jedes Menschen eigener Macht. Alle
Dinge, die einen umgeben, schließen für den Geist und die Empfindung
Stoff zur Betrachtung, zum Genuß und zur Freude in sich, der ganz
verschieden und unabhängig ist von ihrer eigentlichen Bestimmung und von
ihrem physischen Nutzen; je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr
öffnet sich dieser tiefere Sinn, die Bedeutung, die halb ihnen, die sie
veranlassen, halb uns, die wir sie finden, angehört. Man darf nur die
Wolken ansehen. An sich sind sie nichts als gestaltloser Nebel, als
Dunst, Folgen der Feuchtigkeit und Wärme, und wie beleben sie, von der
Erde gesehen, den Himmel mit ihren Gestalten und Farben, wie bringen sie
so eigene Phantasien und Empfindungen in der Seele hervor.
_Tegel_, den 29. Mai 1830.
Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 16. d. M. vor einigen Tagen
empfangen und so wie Sie es vorausgesehen haben, doppelte Freude daran
gehabt, weil er in einem so ruhigen und heiteren Tone geschrieben ist.
Ich wünsche nichts mehr, als daß Sie in demselben und der ihm
entsprechenden Stimmung bleiben mögen, und Sie können es gewiß, wenn Sie
sich nicht selbst trübe und irrige Vorstellungen machen, sondern
vielmehr der Ruhe nachstreben, welche das Gemüt unabhängig von äußeren
Ereignissen macht. Ohne diese nur durch innere Bearbeitung seiner selbst
zu erlangende Ruhe bleibt man immer ein Spiel des Schicksals und
verliert und gewinnt sein inneres Gleichgewicht, wie die Lage um einen
her nur freudvoller oder leidvoller ist. Das gänzliche Unterlassen alles
Spazierengehens ist und bleibt doch eine Entbehrung eines großen
Vergnügens, wenn sich auch der Körper daran gewöhnt; ich habe das selbst
an mir erfahren. Der Mangel der Bewegung hat mir nie geschadet, aber
entbehren tut man viel. Man genießt die Natur auf keine andere Weise so
schön als bei dem langsamen, zwecklosen Gehen. Denn das gehört
namentlich zum Begriff selbst des Spazierengehens, daß man keinen
ernsthaften Zweck damit verbindet. Seele und Körper müssen in
vollkommener und ungehemmter Freiheit bleiben, man muß kaum einen Grund
haben, auf eine oder die andere Seite zu gehen. Alsdann befördert die
Bewegung die Idee, und man mag etwas Wichtiges denken oder sich bloß in
Träumen und Phantasien gehen lassen, so gewinnt es durch die Bewegung
des Gehens besseren Fortgang, und man fühlt sich leichter und heiterer
gestimmt. Noch vor kurzem ist es mir geschehen, daß mir durch einen
Spaziergang gelang, was sich sehr lange nicht hatte gestalten wollen.
Ich hatte oft vergebens an etwas gearbeitet, und plötzlich beim
Herumgehen draußen kam es mir ganz von selbst, daß ich beim
Nachhausekommen es nur aufzuschreiben brauchte. Ich gehe aber niemals
des Morgens aus. Daran tue ich vielleicht Unrecht, aber es hängt bei mir
mit so vielen kleinen Gewohnheiten zusammen, daß ich darüber nicht
hinauskommen kann. Ich genieße daher nur den Anblick des Grün aus den
Fenstern, wo dann die Lichter der Frühsonne im Laube einen wundervoll
herrlichen Wechsel des Hellen und Dunkeln gewähren.
Ich habe kürzlich Goethes zweimalige Reise nach Italien oder vielmehr,
da es keine eigentliche Reisebeschreibung ist, seine Briefe von daher
gelesen. Sie schrieben mir in derselben Zeit von der Jacobischen. Ich
habe diese Reise nie gelesen, wohl aber den Reisenden gekannt und sein
Buch loben hören. Er studierte mit mir zugleich in Göttingen und ging,
wenn ich nicht irre, auch mit Ihrem Bruder um. Er war ein guter Mensch
und sehr fleißig, doch vermied ich seinen Umgang, da er für meine
Neigung in zu viele Studentengesellschaften verwickelt war. Was Sie mir
aus seiner Reise über die Pracht der Kirchen und des Gottesdienstes
sagen, ist sehr wahr. Es ist, wie Sie bemerken, und wie es auch mir
erscheint, eine lobenswürdige Sitte, daß man jedem Gelegenheit gibt, in
jedem Moment, wo er Stimmung dazu hat und fühlt, an einen Ort gehen zu
können, wo er Stille und Einsamkeit oder zu seiner Stimmung passende
Verrichtungen findet, einen Ort, der ihm schon an und für sich, sobald
er ihn betritt, Ehrfurcht und dazu eine gewisse Linderung einflößt.
Unsere evangelischen Kirchen werden viel zu sehr als Orte, die zum
Predigen bestimmt sind, angesehen, und auf die religiöse Erhebung des
Gemüts in Gebet und Nachdenken wird zu wenig gedacht. Die Goetheschen
Briefe aus Italien lehren nicht gerade Italien und Rom kennen. Sie sind
ganz und garnicht beschreibend. Man muß mit den Gegenständen durch
eigene Ansicht oder durch andere Reisen bekannt und bereits vertraut
sein, um nur die Bemerkungen darüber ganz zu verstehen. Aber sie malen
sehr hübsch und interessant Goethe selbst und zeigen, was Rom und
Italien sind, durch den Eindruck, den sie auf Goethe gemacht haben.
Insofern gehören sie zu den merkwürdigsten Schilderungen. Dann erkennt
man auch daraus, welche unglaubliche Sehnsucht Goethe Jahre hindurch
hatte, Italien und vor allem Rom zu sehen.
Ich reise morgen früh ab und gehe zunächst nach Breslau. Leben Sie
herzlich wohl und seien Sie meiner unveränderlichen Teilnahme gewiß. Von
Herzen Ihr H.
_Tegel_, den 7. September 1830.
Ihr am 31. v. M. abgegangener Brief hat mir, liebe Charlotte, sehr viel
Freude gemacht, weil er in einer ruhigen, wirklich erfreulichen Stimmung
geschrieben ist. Ich danke Ihnen sehr dafür. Ich lebe nun wieder ganz
in meinen alten Gewohnheiten. Mein Befinden ist sehr erwünscht, und ich
wüßte nicht, worüber ich zu klagen hätte. Wenn Sie aber von meiner
kräftigen Gesundheit reden, so bedarf es doch einer Einschränkung. Meine
Gesundheit ist gut, weil sie mich nicht leiden macht, und vorzüglich,
weil ich sie durch die Regelmäßigkeit meines Lebens erhalte und
befördere, übrigens sieht man mir das Alter viel mehr an als anderen
Menschen von gleichen Jahren, und ich bin auch weniger rüstig, als es
meinem und einem weit höheren Alter gemäß ist. Auch abwesend können Sie
das an meiner Handschrift sehen, deren Ungleichheit und Mangel an
Festigkeit garnicht von den Augen, sondern allein von der Hand herkommt.
Das ist allerdings Folge der Jahre, aber daß es so früh und so plötzlich
gekommen ist, ist allein Folge des Todes meiner Frau. Wenn man, wie es
mein Fall war, so verheiratet war, wie man es einzig sein konnte und
sein mußte, so ist die Trennung dieses Bandes nicht der bloß geänderte
Zustand, sondern ein durchaus neuer. Ich klage nicht, ich weine nicht,
der Tod einer Person, und noch dazu in höheren Jahren, ist ein
natürliches, ein menschliches, ein unabänderliches Ereignis; ich suche
nicht Hilfe oder Trost -- denn der Kummer, der nach Hilfe oder Trost
verlangt, ist nicht der höchste und kommt nicht aus dem Tiefsten des
Herzens. Ich bin auch garnicht unglücklich, ich bin vielmehr auf die
einzige Art glücklich und zufrieden, auf die ich es sein kann, aber ich
bin anders als sonst, ich hänge mit dem Menschen und der Welt nur
insofern zusammen, als ich Ideen daraus schöpfe, oder als ich durch
äußerliches Wirken nützen kann, sonst habe ich keinen anderen Wunsch,
als allein zu sein. Jede Störung meiner Einsamkeit, jeder, auch nur
Stunden dauernde Besuch ist mir höchst unangenehm, wenn ich auch den
Menschen, die mich besuchen, gut bin. Ich tue nichts dazu und suche
nichts darin, es hat aber seit einem Jahre sehr zugenommen, und ich
schließe daraus, daß es nicht vergehen wird. Sie können denken, daß ich
in Berlin, wo ich so lange lebte, unter vielen Bekannten einige Männer
und Frauen der engsten Vertraulichkeit habe. Ich pflegte sie
wöchentlich, auch öfter zu sehen. Seit dem unglücklichen Verluste habe
ich sie kaum drei- oder viermal gesehen. Sie fühlen und begreifen mich,
und eine natürliche Diskretion hält sie ab, mich ohne ausdrückliche
Einladung zu besuchen. Ich lade aber niemand ein, sondern überlasse das
meinen Kindern. Ist jemand bei ihnen, so brauche ich nicht länger dabei
zu sein, als ich Lust habe. Ich erzähle Ihnen das, weil Sie gern einen
Begriff meines Zustandes haben. Mit meinen Augen geht es aber nicht
schlimmer. Besser kann es natürlich auch nicht gehen. Vielmehr, da man
in allen Dingen klar sehen muß, sage ich mir, daß die Schwäche mit den
Jahren auch zunehmen muß, und daß leicht eine Zeit kommen kann, wo ich
das Lesen und Schreiben ganz aufgeben werde. Bei Licht stelle ich es
schon sehr ein. Ich sitze oft abends allein zwei bis drei Stunden, ohne
scheinbar etwas zu tun. Ich kann aber nicht sagen, daß diese Zeit mir
unnütz und noch weniger unangenehm verstriche. Das Träumen in Bildern
und Erinnerungen hat etwas sehr Süßes, und strengt man sich an,
ernsthafter und in gewisser Folge zu denken, so nützt es für die Arbeit
des folgenden Tages. Ich ziehe dies einsame Sitzen einem Gespräch weit
vor. Oft indes und in den früheren Abendstunden lasse ich mir vorlesen.
-- Heute war ein selten schöner Tag, eine milde, angenehme Luft, kein
Wind, ein reiner, blauer, schöner Himmel, aber sehr herbstlich ist es
bei uns schon, ich weiß nicht, ob auch bei Ihnen. Das Laub ist schon so
gelb, und wenn man eine ganze Allee hinunter sieht, bemerkt man auch,
daß die Bäume nicht mehr die Blätterfülle wie im Sommer haben. Es ist
unglaublich, wie schnell die Zeit hingeht. Eine Woche, ein Monat sind
vorbei, und ehe man sich umsieht, das ganze Jahr. Es scheint garnicht
der Mühe wert, eine so alte und allgemein anerkannte Sache noch zu
wiederholen. Allein mir ist es wirklich, als wäre mir diese Empfindung
nie sonst in gleichem Grade lebendig gewesen. Es mag daher kommen, daß
ich die Zeit mehr nach Arbeit als nach sonst einer Ausfüllung messe, und
da ist mir immer die Zeit, in der etwas zustande kommen soll,
unzureichend zu demjenigen, was man darin erwartet. Kein Tag bringt ganz
hervor, was er soll, und aus diesen Lücken der einzelnen Tage entsteht
ein großes Defizit im ganzen. Ich habe darum den Winter nicht so ganz
ungern, weil man doch, selbst in meiner, das ganze Jahr hindurch sehr
ruhigen, mußevollen und freien Lage, immer im Winter mehr und
angestrengter arbeitet.
Sie erwähnen der neuesten unruhigen Auftritte. Seit Sie schrieben, haben
sich diese sehr vervielfältigt und sind sogar in unsere Nähe gekommen.
Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie Leidenschaft, wilde Roheit und
Übermut den Frieden bedrohen, dessen man so lange genoß. Indes wird sich
auch das wieder beruhigen. Die Dinge der Welt sind in ewigem Steigen und
Fallen und in unaufhörlichem Wechsel, und dieser Wechsel muß Gottes
Wille sein, da er weder der Macht noch der Weisheit die Kraft verliehen
hat, ihn aufzuhalten und ihn zum Stillstand zu bringen. Die große Lehre
ist auch hier, daß man seine Kräfte in solchen Zeiten doppelt anstrengen
muß, um seine Pflicht zu erfüllen und das Rechte zu tun, daß man aber
für sein Glück und seine innere Ruhe andere Dinge suchen muß, die ewig
unentreißbar sind.
Leben Sie recht wohl, erhalten sie sich heiter und seien Sie meiner
aufrichtigen und unveränderlichen Teilnahme versichert. H.
_Tegel_, den 6. Oktober 1830.
Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 28. v. M. erhalten und danke
Ihnen sehr dafür. Es war hier seit acht bis zehn Tagen außerordentlich
schönes Wetter, ich habe es recht genossen und bin die Nachmittage
meistenteils ganz draußen gewesen. Ich fahre fort so wohl und gesund zu
sein, daß, wenn ich auch auf alles einzelne an mir acht geben wollte,
ich nicht wüßte, worüber ich zu klagen hätte. Es ist vielleicht unrecht,
das so zu preisen und das Schicksal gleichsam herauszufordern und
gewissermaßen das Glück zu _berufen_. Größtenteils ist das Aberglaube,
aber doch nicht ganz. Wenn das Rühmen mit etwas Gutem mit einer
vermessenen, inneren Zuversicht oder mit großer und ängstlicher
Bangigkeit vor dem Umschlagen verbunden ist, so schlägt es wirklich
leicht um. Man nenne es eine Strafe Gottes, oder man glaube, daß es ein
für allemal in der sittlichen Weltordnung so eingerichtet sei, daß das
sich überhebende wieder gedemütigt werden muß, so ist die Sache nicht
abzuleugnen. Die Erfahrung lehrt sie, sie liegt im Glauben aller uns
bekannten Zeitalter und Nationen, viele haben sie in denkwürdigen
Sprichwörten, auch in Erzählungen, überlieferten und erdichteten,
niedergelegt. Auf mich findet das indes keine Anwendung. Ich spreche
gegen Sie mein Wohlsein und meine Gesundheit aus, weil ich weiß, daß es
Sie freut und Ihnen eine Beruhigung ist und Trost, und weil das
Aussprechen die natürliche Regung eines gegen das Schicksal dankbaren
Gemüts, ja selbst ein Dank ist, ohne daß man etwas hinzufügt. Ich hege
dabei keine Vermessenheit; ich habe, und gerade jetzt, wo viel Äußeres
wankend werden kann, das klare Bewußtsein, daß alles, was jetzt die
äußere Lage eines Menschen ruhig, sorgenlos, genußreich und selbst
beneidenswert macht, sich, ohne daß man es ahnt, umwenden kann; viel
leichter noch die Gesundheit in höheren Jahren. Ich habe aber darüber
nicht die mindeste Ängstlichkeit. Ich genieße alles dankbar, was von
außen kommt, aber ich hänge an nichts. Ich lebe durchaus nicht in
Hoffnungen, und da ich nichts von der Zukunft erwarte, so kann sie mich
auch nicht täuschen. Ich muß offenherzig gestehen, daß ich, wäre es auch
unrecht, nicht an einer Hoffnung jenseits des Grabes hänge. Ich glaube
an eine Fortdauer, ich halte ein Wiedersehen für möglich, wenn die
gleich starke gegenseitige Empfindung zwei Wesen gleichsam zu einem
macht. Aber meine Seele ist nicht gerade darauf gerichtet. Menschliche
Vorstellungen möchte ich mir nicht davon machen, und andere sind hier
unmöglich. Ich sehe auf den Tod mit absoluter Ruhe, aber weder mit
Sehnsucht noch mit Begeisterung. In der Gegenwart suche ich mehr
Tätigkeit als Genuß. Im Grunde ist aber dieser Ausdruck unrichtig. Der
Genuß entsteht durch die Tätigkeit, beide sind also immer verbunden. Es
gibt allerdings auch Genuß, der wie eine reine Himmelsgabe uns
zuströmt. Den kann man aber nicht suchen, und es ist beklagenswert, wenn
sich die Sehnsucht auf einen solchen heftet. Aber der große Genuß, das
große Glück, das wahrhaft durch keine Macht entreißbare, liegt in der
Vergangenheit und in der gewissen Betrachtung, daß das große Glück zwar
ein großes, schätzenswürdiges Gut, aber daß doch die Bereicherung der
Seele durch Freude und Schmerz, die Erhöhung aller edeln Gefühle der
wahre und letzte Zweck ist, übrigens alles in der Welt wechselnd und
seiner Natur nach vergänglich ist. Durch diese Ansicht versinkt das
Leben in der Vergangenheit nicht in ein dumpfes Brüten über vergangene
Freuden oder empfundene Leiden, sondern verschlingt sich in die innere
Tätigkeit, welche das Gemüt in der Gegenwart beschäftigt. So ist es in
mir, und da die Gefühle, auf welchen mein Leben beruht, jetzt alle in
die Vergangenheit entrückt sind, auf eine zwar von Wehmut begleitete,
aber ein so süßes und so sicheres, von Menschen und Schicksalen so
unabhängiges Glück gebende Weise, daß nichts es zu entreißen, ja selbst
nur zu schwächen vermag.
Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 26. d. M. zur Post zu geben; wenn
Sie früher schreiben, ist mir Ihr Brief immer und an jedem Tage
willkommen.
Leben Sie herzlich wohl. Mit aufrichtiger und unveränderter Teilnahme
der Ihrige. H.
_Tegel_, den 6. November 1830.
Ich habe, liebe Charlotte, Ihren am 26. v. Mts. abgegangenen Brief vor
einigen Tagen empfangen und danke Ihnen herzlich dafür. Er ist in einer
so ruhigen Stimmung geschrieben, daß er mir dadurch doppelt erfreulich
geworden ist. Denn ich bin überzeugt, daß gerade diese Stimmung auch für
Sie die beglückendste ist. Der schöne Herbst ist aber auch recht
gemacht, der Seele und dem Gemüt so viel Heiterkeit und eine so
lebendige Farbe zu geben, als ein jeder nach seinem inneren Zustande in
sich aufzunehmen fähig ist. Ich denke, ich erinnerte mich nie eines so
schönen und beständigen Oktobers und beginnenden Novembers. Im vorigen
Jahre lag um diese Zeit schon Schnee, der dann auch den ganzen Winter
liegen blieb. Jetzt ist die Luft milde wie im Sommer, und kaum daß hier
und da ein Regentag das wolkenlose Blau des klaren Himmels unterbricht.
Gestern leuchteten schon die Steine sehr hell, als ich vom Spaziergange
zurückkam, und auch heute war es noch lange nach Sonnenuntergang sehr
schön. Die Monatsrosen sind in der reichsten, üppigsten Blüte. Es ist
wirklich etwas Ungewöhnliches in dieser Witterung, als wollte der Himmel
der Erde eine Entschädigung für den letzten langen Winter angedeihen
lassen. Wie sehr ich mich aber auch freue über das schöne Wetter, so
liebe ich doch eigentlich den Herbst nicht. Die Entblätterung der Bäume
hat etwas so Trauriges und gibt der Natur, die erst überall Fülle,
Reichtum und Üppigkeit ist, den entgegengesetzten Charakter der
Dürftigkeit. Die herbstlichen Bäume haben auch für mein Gefühl etwas
noch mehr Widerwärtiges als im Winter. Dann ist die Zerstörung
wenigstens vorüber, im Herbst aber stellt sie sich noch im Werden selbst
dem Auge dar. Die armen Bäume sehen so vom Winde gezaust und mißhandelt
aus, daß man Mitleid, wie mit Menschen, mit ihnen haben möchte. Im
früheren Herbst lieben viele Leute die mannigfaltigen Farben, welche
dann das Laub annimmt. Ich habe das oft rühmen hören. Ich selbst aber
habe nie Gefallen daran finden können und hätte diese Farbenpracht gern
der Natur geschenkt. Wie viel schöner ist das allgemeine Grün des
Sommers, und man hätte sehr unrecht, dieses einförmig zu nennen. Es hat
vom Zarten und Hellen an bis zum tiefsten Dunkel so mannigfaltige
Nüancen, daß auch der Wechsel und die Schattierungen das Auge erfreuen.
Diese Farbennüancen sind aber milde und fein und nicht so grell als die
herbstlichen Farben.
Die Versicherungen, die Sie mir geben, daß Sie nicht unruhig, nicht
bekümmert sind, haben mich sehr gefreut, und ich glaube Ihnen gern. In
dem Sinne, in welchem Unruhe und Unzufriedenheit zu tadeln sind,
schreibe ich sie Ihnen auch nicht zu. Daß Sie bewegt und leicht gerührt
sind, ist natürlich und schön. Auch Müdigkeit am Leben begreife ich
sehr, obgleich ich dies Gefühl nie gehabt habe. Allein selbst ohne
unglücklich zu sein, kann das Leben leicht Müdigkeit einflößen, ich
möchte sagen, es muß es sogar, sobald es dem Menschen aufhört als ein
Fortschreiten in irgendeiner Art zu erscheinen und ihm zu einem
Rundgange wird, auf dem nun nichts Neues mehr erscheint. Auf diese Weise
fühlt man das Nichtige, was das Leben sogleich hat, als man es mit dem
höchsten Geistigen vergleicht, was aber verschwindet, solange man es als
eine Stufe zu höherem Fortschreiten ansehen kann.
Ich weiß nicht, liebe Charlotte, ob zu einer geistigen Beschäftigung,
wie ich Ihnen riet, es so vieler und so absichtlicher Zurüstungen
bedürfe. Wie ich Ihnen zuerst davon schrieb, war wenigstens das mein
Gedanke nicht. Zu dieser Beschäftigung gehört gerade Freiheit, und die
wird durch so planmäßig angelegte Lektüre gehemmt. Mir scheint eine ganz
entgegengesetzte Methode viel einfacher. Wozu soll man gerade wissen und
lernen? Es ist viel besser und viel wohltätiger, zu lesen und zu denken.
Das Lesen soll nämlich bloß den Stoff zum Denken hergeben, weil man doch
einen Gegenstand haben muß, einen Faden nämlich, an dem man die Gedanken
aneinander reiht. Hierzu braucht man aber beinahe nur zufällig ein Buch,
wie es sich findet, in die Hand zu nehmen, kann es auch wieder weglegen
und mit einem anderen vertauschen. Hat man das einige Wochen getan, so
müßte es einem an aller geistigen Lebendigkeit und Regsamkeit fehlen,
wenn man dann nicht von selbst auf Ideen geriete, die man Lust hätte
weiter zu verfolgen, Dinge, über die man mehr zu wissen verlangte; so
entsteht dann ein eigen gewähltes Studium, nicht ein durch fremden Rat
gegebenes. So, dächte ich, hätte ich es alle Frauen machen sehen, die
gern in ihrem Innern ein reges geistiges Leben führten. Sehen Sie nun
zu, da wir die Sache jetzt besprochen und von manchen Seiten überlegt
haben, welchem Vorschlage Sie folgen wollen. Schon das bloße Nachdenken
über die Wahl einer Beschäftigung ist selbst eine Beschäftigung, und die
Vorbereitungen gewähren schon einen Teil des Nutzens der Sache selbst.
Ich werde Ihnen gern bei allem, soviel ich kann, behilflich sein.
Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 23. d. M. auf die Post zu geben.
Ich wünsche von Herzen, daß Sie gesund bleiben mögen, und wenigstens
nichts Äußeres Ihre Ruhe störe. Erhalten Sie sich dann auch die innere,
und seien Sie von meiner unveränderlichen Teilnahme und Freundschaft
überzeugt. Ihr H.
_Tegel_, den 4. Januar 1831.
Da ich jetzt wenige Briefe selbst schreibe, so fiel es mir auf, als ich
die Jahreszahl hinkritzelte, denn wirklich nur Kritzeln kann ich mein
jetziges Schreiben nennen, daß ich dies in diesem Jahre zum ersten Male
tue. Nehmen Sie also auch, liebe Charlotte, meinen herzlichen
Glückwunsch an. Möge nichts Äußeres, Widerwärtiges Ihnen zustoßen, und
mögen Sie immer die nötige Stärke haben, sich die innere Ruhe zu
erhalten, wenn sie, wie man bei menschlichen Schicksalen nie eine
sichere Bürgschaft hat, einmal bedroht würde. Nach der Art, wie die
Menschen, vorzüglich die höheren Stände, leben, hat, genau genommen, der
Jahreswechsel seine wahre Bedeutung verloren. Im Grunde fängt mit jedem
Tag ein neues Jahr an. Nur die Jahreszeiten machen einen wirklichen
Abschnitt. Diese aber haben bei uns kaum auf mehr als unsere
Annehmlichkeit und Bequemlichkeit Einfluß. Mir ist aber demohngeachtet
ein neues Jahr immer eine Epoche, die mich aufs neue in mir selbst
sammelt. Ich übergehe, was ich getan habe, etwa noch tun möchte, ich
gehe mit meinen Empfindungen zu Rate, mißbillige oder billige, befestige
mich in alten, mache neue Vorsätze und bringe so gewöhnlich die elften
Tage des Jahres müßig und arbeitslos hin. Ich lächle dann selbst, daß
ich die guten Vorsätze mit Müßiggang verbringe, aber es ist nicht sowohl
Müßiggang als Muße, und diese ist bisweilen heilsamer als Arbeit. Worauf
aber diese periodischen Betrachtungen immer und gleichmäßig
zurückkommen, ist die Freude, daß ein Jahr mehr sich an das Leben
angeschlossen hat. Es ist dies keine Sehnsucht nach dem Tode, diese habe
ich schon darum nicht, weil ja Leben und Tod, unabänderlich miteinander
zusammenhängend, nur Entwickelungen desselben Daseins sind, und es also
unüberlegt und kindisch sein würde, in demjenigen, was moralisch und
physisch seinen Zeitpunkt der Reife haben muß, durch beschränkte Wünsche
etwas ändern und verrücken zu wollen. Es ist auch nicht, ja noch viel
weniger Überdruß am Leben. Ich habe dieselbe Empfindung in den
genußreichsten Zeiten gehabt, und jetzt, da ich gar keiner äußeren
Freude mehr empfänglich bin, wenigstens keine suche, aber still in mir
und der Erinnerung lebe, kann ich noch weniger dem Leben einen Vorwurf
zu machen haben. Aber der Verlauf der Zeit hat in sich für mich etwas
Erfreuliches. Die Zeit verläuft doch nicht leer, sie bringt und nimmt
und läßt zurück. Man wird durch sie immer reicher, nicht gerade an
Genuß, aber an etwas Höherem. Ich meine damit nicht gerade die bloß
trockene Erfahrung, nein, es ist eine Erhöhung der Klarheit und der
Fülle des Selbstgefühls, man ist mehr das, was man ist, und ist sich
klarer bewußt, wie man es ist und wurde. Und das ist doch der
Mittelpunkt für des Menschen jetziges und künftiges Dasein, also das
Höchste und Wichtigste für ihn. Das wird Ihnen, liebe Charlotte, mehr
und besser zeigen, wie ich es meine, wenn ich das Alter der Jugend
vorziehe. Mein eigentlicher Wunsch wäre aber, daß ich allein alt würde
und alles um mich her jung bliebe. Damit würden dann auch die anderen
zufrieden sein und gegen diese Selbstsucht keine Einwendung machen.
Ganz im Ernst zu sprechen, obgleich auch das mein Ernst ist, ich meine
nur in dem Ernst zu sprechen, den auch andere dafür nehmen würden -- so
bin ich weit entfernt zu verkennen, daß die Jugend im gewissen und im
wahren Sinne eigentlich nicht bloß schöner und anmutiger, sondern auch
in sich mehr und etwas Höheres ist als das Alter. Eben weil wenig
einzelnes entwickelt ist, wirkt das Ganze mehr als solches; auch
entwickelt das Leben nicht immer alle Anlagen, oft nur wenige, da ist
dann die Jugend wirklich mehr. Auch liegt da in beiden Geschlechtern ein
großer Unterschied. Dem Manne wird es viel leichter, den Schein und
selbst die Wirklichkeit zu gewinnen, als sei er im Alter mehr und viel
mehr geworden. Man schätzt in ihm viel mehr die Eigenschaften, die
wirklich dem Alter mehr angehören, und erläßt ihm die Frische und den
Reiz der jüngeren Jahre. Er kann immer Mann bleiben und selbst mehr
werden, wenn er auch die körperliche Kraft sehr einbüßt. Bei Frauen ist
das nicht ganz der Fall, und die Strenge der Willensherrschaft, die Höhe
der freiwilligen Selbstverleugnung, durch die das weibliche Alter sich
eine so jugendliche Kraft erhalten kann, haben nur wenige den Mut sich
anzueignen. Allein auch in Frauen bewahrt das Alter vieles, was man in
ihrer Jugend vergebens suchen würde, und was jeder Mann von Sinn und
Gefühl vorzugsweise schätzen wird.
Über Ihre Beschäftigung mit Palästina freue ich mich sehr. Es ist Ihnen
gewiß wohltätig, nicht ewig mit derselben Arbeit beschäftigt zu sein und
nicht, wenn Sie dieselbe verlassen, sich wieder bloß Selbstbetrachtungen
zu überlassen, sondern sich mit einem äußeren, den Geist anziehenden
Gegenstand zu beschäftigen. Man kehrt durch einen solchen dennoch
mittelbar in sich zurück.
In dem, was Sie über den Unterschied zwischen der neueren Geschichte und
dem Altertum sagen, stimme ich Ihnen vollkommen bei. Man befindet sich
auf einem ganz anderen Boden im Altertum. Es erging zwar den Menschen in
jenen fernen Jahrhunderten auch wie uns jetzt. Aber die Verhältnisse
waren natürlicher, einfacher, und wurden, was die Hauptsache ist,
frischer aufgenommen, ergriffen, behandelt und umgestaltet. Auch ist die
Darstellung würdiger, hinreißender und vor allem poetischer, die Poesie
war damals noch wahre Natur, nicht eine Kunst, sie war noch nicht
geschieden von der Prosa. Dies poetische Feuer, diese Klarheit
anschaulicher Schilderung verbreitet sich nun für uns über das ganze
Altertum, das wir nur durch diesen Spiegel kennen. Denn allerdings
müssen wir uns sagen, daß wir wohl manches anders und schöner sehen, als
es war. Ich will damit nicht geradezu sagen, daß die Art, wie die Dinge
erzählt werden, unrichtig sei. Das nicht. Aber das Kolorit ist ein
anderes. Wir sehen die Menschen und ihre Taten in anderen Farben. Auch
fehlen uns eine Menge kleiner Details, wir sehen nicht alle, oft nur die
hervorstechenden, wenn auch nicht mit Fleiß ausgewählten Züge. So wird
alles überraschender und kolossaler.
Ich vermute, daß Sie bei dem schönen, gelinden und oft sonnigen Wetter
auch täglich Ihren Garten besuchen. Ich lasse keinen Tag ohne
Spaziergang vorübergehen. Die Sonne aber entgeht mir bisweilen, da ich
mich in meinen Spaziergängen nicht nach ihr richte. Ich gehe immer
Sommers und Winters am Nachmittag, und die Sonne versteckt sich hier in
diesen Tagen um Mittag in Nebel.
Meine Gesundheit, denn ich sehe, daß ich noch nicht von ihr gesprochen,
ist sehr gut. Ich habe bis jetzt in diesem Winter nicht einmal einen
Schnupfen gehabt. Ich könnte also nur über Altersschwächen klagen; diese
sind aber natürlich, und ich ertrage sie, ohne mich über sie zu wundern.
Ich bitte Sie, liebe Charlotte, Ihren nächsten Brief am 25. d. M. zur
Post zu geben. Leben Sie nun recht wohl und rechnen Sie immer auf meine
unveränderliche Teilnahme. H.
_Tegel_, den 6. April 1831.
Ich habe diesmal, liebe Charlotte, keinen Brief von Ihnen seit meinem
letzten bekommen, habe also keinen zu beantworten vor mir. Der Grund
Ihres Nichtschreibens könnte in Ihren Augen liegen, was mich sehr
schmerzen sollte, dann hätten Sie aber doch wohl einige Zeilen
geschrieben; auch wenn Sie krank geworden, würden Sie es mir gewiß
gesagt haben. Die natürlichste Vermutung über die Gründe Ihres
Stillschweigens scheint mir daher die, daß Sie gefürchtet haben, mir
gerade in den Wochen zu schreiben, wo der Verlust mich traf, in den
seitdem meine Seele einzig versenkt ist. Ich danke Ihnen in der Tiefe
meiner Seele für diese Zartheit. Ihr Brief würde mir zwar gleiche Freude
gemacht haben als alle anderen. Man feiert die Toten nicht würdig durch
verringerte Teilnahme an den Lebendigen, oder wenn man sich entzieht,
ihnen hilfreich zu werden, und am wenigsten paßt das für die, welche ich
betraure. Aber die Empfindung in Ihnen ist so natürlich, sie entspricht
so sehr Ihrem Gefühl und Ihren Gesinnungen, ist so edel und zart, daß
sie mich lebhaft gerührt hat.
Ich bin den ganzen März hindurch nur einen Tag in Berlin gewesen und
habe hier, teils allein, teils mit meinen Kindern, einer
beneidenswürdigen Ruhe genossen. Auch war das Wetter nur selten
unfreundlich, und es hat mich nicht gehindert, täglich auszugehen. Jetzt
beginnt der Frühling sehr schön, und ich denke mir, daß auch Sie dies
jugendliche Erwachen der Natur in Ihrem Garten genießen. Ich weiß nicht,
ob Sie auch wohl darauf geachtet haben, was ich in sehr verschiedenen
Klimaten, auch in Spanien und Italien, gefunden habe, daß, wenn die
Tage auch noch so regnerisch sind, sich der Himmel aufhellt um die Zeit
des Sonnenunterganges. Meist hört der Regen auf eine halbe Stunde vor
und nach Sonnenuntergang. Dies ist auch die gewöhnliche Zeit meiner
Spaziergänge. Die Wolkenerscheinungen sind dann die größten, schönsten
und glänzendsten, und seit meiner Kindheit machen sie den größten Teil
meiner Freude an der Natur aus. Wie man auch darüber nachdenken mag, ist
es schwer zu sagen, worin der Reiz eigentlich besteht. Gewiß ist es
nicht das sinnliche Farbenspiel, wie schön und prachtvoll es auch ist,
allein. Das mannigfache Schauspiel am Himmel regt die Seele tiefer und
lebendiger an, als es jeder irdische Reiz tun könnte. Daß es vom Himmel
kommt, zieht wieder zum Himmel hin. Freilich allemal wehmütig, aber doch
groß und im Tiefsten ergreifend ist das allmähliche Verglühen der
Farben, das Ersterben des Glanzes, der zuletzt, noch ehe er der
Dunkelheit Platz macht, von einem falben Grau überzogen wird. Ich kann
mich dabei nie erwehren, an etwas Ernsteres und Wichtigeres zu denken.
Es gibt zwar vorzüglich in den höher und innerlich Gebildeten, aber mehr
oder minder doch in allen, eine Menge von Gedanken, die nie zu einer Tat
werden, nie ins wirkliche Leben treten, sondern still und nur dem
bewußt, der sie hat, im Busen verschlossen bleiben. Es entspringt aber
aus ihnen, und oft viel mehr als aus Reden und Taten, Freude und Leid,
Glück und Elend. Ihr Hin- und Herfluten im Gemüte, die Bewegung, in die
sie versetzen, läßt sich in vielem jenen farbig flammenden
Himmelserscheinungen vergleichen. Für den Ernst des äußeren Lebens sind
sie wirklich, sich mit ihm nicht mengend, luftige Wolkengebilde. Sie
verschwinden auch wie diese und lassen in der Seele eine Kühle und Leere
zurück, die sich dem Grau der Dämmerung und dem Dunkel der Nacht
vergleichen läßt. Sind sie aber darum dahin? Kann das, was das Gemüt so
bewegt, so aus seinem innersten Grunde erschüttert hat, ganz wieder
untergehen? Dann könnte der ganze Mensch selbst vielleicht auch nur eine
vorübergehende Wolkenerscheinung sein. Sie werden mir einwenden, daß es
auf jeden Fall, wie alles, was einmal im Gemüt gewesen ist, auf dieses,
auf den Geist und Charakter zurückwirkt und in dieser Zurückwirkung
fortlebt. Allein das ist doch nicht genug. Es müßte doch von bestimmten
Seelenbewegungen auch etwas Bestimmtes ausgehen. Diese Gedanken
ergreifen mich meistenteils, wenn ich den Himmel am Abend oder vor oder
nach einem Gewitter ansehe. Ich habe aber, wenn ich es gleich nicht
erklären und beweisen kann, ein festes Ahnungsgefühl, daß jene
Gedankenerscheinungen auf irgendeine Weise wieder aufflammen und einen
Einfluß ausüben, der bedeutender ist als gewöhnlich so hochgeachtete
Reden und Handlungen. Der Mensch muß sich nur ihrer würdig erhalten,
auf der einen Seite nicht trocken und nüchtern, auf der anderen Seite
nicht schwärmerisch und wesenlos werden, vor allen Dingen aber
selbständig sein, die Kraft besitzen, sich selbst zu beherrschen, und
den inneren Gang seiner Gedanken allem äußeren Genuß und Treiben
vorziehen.
Indem ich auf das Geschriebene zurücksehe, muß ich Sie, liebe Charlotte,
ordentlich um Verzeihung bitten, Ihnen so allgemeine Dinge und
Betrachtungen zu schicken. Aber es ist dies neben dem Andenken an die
Vergangenheit, die nie für mich zurückkehren kann, das einzige, worin
ich lebe. Solche Ideen schließen sich an meine wissenschaftlichen
Berührungen an, und so haben Sie den ganzen Kreis, worin ich lebe, wenn
ich in mir sein kann, und aus dem ich nur halb und geteilt herausgehe,
wenn mich Pflicht oder freiwillige Sorge für andere herausruft. Diese
Art zu sein hat sich ohne mein Zutun in mir gestaltet. Ich bin mir
bewußt, daß ich sie nicht absichtlich hervorgerufen habe. Ich würde auch
nicht entgegenarbeiten, wenn ich plötzlich fühlte, daß es anders in mir
würde, daß ich wieder Lust an den Dingen hätte, die mich vor jenem
Schlage erfreuten, daß ich mich wieder freiwillig ins Leben mischte, daß
ich anderer Freude fähig sei, als die ich aus mir selbst und der
Vergangenheit schöpfe, so würde ich mich frei darin gehen lassen, wenn
ich mir auch selbst gestehen müßte, daß diese Änderung meine innere
parteilose Billigung nicht erhalten könnte. Ich denke nicht einmal
daran, ob meine jetzige Stimmung mich bis ans Ende meiner Tage
begleiten, oder ob die Zeit, wie die Leute so und nicht ganz mit Unrecht
sagen, auch meine Gefühle abstumpfen und abändern wird. Ich bin hierin
nicht bloß allem Affektierten, sondern auch allem Absichtlichen feind.
Kann das Gefühl, das ich, seit ich eine solche Verbindung kannte, immer
gehabt habe, daß es eine innere Verbindung zwischen Menschen gibt, deren
Auflösung dem Zurückbleibenden alle Fähigkeit, alle Neigung und allen
Wunsch nimmt, anderswoher Glück und Freude zu schöpfen, als aus sich
selbst und dem Andenken, kann, sage ich, dies Gefühl untergehen, so möge
es plötzlich verschwinden oder nach und nach ersterben. Im Reiche der
Empfindungen muß nichts länger leben, als es innere Kraft zu leben hat.
Bis jetzt ist es nur immer in mir gewachsen, und ich verdanke ihm alles,
was ich seit jener gewaltsamen Zerreißung an innerer Stärke, Beruhigung
und wirklicher Heiterkeit genossen habe, und was mir kein Mensch auf
Erden, selbst meine Kinder nicht, ohne jenes Gefühl hätten geben können.
Ich empfinde die Wohltätigkeit dieses Gefühls auch an der größeren
Klarheit und Sicherheit meiner Ideen und Empfindungen. Denn, wenn ich
auch zu manchen äußeren Geschäften weniger geschickt sein mag als sonst,
so fühle ich dagegen deutlich, daß meine Ideen in jeder Rücksicht
lichtvoller und fester geworden sind.
Ich bestimme Ihnen heute keinen Tag zum Schreiben, da mein Wunsch und
meine Bitte dahin geht, daß Sie mir so bald schreiben mögen, als Sie
können. Mit unveränderlicher Teilnahme und Freundschaft der Ihrige.
H.
_Tegel_, den 6. Mai 1831.
Unmittelbar nach dem Abgang meines letzten Briefes an Sie, liebe
Charlotte, empfing ich den Ihrigen und ersah daraus, daß ich die Ursache
Ihres verzögerten Schreibens richtig erraten hatte. Bald darauf erhielt
ich auch Ihren zweiten Brief.
Ich habe Sie längst befragen wollen, liebe Charlotte, ob Sie je
Schillers Leben von Frau von Wolzogen gelesen haben. Wo nicht, so rate
ich Ihnen, das Buch ja bald zu lesen. Ich glaube nicht, daß es ein
zweites so schön geschriebenes, so geistvoll gedachtes und so tief und
zart empfundenes Buch gibt. Ein Mann könnte garnicht so schreiben, wenn
er auch sonst vorzüglich von Kopf und Gemüt wäre. Unter allem, was ich
bisher von Frauen gelesen habe, weiß ich nichts damit zu vergleichen.
Außerdem sind viele Briefe von Schiller in dem Werke, und unter diesen
vortreffliche. Das Buch wird Ihnen Freude machen.
Was ist Poesie? -- sagen Sie und setzen hinzu, ich denke, man muß sie
empfinden. -- Ich bin ganz Ihrer Meinung. Wer recht lebendig empfindet
(denn empfunden muß und kann es eigentlich nur werden), daß etwas
poetisch ist, bedarf nicht der Erklärung, und wer kein Gefühl dafür hat,
dem kann alle Erklärung durch Worte nicht helfen. Insoweit es möglich
ist, hat es gewiß Schiller getan, der mehr als irgend jemand die Gabe
besaß, in Worte zu kleiden, was in seiner eigentümlichen Natur dem
Ausdruck widerstrebt. Beispiele erklären es schon besser. Nehmen wir
zwei gleichzeitige Dichter, die Sie gleich gut kennen, Gellert und
Klopstock. Beide sind miteinander zu vergleichen, weil sie beide
geistliche Stoffe behandelt haben, weil sie gewiß beide von gleich edler
Frömmigkeit und gleich reiner Tugendliebe beseelt waren, und endlich
auch, weil sie eine große und tiefe Wirkung auf die Gemüter und die
Herzen ihres Zeitalters hervorgebracht haben. Aber gewiß sind Sie meiner
Meinung, daß in Klopstock ein ungleich höherer Schwung ist, daß man bei
seinen Worten mehr denkt, von ihnen mehr hingerissen wird. Gellerts
Verse sind nur gereimte Prosa, Klopstock war durchaus eine poetische
Natur. -- Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 24. abzusenden. Leben
Sie herzlich wohl. Mit der aufrichtigsten Teilnahme und Freundschaft der
Ihrige. H.
_Tegel_, den 3. Juni 1831.
Ihr Brief vom 22. bis 25. vor. Monats ist mir allerdings so spät
zugekommen, daß mich sein Ausbleiben wunderte. Ich wußte diesmal
garnicht, welcher Ursache ich Ihr Stillschweigen zuschreiben sollte.
Doch hatte ich keine Besorgnis vor Krankheit, weil ich mich darauf
verlasse, daß Sie mir, liebe Charlotte, in einem solchen Fall immer,
wenn auch noch so wenige Worte sagen werden. Desto mehr habe ich mich
jetzt gefreut, einen ausführlichen Brief zu erhalten. Wenn ich dies
sage, meine ich nur, daß ich die Blätter von Ihrer Hand immer gern lese,
und immer, was Sie betrifft, es sei erfreulich, oder es sei das
Gegenteil, mit wahrer und aufrichtiger Teilnahme mitgeteilt erhalte.
Denn sonst konnte mich das, was Sie mir darin über den neuen Verlust,
der Sie betroffen, und die Stimmung, in welche Sie dieser Trauerfall
versetzt hat, nur schmerzlich berühren. Auch ganz ohne die Familie zu
kennen, hat der Todesfall dieser jungen Person etwas ungemein Rührendes.
Er ist sichtbar eine Folge des Todes der Schwester und der, aus Liebe
für die Dahingegangene, zu beschwerlich in der Besorgung der Kinder und
des Hauswesens übernommenen Anstrengung. Beides vereinigt hier alles,
was das Bedauernswürdige des Falles vermehren kann. Sie sagen, daß ein
so früher Tod beneidenswert sei, der eine schöne, reine, frische Blüte
bricht, ehe der rauhe Nord sie erstarrt, und Sie kommen auch in einer
andern Stelle Ihres Briefes hierauf zurück. Ich erinnere mich sehr wohl,
das gleiche Gefühl vor vielen Jahren bei dem Tode meines ältesten
Sohnes, eines damals zehnjährigen Knaben, gehabt zu haben. Er starb in
Rom, wo er auch an einem schönen Orte unter nun großen schattigen Bäumen
begraben liegt. Er war ein wunderschönes, verständiges, gutes Kind und
ging aus einer plötzlichen und schnell endenden Krankheit in vollem
Frohsein und voller Heiterkeit hinüber. Ich erkenne daher sehr die
Wahrheit jenes Gefühls, allein das Leben hat doch auch seinen Wert,
selbst wenn es der Freuden weniger gibt oder gegeben hat. Es stärkt die
Kraft, es reift das Gemüt, und ich kann mir wenigstens die Überzeugung
nicht nehmen, daß das Wichtigste für den Menschen der Grad der inneren
Vollkommenheit ist, zu dem er gedeiht. Dazu aber trägt das Leben selbst
in seinen Stürmen, und seinen rauhen Stürmen, mächtig bei. Alle diese
Betrachtungen sind aber nur bis auf einen gewissen Punkt trostreich und
beruhigend. Der Verlust geliebter Personen bleibt in sich unersetzlich,
und der Kummer und Gram darum lindert sich, wie ich sehr gut weiß und
empfinde, durch keine Betrachtungen, eher noch in manchen Fällen und bei
manchen Gemütern durch den ruhigen Verlauf der Zeit. Da Sie schon sehr
einsam leben, so begreife ich noch mehr und fühle noch lebhafter, wie
dieser unerwartete Verlust Sie auf einmal noch viel schmerzlicher
trifft. Wenn die Aufrichtigkeit und die Wärme meiner Teilnahme dazu
beitragen kann, Ihrem Kummer Linderung zu gewähren, so zählen Sie mit
Sicherheit auf beide. Sie kennen meine Gesinnungen für Sie, Sie wissen,
daß dieselben vom ersten Augenblicke an, wo Sie sich nach einer
bedeutenden Reihe von Jahren an mich wandten anteilvoll und wohlwollend
gewesen sind, ob gleich ich in der ganzen Zwischenzeit nichts von Ihnen
wußte, und unsere Jugendbekanntschaft nur das Werk weniger Tage war.
Dieser Ihnen aus dem reinen Wunsche, wohltätig und erheiternd auf Sie,
Ihre Stimmung und Ihr Leben einzuwirken, gewidmete Anteil wird Ihnen
bleiben, und Sie können sich versichert halten, daß er sich bei jedem
kleineren und größeren Vorfall Ihres Lebens aufs neue beweisen wird. Je
mehr ich in mir selbst lebe, je mehr ich in dem Zustand bin, nichts von
außen empfangen zu wollen, je freier ich mich in die Lage versetzt habe,
ohne alle Rücksicht jede Gemeinschaft, außer der mit meinen Kindern,
zurückzuweisen, desto freier, reiner und forderungsloser ist auch mein
Anteil an denen, von welchen ich weiß, daß sie ihn gütig aufnehmen und
daß er ihnen Freude macht. Ich sehe und empfinde die Ereignisse des
Lebens jetzt mehr in anderen als in mir selbst, ich bin ruhig und in
Erinnerungen und Betrachtungen, wenn auch oft wehmütig, dennoch heiter.
Meine Freunde und Bekannten, die das wissen, lassen mich gewähren und
stören mich in diesem abgeschlossenen Kreise nicht; aber mein Anteil an
Ihnen und Ihrem Schicksal ist gleich groß.
Über meine Gesundheit kann ich Ihnen nur Gutes sagen. Ich kann über
keine Kränklichkeit, nur über die Schwächlichkeiten klagen, die Sie
längst kennen. Sie rühmen, liebe Charlotte, meine feste Hand und freuen
sich darüber. Ihr Urteil hierin ist auch mir darum um so wichtiger, als
Sie die erste waren, die mich auf die Schwäche und das Zitterhafte
meiner Hand aufmerksam machte. Ich wunderte mich damals darüber, wie
einer, der etwas von sich erfährt, was er selbst nicht gewußt hat, ich
bemerkte aber, daß Ihre Bemerkung ganz richtig war. Ich habe seit dem
Winter etwas gebraucht, was das Zittern der Glieder und die Schwäche der
Hand heben soll. Gegen das erste hat es sichtbar geholfen, vielleicht
auch gegen das letzte, doch glaube ich das eigentlich nicht. Was Ihnen
den Eindruck gemacht, schreibe ich mehr der Methode zu, die ich
angenommen habe, wie die Kinder auf Linien zu schreiben, dies hält die
Züge und die Hand mehr in Ordnung. Mein Arzt schließt aus der Wirkung
der verordneten Mittel, daß die Ursache der Schwäche im Rückgrat liegt,
und rät zum Gebrauch eines kräftigen Seebades. Ich werde also in diesem
Sommer nicht Gastein, sondern Norderney gebrauchen. Sie wissen wohl, daß
dies eine Insel ist, welche der Stadt Aurich in Ost-Friesland gegenüber
liegt. Meine älteste Tochter wird mich begleiten, und ich werde eine
Reise auf eines meiner Güter damit verbinden.
Leben Sie herzlich wohl; mit dem innigsten
Anteil der Ihrige. H.
_Oschersleben_, den 3. Juli 1831.
Ich sehe aus Ihrem Briefe, daß Sie Ihren Reiseplan aufgegeben haben, und
kann das nur billigen. Solange man noch in seinen häuslichen
Gewohnheiten ruhig ist, fühlt man in diesen wohl eine gewisse ermüdende
Einförmigkeit, die auf eine Reise mit Vergnügen hinblicken läßt. Wenn
aber der Zeitpunkt kommt, sich loszureißen, so fühlt man alles
Beschwerliche und Unerfreuliche, das nicht heimisch scheint, und lernt
erst den Wert der gewöhnlichen Existenz in alledem erkennen, was einen
alle Tage umgibt. Ich selbst habe mich diesmal höchst ungern zur Badekur
entschlossen und hätte es nicht getan, wenn ich nicht glaubte, daß ohne
die Kur die Schwächlichkeiten, an denen ich leide, und die doch meine
freie Tätigkeit hemmen, zu sehr anwachsen könnten. Interesse finde ich
an der Reise garnicht. Einige Menschen in den Orten, durch die ich
reise, sehe ich allerdings gern wieder, aber das wiegt doch die vielen
anderen Unbequemlichkeiten, und besonders den Zeitverlust, nicht auf. Zu
dem allen kommt die Ungewißheit der Zeiten.
Sie reden in Ihrem Briefe über den Wert des Lebens und äußern, daß ihn
die geschwächten Kräfte des Alters noch mindern. Wenn man von dem
Glückswert des Lebens spricht, so gebe ich gern zu, daß man ihn nicht
immer hoch anschlagen kann. Ich behaupte sogar, daß alle, die ungefähr
in meinem Alter sind, von der jetzigen Zeit wenig oder nichts
Erfreuliches zu erwarten haben können, denn in allem, was das
menschliche Leben äußerlich angeht, trüben sich die Aussichten,
verwirren sich die Begriffe bis zu den verschiedensten Meinungen, und
die Jahre, die ich noch zu leben habe, werden nicht hinreichen, dies zu
lösen. Ist es aber recht und erlaubt, den Wert des Lebens wie den eines
andern Guts zu schätzen? Das Leben ist dem Menschen von Gott gegeben, um
es auf eine ihm wohlgefällige pflichtgemäße Weise anzuwenden und im
Bewußtsein dieser Anwendung zu genießen. Es ist uns allerdings zum Glück
gegeben. Dem Glück ist aber immer die Bedingung gestellt, daß man es
zuerst, und wenn die mancherlei Tage Prüfungen mit sich führen, allein
in der mit Selbstbeherrschung geübten Pflicht finde. Ich frage mich
daher nie, welchen Wert das Leben noch für mich hat, ich suche es
auszufüllen und überlasse das andere der Vorsehung. Die Schwächung,
welche die Kräfte durch das Alter erfahren, kenne ich sehr wohl aus
eigener Erfahrung, aber ich möchte darum nicht zurücknehmen, was ich
Ihnen neulich schrieb, daß der Zweck des Lebens eigentlich der ist, zu
der höchsten, dem inneren Geistesgehalt des Individuums, von dem die
Rede ist, den Umständen und der Lebensdauer angemessenen Erkenntnisreife
zu gedeihen. Es gibt allerdings Fälle, wo das Alter alle Geisteskräfte
vernichtet. So war es mit Campe, der die letzten fünf Jahre seines
Lebens hindurch bloß vegetierte, und von dem man kaum sagen konnte, daß
er wieder zum Kindesalter zurückgekehrt war. Über diese Fälle ist nichts
zu sagen. Der Mensch hört in ihnen menschlich auf zu sein, ehe er
physisch stirbt. Sie sind aber glücklicherweise selten. Die gewöhnlichen
Altersschwächen gehen mehr den Körper an, und im Geiste bleibt die Kraft
des Entschlusses, seine Schnelligkeit und Ausdauer, das Gedächtnis, die
Lebendigkeit der Teilnahme an äußeren Begebenheiten. Das in sich
gekehrte Denkvermögen und das Gemüt bleiben nicht nur in den meisten
Fällen ungeschwächt, sondern sind reiner und minder getrübt durch
Verblendung und Leidenschaften. Gerade aber diese Kräfte sind es, die am
besten und sichersten zu der oben erwähnten Reife der Erkenntnis führen.
Sie wägen in den höheren Jahren, die keine Ansprüche mehr an Erfolge des
Glücks und Veränderung der Lage machen, am richtigsten den wahren Wert
der Dinge und Handlungen ab und knüpfen das Ende des irdischen Daseins
an die Hoffnung eines höheren an; sie läutern die Seele durch die ruhige
und unparteiische Prüfung dessen, was in ihr im Leben vorgegangen ist.
Niemand muß glauben, mit dieser stillen Selbstbeschäftigung schon fertig
zu sein. Je mehr und anhaltend man sie vornimmt, desto mehr entwickelt
sich neuer Stoff zu derselben. Ich meine damit nicht ein unfruchtbares
Brüten über sich selbst, man kann dabei tief mit seinen Gedanken in der
Zeit und der Geschichte leben, aber wenn man dies tut, was nicht
notwendig ist, meine ich nicht das Ziehen jedes Gedankenstoffes in den
Kreis der Irdischkeit, sondern in den höheren, dem der Mensch
vorzugsweise in seinen spätesten Jahren angehört. Denn dieser zweifache
Kreis ist dem Menschen sichtbar angewiesen. In dem einen handelt er, ist
er geschäftig, trägt er im Kleinsten und Größten zu den
Menschenschicksalen bei, davon aber sieht er niemals das Ende, und darin
ist nicht er der Zweck. Er ist nur ein Werkzeug, nur ein Glied der
Kette, sein Faden bricht oft im entscheidendsten Moment ab, der des
Ganzen läuft fort. In dem andern Kreise hat der Mensch das Irdische,
nicht dem Erfolg, sondern nur der Idee nach, die sich daran knüpft, zum
Zweck und geht mit diesem Streben über die Grenzen des Lebens hinaus.
Dieses Gebiet ist nur dem einzelnen, aber jedem Menschen für sich
angewiesen. Die Nationen, das Menschengeschlecht im ganzen, strömen bloß
im Irdischen fort. Jeder Mensch dreht sich, wenn er auf sich achtet,
immer in diesen beiden Kreisen herum, aber dem Alter ist der höhere und
edlere mehr eigen, und nicht ohne Grund befallen den Menschen
Altersschwächen, er widmet sich, dadurch gemildert und beruhigt, jenen
höchsten Betrachtungen.
Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 20. Juli zur Post zu geben und
nach Norderney über Aurich zu adressieren. Ich habe diesen Brief im
Hause meines Pächters angefangen und schließe ihn heute, den 6. Juli, in
Zelle. Meine Reise ist, wie es eine so unbedeutende Reise natürlich ist,
ohne alle Abenteuer gewesen. Mit unveränderlicher Teilnahme der Ihrige.
H.
_Norderney_, den 26. Juli 1831.
Es kommt mir ordentlich wunderbar vor, liebe Charlotte, nachdem ich
Ihnen mehrere Sommer von den Gebirgen von Gastein aus geschrieben, es
nun von den niedrigen Dünen und der flachen Küste der Nordsee zu tun. Es
interessiert Sie aber wohl auch, imstande zu sein, sich einen Begriff
von dem Seebade und meinen Umgebungen zu machen. Zuerst werden Sie, nach
Ihrer Teilnahme an mir, von meinem Befinden zu hören wünschen. Bis jetzt
kann ich Ihnen nur das Beste davon sagen, und da ich schon heute das
vierzehnte Bad genommen, so hoffe ich, daß mein Befinden ferner gut
bleiben wird, obgleich man freilich von Erfolg und Wirkung einer Badekur
erst urteilen kann, wenn sie beendet ist. Aber das Gefühl der
allgemeinen Belebung und Erfrischung, die Freiheit des Kopfes und die
Leichtigkeit in allen Gliedern, unmittelbar wenn man aus der See kommt,
habe ich bis jetzt vollkommen. Das Übrige und Wesentlichere hoffe ich um
so mehr, als meine Forderungen an die Kur höchst mäßig sind. Ich bin
vollkommen zufrieden, wenn das Übel, um dessenwillen der Arzt wollte,
daß ich dies Bad nehmen sollte, im nächsten Jahre nicht zunimmt. Ich bin
nicht so betört und nicht so unbescheiden gegen das Schicksal, an eine
wirkliche Heilung zu denken. In höheren Jahren muß man sich darauf
gefaßt machen, gewisse Unbequemlichkeiten in seine Existenz als
unvermeidlich und unabänderlich aufzunehmen. Der menschliche Organismus
und die im Laufe der Zeit natürliche Vergänglichkeit lassen das nicht
anders zu, und die Unbequemlichkeiten, an denen ich leide, sind
überdies, gegen die anderer Menschen gehalten, so leidlich, daß ich
doppelt strafbar sein würde, dadurch ungeduldig gemacht zu werden.
Die Luft wird hier, selbst bei heiterem Sonnenschein, auch in diesem
Monat unaufhörlich durch frische Seewinde abgekühlt, die das Meer bald
nur lieblich kräuseln, bald in hohen Wellen bewegen. Dieser Anblick des
Meeres ist für mich hier dasjenige, was dem Aufenthalt seinen eigenen
Reiz gibt. Ich besuche den Strand gewöhnlich jeden Tag mehr als einmal
außer dem Baden und oft auf Stunden. So einfach die Bewegung des Meeres
scheint, so ewig anziehend bleibt es, ihr zuzusehen. Man kann es nicht
mit Worten ausdrücken, was einen gerade daran fesselt, aber die
Empfindung ist darum nicht weniger wahr und dauernd. Viel trägt gewiß
die Unermeßlichkeit der Erscheinung, der Gedanke des Zusammenhanges des
einzelnen Meeres, an dessen Küste man steht, mit der ganzen, Weltteile
auseinander haltenden Masse bei. Diese malt sich wirklich, kann man
sagen, in jeder einzelnen Welle. Das Dunkle, Unergründliche der Tiefe
tut auch das ihrige hinzu, und nicht bloß das der Tiefe, sondern auch
das Unerklärliche, Unverständliche dieser wilden und unermeßlichen
Massen der Luft und des Wassers, deren Bewegungen und Ruhe man weder in
ihren Ursachen, noch in ihren Zwecken einsieht, und die doch wieder
ewigen Gesetzen gehorchen und nicht die ihnen gezogenen Grenzen
überschreiten. Denn die bewegtesten Wellen des Meeres laufen in
spielenden Halbkreisen schäumend auf dem flachen Lande aus. Schade ist
es, daß man hier das Meer nirgends aus den Häusern oder doch nur sehr
unvollkommen aus Bodenkammern sieht. Die ganze Insel ist von Dünen,
niedrigen Sandhügeln, umgeben, die man immer erst übersteigen muß, ehe
man an das Ufer kommt. Auf diesen geht man dann aber auch, wenn es die
Zeit der Ebbe ist, besser wie es sonst irgend auf dem Lande möglich ist.
Der Boden ist fest wie eine Tenne, und doch elastischer und minder hart.
Zwischen diesem in der Zeit der Flut immer bespritzten Strande und den
Dünen ist tiefer Sand, und wo diese Strecke sehr breit ist, da gleicht
die Insel einer afrikanischen Wüste. Ein Bach ist nirgends, nur teils
gegrabene, teils natürliche Brunnen süßen Wassers. Aber auch dies Wasser
ist nicht sonderlich gut. In der Mitte, von den Dünen eingeschlossen,
sind aber grüne Anger und Wiesen, auf denen Vieh weidet. Wirklich hohe
Bäume hat die Insel garnicht, nur Gesträuch; höherem Wuchs widersetzen
sich die Stürme, aber von diesem Gesträuch sind ganz hübsche Bosketts
und einige gegen Sonne und Wind schützende Laubengänge angelegt. Es gibt
auf der ganzen Insel nur ein, aber sehr ansehnliches Dorf. In diesem
wohnen auch die Badegäste, in kleinen, aber sehr reinlichen Wohnungen.
Die Einrichtung ist hier schon mehr holländisch und englisch. Was diesen
Fischer- und Schifferhäusern, denn das sind die Bewohner größtenteils,
von außen ein gefälliges Äußere und innerlich Freundlichkeit und Licht
gibt, ist, daß die Fenster sehr groß sind, hölzerne Kreuze und große,
helle und gut gehaltene Glasscheiben haben, viel besser, als dies bei
uns manchmal selbst in größeren Städten der Fall ist. Ein Haus gehört
der Badeanstalt selbst, in diesem wohne ich, es ist aber klein und
gewährt wenig Vorzüge gegen die Wohnungen bei den Dorfbewohnern. Die
Badegesellschaft ist ziemlich zahlreich, obgleich die Furcht vor der
Cholera viele abhält, in diesem Jahr die Ost- und selbst die
Nordseebäder zu besuchen. Für das Zusammenkommen der Badegäste gibt es
ein eigenes Gebäude mit Versammlungssälen zum Speisen und zu
Abendgesellschaften. Ich esse aber in meiner Wohnung und bin erst einmal
in jenem Saale gewesen. Doch gibt es einzelne Personen, die mich und die
ich besuche. Was den Aufenthalt in diesem und in allen Seebädern in
Vergleichung mit anderen Bädern angenehmer macht, ist der Umstand, daß
man hier nicht von so schweren Kranken und von so großen
Krüppelhaftigkeiten hört und noch weniger sieht. Gegen solche Übel ist
das Seebad nicht geeignet, und da es auch immer, um Gebrauch davon
machen zu können, noch gewisse Kräfte voraussetzt, so können so sehr
kranke Personen es nicht benutzen. Ich sehe nur einen Mann hier, der auf
Krücken geht und sich, da der Weg zum Badestrande vom Dorfe nicht ganz
nahe ist, in einer Sänfte hintragen läßt. So können Sie sich nach der
ausführlichen Beschreibung meines hiesigen Aufenthaltes ein
anschauliches Bild meines Lebens machen.
Ich habe noch keinen Brief von Ihnen erhalten, glaube aber gewiß, daß
ich morgen, wo Posttag für ankommende Briefe ist, einen erhalten werde.
Ich lasse indes den meinigen immer abgehen. Die Briefe bleiben hier
ungewöhnlich lange aus. Ich bitte Sie, mir am 5. August hierher, wie ich
Ihnen neulich schrieb, über Aurich zu schreiben. Mit der herzlichsten
Teilnahme Ihr H.
_Tegel_, den 1. Januar 1832.
Ich bin fortdauernd sehr wohl und kann auch weniger über Schwächlichkeit
klagen als sonst. Das Seebad hat mir offenbar wohlgetan, nur mit dem
Schreiben geht es gleich langsam und schlecht, und die Stumpfheit der
Augen nimmt doch zu. --
Sie freuen sich, daß ich mich wieder heiter dem Leben zuwende, und da
Sie liebevollen Anteil an mir nehmen, so können Sie sich allerdings
meiner größeren Kräftigkeit freuen. Mit dem heiteren Zuwenden zum Leben
aber ist es eine eigene Sache. Es ist wahr und nicht wahr zugleich. Ich
hatte mich niemals vom Leben abgewendet, dies zu tun ist ganz gegen
meine Gesinnung; solange man lebt, muß man das Leben erhalten, sich ihm
nicht entfremden, sondern darin eingreifen, wie es die Kräfte und die
Gelegenheit erlauben. Das Leben ist eine Pflicht, die man erfüllen muß;
man ist allerdings in der Welt, um glücklich zu sein, aber der
Gutgesinnte findet sein höchstes Glück in der Pflichterfüllung, und der
Weise trauert nicht, wenn ihm auch kein anderes wird, als was er sich
selbst zu schaffen imstande ist. In einem anderen Sinne aber dem Leben
zugewendet habe ich mich nicht. Die Änderung, die das Gefühl größerer
Kräftigkeit in mir hervorgebracht hat, ist die, daß es mich gemahnt hat,
da ich das Vermögen in mir dazu besitze, noch allerlei zu vollenden, was
ich im Sinn habe, eingedenk der Ungewißheit der mir dazu übrig
bleibenden Zeit. Die Folge ist also gewesen, daß ich noch
haushälterischer mit meiner Zeit umgehe und mich seit meiner Rückkehr
von Norderney noch einsamer zurückgezogen habe, mich noch anhaltender
mit mir selbst beschäftige, und mir alles andere noch gleichgültiger in
Beziehung auf mich ist. Die Heiterkeit am gegenwärtigen Augenblicke kann
mir nicht wieder werden, seitdem meinem Leben etwas fehlt, für das es
keinen Ersatz gibt, aber die Beschäftigung mit der Vergangenheit gibt
mir eine sich immer gleich klare und ruhige Heiterkeit. Das Leben recht
eigentlich in seinen guten und bitteren Momenten durchzuempfinden und
das Tiefste und Eigenste, was die Brust in sich schließt, seinen äußeren
Einwirkungen entgegenzustellen, nannte ich oben eine Pflicht, und sie
ist es gewiß, aber es wäre auch widersinnig, es nicht zu tun. Das Dasein
des Menschen dauert gewiß über das Grab hinaus und hängt natürlich
zusammen in seinen verschiedenen Epochen und Perioden. Es kommt also
darauf an, die Gegenwart zu ergreifen und zu benutzen, um der Zukunft
würdiger zuzureifen. Die Erde ist ein Prüfungs- und Bildungsort, eine
Stufe zu Höherem und Besserem, man muß hier die Kraft gewinnen, das
Oberirdische zu fassen. Denn auch die himmlische Seligkeit kann keine
bloße Gabe sein und kein bloßes Geschenk, sie muß immer auf gewisse
Weise gewonnen werden, und es gehört eine wohl erprüfte Seelenstimmung
dazu, um ihrer durch den Genuß teilhaftig zu werden.
Es hat mich sehr geschmerzt, aus Ihrem Briefe zu ersehen, daß neue
Trauerfälle Ihnen das Ende des Jahres trüben; es hat mir umsomehr leid
getan, da Sie eben auf dem Wege waren, größere Heiterkeit zu gewinnen.
Die Schicksale des Lebens gehen ihren Gang, scheinbar fühllos, fort. Ich
habe in diesem Jahre drei sehr langjährige Freunde, einen, der älter als
ich war, und zwei jüngere, verloren. Aber die Gewöhnlichkeit und
Natürlichkeit dieser Fälle mildert den Schmerz nicht und wehrt nicht der
Trauer. Die beklommene Brust fragt sich immer, warum, da so viele länger
leben, der Dahingegangene gerade vorangehen mußte. Was Sie von Ihrer
ersten Erzieherin sagen, hat mich sehr gefreut und gerührt. Jedes
gutgesinnte Gemüt, geschweige denn zart und edel fühlende, bewahrt durch
das ganze Leben willig gezollte Dankbarkeit für die Pfleger der
Kindheit. Schon im Altertum ist das wahr und schön beschrieben. Die
Behandlung der Kindheit fordert Geduld, Liebe und Hingebung, und diese
Jahre hindurch ihr gewidmet zu sehen, berührt, wie auch übrigens der
Mensch sein mag, die weichsten und zartesten Saiten des Busens. Dies
Gefühl ist im ganzen sich immer gleich, der Unterschied beruht
vorzüglich auf der Innigkeit des Empfindenden. Der Maßstab der
Dankbarkeit ist aber der Grad der Liebe, den der, an den sie knüpft, in
das Geschäft legte. Viele, die bei Kindern sind, tun ihre Pflicht, aber
das Herz ist nicht dabei, das merkt das Kind gleich. Ich fühle recht,
daß es das war, was Sie an der Verlorenen schätzten. Möge das neue Jahr
Ihnen Heiterkeit und Freude bringen, Sie vor Verlusten in dem schon
engen Kreise bewahren und über Ihre Stimmung, wie ernst sie auch
manchmal sein möge, immer das freundliche Licht ausgießen, in dem man,
wenn man auch das Leben nur als einen Weg zum Höheren anfleht, sich doch
noch auch am Anblick des Weges erfreut. Erhalten Sie mir auch Ihr
Wohlwollen, wie Ihnen meine unveränderliche und herzlichste Teilnahme
immer gewidmet bleibt. Seien Sie auch nicht besorgt um mich, ich bin
gerade so glücklich, wie ich jetzt lebe, und kann es nur so sein. Wenn
mir die Einsamkeit und mein täglicher stiller Spaziergang bleibt, kann
mir in den Äußerlichkeiten des Lebens viel Unglück begegnen, ohne daß es
mein Inneres berührt. Leben Sie wohl! Der Ihrige. H.
_Tegel_, den 2. Februar 1832.
Der heitere Ton Ihres lieben Briefes vom 12. Januar hat mir die größte
Freude gemacht, und ich danke Ihnen, liebe Charlotte, recht herzlich und
aufrichtig dafür. Ich habe diesen Brief schon lange bekommen, aber
keinen zweiten, von dem Sie doch in diesem reden. Sie wollten ihn acht
Tage später schreiben, wäre das geschehen, so müßte der Brief längst in
meinen Händen sein.
Ich nehme immer den lebhaftesten und aufrichtigsten Teil an Ihnen, Ihrem
Befinden und Ihrer Gemütsstimmung, und so wäre mir die größere
Heiterkeit, die aus Ihrem Briefe hervorleuchtet, immer noch ein
Gegenstand großer, inniger Freude gewesen. Noch erfreulicher aber ist
es, daß Sie diese größere Ruhe, diese freudigere Erhebung des Gemüts,
welche Sie in sich wahrnehmen, dem Einfluß, den ich auf Sie ausübe, und
den Eindrücken meiner Briefe zuschreiben. Es soll mir unendlich lieb
sein, wenn sie eine solche Kraft besitzen. Wenn dem so ist, wie ich denn
gewiß glaube und sicherlich keinen Zweifel in Ihre Worte setze, so
entspringt es aus dem Gefühl und der Zuversicht, die Sie haben, und die
Ihnen die einfache Natürlichkeit meiner Worte einflößen muß, daß, was
ich sage, unmittelbar aus meinem Herzen kommt. In etwas anderem kann es
nicht liegen. Es geht überhaupt mit allem Zuspruch in Belehrung,
Tröstung und Ermahnung so. Das Belehrende, Tröstende, Ermahnende, wenn
es erfolgreich ist und dem in das Gemüt und die Seele dringt, an welchen
es gerichtet ist, liegt nur zum kleinsten Teil in den dargestellten
Gründen selbst. Viel mehr schon ruht die Wirkung in dem Ton und dem
begleitenden Ausdruck, weil dieser der Persönlichkeit angehört. Denn
eigentlich kommt alles auf diese an, das ganze Gewicht, was ein Mensch
bei einem anderen hat, teilt sich demjenigen, was er sagt, mit, und
dasselbe im Munde eines anderen hat nicht die gleiche Wirkung. Sie
müssen es also den Gesinnungen zuschreiben, die Sie für mich so
liebevoll hegen, wenn meine Worte vorzugsweise Eindruck auf Ihr Gemüt
machen. Es freut mich aber ungemein, wenn Sie sagen, daß ich Ihnen in
Trost und Ermutigung gerade das zubringe, was Ihrer Stimmung angemessen
ist. Ein natürlicher Hang hat mich schon sehr früh im Leben auf das
Streben geleitet, in jeden Charakter und in jede Individualität so tief
einzugehen, als möglich war, um mich möglichst in ihre Denkungs-,
Empfindungs- und Handlungsweise zu versetzen, und was Sie mir sagen, ist
mir ein neuer Beweis, daß mir mein Bestreben nicht ganz mißlungen ist.
Es ist aber nicht genug, die Ansichten der Menschen zu kennen, man muß
auch zu bestimmen verstehen, wie sie sich zu denen verhalten, die man
als die unbedingt richtigen, hohen und von allen, den einzelnen
Individualitäten immer anklebenden Einseitigkeiten freien, anzusehen
hat, und danach die Richtung des Individuums lenken. Auf diesem Wege muß
man dahin gelangen, jedem einzelnen nicht bloß verständlich zu werden,
sondern ihn auch auf diejenige Weise zu berühren, welche gerade für
seine Empfindungsart die passendste und angemessenste ist. Man braucht
aber bei diesem Gange nie seine eigene Natur weder aufzugeben, noch zu
verleugnen, auch nicht die fremde unbedingt für die einzig
beifallswürdige anzusehen. Da man immer von dem Punkte ausgeht und
wieder dahin zurückkommt, wo sich alle Individualitäten ausgleichen und
vereinigen, so fallen die schneidenden Kontraste von selbst weg, und es
bleibt nur das miteinander Verträgliche übrig. Es ist wirklich das
Wichtigste, was das Leben darbietet, sich nicht in sich zu verschließen,
sondern auch ganz verschiedenen Empfindungsweisen so nahe als möglich zu
treten. Nur auf diese Art würdigt und beurteilt man die Menschen auf
ihre und nicht auf seine eigene, einseitige Weise. Es beruht auf dieser
Manier zu sein, daß man Respekt für die abweichende des anderen behält
und seiner inneren Freiheit niemals Gewalt anzutun versucht. Es gibt
außerdem nichts, was zugleich den Geist und das Herz so anziehend
beschäftigt, als das genaue Studium der Charaktere in allen ihren
kleinsten Einzelheiten. Es schadet sogar wenig, wenn diese Charaktere
auch nicht gerade sehr ausgezeichnete oder sehr merkwürdige sind. Es ist
immer eine Natur, die einen inneren Zusammenhang zu ergründen
darbietet, und an die ein Maßstab der Beurteilung angelegt werden kann.
Vor allem aber gewährt einem diese Richtung den Vorzug, die Fähigkeit zu
gewinnen, den Menschen, mit denen man in Verbindung steht, innerlich in
aller Rücksicht mehr sein zu können.
Was Sie mir von den Äußerungen einiger Menschen über Todesfälle
schreiben, habe ich sehr merkwürdig gefunden. Die Betrachtung, daß dem
Verstorbenen wohl ist, wird sehr oft nur als ein Vorwand vorgebracht,
seine eigene Gleichgültigkeit zu beschönigen. So wahr auch übrigens der
Satz gewiß ist, so läßt er sich nicht einmal immer anwenden. Auch der
Verstorbene ist oft zu beklagen, daß er so früh oder gerade in dem
Augenblicke, wo er starb, hinweggerissen wurde. Eine junge Person hätte
gern länger gelebt; eine Mutter wäre gern bei ihren Kindern geblieben,
und hundert Fälle der Art. Für den Zustand jenseits gibt es kein zu früh
oder zu spät, die Spanne des Erdenlebens kann dagegen garnicht in
Betrachtung kommen. Die Wehmut, die das Herz bei Todesfällen geliebter
oder geschätzter Personen erfüllt, ist eine Empfindung, die mit vielen
im Gemüt zugleich zusammenhängt. Es ist wohl der Zurückbleibende, der
sich selbst beklagt, aber es ist weit mehr noch als dies immer mehr oder
weniger auf sich selbst und sein Glück bezogene Empfindung. Wenn der
Tote ein sehr vorzüglicher Mensch war, so betrauert man gleichsam die
Natur, daß sie einen solchen Menschen verlor. Alles um uns her gewinnt
eine andere und schwermütigere Farbe durch den Gedanken, daß der nicht
mehr ist, der für uns allem Licht, Leben und Reiz gab, es ist nicht mehr
das einzelne Gefühl, daß uns der Dahingegangene so und so glücklich
machte, daß wir diese und jene Freude aus ihm schöpften, es ist die
Umwandlung, die unser ganzes Wesen erfahren hat, seit es den Weg des
Lebens allein verfolgen muß. Für ein tiefer empfindendes Herz liegt auch
darin ein höchst wehmütiges Gefühl, daß das Schicksal so enge Bande
zerreißen konnte, daß die innere Verschwisterung der Gemüter nicht den
Übrigbleibenden von selbst dem Vorangegangenen nachführte. Ich begreife,
daß dies Gefühl nur in wenigen so lebendig sein, nur auf wenige Fälle
passen könne. Aber auch ganz einfache Fälle, selbst unbedeutende, nur
harmlose und gute Menschen, wenn sie auch kaum eine Lücke in der Reihe
der Zurückgebliebenen zu machen scheinen, erregen doch immer Wehmut und
Schmerz, die in einem irgend fühlenden Gemüt nicht so leicht und nicht
so bald verklingen. Das Leben hat seine unverkennbaren Rechte, und es
gibt nichts Natürlicheres als den Wunsch, womöglich mit allen, die man
liebt und schätzt, zusammen darin zu bleiben, und den Schmerz, den nie
endenden, wenn dies Band zerrissen wird. Die zu große Ruhe bei dem
Hinscheiden geliebter Personen, wenn sie auch nicht aus
Gefühllosigkeit, sondern aus christlicher Ergebung entspringt, ja die
unnatürliche Freude, daß sie ins Himmelreich eingegangen sind, zeigen
immer von einem überspannt frömmelnden Gemüt, und ich habe niemals damit
sympathisieren können.
Die guten Nachrichten von Ihrer gestärkten Gesundheit haben mir lebhafte
Freude gemacht. Suchen Sie nur ja, sich recht viel Bewegung zu machen.
Dieser so ungewöhnlich gelinde Winter ladet doppelt dazu ein. Ich
erinnere mich seit Jahren keines ähnlichen. Es ist wenigstens hier gar
kein Schnee mehr. Wunderbar aber ist es, daß der See, der mehr als eine
Meile im Umkreise hat, und in dem ich bloß fünf Inseln besitze, noch
immer fest zugefroren ist. Die nächste Stadt von hier ist Spandau, die
gerade an der gegenüberstehenden Seite des Sees liegt. Nun kommen alle
Tage eine Menge Schlittschuhläufer von dort zum Vergnügen hierher, auch
Frauenspersonen in Handschlitten, die von Schlittschuhläufern gestoßen
werden. Dies geschieht alle Jahre, aber fast in jedem Jahr verunglückt
auch einer bei solcher Postreise. Sie setzen nämlich diese Überfahrten
zu lange, wenn auch schon Tauwetter ist, fort und kommen dann auf
schwache, einbrechende Stellen. Diese Beispiele vermögen aber die
anderen nicht abzuschrecken.
Mein Befinden ist sehr gut, ich habe kaum einmal einen Schnupfen in
diesem Winter gehabt, aber ich mache mir viel Bewegung, und das tut mir
immer ungemein wohl.
Ich bin im Schreiben dieses Briefes gestört worden und endige ihn erst
heute, den 6. Februar. Leben Sie herzlich wohl, mit inniger Teilnahme
und Freundschaft der Ihrige. H.
_Tegel_, den 7. März 1832.
Ich habe zwei liebe Briefe von Ihnen zur Beantwortung vor mir und fange
in meiner Erwiderung zuerst mit dem an, womit Sie enden, mit dem Duell.
Ich habe die erste Nachricht davon durch Sie erfahren, da ich Zeitungen
sehr unordentlich und oft in vier und sechs Wochen gar keine lese. Das
wird Ihnen unglaublich scheinen. Aber die sogenannten großen
Begebenheiten bieten seit Jahren so wenig dar, woran sich das Gemüt
innerlich interessieren könnte, daß mir sehr wenig daran liegt, sie
früher oder später oder auch garnicht zu erfahren. In solche Periode des
Nichtlesens war jene unselige Geschichte gefallen.
Mit den Duellen ist es übrigens eine eigene Sache. Viele sind freilich
bloße Jugendtorheiten. Allein mit anderen verhält es sich doch anders.
Sie sind ein notwendiges Übel, und in ihnen selbst liegt eine edle Art,
einen einmal unheilbaren Zwiespalt zu lösen und abzumachen. Im Volke
ziehen sich Feindschaften mit Erbitterung und Rachsucht jahrelang hin.
Der Zweikampf, der nicht immer lebensgefährlich ist und oft ganz
unblutig abgeht, führt schnell die Versöhnung herbei und endet allen
Groll.
Sie haben, liebe Charlotte, sehr lange der Sterne nicht erwähnt, aber
gewiß versäumen Sie solche nicht. Ich habe sie nie schöner als dies Jahr
gesehen. Die Gegend um den Orion ist bezaubernd. Ich habe an zwei
schönen Abenden meinen Spaziergang bis zur recht späten Sternenzeit
verlängert und einen großen Genuß gehabt. Von jeher habe ich meine
Spaziergänge gern so eingerichtet, daß der Sonnenuntergang die größere
Hälfte desselben beschließt. Es hat etwas so Liebliches, die Dämmerung
nach und nach untergehen zu sehen. Die Nacht hat überhaupt manche
Vorzüge vor dem Tage. Eine stürmische ist erhabener, und eine sanfte und
stille zieht das Gemüt ernster und tiefer an. Die kleineren Sterne
entgehen nur jetzt meinen Augen, und man gewinnt doch nur dann eine
richtige Ansicht der Sternbilder, wenn man auch die kleineren Sterne
darin aufsuchen kann. Vormittags ist es eigentlich wärmer und in
gewisser Art, besonders im Winter, besser zu gehen. Ich tue es aber nie,
oder höchstens wenn mich jemand, was ich aber garnicht liebe, um die
Tageszeit besucht. Überhaupt ist es eine große Rettung vor langweiligen
Besuchen auf dem Lande, den Schauplatz ins Freie zu verlegen. Die
langweiligen Töne verhallen leichter in der weiten Luft, und man hat
mehr Zerstreuung um sich her, indem man ihnen ein halbes Ohr leiht.
Es ist schön, daß Sie fortwährend an sich arbeiten. Jeder bedarf dessen.
Außerdem hat man über keinen Gegenstand alle Momente zur Beurteilung so
vollständig und richtig beisammen, da man nur in den eigenen Busen
hinabzusteigen braucht. Zwar kann auch das täuschen, man beschönigt die
Schwächen oder vergrößert aus einer anderen Verirrung der Eitelkeit die
Schuld seiner Fehler, denn allerdings findet die Beurteilung dadurch
Schwierigkeit, daß der Gegenstand der Beurteilung das eigene Ich ist.
Wenn man aber mit schlichter Einfachheit des Herzens und in der reinen
und ungeheuchelten Absicht die Prüfung unternimmt, um vor sich und
seinem Gewissen gerechtfertigt dazustehen, so hat man von jener Gefahr
nichts zu fürchten. Und ein lebendiges Bild seines Inneren muß sich
jeder immer machen. Es ist gewissermaßen der Punkt, auf den sich alles
andere bezieht. Man muß bei dieser Selbsterforschung nicht streng nur
bei demjenigen stehenbleiben, was Pflicht und Moral angeht, sondern sein
inneres Wesen in seinem ganzen Umfange und von allen Seiten nehmen.
Wirklich ist es ein viel zu beschränkter Begriff, wenn man sich selbst
gleichsam vor Gericht ziehen und nach Schuld und Unschuld fragen will.
Die ganze Veredlung des Wesens, die möglichste Erhebung der Gesinnung,
die größte Erweiterung der inneren Bestrebungen ist ebensowohl die
Aufgabe, die der Mensch zu lösen hat, als die Reinheit seiner
Handlungen. Es gibt auch im Sittlichen Dinge, die sich nicht bloß unter
den Maßstab des Pflichtmäßigen und Pflichtwidrigen bringen lassen,
sondern einen höheren fordern. Es gibt eine sittliche Schönheit, die so
wie die körperliche der Gesichtszüge eine Verschmelzung aller
Gesinnungen und Gefühle, einen freiwilligen Zusammenhang derselben zu
geistiger Einheit erheischt, die sichtbar zeigt, daß alles einzelne
darin aus einem aus der innersten Natur flammenden Streben nach
himmlischer Vollendung quillt und daß der Seele ein Bild unendlicher
Größe, Güte und Schönheit vorschwebt, das sie zwar niemals erreichen
kann, aber von da immer zur Nacheiferung begeistert, zum Übergang in
höheres Dasein würdig wird. Auch die Entwickelung der intellektuellen
Fähigkeiten bis zu einem gewissen Grade gehört zu der allgemeinen
Veredlung. Aber ich bin ganz Ihrer Meinung, daß dazu nicht gerade vieles
Wissen und Bücherbildung gehört. Das aber ist wirklich Pflicht und ist
auch dem natürlichen Streben jedes nicht bloß an der irdischen Welt,
ihrem Gewirre und Tand hängenden Menschen eigen, in den Kreis von
Begriffen, den er besitzt, Klarheit, Bestimmtheit und Deutlichkeit zu
bringen und nichts darin zu dulden, was nicht auf diese Weise begründet
ist. Das kann man wohl das Denken des Menschen nennen. Dazu ist das
Wissen nur das Material. Es hat keinen absoluten Wert in sich, sondern
nur einen relativen in Beziehung auf das Denken. Der Mensch sollte nicht
anders lernen, als um sein Denken zu erweitern und zu üben, und Denken
und Wissen sollten immer gleichen Schritt halten. Das Wissen bleibt
sonst tot und unfruchtbar. In Männern findet sich das sehr oft, ja man
möchte es als die Regel ansehen. Es fällt aber weniger auf, weil schon
ihr Wissen gewöhnlich zu anderen äußeren Zwecken und Nutzen wenigstens
eine Anwendung findet. Aber ich habe es auch bei Frauen gefunden, und da
erregt das Mißverhältnis des Denkens zum Wissen ein viel größeres
Mißbehagen. Ich kenne von meiner frühesten Jugend an und vor der
Universität eine Frau dieser Art, der ich durch alle Perioden ihres
Lebens gefolgt bin. Sie kennt sehr gründlich die alten und die meisten
neueren Sprachen, ist frei von aller Eitelkeit und Affektation, versäumt
nie über den Büchern eine häusliche Obliegenheit, hat aber durch ihr
Wissen nichts an Interesse gewonnen. Wenn sie gleich die ersten und
schwersten Schriftsteller aller Nationen gelesen hat, schreibt sie darum
doch keinen Brief, der einem sonderlich zusagen könnte. Sie bemerken
ganz recht in dieser Beziehung, daß Christus seine Jünger aus der Zahl
ungebildeter und unwissender Menschen wählte. Es hing aber auch mit den
Zwecken und der Natur der Religion, die er stiften wollte, zusammen, und
in dem Volke, in dem er auftrat, gab es in jener Zeit kein anderes
Wissen als ein totes und mißverstandenes. Es gab nur Schriftgelehrte,
welche das Auslegen der heiligen Bücher auf eine spitzfindig-hochmütige
Weise mit Bedrückung und Verachtung des Volkes trieben.
Erhalten Sie Ihre Gesundheit und heitere Gemütsstimmung. Mit
unveränderlicher Teilnahme der Ihrige. H.
_Tegel_, April 1832.
Daß Sie im Gemüte sich wieder gestärkt fühlen, ist mir eine große
Freude, und noch mehr, daß Sie mir einigen Anteil daran zuschreiben. Ich
habe bei unserem Briefwechsel nie eine Absicht für mich gehabt und habe
daher alles, was unter uns zur Sprache kam, immer mit völligster
Unparteilichkeit in Betrachtung ziehen können. Dann glaube ich aber auch
viel mehr als die meisten anderen mir an Talent sonst überlegenen
Männer, das, was sich auf den Zusammenhang der Gesinnungen und
Empfindungen im Menschen bezieht, studiert und erforscht zu haben. Ich
habe von jeher viel an mir selbst gearbeitet und weiß also, was im
Herzen vorgeht und vorgehen kann. Ich habe es von jeher an mir selbst
nicht leiden können, in meinem inneren Dasein etwas anderes als mich
selbst zu brauchen. Darum kenne ich, was Kraft und Haltung zu geben
vermag. So begreife ich, was Sie, liebe Charlotte, obgleich Sie es viel
zu hoch stellen, von meinen Briefen sagen und rühmen. Es kommt nur von
den zwei Umständen her, daß es auf der einen Seite klar und bestimmt
gedacht und auf der anderen durch die innere Erfahrung bewährt ist...
Die Unterdrückung des Stolzes ist allerdings lobenswert, und es freut
mich, wenn es Ihnen damit so ganz gelungen ist. Der Stolz, den man
wirklich nicht aufgeben soll, bleibt jedem Rechtgesinnten dennoch.
Diesen sollte man aber nicht Stolz, sondern richtig abgewägtes
Selbstgefühl nennen. Es ist eigentlich dies die Erhebung des Gemüts,
welche daraus entsteht, daß es fühlt, daß eine würdige Idee sich mit ihm
vereinigt, sich seiner bemächtigt hat. Der Mensch ist da eigentlich
stolz auf die Idee, auf sich nur insofern, als die Idee eins mit ihm
geworden ist.
Man vermeidet die Abwege, wohin der Stolz führt, am leichtesten und
sichersten, wenn man sich in allem Tun und Lassen recht natürlich gehen
läßt, jede Äußerung des Stolzes streng wegweist, aber darauf nicht
weiter Wert legt, sondern es als etwas ansieht, das sich von selbst
versteht, wo man Recht haben würde, sich Vorwürfe zu machen, wenn man
anders gehandelt hätte.
Es freut mich, daß Sie des Saturns erwähnen. Ich sehe ihn auch in diesen
Wochen immer mit Vergnügen. Das Wiederkehren der Planeten nach einer
Reihe von Jahren bei denselben Sternbildern hat etwas sehr Bewegendes im
Leben. Für den Saturn hat man übrigens, noch von den Astrologen her,
eine geringere Zuneigung. Aber den Jupiter erinnere ich mich mehrmals im
Löwen gesehen zu haben, das erstemal in einer sehr glücklichen Zeit
meines Lebens...
Sie werden, wie es schon hätte früher geschehen sollen, nächstens meinen
Briefwechsel mit Schiller empfangen. Vor meinem Briefwechsel werden Sie
eine Einleitung über Schiller und seine Geistesentwicklung finden, die
Ihnen, wenn Sie seine Schriften dabei haben, zum Leitfaden dienen kann.
Ich gehe darin seine Werke von den frühesten bis zu den spätesten durch
und zeige, wie er von dem einen zu dem anderen übergegangen und gekommen
ist. Auch die Briefe handeln fast ganz von Schillers Arbeiten, die er
gerade in jenen Jahren machte und mir nach und nach, wenn ich abwesend
war, mitteilte. Schwerlich hat je jemand Schiller so genau gekannt als
ich. Es haben ihn sehr wenige so lange und so nahe gesehen. Bei einem
Manne wie er, der nicht zum Handeln, sondern zum Schaffen durch Denken
und Dichten geboren war, heißt sehen -- sprechen, und ganze Tage und
Nächte haben wir eigentlich miteinander sprechend zugebracht. Wenn daher
auch der Jahre, die wir miteinander verlebten, so viele nicht waren, so
war des Zusammenlebens doch sehr viel.
Die Lieblichkeit des Wetters dauert fort, auch fängt alles an zu knospen
und zu keimen.
Leben Sie recht wohl. Mit unveränderlicher Teilnahme und Freundschaft
der Ihrige. H.
_Tegel_, den 5. Juni 1832.
Ich finde es sehr natürlich, daß Sie ernst gestimmt sind. Es liegt an
und für sich im denkenden Menschen, ist den zunehmenden Jahren mehr noch
eigen. Das mancherlei Traurige, das Sie früher, das häusliche Ereignis,
das Sie kürzlich betroffen, war wohl dazu gemacht, solche Stimmung sogar
zu erzeugen, wenn sie selbst nicht schon vorhanden war.
Über den Tod und das Verhältnis desselben zum Leben kann ich aber doch
nicht ganz in Ihre Ideen eingehen. Niemand kann ihn weniger fürchten als
ich, auch hänge ich nicht an dem Leben, dennoch ist mir eine Sehnsucht
nach dem Tode fremd; obwohl sie edlerer Art ist als Überdruß am Leben,
dennoch ist sie zu mißbilligen. Das Leben muß erst, so lange es die
Vorsehung will, durchgenossen und durchgelitten, mit einem Wort,
durchgemacht sein, und zwar mit völliger Hingebung, ohne Unmut, Murren
und Klagen durchgeprüft sein. Es ist ein wichtiges Naturgesetz, das man
nicht aus den Augen lassen darf, ich meine das der Reise zum Tode. Der
Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern bloß ein Zwischenereignis,
ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in die andere. Beide
Zustände, hier und jenseits, hängen also genau zusammen, ja, sie sind
unzertrennlich miteinander verbunden, und der erste Moment des Dort kann
sich nur wahrhaft anschließen, wenn der des Scheidens von hier, nach der
freien Entwickelung des Wesens, wahrhaft der letzte gewesen ist. Diesen
Moment der Reise zum Tode oder der Unmöglichkeit, hier weiter zu
gedeihen, kann keine menschliche Klugheit berechnen, kein inneres Gefühl
anzeigen. Dies zu wähnen wäre nur eine eitle Vermessenheit menschlichen
Stolzes. Nur der, welcher das ganze Wesen zu durchschauen und zu
erkennen imstande ist, kann dies, und ihm die Stunde anheimzustellen und
seiner Bestimmung auch nicht einmal durch heftige Wünsche
entgegenzukommen, ist Gebot der Pflicht und der Vernunft. Glauben Sie
mir sicherlich, wenn Sie auch diese Ansichten manchmal strenge nannten,
daß sie es allein sind, was uns in tiefem Seelenfrieden durch das Leben
führt und uns als treue Stütze nie verläßt. Das Erste und Wichtigste im
Leben ist, daß man sich selbst zu beherrschen sucht, daß man sich mit
Ruhe dem Unveränderlichen unterwirft und jede Lage, die beglückende wie
die unerfreuliche, als etwas ansieht, woraus das innere Wesen und der
eigentliche Charakter Stärke schöpfen kann. Daraus entspringt dann die
Ergebung, die wenige hinreichend haben, obgleich alle sie zu haben
glauben. Fast alle setzen der Ergebung ein gewisses Maß und glauben der
Verpflichtung dazu überhoben zu sein, wenn dies Maß überschritten ist
oder ihnen scheint. Aus der wahren Ergebung, die immer die Zuversicht
mit sich führt, daß eine unwandelbare, immer gleiche Güte auch die
unerwartetsten, widrigsten Geschicke zu einem heilbringenden Ganzen
verknüpft, geht die ernste, aber heitere Milde in der Ansicht eines auch
oft gestörten und getrübten Lebens hervor. Diese Heiterkeit sich zu
erhalten oder in sich zu schaffen, sollte man immer alles nur irgend vom
Willen Abhängige versuchen. Man kann es nicht immer ganz erreichen, auch
nicht in allen Momenten des Lebens, sie läßt sich auch eigentlich nicht
hervorbringen, sondern muß sich von selbst in der Seele erzeugen. Sie
bleibt aber da nicht aus, wo ihr der Boden vorbereitet ist, und diese
Vorbereitung liegt hauptsächlich in einer besonnenen, von Selbstsucht
freien, ruhigen Stimmung des Gemüts. Diese hat man durch Vernunft und
Willenskraft in seiner Gewalt, dahin kann und muß eigentlich Übung und
Vorsatz führen. Zur Beruhigung des Gemüts trägt angemessene
Beschäftigung viel bei. So kann und darf eigentlich nichts in der Seele
vorgehen, was der Mensch nicht nach vorangegangener Prüfung darin duldet
oder unterdrückt.
Leben Sie wohl und seien Sie meiner unwandelbaren
Teilnahme gewiß. H.
_Norderney_, den 2. August 1832.
Ich bin wieder hier, liebe Charlotte, bewohne wieder die nämlichen
Zimmer und führe wieder dasselbe, nicht sehr erfreuliche Badeleben. Ein
solcher von Jahr zu Jahr wiederkehrende Aufenthalt hat immer etwas
Sonderbares für mich. Er ruft die Frage hervor, ob man im künftigen Jahr
wiederkehren wird, und wenn nicht, aus welchem Grunde? Denn das Bad dann
entbehren zu können, bin ich nicht so töricht zu erwarten. Ich bin nicht
krank, eher gesund. Das, wogegen das Bad wirken kann, ist
Altersschwäche, die durch Umstände früher zum Durchbruch gekommen ist.
Diese kann eine Kur nicht aufheben, nur mindern. Ich sage dies mit
Fleiß, damit sich Ihr freundschaftlicher Anteil an mir nicht Hoffnungen
macht, in denen Sie sich notwendig getäuscht finden müßten. Den Erfolg
aber, den man mit Recht und Billigkeit sich versprechen kann, glaube ich
auch diesmal erwarten zu können. Meine Tochter ist allerdings wieder mit
mir hier. Das Bad hat ihr voriges Jahr so wohl getan, daß sie Unrecht
getan haben würde, die Kur nicht zu wiederholen. In den Einrichtungen
hier ist vieles besser geworden. Daß die Zeitungen gesagt haben, ich sei
nach den Rheinprovinzen gegangen, war ein grundloses Gerücht. Sie hätten
sich die Mühe, von mir zu reden, ganz ersparen können. Ich bin auf dem
gewöhnlichen Wege hergegangen und hasse alle kleinen Reisen und Umwege
so gründlich, daß ich mich nicht darauf einlassen würde. Sollte ich
einmal eine längere Abwesenheit von Hause nicht scheuen, so würde ich
nach Italien oder England gehen, und hiervon möchte ich die Möglichkeit
nicht bestreiten, vorzüglich, wenn mein Gesicht schwächer würde und mich
am eigenen Arbeiten hinderte. Es freut mich sehr, daß Ihnen mein
Briefwechsel mit Schiller Freude gemacht hat. Mir ist es mit dem Buche
sonderbar gegangen. Ich hatte den Schillerschen Erben die Herausgabe
versprochen. Als sie mich, da darüber mehrere Jahre verflossen waren,
dazu aufforderten, war es mir höchst lästig, mich damit zu befassen. Ich
mußte den ganzen Briefwechsel durchgehen, um alles auszuschalten, was
sich für den Druck nicht geeignet hätte. Dessen war so viel, daß das
Ganze gut und gern zur Hälfte zusammenschmolz, und die Arbeit kostete
mich einige Wintermonate; dann schrieb ich die Vorerinnerung. Ich
erwartete keinen großen Anteil für das Buch, höchstens für einen Teil
der Briefe Schillers und für einige wenige von mir. Der Erfolg hat aber
meine Erwartungen übertroffen, und es ist viel mehr gelesen worden, als
ich dachte, und besonders von Frauen. Viele haben mir davon gesprochen,
einige ausführlich geschrieben, und so, daß sie ganz in die Ideen
eingegangen waren und einige davon weiter ausspannen. Ich glaube auch
nicht, daß, wie Sie meinen, die Briefe gewonnen hätten, wenn sie früher
erschienen wären, eher umgekehrt. Ich bin überhaupt gegen alles Drucken
von Briefen. Die Herausgabe dieser rechtfertigt nur der Name eines
wahrhaft großen Mannes, an den sich der andere mit immer gleich
sichtbarer Unterordnung anschließt, so daß man doch immer auch in ihm
nur jenen sieht. Briefe haben immer einen Anflug des wirklichen Lebens.
Je mehr sie also aus der Ferne erscheinen, desto mehr überraschen sie.
Gleich nach dem Tode sind sie eine schwache Fortsetzung der noch in dem
Gedächtnis lebenden Wirklichkeit. Nach langer Zeit erscheinend, führen
sie Personen zurück, die man nicht mehr gewohnt war, sich mit den
Umgebungen zu denken, wie sie das Leben begleiten. Ich dächte auch
nicht, daß es störend auffallen könnte, wenn in den Briefen
gewissermaßen kunstmäßig beurteilt wird, was man in der Zeit mit
Begeisterung aufgenommen hat. In der Dichtung ist wenig oder gar keine
Kunst, die erlernt oder studiert werden müßte. Eine solche ist aber auch
nicht in den Räsonnements dieses Briefwechsels entwickelt, wenn man
einige leicht zu überschlagende Stellen über das Silbenmaß ausnimmt.
Beide, Schiller und ich, haben nur gesucht, die Gründe darzulegen, aus
welchen das Gefühl entspringt, die Bedingungen, unter denen es entsteht.
Wer nun die Gründe wahr findet, in dem müssen sie das Gefühl erhöhen, da
sie es mit anderen und gleich großen Ideen in Verbindung bringen. Wem
sie nicht zusagen, der wird sich dadurch noch mehr in seinem Gefühle
bestimmt finden und sich nun vielleicht durch die Widerlegung leichter
die Gründe selbst entwickeln.
Der Stelle in der Delphine erinnere ich mich nicht. Wenn Frau von Staël
damit meinte, daß eine in der Jugend geschlossene und bis ins Alter
fortgesetzte Ehe das Wünschenswürdigste ist, so bin ich vollkommen
derselben Meinung. Ich fürchte aber sehr, sie meinte es anders, und dann
ist es eine aus oberflächlicher französischer Ansicht geschöpfte
Behauptung. Sie müssen darum nicht glauben, daß ich den Wert der Staël
verkenne. Sie war meiner tiefsten Überzeugung nach eine wahrhaft große
Frau, und nicht bloß von Geist, sondern durch wahres und tiefes Gefühl
und eine sich nie verleugnende, unendliche Güte, und auch von Herz und
Charakter. Sie hatte die feinste Empfindung der edelsten Weiblichkeit.
Sie war in ihrem Innersten dem eigentlichen französischen Wesen fremd,
aber es begegnete ihr doch zu Zeiten, banale französische Anrichten
ihren Äußerungen beizumischen, und das ist nicht zu verwundern, da sie
immer in Frankreich lebte. Sie hat sogar erst spät Deutsch gelernt, und
ich habe sie selbst noch in Paris unterrichtet.
Allein die Ehe mehr ein Bedürfnis des Alters als der Jugend zu nennen,
ist ein Einfall, der ebenso der Natur und der Wahrheit, als jeder
schöneren Empfindung widerspricht. Die Frische der Jugend ist die wahre
Grundlage der Ehe. Ich sage damit gewiß nicht, daß das Glück der Ehe mit
der Jugend aufhört oder auch nur im mindesten dadurch verliert. Aber die
Erinnerung der zusammen genossenen Jugend muß in die höheren Jahre mit
hinübergehen, wenn das Glück vollkommen sein und nicht gerade die
Eigentümlichkeit des ehelichen verlieren soll. Diese Ansicht ist nicht
als eine sinnliche zu betrachten. Die tiefsten und heiligsten
Empfindungen hängen damit ganz enge zusammen, und man müßte aller Liebe
den Stab brechen, wenn man dies nicht anerkennen wollte. Ein junges,
sich gegenseitig gleich herzlich liebendes Ehepaar ist allemal ein im
Tiefsten erfreulicher Anblick, auch in niedrigen Ständen, insofern das
Gefühl nur irgend die Feinheit hat, die ihm die Natur in gutartigen
Gemütern gibt. Von den in höheren Jahren, über vierzig oder
fünfundvierzig, geschlossenen Ehen, zweiten oder ersten, läßt sich das
nicht sagen. Man wird sie gewiß nicht tadeln, man läßt gern jedem seine
Empfindung, solche Verbindungen können sehr vernünftig, sie können auch
für Leute, die einmal keine hohen Forderungen an ihr Gefühl machen,
beglückend sein. Wer aber tiefer empfindet, sagt sich, daß er sie nicht
eingehen würde. Mann oder Frau wird in solcher Verbindung fühlen, daß,
wenn ihm der Gegenstand jugendlicher Liebe entrissen ist, öder er nie
einen gefunden hat, er auf ein Glück Verzicht leisten muß, dessen wahre
Blüte ihm nicht mehr werden kann. Es wird ihm innerlich unmöglich sein,
nach dem so Geringen zu greifen. Ich kann auch nicht in das einstimmen,
was man über das Alter sagt. Es kann ein unglückliches und freudenloses
geben, wie eine solche Jugend. Aber die Schicksale gleichgestellt, finde
ich das Alter, selbst mit allen Schwächen, die es mir bringt, nicht arm
an Freuden; die Farben und die Quellen dieser Freuden sind nur anders.
Sie entspringen für mich immer ausschließlicher aus der Einsamkeit und
der Beschäftigung mit meinen Ideen und Gefühlen. Das nimmt mit jedem
Tage in mir zu. Ich fühle mich darin, und nur darin glücklich, und das
ist so sichtbar, daß die wahrhaft diskreten unter meinen ältesten
Bekannten diese Stimmung stillschweigend, aber durch die Tat ehren. Mir
ist sie darum doppelt lieb, da sie mit meinen Jahren und mit meiner Lage
übereinstimmt. Verzeihen Sie, daß ich wieder auf mich zurückkomme, aber
diese Dinge sind von der Art, daß man nur nach seinem individuellen
Gefühl davon reden kann. Wer möchte sich anmaßen, über Fremdes darin
abzusprechen?
Über meine Abreise kann ich noch nicht fest bestimmen, bitte Sie aber,
mir nach Berlin zu schreiben und so, daß der Brief zwischen dem 26. und
30. August dort anlangt. Mit der aufrichtigsten, unveränderlichsten
Teilnahme Ihr H.
_Tegel_, den 3. September 1832.
Ich bin am 26. August gesund und wohl hierher zurückgekehrt, liebe
Charlotte, und habe gleich am folgenden Tage meine Beschäftigungen
wieder vorgenommen. Von dem Bade sehe ich der Fortdauer der guten
Wirkung, die ich schon spüre, entgegen. Das Wetter war vom August an in
Norderney sehr schön, ohne Regen und Sturm, und doch nie zu warm, da es
nie an kühlender Seeluft fehlt. Sonnenschein war nicht immer; es ist
allen Inseln, besonders den kleineren, eigen, auch bei sehr milder Luft
wenig eigentlich sonnige Tage zu haben. In Irland zum Beispiel zählt man
deren unglaublich wenige. Ich habe mich aber bei meinem diesjährigen
Aufenthalte im Seebad vollkommen überzeugt, daß, wenn man, wie doch
natürlich ist, bloß auf seine Gesundheit Rücksicht nimmt und nicht
weichlicherweise die Unannehmlichkeit scheut, man sich schlechtes und
kein gutes Wetter wünschen muß. Bei ruhig gutem Wetter ist die See eben
nichts anderes als eine große Badewanne. Der Sturm und die Wellen geben
ihr erst Seele und Leben. Wie das Meer in seiner erhabenen Einförmigkeit
immer die mannigfaltigsten Bilder vor die Seele führt und die
verschiedenartigsten Gedanken erweckt, so ist mir erst jetzt bei den
anhaltenden heftigen Stürmen recht sichtbar geworden, welche
schmeichelnde Freundlichkeit das Meer gerade in seiner größten
Furchtbarkeit hat. Die Welle, die, was sie ergreift, verschlingt, kommt
wie spielend an, und selbst den tiefsten Abgrund bedeckt lieblicher
Schaum. Man hat darum oft das Meer treulos und tückisch genannt, es
liegt aber in diesem Zuge nur der Charakter einer großen Naturkraft, die
sich, um nach unserer Empfindung zu reden, ihrer Stärke erfreut und sich
um Glück und Unglück nichts kümmert, sondern den ewigen Gesetzen folgt,
welchen sie durch eine höhere Macht unterworfen ist. H.
Im November.
Was sagen Sie zu dem außerordentlich schönen Herbst? Ich dächte, ich
hätte nie einen ähnlichen erlebt. Noch jetzt scheint er mehr ein
Ausgehen aus dem Sommer als ein Eingang in den Winter. Ich gehe noch
immer eine Stunde vor Sonnenuntergang spazieren. Da ist es, selbst bei
stürmischen Tagen, meist ruhig und bei regnerischen heiter. Sie haben
gewiß auch oft gesehen, wie die scheidende Sonne sich dann durch ihre
eigenen Strahlen einen lichten Streifen bildet, in den sie sich dann
hinabsenkt. Ist dann recht dunkles Gewölk über ihr, so regnet es meist
unmittelbar nach dem Untergange, bisweilen auch noch während des
Untergangs. Es ist mir die liebste Zeit des Tages. -- Sie schreiben mir,
daß die Centifolien in Kassel blühen. Auch hier habe ich es zu meiner
großen Verwunderung gesehen. In mittäglichen Ländern ist dies
wiederholte Blühen ganz gewöhnlich. Man sieht daran, daß das
vegetierende Leben beständig die Neigung hat, Blüten hervorzubringen,
aber nur durch die Abwesenheit begünstigender Umstände daran verhindert
wird. So traurig aber auch der Winter und seine lange Dauer sind, so
entschädigt doch der Frühling dafür, nicht bloß sein Erscheinen und der
Genuß desselben, sondern ganz vorzüglich das Erwarten desselben. Diese
Sehnsucht ist eine der einfachsten und natürlichsten von allen und eine
der reinsten Quellen, woraus jede andere Sehnsucht fließt, die so vieles
und großes im Gemüte schafft und aus dessen innersten Tiefen hervorruft.
Es ist dies gewiß eine der Ursachen, daß die nördlicheren Nationen doch
eine tiefer ergreifende Poesie haben als die südlicheren, wenn diese
auch klangvollere Sprachen besitzen. Es liegt unendlich viel in dem
Einfluß, den die Natur um uns her auf uns ausübt, und es kommt da nicht
darauf an, daß sie gerade Genuß gibt, sondern weit mehr darauf, daß sie
Empfindungen weckt und die Kräfte in Tätigkeit bringt. Leben Sie wohl.
Ihr H.
_Tegel_, Dezember 1832.
Der Ton der ruhigen Zufriedenheit und selbst einer frohen Heiterkeit, in
welchem Ihr letzter Brief geschrieben ist, liebe Charlotte, hat mir eine
lebhafte Freude gemacht. Ich hege nun auch die gewisse Hoffnung, daß
diese Stimmung bleibend in Ihnen sein wird. Was mich in dieser
beruhigenden Ansicht bestärkt, ist, daß Sie sich auch körperlich wohler
fühlen, seit Sie sich befreit fühlen von einem sorglichen Kummer, der
seit längerer Zeit schwer auf Ihnen lastete, und wodurch Sie nun der
Ruhe und Heiterkeit wiedergegeben sind, die ein Gemüt, wie das Ihrige,
das mit sich und der Vorsehung eins ist, immer genießen müßte....
Daß eine schon in sich ernste Seele in Zeiten, wo außerordentliche
Erscheinungen diesen Ernst vermehren, noch ernster gestimmt wird, ist
ganz natürlich. An den Wunsch und das Verlangen, nichts unberichtigt zu
lassen, knüpft sich ein moralisches Gefühl, und zwar eins der
wesentlichsten und achtungswürdigsten....
Der Mensch fühlt ein Bedürfnis, die großen Ideen, die in ihn gelegt
sind, und die er in der Natur ausgeprägt findet, in dem kleinen Kreise
seines Daseins nachzubilden, und oft, selbst wenn er ganz anderen, aus
dem gewöhnlichen Leben geschöpften Bewegungsgründen zu folgen glaubt,
folgt er in der Tat diesem geheimen Zuge, überhaupt ist die menschliche
Natur in ihrem tiefen Grunde viel edler, als sie auf der Oberfläche
erscheint. Ja selbst in anderen Stücken. Eitle Menschen sind oft in
einigen mehr wert, als sie sich selbst glauben.
Sie gebrauchen in Ihrem Briefe den Ausdruck: sein Haus bestellen. Dies
ist mir immer eine so passende und gehaltvolle Rede geschienen. Es ist
ein altertümlicher, echt biblischer Ausdruck, der, wie mehrere dieses
Gepräges, tief aus dem Leben geschöpft ist und tief in die Seele
eingreift. Auch längst, ehe ich in die Jahre kam, wo das Bestellen des
Hauses wahrhaft dringend wird, habe ich mir dadurch Abschnitte im Leben
zu machen gesucht und habe dies immer sehr wohltätig gefunden. Es gibt
aber im Innern ein Bestellen seiner Seele, wie im Äußern seines Hauses.
Man zieht dann das Gemüt auf einen kleinen Kreis von Empfindungen
zurück, übergibt die anderen der Vergessenheit und freut sich der Ruhe
in der selbstgewählten Beschränkung. Wenn man dies recht tut, tut man
dies nur einmal. Man verläßt dann nicht wieder den Raum, wie man ihn eng
umgrenzt und umzogen hat.
Sie rühmen meine Geduld. Sie hat nichts Verdienstliches und hat mir nie
Mühe gekostet. Ich möchte sie mir angeboren nennen. Die Zeit, die ich
über eine Sache sitzen muß, um sie zu Ende zu bringen, wird mir nie
lang.
Sie gedenken bei einem Ereignisse der Vergangenheit _Holzmindens_ im
Braunschweigischen. Das hat mir lebhaft eine Erinnerung zurückgerufen.
Von diesem kleinen Orte reiste ich 1789 mit Campe nach Paris. Campe kam
von Braunschweig, ich von Göttingen aus dahin. Die Reise, die Sie
gelesen haben können, da Campe sie herausgegeben hat, war kurz, aber
meine erste außer Deutschland. Campe war, wie ich Ihnen schon früher
glaube gesagt zu haben, Hauslehrer im Hause meines Vaters, und es gibt
noch eine Reihe großer Bäume hier, die er gepflanzt hat. Er hat nicht
gerade ein unglückliches, aber ein bedauernswürdiges Ende gehabt. Er war
die letzten Jahre seines Lebens ganz blödsinnig. Ich habe bei ihm
schreiben und lesen gelernt und etwas Geschichte und Geographie nach
damaliger Art, die Hauptstädte, die sogenannten sieben Wunderwerke der
Welt usw. Er hatte schon damals eine sehr glückliche, natürliche Gabe,
den Kinderverstand lebendig anzuregen....
Ich bin vollkommen wohl, und mir ist in meiner in mir vergrabenen
Stimmung sehr wohl. Ich bitte Sie, Ihren Brief an mich wie gewöhnlich
abgehen zu lassen, und wünsche von inniger Seele, daß Sie das Jahr
gesund und heiter beschließen und ebenso das neue beginnen mögen.
Begleiten Sie mich bei dem Wechsel der Jahre mit dem Wunsch, daß mich
nichts im Genuß meiner Einsamkeit, die mein wahres Glück ist, stören
möge, und machen Sie, daß ich mir Ihr Leben ruhig und zufrieden denken
kann. Mit der herzlichsten Freundschaft und unveränderlicheren Teilnahme
der Ihrige. H.
_Tegel_, den 9. Februar 1833.
Es tut mir leid, liebe Charlotte, daß Ihnen dieser Brief später als
gewöhnlich zukommen wird. Ich habe aber wegen eines Geschäftes einige
Tage in der Stadt sein müssen, und da komme ich nicht zum ruhigen
Schreiben. Da ich Berlin jetzt selten besuche, so drängt sich dann
alles, Menschen und Sachen, zusammen, und es bleibt mir nicht einmal die
materielle Zeit übrig, etwas für mich anzufangen, wenn ich auch garnicht
von der Stimmung reden will. Ich verlor aber gerade auf diese Weise die
ersten Tage des Monats, in denen ich Ihnen jetzt gewöhnlich zu schreiben
pflege. Ich hoffe, Sie werden sich über das Ausbleiben des Briefes nicht
beunruhigt haben. Sie müssen das niemals tun, liebe Freundin, darum
bitte ich sehr. Der kleinen, ganz unbedeutenden Ursachen, warum ich
Ihnen an diesem oder jenem Tage nicht schreibe, können sehr viele sein,
und ich kann sie so wenig voraussehen, als Sie sie erraten. Aber Sie
können sicher eine von diesen voraussetzen, wenn meine Briefe Ihnen über
die gewohnte Zeit ausbleiben. Da ich zu derselben Zeit im Monat jetzt
gewohnt bin, Ihnen zu schreiben, so bekommen Sie nach einer ziemlich
längeren Pause hernach zwei Briefe schneller nacheinander, was Ihnen
Freude macht, da Sie auf meine Briefe einen viel größeren Wert legen,
als sie verdienen. Diese Ihre Freude ist auch mir eine und macht, daß
ich Ihnen willig die Zeit opfere, die es mich kostet. Seit vorgestern
bin ich wieder hier, und heute schon setze ich mich hin, um mich mit
Ihnen zu unterhalten. Denn eine Unterhaltung kann man unseren
Briefwechsel vorzugsweise nennen. Da er sich meist um Ideen dreht und
die äußeren Lebensverhältnisse sehr wenig angeht, so gleicht er darin
einem räsonnierenden Dialog, und Ideen sind ja nur das einzig wahrhaft
Bleibende im Leben. Sie sind im eigentlichsten Verstande das, was den
denkenden Menschen ernsthaft und dauernd zu beschäftigen verdient. Auch
Sie nehmen ebenso lebhaftes Interesse daran, und daß Ihnen meine Briefe
Freude machen, liegt vorzüglich in diesem ihrem Inhalte. Es ist mir auch
ein besonderer Grund der Zufriedenheit und Freude an Ihrer Art zu
schreiben, daß Sie nicht mehr, wie Sie es sonst oft taten, darauf
dringen, daß ich Ihnen von dem erzähle, was mich angeht, und über das
Mitteilungen mache, was mich umgibt, was garnicht in meinem Wesen liegt.
Darum müssen Sie nun aber ja nicht denken, daß ich es auch gern habe,
wenn Sie über sich schweigen. Es macht mir im Gegenteil wahre Freude,
wenn ich Ihr inneres Leben in allen Ihren äußeren Umgebungen sehe.
Vergessen Sie also nicht, mir auch ferner von Zeit zu Zeit diesen
Überblick wie bisher zu geben....
Sie bitten mich in Ihrem letzten Brief, Ihnen noch nähere Erläuterungen
darüber zu geben, was ich eigentlich damit meine, daß man in gewissen
Lebensepochen innerlich das tun müsse, was man äußerlich sein Haus
bestellen nenne. Ich habe darunter etwas sehr Einfaches und ganz der
gewöhnlichen Bedeutung der Redensart Entsprechendes verstanden. Man
sagt, daß man sein Haus bestellt hat, wenn man Sorge getragen hat,
alles das auf den Fall seines Todes zu berichtigen, was bis dahin
unberechtigt geblieben war. Die Redensart schließt ferner in sich, daß
man angeordnet habe, wie es mit den Dingen, die einem angehören, nach
dem Hintritt werden soll. Von allen Seiten schneidet also das
Hausbestellen Verwickelung, Ungewißheit und Unruhe ab und befördert
Ordnung, Bestimmtheit und Seelenfrieden. So nimmt man den Ausdruck im
äußeren, weltlichen Leben. Auf viel höhere und edlere Weise aber findet
das ähnliche im Geistigen statt. Auch darin gibt es mehr und minder
Wichtiges, mehr und minder an das irdische Dasein Geknüpftes, mittelbar
oder unmittelbar mit dem Höchsten im Menschen Verbundenes. Ich meine
damit nicht gerade, wenigstens nicht ausschließlich, Religionsideen. Was
ich hier meine, gilt auch von solchen, die garnicht in diesen Kreis
gehören. Es läßt sich überhaupt nicht im allgemeinen bestimmen, was hier
das Höchste und Wichtigste genannt wird. Jedermann pflegt aber in sich
die Erfahrung zu machen, daß er gerade dem, was in ihm das Tiefste und
Eigentümlichste ist, die wenigste Muße widmet und sich viel zu viel
durch untergeordnete Gegenstände das Nachdenken rauben und entreißen
läßt. Dies muß man abstellen, den störenden Beschäftigungen entsagen und
sich mit Eifer den wichtigeren widmen. Noch mehr aber geht diese
Sammlung auf eine kurze Spanne noch übrigen Lebens, wie man es auch
nennen könnte, in dem Gebiete des Gefühls vor. Doch ist hier im
allgemeinen ein großer und wichtiger Unterschied. Im Intellektuellen und
allen Sachen des Nachdenkens hat der Vorsatz volle Kraft. Man kann und
muß absichtlich die Gedanken und das Nachdenken auf gewisse Punkte
richten. Im Gefühl ist das nicht nur unmöglich, sondern würde auch
geradezu schädlich sein. Im Gebiete des Empfindens läßt sich nichts
Unfreiwilliges, nichts Erzwungenes denken. Da kann also die Änderung nur
von selbst eintreten und ist mit der Reife einer Frucht zu vergleichen.
Sie geht von selbst vor sich, so wie die ganze Seelenstimmung verrät,
daß dies Loslassen vom hiesigen Dasein in das Gemüt ganz übergegangen
ist. Die Änderung besteht auch da in einem Vereinfachen und Zurückziehen
des Gemüts auf sich selbst, doch läßt sich hier noch weniger als im
Gebiet des Denkens, aus einer einzelnen Individualität heraus, etwas
allgemein Geltendes sagen. In mir ist es ganz einfach so zugegangen, daß
sich mein Gemüt so auf eine Empfindung konzentriert hat, daß es jeder
anderen unzugänglich geworden ist, insofern nämlich, als ich durch eine
andere Empfindung etwas empfangen sollte. Denn auf keine Art bin ich
dadurch kalt und unteilnehmend geworden, nur uneigennütziger und
wirklich jeder Forderung entsagend. Nicht bloß mit Menschen ist es mir
aber so, auch an das Schicksal mache ich keine Forderung. Ich würde
Ungemach wie ein anderer fühlen, das läßt sich aus der menschlichen
Natur nicht ausrotten. Entbehrung bleibt Entbehrung und Schmerz bleibt
Schmerz. Aber den Frieden meiner Seele würden sie mir nicht nehmen, das
würde der Gedanke verhindern, daß solche Ereignisse und Zustände
natürliche Begleiter des menschlichen Lebens sind, und daß es nicht
geziemend wäre, in einem langen Leben nicht einmal die Kraft gewonnen zu
haben, seine höhere und bessere Natur gegen sie aufrecht erhalten zu
können. Ich weiß nicht ob ich Ihnen so deutlich genug geworden bin. Wäre
es nicht der Fall, oder schiene Ihnen meine Ansicht nicht richtig, so
werde ich sehr gern weiter und ausführlicher in die Sache eingehen. Sie
reden in Ihrem Briefe von Gedächtnishilfen, die Sie sich ersonnen haben,
und erbieten sich, mir mehr darüber zu sagen, wenn ich es wolle. Tun Sie
es ja. Leben Sie wohl! Mit immer gleichem Anteil der Ihrige. H.
_Tegel_, den 8. März 1833.