Auch diesmal komme ich viel später zum Schreiben, als es mein Vorsatz

war, liebe Charlotte, und da ich immer viel Zeit zum Schreiben brauche,

so werden Sie den Brief noch später bekommen. Sie müssen sich aber nie

deshalb beunruhigen. Sie werden sagen, daß man darüber nie Herr ist. Mit

jedem Ersten des Monats denke ich daran, Ihnen zu schreiben, aber es

treten bei meiner Lebenseinteilung oft Tage und Reihen von Tagen ein, wo

ich nicht zum Schreiben an Sie, auch mit dem besten Willen, kommen

kann. Der Vormittag ist unabänderlich wissenschaftlichen Arbeiten

gewidmet. Davon mache ich hier in Tegel keine Ausnahme (in der Stadt muß

ich es freilich); diese Arbeiten machen jetzt eigentlich mein Leben aus,

meine Gedanken sind ihnen ganz zugewendet, und da ich jetzt vieles

Schlafes bedarf, so ist mein Vormittag doch kurz. Den Nachmittag gehe

ich ein bis zwei Stunden spazieren, und die übrige Zeit bleibt für meine

ziemlich weitläufige Korrespondenz und vielfachen Geschäfte usw. Fällt

nun in diesen Dingen etwas ungewöhnlich Dringendes vor, wie es diesmal

der Fall war, oder kommt Besuch, so verzögert sich gegen mein Wünschen

und Wollen der Abgang meines Briefes an Sie. Dennoch bin ich

glücklicherweise viel weniger Störungen ausgesetzt wie andere und

genieße noch der höchst nützlichen Gabe, nie durch Mangel an Stimmung

abgehalten zu werden oder die Stimmung abwarten zu müssen. Wie ich die

Sache vornehme, ist, wenn ich bisweilen auch lieber etwas ganz anderes

täte und mich zum Anfange wahrhaft zwingen muß, die Stimmung da. Bei dem

Wort fallen mir Ihre Tabellen ein. Sie haben mich sehr interessiert. Es

ist eine originelle Idee, die täglichen Zustände des Lebens schnell

aneinanderzureihen, die Stimmung und alle anderen Dinge, von denen sie

abhängen kann, aufzuzeichnen. Auch nur ein halbes Leben so verzeichnet,

würde zu einer Menge von Vergleichungen Stoff darbieten.

Ihr ganzer Brief hat mir Freude gemacht, da eine ruhige, in jeder Art

erfreuliche Gemütsstimmung daraus hervorgeht. Nur hat mich für Sie der

neue Verlust sehr geschmerzt, den Sie abermals erlitten haben. Das

Vorangehen so vieler ist allerdings bei vorrückenden Jahren etwas die

ruhige Heiterkeit des Gemüts sehr schmerzlich Trübendes. Ich gehe aber

noch weiter. Auch das Altwerden derer, die man in Jugendkraft des

Körpers und Geistes gekannt hat, ist betrübend. Ich wollte schon immer

alt werden, wenn nur die, die um mich her sind, jung blieben. Indes ist

das, wenn es auch nicht scheint, ein eigennütziger Wunsch.

Sie fragen mich, was ich unter Ideen meine, wenn ich sage, daß sie

allein das Bleibende im Menschen sind, und daß sie allein das Leben zu

beschäftigen verdienen? Die Frage ist nicht leicht beantwortet, ich will

aber versuchen, deutlich darüber zu werden. Die Idee ist zuerst den

vergänglichen äußeren Dingen und den unmittelbar auf sie bezogenen

Empfindungen, Begierden und Leidenschaften entgegengesetzt. Alles, was

auf eigennützige Absichten und augenblicklichen Genuß hinausgeht,

widerstrebt ihr natürlich und kann niemals in sie übergehen. Aber auch

viel höhere und edlere Dinge, wie Wohltätigkeit, Sorge für die, die

einem nahestehen, mehrere andere gleich sehr zu billigende Handlungen

sind auch nicht dahin zu rechnen und beschäftigen denjenigen, dessen

Leben auf Ideen beruht, nicht anders, als daß er sie tut, sie berühren

ihn nicht weiter. Sie können aber auf einer Idee beruhen und tun es in

idealistisch gebildeten Menschen immer. Diese Idee ist dann die des

allgemeinen Wohlwollens, die Empfindung des Mangels desselben wie einer

Disharmonie, wie eines Hindernisses, das es unmöglich macht, sich an die

Ordnung höherer und vollkommener Geister und an den wohltätigen Sinn,

der sich in der Natur ausspricht und sie beseelt, anzuschließen. Es

können aber auch jene Handlungen aus dem Gefühl der Pflicht entspringen,

und die Pflicht, wenn sie bloß aus dem Gefühl der Schuldigkeit fließt,

ohne alle und jede Rücksicht auf Befriedigung einer Neigung oder

irgendeine selbst göttliche Belohnung, gehört gerade zu den erhabensten

Ideen. Von diesen muß man hingegen auch absondern, was bloß Kenntnis des

Verstandes und des Gedächtnisses ist. Dies kann wohl zu Ideen führen,

verdient aber nicht selbst diesen Namen. Sie sehen schon hieraus, daß

die Idee auf etwas Unendliches hinausgeht, auf ein letztes

Zusammenknüpfen, auf etwas, das die Seele noch bereichern würde, wenn

sie sich auch von allem Irdischen losmachte. Alle großen und

wesentlichen Wahrheiten sind also von dieser Art. Es gibt aber sehr

viele Dinge, die sich nicht ganz mit den Gedanken fassen und ausmessen

lassen und darum doch nicht minder wahr sind. Bei vielen von diesen

tritt dann die künstlerische Einbildungskraft ein. Denn diese besitzt

die Gabe, das Sinnliche und Endliche, zum Beispiel die körperliche

Schönheit, auch unabhängig vom Gesicht und seinem seelenvollen Ausdruck

so darzustellen, als wäre es etwas Unendliches. Die Kunst, die Poesie

mit eingeschlossen, ist daher ein Mittel, sehr vieles in Ideen zu

verwandeln, was ursprünglich und an sich nicht dazu zu rechnen ist.

Selbst die Wahrheit, wenn sie auch hauptsächlich im Gedanken liegt,

bedarf einer solchen Zugabe zu ihrer Vollendung. Denn wie wir bisher die

Idee nach ihrem Gegenstand betrachtet haben, so kann man sie auch nach

der Seelenstimmung schildern, die sie fordert. Wie sie nun, dem

Gegenstand nach, ein Letztes der Verknüpfung ist, so fordert sie, um sie

zu fassen, ein Ganzes der Seelenstimmungen, folglich ein vereintes

Wirken der Seelenkräfte. Gedanke und Gefühl müssen sich innig

vereinigen, und da das Gefühl, wenn es auch das Seelenvollste zum

Gegenstande hat, immer etwas Stoffartiges an sich trägt, so ist nur die

künstlerische Einbildungskraft imstande, die Vereinigung mit dem

Gedanken, dem das Stoff artige widersteht, zu bewirken. Wer also nicht

Sinn für Kunst oder nicht wahren und echten für Musik oder Poesie

besitzt, der wird überhaupt schwer Ideen fassen und in keiner gerade das

wahrhaft empfinden, was darin Idee ist. Es ist ein solcher Unterschied

zwischen den Menschen in ihrer ursprünglich geistigen Anlage gegründet.

Die Bildung tut hierzu nichts. Sie kann wohl hinzutun, nie aber

schaffen, und es gibt hundert künstlerisch und wissenschaftlich

gebildete Menschen, die doch in jedem Worte deutlich beweisen, daß ihnen

die Naturanlage, mithin alles fehlt. Der große Wert der Ideen wird

vorzüglich an folgendem erkannt: Der Mensch läßt, wenn er von der Erde

geht, alles zurück, was nicht ganz ausschließlich und unabhängig von

aller Erdenbeziehung seiner Seele angehört. Dies aber sind allein die

Ideen, und dies ist auch ihr echtes Kennzeichen. Was kein Recht hätte,

die Seele noch in den Augenblicken zu beschäftigen, wo sie die

Notwendigkeit empfindet, allem Irdischen zu entsagen, kann nicht zu

diesem Gebiete gezählt werden. Allein diesen Moment, bereichert durch

geläuterte Ideen, zu erreichen, ist ein schönes, des Geistes und des

Herzens würdiges Ziel. In dieser Beziehung und aus diesem Grunde nannte

ich die Ideen das einzig Bleibende, weil nichts anderes da haftet, wo

die Erde selbst entweicht. Sie werden mir vielleicht Liebe und

Freundschaft entgegenstellen. Diese sind aber selbst Ideen und beruhen

gänzlich auf solchen. Von der Freundschaft ist das an sich klar. Von der

Liebe erlassen Sie mir zu reden. Es mag an sich eine Schwachheit sein,

aber ich spreche das Wort ungern aus und habe es ebensowenig gern, wenn

man es gegen mich ausspricht. Man hat oft wunderbare Ansichten von der

Liebe. Man bildet sich ein, mehr als einmal geliebt zu haben, will dann

gefunden haben, daß doch nur das eine Mal das Rechte gewesen sei, will

sich getäuscht haben oder getäuscht sein. Ich rechte mit niemandes

Empfindungen. Aber was ich Liebe nenne, ist ganz etwas anderes,

erscheint im Leben nur einmal, täuscht sich nicht und wird nie

getäuscht, beruht aber ganz und viel mehr noch auf Ideen.

Ich fürchte aber, Sie ermüdet zu haben, ohne Ihnen vollkommen klar zu

werden. In diesem Fall verzeihen Sie mir. Sie wollten ausdrücklich, daß

ich Ihnen darüber schreiben sollte, und die Schwierigkeit liegt in der

Sache. Vielleicht aber finden Sie doch etwas darin, woran Sie sich

halten können, und wenn Sie von da aus Fragen tun, so kann ich Ihnen

weitere Erläuterungen geben, was ich von Herzen gern tun will. Wie immer

der Ihrige. H.

_Tegel_, den 7. April 1833.

Ich bin schon lange im Besitz Ihres Briefes, liebe Charlotte, habe aber

nicht früher dazu kommen können, ihn zu beantworten. Sie haben ihn bloß

vom Monat März datiert und gegen Ihre Gewohnheit nicht den Tag des

Abgangs vermerkt. Ich bitte Sie, ihn künftig immer hinzuzusetzen. Ein

Brief, von dem man nichts als den Monat weiß, ist eine zu unbestimmte

Mitteilung, und ich habe immer auf die Tage gehalten. Man kann eher

noch etwas im Raum unbegrenzt lassen. Die Empfindung der Zeit greift

überhaupt tiefer in die Seele ein, was wohl daran liegt, daß der Gedanke

und die Empfindungen sich in der Zeit bewegen.... Ich habe oft, fast von

meiner Kindheit an, angefangen, Tagebücher zu halten und sie nach

einiger Zeit wieder verbrannt. Es tut mir aber sehr leid, nicht

wenigstens von jedem Tage aufgezeichnet zu haben, wo ich war und was ich

vorzüglich tat, oder wer mir begegnete. Ich würde mich sehr freuen, das

von meinem zehnten Jahre an zu besitzen. Von ausführlichen Tagebüchern

und solchen, die Beurteilungen der Handlungen und Gesinnungen enthalten

sollen, halte ich sonst nicht viel. Es geht einem, wie man es anfangen

möge, nie ganz ein, für sich selbst und an sich selbst gerichtet zu

schreiben. Wenn man das Geschriebene auch niemand zeigt noch zeigen

würde, so schreibt man doch wie einem imaginierten Publikum gegenüber.

Man ist wirklich mehr befangen, als wenn man die Selbstbeurteilung an

eine einzelne bestimmte Person richtet. Das Interesse an dieser zieht da

die Seele davon ab, sich zu sehr mit sich selbst zu beschäftigen und zu

sehr auf sich Rücksicht zu nehmen, stellt dadurch die Unbefangenheit

wieder her und befördert die Naivität der Erzählung. Überhaupt ist nicht

eben zu fürchten, daß man sich in solchen Aufzeichnungen über sich

selbst zu sehr schont, oft liegt sogar die Übertreibung der Wahrheit im

Gegenteil. Was dagegen eher zu fürchten sein kann, ist, daß die

Eitelkeit dabei Nahrung findet. Man hält leicht, je mehr man sich mit

sich selbst beschäftigt, alles, was einen betroffen hat, für

außerordentlicher, als was anderen begegnet ist, und legt auf jeden

Zufall wie auf eine Absicht Wert, welche Gott mit uns gehabt hätte.

Indes können solche Fehler vermieden werden, und dann wird gerade ein

solches Tagebuch zu einer zugleich anziehenden und nützlichen

Selbstbeschäftigung....

Die Zeit ist nur ein leerer Raum, dem Begebenheiten, Gedanken und

Empfindungen erst Inhalt geben. Da man aber weiß, daß sie, wenn man auch

viel Einzelnes davon kennt, diesen Inhalt freudvoll und leidvoll für

empfindende Menschen getragen hat, so ist sie an sich immer das Herz

ergreifend. Auch ihr stilles und heimliches Walten hat etwas magisch

Anziehendes. Der Tag, an dem einem ein großes Unglück begegnet, ist eine

lange Reihe von Jahren ungeahnt an einem vorbeigegangen, und ebenso

still und unbekannt schreitet der an uns vorüber, an dem uns ein Unglück

unwandelbar bevorsteht. Denkt man aber der Folge der Zeit nach, so

verliert man sich darin wie in einem Abgrund. Es ist nicht Anfang noch

Ende. Ein großer Trost liegt aber im Wandel, da er immer an ein höchstes

Gesetz, an einen ewiglenkenden Willen in unverrückter Ordnung erinnert.

Das Erkennen dieser Ordnung ist in allen Welteinrichtungen, bei der

Hinfälligkeit der menschlichen Natur und der scheinbar oft regellos

zermalmenden Gewalt der Elemente, etwas sehr Beruhigendes. Am

regelmäßigen Sonnenlauf und Mondeswechsel muß das auch ganz rohen

Nationen anschaulich werden. Je mehr die Kenntnis der Natur zunimmt,

desto mehr wächst die Zahl der Beweise dieser Ordnung. Zur eigentlichen

Einsicht in den Sternenlauf ist schon wissenschaftliche Beobachtung

notwendig. Steigt diese, wie bei uns, zum höchsten Grade, so werden

wieder Abweichungen bemerkbar und Dinge, die sich in die sonstige

Ordnung nicht passen lassen. Diese sind sichere Beweise, daß die

Forschung noch ein neues Feld zu Entdeckungen vor sich hat. Denn alles

wissenschaftliche Arbeiten ist nichts anderes, als immer neuen Stoff in

allgemeine Gesetze zu bringen...

Sie klagen im ganzen über Ihr Gedächtnis, nehmen aber einiges aus. Mehr

können wenige von sich sagen. Das Gedächtnis ist nach Gegenständen

verteilt, und in niemanden ist es für alle gleich gut. Das angenehmste

ist ein leichtes Gedächtnis für Gedichte. Ist das mit wahrem Geschmack

in der Auswahl und mit Talent im Hersagen verbunden, so gibt es keine

andere, das Leben gleich verschönende Gabe. Zum guten Hersagen gehört

aber unendlich viel: zuerst freilich nur Dinge, die jede gute Erziehung

jedem geben kann, richtiges Verstehen des Sinnes, eine gute, deutliche,

von Provinzialfehlern freie Aussprache; aber dann freilich Dinge, welche

nur angeboren werden, ein glückliches, schon in sich seelenvolles Organ,

ein feiner musikalischer Sinn für den Fall des Silbenmaßes, ein

wahrhaft dichterisches Gefühl und hauptsächlich ein Gemüt, in dem alle

menschlichen Empfindungen rein und stark wiederklingen. Der Genuß, den

ein solches Wiedergeben wahrhaft schöner Gedichte gewährt, ist in der

Tat ein unendlicher. Er ist mir oft und im höchsten Grade geworden, und

ich rechne das zu den schönsten Stunden des Lebens. Aber auch das eigene

Auswendiglernen und Auswendigwissen von Gedichten oder von Stellen aus

Gedichten verschönert das einsame Leben und erhebt oft in bedeutenden

Momenten. Ich trage mich von Jugend an mit Stellen aus dem Homer, aus

Goethe und Schiller, die mir in jedem wichtigen Augenblicke wiederkehren

und mich auch in den letzten des Lebens nicht verlassen werden. Denn man

kann nichts Besseres tun, als mit einem großen Gedanken hinübergehen...

Ich befinde mich, Gott sei gedankt, recht wohl, gehe aber doch den

Sommer wieder ins Seebad nach Norderney. Man findet, daß es meine

Schwächlichkeiten vermindert hat. Das sehe ich nun zwar nicht, und auch

Sie werden es, an meinem Schreiben wenigstens, nicht gewahr werden.

Allein das ist wohl möglich, und das glaube ich sogar selbst, daß der

jährliche Gebrauch des Bades diese meine Schwächlichkeiten auf dem

Punkte erhält, auf dem sie jetzt sind. Vielleicht sind auch die Wellen

unschuldig daran. Aber man ist gern dankbar, und die See ist ein so

schöner und großer Gegenstand, daß man ihr gern dankbar ist. Gern gehe

ich aber nicht hin, es ist mir eine lästige Störung. Aber wenn ich mich

einmal in das Notwendige fügen muß, so nehme ich mir das Angenehme

heraus und gehe leicht über das Lästige hinweg, ob ich mich gleich von

meiner hiesigen Einsamkeit so ungern als von einer geliebten Person

trenne.

Mit der Gegenwart sind Sie so dankbar zufrieden. Vertrauen Sie auch der

Zukunft und hegen keine ängstlichen Besorgnisse. Sie ist allerdings

ungewiß, aber bedenken Sie, daß die ewige Güte wacht, daraus entspringt

Vertrauen, und dies muß man im Herzen nähren. Mit inniger Teilnahme

unabänderlich der Ihrige. H.

_Norderney_, den 2. August 1833.

Mit dem Anfange dieses Monats ist gerade die Hälfte meiner Badekur

vollendet, liebe Freundin, und es wird Ihnen Freude machen, wenn ich

Ihnen sage, daß ich sie ununterbrochen habe fortsetzen können, und

befinde mich, Dank sei es der Vorsehung, sehr wohl. Von der gänzlichen

Wirkung läßt sich erst nach Monaten urteilen. Dem Erfolg bis jetzt nach

zu schließen, wird sie hoffentlich nicht geringer als im vorigen Jahre

sein. Hier werde ich fast allgemein, meiner einzelnen Schwächlichkeiten

ungeachtet, für stark gehalten, und gewissermaßen könnte ich mir selbst

so erscheinen. Denn kein noch so junger rüstiger Mann braucht das Bad

stärker als ich, und ich fühle mich niemals nur einen Augenblick davon

angegriffen. Ich nehme nie etwas Stärkendes nachher und beschäftige

mich, wenn ich nicht der Luft im Gehen genießen will, mit jeder Sache,

die mich gerade interessiert. Von der Witterung spüre ich gar keinen

Einfluß. Einige Körperstärke setzt das allerdings voraus. Aber die

Hauptsache ist doch, das ganze Leben hindurch die Seele zur Ertragung

jedes Ungemachs abgehärtet zu haben. Es ist unglaublich, wieviel Kraft

die Seele dem Körper zu verleihen vermag. Es erfordert auch garnicht

eine große oder heldenmütige Energie des Geistes. Die innere Sammlung

reicht hin, nichts zu fürchten und nichts zu begehren, als was man

selbst in sich abwehren und erstreben kann. Darin liegt eine

unglaubliche Kraft. Man ist darum nicht in eine phlegmatische Ruhe

versenkt, sondern kann dabei gerade von den tiefsten und ergreifendsten

Gefühlen bewegt sein, ihre Gegenstände gehören nur nicht der äußeren

Welt an, sondern sind höheren Dingen und Wesen zugewendet. Man ist nicht

frei von Sehnsucht, vielmehr ihr oft hingegeben, aber es ist nicht die

verzehrende, die nach äußerer Gewährung strebt, sondern eine eigene, nur

die lebendige Empfindung von etwas Besserem und Schönerem, mit dem die

Seele innig verwandt ist. -- Das Wetter war hier seit unserer Ankunft

für den Gebrauch des Bades sehr günstig. Denn da es immer windig und

einigemal sehr stürmisch war, so war die See fast unausgesetzt sehr hoch

und unruhig, und diesen heftigen Wellenschlag hält man gerade für sehr

zuträglich. Mit Sonnenschein verbunden, wie wir ihn oft hatten, ist er

zugleich ein reizender Anblick. Über Hitze hat man sich hier wohl selten

zu beklagen. Da die Winde meistenteils vom Meer herkommen, so kühlen sie

die Luft hinreichend ab. Auf Inseln, besonders auf kleinen, ist große

Hitze ebenso wie große Kälte selten. Wir haben aber in diesem Sommer

wirklich sehr heiße Tage gehabt. Meine Liebe für große Wärme schreibt

sich doch nicht, wie Sie glauben, aus meinem längeren Aufenthalt in

Spanien und Italien her, ich erinnere mich, sie von früher Kindheit an

gehabt zu haben...

Sie haben allerdings recht, wenn Sie sagen, Frau von Staël und Frau von

Laroche werden schlimm im Goetheschen Briefwechsel behandelt. Es ist

dies Goethes Schuld. Im vertraulichen Briefwechsel kann man sich, wie im

Gespräch, kleine Spöttereien erlauben, da man keine üble Absicht damit

verbindet und genau weiß, wie man verstanden wird. Wenn man aber solche

Briefe vor das große Publikum bringt, muß man solche Stellen

wegstreichen, und darin ist Goethe, der den Briefwechsel herausgegeben,

zu sorglos gewesen. Solche kleine Flecken können aber einem Werke keinen

Eintrag tun, das sonst einen solchen Reichtum an genialen und neuen

Ideen enthält und so das lebendige Gepräge des Gedankenaustausches

zweier großer Geister in sich trägt; denn es gibt nicht leicht eine

Schrift, die einen so unendlichen Stoff zum Nachdenken darbietet und so,

nach allen Richtungen hin, die einzig richtig leitenden Ansichten

angibt. Der Staël mußten Goethe und Schiller Unrecht tun, da sie sie

garnicht genug kannten. Die Staël war bei weitem weniger von ihren

schriftstellerischen Seiten, als im Leben und von Seiten ihres

Charakters und ihrer Gefühle, Geist und Empfindung. Beides war in ihr

auf eine ganz ihr angehörende Weise verschmolzen. Goethe und Schiller

konnten das nicht so wahrnehmen. Sie kannten sie nur aus einzelnen

Gesprächen, und auch da nur unvollkommen, da sie sich doch beide nicht

französisch mit vollkommener Freiheit ausdrückten. Diese Gespräche

griffen sie an, weil sie dadurch angeregt wurden, ohne sich doch in dem

fremden Organ ganz und rein aussprechen zu können, und so wurde ihnen

die lästig, die solche Gespräche veranlaßte. Von dem wahren inneren

Wesen der Frau wußten sie nichts. Was man von ihrer Unweiblichkeit

sagte, gehört zu dem trivialen Geschwätz, das sich der gewöhnliche

Schlag der Männer und Weiber über Frauen erlaubt, deren Art und Wesen

über ihren Gesichtskreis geht. Sich über das Höhere allen Urteils zu

enthalten, ist eine zu edle Eigenschaft, als daß sie häufig sein könnte.

Wirklich selbst vorzügliche Frauen, welche die Staël kannten, haben sie

nie als unweiblich getadelt, und noch weniger kann man sie so in ihren

Schriften finden.

Die Laroche habe ich selbst gleichfalls gekannt. Sie war sehr gutmütig

und mußte in ihrer Jugend schön gewesen sein. Von Geist war sie

allerdings nicht ausgezeichnet. Allein ihre Schriften sind nicht ohne

Wirkung auf die weibliche Bildung ihrer Zeit geblieben. Insofern hat die

Frau ein Verdienst gehabt, das ihr auch Goethe und Schiller nie würden

haben absprechen wollen. Sie dachten nur an den literarischen Wert, der

freilich nicht groß war. Man muß aber auch, was sie in scherzhaft

heiterer Laune hinschrieben, nicht als vollwichtigen Ernst aufnehmen.

Die Epochen, in die uns diese Erinnerungen zurückführen, weichen

allmählich in solche Ferne zurück, daß schon darum das Interesse an

ihnen wächst. Auch erscheint immer mehr, was zur Charakterisierung der

damals merkwürdigsten Personen dient. In den Urteilen über sie wirkt

noch die Stimmung mit fort, welche sie im Leben hervorbrachten; allein

nach und nach tritt eine andere Stimmung ein, bis sich endlich das

bildet, was man den bleibenden Nachruhm nennt. Die Menschen werden in

diesem gewissermaßen zu Schattengestalten. Vieles, was sie an sich

tragen, erlischt, und das Übrigbleibende wird nun zu einer ganz anderen

Erscheinung. Dabei wird noch, was man von ihnen weiß, nach dem Geiste

der jedesmaligen Zeit aufgenommen. So ungewiß steht es um das Bild, das

auch die größten Menschen hinterlassen, und um die Geschichte!

Meine Badekur ist den 21. d. M. zu Ende, und ich werde also noch vor dem

Ende desselben zurückgekehrt in Tegel sein. Ich fühle mich wohl und sehr

gestärkt, und werde die Wirkung nach einiger Zeit noch mehr empfinden.

Ich sage Ihnen das, liebe Freundin, schon jetzt und noch von hier aus,

da Sie mir mit liebevoller Teilnahme so oft gesagt haben, daß Sie diese

Nachrichten zuerst und vor allen anderen in meinen Briefen suchen. So

begegnen sie Ihnen schon am Schluß dieses Briefes und kommen Ihnen

früher zu, was Ihnen, wie ich weiß, Freude macht. Aber richten Sie es

nun auch so ein, daß ich einen Brief von Ihnen in Berlin vorfinde. Mit

der innigsten und unveränderlichsten Teilnahme der Ihrige. H.

_Tegel_, den 6. Oktober 1833.

Ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank, liebe Charlotte, für Ihren

lieben Brief, den ich bei meiner Zurückkunft hier vorfand, und der so

viel Liebes und Gütiges über mich enthält. Ob Sie nichts von Ihrem

Befinden erwähnen, so scheint mir doch die Stimmung zu beweisen, daß Sie

wohl sind. Sie wissen, welchen lebhaften Anteil ich daran nehme. Sie

genießen doch gewiß auch recht in Ihrem Garten die schönen Tage, mit

denen das sich zum Ende neigende Jahr scheint alle schlimmen Tage, an

denen der Sommer reich war, wieder in Vergessenheit bringen zu wollen.

Es ist merkwürdig, wie wunderschön das Wetter ist, eben so ausgezeichnet

schön war der Frühling. Ich dächte in zwanzig Jahren kein so

blütenreiches Frühjahr hier erlebt zu haben. Die Pracht war über alle

Beschreibung. Das schöne Wetter wird aber bei weitem nicht so dankbar

von den Menschen erkannt, als man das bloß minder gute gleich übermäßig

allgemein tadeln hört. Die Menschen scheinen zu meinen, daß, wenn ihnen

auch der Himmel alle übrigen Glücksgaben vorenthielt, er ihnen doch

diese, gleichsam die wohlfeilste von allen, gewähren müsse. Wieviel dem

Himmel das schöne Wetter kostet, ist freilich schwer zu berechnen.

Allein in der Wirkung auf das Gemüt gehört ein wahrhaft schöner Tag zu

den allerkostbarsten Geschenken des Himmels. Wenn man im Menschen eine

gewisse mittlere Seelenstimmung als die Regel annehmen kann, so bringt

mich schlechtes Wetter niemals unter dieselbe, dies erlaubt meine gegen

alle äußeren unangenehmen Eindrücke sehr gut verwahrte Natur nicht. Aber

ein schöner Tag oder eine strahlend sternhelle Nacht hebt mich

unaussprechlich darüber empor. Denn man kann, gerade indem man die

Empfindung des Schönen schärft, die Reizbarkeit gegen das Unangenehme

abstumpfen.

Was Sie über Herder und Goethe sagen und über die verschiedene Wirkung,

welche die Schriften beider auf Sie haben, hat mich zu allerlei

Betrachtung geführt, über die Empfindungen anderer sollte man nicht so

scharf absprechen. Beschränken Sie das Gesagte auf sich und andere,

deren Gemütsart Ihnen genau bekannt ist, so stimme ich Ihnen gänzlich

bei. Was mir aber bei dieser Stelle Ihres Briefes besonders aufgefallen

ist, ist, daß sie mir wieder recht klar bewiesen hat, daß es zwei ganz

verschiedene Arten gibt, sich einem Buche zu nahen. Eine, mit einer

bestimmten Absicht verbunden und ganz nahe auf den Lesenden selbst

bezogen, und eine freiere, die mehr und näher auf den Verfasser und

seine Werke geht. Jeder Mensch liest, nach Verschiedenheit der

Stimmungen und der Momente, mehr auf die eine oder die andere Weise;

denn rein und gänzlich geschieden sind beide natürlich nie. Die eine

wendet man an, wenn man von einem Buche fordert, daß es erheben,

erleuchten, trösten und belehren soll, die andere Methode ist einem

Spaziergange in freier Natur zu vergleichen. Man sucht und verlangt

nichts Bestimmtes, man wird durch das Werk angezogen, man will sehen,

wie sich eine poetische Erfindung entfalte, man will dem Gange eines

Räsonnements folgen. Belehrung, Trost, Unterhaltung findet sich nachher

ebenso und in noch höherem Maße ein, aber man hat sie nicht gesucht, man

ist nicht von einer beschränkten Stimmung aus zu dem Buche

übergegangen, sondern das Buch hat frei und ungerufen die ihm

entsprechende selbst herbeigeführt. Das Urteil ist aber auf diese Weise

freier, und da es von augenblicklicher Stimmung unabhängiger bleibt,

zuverlässiger. Ein Verfasser muß es vorziehen, so gelesen und geprüft zu

werden. Herder kann übrigens jede Art der Beurteilung ruhig erwarten. Er

ist eine der schönsten geistigen Erscheinungen, die unsere Zeit

aufzuweisen hat. Seine kleinen lyrischen Gedichte sind voll tiefen

Sinnes und in der Zartheit der Sprache und Anmut der Bilder die

Lieblichkeit selbst. Besonders weiß er das Geistige unnachahmlich schön,

bald mit einem wohlgewählten Bilde, bald mit einem sinnigen Worte in

eine körperliche Hülle einzuschließen, und ebenso die sinnliche Gestalt

geistig zu durchdringen. In diesem symbolischen Verknüpfen des

Sinnlichen mit dem Geistigen gefiel er sich auch selbst am meisten,

bisweilen, obgleich selten, treibt er es bis ins Spielende. Eine seiner

großen Eigenschaften war es auch, fremde Eigentümlichkeiten mit

bewunderungswürdiger Feinheit und Treue aufzufassen. Dies zeigt sich in

seinen Volksliedern und in der Geschichte der Menschheit. Ich erinnere

mich z. B. aus der letzten der meisterhaften Schilderung der Araber.

Herder stand im Umfang des Geistes und des Dichtungsvermögens gewiß

Goethe und Schiller nach, allein es war in ihm eine Verschmelzung des

Geistes mit der Phantasie, durch die er hervorbrachte, was beiden nie

gelungen sein würde. Diese Eigentümlichkeit führte ihn zu großen und

lieblichen Ansichten über den Menschen, seine Schicksale und seine

Bestimmung. Da er eine große Belesenheit besaß, so befruchtete er seine

philosophischen Ansichten durch dieselbe und gewann dadurch den Reichtum

von Tatsachen für seine allegorischen und historischen Ausführungen. Er

gehört, wenn man ihn im ganzen betrachtet, zu den wundervollst

organisierten Naturen. Er war Philosoph, Dichter und Gelehrter, aber in

keiner einzigen dieser Richtungen wahrhaft groß. Dies lag auch nicht an

zufälligen Ursachen, an Mangel gehöriger Übung. Hätte er einen dieser

Zweige allein ausbilden wollen, so würde es ihm nicht gelungen sein.

Seine Natur trieb ihn notwendig zu einer Verbindung von allen zugleich

hin, und zwar zu wahrer Verschmelzung, wo jede dieser Richtungen, ohne

ihre Eigentümlichkeit zu verlassen, doch in die der andern einging, und

da doch dichtende Einbildungskraft seine vorherrschende Eigenschaft war,

so trug das Ganze, indem es die innigsten Gefühle weckte, immer einen

doppelt stark anziehenden Glanz an sich. Diese Eigentümlichkeit bringt

es aber auch freilich mit sich, daß die Herderschen Räsonnements und

Behauptungen nicht immer die eigentlich gediegene Überzeugung

hervorbringen, ja daß man nicht einmal das recht sichere Gefühl hat,

daß es seine eigene recht feste Überzeugung war, die er aussprach.

Beredsamkeit und Phantasie leihen leicht allem eine willkürliche

Gestalt. Von der Außenwelt entlehnte er nicht viel. Sein Aufenthalt in

Italien hat ihn fast um nichts bereichert, da Goethe der seinige so

reiche und schöne Früchte getragen hat. Herders Predigten waren

unendlich anziehend. Man fand sie immer zu kurz und hätte ihnen die

doppelte Länge gewünscht. Aber eigentlich erbaulich waren die, welche

ich gehört habe, nicht, sie drangen wenig ins Herz.

Wenn er jetzt wüßte, daß ich so viel mit unleserlich kleinen Buchstaben

über ihn schreibe, würde er sich gewiß wundern, und ich wundere mich

über mich selbst. Ich tue es einzig, weil ich denke, daß es Ihnen Freude

macht. Sagen Sie mir aber auch, wenn Sie mich nicht mehr lesen können.

Denn für mich selbst schreibe ich nicht.

Mit der herzlichsten Teilnahme Ihr H.

_Tegel_, den 16. Nov. bis 7. Dez. 1833.

Ich fange diesen Brief an, liebe Charlotte, ohne noch einen von Ihnen

empfangen zu haben; ich denke aber gewiß, daß in diesen Tagen selbst

einer ankommen muß. Zuerst habe ich noch auf eine Stelle Ihres Briefes

zurückzukommen, die eigentlich ganz unbeantwortet von mir geblieben ist,

und wofür ich Ihnen sehr danke. Es ist nämlich das, was Sie über die

verschiedene Art Bücher zu lesen sagen, und über das, was man in ihnen

zu suchen hat. Sie beziehen sich dabei auf Goethe. Sie wissen, ich liebe

es sehr, wenn man im freundschaftlichen Briefwechsel es frei ausspricht,

wo die Meinungen nicht übereinstimmen. Dann auch haben Sie mich

veranlaßt, die schöne Stelle in Goethes »Wahrheit und Dichtung« wieder

zu lesen, auf die Sie sich beziehen. Im ganzen aber ist es, wie es

gewöhnlich im Entgegenstellen der Behauptungen geht, daß man einander

doch nicht bekehrt. Meine Art ist es einmal und wird es immer bleiben,

ein Buch ebenso wie einen Menschen als eine Erscheinung an sich, nicht

als eine Gabe für mich anzusehen. Ich gehe darum noch nicht, wie Goethe

sagt, in die Kritik desselben ein, ebensowenig wie ich dies bei einem

Menschen tue. Aber ich betrachte es wie ein Produkt des menschlichen

Geistes, das ohne alle Beziehung auf meine Gedanken und Gefühle einen

eigenen Ideenzusammenhang und eine eigene Gefühlsweise ausspricht und

meine Aufmerksamkeit dadurch in Anspruch nimmt. Ich begreife indes, daß

viele Leser die Bücher mehr zu sich hinziehen und sie weniger objektiv

nehmen, und wenn Sie mich fragen, ob es einem Schriftsteller unangenehm

sein könne, wenn er Beruhigung oder Erheiterung in ein dieser oder jener

bedürfendes Gemüt ergieße oder eine gebeugte Seele ermutige, so

antworte ich mit voller Überzeugung: er ist gewiß damit zufrieden und

fühlt sich belohnt, gesetzt, es wäre auch nicht gerade sein Zweck. Ich

wollte Ihnen nur sagen, wie ich Bücher lese, keineswegs aber Ihre Weise

tadeln.

Den 4. Dezember. Ich bin nunmehr im Besitz Ihres Briefes vom

24. November und danke Ihnen herzlich für den ganzen Inhalt desselben.

Erhalten Sie sich in der ruhigen, heitern, zufriedenen Stimmung. Eine

Heiterkeit wie die, von der Sie sagen, daß sie Ihnen natürlich inwohnt,

ist eine sehr glückliche Gabe des Himmels oder des Schicksals und, wie

Sie selbst sehr richtig bemerken, mehr noch eine Frucht einer natürlich

einfachen, bescheiden genügsamen Gemütsart. Wenn sie aber auch so,

gleichsam von selbst, im Charakter hervorblüht, so kann und muß man sie

doch auch nähren und unterstützen. Ich meine das nicht von außen,

sondern recht eigentlich von innen. Ebenso ist es auch mit der Wehmut.

Der Mensch hat sich, wenn er irgendein innerliches Leben gelebt hat, ein

geistiges Eigentum von Überzeugungen, Gefühlen, Hoffnungen, Ahnungen

gebildet. Dies ist ihm sicher, ja, im eigentlichen Verstande

unentreißbar. Kann er darin sein Glück, seine Beruhigung, seine stille

Heiterkeit finden, so ist ihm diese gesichert und geborgen, wenn seine

Stimmung auch wehmütig bleibt. Denn jeder Gegenstand edler Wehmut

schließt sich willig an den eben genannten Kreis an. Sobald man

überhaupt irgend etwas, was das Gemüt ergreift, in das Gebiet geistiger

Tätigkeit hinüberführen kann, wird es linder und mischt sich auf eine

sehr versöhnende Weise mit allem, was uns eigentümlich ist, wovon wir,

wenn es auch schmerzte, uns nicht trennen könnten, ja nicht trennen

möchten. Ich meine aber unter geistiger Tätigkeit nicht die der

Vernunft. Diese könnte ein fühlendes Gemüt nur zu starrer Resignation

bringen, die immer eine Ruhe des Grabes ist und nicht die schöne

lebendige Heiterkeit gewähren kann, von der ich hier rede. Die rein

geistige Wirksamkeit hat aber ein viel weiteres Gebiet und verschmilzt

mit der Empfindung gerade zu dem Höchsten, dessen der Mensch fähig ist,

und diese Verschmelzung enthält das wahre Mittel aller wahrhaft

hilfreichen Beruhigung. Der Gedanke verliert in ihr seine Kälte, und die

Empfindung wird auf eine Höhe gestellt, auf der sich die verletzende

einseitige Beziehung auf das persönliche Selbst und den Augenblick der

Gegenwart abstumpft. Leben Sie herzlich wohl! Ihren letzten Brief

beantworte ich das nächste Mal. Mit dem innigsten Anteil der Ihrige. H.

_Tegel_, den 20. Dez. 1833 bis 7. Jan. 1834.

Es ist sehr gütig von Ihnen, liebe Charlotte, daß Sie lieber meine

Briefe entbehren wollen als mir zumuten, sie bei dem Zustand meiner

Augen und Hand zu schreiben. Ich erkenne es mit doppelter Dankbarkeit,

da ich weiß, was Ihnen meine Briefe sind, und daß Sie weit mehr darin

finden als wirklich darin liegt. Ich fühle auch, daß Ihre Einsamkeit sie

Ihnen noch wertvoller macht, da es nicht immer leicht ist, im Innern

ganz allein zu stehen. Ich begreife daher und fühle vollkommen, daß das

Ausbleiben meiner Briefe eine bedeutende Lücke in Ihrem täglichen Leben

machen würde. Gewiß weiß ich also die Stelle, die Ihr letzter Brief

enthält, nach ihrem vollen Wert zu schätzen. Für den Augenblick sehe ich

noch keine Notwendigkeit ein, eine Änderung vorzunehmen. Wenn mich,

wofür man freilich menschlicherweise nicht stehen kann, nichts

Plötzliches befällt, so wird überhaupt ein gänzliches Abbrechen nicht

nötig sein. Die Übel, die mir das Schreiben erschweren, sind von der Art

bis jetzt, daß sie nur nach und nach und bis jetzt sogar nicht schnell

zunehmen. Die Folge wird daher auch nur die sein können, daß ich weniger

ausführliche Briefe schreibe, wobei es mir doch auch ein Trost sein wird

zu denken, daß Sie weniger Mühseligkeit haben werden zu lesen.

Überlassen Sie es also vertrauensvoll mir, abzumessen, was meinen

Kräften noch zusagt und wozu sie nicht mehr ausreichen. Ich bin von

Natur und durch eigene frühe Gewöhnung tätig und von nicht leicht zu

ermüdender Geduld, lasse schwer ab in Überwindung von Schwierigkeiten

und gestatte nicht gern der Natur, meinem Willen etwas abzunötigen.

Ganz aus eigenem Triebe habe ich als Kind schon mich geübt zu tun, was

mir körperlich sauer wurde, und Schmerz und Beschwerde mir nicht aus

Weichlichkeit zu ersparen gesucht. Noch danke ich dem Himmel, daß er mir

gerade das in die Brust legte. Denn wenn auch die Selbstverleugnung und

Übung der Willenskraft garnicht zu den höchsten und größten Tugenden

gehören, so kann man sie doch mit vollem Recht zu den nützlichsten

zählen. Sie können nicht ganz von wechselnden Fügungen des Schicksals

unabhängig machen. Eine solche wahre Unabhängigkeit kann der Mensch auf

Erden niemals erlangen, er muß es schon als einen unendlich großen, ihm

von der Vorsehung eingeräumten Vorzug ansehen, daß die Unabhängigkeit,

die es ihm gelingen kann sich zu erstreben, in seine Gewalt gegeben ist,

ja, daß er allein sie sich zu schaffen imstande ist, da sie eine

innerliche ist. Wenn man aber recht frei und kühn auf das Ziel zugeht,

den äußeren Einflüssen keine Herrschaft zu gestatten, so gelangt man

immer weit und kann nicht allem, aber viel im Leben begegnen. Auch im

Alter, kann ich mit Wahrheit sagen, suche ich mir das Leben nicht leicht

und bequem zu machen, wenn ich den einzigen Punkt ausnehme, daß ich

nicht mehr in Gesellschaft gehe: denn das habe ich ganz aufgegeben,

selbst für die wenigen Orte, die ich noch, wenn auch schon selten, im

vorigen Winter besuchte.

Den 4. Januar 1834. Es ist das erstemal, daß ich die neue Jahreszahl

schreibe. Ich hätte früher nie geglaubt, daß ich noch soviel schreiben

würde, und noch jetzt, wo ich das Leben schon seit Jahren für das, was

mich eigentlich daran knüpft, als geendet ansehe, habe ich weder ein

äußeres körperliches, noch inneres geistiges Vorgefühl, daß ich nicht

noch mehrere neue Jahreszahlen schreiben würde. Das sage ich nicht im

mindesten darum bestimmter, weil ich weiß, daß Sie es gern hören, so

gern ich Ihnen auch Freude mache, sondern weil ich es wirklich so fühle.

Ungeachtet des sonderbaren Winters ist mein eigentliches Befinden, wenn

ich es von den hindernden Beschwerden trenne, so, daß es mir zu keiner

Klage Anlaß gibt.

Der Ideenumtausch, von dem Sie in Ihrem Briefe reden, ist wohl sehr

hübsch, aber mir ist der Sinn dafür vergangen. Die persönliche Nähe

anderer ist mir immer eine Störung meiner Einsamkeit, das heißt jetzt im

engsten Sinne meiner selbst. Sie wird mir leicht beunruhigend und kann

mir peinigend werden. Ich vermeide daher, soviel ich kann, die Besuche

meiner ältesten Freunde und Bekannten, sollte ich auch dadurch lieblos

oder unhöflich erscheinen. Es gibt Opfer, die man unrecht hätte zu

bringen. Die meisten aber sind diskret und gütig und gönnen mir die Luft

des Alleinseins.

Was Sie mir von Paul Gerhard schreiben, hat mich sehr interessiert, und

ich werde die Lieder, die Sie mir bezeichnen, nochmals nachlesen. Seine

Schicksale waren mir im allgemeinen bekannt, aber nicht in so genauer

Beziehung auf die Lieder, die doch hier gerade das Wichtigste ist. Ich

schließe jetzt meinen Brief mit meinen herzlichen Glückwünschen für das

neue Jahr. Möge dasselbe Sie frei von störenden Ereignissen, in

Gesundheit und der stillen heiteren Stimmung erhalten, die das

Erfreuliche, wo es nicht zu ändern ist, still hinüberträgt. Mit der

innigsten Teilnahme der Ihrige. H.

_Tegel_, den 12. Januar 1834.

Sie sagen in Ihrem letzten Brief, daß, wenn man auch gar kein anderes

Buch haben dürfte, man mit Bibel und Gesangbuch leben könnte, über die

Bibel teile ich ganz Ihre Meinung. Das Gesangbuch würde ich doch nur als

eine Zugabe ansehen. Was so alles andere ersetzen soll, muß nicht von

einzelnen bekannten, uns nahestehenden Verfassern herrühren, es muß aus

fernen Jahrhunderten als die Stimme der ganzen Menschheit, in der sich

immer zugleich die Stimme Gottes offenbart, zu uns herüberschallen.

Darum könnte, wessen Gemüt kindlich und einfach genug ist, den Sinn

früherer Jahrtausende zu fühlen, auch mit dem Homer getrost in die

Einsamkeit gehen. Das ist das, was der Mensch nie genug an der Vorsehung

bewundern und wofür er nie dankbar genug sein kann, daß sie die wahrhaft

göttlichen Gedanken, die, auf denen unser innerstes Dasein ruht, bald

im Geiste ganzer Völker und Zeiten, bald in einzelnen Menschen weckt und

durchbrechen läßt. Von mir gestehe ich Ihnen, daß ich sehr leicht ohne

alle Bücher leben könnte. Eine eigentliche Neigung zum Lesen habe ich

garnicht, auch habe ich für ein langes Leben und so vielfache

wissenschaftliche Beschäftigungen nur wenig gelesen. Eine Menge Bücher,

die andere sehr früh gelesen, kenne ich nur dem Namen nach, und ich kann

von Büchern umringt sein, auch wissen, daß neue darunter sind, ohne in

eines hineinzusehen. Diese geringe Anziehungskraft aber haben die Bücher

nicht erst spät, gleichsam aus einer Art Überdruß, für mich bekommen, es

ist, auch wie ich sehr jung war, nicht anders gewesen. Ich habe darum

doch sehr viel, Tage und Nächte, mit Büchern gelebt, allein immer mit

dem Zweck, irgend etwas Bestimmtes zu lernen, aufzusuchen oder zu

erforschen. Dies ab er ist durchaus verschieden von der in einigen

Menschen sich bis zur Leidenschaft steigernden Lust, zu lesen. Diese

Lust liegt in einer inneren Lebendigkeit, die ich nie so besessen habe,

an einem Bedürfnis nach Ideenstoff, das aber freilich zugleich an ein

Verlangen geknüpft ist, diesen Stoff von außen in bunter

Mannigfaltigkeit zu bekommen, anstatt ihn in größerer Einförmigkeit aus

seinem Innern zu schaffen. Indes ist diese Neigung darum nicht zu

mißbilligen. Der Mangel an jener Strebsamkeit nach außen hin, das Hängen

an einsamem Sinnen, das Versenken in sich selbst ist auch nicht immer

reines Metall ohne Schlacken. Es entspringt oft aus Apathie, aus Hang

zum Müßiggange, und ist oft mehr ein waches Träumen als ein fruchtbares

Nachdenken. Es führt aber eine Süßigkeit mit sich, die ich sonst mit

nichts vergleichen kann, man mag sich nun in Ideen verlieren oder

Erinnerungen zurückrufen. Das erste ist leichter und müheloser als im

Gespräch und im Schreiben, da man nur für sich denkt, also Mittelsätze

überspringen und näher zum Ziel gelangen kann, ja, von niemand gedrängt,

es nicht so scharf zu erreichen braucht. Wo aber die Wahrheit auf

Gefühlen ruht, da vertrauen sich diese lieber der Verschlossenheit des

eigenen Busens an. Darum sind alle religiösen Menschen der Einsamkeit

leicht zugetan. Erinnerungen aber kleiden sich in ein so sanftes

Dämmerlicht, daß die Zeit, die man in ihnen zum zweitenmal durchlebt,

oft dadurch tiefer in die Seele eindringt, als ihr die Unruhe der

Gegenwart es zu tun erlaubt, denn die Gegenwart ist immer mit der

Zukunft gemischt, und die Erfindung in ihr ist von einer Seite noch dem

Wechsel offen. Auch versetzt der Genuß wie der Schmerz in eine Spannung,

die der ruhigen Betrachtung des Gegenstandes nicht günstig ist. Wenn nun

dies Vergnügen am Nachhängen gewisser Gedanken, die einen gewohnten Reiz

über das Gemüt ausüben, der unbestimmten Luft, den Blick in ein Buch zu

werfen, gegenübertritt, so bleibt meine Wahl nicht lange unentschieden,

und ich könnte sehr gut lange Zeit ohne alle Bücher zubringen.

Sie bemerkten, daß man sehr oft fragen hört: was ist Glück? Wenn man

unter dem Worte Glück das meint, durch das man im Leben in der letzten

tiefsten Empfindung glücklich oder unglücklich ist, nicht bloß darunter

einzelne Glücksfälle versteht, so ist es recht schwer, das Glück zu

definieren. Denn man kann sehr vielen und großen Kummer haben und sich

doch dabei nicht unglücklich fühlen, vielmehr in diesem Kummer eine so

erhebende Nahrung des Geistes und des Gemüts finden, daß man diese

Empfindung mit keiner anderen vertauschen möchte. Dagegen kann man im

Besitz recht vieler Ruhe und Genuß gewährender Dinge sein, gar keinen

Kummer haben, und doch eine mit den Begriffen des Glücks ganz

unverträgliche Leere in sich empfinden. Notwendig wird also zum Glück

eine gehörige Beschäftigung des Geistes oder des Gefühls erfordert,

allerdings verschieden nach jedes einzelnen Geistes- oder

Empfindungsmaß, aber doch so, daß eines jeden Bedürfnis dadurch erfüllt

werde. Die Natur dieser Beschäftigung oder vielmehr dieses inneren

Interesses richtet sich aber dann nach der individuellen Bestimmung, die

jeder seinem Leben gibt, oder vielmehr, die er schon in sich gelegt

findet, und so liegt Glück oder Unglück in dem Gelingen oder Mißlingen

des Erreichens dieser Bestimmung. Ich habe immer gefunden, daß

weibliche Gemüter in dies Gefühl lieber und williger eingehen als

Männer, und sich auf diese Weise ein stilles Glück in einer

freudenlosen, ja oft kummervollen Lage bilden. Auch für das künftige

Dasein ist diese Ansicht folgereich. Denn alles Erlangen eines anderen

Zustandes kann sich doch nur auf einen bereits erfüllten gründen. Man

kann nur erlangen, wozu man reif geworden ist, und es kann in der

geistigen und Charakterentwicklung keinen Sprung geben.

_Tegel_, Februar 1834.

Berlin hat in diesen Tagen einen Verlust erlitten, den man mit Wahrheit

einen gleich großen für die Religion und Philosophie überhaupt nennen

kann. Schleiermacher ist nach einem kurzen Krankenlager an einer

Lungenentzündung gestorben. Er ist Ihnen gewiß nicht unbekannt als

Herausgeber mehrerer religiöser und moralischer Schriften. Indes war von

Schleiermacher in ohne Vergleich höherem Grade wahr, was man von den

meisten sehr vorzüglichen Menschen sagen kann, daß ihr Sprechen ihr

Schreiben übertrifft. Wer also auch alle seine zahlreichen Schriften

noch so fleißig gelesen, aber seinen mündlichen Vortrag nie gehört

hätte, dem blieben dennoch das seltenste Talent und die merkwürdigsten

Charakterseiten des Mannes unbekannt. Seine Stärke war seine tief zum

Herzen dringende Rede im Predigen und bei allen geistlichen

Verrichtungen. Man hätte unrecht, das Beredsamkeit zu nennen, da es

völlig frei von aller Kunst war. Es war die überzeugende, eindringende

und hinreißende Ergießung eines Gefühls, das nicht sowohl von dem

seltensten Geiste erleuchtet wurde, als vielmehr ihm von selbst

gleichgestimmt zur Seite ging. Schleiermacher hatte von Natur ein

kindlich einfach gläubiges Gemüt, sein Glaube entsprang ganz eigentlich

aus dem Herzen. Daneben hatte er aber doch auch einen entschiedenen Hang

zur Spekulation, er bekleidete auch und mit ganz gleichem Beifall und

Glück ein philosophisches Lehramt neben dem theologischen an der

Universität in Berlin, und seine Sittenlehre, ein ganz philosophisches

Werk, steht in der genauesten Verbindung mit seiner Dogmatik.

Spekulation und Glaube werden oft als einander feindselig

gegenüberstehend angesehen, aber diesem Mann war es gerade eigentümlich,

sie auf das innigste miteinander zu verknüpfen, ohne weder der Freiheit

und Tiefe der einen, noch der Einfachheit des anderen Eintrag zu tun. In

einer Äußerung, die er am Tage vor seinem Hinscheiden gemacht, hat er

gleichsam das letzte Zeugnis davon abgelegt. Er hat nämlich seiner Frau,

die von sehr ausgezeichnetem Geist und Charakter ist, gesagt, daß seine

Besinnungskraft für allen äußeren Zusammenhang der Dinge sehr dunkel zu

werden anfange, daß aber in seinem inneren Ideenzusammenhange eine

vollkommene Klarheit herrsche, und daß er sich besonders freue, auch

jetzt seine tiefste Spekulation im reinsten Einklange mit seinem Glauben

zu finden. In dieser schönen harmonischen Seelenstimmung ist er auch

gestorben. Mit herzlicher Teilnahme der Ihrige. H.

_Tegel_, den 14. März bis 4. April 1834

Es freut mich, daß die Stolbergsche italienische Reise Ihnen

Befriedigung gewährt. Ich dachte mir gleich, daß sein gründliches

Eingehen in die Gegenstände, woran andere Anstoß nehmen, Ihnen seine

Darstellung gerade interessant machen würde. Ich glaubte immer, daß

Stolbergs Katholizismus eine Folge seines Aufenthalts im Münsterschen

gewesen wäre, wo es damals einige sehr eifrige, aber geistvolle und

gemütreiche Katholiken, Männer und Frauen, in den vornehmsten Familien

gab. Es ist indes sehr möglich, daß auch die italienische Reise dazu

wesentlich mit beigetragen hat. Die Schönheit und Pracht der Kirchen

kann wohl ein ernsthaftes Gemüt nicht zu einem andern Glauben verführen,

allein sehr erfreulich und in gewissen Momenten erhebend ist sie

unleugbar, auch ganz abgesehen von aller Beziehung auf Glauben und

Katholizismus, bloß für einen regsamen, gegen innere Eindrücke leicht

empfänglichen Sinn. Etwas anderes damit Verbundenes hat mir aber immer

noch einflußreicher geschienen, ich meine den in den meisten

katholischen Ländern herrschenden Gebrauch, die Kirchen den ganzen Tag

offenstehen zu lassen. Der Geringste im Volke erhält dadurch einen Ort,

wo er unbemerkt einsam sitzen und seinen Gefühlen und Gedanken ungestört

nachhängen kann und gleichsam neben seiner von allen irdischen

Mühseligkeiten durchwimmelten Wohnung eine von diesem allen entblößte

Freistatt findet, in der ihn alles auf wahrhaft hohe und würdige

Betrachtungen führt. Das beständige sorgfältige Verschließen unserer

protestantischen Kirchen hat, wie schwerlich abgeleugnet werden kann,

etwas Trübes und macht, daß auch darin vorhandene Pracht und Kunst nicht

wahrhaft zum öffentlichen Genuß kommt. Man gelangt nur durch

ausdrückliches Aufschließen des Kirchners, den man herbeiholen lassen

muß, dazu. In jenen Ländern nimmt das ganze Volk einen freieren und

freudigeren Anteil daran, und man würde sehr irren, wenn man glaubte,

daß das Volk dagegen unempfindlich wäre.

Die geschmacklosen Stellen einiger alten Kirchengesänge, von denen Sie

schreiben, bin ich weit entfernt in Schutz zu nehmen. Das Dichterische

hängt nicht notwendig mit der Bildung zusammen, hängt wenigstens nicht

von ihr ab, es beruht auf Schwung und Tiefe, und der Sinn dafür findet

sich oft reiner beim Volke als bei der Klasse der gebildeten, aber

nicht ganz durchgebildeten Personen. Es scheint mir auch nicht, daß die

Verfasser der alten Kirchenlieder solche Stellen aufnahmen, um sich auf

diese Art an die Vorstellungsart und die Sprache des Landmanns

anzuschließen, ihm verständlicher zu werden und seine Empfindungen

lebendiger anzuregen. Was wir geschmacklos finden, erschien ihnen nicht

so, das lag in ihrer Zeit, wo wahrhaft deutsche Bildung feinerer Art

kaum vorhanden war, und die Gebildeten, insofern ihre Bildung nicht eine

ausländische oder gelehrte war, in der Tat sich weniger vom Volke

unterschieden als jetzt. Jene alten Kirchendichter, und namentlich Paul

Gerhard, in welchen einzelne uns mißfällige Stellen nur unwesentliche

Flecke sind, verstanden es weit besser, den Punkt zu finden, wo man dem

Volke durchaus verständlich und seine Gefühle anregend ist, ohne sich in

den Begriffen herabzustimmen und an ihrer Richtigkeit nachzulassen oder

eine unedle Sprache anzunehmen. Diese wahre Volksmäßigkeit ist ein

hauptsächliches Erfordernis guter und zweckmäßiger Kirchengesänge. Denn

die Kirche ist für alle, es soll sich in ihr kein Kreis vornehmer oder

höherer Bildung absondern; der wahrhaft Gebildete soll aber auch durch

nichts ihn Verletzendes zurückgestoßen werden. Beides kann erreicht

werden, ohne daß eines dem anderen Abbruch täte. Denn alles rein und

natürlich Menschliche, frei von Künstelei und Gelehrsamkeit in Sachen

der Erkenntnis und von Verzärtelung und Überspannung in Sachen des

Gefühls, ist dem Volke und besonders dem Landmanne, dem ich hierin viel

mehr zutraue als dem Städter, gewiß nicht bloß vollkommen verständlich,

sondern auch seiner Emfindung zugänglich, und eben dies tief und echt

Menschliche ist auch die Grundlage aller wahren Bildung. In diesen

Ausgangspunkten des menschlichen Denkens und Empfindens begegnen sich,

wenigstens in Deutschland, alle Klassen der Nation. Ebenso vereinigen

sie sich in dem Verständnis einer einfachen, klaren und würdigen

Sprache, wie man an Luthers Bibelübersetzung sieht, die sich nie zum

Gemeinen herabläßt und -- die Stellen ausgenommen, wo die Schwierigkeit

in dem Sinne und den Sachen liegt. -- zugleich allgemein verständlich

ist. Sich recht nahe an die biblische Sprache zu halten, ist auch für

Kirchengesänge der sicherste Weg, auch schwierigeren Ideenreihen in das

Gemüt des Volks Eingang zu verschaffen. Wenn man, wie nicht selten

geschieht, von einem Prediger mit Rühmen erwähnt, daß er für die

gebildeten Klassen erhebend und belehrend predige, so halte ich das für

ein sehr einseitiges Lob, und wenn er es nicht versteht, ebenso

erbaulich für das Volk und den gemeinen Mann zu predigen, für einen

wahren Tadel. Die Kirche umschließt alle, und die Religionswahrheiten

werden ihrer Natur angemessener, allgemeiner und menschlicher

aufgefaßt, wenn man sie auf allgemeine Verständlichkeit gründet. Die

Scheidewand, die die gebildeten Stände vom Volke trennt, ist ohnehin

schon zu groß; man muß daher mit doppelter Sorgfalt das hauptsächlichste

Band erhalten, das sie noch zusammenknüpft. Leben Sie wohl und rechnen

auf meine unwandelbare Teilnahme an allem, was Ihnen begegnet. Der

Ihrige. H.

_Tegel_, den 15. April bis 8. Mai 1834.

Sie haben, liebe Charlotte, bemerkt, daß meine Handschrift in meinen

zwei letzten Briefen größer, bestimmter und deutlicher geworden ist, und

ich sah daraus, daß diese Veränderung Sie überraschen und Ihnen

auffallen würde. Es ist ein Sieg, den mein Wille endlich durch festen

Vorsatz über meine Hand davongetragen hat. In Hinsicht der

Unbequemlichkeit, eigentlich nicht schreiben zu können, sondern alles

diktieren zu müssen, bringt mich zwar diese Verbesserung nicht weiter,

da die neue Methode eher langsamer als schneller wie die bisherige ist.

Es ist indes doch ein wahrer Gewinn, daß es ordentlicher aussieht und

keine Schwierigkeit zu lesen macht, da die vorige Schrift auf ängstliche

Weise in Unleserlichkeit überging. Man kommt so im Alter auf die

Kinderschrift zurück. -- Es ist ein großer, wichtiger und mißlicher

Punkt im Alter, der wenigstens mich beständig begleitende Zweifel, ob

die Jahre nicht allmählich eine Schwächung des Geistes oder Charakters

oder beider unbemerkt hervorbringen. Wer vernünftig ist und wahr mit

sich selbst umgeht, muß sich gestehen, daß es kaum anders sein kann.

Alles nützt sich durch die Zeit ab, und die Abhängigkeit der Seele vom

Körper kommt dazu. Bisweilen ertappt man sich auch wohl selbst auf

einzelnen Beweisen. Es bleibt aber immer ein quälender Gedanke, ob diese

Fälle nicht ungleich häufiger sind, als man sie bemerkt. Man mißtraut

mit Recht dem eigenen Urteile, weil seine Schärfe auch durch dieselbe

Abnahme gelitten haben muß, und man von anderen nie die Wahrheit über

solchen Punkt erfährt. Am meisten, behauptet man gewöhnlich, leide das

Gedächtnis. Das kann ich aber an mir nicht finden; auch würde mich das,

wenn es nicht zu arg damit würde, am wenigsten kümmern. Schlimmer und

schwerer zu bemerken ist der Mangel an Festigkeit im Urteil, ja die

Schwierigkeit, sich bestimmt genug aus dem Zweifel herauszuwickeln,

um nur überhaupt ein entschiedenes zu fällen. Es ist dies

Charakterunschlüssigkeit, welche vom Handeln auf das Denken übergeht, da

alles Geistige im Innern des Menschen immer in unzertrennlichem

Zusammenhange miteinander steht. Das Schlimmste von allem aber ist die

Fruchtbarkeit an Ideen. Sie hängt natürlich von der Stärke, Regsamkeit

und Lebendigkeit aller Geisteskräfte zusammengenommen ab. Es ist daher

auch natürlich, daß die Zahl der zunehmenden Jahre darauf bedeutenden

Einfluß ausübt. Schon die Abstumpfung der Sinne bringt um sehr viel.

Alle Begriffe, die, auch früher gesammelt, auf sinnlichen Wahrnehmungen

beruhen, verlieren an Bestimmtheit, Deutlichkeit und besonders an weiter

anregender Anschaulichkeit. Was ich aber am meisten besorge, ist eine

Art Einschlafen der Seele, daß sie sich immer in einem ihr längst

bekannten Kreise herumdrehe und sich einbilde, dadurch in befriedigender

Tätigkeit zu bleiben. Das Wachsein des Geistes, seine Fruchtbarkeit an

Vorstellungen, die er bald aus der äußeren Beobachtung der Dinge und

Menschen, bald aus seinem Innern schöpft, oder das feste Fortrücken in

längst begonnenen, vielleicht durch einen Teil des Lebens

hindurchgeschlungenen Ideenreihen, ist das wahre, dem menschlichen

Dasein erst Wert verleihende Glück des Lebens, und zwar nicht bloß für

intellektueller organisierte, höher gebildete, mehr dem Denken ergebene

Menschen, sondern für alle. Denn jeder hat einen inneren Kreis von Ideen

und Gefühlen, Wahrheiten und Vorurteilen, Phantasien und Träumen, in dem

er wach und regsam bleiben und den er als innere Beschäftigung weiter

ausspinnen will. Wie wenig geistig auch ein Mensch in seiner Natur sein

möge, so fürchtet er doch keinen Vorwurf so sehr als den der

Geistesschwäche. Vor großer ist man vielleicht ohne besondere bedeutende

Krankheit sicher, aber kleinere ist auch betrübend genug, und man

ängstigt sich mehr davor, da sie einem leicht lange unbemerkt bleiben

könnte.

Ich habe Ihren letzten Brief später als gewöhnlich empfangen, und es hat

mich geschmerzt zu sehen, daß Sie wieder sehr trübe gestimmt waren. Sie

sagen zwar selbst, daß die Zeit dies auch wieder heilt, aber das Leben

ist doch zu kurz, um sich ganze Wochen so rauben zu lassen. Sie waren

auch zu meiner großen Freude eine längere Zeit heiterer und zufriedener

gestimmt. Kehren Sie dahin zurück, ich bitte Sie recht dringend darum;

man kann viel, wenn man sich nur recht viel zutraut. Stimmungen

entstehen allerdings oft aus Ursachen, über welche der Mensch nur wenig

Gewalt hat, aber sie nehmen zu und werden der inneren Gemütsruhe immer

verderblicher, wenn man sich in ihnen gehen läßt. Am sichersten stellt

man ihnen Gefühle entgegen, und Sie haben es gewiß oft selbst an sich

erfahren, daß sich das Gefühl für erhabene und tief ergreifende Dinge so

erwärmen kann, daß alle dunkeln und dumpfen Stimmungen dadurch

verscheucht werden.

Mit der freundschaftlichsten Teilnahme der Ihrige. H.

_Tegel_, August und September 1834.

Man kann mit Grund voraussetzen, daß alles in der Welt gerade so am

besten eingerichtet ist, wie es wirklich besteht, und dies schließt von

selbst jeden kurzsichtigen Tadel aus, den sich kein Vernünftiger

erlauben wird. Sonst ist eine Erscheinung in der Weltanordnung

auffallend, daß die lebendigen und empfindenden Geschöpfe, von den

Pflanzen an bis zu den Menschen, den wilden und rohen Elementen

untergeordnet und von ihnen abhängig gemacht erscheinen. Es ist als wenn

die Natur meinte, jenen großen körperlichen und elementarischen

Verhältnissen müsse erst ihr Recht werden, ehe an das Gedeihen und das

Glück der empfindenden Wesen zu denken sei. Es ist ohngefähr wie im

menschlichen häuslichen Leben, wo auch nicht bloß die höhere geistige

Beschäftigung oft dem gewöhnlichen körperlichen Tagewerke nachstehen

muß, sondern wo alle Tätigkeit in Geschäften, die doch auch immer nur

eine äußere ist, in der Meinung der Menschen höher gestellt wird als

eine innere Hinneigung zu Nachdenken und Wissenschaft. In beiden liegt

sichtbar der Sinn, daß durch die körperlichen, äußeren Verhältnisse erst

der Boden bereitet und gesichert werden muß, ehe das Geistige, Innere

ruhig darauf Wohnplatz finden und ohne Gefahr seine Blüten erschließen

kann. In von Menschen eingerichteten und also immer unvollkommenen

Dingen ist das sehr begreiflich. Menschliche Vernunft und Kraft reichten

nicht zu, den Hauptzweck ohne einige Aufopferung des Besseren zu

erreichen. Bei der von der höchsten Weisheit und Macht herkommenden

Welteinrichtung ist eine solche Erklärungsart nicht zulässig. Was man

sonst über eine solche Zurücksetzung des Geistigen gegen das

Körperliche, wenn man sie so nennen kann, sagt, ist auch wenig genügend.

Es muß darin noch etwas von uns Unverstandenes geben, das vielleicht in

einem uns ganz unbekannten Verhältnis des Geistigen zum Körperlichen

liegt. Denn wenn wir auch vom Geist oder der Seele nicht viel mit

Gewißheit erkennen, so ist uns das eigentliche Wesen des Körpers (der

Materie) völlig unbekannt und unbegreiflich.

_Tegel_, November bis 3. Dezember 1834.

Sie fragen mich nach Frau von Varnhagen, deren Briefe unter dem Namen

Rahel von ihrem Manne herausgegeben sind. Ich habe sie allerdings viel

gekannt, von der Zeit an, wo sie noch ein sehr junges Mädchen war, ein

paar Jahre, ehe ich auf die Universität nach Göttingen ging. So oft ich

seitdem in Berlin war, habe ich sie viel und regelmäßig gesehen. Auch

als ich mich mit meiner Familie in Paris aufhielt, war sie mehrere

Monate dort, und es fiel nicht leicht ein Tag aus, wo wir uns nicht

gesehen hätten. Man suchte sie gern auf, nicht bloß, weil sie von sehr

liebenswürdigem Charakter war, sondern weil man fast mit Gewißheit

darauf rechnen konnte, nie von ihr zu gehen, ohne nicht etwas von ihr

gehört zu haben und mit hinwegzunehmen, das Stoff zu weiterem ernsten,

oft tiefen Nachdenken gab oder das Gefühl lebendig anregte. Sie war

durchaus nicht, was man eine gelehrte Frau nennt, obgleich sie recht

viel wußte. Sie verdankte ihre geistige Ausbildung ganz sich selbst. Man

kann nicht einmal sagen, daß der Umgang mit geistvollen Männern irgend

wesentlich dazu beitrug. Denn teils ward ihr dieser nicht früh, sondern

erst als sie sich schon selbst die hauptsächlichsten, sie durch das

Leben leitenden Ansichten aus ihrem Innern herausgebildet hatte, teils

hatten alle ihre Gedanken und selbst die Form ihrer Empfindungen ein so

unverkennbares Gepräge der Originalität an sich, daß es unmöglich war,

dabei an irgend bedeutenden fremden Einfluß zu denken. Sie ging auch

viel mit uninteressanten Menschen um. Dies entstand aus Zufälligkeiten

ihrer äußeren Lage. Da sie aber eine große Lebendigkeit besaß und gern

mit Menschen lebte, so vermied sie es auch weniger sorgfältig, als es

sonst geistreiche Personen wohl zu tun pflegen. Es war ihr ein

eigentliches Talent gleichsam angeboren, auch dem unbedeutend

Scheinenden eine bessere und anziehende Seite abzugewinnen. Jede

Individualität flößte ihr schon als solche ein gewisses Interesse ein,

da sie sie zum Gegenstande ihrer Betrachtung machte, und sich auch

wirklich in jeder eine bessere und anziehende Eigenschaft herausfinden

läßt. Die Varnhagen ging von jedem Punkt des täglichen Lebens gern zu

innerem, tieferem Nachdenken über, sie schöpfte selbst vorzugsweise gern

ihren Stoff zu diesem aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit.

Überhaupt war Wahrheit ein auszeichnender Zug in ihrem intellektuellen

und sittlichen Wesen. Sie kannte darin keine weichliche Selbstschonung,

weder um sich etwaige Schuld zu verbergen oder sie zu verkleinern, noch

um in Wunden, die ihr das Schicksal schlug, mit tiefer Selbstprüfung

einzugehen. Sie überließ sich aber auch keinen Selbsttäuschungen, keinen

trügerischen Hoffnungen, sondern suchte überall nur die reine und nackte

Wahrheit auf, wenn sie auch noch so unerfreulich oder selbst bitter sein

mochte.

Ich breche hier ab, da ich eben Ihren lieben Brief bekomme. Warum aber,

liebe Charlotte, fahren Sie in aller Welt fort, den Zeitungen zu glauben

und sich und, verzeihen Sie, auch mich zu ängstigen. Ich glaubte Sie

eben beruhigt und sehe Sie leider schon wieder so sehr beunruhigt. Mein

körperlicher Zustand ist, im ganzen genommen, in diesem Augenblicke

sichtbar besser, und ich weiß von keiner besorglichen Kränklichkeit, so

daß ich nicht glaube, daß ich je wieder Norderney noch irgendein anderes

Bad besuchen werde. Sie sehen, wie falsch die Zeitungsnachrichten sind.

Ich bin so glücklich, nichts von dem zu kennen, was man von mir

schreibt. Sie erzeigen mir einen großen Gefallen, wenn Sie sich nicht

wieder dadurch beunruhigen lassen. Ich bitte Sie recht herzlich darum!

Mit inniger Teilnahme der Ihrige. H.

_Tegel_, Dezember 1834 bis 2. Januar 1835.

Ich mußte neulich über Frau von Varnhagen abbrechen, ehe ich alles

gesagt hatte. Der Mann der Verstorbenen gab zuerst einen Band von

Briefen bloß als Geschenk für Bekannte und Freunde heraus. Diese Ausgabe

besitzen nur diejenigen, die sie zum Geschenk erhalten haben. Später

aber hat Varnhagen eine zweite vermehrte Ausgabe in drei Teilen

veranstaltet, die allgemein verkauft wird. Ich zweifle nicht, daß Sie

diese nicht sollten bald erhalten können. Ich glaube aber kaum, daß Sie

die Geduld haben werden, die drei Teile zu durchlesen. Sehr vieles wird

Ihnen gefallen, Sie anziehen, fesseln. Allein mit der ganzen

Individualität dürften Sie, wie ich Sie kenne, schwerlich

übereinstimmen. In einem Punkte gehen Sie beide schon ganz auseinander.

Die Varnhagen vergöttert wahrhaft Goethe, und es ist nichts, was sie

nicht groß und schön an ihm fände. Sie lieben und bewundern ihn zwar

auch, ja sie hegen einige Vorurteile gegen ihn, die meiner Überzeugung

nach auch ungerecht sind. Indes macht das einen Unterschied, daß sie

Goethe persönlich kannte, wodurch sich leicht eine nicht immer

unparteiische Vorliebe bildet. Ob Sie mit der Art der Religiosität, die

sich in den Briefen ausspricht, zufrieden sein werden, ist sehr die

Frage. Ich glaube es nicht.

Januar 1835.

Die Varnhagen redet sehr viel von sich. Das kann man vielleicht am

meisten und gerechtesten an ihr tadeln, obgleich diejenigen, die es

lieben, daß sich fremde Individualität unverhohlen vor ihnen ausspricht,

das Buch gerade darum gern haben. Sie erzählt aber mehr, setzt Gedanken

auseinander, drückt Empfindungen aus, fällt aber seltener Urteile über

andere, ihre Handlungen und Charaktereigenschaften. Wo sie es tut, kann

ich aber weniger als in anderen ihrer Urteile mit ihr übereinstimmen.

Sie war allerdings eine Jüdin und ging spät, wohl erst kurz vor ihrer

Verheiratung, zum Christentum über. Ihr Mann, viel jünger als Sie, war,

noch verheiratet mit ihr, Gesandter unseres Hofes in Karlsruhe und lebte

nachher in Berlin, wo er noch jetzt ist. Er beschäftigt sich fast

ausschließlich mit Literatur und wird mit Recht zu den bedeutendsten

Schriftstellern der Zeit gerechnet. Er ist aber sehr kränklich, und so

sehe ich ihn jetzt fast garnicht, so gern ich sonst viel mit ihm umgehen

würde. Daß Sie Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau hätten, kann ich

nicht nur im geringsten nicht finden, sondern ich bin überzeugt, daß das

bloß unbegründete Einbildung ist. Zwei Personen können wohl allgemeine

Eigenschaften, wie Treue, Wahrhaftigkeit, Freude am Nachdenken usw.

miteinander gemein haben, jede dieser Eigenschaften stellt sich aber in

jeder von beiden anders und wird dadurch in der Tat zu etwas

Verschiedenem. Dies war im doppeltem Grade bei der Varnhagen der Fall.

Denn man mag sie nun noch so sehr bewundern, oder im Gegenteil sie noch

so tadelnswert finden, so muß man ihr immer zugestehen, daß sie durchaus

und in allem originell war. Sie glich wirklich nur sich selbst, und ich

glaube nicht, daß man jemand nennen kann, der ihr ähnlich gewesen wäre.

Es ist das nicht gerade ein Lobspruch, mit dem man sie belegt, es ist

nur der Ausdruck der einfachen Wahrheit; Sie werden es gewiß ebenso

empfinden, wenn Sie mehr in den Briefen lesen. Es werden darin eine

große Menge von Personen erwähnt, teils mit ganz ausgeschriebenen Namen,

teils mit den Anfangsbuchstaben. Das Interesse wird nun natürlich durch

die Kenntnisse dieser Personen noch sehr erhöht, es hängt aber

eigentlich niemals davon ab, da immer schon allgemeines, Räsonnement

oder Empfindung, an die Persönlichkeit geknüpft ist. Ein Vorwurf aber,

den man der Verfasserin mit Recht machen kann, ist, einigen Personen

mehr Lobsprüche zu erteilen, als auf die sie selbst billigerweise hätten

Anspruch machen dürfen. Man kann das aber nicht Schmeichelei nennen, da

es Leute waren, von denen sie in keiner Art etwas hatte, noch je etwas

hoffen konnte. So irrig in solchen Fällen gewiß auch ihre Meinungen und

Ansichten waren, so ist der doch noch so auffallende Irrtum sichtbare

Wahrheit in ihr. Diese Menschen erschienen ihr wirklich so. Sie konnte

sogar an sehr uninteressanten Menschen, wenigstens solchen, die es allen

übrigen schienen, Gefallen finden. Es gelang ihrem Geist, ihnen

irgendeine einzelne anziehende Seite abzugewinnen, und das Gefallen

daran trug sich leicht auf die ganze Persönlichkeit über. Was Sie, liebe

Charlotte, in Ihrem letzten Briefe über Selbstkenntnis und

Selbsttäuschung sagen, hat mich sehr interessiert. Ich gestehe aber, daß

ich Ihre Meinung nicht ganz teilen kann. Ich halte die Selbstkenntnis

für schwierig und selten, die Selbsttäuschung dagegen für sehr leicht

und gewöhnlich. Es mögen einzelne dahin gelangt sein, das Ziel zu

erreichen, und so mache ich Ihnen nicht streitig, daß Sie mit Recht sich

richtig und genau zu kennen glauben. Ich möchte aber nicht dasselbe mit

gleicher Zuversicht behaupten. Auf den ersten Blick scheint es

allerdings leichter, sich selbst als andere zu kennen, da man sich

unmittelbar fühlt, von anderen aber nur Äußerungen wahrnimmt, von denen

man erst auf den inneren Grund schließen muß, so daß man bei diesem

zwiefachen Verfahren auch einem zwiefachen Irrtume ausgesetzt ist. Aber

der Beurteilende ist und bleibt doch von dem Beurteilten getrennt und

kann unter allen Umständen seine kalte Unparteilichkeit und ruhige

Besonnenheit behalten. Er wird nicht notwendig von dem Gegenstande

seiner Beurteilung bestochen oder hingerissen, oder auch gegen ihn

eingenommen oder mißtrauisch gemacht. Bei der Selbstprüfung ist man

allen diesen Gefahren ausgesetzt. Die beurteilende Kraft wird ewig von

ihrem Gegenstande affiziert. Beide tragen einerlei Farbe und Stimmung an

sich. Man ist bisweilen ebenso geneigt, sich Fehler anzudichten oder die

wirklichen zu vergrößern, als das gerade Gegenteil zu tun. Man beurteilt

sich auch ungleich in verschiedenen Momenten. Der oft eintretende Irrtum

rührt auch garnicht immer von Mangel an Wahrheitsliebe oder aus

Eigendünkel her, sondern entsteht auch bei den reinsten Absichten und

dem redlichsten Willen; denn der Irrtum schleicht sich in die Ansicht

und in das Gefühl selbst ein. Der Fall scheint mir also garnicht so

einfach, daß, wie Sie sagen, die Verfälschung nur durch Eitelkeit zu

befürchten wäre. Die Eitelkeit selbst aber ist von so vielfacher Art,

daß vielleicht niemand ist, der es wagen möchte, sich ganz frei davon zu

nennen. Man ist es von dieser oder jener, aber recht schwer von aller.

Einzelne Handlungen und ihre Beweggründe lassen sich noch eher selbst

beurteilen. Je mehr es aber auf eine Reihe von Handlungen und den ganzen

Charakter ankommt, desto unsicherer wird das eigene Urteil. Darum sind

Selbstbiographien nur dann wahrhaft lehrreich, wenn sie eine große

Anzahl von Tatsachen enthalten. Die Selbstbetrachtungen können leicht

irreführen.

Ihrem am 24. Januar abgegangenen lieben Brief habe ich die Freude zu

danken, einmal wieder etwas von Ihnen in recht heiterer Stimmung

Geschriebenes gelesen zu haben. Sie wissen, daß mich das schon aus

herzlichem Anteil an Ihnen besonders freut, daß ich es aber auch

außerdem gern habe und die Stimmung schöner finde, die das Fröhliche

recht heiter und das Widrige besonnen und gefaßt aufnimmt. Wenigstens

ist es auf jeden Fall eine mehr beglückende. Mögen dann die dem Januar

folgenden Monate alle harmlos und friedlich an Ihnen vorübergehen, und

keine schmerzlichen Erscheinungen Ihre schöne Stimmung stören. Erhalten

Sie Ihre Heiterkeit! Leben Sie wohl! Mit unveränderlicher Teilnahme Ihr

H.

Abgegangen den 2. Februar 1835.

_Tegel_, Februar 1835.

Ich endete meinen Brief mit Wohlgefallen an Ihrer heiteren Stimmung, und

fange wieder damit an und komme darauf zurück. Da das Jahr so gut

angefangen hat, wird es auch erwünscht enden. Es ist schon viel mit der

guten Vorbedeutung gewonnen, und der Aberglaube selbst ist nützlich,

wenn er im Vertrauen bestärkt. Denn Hauptereignisse und wahre

Unglücksfälle abgerechnet, nehmen die Dinge meistenteils die Farbe der

Seele an. Ein Gemüt, das sich meist in Heiterkeit erhält, ist schon

darum so schön, weil es immer auch ein genügsames und anspruchsloses

ist. Ich rede natürlich nicht von der durch Leichtsinn entstehenden

Sorglosigkeit. Den Leichtsinn schließt schon der Ausdruck der Heiterkeit

aus. Denn dies schöne Wort wird in unserer Sprache immer nur im edelsten

Sinn genommen. Was heiter macht, ist entweder die ruhig besonnene

Klarheit des Geistes und der Gedanken, oder das Bewußtsein einer frohen,

aber des Menschen würdigen Empfindung. Man kann nicht Heiterkeit

moralisch gebieten, aber nichtsdestoweniger ist sie die Krone schöner

Sittlichkeit. Denn die Pflichtmäßigkeit ist nicht der Endpunkt der

Moralität, vielmehr nur ihre unerläßliche Grundlage. Das Höchste ist der

sittlich-schöne Charakter, der durch die Ehrfurcht vor dem Heiligen, den

edlen Widerwillen gegen alles Unreine, Unzarte und Unfeine, und durch

die tief empfundene Liebe zum rein Guten und Wahren gebildet wird. In

einem solchen Charakter herrscht die Heiterkeit von selbst, wird nur

durch wahren Kummer auf Zeiten verdrängt, doch bleibt sie auch da noch,

nur in veränderter Gestalt und sich mit der Wehmut vermählend, zurück.

So ist sie beglückend und veredelnd zugleich. Daß zur Aufheiterung des

Gemüts eine auch heitere Gestaltung der den Menschen zunächst und

täglich umgebenden Dinge beiträgt, erkennt niemand so sehr an als ich.

Ich bin daher ganz einverstanden mit dem Plan, der Sie zu dem Ende

beschäftigt, und wünsche von Herzen, daß er gut vonstatten gehen möge,

und bitte Sie, mich von der Ausführung in einigem Detail zu

benachrichtigen...

Es scheint, als könne man den eigentlichen Winter als beendigt ansehen.

Solche gelinde Winter wie der diesjährige sind zwar weniger schön für

das Auge und gewähren nicht die Wintervergnügungen, aber sie sind, was

wichtiger ist, menschlicher. Die starrenmachende Kälte hat schon für die

Einbildungskraft, geschweige für das Gefühl etwas Beengendes und

wahrhaft Fürchterliches, der Not nicht zu gedenken, in welche ein

strenger Winter die ärmeren Volksklassen versetzt, und der auch durch

reiche Almosen nie ganz abzuhelfen möglich ist, da selbst wohlhabenden

Haushaltungen der Unterschied eines strengen und gelinden Winters immer

fühlbar bleibt.

Den 27. Februar.

Ich bin im Besitz Ihres Briefes vom 18. d. Monats und danke Ihnen sehr

dafür. Ich freue mich, daß Sie fortfahren, wohl und heiter zu sein.

Leben Sie heute recht wohl! Wenn mein nächster Brief abgeht, fangen

schon die ersten Blätter an hervorzubrechen.

Mit unveränderlicher Teilnahme der Ihrige. H.

_Tegel_, im März 1835.

Ich erfahre immer nur durch Sie, liebe Charlotte, was man in den

Zeitungen von mir sagt. Diesmal enthält es bloß Wahrheit, insofern es

von meiner Gesundheit handelt. Bis jetzt hat mir der sonderbare Winter

keinerlei Unbequemlichkeit zugefügt, doch hält man ihn für ungesund.

Wie aber die Leute dazu kommen, so oft und ohne alle äußere Veranlassung

in den Zeitungen von mir zu reden! Es beweist recht, wie das

Privatgeklatsche zur öffentlichen Sache geworden ist, da man nicht die

Naivität haben muß zu glauben, daß es aus wahrem Anteil geschehe. Es ist

die Sucht, Neuigkeiten mitzuteilen, welcher Art sie auch sein mögen. Ich

erinnere mich oft bei solchen öffentlichen Erwähnungen, wie auffallend

mir der erste Gedanke daran war. Als ich noch in Göttingen studierte,

schrieb mir eine Frau, mit der ich im Briefwechsel stand: jetzt schreibe

ich ihr oft, es werde aber eine Zeit kommen, wo sie nur in Zeitungen von

mir lesen würde. Es kam mir damals ganz fabelhaft und abenteuerlich vor,

daß mein Name in den Zeitungen sollte genannt werden. Man mischte damals

noch nicht so häufig wie jetzt Privatverhältnisse den allgemeinen, die

Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Ereignissen bei.

Wenn Sie von Goethes nachgelassenen Werken nur vier Bände gelesen haben,

so fehlen Ihnen noch elf. Es sind fünfzehn neue Bände seit seinem Tode

der damals schon vollendeten Ausgabe der vierzig Bände hinzugekommen.

Die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte rate ich Ihnen aber sehr zu

lesen, sie ist an sich hübsch und anziehend und umfaßt gerade die Zeit,

wo Ewald mit Goethe oft in Offenbach zusammentraf, so daß Sie an dieser

Epoche ein doppeltes Interesse finden werden, da Sie Ewald oft von

dieser Zeit sprechen hörten und Ihre Erinnerungen jener Gespräche mit

den Goetheschen Erzählungen vergleichen können. Da er seine

Lebenserzählungen selbst Wahrheit und Dichtung nennt, so mag er sich

große Freiheit dabei erlaubt haben. Ich glaube nicht, daß diese

nachgelassenen Schriften sonst viel enthalten, das Ihnen nützlich oder

angenehm zu lesen sein könnte. Zu den optischen und naturhistorischen

kann ich Ihnen nicht raten, Sie werden von dieser Lektüre weder

augenblickliche Befriedigung, noch irgend ernsthaften Gewinn ziehen.

Sie werden vielleicht in den Zeitungen ein Buch angekündigt gefunden

haben, das den Titel führt: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Wenn

Ihnen dies in die Hände fällt, so rate ich Ihnen, es nicht ungelesen zu

lassen. Sie werden darin große Unterhaltung finden, und es wird Ihnen

nicht entgehen, daß die Verfasserin sehr ausgezeichnet ist durch Geist

und Talent. Sie ist Witwe des als Dichter berühmten Achim von Arnim und

Enkelin der als Schriftstellerin so bekannten Frau von Laroche; ihre

Mutter war die Brentano, deren auch in Goethes Leben so oft erwähnt ist,

und die mehrere Kinder hinterlassen hat. Frau von Arnim lebt in Berlin,

da ihr Mann in der Nähe Güter besaß. In ihrer ersten Jugend ging sie in

Frankfurt am Main viel mit Goethes Mutter um, die sie sehr lieb gewonnen

zu haben scheint. Dadurch entstand die Bekanntschaft mit Goethe selbst,

anfangs nur durch Briefe, nachher persönlich. Sie hat nun zwei Bände

Briefwechsel, teils mit Goethe, teils mit seiner Mutter, und einen Band

Tagebuch drucken lassen. Das Hauptthema ist ihre leidenschaftliche Liebe

zu Goethe. Nebenher kommen aber andere Erzählungen eigener und fremder

Lebensereignisse, Betrachtungen und Räsonnements darin vor. Von Goethe

geben uns diese Bände nur etwa dreißig Briefe, von welchen dazu einige

nur wenig Zeilen enthalten. Große Anerkennung von Bettinas auch wirklich

seltenem Geiste und ihrer wunderbaren Originalität geht allerdings aus

diesen Briefen hervor. Der Briefwechsel fällt in das Jahr 1807 und in

die zunächst darauf folgenden, wo die Verfasserin zwar gar kein Kind,

sondern ganz herangewachsen, aber allerdings sehr jung war. Im ganzen

macht das Buch viel Aufsehen und findet viel Beifall, obgleich auch das

wirklich Schöne und Geniale immer wieder mit Stellen vermischt ist, die

gewiß allgemein mißfallen. Überhaupt ist zu bedauern, daß sich mit der

wahren und schönen Originalität so manche Züge wunderlicher Launen

vermischen. Über Goethes Mutter enthält das Buch viele und überaus

hübsche Details. Diese war, wie es scheint, nicht gerade sehr bedeutend

von Geist und Charakter; aber ihre Lebendigkeit, ihre Lust an Menschen

und selbst an Vergnügungen, besonders eine gewisse originelle Stimmung

mögen doch auf den Sohn eingewirkt haben. Das Arnimsche Buch liefert

recht lebensfrische Briefe von ihr. Eine durch Tiefe des Gefühls höchst

interessante Erzählung in den Briefen der Frau von Arnim ist die

Erzählung des Todes eines Fräuleins von Günderrode, von der Sie gewiß

schon gehört haben. Sie brachte sich selbst ums Leben. Eine unglückliche

Liebe führte sie zu diesem gewaltsamen Entschluß.

Den 28. März.

(Elf Tage vor dem Tode Wilhelm von Humboldts.)

Ich besitze seit dem 23. Ihren Brief vom 18., liebe Charlotte, habe ihn

aber noch nicht ganz gelesen, da ich meinen Augen wenig zutrauen darf,

und mir andere Beschäftigungen dazwischen kamen. Mit unveränderlicher,

inniger Teilnahme der Ihrige. H.

Zur Einführung.

»Gefühl fürs Wahre, Gute und Schöne adelt die Seele und beseligt das

Herz; aber was ist es, selbst dieses Gefühl, ohne eine mitempfindende

Seele, mit der man es teilen kann!

Noch nie wurde ich von der Wahrheit dieses Gedankens so lebhaft und

so innig durchdrungen, als in dem jetzigen Augenblick, da ich mich,

auf ungewisse Hoffnung des Wiedersehens, von Ihnen trennen muß!

Pyrmont, den 20. Juli 1788.

_Wilhelm von Humboldt_.«

So lautete das Stammbuchblatt, das der einundzwanzigjährige Student der

Rechte, Wilhelm von Humboldt, der um zwei Jahre jüngeren Pfarrerstochter

Charlotte Hildebrand beim Abschiednehmen überreichte. Sie hatte ihren,

nach dem plötzlichen Tode der Gattin, erholungsbedürftigen Vater in das

herrlich gelegene Modebad begleitet und hier den jungen Aristokraten

kennen gelernt, der von Göttingen aus, wo er an der berühmten Georgia

Augusta studierte, einen kurzen Ausflug in das schöne Weserland

unternommen hatte und im selben Hause Wohnung fand, das den Pfarrer

Hildebrand mit seiner schönen Tochter beherbergte. Zwei gleichgestimmte

Seelen hatte das Schicksal hier zusammengeführt, und schnell war der für

Frauenschönheit empfängliche Jüngling von seiner anmutigen

Tischnachbarin bezaubert, deren große blaue Augen noch später an der

Greisin einem Gutzkow auffielen. »Schlank gewachsen, über das Maß der

mittleren Größe hinaus, war Charlotte doch von vollen Formen. Ihr

frisches Gesicht war von reichen blonden Locken umrahmt.«

»Drei glückliche Tage« verlebten die beiden jungen Menschen im regsten

Gedankenaustausch in den herrlichen Alleen und der wundervollen Umgebung

des idyllischen Pyrmont, und dann kam der Abschied, und man ging in der

Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen auseinander. Doch 26 Jahre sollten

vergehen, bis das Schicksal beide Menschen wieder zusammenführte,

freilich unter ganz anderen Bedingungen, als sie damals hätten ahnen

können.

Den weltgewandten Freund ließ der Strudel des Lebens bald das Pyrmonter

Erlebnis vergessen. Ihr aber waren jene Tage »die ersten, ungekannten

Regungen erster erwachender Liebe, so geistiger Art, wie sie wohl bei

der edleren Jugend immer sind, und das Stammbuchblatt blieb ihr das

einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen, wahren

Lebensfreude, die ihr das Schicksal zugewogen«. Und während ihn das

Leben fast mühelos auf die höchsten Höhen geleitete, wurde sie vom

Schicksal schwer geprüft, und nichts Bitteres blieb ihr erspart.

In sorgloser Kindheit wuchs Charlotte Hildebrand (im Mai 1769 geboren) auf

dem Pfarrhofe zu Lüdenhausen auf. In dem schönen Pfarrhause mit seinem

großen Garten und den geräumigen Wirtschaftsgebäuden hatten schon der Vater

und Großvater des Pfarrers Hildebrand das Amt des Geistlichen bekleidet,

und die Familie gehörte zu den wohlhabenderen unter den Landgeistlichen.

Während die Mutter Charlottes, mehr praktisch veranlagt, den großen

Haushalt mit Umsicht leitete, war der Vater ein »vielgelehrter,

tiefdenkender, in der Ideenwelt lebender, sogar in Traumvisionen zuweilen

bis zum magnetischen Hellsehen sich vertiefender Mann«, der ganz und gar in

seinen klassischen Studien aufging. Er leitete selbst den Unterricht seiner

Kinder, und Charlotte mußte an dem Lateinunterricht, den der Vater den

beiden Söhnen erteilte, teilnehmen, während sie mit ihren Schwestern die

französische Sprache bei einer aus der Schweiz stammenden Erzieherin

lernte, an der Charlotte Zeit ihres Lebens mit rührender Anhänglichkeit

hing. Das heranwachsende junge Mädchen, schwärmerisch veranlagt, lebte ganz

in der gefühlsseligen Stimmung, wie sie damals durch die Romane eines

Richardson gepflegt wurde. Damals schloß sie auch ihre ersten

Freundschaften, die zum Teil fürs Leben halten sollten, wie mit dem

lippischen Generalsuperintendenten Ewald. Eine Freundschaft mit der Tochter

eines Arztes in der kleinen hessischen Universität Rinteln war auf ihr

Leben von nachhaltigem Einfluß. In der romantischen Liebesgeschichte ihrer

Freundin Henriette Lotheisen spielte sie die Vermittlerin, und diese

Erlebnisse wurden auch für sie von folgenschwerer Bedeutung, indem sie

unter dem Einfluß der Freundin die Ehe mit einem Manne einging, der ihr als

Mensch gleichgültig war, durch den sie aber Eingang in die Gesellschaft

fand. Schon vor der Pyrmonter Reise war sie die Braut des Dr. Diede

geworden, eines wohlhabenden Juristen, der in der Residenz Kassel ein

großes Haus machte. Die Eltern waren mit dieser Verbindung nicht

einverstanden, aber doch hielt Charlotte -- auch nach der Bekanntschaft mit

Humboldt -- an dem Verlöbnis fest und wurde bald nach dem Tode der Mutter

Diedes Gattin. Das gesellschaftliche Leben in Kassel täuschte sie anfangs

darüber hinweg, daß ihre Ehe nicht glücklich war, aber die Abneigung gegen

Diede führte zu einem Bruch, als sie in ihrem Hause, in dem zahlreiche

Offiziere verkehrten, die Bekanntschaft eines Kapitäns von Hanstein machte

und diesem ihre Neigung zuwandte. Heftige Eifersuchtsszenen veranlaßten

sie, ihren Mann zu verlassen und zu Hanstein zu flüchten, auf dessen

Ehrlichkeit sie baute. Ihre Ehe wurde geschieden und sie schuldig

gesprochen. Dieses Ereignis bewirkte, daß sie bald vereinsamt dastand; und

auch ihr Vater sagte sich von ihr los. Nun begannen für sie schwere Jahre

der Prüfung, denn Hanstein, an dessen Liebe sie unerschütterlich glaubte,

hielt sie von Jahr zu Jahr hin, und dennoch konnte sie sich nicht von

diesem Manne losreißen. In verschiedenen Briefen an ihre Geschwister klagt

sie ihre trostlose Verzweiflung, die noch durch äußere Not verstärkt wurde,

indem ihr Erbteil, das ihr nach dem im Jahre 1800 erfolgten Tode ihres

Vaters zufiel, sich als weit geringer herausstellte, als sie erwartet

hatte. Um sich einen Erwerb zu schaffen, zog sie 1804 nach Braunschweig, wo

sie durch Handarbeiten sich ein auskömmliches Dasein zu verschaffen suchte.

Dort traf sie ein schwerer Schlag, als sie die Nachricht von der

Verheiratung Hansteins erhielt, durch die sie aufs tiefste erschüttert

wurde. »Ach, ich fühle es zu tief und zu stark«, schrieb sie damals an ihre

Schwester, »daß ich ein halbes Menschenalter mit seinen Ansprüchen und

Freuden geopfert habe, um es nun zu betrauern, daß ein edler Mann (Du

weißt, er war es!) sich selbst überlebt hat! Das ist mein Schmerz; nicht

daß ich ihn verloren habe -- obgleich ich jetzt glaube, daß ich tief im

Herzen die Hoffnung, mir selbst unbewußt, genährt habe, er werde einst als

mein Freund mit erhöhter Achtung zurückkehren.«

Nun hielt es sie nicht länger in Braunschweig, und sie zog nach Kassel,

der Hauptstadt des ausschweifenden, leichtlebigen Königs »Lustik«, wie

das Volk Jerôme nannte, zurück. Hier schuf sie sich durch Vermieten und

Anfertigen von »Blumen und Ballgarnituren« einen Unterhalt, der mit den

Zinsen ihres Vermögens, das sie in Braunschweigischen Staatspapieren

angelegt hatte, ihr ein auskömmliches Leben gestattete. Von der klugen,

geistvollen Frau angezogen, fanden sich bald zahlreiche interessante

Persönlichkeiten in ihrem bescheidenen Heim ein. Da verlor sie

unerwartet ihr Vermögen, als Napoleon die Staatsschuld Braunschweigs

nicht anerkannte, und eine neue seelische Erschütterung, die ihr eine

unglückliche Neigung zu einem Manne brachte, der sie hätte glücklich

machen können, den sie aber »an ihr welkendes Leben« nicht fesseln

wollte, da sie ihm »außer einem verständigen, veredelten Herzen nichts

bieten konnte: keine Jugend, keine Schönheit, kein Vermögen, ja auch

leider keine Gesundheit« -- warf die schwer geprüfte Frau aufs

Krankenlager, und aufs neue trug sie sich mit dem Gedanken, freiwillig

aus dem Leben zu scheiden. Die Jahre 1811 bis 1813 gehörten zu den

schwersten ihres Lebens. Schließlich verschlug sie ihr Geschick nach

Holzminden, wo sie schon einmal nach dem Eheskandal in Kassel geweilt

hatte, und hier erinnerte sie sich in ihrer Not ihres Jugendfreundes aus

Pyrmont, der ihr vielleicht helfen könnte, und am 18. Oktober 1814

schrieb sie an Wilhelm von Humboldt, der damals als preußischer

Abgesandter auf dem Wiener Kongresse weilte. Wir wissen, daß dies der

Anfang jenes Briefwechsels war, den Humboldt bis zu seinem Tode --

zuletzt mit rührender Entsagung -- geführt hat, und der Charlotte Diede

einen ruhigen Lebensabend geschaffen hat.

Die 26 Jahre, in denen Humboldts Jugendfreundin so ungezählte Leiden

auszukosten hatte, hatten aus dem jungen Studenten der Rechte den großen

Staatsmann »von perikleischer Hoheit des Sinnes« und Gelehrten werden

lassen, dessen Freundschaft die Größten unserer Nation suchten, und der

durch seine Taten und Schriften Gewaltiges für die deutsche Kultur

geschaffen hat.

Unmittelbar nach jenem Erlebnis in Pyrmont hatte er, der schon vorher in

Berlin zu dem Tugendbund mit Henriette Herz und Karl de la Roche

gehörte, seine spätere Gattin Karoline von Dacheröden kennen gelernt,

die mit Schillers späterer Schwägerin, der nachmaligen Karoline von

Wolzogen, ebenfalls in diesem romantischen Freundschaftsbunde

aufgenommen war. Schon am 1. September 1788, also wenige Wochen nach dem

Zusammentreffen mit Charlotte Hildebrand in Pyrmont, schrieb er einen

überschwenglichen Brief an Li, wie Karoline von Dacheröden im

Freundeskreise hieß, die im Jahre darauf seine Braut wurde und mit der

er seit 1791 achtunddreißig Jahre eine überaus glückliche Ehe geführt

hat, bis ihm der Tod die treue Lebensgefährtin entriß. Wie nur wenigen

Sterblichen war es ihm vergönnt, sich sein Leben zu formen, wie es ihm

behagte, und ungetrübt durch äußere Widerwärtigkeiten konnte er auf

seiner Bahn fortschreiten, die ihn auf die Höhen der Menschheit führte.

Auf weiten Reisen nach Frankreich, Spanien, Italien und England hatte er

Welt und Menschen kennen gelernt, und nach jahrelanger Muße, in der er

sich auf seinen Besitzungen ganz seinen Forschungen widmen konnte, hatte

er in der Zeit schwerster vaterländischer Not sein überragendes Wissen

und seine Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt, hatte die

Berliner Universität mitbegründet und weilte damals, als Charlotte Diede

sich in ihrer Not an ihn wandte, auf dem Wiener Kongreß.

Noch sechs Jahre war er im Dienste des Staates tätig, dann zog er sich

ins Privatleben zurück, um »nicht vom Aktentische ins Grab taumeln« zu

müssen. Die fünfzehn Jahre, die ihm sein arbeitsreiches Leben noch

beschied, widmete er ganz seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als

Sprachforscher und Philosoph, und je älter er wurde, desto mehr fesselte

ihn sein Schloß in Tegel, in dem ihn der Geist des Altertums aus den

herrlichen Bildwerken, die er meist selbst gesammelt hatte, umgab, und

als den Weisen von Tegel lernen wir ihn auch aus den »Briefen an eine

Freundin« kennen. Und aus seinem tiefen Wissen und seiner geläuterten

Weltanschauung konnte er nun der Freundin ein Weiser auf ihrem Pfade

werden und ihrem unstäten Sinn von seinem göttlichen Frieden mitteilen.

Ihr aber wurden die Briefe Humboldts »ein verjüngender Quell«, und schon

1818 schrieb sie an ihre Schwester: »Ich genieße überall, wo ich lebe,

das Glück, geliebt zu sein, und habe die Erfahrung gemacht, daß äußeres

Glück oder Unglück, Reichtum oder Armut es nicht ist, was uns geliebt

oder geehrt macht, sondern wir selbst es sind.« Und als ihr nun der

»himmlische Freund« entrissen wurde, sah sie sich neuen Sorgen

gegenüber, und einige ihrer Freundinnen ließen ihr anonym eine

Unterstützung zukommen. Schließlich entschloß sich die Greisin zu einem

Bittgesuch an Friedrich Wilhelm IV., der sie darauf mit 300 Talern in

Gold unterstützte, so daß sie nunmehr ihren Lebensabend ruhig

beschließen konnte.

Die Briefe Humboldts aber sind ihr ein Trost in ihrer Einsamkeit, und so

schreibt sie an ihre Freundin, die ihr bei der Herausgabe behilflich

sein soll: »Mit ihnen lebe ich jetzt und fort und fort. Aus diesem

unerschöpflichen Schatz nehme ich auch jetzt Trost und Fassung, wie ich

eine lange Reihe von Jahren alles herausnahm, was ich bedurfte an Rat

und Trost, an Erhebung und Ermutigung, an Besserung und Belehrung, an

Erleuchtung und Erkenntnis. Sie waren mein einziger Reichtum, sie

beseelten meine Einsamkeit und entschädigten mich für so viele

Entbehrungen. Jetzt lerne ich etwas, wie ich den großen Schmerz würdig

aufnehme und trage, und mit dem Andenken an das, was er mir war,

fortlebe.« -- Im Jahre 1846 ist auch sie dann zur ewigen Ruhe

eingegangen.

Uns Deutschen aber bleiben diese Briefe ein köstliches Vermächtnis eines

unserer größten Geistesheroen, eines Mannes, der die Ideale, die er als

Seher erschaute, auch in seinem Leben dargestellt hat.

_Rostock_, im Dezember 1920.

_Alfred Huhnhäuser_.

Anmerkungen.

_Zum Vorbericht_. S. 12 Hoffnung des Wiedersehens: Doch geschah es noch

zweimal nach vielen Jahren. -- Dokument, das hierher gehört: vgl. die

Einführung S. 492. -- S. 20 als Zusätze nachtragen: Diese Zusätze sind,

soweit sie zum Verständnis der Briefe wichtig waren, in den Anmerkungen

zu den Briefen mit verwertet.

S. 21 dies Blättchen: vgl. die Einführung S. 402.

S. 32 Welcher Ihrer Pläne ausführbar sein kann: »Von Ihren jetzigen

Plänen kann ich keinen billigen und keinen befördern.« In seinen

weiteren Ausführungen, die von Charlotte Diede ausgelassen sind, lehnt

Humboldt es ab, sie, wie es ihr Wunsch war, in seinem Hause aufzunehmen.

-- Anweisung: »auf 200 Taler«.

S. 39 Meine kurzen Briefe können Sie eingeschüchtert haben: Dazu bemerkt

Charlotte in ihren Zusätzen: »In die Jahre von 1814-20 fielen die großen

weltgeschichtlichen Begebenheiten und Wilhelm von Humboldts Staats-Leben

und -Wirken. Lange Briefe konnte ich in dieser Zeit nicht bekommen, aber

fortwährend empfing ich Zeichen und Beweise des Andenkens und

Nachrichten über meine Vermögensangelegenheiten..... Ich durfte mich

nicht abhalten lassen, auch wenn ich nur selten und kurze Briefe

erhielt, selbst lange Briefe zu schreiben. Doch schrieb ich anfangs nur

selten.«

S. 47 Ich sehe Ihrem Entschluß und Ihrer Antwort mit Verlangen entgegen:

Darauf hat Charlotte in einem Brief geantwortet, der als einer der

wenigen von ihr erhaltenen hier Aufnahme finden möge. »Der Wunsch, den

Sie, hochverehrtester Freund, mir in Ihrem letzten Brief aussprechen,

ist ein neuer Beweis Ihrer höchst gütigen Teilnahme, den ich sehr

dankbar empfinde und erkenne, und zugleich tief die Verpflichtung fühle,

Ihren Forderungen zu entsprechen. Zugleich aber gestehe ich, daß ich

auch erschreckt bin, indem Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten mir

entgegentreten. Zuerst erlauben Sie mir die Einwendung: Wo soll ich den

Mut finden, Ihnen, der Sie Welt, Leben, Begebenheiten und Menschen in

den größten Erscheinungen sahen, mein Leben in seinen Verhängnissen

vorzuführen, die, wenn sie gleich für mich von großer Wichtigkeit waren,

Ihrem Blick sehr unbedeutend erscheinen müssen. Dann ist auch vieles

durch die Zeit verblichen, anderes mehr noch weit in die Vergangenheit

zurückgetreten, wodurch ein solches Unternehmen sehr erschwert wird. Die

freundlich-schmeichelnden Belobungen meines Schreibens erkenne ich

dankbar, sehe aber zugleich, daß sie mich ermutigen sollen. Ich antworte

auf der Stelle, wie Sie das wollen, um ganz ehrlich den ersten Eindruck

auszusprechen. Gewähren Sie mir, teuerster, gütigster Freund, daß ich

die Sache erst von allen Seiten ruhig erwäge. Ob ich die mir angeborene

Schüchternheit, die mich beschämt zurückweist, beherrschen werde? Ich

wünsche es und will es hoffen, da mein Leben, auch in den verwickeltsten

Lagen und Verhältnissen, wie in dem Innern von Ihnen gekannt, erkannt

und verstanden sein möchte, und nur so, wie es bisher geschehen, in der

einfachsten Wahrheit. -- Daß ich noch einmal, und nur noch einmal auf

Ihre viel zu gütige Belobung meines Schreibens zurückkomme, verzeihen

Sie mir gewiß. Es ist große, unendliche Güte, das weiß ich, und kein

Spott, ob es vielleicht den Schein des Spottes haben könnte; denn wessen

Feder hat einen ähnlichen Zauber wie die Ihrige! Ich habe nie Anspruch

an Schönschreiben gemacht; ich habe mich sogar vor dem Bestreben danach

gehütet: denn ich meine, es führt dem Charakter manche Gefahren herbei.

Früher als die meisten Frauen habe ich viel geschrieben, teils weil es

so sein mußte, teils aus Neigung. Zuerst achtete ich streng darauf, daß

ich mich schriftlich wie mündlich ausdrückte; dies ist Forderung meines

Charakters, der das Unwahre und Falsche wegweist; dann hütete ich mich

vor Übertreibungen, die mir immer zuwider waren. So blieb wohl der

Ausdruck meiner Empfindungen einfach und natürlich, um so mehr, da mir

alles Gesuchte und Schwülstige sehr mißfällt. Da ich zugleich früher,

als es meist der Fall ist, Geschäftssachen besorgen mußte, machte dies

Klarheit der Darstellung durchaus nötig. Auf diese Art gewann ich

vielleicht mehr Übung und Gewandtheit im Schreiben, als ich ohne diese

Notwendigkeit erlangt hätte; ich gewann zugleich diese Art der

Beschäftigung zu meiner eigenen Ausbildung lieb und schrieb viel für

mich selbst. Wie hätte ich ahnen können, daß diese Übung mir einst

später den Weg bahnen würde, mich dem teuern Gegenstande vieljähriger

liebevoller Verehrung wieder zu nahen? In dem, was ich hier sage,

erkennen Sie schon meine Bereitwilligkeit, Ihnen zu gehorchen, und ich

darf die Bitte wiederholen: Gewähren Sie mir einige Tage der Überlegung.

Nachher will ich Ihnen offen und gerade die Resultate derselben

mitteilen.

»Eines aber erlauben Sie mir gleich einzuwenden: in dritter Person zu

Ihnen zu reden; was ich allein für Sie schreibe, würde mir einen

hindernden Zwang auflegen. Meine Verhängnisse wie meine Bildung, beides

ging aus meinem Innern hervor und wirkte dahin zurück. Tausend Frauen

würden, hätten sie erlebt, was ich erlebte, ganz andere Schicksale

daraus gestaltet haben. Diese über uns gebietende Individualität

verschmilzt mit dem ewig waltenden Geschicke, wie es scheint. Wir können

nur handeln, wie wir handeln; vieles, was andere tun, auch wenn wir es

nicht tadeln, weist, als unvereinbar mit uns selbst, unser Inneres weg.

Über solche Begebenheiten läßt sich nur im innigsten Vertrauen und in

der einfachsten, ich möchte fast sagen einfältigsten Wahrheit reden. Dem

schwergeprüften, gereiften Gemüt ist der Schein ganz gleichgültig; es

bewahrt das tränenschwer Erlebte, gleich einem Heiligtum, verschlossen

im Busen. Allein dem Allwissenden und der ewigen Liebe schließt es sich

gläubig auf. Auch dem so innig und unendlich geliebten Jugendfreund kann

und will es eben so offen daliegen, und nur ihm allein! Wozu dann eine

fremde, eine gesuchte, einengende Form? Ich darf dies einwenden, weil es

natürlich ist, und ich nur für Sie schreibe. Ich bin oft aufgefordert,

meine Lebensbegebenheiten selbst zu schreiben, oder jemand zu

autorisieren und dazu das Material zu geben, aber ich habe es immer

verschmäht. Man gelangt nach ungewöhnlichen Schicksalen dahin, sie nur

in ihren heilbringenden Folgen zu betrachten, sie mit Ehrfurcht als

höhere Fügungen anzusehen, ja selbst dankbar darauf hinzublicken. Wie

wenig ist am Ende der Bahn daran gelegen, was wir erlebten, wie wichtig,

wie unendlich viel, was daraus hervorging! Sollte ich Ihrer Teilnahme

gewürdigt, Ihres segenreichen Einflusses teilhaftig werden, so dürfte

auch nichts anders sein, als es war. Demohngeachtet ist es natürlich,

daß mich das Zurückrufen einer leidenvollen Vergangenheit sehr ergreift,

und deshalb kann ich nicht gleich eine bestimmte Antwort geben. Sie

wissen schon aus meinen früheren Briefen, daß ich ungewöhnlich und

ungemein viel erlebte. Manche Bilder erbleichen und schwanken; ich

möchte sie nicht wieder herausholen, ja, ich darf das nicht; es würde

mich zerstören, wollte ich zu lange verweilen in düstern, grauenvollen

Gegenden. Sie scheinen sich selbst diese Einwendungen gemacht zu haben

und wissen besser, als ich es sagen kann, daß, wer viel erlebt hat und

großen Schmerz kennt, ihn schweigend ehrt, nicht davon redet noch reden

kann, indes der, der den Schmerz weder kennt noch versteht, unendlich

davon erzählt. Ich erwarte mit Zuversicht die Antwort und darf sie

erwarten, denn Sie zürnen gewiß nicht über meine zaghaften Einwendungen

und haben Nachsicht mit meiner Schwäche, indem Sie zugleich erkennen,

daß es mein Wunsch und Wille ist, Ihnen zu gehorchen. Vielleicht

übersende ich Ihnen schon früher, als Sie es erwarten, einige Bogen als

Probe.«

S. 51 Ich war in Düsseldorf bei Jacobi: Der Philosoph Friedrich Heinrich

Jacobi (1743-1819), den Humboldt im Herbst 1788 auf seiner Rheinreise

kennen gelernt hatte. Er schreibt damals in einem Briefe an Georg

Forster, mit dem er kurz vorher enge Freundschaft geschlossen hatte,

folgendes über diese Begegnung mit Jacobi: »Sein Umgang war mir über

alles interessant. Er ist ein so vortrefflicher Kopf, so reich an neuen,

großen und tiefen Ideen, die er in seiner so lebhaften Sprache vorträgt;

sein Charakter scheint so edel zu sein, daß ich in der Tat nicht

entscheiden mag, ob er zuerst mein Herz oder meinen Kopf gewonnen hat.

Er hat mir erlaubt und versprochen, die Verbindung durch einen

Briefwechsel zu unterhalten.«

S. 54 Ihr alter väterlicher Freund Ewald: Johann Ludwig Ewald

(1747-1822), Pfarrer, später Generalsuperintendent und Konsistorialrat,

wird des öfteren in den Briefen erwähnt.

S. 92 Die Kraft abgewinnt, zu erscheinen: hierüber gibt Charlotte in

ihren Zusätzen folgende Ausführungen:

»Es möchte eine Erklärung nötig sein über die dunkeln Andeutungen,

welche dieser Brief enthält. Zwar bin ich nicht imstande, die Rätsel zu

lösen, nur erzählen kann ich das Geheimnisvolle, was Wilhelm von

Humboldt so sehr interessierte. Es schien nämlich ganz unzweifelhaft,

daß etwas Geheimnisvolles, ja in ein unsichtbares Bereich Gehörendes,

nie Aufgehelltes (so sorgfältig auch danach geforscht wurde) in meinem

Vater lag. Auch war er sich dessen wohl bewußt. Ohne erfreut oder

niedergeschlagen darüber zu sein, sprach er wohl darüber, erzählte

mehrere Erfahrungen aus verschiedenen Epochen seines Lebens, ernst,

würdig, ohne festen Glauben, ohne Furcht, aber auch ohne spöttisches,

starkgeisterisches Verwerfen. Er pflegte wohl zu sagen: den Zusammenhang

zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt hat noch niemand

durchschaut und erkannt.

Es waren weniger Erscheinungen als Wahrnehmungen durchs Gehör; laute, ja

lärmende Bewegungen in den von ihm bewohnten oder benutzten Zimmern, oft

alsbald wenn er sie verließ, nie während seiner Gegenwart. Diese

Geräusche waren dem Beschäftigungsgeräusche gleich, das er in einem

eigentlich gelehrten Leben durch die damit verbundenen Bewegungen

erregte: Kramen zwischen Büchern, Schriften und Papieren, Zusammenrücken

der Tische, Herbeiziehen der Stühle, bald langsames, bald schnelles Hin-

und Hergehen -- alles ebenso, nur lauter, als es mein Vater betrieb, so

daß Mutter und Kinder im unteren Stock oft glaubten, der Vater sei zu

Hause. Dieser pflegte, wenn es das Wetter erlaubte, mittags vor Tisch

eine Stunde spazieren zu gehen oder zu reiten. Er hatte die Gewohnheit,

dann seine Arbeitsstube zu verschließen und den Schlüssel einzustecken.

In diesen Mittagsstunden war das Lärmen am lautesten. Sehr oft, wenn er

zu Tisch kam, war er ernst, etwas düster und schweigend, aß wenig oder

auch garnichts. Ein andermal erzählte er, ruhig immer, doch oft mit

umwölkter Stirn: wenn er den Schlüssel einstecke und aufschließen wolle,

scheine es, als ob der unsichtbare Teilnehmer des Zimmers, gleichsam als

werde er überrascht, schnell aufspringe und mit Poltern, Umwerfen der

Stühle in das Nebenzimmer eile, das aber immer von beiden Seiten

verriegelt war. Sehr oft sei es so, daß er glauben müsse, es habe sich

jemand auf sein Arbeitszimmer und zu seinen Papieren geschlichen. Trete

er aber ein, finde er alles ungeändert, so wie er es verlassen, Bücher,

Papiere, Federn usw., alles am gewohnten Platz, den Stuhl wie den

Tisch, an dem er zu schreiben pflegte, unverrückt. Die Mutter, die

manche häusliche Geschäfte in einem benachbarten Zimmer, auf demselben

Gange, in demselben Stock vorzunehmen pflegte, sagte wohl zu ihren

heranwachsenden Kindern: Gott verzeih' mir -- ich glaube, Euer Vater ist

doppelt! -- Was das Grauenhafte ungemein verminderte, war, daß die

Nächte und auch die Nachmittage still waren. Vormittags, besonders aber

in den Mittagsstunden, waren länger als ein Jahr polternde Geräusche,

was auch Besuchende wahrnahmen. Wirklich niederschlagend war es, daß

alle Wahrnehmungen nicht bloß an sich unerfreulich waren, sondern daß

auch kein tieferer Gehalt darin erkannt werden konnte. Sie waren weder

anzeigend, noch warnend, noch weniger erhebend oder trottend, alles sah

wie ein Spiel böswilliger Geister aus, die nur Schrecken und Grauen

erregen wollten. Indes übte auch hier Gewohnheit ihr Recht. Wir hatten

uns fast an die unheimlichen Unsichtbaren gewöhnt, und da sie uns nicht

weiter schädlich berührten, ließen wir sie meist unbeachtet. Wie viele

Nachforschungen und Untersuchungen man auch vornahm, keine derselben

brachte erklärende Resultate. Mit dem Tode der Mutter, der früh

erfolgte, verstummte alles Unheimliche, als ob es Anzeichen dieses

Trauerfalles habe sein sollen.«

S. 111 Diese Träume, dieser gewissermaßen natürliche Magnetismus: Dazu

gibt Charlotte folgenden Zusatz:

»Die Hindeutung auf gewissermaßen natürlich-magnetische Träume, deren

hier gedacht wird, möchte noch einige, wenn auch nicht erklärende, doch

deutlicher machende Worte erfordern, über eine seltsame und gewiß

seltene physiologische Stimmung, wie solche mir durch oft wiederholte,

immer gleiche Erzählung bekannt worden ist, ohne Aufschluß erhalten zu

haben oder geben zu können. Mein Vater erkrankte schwer und langwierig

in meiner frühesten Kindheit. Gegen alle Erwartung der Ärzte wurde er

erhalten und gerettet durch eine schwere Operation, die ein sehr

geschickter Wundarzt, der hinzugezogen wurde, verrichtete. Derselbe

wurde nach erfolgter gänzlicher Genesung des Vaters von der Familie wie

ein teurer Wohltäter geliebt und verehrt, und beide Häuser kamen in

innige Verhältnisse, um so mehr, da groß und klein von gleichem Alter

waren. Im nächsten Frühjahr wurde der erste Besuch in die benachbarte

Stadt, zum Doktor und Regimentsarzt M., gemacht. Dieser kleine,

fröhliche Ausflug war für uns alle ein wahres Fest. Schon beim

Stillhalten des Wagens, bei dem Aussteigen, bei dem Eintritt in den

Hausflur wurde mein Vater still und bestürzt, mehr noch beim Eintritt in

die Wohnstube. Das M-sche Haus war alt und winkelig, man fand sich nicht

gleich darin zurecht, und ein versteckter Gang führte in einen kleinen

Garten, von den Kindern der Irrgarten genannt. Nach dem ersten Empfange

sollten nun erst den Gästen ihre Zimmer angewiesen werden. Jetzt nahm

der Gast den Hausherrn an den Arm, mit den Worten: »Nun will ich Sie

führen.« Schweigend brachte er ihn erst in die Gastzimmer, dann durch

alle Räumlichkeiten durch, vor dem Eintritt in jede Stube und Kammer die

Bestimmung derselben bemerkend, und zuletzt auch kannte er den

verdeckten Gartenweg. Fast genauer als im eigenen Hause kennt er hier

jedes Möbel und gibt der erstaunten Gesellschaft folgenden Aufschluß:

während seiner dreimonatigen schweren Krankheit habe ihn jeder matte

Krankenschlummer in dies Haus gebracht; er habe in allen diesen Räumen

so oft und so lange verweilt, daß er alles aufs genaueste kenne. Da er

aber den Schauplatz seiner Träume nie gesehen habe, es also keine

Erinnerungen sein konnten, welche in der kranken Einbildung wieder

aufstiegen, so habe er es ganz natürlich für phantastische, kranke

Traumbilder gehalten, ohne weiter darauf zu achten. Man möge nun sein

Erstaunen nachempfinden, wie er schon beim Stillhalten des Wagens, schon

beim äußeren Anblick des Hauses, und immer mehr und mehr, seine

Traumbilder verwirklicht sehe!

Er mochte gern bei dieser sonderbaren Erscheinung seines inneren

Sehvermögens verweilen und erzählte diese Erfahrung gern, und immer

getreu dasselbe, so daß ich es ebenfalls getreu wiedergeben kann. Nie

ist uns über die sonderbare Sache, die für Wilhelm von Humboldt

lebhaftes Interesse hatte, und die er natürlichen Magnetismus nannte,

ein näherer Aufschluß geworden. Wer möchte sich ein ähnliches inneres

Vermögen wünschen!« -- Zschokke gedenkt in seiner Selbstschau eines

ähnlichen inneren Sehvermögens, doch auch sehr verschieden, da es fremde

Begebenheiten, und selbst Heimlichkeiten anderer, vorüberführt.

S. 166 wo Sie mich ganz mißverstanden haben: An dieser Stelle wie auch

zu Anfang des Briefes hat Charlotte das Original Humboldts gekürzt.

(Vgl. hierzu die Leitzmannschen Forschungen, vor allem eine

handschriftliche Notiz Charlottes zu diesem Brief.)

S. 184 An Tegel hänge ich: über das Schloß Tegel und seinen

Bildsäulenschmuck berichtet auch Fontane in seinen Wanderungen durch die

Mark im dritten Band.

S. 187 ein so stattliches Schloß scheint: Schloß Tegel, 1660 vom Großen

Kurfürsten als Jagdschloß erbaut, ging 1765 in den Besitz des Majors

Georg Alexander von Humboldt über. Nach dem Tode des Vaters (1779)

besaßen die beiden Brüder das Schloß gemeinsam. 1802 übernahm es Wilhelm

von Humboldt allein. 1822-24 wurde es von Schinkel völlig umgebaut.

S. 235 Frau von Laroche: Sophie von Laroche (1731 bis 1807), die

Jugendgeliebte Wielands, Schriftstellerin, wird in Goethes »Dichtung und

Wahrheit« an verschiedenen Stellen erwähnt.

S. 251 Therese Huber, Schriftstellerin (1764-1829), Tochter des

Göttinger Gelehrten Heyne, war mit Georg Forster, dem Freunde Humboldts,

und später mit dem Schriftsteller Ferdinand Ludwig Huber verheiratet.

S. 364 Sie erwähnen der neusten unruhigen Auftritte: Gemeint sind

Volkserhebungen des Jahres 1830. Am 25. August war auch in Belgien die

Revolution ausgebrochen.

S. 389 Die Ungewißheit der Zeiten: Zusatz von Charlotte: »In dieser Zeit

erschien die gefürchtete Cholera in ganz Deutschland und setzte, wie es

jeder erfahren hat, alles in Furcht und Schrecken.«

S. 421 Der Stelle in der Delphine: »Frau von Staël stellt nämlich in der

Delphine den Satz auf, daß für das Alter oder die späteren Jahre, wo man

allein stehe, die Ehe nötig und erwünscht sei. Die Jugend finde überall

ihre Freuden.« (Anm. von Charlotte.)

S. 491 Zum Brief vom 28. März schreibt Charlotte: »So kam der 8. April

heran und brachte mir von unbekannter Hand vom 4. April die Nachricht

»einer gewiß vorübergehenden Erkrankung« so schonend als möglich. Es war

der Todestag von Wilhelm von Humboldt, als ich die Nachricht von

unbekannter Hand erhielt.«

Dieses Buch wurde als II. Band der Jahresreihe 1920/21 ausschließlich für

die Mitglieder des Volksverbandes der Bücherfreunde hergestellt. Den Druck

besorgten Gebr. Mann in Berlin in der Behrens-Mediäval von Gebr. Klingspor

in Offenbach a. M. Den Einbandentwurf zeichnete Grete Schmedes. Gebunden in

der Buchbinderei von Wilhelm Kämmerer.

Anmerkungen zur Transkription:

Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem

Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 86: Ih --> Ich

S. 143: Mench --> Mensch

S. 150: Enstehungsart --> Entstehungsart

S. 322: anchlösse --> anschlösse

S. 372: Sckicksalen --> Schicksalen

S. 484: herrcht --> herrscht

S. 484: eingegenommen --> eingenommen

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung

wurden prinzipiell beibehalten.

Formatierung:

Briefe an eine Freundin · 第 9 / 12 题