Im Dezember 1827.

Wir stehen wieder am Schlusse eines Jahres. Der Monat, in dem das Jahr

zu Ende geht, wir haben schon oft in unseren Briefen dabei verweilt, hat

immer etwas zugleich Feierliches und Anregendes für mich. Man sagt sich

wohl tausendmal, daß die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes und

Unwesentliches sind, und in der Tat ginge die Zeit eben so leer und

ebenso bewegt, wie sie jeder ergreift und wie sie jeder aufnimmt, hin,

wenn man ganz vergäße, welche Woche, welcher Monat und welches Jahr es

wäre. Allein diese trocken vernünftige Philosophie verliert sich doch im

Leben, und wer nur irgend Empfindung in sich trägt, geht immer ganz

anders vom 31. Dezember zum 1. Januar, als von zwei anderen aufeinander

folgenden Tagen über. Es ist, als wenn der Mensch versucht, durch die

Zeiteinteilungen der Flüchtigkeit der Zeit Einhalt zu tun, wenigstens

ihren ununterbrochenen und ungeschiedenen Lauf zu unterbrechen. Sie

selbst zwar geht immer fort, aber der Mensch fleht wie auf einer

schmalen Grenze zwischen der Vergangenheit und Zukunft still, er sammelt

sich, nimmt in seinen Gedanken den zuletzt verflossenen Zeitabschnitt

zusammen und umspannt den nächstfolgenden mit neuen Vorsätzen,

Entwürfen, Hoffnungen und Besorgnissen. Ich möchte die Veranlassungen,

dies zu tun, nie aufgeben. So wenig man ihrer eigentlich bedarf, so

willkommen ist es, gewahr zu werden, daß sie einen mahnen. Denn eine

Mahnung liegt ganz eigentlich in der Zeit, sie straft mit der

Unwiederbringlichkeit der Schritte, die sie einmal getan; sie drängt

zugleich auf die Gegenwart mit der Ungewißheit der Zukunft, und zwischen

dieser Unwiederbringlichkeit und Ungewißheit steht der Mensch beständig,

immer mit dem Gefühl, das Versäumte nie zurückführen zu können und nicht

vorauszusehen, ob es die Zukunft nachzuholen gestatten wird. Dann halte

ich auch sehr viel auf das Charakteristische gewisser, ja jeder Epoche

des Lebens. Jedes Jahrzehnt bringt seine Sitten, Gewohnheiten,

Schicklichkeiten mit, jedes seine Genüsse und seine Entbehrungen, und

die Weisheit ist nur, das nicht zu verwechseln, nicht in ein Alter

überzutragen, was einem andern angehört.

Ich habe, wie Sie, liebe Charlotte, wissen, eine eigene Liebe für die

sternhellen Winternächte, und es freut mich nicht allein, daß Sie auch

diese Neigung, wie so viele andere mit mir teilen, sondern auch, daß Sie

mir oft gesagt haben, daß ich Sie noch mehr dahin geführt, und Ihnen

meine Anleitungen nützlich waren. Ja, es macht mir oft Freude zu denken,

daß sich unsere Blicke wohl oft in einem Planeten oder anderen Gestirn

begegnen in den tiefdunkeln, hellen, schönen Winternächten, die wir

jetzt haben, da Sie, wie Sie mir wohl gesagt haben, aus Ihrer Wohnung

einen freien weiten Horizont nach allen Seiten haben. Die Freude daran

ruht wirklich bei mir mit aus Gewohnheit. In meiner Jugend, als ich

zwanzig Jahre und darüber war, ging ich ganze Nächte hier, und wo ich

war, auf den Straßen herum. Wenn ich dann so die Gestirne hinziehen und

ihre Stellungen verändern sehe, fällt mir immer ein, daß es nur die

Abteilungen der Zeit sind, von denen ich eben sprach, die uns an jene

fernen Welten heften, durch die wir ihre gegenseitigen Stellungen zu

Bestimmungspunkten in uns und für uns zu einer Epoche in ihrem Gange

machen.

Das Versenken in diese Ferne, das Sichverlieren in dieser Menge der

Weltkörper, die sich dem Auge selbst wie ein einziges Lichtmeer

darstellen, macht mich ganz eigentlich glücklich und fesselt mich, daß

ich mich stundenlang nicht davon losreißen kann. Ist der Jupiter eben

sichtbar, suche ich ihn immer zuerst auf und erfreue mich an seinem

hellen, milden, weißen Lichte; dann verfolge ich die so unendlich fernen

Fixsterne und habe es gern, wenn das Auge zuletzt sich in dem für unser

Auge ungeschiedenen Glanzschimmer der Milchstraße verliert. Selbst das

bloße Schauen in die tiefe Nacht, wo gerade sternlose Räume sind, ist

schön, zumal gerade jetzt, wo die mondlosen Nächte so ganz und

unaussprechlich dunkel und finster sind, überhaupt ist es

bewunderungswürdig, welchen Genuß der anhaltend verweilende Anblick

ganz einfacher Gegenstände in der Natur macht. Gewiß haben auch Sie

bisweilen am Wasser gesessen, bloß um die Blicke und die Gedanken darin

recht zu versenken. Für mich ist es einer der belohnendsten Genüsse, und

der kleinste Bach, der stillste Teich, der sonst unbedeutendste See

reicht dazu hin. Es ist das reine, klare, unbewegte Element, das diese

Kraft ausübt. Es ist mir immer sehr begreiflich gewesen, wie man sich

einbilden konnte, daß Wassernixen den am Ufer Sitzenden herabzögen. Es

zieht wirklich hinab, und es ist einem bisweilen dabei, als könnte man

nur so niedersteigen, um da ewig zu ruhen, als müßte man es. Es ist in

diesem Gefühl gar kein Unwille mit der Erde, kein Überdruß an dem, was

sie bietet, es ist die reine Luft am feuchten Element. Es ist überhaupt

ein Vorurteil, wenn man meint, daß das Vergnügen an der Natur gerade

eine schöne Gegend erfordere. So unleugbar es ist, daß diese den Reiz

unendlich erhöht, so ist der Genuß überhaupt nicht daran gebunden. Es

sind die Naturgegenstände selbst, die, ohne auch für sich auf Schönheit

Anspruch zu machen, das Gefühl anziehen und die Einbildungskraft

beschäftigen. Die Natur gefällt, reißt an sich, begeistert, bloß weil

sie Natur ist. Man erkennt in ihr eine unendliche Macht, größer und

wirksamer als alle menschliche, und doch nicht furchtbar. Denn es ist,

als strahlte einem jeder Naturgegenstand immer etwas Mildes und

Wohltätiges entgegen. Denn der allgemeine Charakter der Natur ist Güte

in der Größe. Wenn man auch wohl von schauderhaften Felsen, schrecklich

schönen Gegenden spricht, so ist die Natur niemals furchtbar. Man wird

bald mit der wildesten Felsenschlucht vertraut und heimisch in ihr, und

empfindet, daß sie dem, der einsiedlerisch zu ihr flüchtet, gern Ruhe

und Frieden beut.

Die gedrückte und schwermütige Stimmung, deren Sie erwähnen, tut mir

sehr leid, und es rührt mich, wie unverkennbar sie durchscheint, daß Sie

dabei so wenig und kurz verweilen, um sie mir zu entziehen. Ich weiß und

fühle sehr wohl, daß in einem nicht sorgenfreien, eher sorgenvollen

Leben unangenehme, verdrießliche Vorfälle widrige Störungen

hervorbringen und der nach Ruhe schmachtenden und der Ruhe so innig

bedürfenden Seele schmerzlich entgegentreten -- aber es sind diese

Stimmungen dennoch den Wolken zu vergleichen, die auch bald licht und

hell, bald dicht und finster getürmt einherziehen. Es läßt sich auch da

nicht immer sehen, woher sie kamen, wohin sie ziehen, aber die Sonne

verscheucht sie. Die Sonne für das Gemüt ist der Wille. Allein, wenn

dies sehr leidet, reicht er nicht aus. Wir bedürfen dann Glauben. Glaube

kann uns allein über das kleinliche tägliche Leben und irdische Treiben

erheben, der Seele eine Richtung aufs Höhere geben und auf Gegenstände

und Ideen, die allein Wert und Wichtigkeit haben. Es gibt etwas, das

Ihnen nicht fehlt, ja, das Ihnen, liebste Charlotte, innewohnt, das Sie

auch gewiß höher achten als alles, was man äußerlich und innerlich Glück

zu nennen pflegt. Es ist der Friede der Seele. Er wird nach

Verschiedenheit der menschlichen Richtungen auf sehr verschiedenen Wegen

gewonnen und erhalten. Der im äußeren Glück und selbst Glanz Lebende

bedarf dieses Friedens ebensosehr als der mit Kummer und Sorgen

Beladene. Aber er erlangt ihn schwerer. Denn jeder Friede ist ein

einfaches Gefühl, das in verwickelten Verhältnissen schwerer gewonnen

wird. Es beruht freilich auf Ruhe und Reinheit des Gewissens, damit

allein aber ist es nicht errungen. Man muß sich zufrieden mit seinem

Schicksale empfinden, sich mit Ruhe und Wahrheit sagen, daß man das

Schicksal nicht anklagt, sondern wenn es glücklich ist, mit Demut, und

wenn es unglücklich ist, mit Ergebung und mit wahrem Vertrauen in Gottes

weise Führung empfängt. Da die schwerere, sorgenvollere Lage auch das

Verdienst erhöht, sich ohne Klage zu finden und sich in ihr zu erhalten,

oder aus ihr herauszuarbeiten, so gelangt man auf diesem Wege zur

harmonischen Übereinstimmung mit dem Geschicke, wie es auch sein möge.

Sie, liebe Charlotte, wissen und üben das alles selbst. Sie brauchen nur

in sich und mit Vertrauen auf Ihre innere Kraft davon Gebrauch zu

machen, und Sie werden gewiß die schwere und niederbeugende Stimmung,

über die Sie jetzt klagen, überwinden, wenn sie nicht anders einen

äußeren Grund hat, den ich nicht kenne, der aber freilich sehr

einwirkend sein kann und von mancherlei Art. Wie sehr wünsche ich, daß

alles, was Sie in Wahrheit oder in der Vorstellung drückt, im alten Jahr

zurückbleibe und das neue heiter und froh beginne. Mit diesen herzlichen

Wünschen Ihr H.

_Berlin_, Januar 1828.

Der Abschnitt eines Jahres hat immer eine gewisse Feierlichkeit, meiner

Empfindung nach mehr und ganz anders als ein Geburtstag. Dieser bezieht

sich immer nur auf eine Person, und für den, der ihn sonst erlebt, ist

er nur ein Abschnitt im Abschnitte des ganzen Jahres. Für alle eine

Erneuerung der Epochen ist nur das erneuerte Jahr selbst, und es erregt

daher auch eine allgemeine Teilnahme. Das Jahr selbst, das abgeschiedene

und das neu eintretende, wird wie eine Person betrachtet, von der man

Abschied nimmt und die man begrüßt. Jedes Jahr hat seine eigenen

geschichtlichen Ereignisse, die sich in die Reihe der individuellen

Schicksale verweben, selbst wenn man gar keinen Teil daran nimmt, da man

sich beinahe unwillkürlich daran erinnert, bei diesem oder jenem nur

einen selbst betreffenden Vorfall gerade auch von diesem oder jenem

öffentlichen Ereignis gehört zu haben. Es ist aber auch keine

Einbildung, daß die Jahre glücklich oder unglücklich für die Menschen

sind, und daß man es ihnen gleichsam ansieht, wie sie sich in dieser

Hinsicht gestalten werden. Ich meine damit nicht große Unglücksfälle,

aber so das kleine Mißraten aller Unternehmungen, das Fehlschlagen der

frohen Erwartungen, die man sich auf diese oder jene Weise gebildet

hatte, in der Art, wie es auch Tage so gibt, wo man z. B. in allem

ungeschickt ist, alle Augenblicke etwas fallen läßt, sagt, was man nicht

sagen soll, und wie es so oft in Träumen geschieht, niemals zu dem

kommt, was man in der Absicht hat. Alles das liegt freilich weniger noch

im Schicksal als im Menschen, der sich immer selbst sein Schicksal

macht. Es kommt wohl oft von den ersten Eindrücken her, die man beim

Beginnen des Jahres bekommt, und die gleich das Vertrauen auf sein Glück

schwächen, oder gar Furcht vor Unglück oder wenigstens Besorgnisse

erwecken. Bisweilen ist es auch bloß phantastisch. So halte ich viel von

der Jahreszahl. Wenn sie viele ungerade Zahlen enthält, hat man bei

aller Vernunft eine Art Scheu davor. Wenn dagegen so schöne gerade

Zahlen wie in 1828 sind, so flößt das eine gewisse freudige Sicherheit

ein. Man schließt sich in das Jahr mit heiterem Mute ein, wie in ein

Fahrzeug, das schon durch sein Ansehen verspricht, einen sicher an das

Ufer des nächsten Jahres zu bringen. Wenn ich sagte, daß jeder sich

selbst sein Schicksal macht, so ist das ein altes Sprichwort, freilich

ein heidnisches, das aber auch, christlich genommen, einen richtigen

Sinn hat. Es ist nämlich hier von dem inneren Schicksal die Rede, von

der Empfindung, mit der man das Äußere aufnimmt, und das hat der Mensch

in seiner Gewalt. Er kann immer Ergebung, Fassung, Vertrauen auf

wohltätige höhere Macht in sich erhalten, und wenn es ihm noch daran

fehlt, in sich hervorbringen. Wenn der Mensch nicht darin allein von

sich selbst abhinge, so gäbe es keine Freiheit.

Indem die Vorsehung die Schicksale der Menschen bestimmt, ist auch das

innere Wesen des Menschen dabei in Einklang gebracht. Es ist eine solche

Harmonie hierin, wie in allen Dingen der Natur, daß man sie auch

gegenseitig auseinander ohne höhere Fügung erklären und herleiten

könnte. Gerade dies aber beweist um so klarer und sicherer diese höhere

Fügung, die jener Harmonie das Dasein gegeben.

In der letzten Hälfte des Märzes werde ich eine größere Reise machen und

wohl erst in sechs Monaten zurückkommen. Meine jüngste Tochter ist, wie

Sie wissen, an Herrn von Bülow verheiratet, und dieser ist jetzt

preußischer Gesandter in London. Er ist schon seit mehreren Monaten dort

und meine Tochter will ihm nun mit ihren drei kleinen Mädchen nachgehen.

Dahin nun werde ich, meine Frau und meine älteste Tochter sie begleiten.

Wir gehen über Paris und halten uns dort einige Wochen auf, dann gehen

wir nach London über und bleiben dort etwa anderthalb Monate. Von da

reisen wir, ich, meine Frau und älteste Tochter, wieder über Paris und

dann über Straßburg und München nach Gastein und brauchen dort die

gewöhnliche Badekur. Ende September können wir auf diese Weise wieder

hier sein. Ich mache die Reise sehr gern, und das einzige, was mir daran

unlieb ist, ist die Notwendigkeit, schon in der Mitte des August wieder

in Gastein sein zu müssen. Ich liebe zwar Gastein sehr und bin gern da,

aber ich würde diesmal die Zeit lieber länger in London zubringen und

dann auch später hierher zurückkommen. So setzt mir das Bad zu bestimmte

Grenzen in meinem Aufenthalt. Paris und London sehe ich mit großer

Freude wieder. Wenn ich nicht auf dem Lande bin, bin ich am liebsten in

den größten Städten. Mitten im Gewühl ist man wieder in der Einsamkeit.

Solch eine Reise scheint sehr groß und ist es auch der Meilenzahl nach,

aber am Ende ist die Zahl der Tage, die man im Wagen zubringt, doch so

groß nicht. Nachts werden wir nie fahren, und so ist es viel weniger

unbequem, als es auf den ersten Anblick scheint. Das Wetter kann

freilich im März noch kalt und unangenehm sein, doch ist in Deutschland

der April gewöhnlich gut, und sollte der Mai Nücken von Rauheit haben

wollen, so sind wir dann schon im milderen Frankreich. Meinen

Schwiegersohn finden wir in London schon in einem ganz eingerichteten

Hause, und so entgehen wir den Unbequemlichkeiten, die man sonst in

einer fremden Stadt erfährt. Paris nenne ich nicht fremd. Ich habe es

mit meiner Frau und Kindern in den früheren Jahren meiner Heirat einige

Jahre hindurch bewohnt. Es sind mir zwei Kinder dort geboren und eins

gestorben. Nachher war meine Frau einige Monate ohne mich dort, und ich

während des Krieges zweimal ohne sie. Jetzt sind es freilich elf Jahre,

daß ich nicht nach Paris gekommen bin, und als ich das letztemal, es war

bei Nacht, herausfuhr, dachte ich bei mir, daß ich nie wieder hinkommen

würde. Mit demselben Gefühl sah ich die felsigen Ufer von England, als

ich es im Jahre 1818 verließ. Das Schicksal hat es sonderbar gefügt, daß

ich nun wieder ganz unerwartet dahin komme, und daß mein Schwiegersohn

die Stelle bekleidet, die ich damals hatte. Er bleibt vermutlich lange

dort, und so wird mir das eine Veranlassung werden, auch öfter

hinzureifen. Täte ich es aber je allein, so würde ich nicht den weiten

Weg über Paris, sondern gewiß den kurzen über Hamburg nehmen. Man ist

alsdann in wenig Tagen in London und kann in drei Wochen hin- und

herreisen und beinahe vierzehn Tage in London zubringen. Wie wir es mit

unserm Briefwechsel einrichten, will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe

schreiben. Sein regelmäßiger Gang wird nicht dadurch unterbrochen

werden. Natürlich brauchen die Briefe längere Zeit, um anzukommen, aber

dies ist vorzüglich nur das erstemal unangenehm und fühlbar. Hernach

bleibt, welche die Entfernung sei, der Zwischenraum derselbe. Ich werde

es übrigens so einrichten, daß Sie Ihre Briefe ganz wie gewöhnlich

hierher schicken. Hier ist ohnehin ein Mensch, der mir die Briefe, wo

ich bin, nachsendet. Auch die meinigen werden Sie in der Regel wohl von

hier aus bekommen, so wird alles im gewohnten Geleise bleiben. Bei

meinem Wiederkommen nach Paris und London fällt mir ein, daß irgendwo

sehr hübsch gesagt ist, daß man immer nur die Orte gern besucht, die man

schon von früher her kennt. Das ist aus sehr richtiger Beobachtung

geschöpft, es ist wirklich so und macht den Empfindungen des Menschen

Ehre. Man behandelt Orte wie Menschen und kehrt nur zu den schon

bekannten gern zurück. Die Freude, die Sie in Ihrem stillen Leben am

Sternhimmel haben, macht mir wiederum Freude, da sie durch die meinige

mehr erhöht und vermehrt ist; gern beantworte ich Ihre Fragen, so viel

ich es selbst kann. Daß Ihnen früher die Zahllosigkeit der Gestirne, das

Unendliche des Weltraums, mit einem Wort, die Unermeßlichkeit der

Schöpfung furchtbar erschien, habe ich sonst kaum begreifen können, und

es freut mich, daß sich diese Empfindung in Ihnen verloren hat. Die

Größe der Natur schon ist eine erhebende, heitere, die ich gerade zu den

am meisten beglückenden rechnen möchte. Noch mehr aber ist es die Größe

des Schöpfers. Wenn man auch zugeben könnte, daß sie als Größe

niederdrückend wäre, so würde sie wieder erhebend und beglückend sein

durch die unermeßliche Güte, die sich zugleich für alle Geschöpfe darin

ausspricht. Überhaupt ist es doch nur die physische Macht und Größe,

welche als gewissermaßen niederdrückend Furcht einflößen kann. So

unendliche physische Macht aber auch diejenige ist, welche sich in der

Schöpfung und dem Weltall verherrlicht und darstellt, so ist sie doch

noch weit mehr eine moralische. Diese aber, das wahrhaft Erhabene,

erweitert immer das Innere, macht freier atmen und erscheint allemal in

Milde, als Trost, Hilfe und Zuflucht. Man kann mit Wahrheit sagen, daß

diese schaffende allmächtige Größe überall sich in gleicher, gleiche

Bewunderung auf sich ziehenden Stärke sehen läßt. Aber man kann mit

Wahrheit behaupten, daß am Himmel in den Gestirnen sie in einfacheren

Verhältnissen erscheint. Sie drängt sich der Phantasie mehr auf, es ist

alles nur durch Zahl und Maß zu ergründen, und es flieht doch wieder

durch seine Unendlichkeit alle Zahl und alles Maß. Gerade weil man an

den Himmelskörpern lauter Verhältnisse findet, die sich auf

mathematische zurückbringen lassen, kennt man die Räume des Himmels in

einigen Stücken besser als die Erde und ihre Geschöpfe. Schreiben Sie

mir, liebe Charlotte, den 26. d. M., und seien Sie überzeugt, daß alles,

was Sie mir sagen, großes Interesse für mich hat und mir immer

willkommen ist. Leben Sie herzlich wohl und zählen Sie auf meinen

unwandelbaren, unveränderlichen Anteil. H.

* * * * *

Das Leben ist eine Gabe, die immer so viel Schönes für einen selbst, und

wenn man es nur will, so viel Nützliches für andere enthält, daß man

sich wohl in der Stimmung erhalten kann, es nicht nur in Heiterkeit und

innerer Genugtuung fortzuspinnen, sondern daß man auch aus wahrer

Pflicht alles tun muß, was von einem selbst abhängt, es zu verschönern

und es sich und andern nützlich zu machen.

Der Ernst und selbst der größte des Lebens ist etwas sehr Edles und

Großes, aber er muß nicht Hörend in das Wirken im Leben eingreifen. Er

bekommt sonst etwas Bitteres, das Leben selbst Verleidendes.

Wenn man auch das Ende des irdischen Daseins garnicht fürchtet, wenn man

ihm sogar mit mehr als gewöhnlicher Heiterkeit entgegensieht, muß man

dem Gedanken daran doch keinen auf irgendeine Weise störenden Einfluß

auf das Leben einräumen.....

Wir reisen nach Paris über Weimar und Frankfurt a. M. Weimar ist die

nähere und in Wegen und Wirtshäusern die bessere Straße. Wir bleiben

übrigens wegen des Hofes, mit dem wir sehr bekannt sind, einige Tage

dort.

_Berlin_, den 21. März 1828.

Es freut mich, Ihnen, liebe Charlotte, sagen zu können, daß sich unser

Reiseplan so geändert hat, daß wir über Kassel gehen werden. Unser Plan

ist, am 31. von hier abzureisen, und hiernach können wir am 2. April in

Kassel sein. Eine Nacht bleiben wir dort auf jeden Fall, ob den

folgenden Tag und also zwei Nächte, weiß ich noch nicht. Überhaupt ist

kein Plan gewiß, wenn man mit mehreren reist.

Ich freue mich sehr, Sie zu sehen. Es wird freilich nur auf eine oder

zwei Stunden sein können, aber es ist immer schön, sich wiederzusehen.

Komme ich früh genug an, so komme ich noch denselben Abend zu Ihnen; ist

es zu spät, so komme ich den folgenden Tag, wenn es auch vielleicht erst

am Abend sein sollte; komme ich früh genug und bleibe doch den folgenden

Tag, so sehe ich Sie beide Tage, Ich glaube nicht, daß mich eine Antwort

auf diesen Brief noch hier finden kann, sonst wäre es mir sehr lieb,

wenn Sie mir noch einige Zeilen herschrieben.

Leben Sie herzlich wohl!

Unterwegs.

Ich glaubte gestern noch bis 5 Uhr noch einmal zu Ihnen zu kommen, aber

es kam mir etwas dazwischen. Hätten Sie näher gewohnt, hätte ich Sie

dennoch, auf eine halbe Stunde gesehen. So war es unmöglich. Sie in

Ihrem Hause gesehen zu haben, hat mir große Freude gemacht und hat mir

einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen. Ich schreibe Ihnen, liebe

Charlotte, gewiß bald aus Paris und hoffe auch dort einen Brief von

Ihnen zu finden.

_Paris_, den 23. April 1828.

Ich habe bei meiner Ankunft hier, liebe Charlotte, Ihren Brief vom

26. v. M. gefunden und darin Ihre Sorgfalt erkannt, mir Ihre Wohnung zu

bezeichnen. Noch lebhafter als für diese Sorgfalt aber danke ich Ihnen

für den lebendigen Ausdruck der Freude, der in Ihrem Briefe herrscht.

Ich bin hernach Zeuge dieser Freude selbst gewesen, und Ihre Freude, die

dieser Brief ausdrückt, hat mir dieselbe noch lebhafter zurückgerufen.

Sie ist mir ein neuer, sehr angenehmer Beweis Ihrer Gesinnungen gewesen,

oder vielmehr ich habe, da mir bisher nur immer Ihre Briefe diese

Gesinnungen aussprachen, sie nun in ihrer lebendigen, noch unendlich

mehr erfreuenden Äußerung gesehen. Es ist mir sehr viel wert, selbst bei

Ihnen gewesen zu sein, es hat mir einen anschaulichen Begriff Ihres

Lebens gegeben, noch außer der Freude, Sie wiedergesehen zu haben. Das

Leben, wie Sie es sich dort eingerichtet haben, ist sehr hübsch und

spricht für den Geist und die Weise, die Sie hineinlegen. Sie genießen

einer freundlichen und heiteren Einsamkeit, und alles in Ihrem kleinen

Hause, aber garnicht so kleinen Garten, spricht einen gleich beim

Hereinkommen so an, daß einem wohl darin wird. Und doch habe ich beides

nur bei rauhem Wetter und ohne Frühlings- und Sommerschmuck gesehen. Wie

viel muß der Garten durch beides gewinnen, wo Sie dann im vollen,

dichten Grün wohnen. Ich kann mir Sie jetzt in allen Momenten denken, da

ich alle die Plage gesehen habe, worin Sie Ihr Leben zubringen, und ich

finde es eine sehr hübsche Einrichtung, daß Sie das geräumige und

freundliche Zimmer unten, in dem wir waren, von Ihrer Arbeit abgesondert

halten und es nur besuchen, wenn Sie mit jemand sind oder frei allein

sein wollen. Eine Stube nimmt immer für den, der sie bewohnt, die Farbe

dessen an, was gewöhnlich darin vorgeht, und man sollte mehr darauf

denken, sich einen Ort aufzubewahren, der einen bloß an das erinnern

kann, was man frei von anderer Beschäftigung oder Zerstreuung darin

gedacht oder empfunden hat. Wie man dann nur die Wände erblickt,

erscheinen dieselben Gedanken und Empfindungen wieder, an die sich

andere anreihen. Es ist ebenso auf dem Lande mit Spaziergängen. Mir

wenigstens geht es immer so, daß ich nach kurzem Aufenthalt in einer

Gegend sie mir zu verschiedenen Gedanken und Gefühlen bestimme, und je

länger man sie in dieser Bestimmung braucht, desto mehr erwachen diese

Gefühle und Gedanken mit ihnen. Aber auch oben, wo Sie arbeiten, sind

ihre Zimmer hübsch und bequem, wenn auch klein. Diese Kleinheit kann

auch nichts Drückendes da haben, wo man gleich in einen freien und

großen Garten hinaus kann. In der Stadt wäre das viel anders. Ihre ganze

Einrichtung, in der sichtbar so viel Verstand, Ordnung und Genügsamkeit

herrscht, hinterläßt darum einen noch viel angenehmeren und

erfreulicheren Eindruck, weil es sichtbar ist, daß Sie sich dieses

Dasein selbst geschaffen haben und es erhalten; ich hoffe auch gewiß,

daß Ihre besonnenen Einrichtungen ferner von glücklichem Erfolg sein

werden, ob zugleich die Idee immer bei mir wiederkehrt, daß Sie ein

weniger angestrengtes Leben bei Ihnen zusagender größeren Muße genießen

möchten. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welchen lebhaften und

aufrichtigen Anteil ich an der Erfüllung dieses Wunsches nehmen

würde. -- -- -- --

Unsere Reise ist zwar recht glücklich gewesen, insofern als sich kein

sonderlich unangenehmer Zufall beigemischt hat. Aber wir sind von Kassel

aus viel langsamer gereist als bis dahin. Worüber wir uns sehr zu

beklagen gehabt haben, war das Wetter. Unterwegs, namentlich zwischen

Kassel und Frankfurt, war es wahrhaft winterhaft. Auf einer langen Reise

mit Frauen und Kindern ist das beschwerlich. In Frankfurt hielten wir

uns drei Tage auf, diese Verzögerung war aber nicht willkürlich diesmal,

sondern nötig. Teils war es meiner Frau und den Kindern notwendig

auszuruhen, teils waren Reparaturen am Wagen vorzunehmen. Der längere

Aufenthalt in Frankfurt war mir verdrießlich, weil er immer so viele

Tage dem hiesigen entriß, sonst hatte ich ihn nicht ungern, denn ich

habe Frankfurt immer geliebt, und es gibt wirklich nur sehr wenige

Städte in Deutschland, welche die Vergleichung damit ertragen können. Es

zeichnet sich hauptsächlich durch zwei Vorzüge aus. Einmal hat es so

äußerst hübsche Umgebungen. Ich rede hier nicht bloß von den schön

angelegten Pflanzungen, die die Stadt umgeben, sondern von der Gegend

selbst. Das Taunus-Gebirge gewährt von mehreren Punkten einen höchst

reizenden Anblick, und der Fluß kommt dazu. Ich bin immer mit großer

Freude dort spazieren gegangen. Dann aber bringt auch die Stadt den

Eindruck hervor, daß die Bewohner fast im allgemeinen eines großen oder

wenigstens hinreichenden Wohlstandes genießen. Der wahre, große

Reichtum, der sich daselbst befindet, ist nicht so, wie oft an andern

größeren Orten, von Armut und schreiendem Elend begleitet. Das gehört

aber sehr dazu, wenn einem an einem Orte wohl werden soll. Man fühlt an

jedem immer, bis auf einen gewissen Punkt, mit der ganzen Volkszahl, und

es ist einem nicht behaglich, wenn man in dieser Not und Armut in zu

großem Kontrast mit dem Wohlstande antrifft.

Von Frankfurt bis Saarbrück aus haben wir wieder größere Strecken Weges

zurückgelegt und sind am vierten Tage noch vor der hier gewöhnlichen

Stunde des Mittagessens, die allgemein sechs Uhr ist, angekommen. Das

Reisen durch Frankreich ist nicht mit großen Annehmlichkeiten verbunden.

Die Wege sind jetzt zum Teil schlecht und sehr schlecht, im ganzen

mittelmäßig und nirgends recht gut. Gute Wirtshäuser findet man nur in

den größten Provinzialstädten, wie Lyon usw. Der Anblick des Landes und

der Bewohner hat von der Seite, von der wir kamen, garnichts Anziehendes

und Fesselndes. Die Gegenden sind vielmehr höchst gewöhnlich und bieten

nicht einmal große Fruchtbarkeit oder Stärke der Vegetation dar. Was mir

aber immer am meisten in Frankreich mißfallen hat, ist der Anblick der

Dörfer gewesen. Sie lassen sich garnicht mit unseren deutschen

vergleichen. Sie bestehen entweder aus wenigen Häusern, die auf einmal,

ohne daß man es erwartet, an einer, oft an beiden Seiten des Weges

einander gegenüberstehen, und die von keinem Baume, von keinem Garten

umgeben oder angekündigt sind, oder sie gleichen unseren kleinen

Marktflecken und haben nicht das mindeste Ländliche. Die Bewohner sind

nicht anders. Sie haben entweder ein sehr ärmliches oder städtisches

Ansehen. Vorzüglich sind die Frauen und Mädchen garnicht hübsch und

anziehend. Allerdings trägt aber auch ihr Anzug dazu bei, sie weniger

anmutig erscheinen zu lassen, vor allem die schweren und ungeschickten

Holzschuhe. Dieser wenig reizende Anblick des Landvolkes und seiner

Wohnungen nimmt der Annehmlichkeit des Reisens in Frankreich sehr viel,

und wird von allen Reisenden bemerkt.

Hier in Paris hingegen befinde ich mich sehr wohl. Ich führe hier ein

meinem gewöhnlichen ganz entgegengesetztes Leben. Ich gehe den ganzen

Tag herum oder fahre, und bin im eigentlichsten Verstande nur eine

Stunde nach dem Aufstehen, einige vor dem Schlafengehen und bisweilen,

obgleich auch selten, den Mittag zu Hause. Da ich so verschiedene Male,

zum erstenmal schon 1789, hier war, so habe ich sehr viele

Bekanntschaften, und es fehlt nicht, daß sich nicht immer neue dazu

gesellen. Dann sind auch eine Menge Dinge zu besehen, und so vergeht der

Tag, wie lang er scheinen mag. Es wird Ihnen wunderbar vorkommen, daß

mir ein Leben nicht eher zuwider ist, von dem ich zu Hause aus Wahl

gerade das Gegenteil führe, allein ich habe in den verschiedenen

Perioden meines Alters so verschieden gelebt, daß ich das jetzige Leben

nicht weniger neu nennen kann. Es ist auch überhaupt nicht meine Art, so

an einer Weise zu hängen. Mir ist ziemlich jede lieb, in die ich

geworfen werde oder selbst übergehe, und ich befinde mich immer

körperlich und geistig gleich wohl dabei.

Paris hat sich in den dreizehn Jahren, daß ich es nicht gesehen habe,

ungemein verschönert. Es sind viele einzelne schöne neue Gebäude, ja

ganze Straßen und Quartiere entstanden. Der Wohlstand, der Luxus, die

Volksmenge hat zugenommen, die Bewegung, die schon immer so groß war,

ist dadurch größer geworden. Auch in Wissenschaften und Künsten ist das

Leben und alles Interessante gestiegen. Eine solche Stadt ist mit keiner

bei uns zu vergleichen. Auch die größten deutschen haben dagegen etwas

Kleinstädtisches. Wenn man einmal nicht auf dem Lande wohnt, ist

allerdings eine solche Stadt jeder anderen vorzuziehen.

Ich hoffe jetzt, bald einen Brief von Ihnen, liebe Charlotte, zu

bekommen. Mit der innigsten und aufrichtigsten Teilnahme Ihr H.

_London_, den 20. Mai 1828.

Wir sind gestern nachmittag hier angekommen, liebe Charlotte, und sind

alle vollkommen wohl. Ich hoffe, Sie haben meinen Brief vom 23. April

aus Paris richtig empfangen; ich habe seitdem den Ihrigen, am 8.

geschlossenen erhalten und danke Ihnen herzlich dafür.

Seit ich Ihnen aus Paris schrieb, ist es uns recht gut ergangen. Wir

haben Paris den 15. d. M. verlassen und sind am 19. von Calais gerade

nach London übergeschifft. Man macht die Überfahrt jetzt in Dampfbooten,

es gibt selbst für Reisende keine anderen mehr. Es ist auch eine sehr

bequeme Manier. Die Schiffe sind groß, haben außer der Anstalt für den

Dampf auch Segel, die sie, wenn der Wind günstig ist, auch gebrauchen,

und man kommt meistenteils, wie es unser Fall war, in weniger als zwölf

Stunden von Calais bis London über. Es war das schönste Wetter, was man

denken kann. Die ersten Stunden war die See, da der Wind lebhaft ging,

ziemlich hoch, und das Schiff schwankte sehr. Die meisten Personen

wurden krank, und viele legten sich zu Bett. Ich habe nie eine

unangenehme Empfindung auf dem Wasser, sondern bin immer auf dem Verdeck

geblieben und habe mich des wundervoll schönen Anblicks des Meeres

erfreut. Vorzüglich groß und schön war der Sonnenaufgang, der mich

umsomehr anzog, als ich ihn wirklich noch nie auf dem Meere gesehen

hatte. Wir segelten nämlich schon um drei Uhr morgens ab. Hier wohnen

wir bei meinem Schwiegersohn und sind also sehr angenehm im Schoße

unserer Familie. London überrascht immer aufs neue durch seine Größe,

seine Volkszahl und die daraus entstehende merkwürdige Bewegung. Es hat

weniger schöne freie Ansichten als Paris, das durch die großen

öffentlichen und vielen Privatgärten hier und da ein ordentlich

ländliches Ansehen hat. Aber es erregt als Stadt, als an einem Orte

zusammengeflossene und sich in beständiger Mannigfaltigkeit und doch im

höchsten Wohlsein regende Volksmasse, eine größere Bewunderung.

Wir werden nahe an zwei Monate hier bleiben und dann unsere Rückreise

antreten. Allerdings war es und ist es eine große, und unter den

Umständen, wie wir sie machten, anstrengende Reise. Aber den Hauptzweck

haben wir erfüllt, meine Tochter mit den Kindern an den Ort ihrer

Bestimmung gebracht. Das übrige wird ja auch gut gehen.

Es tut mir leid, daß Sie diesen Brief mit einiger Verspätung erhalten

werden. Ich kann ihn nicht anders als über Berlin gehen lassen, es ist

zu weitläufig, Ihnen das zu erklären, es ist aber so. Schreiben Sie mir

auf die gewöhnliche Weise. Ihr H.

_London_, Juni 1828.

Zu Ihrer gänzlichen Beruhigung noch etwas über meinen

Gesundheitszustand. Ich begreife nicht recht, was Sie, liebe Charlotte,

deshalb besorgt gemacht hat. Daß ich älter geworden bin, seit wir uns in

Frankfurt sahen, liegt in der Natur und dürfte Sie nicht wundern. Ich

bin bis auf diesen Tag auf der ganzen Reise durch meinen Körper an

nichts gehindert worden. Mein Körper fügt sich ohne irgendeine

Unbequemlichkeit in alle abweichenden Lebensweisen. Man ißt hier nie vor

halb acht Uhr zu Mittag, es wird aber oft auch acht und bisweilen neun

Uhr. Ich frühstücke, da man hier im Hause spät aufsteht, um halb zehn

Uhr, und nur Kaffee, ohne dazu zu essen, und dazwischen und dem

Mittagessen nehme ich nichts. Sie brauchen also gewiß nicht besorgt

meinetwegen zu sein.

Unser Aufenthalt hier nähert sich seinem Ende. Wir schiffen uns zwischen

dem 10. und 15. Juli wieder ein. Es tut mir sehr leid, nicht länger

bleiben zu können, aber mehrere zusammentreffende Umstände, vor allem

unsere Badereise und die Notwendigkeit, den 15. August in Gastein zu

sein, erlauben es nicht. Sonst fehlt es hier nicht an interessanten

Gegenständen, um eine viel längere Zeit sich angenehm zu beschäftigen.

Es gibt eine große Menge der schönsten und merkwürdigsten Kunstsachen

hier, ein unglaublicher Reichtum von Statuen und Gemälden, auch in

Privathäusern, die einzeln auszusuchen viel Zeit fordern. In Paris ist

das viel leichter, da man alles an wenig Orten beisammen findet.

Außerdem ist auch sehr viel für Wissenschaften und Sprachen zu tun,

vorzüglich für die letzteren, da hier aus allen Weltteilen Menschen

zusammenkommen. Endlich ist jetzt gerade die Zeit der meisten

Gesellschaften, so daß man ohne Ende mittags und abends ausgebeten ist.

Den 16. Juli.

Ich reise übermorgen von hier ab und gehe wieder über Paris, wo ich mich

aber nur acht Tage aufhalten werde. Dann gehe ich nach Gastein und mache

vielleicht nur noch einen Aufenthalt in München, wenn der König gerade

dort sein sollte, da ich diesen wieder zu sehen wünsche. Ich bin mit

meinem Aufenthalte hier sehr zufrieden und nehme wenigstens die

Beruhigung mit hinweg, liebe Charlotte, ihn so gut benutzt zu haben,

wie es unter den Umständen nur immer möglich war. Ich habe keine Sache

ganz versäumt, und diejenigen, welche ein besonderes Interesse für mich

hatten, habe ich vollkommen erschöpft. Auch sind wir alle vollkommen

wohl. Die Gesundheit meiner Frau hat sich sogar verbessert. Sie ist

garnicht in Gesellschaft gegangen, da man hier immer erst um halb acht

Uhr und oft später zu Mittag ißt und also die Abend-Gesellschaften nicht

vor elf Uhr angehen. Aber sie hat alles gesehen, was Interesse für sie

hatte. Das Parlament geht jetzt zu Ende, und die Leute fangen schon an,

aufs Land zu gehen, wo sie nun bis zum März künftigen Jahres bleiben.

Denn man richtet sich hier nicht nach der Jahreszeit, sondern einzig

nach den öffentlichen Geschäften. Auch macht die Jagd, daß jeder gern

den ganzen späten Herbst über auf dem Lande bleibt. London wird dann

sehr leer, und es gibt dann fast keine Gesellschaften mehr. Die keine

Landsitze haben, schämen sich dessen ordentlich und verhängen wohl gar

ihre Fenster gegen die Straße, um die Leute glauben zu machen, daß sie

auf dem Lande sind. Das Landleben ist aber größtenteils nur ein

Verpflanzen der Gesellschaft von der Stadt aufs Land. Dort hat jeder

Besitzer eine Menge von Besuchen und macht Einladungen auf mehrere Tage.

Auch sind die Engländer auf dem Lande offener und mitteilender als im

Getümmel der Geschäfte und den Zerstreuungen der Stadt.

Dem Gottesdienste habe ich hier mit meiner Frau einigemal beigewohnt, er

ist mir aber weniger erbaulich erschienen als bei uns. Es werden wohl

zwei volle Stunden, ehe die Predigt angeht, mit Ablesen von Stücken aus

der Bibel, Hersagen des Glaubens usw. zugebracht. Bei diesem Ablesen

wiederholen diejenigen, welche dem Altar am nächsten sind, vorzüglich

die Kinder, welche in der Religion unterrichtet werden, die letzten

Worte jedes Verses. Dieses hat natürlich etwas sehr Einförmiges und ist

auf die Länge wahrhaft ermüdend. Gesang der Gemeinde ist sehr wenig und

ebensowenig Orgelspiel, nur kurz und bald wieder abbrechend fallen

Gesang und Orgel ein. Die Predigt ist ebenfalls kurz, etwa eine halbe

Stunde. Die wir hörten, war äußerst kalt und durchaus nicht, was man

erbaulich nennen kann. Wie man mir sagt, ist dies der Ton und die Art

der meisten Prediger hier. Dann hat noch das Äußere etwas sehr

Störendes. Nur eine Reihe Bänke, etwa der vierte Teil der Kirche, ist

für jedermann frei. Die anderen sind verschlossen, gehören aber nicht

einzelnen Personen, wie bei uns eigentümlich, wenigstens nicht alle. Nun

stehen, wenigstens bis die Predigt angeht, zwei Frauen mitten in der

Kirche, mit dem Gesicht gegen die Tür gewandt. Diese weisen jedem, der

kommt und es wünscht, einen Platz in verschlossenen Bänken an und

empfangen dann, wenn sie die Leute wieder herauslassen, ein kleines

Geschenk. Ob sie dies ganz behalten oder etwas davon abgeben, weiß ich

nicht. Immer aber ist es widrig, den größten Teil des Gottesdienstes

über zwei Personen ohne alle Aufmerksamkeit darauf und mit etwas ganz

Weltlichem beschäftigt zu sehen. Freilich ist das Herumgehen mit dem

Klingelbeutel bei uns etwas noch mehr Störendes. Indes ist es auch in

mehreren Kirchen, wenigstens im Preußischen, abgeschafft.

Etwas ganz Neues für mich waren die Zusammenkünfte der Quäker. Ich

hatte, wie ich sonst hier war, sie zu sehen versäumt. Jetzt bin ich in

einer gewesen. Der Saal war vor einigen Jahren angebaut, sehr bequem und

reinlich, aber ohne alle, auch die geringste Verzierung oder

Ausschmückung. Das Licht fiel von oben ein, und weiter hatte der Saal

keine Fenster. Die Versammlung war sehr zahlreich, die Männer auf einer

Seite, die Frauen auf der anderen. Die Quäker haben, wie Sie gewiß

wissen, keine Prediger. Wer Mut und inneren Beruf in sich fühlt zu

reden, der steht auf und tut es. Sonst herrscht in der Versammlung eine

Totenstille. Wer spricht, tut das entweder von der Stelle aus, wo er

ist, oder geht auf einen etwas erhöhten Platz, auf dem aber mehrere

zugleich stehen können und der garnicht einer Kanzel gleicht. Als wir

darin waren, war es die zwei Stunden, die die Versammlung dauerte, fast

ohne alle Unterbrechung still. Indes sprach doch ein Mann und zwei

Frauen. Sie sagten nur einzelne, aber selbst, und wie es schien, im

Augenblick gemachte Gebete, von ganz kurzen Betrachtungen begleitet. Was

sie aber sprachen, war in sich sehr gut, von vielen Sprüchen aus der

Bibel begleitet und mit großer Innigkeit und Herzlichkeit vorgetragen.

Erst am Ende meines Briefes sage ich Ihnen, liebe Charlotte, meinen

herzlichsten Dank für den Ihrigen, den ich zu seiner Zeit richtig

empfangen habe, und der wie alle so viel Freundschaftliches, Gutes und

Liebes enthält. Sie können unausgesetzt fest überzeugt sein, daß diese

Gesinnungen für mich den größten Wert haben und immer behalten werden.

Leben Sie nun herzlich wohl und erhalten mir Ihre liebevollen

Gesinnungen, ich verbleibe mit denselben Ihnen wohlbekannten

unveränderlich Ihr H.

_Salzburg_, den 14. August 1828.

Ich schreibe Ihnen wieder aus Deutschland, liebe Charlotte, und aus der

Gegend, die man wohl die schönste von Deutschland nennen kann.

Wenigstens kenne ich keine, die man als schöner rühmen könnte. Die Lage

ist wirklich prachtvoll, eine lachende, fruchtbare Ebene, von der man

überall die Ansicht majestätischer Gebirge hat und in der selbst einige

wie hingeschleuderte Felsenpartien liegen. Diese sind wirklich

merkwürdig, und ich sah nirgends sonst ähnliche dieser Art. Es sind

nicht einzelne Felsstücke bloß, noch weniger einzelne gipfelige Berge,

sondern hohe, lange und verhältnismäßig schmale Felsmassen, die auf

ihrer Oberfläche eine mit fruchtbarer Erde bedeckte, mit Gärten und

Häusern geschmückte Ebene bilden.

Unsere Reise von London bis hierher war sehr glücklich, nur hat das

Wetter uns garnicht begünstigt. Bloß einzelne heitere und sonnige Tage,

sonst meistenteils Sturm und Regen. Kam ein schöner Tag, so war er

gleich von so schwüler Hitze und so stechender Sonne, daß sich ein

Gewitter zusammenzog und wieder Kühle und Regen herbeiführte. In London,

Paris und Deutschland war dasselbe unerfreuliche Wetter. Indes ist das

nun vorüber, und meine Wünsche gehen nur dahin, daß es besser mit dem

Wetter während des Gasteiner Badeaufenthalts sei. In der Mitte hoher

Gebirge und auf einem so hohen Standpunkte, wo das Haus, in dem man

wohnt, wenigstens so hoch als der Gipfel des Brocken liegt, sind milde

Sonne und liebliche warme Luft mehr als bloß angenehme Zugaben zum

Dasein. Unsere Überfahrt von London nach Calais war wieder sehr

glücklich, nur ging die See sehr hoch, und so machte das Schwanken des

Schiffs viele Kranke. Ich litt keinen Augenblick, sondern ergötzte mich

eher am Schaukeln. In Paris verlebte ich noch eine sehr angenehme Woche.

Ich würde recht gern einmal ein ganzes Jahr dort zubringen, und da meine

Frau den Aufenthalt dort auch liebt, so richte ich es vielleicht einmal

so ein. Der Weg durch das südliche Deutschland über Straßburg ist sehr

schön und bequem, und wenn wir fortfahren, Gastein zu besuchen, so ließe

es sich sehr gut machen, nach dem geendigten Badeaufenthalte eines

Jahres nach Paris zu gehen und zu dem des folgenden Jahres von da

zurückzukehren. Doch kommt zwischen solche Pläne leicht vieles -- und so

ist es bis jetzt mehr Idee als Plan. In Straßburg ist eine sehr hübsche

Mischung von französischer und deutscher Art. Die Natur ist deutsch in

Gegend und Menschen. Das wird man gewahr, wie man den Elsaß von dem

schönen Bergrücken von Zabern übersieht. Es ist einer der schönsten

Anblicke, die man haben kann. Lieblich geformte Hügel und Berge, schön

mit Gebüsch und Wald bekränzt, und auf den Gipfeln mehrere Gemäuer alter

Burgen, ganz wie man sie so oft in Deutschland sieht, wie sie aber

Frankreich gänzlich fremd sind. Die Physiognomien bieten auch ganz

deutsche Gesichtszüge dar, und ebenso ist auch das Benehmen der Menschen

im ganzen. Damit ist nun das französische Wesen verbunden und gleichsam

darauf gepfropft. Ich finde diese Mischung interessant und angenehm

zugleich. Von einer anderen Seite betrachtet, könnte man auch vielleicht

anders darüber urteilen, und gerade über die Vermischung das

Verdammungsurteil aussprechen. Denn es ist freilich nun weder echte

Deutschheit, noch wahres französisches Wesen in ihnen. Das fühlt sich am

meisten in der Sprache. Sie sind wohl aus dem einen heraus, aber nicht

völlig ins andere hinein gekommen. Nach dem Elsaß und wohl noch mehr ist

Schwaben ein liebliches Land, in den Gegenden wie den Menschen. Wenn die

Schwaben wie zu einem Sprichwort in Deutschland geworden sind, so ist

das einer Art Naivetät zuzuschreiben, die der spöttisch Urteilende

leicht von einer lächerlichen Seite als Einfalt darstellen kann. Mehr

und bös ist's auch wohl mit dem Spottnamen nicht gemeint. An sich sind

die Schwaben vielleicht die lebhafteste, leicht beweglichste und

phantasiereichste unter den deutschen Völkerschaften.

Es freut mich, daß Sie sich fortwährend gern mit dem Sternenhimmel

beschäftigen, wie ich es beklage, daß mein Auge nicht mehr dafür

ausreicht. Ich gebe sehr ungern einen Genuß auf, der mich so oft

gestärkt und erhoben hat, und eines Glases bediene ich mich nicht gern.

Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 2. September nach Bad Gastein

über Salzburg, nachher nach Berlin.

Leben Sie recht wohl, mit dem lebhaftesten

Anteil der Ihrige. H.

_Bad Gastein_, den 14. September.

Ein einfach ruhig zufriedenes Stilleben, wie Sie es genießen und sich

nach Ihrer Neigung geschaffen haben, ist eigentlich das Höchste, was der

Mensch besitzen kann. Es ist meiner innersten Empfindung nach nicht nur

dem nach außenhin mannigfach bewegten Leben vorzuziehen, sondern auch

wirklicher innerer, aber nur augenblicklich erscheinender Freude

wenigstens gleichzusetzen. Die Stille und Ruhe gönnen dem inneren Sein

eine tiefere Macht und ein freieres Walten, und es ist immer, meiner aus

langer Erfahrung geschöpften Überzeugung nach, besser, wenn das Innere

nach außen, als wenn umgekehrt das Äußere nach innen strömt. Es scheint

zwar wohl, als könnte sich das Innere nur von außenher bereichern und

befruchten; allein dies ist ein trügerischer Schein. Was nicht im

Menschen ist, kommt auch nicht von außen in ihn hinein; was von außen in

ihn eingeht, ist nichts als ein zufälliger Anhalt, an dem sich das

Innere, aber immer aus seiner nur ihm angehörenden eigentümlichen Fülle

entwickelt. So wie ein tiefer und reicher Gehalt inwendig vorhanden ist,

so kommt es niemals so viel auf den äußeren Anlaß der Entwicklung an.

Jeder, auch der kleinste, ist hinreichend, da hingegen bei mangelndem

inneren Gehalt auch der reichlichste äußere Zufluß wenig oder nichts

hervorbringen würde. Ich habe dies oft in Absicht von wissenschaftlichen

Kunstkenntnissen gesehen. Bei Männern ist weniger zu bemerken, da sie

diese Kenntnisse sehr oft wieder nur zu äußeren Zwecken anwenden und man

weiter nun nichts gewahr wird, oder danach fragt, wie dieselben auf ihr

Inneres gewirkt haben. Aber bei Frauen ist das anders, und da sind mir

mehrere vorgekommen, die wirklich recht viele und in gewisser Art sogar

gelehrte Kenntnisse hatten, aber in ihrem Geist und Gemüte, also in

ihrem ganzen Innern darum nicht mehr gebildet, wenigstens nicht mehr

bereichert waren, als wenn ihnen das alles gefehlt hätte. So sehr kommt

es darauf an, daß das Innere dem äußeren Objekt, welches es in sich

aufnimmt, auch selbständig entgegenwirke....

Wir reisen den 17. d. M. von hier, halten uns aber, wenn nichts

dazwischen kommt, noch einige Tage in Franken auf. Es ist daher

wahrscheinlich, daß wir erst im Anfang Oktober nach Berlin und Tegel

zurückkommen. Schreiben Sie mir nach Berlin wie gewöhnlich. So werden

alsdann die sechs Monate abgelaufen sein, wo ich einen so wechselnden

Aufenthalt gehabt habe. Leben Sie recht wohl und rechnen Sie fortdauernd

mit Gewißheit auf meine unveränderliche Teilnahme. Ganz der Ihrige. H.

_Tegel_, den 16. Oktober 1828.

Es mag wohl ein Jahr her sein, daß ich Ihnen, liebe Charlotte, nicht von

hier aus schrieb. Ich freue mich aber desto mehr, es heute zu tun, und

danke Ihnen recht herzlich, daß Sie mich in Ihrem lieben Brief, den ich

hier fand, so herzlich beglückwünschen zu der Heimkehr in die schöne,

liebliche Heimat. Ja, liebe Charlotte, Sie haben recht, darin eine

eigene Freude zu sehen, und es erhöht in der Tat die meinige, daß Sie

dieselbe so liebevoll mitempfinden.

Es freut mich sehr, daß fortwährend die Sterne Ihnen eine wohltuende,

erheiternde Beschäftigung gewähren, um so mehr, da Sie mir sagen, daß

Sie doch oft in einer mehr als wehmütigen Stimmung sich befinden.

Am Himmel werden Sie sich bald orientieren, da Sie einen schönen und

weiten Horizont von allen Seiten haben und in Ihren Beobachtungen

fortfahren. Außer dem Buche von Bode, das ich Ihnen einmal empfohlen

habe, kann ich Ihnen für das Erkennen der Sterne einen Rat geben, der

Ihnen gewiß nützlich sein wird. Man muß nämlich den Himmel nach einer

gewissen Methode durchgehen und sich große Abteilungen machen. Zuerst

müssen Sie suchen, die Sterne recht genau und fest zu erkennen, die bei

uns niemals untergehen und nur vor der Helligkeit des Tages

verschwinden, sonst aber ihren ganzen täglichen Kreis vor unseren Augen

vollenden würden. Sie stehen bekanntlich nur, wie Sie wissen, im Norden

und drehen sich um den Polarstern und die beiden Bären herum und sind

leicht zu erkennen, da man sie an jedem sternenhellen Abend sieht, und

sie zu denselben Stunden in allen Jahreszeiten dieselbe Stelle haben. Zu

diesen gehört auch die Capella, deren Sie erwähnen. Zweitens müssen Sie

die zwölf Sternbilder des Tierkreises aufsuchen. Man sieht in jeder

Jahreszeit immer nur sechs auf einmal am Himmel. Bliebe man eine ganze

Nacht auf, so gehen natürlich einige unter und andere kommen herauf.

Allein einige werden dann immer vom Tage überholt. Wenn man nur _eins_

recht fest kennt, sind die andern sehr leicht zu finden, da sie wie in

einem großen Gürtel um den Himmel herumliegen, man also die Richtung, in

der man suchen muß, nicht verfehlen kann, wenn man sich vorher mit der

Ordnung und Folgenreihe, vor- und rückwärts, recht bekannt gemacht hat.

Die im Winter, im Januar und Dezember, so zwischen sieben und neun Uhr

erscheinen, sind schöner als diejenigen, die man zu gleicher Zeit im

Sommer sieht. Der Löwe ist ein sehr schönes Gestirn, ist aber jetzt erst

in späten Stunden sichtbar. Die Planeten erscheinen immer nur in

demselben Gürtel und können diejenigen, die noch nicht recht geübt sind,

manchmal sehr irre machen. Allein man lernt sie doch auch bald

unterscheiden; kennt man einmal recht fest die nie untergehenden

nördlichen Gestirne und die Tierkreiszeichen, so ist es dann leicht,

sich für die noch übrigen Gestirne zurechtzufinden. Denn nun macht man

sich mit denen bekannt, die zwischen dem Tierkreis und den nie

untergehenden Gestirnen, und dann mit denen, die zwischen dem Tierkreis

und dem südlichen Horizont auf- und untergehen. Bodes Anleitung zur

Kenntnis des gestirnten Himmels hat das Angenehme, daß sie Karten für

jeden Monat enthält, auf denen man natürlich die Sterne leichter findet,

da jede Karte genau so ist, als der Himmel zu einer dabei angegebenen

Stunde an dem Tage, oder wenigstens in dem Monat gerade ist.

Sie sagen sehr richtig, daß das Betrachten des gestirnten Himmels von

der Erde abzieht und die Seele mit höheren Ahnungen, Sehnen und Hoffen

erfülle, tröste und erhebe. Das tut es im höchsten Grade. Wenn man diese

unendliche, unzählige Menge von Gestirnen betrachtet und bedenkt, so

scheint es zwar ein ordentlich schaudernder Gedanke, daß eine so

ungeheure Menge im Weltall herumschwimmt. Der Mensch fühlt sich darin

gleichsam wie erdrückt. Allein die Ordnung und Harmonie, in denen alle

Bewegungen vor sich gehen und alle Zeiten hindurch vor sich gegangen

sind, ist ein wohltätiges, tröstendes Zeichen einer höheren Macht, einer

geistigen Herrschaft, die wieder beruhigt und die Besorgnis tröstend

aufhebt. Mit unveränderlicher Teilnahme Ihr H.

_Berlin_, den 16. November 1828.

Sie klagen auch darüber, liebe Charlotte, daß es oft ist, als könne man

im Schreiben garnicht fort; Augen, Hand und Feder sind wie im Bündnis

gegen alles Gelingen der Handschrift. Man gibt sich Mühe, nimmt sich

vor, recht langsam zu schreiben, damit es nur deutlich werde, aber alle

Vorsätze scheitern, und es ist närrisch, daß man dann immer kleiner und

kleiner schreibt. Mir geht es oft so, als ob ich gar keine großen

Buchstaben machen könnte, und ich denke dann, wieviel Nachsicht Sie und

alle haben müssen, die mich lesen wollen. Wirklich war Ihr letzter Brief

auch weniger hübsch und gut, als Sie sonst tun, geschrieben. Die

Handschrift war nicht undeutlich, aber man sah ihr die Beschwerde an.

Aber mit mehr Bedauern habe ich gesehen, daß Sie sehr bekümmert und

sorgenvoll waren. In solchen Gemütszuständen, liebe Freundin, muß man

immer die äußeren Veranlassungen scheiden von der inneren Anlage des

Gemüts zu Heiterkeit und Ruhe, oder zu Besorgnis und Schmerz. Das Innere

ist immer das Mächtigste. Auch wahres, selbst erschütterndes Unglück

wird leichter und schwerer aufgenommen, je nachdem die Seele schon von

lichteren und düsteren Ideen erfüllt ist. Bei Ihnen scheint mir das

gerade jetzt noch mehr der Fall, und da bitte ich Sie inständig, dem

entgegen zu arbeiten. Ich rechne es schon zu diesen dunklen Stimmungen,

daß Sie, ohne doch krank zu sein, bald zu sterben glauben. Sie sagen

zwar, und gewiß mit voller Wahrheit, daß Ihnen gerade die Todesgedanken

freudige und Ihrer Neigung zusagende sind, und niemand kann dies besser

begreifen als ich. Ich habe nie die mindeste Furcht vor dem Tode gehabt,

er wäre mir in jedem Augenblick willkommen. Ich sehe ihn als das an,

was er ist, die natürliche Entwickelung des Lebens, einen der Punkte, wo

das unter gewissen endlichen Bedingungen geläuterte und schon gehobene

menschliche Dasein in andere, befriedigendere und erhellendere gelangen

soll. Was menschlich ist, in dem Ausbildungsgange des Lebens liegt, was

alle Menschen miteinander teilen, das kann der irgend Weise nicht

fürchten, er muß es vielmehr begünstigen und lieben, gleichsam mit

Wißbegierde, so lange die Besinnung ihm beiwohnt, auf den Übergang

achten, versuchen, wie lange er das fliehende Hier noch zu halten

vermag. Ich hörte bisweilen sagen, der Tod müsse gewiß von einem

wohltätigen und angenehmen Gefühl begleitet sein, und das ist mir

selbst, wenn auch manchmal das Gegenteil stattzufinden scheint,

glaublich. Die Schmerzen pflegen zu weichen, alle Unruhe sich zu legen,

und fast immer haben Tote, ehe die Züge entstellt und verzogen werden,

etwas Ruhiges, Friedliches, selbst oft etwas Erhebendes und Verklärtes.

Bei alledem muß man es doch eine düstere Gemütsstimmung nennen, wenn man

sich dem Tode nahe glaubt. Der Tod ist immer ein Ausscheiden aus aller

bekannten Heimat, ein Gehen ins Neue und Fremde. So trafen äußere

unerwünschte Umstände schon bei Ihnen auf ein wenigstens sehr ernst

bewegtes Gemüt. Suchen Sie, teure Charlotte, denn auch hier da die

Heilmittel, wo Sie sie schon oft fanden, in Ihrem Innern, in Ihrem

Gottvertrauen, was Sie nie im Stich ließ. Es wird Sie aufs neue retten,

und Trost und Hilfe erscheinen, wenn Sie sie auch noch nicht sehen.

Immer schütten Sie Ihr beklommenes Herz mir aus, immer werden Sie

dieselbe Teilnahme in mir finden, die keiner Veränderung fähig ist.

Ganz der Ihrige. H.

Den 16. Dezember 1828.

Es wird mich sehr freuen, eine Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung zu

bekommen. Sie wissen, daß ich auch an Ihrem vergangenen Leben einen

warmen und innigen Anteil nehme, und daß außerdem schon jede recht

individuelle Schilderung für mich einen hohen Reiz hat, der mich anzieht

und verweilen läßt. Ich fühle aber sehr gut, daß eine solche Schilderung

aufzusetzen und aus den Händen zu geben, eine große und schwer zu

überwindende Schwierigkeit hat. Es kommen doch im Leben der Menschen

immer Dinge vor, die gerade in den besten und feingesinntesten Gemütern

eine gewisse Scheu, sie auszusprechen, hervorbringen. Ich meine damit

garnicht solche, die man sich gleichsam zu gestehen scheute, weil man

fürchtet, deshalb ungünstig beurteilt zu werden. O nein, es gibt Dinge,

die garnicht dieser, sondern ganz entgegengesetzter Natur sind, und

deren man sich eher rühmen könnte, die aberdoch ein gewisses Zartgefühl

über die Lippen gehen zu lassen und gar durch die Feder dem Papier

anzuvertrauen verbietet oder schwer macht. Es kommen auch Dinge vor, die

andere in ein nachteiliges Licht stellen, und die man also, wie sehr es

auch ihre Urheber verdient haben möchten, ungern ans Licht bringt. So

wie man aber von dem Grundsatz abgeht, bei einer Lebenserzählung nur

bloß und einfach die Erinnerungen seines Gedächtnisses abzuschreiben und

gänzlich darauf Verzicht zu leisten, zu beurteilen, was wohl gesagt

werden kann, und was verschwiegen oder verhüllt werden muß, so ist der

Reiz einer wahren Naturschilderung dahin. Es ist nicht die einfache,

nicht die vollständige, und mithin nicht die wahre Geschichte. Es ist

keine Erzählung der Vergangenheit, sondern eine aus dem Standpunkt des

späteren Lebens gemachte Beschreibung derselben. Man glaubt wohl, die

moralische und geistige Wahrheit, um die es eigentlich zu tun sei,

verliere nichts, wenn man zwar hier und da eine Tatsache nur halb oder

allgemein erzählt, allein ganz treu und wahr die Wirkung schildert, die

diese Tatsache auf die Empfindung und das Gemüt hervorgebracht habe.

Wenn z. B. jemanden ein verletzendes Wort gesagt worden sei, so komme es

nicht darauf an, dies selbst zu wiederholen. Man könne es vielmehr ganz

füglich verschweigen, wenn man nur den Eindruck des Wortes auf den, der

es hören mußte, beschreibt. Dies ist aber durchaus falsch. Denn es hört

nun aller Maßstab der ganzen Szene auf, den der Art und dem Grade nach

bloß das Wort selbst, einfach ausgesprochen, geben kann. Ich sage Ihnen

das so ausführlich, weil ich mit Ihnen recht offenherzig und nicht bloß

obenhin über die Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung sprechen möchte. Ich

kann Ihnen nicht raten, dieselbe weiter als zu dem Punkte fortzusetzen,

wo Sie sicher sind, alles und jedes, wie es Ihnen Ihr Gedächtnis gibt,

ohne die mindeste und leiseste Retizenz niederzuschreiben. Dies war in

dem Teile, den Sie mir bis jetzt schickten, nicht nur möglich, sondern

Ihnen nach Ihrem Charakter selbst leicht, und ich bin sicher, daß Sie in

diesem so gehandelt haben. Sie konnten es, ohne irgendein eigenes oder

fremdes Gefühl zu verletzen. Es ist möglich, daß dies auch ferner der

Fall sei, allein ich kann mir auch sehr gut das Gegenteil denken. Dann

würde ich es ganz natürlich finden, daß Sie den Schmerz der Erinnerung

scheuen und vernarbte Wunden nicht aufreißen wollen; mir aber würde

durch den Gedanken eines solchen mir gebrachten Opfers alle Freude

genommen, die mir bisher durch den Empfang jedes Ihrer Hefte geworden.

Wenn von Biographie die Rede ist, habe ich nun einmal den Begriff nur

von historischer Wahrheit, von dem ich, bei dem großen und innigen

Anteil, den ich an Ihnen nehme, auch mit dem besten Willen nicht abgehen

könnte. An sich aber halte ich es für gut und heilsam, sein eigenes

Leben so buchstäblich durchzugehen, und das Zartgefühl, das Retizenzen

hervorbringt, für ein falsches, obgleich unendlich natürliches und daher

verzeihliches. Indes mißtraue ich hier meinem eigenen Gefühle, da ich

bei weitem mehr ein glückliches Leben, in einer ganz genügenden Lage,

geführt habe; man könnte dann leicht dahin kommen, den unrichtigen

Maßstab an andere zu legen, wovor ich mich immer gehütet habe. Noch

einmal also, liebe Charlotte, wiederhole ich das schon oft Gesagte,

folgen Sie Ihrem Gefühl; leidet dies nicht bei der Arbeit, so rechnen

Sie immer mit Gewißheit darauf, daß Sie mir eine große Freude dadurch

machen, aber nur auch unter der Bedingung, daß Sie ganz und ohne alle

Retizenz wahr schreiben können. Sie können zu mir auch, wie man im

Sprichwort sagt, wie in ein Grab sprechen. Ihre Hefte liegen

wohlverwahrt in meinem Pult und können nach meinem Tode nur ins Feuer,

ungelesen, gehen. In meiner Lage habe ich Gelegenheiten, dies zu

veranstalten, die durch keinen Zufall irgendeiner Art vereitelt oder

umgangen werden können. Ich halte es für Pflicht, Sie über diesen Punkt

auch fest zu beruhigen, es ist schon Pflicht der Dankbarkeit für die

vertrauensvolle, innige, rücksichtslose Hingabe, die Sie mir seit einer

langen Reihe von Jahren bewiesen und offen gezeigt haben.

Das Jahr ist am Abscheiden, und wie ich gern verweile bei so viel

schönen Genüssen, die es gewährte, worunter ich auch Ihr Wiedersehen

rechne, so scheide ich nicht ohne sehr trübe Ahnung dessen, was das

kommende bringen kann -- und ich erkenne mit wehem Gefühl, daß es

ähnlich in Ihrem Gemüte ist. Möge die Vorsehung von Ihnen, gute

Charlotte, neue Prüfung abwenden! Das ist mein herzlicher Wunsch.

Seit unserer Rückkunft ist meine Frau bedeutend an mehreren

zusammenkommenden Übeln krank; es ist wenigstens kein Zeitpunkt der

Besserung mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen. Dies stört meine innere

Lage in diesem Winter sehr.

Ich bitte Sie, mir den 30. d. M zu schreiben. Leben Sie recht wohl und

rechnen Sie immer auf meine Ihnen bekannten Gesinnungen der Zuneigung

und lebhaften Teilnahme. Ganz der Ihrige. H.

_Berlin_, März 1829.

Ihr Brief hat mich in einer Zeit gefunden, die ich zu den traurigsten

meines Lebens rechnen kann. Mit meiner Frau geht es zwar etwas

leidlicher, allein der Zustand ist von einem Tage zum andern immer mehr

von der Art, daß er über den endlichen Ausgang keinen Zweifel übrig

läßt.

In solchen Momenten, die zu den ernstesten des Lebens gehören, bedarf

man es, sich in sich zurückzuziehen und die Fassung da zu suchen, wo die

Quelle aller Stärke und aller inneren Ausgleichung mit dem Schicksal

ist.

_Berlin_, den 31. März 1829.

Ich kann Ihnen, liebe Charlotte, heute nur wenige Zeilen schreiben. Ich

habe den tiefen Schmerz erfahren, dem ich, wie Ihnen mein letzter Brief

sagte, entgegensah. Meine Frau ist am 26. d. M. früh gestorben und

gestern in Tegel beerdigt worden. Sie hatte ein viermonatiges

Krankenlager erduldet und viel gelitten, wenn sie auch von heftigen

Schmerzen ziemlich befreit blieb. Ihr klarer, heiterer, dem Tode und dem

Leben eigentlich gleich zugekehrter Sinn war ihr unverrückt geblieben.

Ihre letzten Stunden waren ruhig, sanft und durchaus schmerzlos. Sie

behielt bis zum letzten Atemzug ihre volle Besinnung und sprach noch

wenige Augenblicke vor ihrem Verscheiden mit fester, unbewegter Stimme

mit uns, ihren beiden älteren Töchtern und mir. Ihre Worte waren eben so

einfach, als der Ton ruhig, in dem sie sie sprach. Je näher der

Augenblick des Todes kam, je ruhiger und friedlicher wurden ihre Züge.

Auch nicht das leiseste Zucken der Lippen entstellte sie. Ihr Tod war

ein allmähliches übergehen in einen tiefen Schlaf.

* * * * *

_Später_.

Ich habe einen ganz unerwarteten, neuen und sehr bitteren Verlust

erlitten. Ein sehr genauer Freund von uns, der alle Abende seit Jahren,

wenn wir in der Stadt waren, bei uns zubrachte und auf dem Lande oft

bei uns war, ist nach einer sehr kurzen Krankheit gestorben. Er hatte

noch mit mir am Grabe meiner Frau gestanden, und gestern war ich bei

seinem Leichenbegängnisse. Sein Verlust betrübt mich sehr und ich werde

ihn schmerzlich vermissen.

_Berlin_, den 18. Mai 1829.

Unsere Briefe, liebe Charlotte, haben sich gekreuzt. Mein Brief wird

Ihnen gezeigt haben, daß ich ihrem Wunsch, Nachricht von mir zu

erhalten, zuvorgekommen bin. Und weil Sie es gern sehen, sage ich Ihnen

zuerst, daß meine Gesundheit ganz gut ist. Im höheren Alter, wie ich

mich darin befinde, hat man immer hie und da eine kleine

Unbequemlichkeit und nach langen Wintern leicht Rheumatismen. An solchen

Kleinigkeiten leide ich natürlich auch bisweilen, allein das geht

vorüber. Wenn meine Briefe nichts von Krankheit sagen, können Sie mit

Sicherheit annehmen, daß ich gesund bin. Von meinem Befinden und

überhaupt von mir zu reden, ist mir im hohen Grade zuwider. Mich freut

eine liebevolle Teilnahme, wenn ich, wie bei Ihnen, liebe Charlotte,

überzeugt bin, daß sie aus aufrichtiger und wahrhaft teilnehmender

Brust, aus innig teilnehmendem Herzen entspringt. Aber sie würde mir

peinlich werden, wenn ich sie gewissermaßen in Anspruch nehmen, sie an

einzelnen Beispielen wahrnehmen müßte. Sie ist mir ein schöner Genuß,

wenn ich sie mit überhaupt als in den Gesinnungen liegend denke, die Sie

mir seit so langer Zeit mit so großer Treue schenken, und auf deren

Beständigkeit ich immer mit Sicherheit rechnen kann.

Ich schrieb Ihnen neulich von dem Tode eines vertrauten Freundes, in dem

ich sehr viel verloren habe. Jetzt blühen nun schon Frühlingsblumen auf

seinem Grabe, wie auf dem meiner Frau. So geht die Natur ihren ewigen

Gang fort und kümmert sich nicht um des in ihrer Mitte vergänglichen

Menschen. Mag auch das Schmerzhafteste und Zerreißendste begegnen, mag

es sogar eine unmittelbare Folge ihrer eigenen, gewöhnlichen

Umwandlungen oder ihrer außerordentlichen Revolutionen sein, sie

verfolgt ihre Bahn mit eiserner Gleichgültigkeit, mit scheinbarer

Gefühllosigkeit.

Diese Erscheinung hat, wenn man eben vom Schmerz über ein schon

geschehenes Unglück oder von Furcht vor einem drohenden ergriffen ist,

etwas wieder schmerzlich Ergreifendes, die innere Trauer Vermehrendes,

etwas, das schaudern und starren macht. Aber so wie der Blick sich

weiter wendet, so wie die Seele sich zu allgemeinen Betrachtungen

sammelt, so wie also der Mensch zu der Besonnenheit und Ergebung

zurückkehrt, die seiner wahrhaft würdig sind, dann ist gerade dieser

ewige, wie an ihr Gesetz gefesselte Gang der Natur etwas unendlich

Tröstendes und Beruhigendes. Es gibt dann doch auch hier schon etwas

Festes, »einen ruhenden Pol in der Flucht der Erscheinungen«, wie es

einmal in einem Schillerschen Gedichte sehr schön heißt. Der Mensch

gehört zu einer großen, nie durch einzelnes gestörten noch störbaren

Ordnung der Dinge, und da diese gewiß zu etwas Höherem und endlich zu

einem Endpunkte führt, in dem alle Zweifel sich lösen, alle

Schwierigkeiten sich ausgleichen, alle früher oft verwirrt und im

Widerspruch klingenden Töne sich in einen mächtigen Einklang vereinigen,

so muß auch er mit eben dieser Ordnung zu dem gleichen Punkte gelangen.

Der Charakter, den die Natur an sich trägt, ist auch immer ein so

zarter, kein auch die feinste Empfindung verletzender. Die Heiterkeit,

die Freude, der Glanz, den sie über sich verbreitet, die Pracht und

Herrlichkeit, in die sie sich kleidet, haben nie etwas Anmaßendes oder

Zurückstoßendes. Wer auch noch so tief in Kummer oder Gram versenkt ist,

überläßt sich doch gern den Gefühlen, welche die tausendfältigen Blüten

des sich verjüngenden Jahres, das fröhliche Zwitschern der Vögel, das

prachtvolle Glänzen aller Gegenstände in vollen Strahlen der immer mehr

Stärke gewinnenden Sonne erwecken. Der Schmerz nimmt die Farbe der

Wehmut an, in welcher eine gewisse Süßigkeit und Heiterkeit selbst ihm

garnicht fremd sind. Sieht man endlich die Natur nicht wirklich als das

All, als das die Geister- und Körperwelt vereinigende Ganze an, nimmt

man sie nur als den Inbegriff der dem Schöpfer dienenden Materie und

ihrer Kräfte, so gehört nicht der Mensch, sondern nur der Staub seiner

irdischen Hülle ihr an. Er selbst, sein höheres und eigentümliches

Wesen, tritt aus ihren Schranken heraus und gesellt sich einer höheren

Ordnung der Dinge bei. Sie sehen hieraus ungefähr, wie mich der zwar

langsam erscheinende, aber schöne Frühling ergreift, wie ich ihn

genieße; wie er sich mit meinen innersten Empfindungen mischt. Es gibt

Ihnen zugleich ein Bild meines Innern selbst. Mein Leben kann keine

wahrhaft freudigen Eindrücke, nur wehmütige und traurige in diesem

Augenblick erfahren, und wenn ich in diesem Augenblick sage, so tue ich

das nur, weil ich nie gern etwas von der Zukunft sage, weil ich von

aller Affektation immer frei gewesen bin, und, wenn eine wahrhaft

fröhliche Stimmung in mich zurückkehrte, ich gar kein Hehl haben würde,

es zu sagen, und kein Bedenken, mich ihr zu überlassen. Eigentlich

glaube ich aber allerdings, daß meine jetzige Stimmung auch meine

künftige sein wird. Ich habe nie begriffen, wie die Zeit einen Schmerz

um einen Verlust soll verringern können. Das Entbehren dauert durch alle

Zeit fort, und die Linderung könnte nur darin liegen, daß sich die

Erinnerung an den Verlust schwächte, oder man sich gar im Gefühl des

Alleinstehens enge an ein anderes Wesen anschlösse, was, hoffe ich, mir

ewig fern bleiben wird, wie es jeder edeln Seele fern bleibt. Es ist mir

aber auch sehr recht, daß es in mir bleibe so wie es ist. Ich habe für

mich nie das Glück in freudigen, das Unglück nie in schmerzhaften

Empfindungen gesucht, das, was die Menschen gewöhnlich Glück oder

Unglück nennen, nie so angesehen, als hätte ich ein Recht zu klagen,

wenn statt des Genusses des ersteren das letztere mich beträfe. Ich bin

eine lange Reihe von Jahren an der Seite meiner Frau unendlich glücklich

gewesen, größtenteils allein und ganz durch sie, und wenigstens so, daß

sie und der Gedanke an sie sich in alles das mischte, was mich wahrhaft

beglückte. Dies ganze Glück hat der Gang der Natur, die Fügung des

Himmels mir entzogen, und auf immer und ohne Möglichkeit der Rückkehr

entzogen. Aber die Erinnerung an die Verstorbene, das, was sie und das

Leben mit ihr in mir gereift hat, kann mir kein Schicksal, ohne mich

selbst zu zerstören, entreißen. Es gibt glücklicherweise etwas, das der

Mensch festhalten kann, wenn er will, und über das kein Schicksal eine

Macht hat. Kann ich mit dieser Erinnerung ungestört in Abgeschiedenheit

und Einsamkeit fortleben, so klage ich nicht und bin nicht unglücklich.

Denn man kann großen und tiefen Schmerz haben und sich doch darum nicht

unglücklich fühlen, da man diesen Schmerz so mit dem eigensten Wesen

verbunden empfindet, daß man ihn nicht trennen möchte von sich, sondern

gerade, indem man ihn innerlich nährt und hegt, seine wahre Bestimmung

erfüllt. Die Vergangenheit und die Erinnerung haben eine unendliche

Kraft, und wenn auch schmerzliche Sehnsucht daraus quillt, sich ihnen

hinzugeben, so liegt darin doch ein unaussprechlich süßer Genuß. Man

schließt sich in Gedanken mit dem Gegenstande ab, den man geliebt hat

und der nicht mehr ist, man kann sich in Freiheit und Ruhe überall nach

außen hinwenden, hilfreich und tätig sein, aber für sich fordert man

nichts, da man alles hat, alles in sich schließt, was die Brust noch zu

fühlen vermag. Wenn man das verliert, was einem eigentlich das Prinzip

des gedankenreichsten und schönsten Teils seiner selbst gewesen ist, so

geht immer für einen eine neue Epoche des Lebens an. Das bis dahin

Gelebte ist geschlossen, man kann es als ein Ganzes überschauen, in

seinem Gemüt durch Erinnerung festhalten und mit ihm fortleben; Wünsche

aber für die Zukunft hat man nicht mehr, und da man durch diese

Erinnerung eine beständige geistige Nähe gewissermaßen genießt, in allen

seinen Kräften sich gehoben empfindet, behält auch das Leben, das ja die

Bedingung aller dieser Empfindungen ist, noch seinen Reiz. Ich empfinde

keine Freude der Natur schwächer als sonst, nur die Menschen meide ich,

weil die Einsamkeit mir inneres Bedürfnis ist.

_Tegel_, den 12. Juni 1829.

Ich danke Ihnen sehr, liebe Freundin, für Ihren letzten Brief, den ich

mit großem und gewohntem Anteil gelesen habe. Ich danke Ihnen besonders

für das, was Sie in Rücksicht auf mich und meine Gefühle sagen. Sie

sehen aus meinen Briefen, daß ich ruhig und besonnen bin. Ich lebe, und

das kann nur mit jedem Jahr ausschließlicher zunehmen, im Andenken der

Vergangenheit, mit dem Glück, das die Gegenwart nicht mehr gibt. In

diesem Andenken bin ich reich, und insofern zufrieden, als ich fühle,

daß dies gerade das Glück ist, das dieser Periode meines Lebens

entspricht. Außer diesem Andenken suche ich nichts, sehe mich nicht in

diesem Leben nach Ersatz, Trost, Beruhigung um. Ich fordere nichts und

bedarf von dieser Seite nichts. Gegen meine Kinder bin ich wie sonst. Es

hat sich nichts in meinen Gefühlen für sie geändert, als daß ich Mitleid

mit ihrem Schmerz über den gleichen Verlust empfinde. Mich enger an sie

anschließen, mehr für sie sorgen, kann ich nicht, da ich das immer so

viel getan, als ich vermochte. Alle übrigen Verhältnisse bleiben mir

gerade dasselbe, was sie mir gewesen sind, und ich bin gewiß nicht

weniger teilnehmend, hilfreich, aufgelegt mit Rat und Tat beizustehen

als früher. So, liebe Charlotte, müssen Sie sich mein Inneres denken,

und Sie sehen, daß Sie auf keine Weise besorgt um mich zu sein brauchen.

Was ich erfahren, liegt im natürlichen Laufe der Dinge. Die zusammen

die Lebensbahn gehen, müssen sich an einem Punkt scheiden; es ist

glücklicher, wenn die Zwischenzeit sehr kurz ist, in der sie einander

folgen. Allein aller Verlust von Jahren ist kurz gegen die Ewigkeit. In

mir geht nichts anderes vor, als daß mein Inneres sich ungekünstelt,

unabsichtlich, ohne durch Vorsätze oder Maximen geleitet zu sein, bloß

sich seinem Gefühl überlassend, mit der Lebens- oder Schicksalsperiode,

wie Sie es nennen wollen, ins Gleichgewicht setze, in die ich

unglücklicherweise früher getreten bin, als es der gewöhnliche Gang des

Lebens erwarten ließ. An einem solchen Gleichgewicht darf es dem

Menschen, meiner Empfindung nach, nie fehlen, das Streben danach sollte

ihm wenigstens immer eigen sein. Es ist dies gar keine Klugheitsregel,

kein Bemühen, sich heftige Empfindungen zu ersparen. Das Setzen ins

Gleichgewicht wird oft nur dadurch erreicht, daß man viel Schmerz,

physischen und moralischen, in sein Dasein mit aufnimmt, aber es besteht

darin die wahre Demütigung unter die Fügung des Geschickes, die ich in

mir immer als die erste und höchste Pflicht des Menschen betrachte. Gehe

ich nun in meine gegenwärtige Lebensepoche zurück, so kann in ihr ein

gewisses Anschließen an Personen und an die Welt nicht mehr liegen, aber

das wohltätig aus sich Hinausgehen, die Geneigtheit, Anteil zu nehmen

und in jeder möglichen Art zu geben, sind gewissermaßen in dem Grade

größer, als man minder geneigt zum Empfangen, wenigstens die Seele

garnicht gerade darauf gerichtet ist.

Es freut mich sehr, daß Sie nicht aufhören, sich mit den Sternen gern

und anhaltend zu beschäftigen. Der Himmel und der Eindruck, den er auf

das Gemüt durch seinen bloßen Anblick macht, ist so verschieden von der

Erde in allen Gefühlen und Vorstellungen, daß, wer nur an der Natur des

Erdbodens Gefallen findet, die Hälfte, und gerade die wichtigste Hälfte

der ganzen Naturansicht entbehrt. Ich sage darum nicht, daß sich der

Schöpfer größer, weiser oder gütiger am Firmament offenbart als auf der

Oberfläche der Erde. Seine Macht, Weisheit und Güte leuchten aus jedem

Wesen ebenso wie aus dem größten Weltkörper hervor. Allein der Himmel

erweckt unmittelbar im Gemüt reinere, erhabenere, tiefer eindringende

und uneigennützigere, weniger sinnliche Gefühle. Leben Sie recht wohl.

Ich bleibe mit der unveränderlichsten Teilnahme und Freundschaft der

Ihrige. H.

_Tegel_, Juli 1829.

Daß ein Unglück das andere, aber auch ein Glück das andere nach sich

zieht, ist zu einer sprichwörtlichen Redensart geworden, so daß ihm wohl

eine gewisse Wahrheit zugrunde liegen muß, wenigstens eine hinreichende,

um die Erscheinung zu einer Volkserfahrung in Masse zu machen. Eine

genaue Untersuchung hält die Sache schwerlich aus. Gewiß kommen Glück

und Unglück eben so oft einzeln. Durch ein sehr und tief das Gemüt

ergreifendes Schicksal wird nur die Aufmerksamkeit mehr auf ähnliche

Ereignisse gespannt, was ich für einen Hauptgrund halte. Wäre es anders

und jene Gesellung gleicher und gleicher Schicksale wirklich in der

Natur und der Natur der Sache gegründet, so müßte eine geheime

Verbindung zwischen der inneren menschlichen Gemütsstimmung und dem

äußeren menschlichen Geschicke bestehen und obwalten, eine schmerzliche

Stimmung ein schmerzliches Geschick, eine freudige ein freudiges

herbeiführen. Insofern ein weltlicher, menschlich zu begreifender, wenn

auch in allen seinen einzelnen Fäden nicht zu erklärender Zusammenhang

zwischen jenem Inneren und Äußeren möglich ist, glaube ich vollkommen

daran, daß so eins das andere herbeiführt. Allein wo das, nach

menschlicher Art zu reden, nicht einzusehen ist, da zweifle ich, daß der

Schmerz wie durch eine geheimnisvolle Kraft, gleichsam wie ein geistiger

Magnet, Stoff neuer Schmerzen an sich ziehe. Auch zerfällt die Sache in

sich, da ja sonst auf ein einmal eingetretenes Unglück kaum je eine

freudige Begebenheit folgen könnte, was doch durch die Erfahrung

widerlegt wird. In gutgearteten Seelen ist ein wahrer Schmerz, was auch

seine Ursache sein möge, immer ewig, und wenn man behauptet, daß die

Zeit oder andere Umstände ihn minderten, so sind das Worte, die nur für

die schwächliche Empfindung Geltung haben, die der gehörigen Kraft, das

einmal Empfundene dauernd festzuhalten, ermangelt. Die glücklichsten

Begebenheiten ändern darin nichts. Auch können in dem wunderbaren

menschlichen Gemüt Schmerz und Empfindung eines in anderer Hinsicht

glücklichen Daseins gleichzeitig nebeneinander fortleben. Der Schmerz um

verlorene Kinder in glücklich, lange nachher fortgeführten Ehen ist ein

lebendiges, sich oft erneuerndes Beispiel davon. Auch muß es so sein.

Der Mensch muß beständig sein und das Schicksal wechselnd erscheinen.

Denn in sich hat auch das Schicksal seine, wenngleich von uns nicht

eingesehene und nicht erkannte Beständigkeit.

_Bad Gastein_, den 20. August 1829.

Ich bin überzeugt, daß Sie mir, nach Ihrer gewöhnlichen Güte und

Freundschaft und nach Ihrer so oft erprobten Pünktlichkeit, genau an dem

Tage geschrieben haben, an dem ich Sie bat, Ihren Brief auf die Post zu

geben. Dennoch habe ich noch keinen erhalten. Es liegt dies an dem so

sehr langsamen Postenlauf. Bis Salzburg gehen die Briefe vermutlich ohne

so großen Aufenthalt und bringen nur die der Weite des Wegs angemessene

Zeit zu. Allein von da geht die Post nur zweimal wöchentlich hierher.

Hat nun ein Brief das Unglück, gerade den Tag nach dem Abgange

anzukommen, so bleibt er unbarmherzigerweise liegen. Es hat mir sehr

leid getan zu denken, daß Sie auf diese Weise sehr lange ohne Brief von

mir sein werden. Mein letzter war, soviel ich mich erinnere, vom 29.

Juli, er muß also in den ersten Tagen dieses Monats in Ihren Händen

gewesen sein. Der heutige aber kann erst kurz vor Ende August Sie

erreichen.

Ich bin seit Sonntag, den 16. d. M., wieder in den bekannten Bergen und

bewohne dieselben Zimmer wie in den vorigen Jahren. Es ist mir das ganz

besonders lieb und eine angenehme Überraschung, welche mir der Zufall

bereitet hat. Das Wetter war seit meiner Ankunft hier sehr günstig, nur

einen Tag regnete es ununterbrochen mehrmals. Auf den noch garnicht weit

entfernten, nur etwas höheren Bergen liegt freilich Schnee. Aber er

glänzt freundlich im warmen Sonnenschein, und es hat auch etwas

Erfreuliches, den Wechsel des Jahres so mit einem Blick zu übersehen.

Die Sonne ist, wo sie trifft, sehr heiß und ordentlich brennend, da die

Strahlen auch von den Felsen zurückprallen. Aber vor der Hitze darf man

hier niemals bange sein. Die ganze Gegend ist schattig, die vielen

großen und kleinen Wasserfälle wehen einem überall eine frische Kühlung

zu, und man muß die Sonne, und wenn es nur irgend kühl ist, die warmen

Stellen mit Mühe aufsuchen. Hat man aber eine gewisse, doch nur sehr

mäßige Höhe erreicht, so befindet man sich in einem ganz ebenen, freien,

sonnenbeschienenen, nur von sehr hohen Bergen umgebenen Tale. Dies ist

mein gewöhnlicher Nachmittags-Spaziergang. Kurz vor Tisch pflege ich,

doch nur bei heiterem und freundlichem Wetter, einen kürzeren auf die

Gloriette zu machen. Ich habe Ihnen so oft von Gastein aus geschrieben,

daß ich dieses Ortes gewiß schon gedacht und Ihnen die Lage geschildert

habe. Ich will Sie daher nicht mit einer Wiederholung ermüden. Es ist

dort eine höchst überraschende, theatralische, dekorationsartig

malerische Aussicht, die aber des hellen Glanzes der Sonnenstrahlen auf

den schneeweißen Wasserfall bedarf. Bei dunklem Wetter ist es ohne

Anmut.

Ich bin in acht Tagen, also da die Entfernung doch von 110 Meilen ist,

nicht gerade langsam hierher gereist.

Eine solche Reise hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Lesen eines

geschichtlichen Buches. Wie in diesem eine Reihe von Zeiten, so

durchläuft man reisend eine Reihe von Gegenden. In Absicht auf den

Menschen, der doch in aller Weltbetrachtung immer der wichtigste, am

meisten den Ernst und die Anstrengung der Beobachtung in Anspruch

nehmende Gegenstand ist, trifft bei beiden Fällen der Umstand ein, daß

der einzelne in einer gewissen Masse verschwindet, die individuelle

Existenz keinen Wert zu haben scheint gegen die Bestimmung des größeren

und kleineren Ganzen, zu dem sie gehört. Dagegen fühlt nun doch der

Betrachter, der Lesende oder Reisende, ganz vorzugsweise sein Ich. Er

kann auch mit größter Anspruchlosigkeit es sich nicht ableugnen, daß

dies für ihn der Mittelpunkt aller Bestrebungen sein muß. Ich meine

nicht, um sich äußere Güter, Genuß und Glück zu verschaffen, aber womit

gerade oft das freiwillige Aufgeben alles Genusses und Glückes verbunden

sein kann, um das Heil seiner Seele zu besorgen. Ich bediene mich mit

Absicht dieses Ausdrucks, um keine Art auszuschließen, die der Mensch

bei seiner geistigen Veredlung wählen kann. Denn er kann durch immer

reichere und reinere Entwicklung seiner Ideen, durch immer

angestrengtere Bearbeitung seines Charakters, sich zu einer höheren

Stufe der Geistigkeit erheben, oder zu der gleichen auf dem kürzeren

Wege stiller Gottseligkeit gelangen.

Wenn man die Welt weltlich betrachtet, so tritt vor zwei sich

aufdrängenden gewaltigen Massen das Individuum ganz in den Schatten

zurück oder wird vielmehr in einem großen Strome fortgerissen. Dieser

Eindruck entsteht nämlich, wenn man den Zusammenhang der

Weltbegebenheiten und wenn man den Wechsel des sich auf der Erde ewig

erneuernden Lebens ins Auge faßt. Was ist der einzelne in dem Strome der

Weltbegebenheiten? Er verschwindet darin nicht bloß wie ein Atom gegen

eine unermeßliche, alles mit sich fortreißende Kraft, sondern auch in

einem höheren, edleren Sinne. Denn dieser Strom wälzt sich doch nicht,

einem blinden Zufall hingegeben, gedankenlos fort, er eilt doch einem

Ziele zu, und sein Gang wird von allmächtiger und allweiser Hand

geführt. Allein der einzelne erlebt das Ziel nicht, das erreicht werden

soll, er genießt, wie ihn der Zufall, worunter ich nur hier eine in

ihren Gründen nicht erforschbare Fügung verstehe, in die Welt wirft,

einen größeren oder kleineren Teil des schon in der Tat erreichten

Zweckes, wird dem noch zu erreichenden oft hingeopfert und muß das ihm

dabei angewiesene Werk oft plötzlich und in der Mitte der Arbeit

verlassen. Er ist also nur Werkzeug und scheint nicht einmal ein

wichtiges, da, wenn der Lauf der Natur ihn hinwegrafft, er immer auf der

Stelle ersetzt wird, weil es ganz widersinnig zu denken wäre, daß die

große Absicht der Gottheit mit den Weltbegebenheiten durch Schicksale

schwacher einzelner auch nur um eine Minute könnte verspätet werden. In

den Weltbegebenheiten handelt es sich um ein Ziel, es wird eine Idee

verfolgt, man kann es sich wenigstens, ja man muß es sich so denken. Im

Laufe der körperlichen Natur ist das anders. Man kann da nichts anderes

sagen, als daß Kräfte entstehen und so lange auslaufen, als ihr Vermögen

dauert. So lange man bei einzelnen stehen bleibt, scheint darin ein

Mensch gar sehr von anderen verschieden, verschieden an Tätigkeit,

Gesundheit und Lebensdauer. Sieht man aber auf eine Masse von

Geschlechtern, so gleicht sich das alles aus. In jedem Jahrhundert

erneuert sich das Menschengeschlecht etwa dreimal, von jedem Lebensalter

stirbt in einer gewissen Reihe von Jahren eine gleiche Zahl. Kurz, es

ist deutlich zu sehen, daß eine nur auf die Masse, auf das ganze

Geschlecht, nicht auf den einzelnen berechnete Einrichtung vorherrscht.

Wie man sich auch sagen und wie fest und tief man empfinden mag, daß

darin einzig und ausschließlich allweise und allgütige Leitung waltet,

so widerstrebt doch nichts so sehr der Empfindung des einzelnen, zumal

wenn sie eben schmerzlich bewegt ist, als dies gleichsam rücksichtslose

Zurückwerfen des fühlenden Individuums auf eine nur wie Naturleben

betrachtete Masse. Darum fand man es so empörend, wie einmal kurz nach

der französischen Revolution kalt berechnet wurde, daß die Zahl aller

vor den Gerichtshöfen gefallenen Opfer nur immer einen ganz geringen

Teil der Bevölkerung Frankreichs ausmache. Dazu kommt noch, daß in

dieser Betrachtung der Mensch sich mit allem übrigen Leben, auch dem am

meisten untergeordneten, vermischt. Sein Geschlecht vergeht und erneuert

sich nicht anders als die Geschlechter der Tiere und Pflanzen, die ihn

umgeben. Diese Betrachtungen, die ich die weltlichen nannte,

verschlingen also das individuelle Dasein, und da man ihre innere

Wahrheit nicht absprechen kann, so würden sie das Gemüt in öde und

hilflose Trauer versenken, wenn nicht die innere Überzeugung tröstlich

aufrichtete, daß Gott beides, den Lauf der Begebenheiten und den der

Natur, immer so richtet, daß, die Existenz überirdischer Zukunft

mitgerechnet, das Glück und das Dasein des einzelnen darin nicht nur

nicht untergeht, sondern im Gegenteil wächst und gedeiht. Die wahre

Beruhigung, der wahre Trost, oder vielmehr das Gefühl, daß man gar

keines Trostes bedarf, entstehen erst, wenn man die weltlichen

Betrachtungen ganz verläßt und zur Beschauung der Natur und der Welt von

der Seite des Schöpfers übergeht. Der Schöpfer konnte den Menschen nur

zu seinem individuellen Glück ins Leben setzen, er konnte ihn weder dem

blinden Wechsel eines nach allgemeinen Gesetzen fortschreitenden

Lebensorganismus hingeben, noch einem idealischen Zwecke eines lange vor

ihm entstandenen und weit über ihn hinaus fortdauernden Ganzen opfern,

dessen Grenzen und Gestalt er niemals zu überschauen imstande ist. Jeder

einzelne zum Eintritt ins Leben Geschaffene sollte glücklich sein,

glücklich nämlich in dem tieferen und geistigen Sinne, wo das Glück ein

inneres Glück, gegründet auf Pflichterfüllung und Liebe ist. In diesem

Sinne regiert und leitet die Gottheit ihn und würdigt ihn ihrer Obhut.

In ihm, in dem einzelnen liegt der Zweck und die ganze Wichtigkeit des

Lebens, und mit diesem Zwecke wird der Lauf der Natur und der

Begebenheiten in Einklang gebracht. Nirgends ist diese Vatersorge Gottes

für jedes einzelne Glück so schön, so wahrhaft beruhigend ausgedrückt

als im Christentum und im Neuen Testament. Es enthält die einfachsten,

aber auch rührendsten und das Herz am tiefsten ergreifenden Äußerungen

darüber. Ich bitte Sie, liebe Charlotte, mir jetzt nicht eher wieder zu

schreiben, als ich es Ihnen anzeigen werde. Es könnte nichts helfen,

wenn ein Brief von Ihnen während meiner Abwesenheit in Tegel ankäme.

Leben Sie herzlich wohl, ich bleibe mit unveränderter Freundschaft und

Teilnahme der Ihrige. H.

_Regensburg_, den 10. September 1829.

Sie sehen, liebe Charlotte, schon an der Überschrift dieses Briefes, daß

ich auf der Rückreise von Gastein begriffen bin und ein bedeutendes

Stück des Weges zurückgelegt habe. Ich reise aber sehr langsam und mache

sehr kleine Tagereisen, weil es mein Grundsatz ist, daß man unmittelbar

nach einer Badekur sich besonders in acht nehmen muß, um nicht mutwillig

wieder die gute Wirkung zu zerstören. Man kann sich viel eher

anstrengen, wenn man erst in das Bad reist. Das Bad muß dann auch das

wiedergutmachen, -- ich glaube, daß ich noch im Reste des Jahres eine

heilsame Nachwirkung davon erfahren werde.

Im höchsten Grade hat es mich geschmerzt, liebe Charlotte, aus Ihrem

Briefe zu ersehen, daß Sie von einer plötzlichen Augenschwäche befallen

worden sind, und diese mit Schmerzen verbunden ist. Beinahe möchte ich

aber das Letzte tröstlich nennen. Soviel ich weiß, sind Schmerzen immer

nur mit vorübergehenden Augenkrankheiten verbunden, niemals mit denen,

die zu den beiden gefährlichsten, dem grauen und schwarzen Star führen.

Mit meinen Augen steht es schlimmer und besser als mit den Ihrigen.

Schmerzen habe ich garnicht, bisher niemals, ich mag sie anstrengen oder

nicht. Überhaupt habe ich von dem, was man Anstrengung bei Augen nennt,

keinen rechten Begriff. Die meinigen sind nicht um ein Haar besser, wenn

ich auch wie in Gastein wochenlang nicht viel lese und schreibe, es

namentlich nie bei Licht tue, und sie werden nicht schlimmer, wenn ich

viel und auch bei Licht arbeite. Mit der Zeit wird sich das vielleicht

ändern, aber bis jetzt ist es so, wie ich Ihnen da sage. Allein auf dem

rechten Auge habe ich einen schon sehr ausgebildeten grauen Star. Es

leistet mir beim Lesen oder Schreiben gar keine Hilfe mehr, und wenn das

andere ebenso wäre, so könnte mir mein Gesicht zu nichts mehr dienen,

als ganz nahe Gegenstände allenfalls zu erkennen. Dies Übel ist seit

vielen Jahren langsam entstanden, nimmt aber seit einigen schneller zu.

Was ich mit dem Gesicht ausrichte, tue ich mit dem linken Auge, aber

auch das ist schwach und wird es immer mehr. Ich kann auf die Dauer

nichts ohne Brille weder lesen noch schreiben, und die Brille, die mir

sonst sehr scharf schien, reicht jetzt kaum mehr hin. Wenn ich, wie ich

weder wünsche noch glaube, noch lange, ich meine noch acht oder zehn

Jahre, leben sollte, so darf ich mir kaum schmeicheln, daß mich meine

Augen bis zum Grabe begleiten werden. Eher ist es möglich, daß ich sie,

oder doch eins, durch eine Operation wieder erhalte. Ich habe mich sehr

oft mit dem Gedanken beschäftigt, daß ich blind werden und bleiben

könnte. Denn die Operation gelingt nicht immer. Ich glaube jetzt in mir

so vorbereitet zu sein, daß mich dies Ereignis nicht außer Fassung

bringen würde. Ich würde es, glaube ich, mit der Ergebung ertragen, mit

der der Mensch alles Menschliche dulden muß. Ich würde so viel von

meiner Tätigkeit retten, als ich nicht schlechterdings aufgeben müßte,

und wenn der Mensch tätig sein kann, ist um sein Glück schon geringere

Sorge. Aber die Vorstellung eines Unglücks ist noch immer etwas ganz

anderes als das Unglück selbst, wenn es mit der furchtbaren Gewißheit

seiner Gegenwart eintritt, und für das größte Unglück, das mich an

meiner Person treffen könnte, halte ich Blindheit allerdings. Es ist

aber sehr möglich, daß alle jetzige Fassung und Vorbereitung mächtig

erschüttert werden und mich ganz verlassen könnte, wenn es käme, daß

einmal der Tag erschiene, der mir kein Licht mehr brächte. Man muß auf

nichts so wenig vertrauen, und an nichts so unablässig arbeiten, als an

seiner Seelenstärke und seiner Selbstbeherrschung, die beide die

einzigen sicheren Grundlagen des irdischen Glücks sind. Der Himmel

scheint aber den Blinden zum Ersatz eine eigene Fassung und milde

Duldsamkeit in die Seele zu flößen.

_Tegel_, den 30. September 1829.

Ich habe vor ein paar Tagen, liebe Charlotte, Ihren am 25. September

beendigten Brief empfangen und sage Ihnen meinen herzlichsten Dank

dafür. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, daß es mit Ihren Augen

bedeutend besser geht, und daß Sie einfache Mittel gefunden haben, die

Ihnen wohltätig sind. Meinetwegen bitte ich Sie recht sehr, nicht

besorgt zu sein. Ich selbst bin es nicht. Was in der Natur der Dinge

liegt und das Schicksal herbeiführt, darüber wäre es töricht und

unmännlich zugleich, seine Ruhe und sein inneres Gleichgewicht zu

verlieren. So lange ich meine natürlichen Seelenkräfte behalte, wird mir

das nicht begegnen. Ich werde einsehen, daß körperliche Organe durch den

Gebrauch schwächer werden und anderen Zufällen unterworfen sind, und es

wird mir nicht einkommen zu erwarten, daß die Vorsehung diesen

natürlichen Lauf der Dinge für mich hemmen sollte. Wäre es einmal

anders in mir, so wäre das ein trauriges Zeichen, daß mir nicht die

Kraft mehr beiwohnte, die jeder vernünftige Mann besitzen muß.

Sie bemerken sehr richtig, daß man viele Fälle hat, wo ein anfangender

grauer Star auf einem gewissen Punkt stehen bleibt, ohne je zu

eigentlicher Blindheit zu führen, und das ist schon eine große Wohltat.

Denn man muß in diesen immer sehr traurigen Zuständen doch noch immer

unterscheiden, was es mehr und was es weniger ist, und die eigentliche

Blindheit enthält eigentlich ein doppeltes Leiden, erstlich, daß man

unfähig wird, eine Menge von Dingen zu tun, zu denen das Gesicht

unentbehrlich ist, und dann, daß man, des Lichtes beraubt, in Finsternis

versetzt ist. Dies Letzte halte ich bei weitem für das Schlimmste. Denn

die bloße Empfindung des Lichts, auch von dem Wahrnehmen aller

Gegenstände gänzlich abstrahiert, hat etwas unendlich Wohltätiges und

Erfreuliches und gehört in vieler Beziehung auch zu dem heiteren und

fruchtbringenden inneren geistigen Leben. Das Licht ist wenigstens unter

allen uns bekannten Materien die am wenigsten körperliche. Es hängt,

ohne daß man selbst sagen kann, wie das zugeht, mit dem Leben selbst

zusammen, und Leben, Licht und Luft sind wie verwandte, immer

zusammengedachte, das irdische Dasein erst recht möglich machende Dinge.

Wunderbar ist es auch, daß die Finsternis selbst den Reiz, den sie

offenbar hat, verlieren muß, wenn sie zur beständigen Begleiterin des

Lebens wird. Jedoch ist es nicht zu leugnen, daß die Finsternis der

Nacht eine süße Ruhe gegen das Licht des Tages gewährt. Allein die

angenehme Empfindung beruht nur darauf, daß der Tag vorangegangen ist,

und daß man sicher ist, daß er nachfolgen wird. Nur der Wechsel ist

wohltätig. Unaufhörliches Tageslicht ermüdet. Das fühlt man schon, wenn

man im Sommer nördliche Länder bereist, wo die Dämmerung die ganze Nacht

hindurch währt. Ich wenigstens habe das nie angenehm gefunden. Allein

die ewige Finsternis muß etwas viel Traurigeres haben, als daß man den

Begriff durch bloße Ermüdung erschöpfend ausdrücken könnte. Es ist wohl

eine Stille, aber auch eine zurückstoßende Öde. Man wird durch den

Mangel äußerer Zerstreuung in sich zurückgedrängt und kann doch viel

weniger durch sich selbst handeln und tätig sein. Weit das Unangenehmste

würde für mich das Aufhören der Mitteilung durch Briefe sein, die nicht

bloß und lediglich Geschäfte beträfen. Denn wer könnte es aushalten,

anderen vertrauliche Briefe zu diktieren oder sich vorlesen zu lassen?

Der Briefwechsel beruht seinem Wesen nach ganz und gar auf gänzlich

unmittelbarer Mitteilung, und ich würde jeden gleich abschneiden, wenn

ich, was ich nicht hoffe, jemals das Unglück hätte, wirklich zu

erblinden. Überhaupt ist es wunderbar, daß, meinem jetzigen Gefühl

nach, ein solcher Zustand mich mehr von der Gesellschaft anderer

abziehen als ihr zuführen würde. Ich kann es mir selbst nicht ganz

erklären, da es natürlich scheint, die Zeit alsdann doppelt gern mit

Gespräch auszufüllen. Es kommt vielleicht daher, daß ich, ohne selbst

sagen zu können, warum, sehr ungern mit Blinden zusammen bin. Da ich

fühle, daß dies eine gewissermaßen ungerechte Empfindung ist, so

überwinde ich mich da, wo die Gelegenheit vorkommt, aber der Zwang, den

ich mir antue, hebt die Widrigkeit des Gefühls nicht auf. Der Anblick

kranker, auch nur glanzlos starrer, selbst verbundener Augen wirkt

körperlich auf mich. Ich kann machen, daß ich der Empfindung nicht Raum

gebe, aber ich kann nicht hindern, daß sie nicht entstehe und

fortdauere. Schon ein Schirm vor den Augen anderer, besonders bei

Frauen, ist mir unangenehm. Auch die Gewohnheit ändert darin nichts. Ich

bin jahrelang wöchentlich mit Blinden zusammen gewesen, der Eindruck

blieb aber immer derselbe. Daß ich nun, selbst blind, nicht mit andern

sein möchte, ist nur eine Rückwirkung desselben Gefühls, wenn sie auch

nicht dasselbe empfinden als ich, so kann ich doch nicht hindern, daß

ich mich nicht außer mich selbst versetze und mich, andern gegenüber,

mir selbst vorstelle. Leben Sie herzlich wohl. Ich wünsche sehr, daß es

mit Ihren Augen besser gehen möge. Mit unwandelbaren Gesinnungen der

Ihrige. H.

_Tegel_, den 24. Dezember 1829.

So spät im Jahre, liebe Charlotte, habe ich Ihnen noch nie von hier aus

geschrieben. Ich war seit langen Jahren immer in der Stadt um diese

Zeit. Nur in früheren, glücklicheren Epochen meines Lebens brachte ich

auch den Winter auf dem Lande zu. Was ich damals im heiteren

Zusammensein tat, wiederhole ich jetzt allein. Das ist der Gang des

menschlichen Schicksals. Es ist heute hier, und da so kleine

Entfernungen keinen Unterschied machen, gewiß auch bei Ihnen ein äußerst

kalter Tag. Doch war ich aus. Ich gehe alle Tage gerade so spazieren,

daß ich die Sonne untergehen sehe. Ich versäume den Moment nicht gern,

und die halbe Stunde vor- und nachher sind mir im Sommer und Winter die

liebsten des Tages. Der Mond wartet dann oft schon, wenn die Sonne ihn

nicht mehr überstrahlt, seinen Glanz wieder zu gewinnen. Heute ging die

Sonne so in Nebel gehüllt unter, daß man statt ihrer Scheibe nur einen

mattgelben Duft sah. Wenn ich immer betrachtende Ruhe liebte und mich

ihr auch oft da hingab, wo ich mich im Gedränge von Menschen und Gewühl

von Geschäften befand, so versenkt mich meine jetzige Einsamkeit noch

mehr darin. Ich habe zu nichts anderem Neigung. Meine wissenschaftlichen

Beschäftigungen sind damit verwandt, und ich fühle mit jedem Tage mehr,

wie das reine und besonnene Nachdenken über sich selbst das Innere

zusammenschließt und den Frieden gibt, der gewiß immer das Werk Gottes

ist, den aber doch, gerade nach Gottes deutlich zu erkennen gegebenem

Willen, der Mensch nicht wie eine äußere Gabe von ihm erwarten, sondern

durch die eigene Anstrengung seines Willens aus sich selbst schöpfen

soll. Ich bin in jeder Epoche meines Lebens sehr gefaßt auf den

Augenblick gewesen, der uns wieder daraus abruft. Ich bin es jetzt mehr

wie je, wo ich dessen beraubt, was mir in jedem Augenblicke Genuß und

die heiterste Freude gab, nun auf den kalten Ernst des Lebens

zurückgewiesen bin. Ich glaube auch mit ziemlicher Gewißheit

vorauszusehen, daß ich die mir vielleicht noch bestimmten Jahre wie die

jetzt verflossenen Monate zubringen werde. Nur sehr bedeutende Dinge

könnten mich zu einer Umänderung bringen. Bei kleineren würde ich's

schon zu machen wissen, daß die Umänderung nur scheinbar wäre. Ich sehe

daher mein Leben jetzt von der Seite an, daß es ein Vollenden, ein

Abschließen der Vergangenheit ist. Es ist aber in meiner Art zu

empfinden gegründet, daß mich dies nicht zur Beschäftigung mit dem Tode

und dem Jenseits, sondern gerade zu den Gedanken, die auf das Leben

gerichtet sind, bringt. Ich halte das auch nicht für eine Eigenheit in

mir, sondern ich glaube, es müßte überhaupt so sein. Wenn man an den Tod

zu denken empfiehlt, so ist das eigentlich nur gegen den Leichtsinn

gerichtet, der das Leben wie eine immer dauernde Gabe ansieht. Davon

ist ein in sich gesammeltes Gemüt schon von selbst frei, übrigens aber

weiß ich nicht, ob anhaltende Beschäftigung mit dem Tode und dem, was

ihm folgen wird, der Seele heilsam sei. Zwar möchte ich nicht darüber

absprechen, da es mehr Sache des Gefühls als der Untersuchung durch

bloße Vernunftgründe ist. Ich glaube es aber nicht. Die aus dem

Vertrauen auf eine Allgüte und Allgerechtigkeit entspringende

Zuversicht, daß der Tod nur die Auflösung eines unvollkommenen, seinen

Zweck nicht in sich tragenden Zustandes und der Übergang zu einem

besseren und höheren ist, muß dem Menschen so gegenwärtig sein, daß

nichts sie auch nur einen Augenblick verdunkeln kann. Sie ist die

Grundlage der inneren Ruhe und der höchsten Bestrebungen und eine

unversiegbare Quelle des Trostes im Unglück. Aber das Ausmalen des

möglichen Zustandes, das Leben mit der Phantasie darin, zieht nur vom

Leben ab und setzt nur scheinbar etwas Besseres an die Stelle, da

allerdings die Gegenstände erhabener sind, nach denen man trachtet, man

sie aber doch so, wie man es da versucht, nicht zu fassen vermag. Gott

hat auch deutlich gezeigt, daß er eine solche Beschäftigung nicht

wohlgefällig ansieht, denn er hat den künftigen Zustand in einen

undurchdringlichen Schleier gehüllt und jeden einzelnen in gänzlicher

Unwissenheit gelassen, wann der Augenblick ihn ereilen wird, -- ein

sicheres Zeichen, daß das Lebende dem Leben angehören und darauf

gerichtet sein soll. Wozu mich also die Gewißheit, sich in dem letzten

Lebensabschnitt zu befinden, mahnt, ist ein auf das Leben gerichtetes

Bestreben, das Bestreben, das Leben abzurunden, ein inneres Ganzes

daraus zu machen. In den Stand gesetzt zu sein, dies zu tun dadurch, daß

man nicht mitten aus dem Treiben des Lebens hinweggerissen wird, sondern

einen Zeitraum der Muße und Ruhe behält, ist eine Wohltat der Vorsehung,

die man nicht ungenützt vorübergehen lassen muß. Ich meine damit nicht,

daß man noch etwas tun, etwas vollenden solle. Was ich im Sinne habe,

kann jeder in jeder Lage. Ich meine, an seinem Inneren arbeiten, seine

Empfindungen in vollkommene Harmonie bringen, sich selbständiger und

unabhängiger von äußeren Einflüssen zu machen, sich so zu gestalten, wie

man sich in den ruhigsten und klarsten Geistesmomenten gestaltet sehen

möchte. Dazu geht jedem, wieviel er auch an sich getan haben möge, viel

ab, daran ist längere Dauer, als vielleicht die Dauer des Lebens

verstatten wird. Dies aber nenne ich den eigentlichen Lebenszweck,

dieser aber gibt auch dem Leben immer noch Wert, und wenn mich irgendein

Unglück, wie es jeden, wie glücklich er scheine, betreffen kann, dahin

bringen sollte, das Leben nicht mehr zu diesem Zwecke zu schätzen, so

würde ich mich selbst mißbilligen und die Gesinnung in mir ausrotten.

Allein auch über einen solchen Lebenszweck kann man nicht unfruchtbar

mit seinen Gedanken brüten. Er muß nur die der Seele gegebene Richtung

sein, nur das, wie sich die Gelegenheit darbietet, urteilende,

billigende, zurechtweisende Prinzip. Das Leben ist zugleich eine äußere

Beschäftigung, eine wirkliche Arbeit in allen Ständen und allen Lagen.

Es ist nicht gerade diese Beschäftigung, diese Arbeit selbst, die einen

großen Wert besitzt, aber es ist ein Faden, an den sich das Bessere, die

Gedanken und Empfindungen anknüpfen, oder das, woneben sie hinlaufen. Es

ist der Ballast, ohne den das Schiff auf den Wellen des Lebens keine

sichere Haltung hat. So sehe ich auch im Grunde hauptsächlich nur meine

wissenschaftlichen Beschäftigungen an. Sie sind vorzugsweise dazu

gemacht, weil sie an sich mit Ideen in Verbindung stehen. Ich bin

hierüber ausführlich gewesen, um Ihnen einen Begriff zu geben, was ich

meine Einsamkeit und meine Freude daran nenne. Sie ist ursprünglich

keine freiwillige, sondern eine durch das Schicksal herbeigeführte. Der

von zweien Zurückgebliebene ist allein, und es ist dann eine natürliche

und zu billigende Empfindung, daß man auch fortwährend allein bleiben

will. Dann aber begünstigt auch die Einsamkeit jenes Nachdenken über

sich selbst, jene Arbeit an sich, jenes Abrunden und Schließen des

Lebens, von dem ich eben sprach. Endlich kommen die Studien hinzu, denen

man auch ihre Stelle gönnen muß. Darum gehe ich nur sehr selten zu

meinen Kindern in die Stadt und freue mich, wenn sie hierher kommen. Die

Leute bedauern erst meine Abwesenheit, das ist die Höflichkeit; dann

finden sie dies Zurückziehen in meinem Alter und in meiner Lage

natürlich, das ist die Wahrheit. Überdruß am Leben, Stumpfheit an seinen

Freuden, Wunsch, daß es enden möge, haben an meiner Einsamkeit keinen

Teil.

Ich habe Ihnen, liebe Charlotte, zwei Briefe geschrieben, die bei Abgang

des Ihrigen noch nicht angekommen waren. Ich hoffe eine Antwort auf

diese zu erhalten. Ich bitte Sie, wenn Sie können, mir noch in diesem

Jahre zu schreiben. Zu dem, welches wir neu beginnen, nehmen Sie meine

herzlichsten Wünsche. Möge der Himmel Ihnen wieder Heiterkeit und Ruhe

verleihen! Was ich dazu beitragen kann, will ich mit herzlicher Freude

tun, wo und wie es mir möglich ist. Leben Sie nun recht wohl! Gedenken

Sie meiner mit freundschaftlicher Liebe und rechnen Sie mit Zuversicht

auf meine aufrichtige, unveränderliche Teilnahme an allem, was Sie

betrifft. Ihr H.

_Tegel_, den 26. Januar 1830.

Sie müssen, liebe Charlotte, zwei Briefe von mir bekommen haben, die

noch unbeantwortet sind, einen vom 9. und einen vom 21. Januar. Ihr

letzter war nicht auf meine Bitte, sondern aus eigener Bewegung

geschrieben, und meinen Brief vom 9. werden Sie vermutlich zu spät

empfangen haben, um ihn an dem darin genannten Tage zu beantworten. Da

ich aber weiß, daß Ihnen meine Briefe Freude machen, und ich gerade

einige Zeit frei habe, so will ich Ihnen schreiben, ohne erst eine

Antwort abzuwarten. Vielleicht bekomme ich dieselbe auch noch, ehe ich

den Brief schließe, da heute noch eine Gelegenheit aus der Stadt

herkommt. Es liegt mir sehr daran, zu wissen, wie es Ihnen geht, und ob

Sie die Ruhe und Heiterkeit wiedergewinnen, die ich Ihnen so sehr

wünsche. Noch erfreulicher sollte es mir sein, wenn mein Anteil und

meine Ratschläge in der Tat wirksam dazu beitrügen. Das Wahre und

Eigentliche müssen Sie zwar selbst dazu tun. Denn es bleibt immer ein

sehr wahrer Ausspruch, daß das Glück im Menschen selbst liegt. Das

Freudige, was ihm der Himmel verleiht, beglückt nur, wenn es auf die

rechte Art aufgenommen wird, und das Bittere und Herbe, das das

Schicksal ihn erfahren läßt, steht es in seiner Gewalt sehr zu mildern.

Wo es auch gar keinen Trost zuläßt, wie es denn allerdings solche

Unglücksfälle gibt, hat Gott noch die Wehmut zu einer Art Vermittlerin

zwischen dem Glück und dem Unglück, der Süßigkeit und dem Schmerz

geschaffen. Sie macht den Schmerz zu einem Gefühl, das man nicht

verlassen mag, an dem man hängt, dem man sich überläßt mit dem

Bewußtsein, daß er nicht zerstörend, sondern läuternd, veredelnd in

jeder Art und auf jede Weise erhebend wirkt. Es ist ein Großes, wenn der

Mensch die Stimmung gewinnt, alles, was ihn betrifft, bloß weil es

menschlich ist, weil es einmal im irdischen Geschick liegt, dagegen

anzukämpfen, aber zugleich so aufzunehmen, wie es sich in der Bestimmung

des Menschen, sich immer reifer und mannigfaltiger zu entwickeln, am

besten vereint. Je früher man zu dieser Stimmung gelangt, desto

glücklicher ist es. Man kann dann erst sagen, daß man das Leben wirklich

erfahren hat. Und um des Lebens willen ist man doch auf der Welt, und

nur was man in seinem Gemüt durch das Leben errungen hat, nimmt man mit

hinweg. Es ist ein sehr großes Glück, wenn man all sein Denken und

Empfinden an einen Gegenstand setzt. Man ist dann auf immer geborgen,

man begehrt nichts mehr vom Geschick, nichts mehr von den Menschen, man

ist sogar außerstande, etwas anderes von ihnen zu empfangen als die

Freude an ihrem Glück. Man fürchtet auch nichts von der Zukunft Man kann

nicht ändern, was nicht zu ändern ist; aber das eine, das Hängen an

einem Gedanken, einem Gefühl, wenn es auch durch den grausamsten Schlag,

der einen Menschen betreffen kann, nur zu dem Hängen an einer Erinnerung

würde, das bleibt immer. Wer das stille Hängen an einem Gedanken

erreicht hat, besitzt alles, weil er nichts anderes bedarf und verlangt.

Noch beruhigender und beglückender ist natürlich ein solches Hängen an

einem, wenn das eine nichts Irdisches, sondern das Göttliche selbst

ist. Aber auch im Irdischen ist solch ein treues, die ganze Seele

einnehmendes Hängen an einem Gefühl immer von selbst auf das gerichtet,

was im Irdischen selbst nicht irdisch ist. Denn das bloß Irdische ist

nicht fähig, die Seele so auf sich zu heften. Der Probierstein der

Echtheit des Gefühls ist nur, daß es von aller Unruhe frei, mit keiner

Art des Begehrens gemischt sei, daß es nichts verlange, nichts fordere,

keine andere Sehnsucht kenne, als in der Art, wie es ist, fortzudauern.

Darum ist das Gefühl für Verstorbene ein so süßes, so reines, so der

Sehnsucht hingegebenes Gefühl, das bis ins Unendliche fortwährt, ohne

sich je zu zerstören, in deren Wachstum selbst die Seele ohne Unterlaß

Kraft gewinnt, sich ihr in einer süßen Wehmut zu überlassen. Sobald das

Gefühle für das Göttliche sind, sind es unstreitig die reinsten und von

aller irdischen Beimischung am meisten geläuterten. Sie haben zugleich

das Eigentümliche, daß sie der Erde nicht entfremden und doch allem

Drohenden und Schmerzlichen, was die Erde auch oft hat, den Stachel und

den Wermut benehmen. Da der Gedanke an die Verstorbenen mit allem dem

zusammenhängt, was sie im Leben umgab, so sind sie, statt vom Leben

abzuführen, vielmehr immerfort Verknüpfungsmittel mit demselben; es gibt

in jeder Lage noch immer Gegenstände, an welchen man sich die

Verstorbenen als teilnehmend und noch mit dem Leben verknüpft denkt.

Diese knüpfen auch den Zurückbleibenden noch an das Leben, aber es ist

eine Verknüpfung, die dem Leben das Schwere benimmt, da man sich doch

nicht mehr ganz als ihm angehörend betrachtet. Wenn die liebsten

Gedanken alle jenseits des Lebens sind, wenn das Leben keinen hat, der

diesen die Wage halten könnte, so kann, was man sonst im Leben zu

fürchten pflegt, einem irgend gegen irdische Schicksale Gewaffneten

nicht sonderlich furchtbar erscheinen. Zeit und Ewigkeit verknüpfen sich

im Gemüte zu einer Ruhe, die nichts mehr stört. Ich habe mir immer, ehe

ich noch die Erfahrung selbst gemacht hatte, gedacht, daß es so sein

müßte. Ich habe es nie für möglich gehalten, daß es für einen wahren

Verlust auch nur einen scheinbaren Ersatz geben könnte. Jetzt empfinde

ich das wirklich, da das Los mich getroffen hat. Ja, ich werde mit

großer Freude gewahr, daß sich die wahre und richtige Einwirkung, die

solcher Verlust haben muß, mit der Zeit immer vollkommener und richtiger

entfaltet, wie die irdische Nacht tiefer wird, je länger sie währt. Die

Freude, die man am nächtlichen Dunkel hat, und für die ich immer sehr

empfänglich gewesen bin, ist dieser Empfindung ähnlich. Man ist allein

und will allein sein, man gewahrt äußerlich nichts, und innerlich regt

sich ein doppeltes Leben. Der Tag ist gewesen und der Tag wird

wiederkehren.

Es ist ein schrecklicher Winter in diesem Jahr, und noch durchaus keine

Aussicht, daß er sich bald milder lösen will. Wenn man die viele Not

bedenkt, die er mit sich führt, so ist das sehr beklagenswert. Allein

sonst ist mir keiner so leicht geworden. Dies liegt in der Ruhe und

Unabhängigkeit der Einsamkeit, worin ich lebe. Ich gehe alle Tage

spazieren, allein außerdem verlasse ich die aneinander stoßenden drei

Zimmer, die ich allein bewohne, nie, und der Anblick der unberührten

Schneeflächen und des unendlichen Glanzes, den die Sonne, deren Auf- und

Untergang ich von meinen Fenstern aus sehe, und abends Mond und Venus

und die anderen Sterne über die Schneefläche und den gefrorenen See

ausstrahlen, ist unbeschreiblich. -- Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief

am 2. Februar oder, wenn das nicht möglich ist, doch noch in der ersten

Woche des Februar abgehen zu lassen. -- Leben Sie recht herzlich wohl

und bleiben Sie meiner aufrichtigen und innigen Teilnahme versichert.

Ganz der Ihrige. H.

_Tegel_, den 14. April 1830.

Ich bin sehr besorgt um Sie gewesen, liebe Charlotte. Ihr längeres

Stillschweigen hat mich diesmal nicht beunruhigt. Ich war gewiß, daß Sie

nicht krank sein konnten. Ich habe Sie so bestimmt gebeten, mir in

diesem Fall zu schreiben, daß ich gewiß darauf rechnen konnte, daß Sie

es getan haben würden. Ich erriet aber die Ursache Ihres Nichtschreibens

und sehe nun aus Ihrem Briefe, daß ich ganz richtig vermutet hatte. Es

war eine zu natürliche, Ihrer Empfindungsart zu angemessene Empfindung,

als daß sie nicht hätte in Ihnen aufsteigen sollen. Ihr jetziger Brief

aber hat mir die größte Freude gemacht, besonders wegen der ruhigen

Stimmung, die darin herrschend ist, und die ich, da sie Ihnen notwendig

die wohltätigste sein muß, so sehr liebe, um deren Erhaltung ich Sie

dringend bitte. Auch Lebenslust und Lebensfreude an den dem Leben

bleibenden Genüssen kann erst auf dieser Grundlage im Gemüt

emporsprießen. Die Ruhe ist die natürliche Stimmung eines

wohlgeregelten, mit sich einigen Herzens. Äußere Ereignisse können sie

bedrohen und das ruhigste Gemüt aus den Angeln heben. Ein großes weicht

zwar auch da nicht, allein obgleich es Frauen gibt, welche diese Stärke

mit der größten und lebendigsten Regsamkeit der Empfindung und der

Einbildungskraft verbinden, so kann man das bewundern, aber nicht

fordern. In einem Manne aber ist es Pflicht, es läßt sich verlangen, und

er verliert gleich bei allen richtig Urteilenden an Achtung, wie hierin

in ihm ein Mangel sichtbar wird. -- -- -- --

Briefe an eine Freundin · 第 7 / 12 题