ausführlichen Brief vom 25. und 29. Januar. Er hat mir eine ganz
besondere Freude gemacht, und mein Dank ist daher wirklich ein recht
lebhaft empfundener. Ihre Blätter sprechen nicht allein wieder in
gleicher Wärme die liebevollen Gesinnungen aus, auf die ich einen so
großen Wert lege, sondern sie sind auch in der ruhigen Stimmung und
Heiterkeit geschrieben, die ich besonders gern habe. Es ist dies auch
nicht bloß eine Eigenheit meiner Gesinnung oder meiner Jahre, diese
heitere Ruhe allem andern vorzuziehen, sondern es ist doch wirklich
wahr, daß, wo sie gestört ist, die Harmonie des Lebens nicht mehr rein
und voll erklingt. Ich meine nämlich die innere Harmonie, die die
notwendige Bedingung des glücklichen Lebens, ja die wahre Grundlage
desselben ist. Wo diese Störung durch Kummer, durch Unruhe, durch irgend
ein inneres Leiden, welcher Art es sein möge, entsteht, begreift sich
das von selbst. Aber ich möchte sagen, auch wo diese Ruhe durch Kummer
und betrübende Ursache, durch Sehnsucht, durch Stärke eines Gefühls ins
Schwanken gerät, ist der Seelenzustand, wenn er auch augenblicklich süß
sein mag, doch nicht so schön, so erhebend, so der innersten und höheren
Bestimmung, nach und nach, und so viel es dem Menschen hier gegeben ist,
sich in die Ruhe und Unveränderlichkeit des Himmels einzuwiegen,
angemessen. Alles Heftigere und Leidenschaftliche trägt mehr Irdisches
an sich. Doch bin ich weit entfernt, darum selbst wahre Leidenschaft,
wenn sie wirklich aus der Tiefe des Gemüts flammt und auf einen guten
Zweck gerichtet ist, gewissermaßen zu verurteilen. Was ich ausspreche,
mag auch mehr eine Abendansicht des Lebens sein, und überhaupt war ich
nie leidenschaftlich und habe früh die Maxime gehabt, was davon die
Natur in mich gelegt hatte, durch die Herrschaft des Willens zu
besiegen, was mir auch, wenn auch mit Anstrengung, nicht mißlungen ist.
Wie dem aber sei, so halte ich die Ruhe und die sie hervorbringende und
aus ihr fließende Stimmung immer für wohltätiger und beglückender als
eine bewegtere, welcher Art sie sei, und da ich den innigsten Anteil an
Ihnen und Ihrem Glück nehme, so reicht mir das hin, am liebsten diese
Stimmung in Ihren Briefen ausgedrückt zu finden. --
Sie bemerken, daß es mit dem Berufen doch nicht ohne allen Grund ist.
Obwohl ich indes diesen Aberglauben nicht habe, ist er sehr alt und wohl
unter den meisten Völkern verbreitet. Mich können Sie immer glücklich
nennen, ohne daß ich daraus eine üble Ahnung ziehe. Ich erwähnte nur,
daß mir der mir wohlbekannte Aberglaube dabei eingefallen wäre. Diesem
Aberglauben liegt indes doch wohl eine tiefere Idee zugrunde. Das
Preisen des Glücks, freilich noch mehr, wenn es der Beglückte selbst
tut, ist wohl überall als ein Überheben über den unsteten Gang der
menschlichen Dinge oder als etwas Anmaßendes, der Demut und Scheu
Entgegenlaufendes, angesehen worden. Daran hat sich der Begriff
geknüpft, daß diesem Überheben die Strafe nachfolgt, an die sich die
häufige Erfahrung eines solchen Wechsels der Dinge gesellt hat. In
furchtsamen, oder von solcher Scheu sich zu überheben durchdrungenen
Gemütern hat das also ein Streben hervorgebracht, sein Glück lieber zu
verbergen, wenigstens nicht laut werden zu lassen, das Schicksal nicht
daran zu erinnern, daß es wohl Zeit sei, nun auch einen Wechsel
eintreten zu lassen. In Beziehung auf andere hat sich der Begriff des
Neides, der Schadenfreude hineingemischt, man hat befürchtet, es sei
dies Anpreisen wohl nicht redlich gemeint, habe wohl gar die heimliche
Absicht, eine Umwandlung herbeizuführen. Dadurch ist das Anpreisen auch
als ein Zaubermittel angesehen worden, und daher muß man wohl das
allerdings alberne Verwahrungsmittel des »Unberufen« herleiten. Vor
geläuterten, auch religiösen Ideen fällt das alles über den Haufen. Wer
sein oder anderer Glück aus reiner Freude daran, mit Dankbarkeit gegen
den Ursprung desselben, rühmt, ist gewiß Gott wohlgefällig und setzt
sich dadurch, wenn dies nicht sonst in unerforschlichen Plänen liegt,
keiner Umwandlung als Strafe aus. Vielmehr ist es eine schöne
Empfindung, fremdes Glück ohne Neid zu preisen, und sich des eigenen als
einer unverdienten Gabe zu freuen.
Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den Gesinnungen
unveränderlicher Anhänglichkeit der Ihrige. H.
_Berlin_, den 13. März 1826.
Ich habe, liebe Charlotte, Ihre beiden Briefe vom 13. und 26. v. M. zur
Beantwortung vor mir liegen. Sie können sich kaum vorstellen, wieviel
Freude mir der ruhige und vertrauungsvolle Ton macht, der in beiden
herrscht, und der ein treuer Ausdruck Ihrer Gesinnung und
Seelenstimmung ist. Es hat mich auch sehr gefreut, zu sehen, daß es doch
mit Ihrer Gesundheit leidlich zu gehen scheint. Bei Ihnen wirkt die
einfache und regelmäßige Lebensart, die Sie führen, gewiß sehr zur
leichteren Besiegung aller Krankheiten mit, und damit verbinden Sie eine
Ausdauer, die man gewiß selten findet. Es ist unglaublich, wie viel es
tut, wenn der ganze Körper in einer steten und immer ununterbrochen
fortgesetzten Ordnung bleibt und von dem Wechsel der Eindrücke frei ist,
der doch immer die körperlichen Funktionen mehr oder weniger stört.
Durchgängige Mäßigkeit ist gewiß doch am Ende dasjenige, was den Körper
am längsten erhält und am sichersten vor Krankheiten bewahrt. Bei Ihnen,
liebe Charlotte, tritt nur _ein_ Übermaß ein, wofür ich Sie so gern sicher
wüßte, das nämlich der Arbeit. Ich habe mit lebhafter Freude gesehen,
daß Sie darauf bedacht sind, sich mehr Hilfe und eigene Ruhe zu
verschaffen. Sie haben aber sehr recht, und ich habe deutlich erkannt,
daß auch der Teil der Arbeit, den Sie sich vorbehalten haben, noch über
einzelne Kräfte ist. Wenn Sie durch dieselbe, wie Sie mir sagen, stets
genötigt sind, bis tief in die Nacht, bis 1-2 Uhr, zu arbeiten, und doch
um 6 Uhr morgens wieder auf zu sein, so ist das gewiß eine zu große
Anstrengung. Ich bleibe zwar auch immer, bis auf wenige Ausnahmen, bis
1 Uhr nachts auf, und jetzt, wo ich Ihnen schreibe, ist es nahe an
Mitternacht. Aber ich bin es aus langer Zeit gewohnt, stehe auch morgens
vor 8 Uhr nicht auf und suche vor dem Schlafengehen in den letzten
Stunden nur leichte, nicht anstrengende Beschäftigungen. Gewöhnlich
schreibe ich nur Briefe und besorge meine Geschäfte. Eigentlich
wissenschaftliche, oder sonst anstrengende Arbeit behalte ich mir immer
für den Tag, meistenteils für den Morgen vor.
Es ist sehr lieb und gut von Ihnen, daß Sie meine Briefe des letzten
Jahres wieder der Reihe nach durchgelesen haben. Es tut mir aber leid,
daß Sie bei denen verweilt haben, die Ihnen mißfällig waren. Das war
ohne Nutzen. Es war ein reines Mißverstehen, das wir beide können ganz
ruhen lassen. Wichtiger und nach ihren Gesinnungen für mich beruhigend
muß es Ihnen sein, daß sich in mir gegen Sie nichts von dem, was vorher
war, geändert hat, daß sich nichts ändern wird, daß Sie meiner
lebhaftesten Teilnahme und Anhänglichkeit immer gewiß sind. Ohne Ihnen
dies als einen Vorwurf zu sagen, ist es doch gewiß, und ich sehe aus
Ihren Briefen durchscheinen, daß Sie sich noch immer manchmal Sorge und
Kummer deshalb ohne Ursache machen, das tut mir leid, ob ich die
Gesinnung zu ehren weiß, da es die stille Heiterkeit hindert, die Sie
doch jetzt haben könnten. Auf mich, meinen Anteil, meine
Bereitwilligkeit, Ihnen zu helfen, können Sie rechnen und sicher
rechnen, da in meinem Alter unmöglich mehr etwas Leidenschaftliches,
was immer unsicher ist, liegen kann, und in meinem Charakter nichts
Launenhaftes liegt, noch je gelegen hat. Wie ich gegen Sie bin, so
bleibe ich. Auch sehe ich mit Rührung, daß Ihr Kummer noch immer
zuweilen der ist, mir vielleicht in Ihren Äußerungen mißfällig gewesen
zu sein. Nichts davon liegt in meiner Ihnen in der innigsten Teilnahme
zugewendeten Seele. Wollen Sie mir aber einen Beweis geben, daß Sie mir
gern einen Gefallen erzeigen, so lassen Sie diese Sache ruhen und
erwähnen derselben nicht wieder. Sie können mir auch offen alles sagen,
ich nehme am Kleinsten wie am Größten teil und werde Ihnen immer mit
Ruhe, Vernunft und herzlicher Teilnahme in allen Dingen raten, sie mit
Ihnen prüfen und Ihre innere Zufriedenheit, wie Ihr äußeres Wohlsein
nach meinen Kräften befördern. In unserm Briefwechsel tue ich es mit
Fleiß, daß ich Ihre Gedanken aufnehme, die meinigen entwickele und
ausspreche, ob beide übereinstimmen oder nicht. Es ist das der
Hauptvorzug eines Briefwechsels, der keinen äußeren Gegenstand betrifft,
sondern nur Mitteilung von Gedanken und inneren Stimmungen enthält. Aber
ich habe darum garnicht die Anmaßung, daß ich gerade immer recht habe,
und selbst wo ich es glaube, fordere ich nicht, daß Sie es finden
sollen; vielmehr ist mir jeder Widerspruch immer erwünscht. So, liebe
Charlotte, sehen Sie mein Verhältnis zu Ihnen an, und gewinnen und
bewahren Sie ungestörtes Vertrauen, Zufriedenheit und Heiterkeit,
verbunden mit der Ruhe, die jedem Alter, vorzüglich aber, wie ich an mir
selbst fühle, dem höheren so wohltätig ist. H.
_Ottmachau_, den 10. April 1826.
Ich bin heute hier angekommen, liebe Charlotte, und habe Ihren lieben
Brief vorgefunden, der hier gewiß schon lange gelegen hat. Denn obgleich
ich den 29. März aus Berlin abgereist bin, so habe ich mich, ehe ich
hierher kam, an mehreren Orten ausgehalten. Es würde mir recht angenehm
gewesen sein, wenn man Ihren Neffen zu mir gebracht hätte. Ich habe es
immer zum Grundsatz gehabt, daß man in jedem Alter und jeder Lage sehr
zugänglich sein muß, und ich weise auch Unbekannte nie zurück. Man hat
gegenseitig Vorteile davon; ein lebender Mensch ist immer ein Punkt, an
den sich wieder anderes anschließt, und wo man nicht berechnen kann, wo
und wie es sich wieder zu etwas Erfreulichem gestaltet. Leute aber, die
sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigen, haben immer, auch
wenn sie im Anfange ihrer Laufbahn sind, ein höheres Interesse als
andere, und man geht mit ihnen leicht auch in Dinge ein, die einem nach
seiner eigenen Lebensweise und Bildung fremd sind. Denn am Ende hängt
doch, wäre es auch nur in den höchsten und allgemeinsten Punkten, alles,
was mit Ideen ausgemessen werden kann, zusammen, und die Berührung mit
Personen verschieden artiger Ausbildung, wenn diese nur irgendeinen
bedeutenderen Grad erreicht hat, wirkt vorzugsweise belebend auf den
Geist und verhindert die Einseitigkeit, der man sonst selten, und selbst
dann nicht entgeht, wenn man auch im Leben sich mit Menschen aller
Stände gemischt hat und reich an wechselnden Erfahrungen gewesen ist.
Sie haben unrecht, liebe Charlotte, wenn Sie sagen, daß ich jetzt gegen
Sie einen zu höflichen, gleichsam alles billigenden Ton annehme. Meinem
Gefühle nach ist das nicht der Fall, und daß ich nicht jede Ihrer
Meinungen teile, oder in alle Ihre Ideen eingehe, hat Ihnen noch mein
letzter Brief bewiesen, wo ich ganz verschiedener Meinung mit Ihnen war.
Dies zeigt Ihnen deutlich, daß ich Ihre Ansichten und Ideen prüfe. Mit
den Gesinnungen der herzlichsten Anhänglichkeit der Ihrige. H.
_Glogau_, den 9. Mai 1826.
Meine Reise, liebe Charlotte, hat sich über meine Erwartung verzögert,
ich bin aber nun auf der Rückreise nach Berlin und schreibe Ihnen von
hier, da ich früher, als ich dachte, hier angekommen bin, und doch nicht
weiter reisen mag, sondern hier übernachten will. Es ist sehr lange her,
daß ich keinen Brief von Ihnen erhalten habe. Es war mir, so leid es
mir tat, unmöglich, Ihnen einen Ort anzugeben, wo mich Ihre Briefe mit
Gewißheit gefunden hätten. Mein Aufenthalt war wechselnd, und obgleich
ich vierzehn Tage in Ottmachau war, sah ich auch das nicht voraus,
sondern meine Geschäfte zogen sich nur so von einem Tage zum andern hin.
Jetzt bitte ich Sie, liebe Charlotte, mir den 23. dieses Monats zu
schreiben, da trifft mich der Brief gewiß in Berlin, wohin Sie wie
gewöhnlich adressieren. Ich hoffe, daß alsdann nicht wieder eine solche
Unterbrechung unseres Briefwechsels stattfinden soll, da ich immer sehr
ungern Ihre Briefe und Nachrichten entbehre. Ich fürchte, daß Ihnen das
kalte und unfreundliche Wetter Übelbefinden zugezogen hat. Es war hier
wenigstens -- ich meine in Schlesien -- sehr rauh und garnicht der
Jahreszeit gemäß. Aus Berlin höre ich dieselben Klagen, aber seit drei,
vier Tagen hat es sich geändert, und heute war ein warmer, schöner
Sonnenschein, der mich von früh bis Abend im Fahren begleitet hat.
Himmel und Erde boten einen sonderbaren Kontrast dar. Die Luft war
ruhig, der Himmel blau, nur mit leichten Wolken hie und da bedeckt, die
Sonne selten, nur auf Augenblicke, versteckt. Dagegen hatte die Erde
keinen so friedlichen Anblick. Ich mußte auf einer Fähre über die Oder
gehen, und mein Weg führte mich auch stundenlang an dem Ufer des Stromes
hin, den ich erst hier verlassen habe. Vorgestern und gestern war der
Fluß ungewöhnlich gediegen, große Felder waren überschwemmt, Dörfer
wurden ausgeräumt, die Menschen waren überall in Bewegung, der Flut zu
wehren, die Dämme zu erhöhen und Vorkehrungen aller Art zu treffen.
Menschen konnte nicht leicht ein Unglück begegnen, da die weite
Wasserfläche, außer in der Strömung selbst, ruhig und still war. Es sah
wunderbar aus, wie das Gebüsch aus dem Wasser hervorblickte. Seit dem
Jahr 1813 hat man keine so große Flut hier gehabt. Die unfreundliche
kalte Jahreszeit hat vermutlich den Schnee in den hohen Gebirgen
vermehrt, den die Wärme einiger darauf folgenden Tage zu schnellem
Schmelzen brachte. So erklärt man sich wenigstens hier das schnelle
unbegreifliche Anschwellen des Wassers. Die Zeitungen erwähnen diese
Überschwemmungen gewiß, und Sie werden darin davon lesen. Es ist aber
wohl möglich, fällt mir ein, wie ich dies schreibe, daß Sie, liebe
Charlotte, keine Zeitungen lesen. Ich würde dies wenigstens sehr
begreiflich finden, schon wenn ich Sie nach mir beurteile. Ich habe
wirklich seit dem 29. März, wo ich Berlin verließ, keine Zeitung
angesehen, wenn ich ein paar Blätter ausnehme, die mir zufällig in die
Hand gefallen sind. Mein Leben kann innerlich und äußerlich recht gut
fortgehen, ohne daß ich in Berührung mit dem bin, was man
Weltbegebenheiten nennt. Wenn die wirklich großen sich ereignen, und die
Kunde davon gewiß ist, erfährt man es, ohne die Zeitungen zu lesen, und
alle kleinen aufzusammeln, oder die großen von ihrem Entstehen an zu
verfolgen, oder dem Schwanken der Nachrichten über sie Monate lang
nachzugehen, hat kein erhebliches Interesse für mich und ermüdet bald
meine Geduld. Auch in den Weltbegebenheiten und den Ereignissen, die
ganze Staaten erleben, bleibt doch immer das eigentlich Wichtige
dasjenige, was sich auf die Tätigkeit, den Geist und die Empfindung
einzelner bezieht. Der Mensch ist einmal überall der Mittelpunkt, und
jeder Mensch bleibt doch am Ende allein, so daß nur, was in ihm war und
aus ihm ausgeht, auf ihn Wichtigkeit ausübt. Wie der Mensch im Leben auf
Erden mitempfindend, wirksam, teilnehmend, immer sich gesellig
entwickelnd, ist, so macht er den größeren Weg, der über die Grenzen der
Irdischkeit hinausreicht, doch allein, und keiner kann ihn da begleiten,
wenn auch freilich in allen Menschen die Ahnung liegt, jenseits des
Grabes die wiederzufinden, die vorangegangen sind, und die um sich zu
versammeln, die nach uns übrig bleiben. Kein gefühlvoller Mensch kann
dieser Ahnung, ja dieses sichern Glaubens entbehren, ohne einen großen
Teil seines Glückes, und gerade den edelsten und reinsten, aufzugeben,
und auch die heilige Schrift rechtfertigt ihn. Ja, man kann ihn in
einigen Schriftstellen als eine ausgemachte und zu den trostreichen
Lehren des Christentums wesentlich gehörende Wahrheit aufgestellt
finden. Allein, das ändert an dem, was ich erst sagte, nichts ab. Ich
meinte nämlich, daß hier auf Erden alles, was sich auf andere, und im
ganzen auf künstlich eingerichtete Institute bezieht, doch nur insofern
dem Menschen wahren Gewinn bringt, als es in den einzelnen eingeht.
Alles Erhöhen der Bildung, alles Verbessern der Dinge und der
Einrichtungen auf Erden, alle Vervollkommnung der Staaten und der ganzen
Welt selbst besteht nur in der Idee, insofern es sich nicht im einzelnen
Menschen ausspricht, und darum nehme ich in allen, auch den größten
Weltbegebenheiten immer den einzelnen, seine Kraft zu denken, zu
empfinden und zu handeln, heraus. Die Allgemeinheit der Begebenheit
macht nur, daß sie zugleich auf viele so wirkt, oder durch ein solches
Wirken vieler entsteht, und die Größe der Begebenheit, daß sie
außerordentliche und ungewöhnliche Kräfte in Bewegung setzt oder zu
Urhebern hat. Dadurch verknüpft sich denn auch das Privatleben mit dem
öffentlichen. Was man in diesem an dem einzelnen Menschen bemerkt,
findet sich auch, nur anders, durch andere Triebfedern in Bewegung
gesetzt, zu anderen Handlungen anregend, in jenen. Es ist nur der
Schauplatz, der sich ändert, das Schauspiel, der Gegenstand, an dem man
sich erfreut, ist derselbe. Sieht man so die öffentlichen Ereignisse an,
so gewinnen sie, wenigstens in meinen Augen, ein höheres und
lebendigeres Interesse. So aber können die Zeitungen sie eigentlich
garnicht oder nur höchst selten liefern. -- Bei dem, was ich vorher von
dem Wiederfinden nach dem Tode sagte, fällt mir ein rührender Vers ein,
den ich vor einigen Tagen beim Spazierengehen auf einem Dorfkirchhofe
fand. Eine Frau, die Mutter und Großmutter gewesen war, war mit ihren
Kindern und Enkeln redend und für sie betend eingeführt, und das Gebet
schloß mit den Worten: »Behüt sie, Gott, vor Ungemach, und bringe sie
mir stille nach!« Dieser Ausdruck hat etwas ungemein Naives und
Ergreifendes. Ich vermute, daß die beiden Verse schon in älteren
Gesangbüchern vorkommen, die in der Regel schönere und kräftigere Lieder
als die neueren haben, und so sind sie Ihnen vielleicht bekannt. Ich
habe eine eigene Neigung zu Kirchhöfen und gehe nicht leicht an einem
vorüber, ohne ihn zu besuchen. Vor allem liebe ich sie, wenn sie mit
großen und alten Bäumen bepflanzt sind, auch nur einer oder der andere
solcher Bäume darauf steht. Das grünende Leben verbindet sich so schön
mit dem schlummernden Tode. Die schönsten Kirchhöfe sah ich in dieser
Art in Königsberg in Preußen. Sie haben ganze Reihen der schönsten,
größten und kräftigsten Linden. Ich brachte einen Teil des Jahres 1809
in Königsberg zu und versäumte nicht leicht einen schönen
Sommernachmittag, auf einem dieser Kirchhöfe herumzugehen. In Rom liegt
der der Fremden, die nicht katholisch sind, auch sehr schön und hat auch
eine antike Pyramide (auch ein Grabmal), die zufällig da steht.
Wenn ich nach Berlin komme, bleibe ich nur kurze Zeit da und gehe dann
nach Tegel, teils weil ich den Ort liebe und von dem umgeben bin, was
ich liebe, teils der ungestörten Ruhe wegen, in der ich dort wieder
arbeiten kann. Auf der Reise und bei wechselndem Aufenthalt tut man
immer wenig und hat nur eine solche Geschäftigkeit, bei der man für den
Geist eigentlich immer untätig ist.
Leben Sie wohl, liebe Charlotte, mit herzlicher Teilnahme und
unveränderlicher Anhänglichkeit der Ihrige. H.
_Berlin_, Ende Mai 1826.
Ich bin sehr wohl, aber unendlich beschäftigt, da ich Arbeiten, die ich
schon seit Jahren vorbereitet habe, endlich zu endigen denke. Ich habe
mir für die nächsten Jahre einen regelmäßigen Plan darüber gemacht, und
werde ihnen jetzt, wie ich es seit einigen Wochen tue, alle meine freie
Zeit widmen.
Die Witterung ist so schön, wie sie selten bei uns, in unserm
nördlichen Klima ist; man fühlt sich dann geistig wie körperlich heiter
und mehr als gewöhnlich aufgelegt zu geistigen Beschäftigungen. Es ist
gewiß ein beneidenswürdiger Vorzug der südlicheren Himmelsstriche, sich
einer größeren Gleichheit der Temperatur zu erfreuen. In anderer
Hinsicht ist diese Gleichheit der Natur wieder freudenloser und
vielleicht gar in geistiger Hinsicht nachteilig. Die Ankunft des
Frühlings ist keine solche reine und mit Ungeduld erwartete
Begebenheit, da ihm der Winter garnicht so unähnlich ist. Dies wirkt
natürlich auf die Seele, und wenn man annehmen kann, wie ich es
wenigstens für sehr wahr halte, daß jede leidenschaftliche oder doch
tiefere Empfindung ihren ursprünglichen Grund in Eindrücken der äußeren
großen Natur, auch ohne daß wir es selbst im einzelnen bemerken, hat, so
kann einen es wohl bedünken, daß die Sehnsucht garnicht so in der Seele
und dem Gemüte südlicher Völker tiefe Wurzeln schlagen könne wie unter
uns, wo seit unserer Kindheit jedes Jahr die große und tiefe, aus der
dumpf verschließenden Starrheit des Winters nach dem neu sprießenden und
grünenden Erwachen der Natur zurückführt. Dies muß dann aber, da nichts
in der Seele allein steht, auch auf die ganze Empfindungsart
zurückwirken, und so mag es entstehen, daß auch in unsern Dichtern alles
mehr in kontrastierenden Farben, mehr mit Schattenmassen, die das Licht
bekämpfen, ausgetragen wird, daß vieles freilich düsterer, finsterer
ist, aber auch alles tiefer, ergreifender und bei jeder noch so kleinen
Veranlassung mehr aus dem Licht der äußeren Natur in das Dunkel und in
die Einsamkeit des inneren Gemüts zurückführend erscheint. Die Stärke
der Empfindung und der Leidenschaft, die dort als Glut flammt, hat hier
eine andere Art des Feuers, ein mehr innerlich geheim kochendes und
langsam verzehrendes. Diese Empfindung, diese Sehnsucht wird noch
dadurch vermehrt, daß wir in diesen wenig Reize darbietenden
Himmelsstrichen auf jene immer wie auf ein Paradies hinblicken, das uns,
wenigstens auf längeren und beständigen Wohnsitz, versagt ist. Das
bringt in allen, hauptsächlich mit geistigen Dingen beschäftigten
Menschen eine zweite große Sehnsucht hervor, die nur wenigen fremd ist.
Denn wer sich hier auch noch so wohl fühlt und auch nie einen andern
Himmelsstrich gesehen hat, kann doch nicht anders, als empfinden, daß es
schönere gibt, und in jeder Art von der Natur reicher begabte. Es kann
damit immerhin verbunden sein, daß er doch nicht seinen Aufenthalt mit
einer Reise vertauschen würde, er kann in Dingen, die er wieder dort
entbehren müßte, eine Entschädigung finden, allein darum ist das
Anerkennen, daß ihm das minder Schöne zuteil geworden ist, immer gleich
gewiß, und davon kann eine Sehnsucht, wenigstens auf Augenblicke, nicht
getrennt sein. Auch ist sie in allen deutschen und englischen Dichtern
und spricht sich gleich aus, wie der Zusammenhang Gelegenheit dazu
darbietet. Es hat, wenn man das viel Größere mit dem viel Geringeren
vergleichen dürfte, eine Ähnlichkeit mit der Sehnsucht nach einem mehr
von sinnlichen Schranken befreiten Dasein, die in jeder höher gestimmten
Seele wirklich vorhanden ist, ohne daß man doch darum gerade das Leben
augenblicklich zu verlassen wünscht. -- -- -- --
Die Einseitigkeit ist etwas ganz Relatives, und im Manne, der sich nach
einer großen Menge von Gegenständen hinwenden soll, kann sie wohl zu
fürchten sein. Frauen aber haben, wie man es recht eigentlich nennen
kann, das Glück, vielen Dingen ganz fremd bleiben zu können, sie
gewinnen meistenteils gerade dadurch, daß sie den Kreis ihres Erkennens
und Empfindens zu kleinerem Umfang und größerer Tiefe zusammenziehen,
und es ist also bei ihnen in der Art, wie beim Manne, Einseitigkeit
nicht schädlich. Ich erinnere mich, früher zwei Frauen gekannt zu haben,
die mit allen Mitteln versehen, sich in dem bewegtesten Leben zu regen,
aus reiner Neigung und ohne Unglücksfälle eine solche Einsamkeit
bewahrten, daß es auch dem einzelnen schwer wurde, ihnen zu nahen, und
die dadurch gewiß nicht das mindeste an Interesse eingebüßt
hatten. -- -- -- --
Sie berühren mit Widerwillen manche Laster in gewissen Beziehungen und
Folgen und wollen meine Ansichten darüber. Ich gestehe, daß ich die
Ansicht nicht liebe und nicht sonderlich billigen kann, wo man die
Sittlichkeit so in einzelne Tugenden zerlegt, welche man einzelnen
Lastern gegenüberstellt. Es scheint mir eine durchaus verkehrte und
falsche. Ich wüßte nicht zu sagen, wer unter den Hoffärtigen, Geizigen,
Verschwenderischen, Wollüstigen mir der am meisten Verhaßte sei. Es kann
es nach Umständen jeder sein; denn es kommt auf die Art an, wie es
jeder ist. Ich gehe in meiner Beurteilung der Menschen garnicht darauf,
sondern auf die Gesinnung, als den Grund aller Gedanken, Vorsätze und
Handlungen, und auf die gesamte Geistes- und Gemütsstimmung. Wie diese
pflichtmäßig oder pflichtwidrig, edel oder unedel ist, das allein
entscheidet bei mir. Haben zwei oder drei Menschen in demselben Grade
eine unedle, selbstsüchtige, gemeine Gemütsart, so ist es mir sehr
einerlei, in welchem Laster sich diese äußert. Das eine oder andere kann
schädlicher oder unbequemer sein, aber alle diese Untugenden sind dann
gleich schlecht und erbärmlich. Und ebenso ist es mit den Tugenden. Es
kann einer gar keine Unsittlichkeit begehen, manche Tugend üben, und
dagegen ein anderer z. B. durch Stolz oder Heftigkeit oder sonst fehlen,
und ich würde doch, wenn der letztere, was sehr gut möglich ist, eine
höhere und edlere Gesinnung hegt, ihn vorziehen. In der Gesinnung aber
kommt es auf zwei Punkte an, auf die Idee, nach und aus welcher man gut
ist, und auf die Willensstärke, durch die man diese Idee gegen die
Freiheit oder Leidenschaftlichkeit der Natur geltend macht. Die
erbärmlichen Menschen sind die, die nichts über sich vermögen, nicht
können, was sie wollen, und die, welche selbst, indem sie tugendhaft
sind, niedrige Motive haben, Rücksichten auf Glück und Zufriedenheit,
Furcht vor Gewissensbissen, oder gar vor künftigen Strafen. Es ist recht
gut und nützlich, wenn die Menschen auch nur aus diesen Gründen nicht
sündigen, aber wer auf Gesinnung und Seelenzustand sieht, kann daran
keinen Gefallen haben. Das Edle ist nur dann vorhanden, wenn das Gute um
des Guten willen geschieht, entweder als selbst erkanntes und
empfundenes Gesetz aus reiner Pflicht, oder aus dem Gefühl der erhabenen
Würde und der ergreifenden Schönheit der Tugend. Nur diese Motive
beweisen, daß wirklich die Gesinnung selbst groß und edel ist, und nur
sie wirken auch wieder auf die Gesinnung zurück. Tritt, wie das bei
gutartigen Gemütern immer der Fall ist, die Religion dazu, so kann auch
sie auf zweierlei Art wirken. Die Religion kann auch nicht in ihrer
wahren Größe gefühlt, noch von einem niedrigen Standpunkte aus gewonnen
werden. Wer Gott selbst nur in Rücksicht auf sich dient, um wieder dafür
Schutz, Hilfe und Segen von ihm zu erhalten, um gleichsam von ihm zu
fordern, daß er sich um jedes einzelne Lebensschicksal kümmern soll, der
macht doch wieder sich zum Mittelpunkt des Alls. Wer aber die Größe und
väterliche Güte Gottes so mit bewundernder Anbetung und mit tiefer
Dankbarkeit in sein Gemüt aufgenommen hat, daß er alles von selbst
zurückstößt, was nicht mit der reinsten und edelsten Gesinnung
übereinstimmt wie der Gedanke, daß, was Pflicht und Tugend von ihm
fordern, zugleich der Wille des Höchsten und die Forderung der von ihm
gegründeten Weltordnung ist, der hat die wahrhaft religiöse und gewiß
tugendhafte Gesinnung. -- -- -- --
Ihrer fortgesetzten Lebenserzählung sehe ich, nach dem, was Sie mir
sagen, in den nächsten Tagen mit großer Freude entgegen. Leben Sie
herzlich wohl. Mit unveränderlicher, anteilvoller Anhänglichkeit der
Ihrige. H.
_Tegel_, den 10. September 1826.
Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe, nebst dem mit Ungeduld
erwarteten neuen Heft Ihrer Lebensgeschichte empfangen und danke Ihnen
recht herzlich dafür. Es sind allerdings wenige Blätter, sie umfassen
einen kurzen, aber inhaltreichen Zeitraum, aber ich habe sie nicht nur
mit großem Interesse, sondern mit inniger Teilnahme gelesen.
Sie hatten mir schon einmal gesagt, daß, als ich Sie in Pyrmont kennen
lernte, Sie eigentlich schon versprochen waren, nur noch nicht
öffentlich. Es fiel mir damals sehr auf. Ich hatte, wie wir uns sahen,
keine Ahnung davon. Die Art, wie diese Verbindung sich anknüpfte, hat
etwas ganz Eigenes und Sonderbares. -- Allein, was man in solchen Fällen
auch denken und sagen mag, es scheint allerdings, wie Sie sehr richtig
bemerken, ein ewiges Verhängnis im Zusammenhang zu walten, worin niemand
dem Schicksal entgehen kann, was ihn für seine höhere Bestimmung
entwickeln soll, worauf es doch eigentlich ankommt. Ich teile ganz Ihre
Meinung, daß es nicht denkbar ist, daß die Vorsehung das, was wir Glück
und Unglück nennen, einer Berücksichtigung würdige. So trostlos das auf
den ersten Blick scheint, so erhebend ist es zugleich, einer höheren
Ausbildung wert gehalten zu werden. Es ist in solchen Schicksalen, wie
das Ihrige war und sehr früh begann, ein wunderbarer Zusammenhang. Auch
wenn man nicht von andern gestoßen und getrieben wird, wenn man nicht
einmal sich selbst recht deutlich machen kann, was einen innerlich stößt
und treibt, nähert man sich doch einem Ziele, oder zieht eine Fügung
über sich heran, von der man beinahe das Gefühl hat, es sei besser, man
stieße sie zurück. Wirklich haben Sie auch weniger getan, sich in das
Schicksal, das sich für Sie bereitete, zu verwickeln, als Sie nur sich
haben aus Liebe zu Ihrer Freundin gehen lassen, und nicht entgegen
gearbeitet. Es ist ungemein häufig der Fall, daß Verbindungen ohne alle
Neigung, ja selbst gegen die Neigung, aus allerhand Gründen, mit
Empfindungen eingegangen werden; die man oft garnicht in sich tadeln
kann, die aber doch bei einem solchen Schritt nicht leitende sein
sollten. In mir und nach meiner Weise kann ich mir das zwar wenig
begreiflich machen. Mir wäre es durchaus unmöglich gewesen, auch nur den
Gedanken einer solchen Verbindung zu fassen, wenn ich nicht wirklich die
tiefe Überzeugung der Empfindung gehabt hätte, daß die, mit der ich
mich verbände, die einzige sei, mit der ich ein solches Band eingehen
könnte. Der Gedanke der Ehe, selbst auf eine recht gute und verträgliche
Weise mit gegenseitiger Achtung und Freundschaft geschlossen, aber ohne
das tiefe und das ganze Wesen ergreifende Gefühl, das man gewöhnlich
Liebe nennt, war mir immer zuwider, und es wäre meiner ganzen Natur
entgegen gewesen, sie auf eine solche Weise zu schließen. Es ist zwar
wahr, daß die so, wie ich es da von mir sage, geschlossenen Ehen die
einzigen sind, in welchen die Empfindungen bis zum Grabe im gleichen
Grade, nur in den Modifikationen, welche Jahre und Umstände
herbeiführen, dieselben bleiben. Es ist indes doch recht gut, daß diese
Art, die Sache anzusehen, nicht die allgemeine ist, da sonst wenig Ehen
zustande kommen würden. Auch gelingen so viele Ehen, die anfangs recht
gleichgültig geschlossen werden, so daß sich dagegen nicht viel sagen
läßt. In Ihrem Fall war es offenbar das Gefühl für Ihre Freundin, das
Sie leitete, und das war allerdings ein edles und aus dem Besten und
Reinsten im menschlichen Herzen sprießendes. Gerade das aber zeigt sich
recht oft, daß die besten, edelsten, aufopferndsten Gefühle gerade die
sind, die in unglückliche Schicksale führen. Es ist, als würden durch
eine höhere und weise Führung die äußeren Geschicke absichtlich in
Zwiespalt mit den inneren Empfindungen gebracht, damit gerade die
letzteren einen höheren Wert erlangen, in höherer Reinheit glänzen, und
dem, der sie hegt, eben durch Entbehrung und Leiden teurer werden
sollten. So wohltätig die Vorsehung waltet, so kommt es ihr nicht immer
und durchaus auf das Glück der Menschen an. Sie hat immer höhere Zwecke
und wirkt gewiß vorzugsweise auf die innere Empfindung und Gesinnung.
Die Geschichte der geisterartigen Warnung ist sehr sonderbar -- sie
wurde Ihnen in dem Moment, wie Sie zuerst bestimmt Ihre Zustimmung zu
einer Verbindung niederschrieben, die Sie in unendliche Leiden
verwickelte. Noch sonderbarer, da sie zugleich eine Todesanzeige Ihrer
Mutter war.
Daß Sie wirklich sich haben so rufen hören, ist nicht abzuleugnen. Es
ist auch eben so sicher, daß kein sterblicher Mensch Sie gerufen hat in
der totalen, abgeschiedenen Einsamkeit, worin Sie die warnende Stimme
vernahmen. In sich haben Sie die Stimme gehört, wenn sie gleich Ihr
äußeres Gehör zu vernehmen schien, und in Ihnen ist die Stimme
erschallt. Es gibt gewiß viele, die das nur als eine Selbsttäuschung
erklären würden, die denken, daß der Mensch auf natürlichen Wegen, ohne
alle Verknüpfung des Irdischen mit dem Geisterreich, bloß durch die
innere Bewegung, die in seinem Gemüt, seiner Einbildung, seinem Blut
selbst waltet, so etwas äußerlich zu vernehmen glaubt. Daß es so sein
kann, bisweilen so ist, möchte ich nicht leugnen, wohl aber, daß es
nicht auch anders sein kann, und bei gewissen Menschen unter gewissen
Umständen anders gewesen ist. Sie sagen: Ihrer Seele habe sich in
späterer Zeit und nach und nach die Meinung bemächtigt, die
Jung-Stilling in seiner Theorie der Geisterkunde (ich habe sie nicht
gelesen) aufstelle, daß die uns Vorangegangenen, heller Sehenden, mit
Liebe uns Umgebenden, uns oft gern Schützenden, warnend uns erkennbar zu
werden suchten, und dies gern, um tiefere Eindrücke zu bewirken, an
bedeutende und wichtige Ereignisse knüpften, wo es nur darauf allein
ankomme, daß sie sich mit uns in Rapport zu bringen vermöchten, was
allein davon abhänge, in welcher Entbundenheit der geistige Zustand von
den äußeren Sinnen sich befinde. In diesem entbundenen Zustand, worin
sich gewiß niemand eigenwillig bringen kann, glauben Sie vielleicht in
jener Stimmung gewesen zu sein, wo Sie über alle gewöhnlichen
Rücksichten hinaus Ihre Entschließungen niedergeschrieben haben. Diese
Ihre Bemerkungen sind tief gedacht und empfunden. Es gibt unleugbar ein
stilles, geheimnisvolles, mit irdischen Sinnen nicht zu fassendes
Gebiet, das uns, ohne daß wir es ahnen, umgibt, und warum sollte da
nicht auf Augenblicke der Schleier reißen und das vernommen werden
können, wozu in diesem Leben keine vernehmbare Spur führt? Sie wurden
hier in dem Augenblicke gewarnt, wie Sie einen bis dahin nur Ihnen
bekannten Gedanken niederschreiben wollten, einen Federzug tun, der Ihr
Leben, in vielfache und unglückselige Verwickelung ziehen sollte, Sie
wurden mit der Stimme derer gewarnt, die bald nicht mehr sein sollte,
und es wurde, wie Sie bemerken, um sicherer Sie zum Nachdenken zu
führen, der Moment bedeutend bezeichnet, da Ihre Mutter gerade in
demselben Moment acht Tage nachher starb. Das war offenbar nicht von
dieser Welt. Es war eines der Zeichen, die selten, aber doch bisweilen
kund werden von dem, was eine im Leben unübersteigbare Kluft von uns
trennt. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie dies nicht übergangen haben.
Für heute Adieu, liebste Charlotte. Mit unwandelbarem Anteil und
Anhänglichkeit der Ihrige. H.
_Tegel_, im Oktober 1826.
Sie fragen mich, liebe Charlotte, wie ich das meinte, wenn ich sagte,
daß die Stimme, die Sie an jenem Novemberabend rief, eigentlich _in Ihnen_
erschallte, da Sie dieselbe doch deutlich hinter sich vernahmen. Recht
ordentlich zu erklären ist so etwas eben nicht, ich möchte hierin auch
meine Ansicht nicht für die ausgemacht wahre ausgeben, aber ich habe
über alles, was man Geister und Geistererscheinungen nennt, einen
Glauben, der, wenn ich so sagen darf, den Glauben und Unglauben daran
gewissermaßen miteinander vereinigt. Ich glaube, daß Menschen solche
Erscheinungen in Tönen und Gesichten und auf jede Weise haben können,
und daß dies garnicht Einbildungen einer bloß erhitzten
Einbildungskraft, Täuschungen und sozusagen wachende Träume sind. Ich
würde es kaum sonderbar finden, wenn mir selbst etwas dieser Art
begegnete. Ich halte also diese Erscheinungen für etwas Wirkliches,
durch eine überirdische Macht Hervorgebrachtes, nur daß man freilich
sehr genau prüfen muß, ob in dem einzelnen Fall die Erscheinung wirklich
eine von der gewöhnlichen Ideenverbindung verschiedene und keine bloße
Abirrung dieser Ideenverbindung, also bloße Vorstellung der Phantasie
war. Dagegen glaube ich nicht, daß solche Töne oder Gesichte ebenso
außer demjenigen vorgehen, welcher sie vernimmt, als wie wenn ein
leiblicher Mensch ruft oder auftritt. Daher bin ich auch etwas
ungläubiger gegen solche Geschichten, wo ein Geräusch von mehreren
gehört wird. Sind es nur zwei, so kann die Gleichheit der innern
Seelenstimmung wohl gleichzeitige innere Erscheinungen hervorbringen.
Für innerlich halte ich also Erscheinungen, von denen nicht wirkliche
Beweise des Gegenteils da wären, aber so für innerlich, daß sie im
Innern immer auch durch eine überirdische Macht eingeführt und geweckt
werden, und daher der Mensch, der sie erfährt, weil ihn das Bewußtsein
überirdischer Gegenwart und von nicht aus ihm kommender Einwirkung
ergreift, sie notwendig außer sich setzt. Wie viel auch schon über
diese Sache gestritten worden ist, so kann man doch nicht ableugnen, daß
etwas wirklich Innerliches von dem, dem es begegnet, als durchaus
äußerlich betrachtet werden kann, und der höheren überirdischen Macht
ist die Hervorbringung einer Erscheinung ebenso möglich, wenn sie in der
Tat eine gewissermaßen körperlich äußere, als wenn sie eine idealisch
innere ist.
Der Gedanke einer verfolgenden Macht würde mir immer fremd sein. Ich
habe mich niemals mit den Vorstellungen vertragen können, die eines
solchen, allem Guten feindseligen, am Bösen Gefallen findenden Wesens
Dasein annehmen. Im Neuen Testament halte ich die dahin einschlagenden
Stellen nur für bildliche, sich an die Vorstellungen des Judentums
anschließende Ausdrücke, für das Böse, das der Mensch, auch wenn er gut
ist und sich ganz schuldlos glaubt, doch immer in sich zu bekämpfen hat.
Es gibt unleugbar Personen, welchen mehr Widerwärtiges als Glückliches
begegnet, und auch die sehr Glücklichen haben kürzere oder längere
Perioden, wo der Verlauf der Umstände ihnen nicht zusagt, und sie gegen
den Strom zu schwimmen genötigt sind. Dies liegt aber, auch wo es
garnicht eigene Schuld oder Folge unrichtig berechneter Verfahrungsweise
ist, in der natürlichen Verkettung der Umstände, wo das allgemein
Notwendige oder Unvermeidliche dem Interesse des einzelnen zuwider ist.
Sehr oft, und dies ist mir bei weitem wahrscheinlicher, kann es auch
Fügung der mit weiser und immer wohltätiger Strenge heilsam züchtigenden
und prüfenden Vorsehung sein; denn die Züchtigung überirdischer und
übermenschlicher Weisheit setzt nicht gerade immer Schuld voraus. Es
kann in den Wegen und Pfaden der über alle menschliche Vernunft
hinausreichenden Einsicht liegen, auch ohne Verschulden, zur bloßen
heilsamen Zurückführung auch den ganz Schuldlosen zu züchtigen. Auch ist
der Beste, wenn er nur die Selbstprüfung mit gehöriger Strenge anstellt,
nicht von Flecken rein, und es können in seinen bewußtlosen Empfindungen
solche liegen, die ihn zur Schuld führen würden, wo aber der Schuld
durch die heilsam angebrachte Züchtigung vorgebeugt wird. Der Mensch
selbst ist zu kurzsichtig und sein Blick zu trübe, dies einzusehen,
allein die in der Höhe waltende Macht durchschaut es und weiß es zu
lenken und zum Besten zu kehren. Alles dies pflege ich mir zu sagen, oft
ohne äußere Veranlassung, allein auch besonders da, wo, wie's auch mir
geschieht, das Schicksal den Wünschen entgegenwirkt, und eine Periode
der Widerwärtigkeit oder des wahren Unglücks eintritt. Ich werde dann
vorsichtiger als sonst im Handeln, und ohne mich im geringsten beugen
oder betrüben zu lassen; suche ich durchzusteuern, so gut es gehen will.
Wenn ich sage, ohne mich zu betrüben, so meine ich damit nicht, daß mich
die einzelnen Unfälle nicht betrüben sollten (was unvermeidlich ist),
sondern nur, daß ich ihr Eintreten überhaupt, die Wendung vom Glück zum
Gegenteil nicht als etwas Feindseliges, sondern als etwas Natürliches,
mit dem Weltgang und der menschlichen Natur eng Verbundenes, oft sogar
Heilbringendes nehme. Nach dieser in mir festgewordenen Ansicht kann ich
an eine verfolgende oder gar nur neckende Macht nicht glauben. Ich
gestehe, daß ich einen solchen Glauben nicht einmal bei andern dulden
oder unangefochten lassen könnte. Es ist eine finstere, beengte
Vorstellung, die der Güte der Gottheit, der Größe der Natur und der
Würde der Menschheit widerspricht. Dagegen hat der Glaube an eine, unter
Zuladung und Leitung der höchsten, untergeordnete, schützende Macht
etwas Schönes, Beruhigendes und den reinsten und geläutertsten
Religionsideen Angemessenes. Ich möchte ihn daher niemand rauben, der
durch seine Natur angeregt wird, ihn zu haben und zu hegen. Mir ist er
jedoch nicht eigen, und er gehört auf alle Fälle zu denjenigen
religiösen Vorstellungen, die nicht allgemein geboten sind, sondern bei
denen es auf die individuelle Neigung und Stimmung ankommt.
Es wird mich sehr freuen, wenn Sie Zeit und Stimmung haben, Ihre
Lebenserzählung fortzusetzen. Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie
fest auf die Dauer der Gesinnungen, die Ihnen immer von mir gewidmet
bleiben. Ihr H.
_Berlin_, den 8. November 1826.
Ihr lieber Brief hat mir große Freude gemacht, weil er in den Inhalt
meines letzten eingeht und demselben Gründe und Behauptungen
entgegenstellt. Es ist sehr natürlich und begreiflich, daß unsere
Ansichten bisweilen auseinander gehen müssen; es liegt das zuerst im
Geschlecht, dann in der Lebensweise und den einmal angenommenen
Gewohnheiten. Ein Mann, und noch mehr einer, der oft in Verhältnissen
war, in denen er gegen Gefahr und Ungemach nur bei sich Schutz und Rat
suchen konnte, muß mehr von der Selbständigkeit erwarten und mehr auf
sie dringen. Er muß sich zutrauen, mehr ertragen, Schmerz und Unglück
(von denen kein Mensch frei ist, und zu denen Geschäfte und für andere
übernommene Verantwortlichkeit auch empfindlichere Gelegenheiten
darbieten, als in einfacheren Lagen vorkommen können) mit mehr
Gleichgültigkeit ansehen, um sie mehr durch sich selbst bezwingen zu
können. Indes müssen Sie nie denken, daß dies die Teilnahme an fremdem
Unglück schwächt, oder daß es hindert zu begreifen, daß jeder die
verschiedenartigen Ereignisse des Lebens nach seiner Weise und seiner
Eigentümlichkeit aufnimmt. Sind Sie aber auch in vielem von dem, was
mein voriger Brief enthielt, anderer Meinung mit mir, so stimmen wir
ganz in dem Wunsche überein, eine Anzeige des bevorstehenden Todes zu
haben. Bis jetzt denke ich mir den Tod als eine freundliche Erscheinung,
eine, die mir in jedem Augenblick willkommen wäre, weil, wie zufrieden
und glücklich ich lebe, dies Leben doch immer beschränkt und rätselhaft
ist, und das Zerreißen des irdischen Schleiers darin auf einmal
Erweiterung und Lösung mit sich führen muß. Ich könnte darum stundenlang
mich nachts in den gestirnten Himmel vertiefen, weil mir diese
Unendlichkeit fernher flammender Welten wie ein Band zwischen diesem und
dem künftigen Dasein erscheint. Ich hoffe, diese Freudigkeit der
Todeserwartung soll mir bleiben, ich würde mich dessen, da sie tief in
meiner Natur (die nie am Materiellen, immer nur an Gedanken, Ideen und
reiner Anschauung gehangen hat) gegründet ist, sogar gewiß halten, wenn
nicht der Mensch, wie stark er sich wähne, sehr vom augenblicklichen
Zustande seiner körperlichen Gesundheit und selbst seiner
Einbildungskraft abhinge. Ich wähne mich aber nicht einmal stark,
sondern fordere nur unbedingt von mir, es zu sein. Ich würde daher,
bliebe ich wie jetzt gestimmt, den Tod ohne Schrecken herannahen sehen,
und mein Bemühen würde nur sein, mit Besonnenheit den Übergang in einen
anderen Zustand, so lange es möglich ist, schrittweise zu verfolgen.
Darum würde ich auch für mich einen langsameren Tod nicht für ein
Unglück erachten, obgleich ein schneller sowohl für den Sterbenden
selbst, als für die Zurückbleibenden Vorzüge hat. Ich trage mich auch
seit einer Reihe von Jahren, und nach einer Begebenheit, die mich, als
ich in Rom war, traf und sehr ergriff, mit dem Glauben, oder, wenn dies
zu viel gesagt ist, mit der Ahnung, daß ich nicht anders sterben werde,
als bis eine bestimmte Erscheinung es mir vorher verkündet. Wie das nun
sein wird, will ich erwarten, aber erwünscht wäre mir, wie Ihnen, die
Vorandeutung.
Die biblischen Stellen, die Sie anführen, waren mir, als ich sie
nachschlug, wohl bekannt. Sie sind allerdings tröstend, weil sie
Hoffnung gewähren, Vertrauen hervorrufen und auf Liebe, die sich
erbarmt, zählen lassen. Ich muß aber doch, wenn ich meine innere
Empfindung erschließe, sagen, daß gerade die von Ihnen angeführten
Stellen nicht diejenigen sein würden, bei denen ich Trost suchen würde.
Sie gehören in die Reihe der Verheißungen, Hoffnungen, und in dieser Art
in der Zukunft zu leben, ist nie mein Sinnen und Trachten gewesen. Ich
habe immer mehr gesucht, mich gleich selbst in der Gegenwart zu
bearbeiten, daß daraus soviel mögliche innere Besiegung des Unglücks
hervorgeht. Gerade in dieser Hinsicht aber ist das Lesen der Bibel eine
unendliche und wohl die sicherste Quelle des Trostes. Ich wüßte sonst
nichts mit ihr zu vergleichen. Der biblische Trost fließt, wenn auch
ganz verschieden, doch gleich stark, auf eine doppelte Weise im Alten
und Neuen Testament. In beiden ist die Führung Gottes, das Allwalten
der Vorsehung, die vorherrschende Idee, und daraus entspringt in
religiös gestimmter Gesinnung auch gleich die tiefe innere, durch nichts
auszurottende Überzeugung, daß auch die Schicksale, durch welche man
selbst leidet, doch die am weisesten herbeigeführten, die wohltätigsten
für das Ganze und den dadurch Leidenden selbst sind. In dem Neuen
Testament hernach ist ein solches überschwängliches Vorwalten des
Geistigen und des Moralischen, es wird alles so einzig auf die Reinheit
der Gesinnung zurückgeführt, daß was den Menschen sonst innerlich und
äußerlich betrifft, wenn er jenem mit Ernst und Eifer nachstrebt,
vollkommen in Schatten zurücktritt. Dadurch verliert auch das Unglück
und jedes Leiden einen Teil seiner drückenden Einwirkung, und es
schwindet auf jeden Fall alle Bitterkeit davon. Die unendliche Milde der
ganzen neutestamentlichen Lehre, die Gott fast nur von der erbarmenden
Seite darstellt, und in der überall die aufopfernde Liebe Christi für
das Menschengeschlecht vortritt, lindert, wie ein wohltätiger Balsam,
verbunden mit Christi Beispiel selbst, jeden Körper- und Seelenschmerz.
Im Alten Testament kann sich dies allerdings nicht finden. Aber da
erscheint wieder, und doch auch immer mehr tröstend als schreckend, die
Allmacht und Allweisheit des Schöpfers und Erhalters der Dinge, die
durch die Größe und Erhabenheit der Vorstellung über das einzelne
Unglück hinaushebt. Leben Sie herzlich wohl. Mit den Gesinnungen, die,
wie ich weiß, Sie lieben und die nie in mir ändern werden, Ihr H.
_Tegel_, den 6. Dezember 1826.
Ich habe, liebe Charlotte, Ihren inhaltreichen Brief vom 19. v. M., den
Sie am 21. geschlossen haben, bekommen und mit großem Interesse gelesen
und danke Ihnen recht herzlich dafür.
Sie bemerken in Ihrem Briefe, daß vor dem Erscheinen Christi ein Umgang
zwischen der Gottheit und einigen gleichsam bevorrechteten Personen
stattgefunden, durch das Christentum aber jeder, der in seinen Schoß
aufgenommen sei, ein näheres Verhältnis zu dem höchsten Wesen erhalten
habe. Ich halte dies für ungemein richtig. Zwar möchte ich nicht sagen,
was eigentlich von jener engeren und persönlichen Gemeinschaft der
Erzväter mit Gott, wie sie das Alte Testament schildert, zu halten sei.
Diese Erzählungen des ersten Teils der Schrift haben in jeder Rücksicht,
welches auch ihr Ursprung sein möge, eine so ehrwürdige Heiligkeit, daß
man dem Zweifel an der Wahrheit keinen Raum gibt, wohl aber ungewiß
bleiben kann, was Eigentümlichkeit der Vorstellungs- und
Darstellungsweise, bildlicher oder eigentlicher Ausdruck sei. Denn bei
so alten Überlieferungen, und die sich doch auch wiederum vermutlich
Jahrhunderte lang mündlich fortgepflanzt haben, ehe sie aufgezeichnet
worden sind, läßt sich der wahre Sinn von der äußeren Einkleidung schwer
und wenig unterscheiden. Das aber ist eine gewisse und tröstliche und im
höchsten Grade heilsame Wahrheit, daß durch das Christentum alle
Segnungen der Religion eine durchaus allgemeine Wohltätigkeit erlangt
haben, daß alle innere und äußere Bevorrechtung aufgehört, und jeder
ohne Unterschied Gott so nahe zu stehen glauben kann, als er sich ihm
durch seine eigene Kraft und Demut im Geist und in der Wahrheit zu
nähern vermag. Es ist überhaupt in allem, im Religiösen und Moralischen,
der wahrhaft unterscheidende Charakter des Christentums, die
Scheidewände, die vorher die Völker wie Gattungen verschiedener
Geschöpfe trennten, hinweggeräumt, den Dünkel, als gäbe es eine von der
Gottheit bevorrechtete Nation, genommen, und ein allgemeines Band der
Nächstenpflicht und Nächstenliebe um alle Menschen geschlungen zu haben.
Hier ist nun nicht mehr von bildlichen Darstellungen und nicht mehr von
Wundern die Rede. Es herrscht hier die geistige Gemeinschaft, welche die
einzige ist, deren der Mensch wahrhaft bedarf, und zugleich diejenige,
der er immer durch Vertrauen und Wandel teilhaftig werden kann. Ich
gestehe daher auch, daß ich nicht in die Idee eingehen kann, als wäre
oder als könnte nur noch jetzt eine engere Gemeinschaft zwischen Gott
und einzelnen sein, als die allgemeine, der schlichten Lehre des
Christentums angemessene, in die jeder durch Reinheit und Frömmigkeit
der Gesinnung tritt. Es wäre ein gefährlicher Stolz, sich einer solchen
anderen und besonderen teilhaftig zu glauben, und das Menschengeschlecht
bedarf dessen nicht. Frömmigkeit und Reinheit der Gesinnung und
Pflichtmäßigkeit des Handelns, selbst schon Streben nach beiden, da das
vollendete Erreichen keinem gelingt, sind alles, den Menschen, einzeln
und in der Gesamtheit, Notwendige, und alles dem höchsten Wesen, wie wir
es uns denken müssen, Wohlgefällige. -- Schreiben Sie mir, liebe
Charlotte, den 26. Dezember nach Hadmarsleben bei Halberstadt.
Hadmarsleben ist ein Gut meiner Frau, wo ich mich einige Tage aufhalten
werde. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme
der Ihrige. H.
_Rudolstadt_, den 2. Januar 1827.
Das neue Jahr hat begonnen, und ich wünsche Ihnen, liebe Charlotte, von
ganzem Herzen Glück dazu. Mögen Sie es heiter, sorglos und vor allem in
ungestörter Gesundheit durchleben. Ich hoffe, daß die Erfüllung dieser
Wünsche wahrscheinlich ist.
Ein Jahr scheint ein so kleiner Abschnitt des Lebens, und ist es auch
gewissermaßen, da Tage, Wochen und Monate so unglaublich schnell
verschwinden. Es ist aber doch wieder ein so wichtiger Abschnitt, da
auch der längst Lebende nicht so viele dieser Abschnitte zusammensetzt.
Es fängt auch freilich mit jedem Tage gewissermaßen ebenso gut, als mit
dem ersten Januar, ein neues Jahr an, aber es ist dennoch nicht
abzuleugnen, daß das Schreiben einer neuen Jahreszahl immer etwas in
sich trägt, das den Bedächtigen und gern Überlegenden in Nachdenken
versetzt. Es ist überhaupt sehr meine Art, mich von Epoche zu Epoche
zusammenzufassen und irgend etwas Neues in meinen Vorsätzen zu beginnen,
und ich habe oft gefunden, daß es immer seinen Nutzen hat, wenn auch
nicht immer alle Vorsätze in Erfüllung gehen oder durchaus dauerhaft
sind. Es gibt auch mehr oder minder günstige Jahre, und das beweist
sich, wie ich oft im Leben bemerkt habe, manchmal an gewissen Anzeichen,
wenn sie auch augenblicklich unbedeutend und vorübergehend scheinen, in
den ersten Tagen, wo die neue Jahreszahl beginnt. Sie werden das
vielleicht etwas abergläubig finden, aber es ist es doch nicht so ganz
und so sehr. Die Unfälle, die den Menschen betreffen, kommen weit mehr,
als man es denken sollte, aus ihm selbst. Es gibt ein geheimes und
unbemerktes Einwirken des Menschen auf die Dinge, was man ihm nicht
Schuld geben kann, weil es nicht innerhalb seines Bewußtseins liegt,
aber was doch von ihm kommt. Ist nun die Stimmung innerlich eine
ungünstige, düstere, von Heiterkeit fern, so bringt sie auch so etwas im
Äußeren hervor; wenn man das Leben nicht leicht, oder doch wenigstens
ruhig und gleichmütig mit einer gewissen Kälte, als wäre einem Glück
und Unglück ziemlich gleich, aufnimmt, so stellt es sich nicht bloß
insofern noch drückender und lastender, daß man es schwerer empfindet,
sondern es begegnet einem, meiner Erfahrung nach, auch mehr
Widerwärtiges. Auf große Dinge mag das, wie ich wohl glauben will,
keinen Einfluß haben, aber auf die kleineren, die doch auch überwunden
sein wollen, scheint es mir nicht abzuleugnen zu sein.
Ihren lieben Brief werde ich erst in mehreren Tagen empfangen, es tut
mir immer sehr leid, auch habe ich gern einen Brief von Ihnen bei mir,
wenn ich selbst schreibe; aber meine Reise hat sich gegen meinen Willen
verlängert. Ich bitte Sie, mir jetzt so zu schreiben, daß Ihr Brief den
25. oder nur wenige Tage später in Berlin eintrifft. Leben Sie wohl,
beste Charlotte. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme
der Ihrige. H.
_Berlin_, den 28. Januar 1827.
Ich habe, liebste Freundin, Ihre beiden Briefe richtig empfangen,
obgleich den ersten vom 20. Dezember v. J. sehr spät, da ich meinen
Reiseplan nicht so, wie ich ihn machte, ausgeführt habe, und garnicht
nach Hadmarsleben gekommen bin. Er ist mir hierher nachgeschickt worden.
Nun bleibe ich bis zur Mitte des Sommers hier und in Tegel, und unser
Briefwechsel ist bis dahin gegen Störungen dieser Art gesichert. Es hat
mich sehr gefreut zu sehen, daß Ihre Gesundheit wenigstens leidlich
ist, und daß die Veränderlichkeit der Witterung und der viele Sturm, der
sonst reizbaren Konstitutionen zu schaffen macht, Ihnen nicht sehr
nachteilig geworden ist. Ich liebe den Winter zwar garnicht, und habe
von Kindheit an für die angebliche Schönheit eines Wintertages keinen
Sinn gehabt. Die Kälte ist mir insofern gleichgültig, als ich mich ihr
nie anders als so verwahrt aussetze, daß sie mir nichts anhaben kann,
und als ich mir sogar im Zimmer den traurigen und einförmigen Anblick
des Schnees durch Gardinen verschließe. In der Stadt ist es mir
überhaupt heimlicher, wenn ich von meinem Zimmer aus nichts davon
erblicke. Es ist da nur die Nacht schön, wo der Mensch und das
gewöhnliche Treiben des Gewühls verschwinden und der gestirnte Himmel
den Anblick der reinen Natur gibt. Am Tage freut der Anblick aus dem
Fenster nur auf dem Lande. Diese Gewohnheit, mich in der Stadt auf den
Genuß der Nacht zu beschränken, habe ich schon sehr früh gehabt. Schon
als ganz junger Mensch saß ich, so oft ich die Stadt bewohnen mußte, die
Tage über, wenn ich nicht in Gesellschaft war, in meinem Zimmer,
durchstrich aber fast regelmäßig, sogar im strengen Winter, mehrere
Stundenlang des Nachts die einsamen Straßen. Es freut mich ungemein, daß
Sie die gleiche Neigung mit mir für den gestirnten Himmel haben. Wem
dieser innere Sinn nicht erschlossen ist, entbehrt eine sehr große, und
eine der reinsten und erhabensten Freuden, die es gibt.
Sie bemerken sehr richtig, daß ein Wintertag doch auch seine Freuden
habe. Einförmig ist der Schnee freilich, aber auch rein und wie ein Bild
unberührter Fleckenlosigkeit, wenn er frisch gefallen und noch
unbetreten ist. In der Schweiz sehen jene weißen Decken an den hohen
Gebirgen, die nicht leicht ein Menschenfuß erreicht, sehr schön aus. Ihr
Vergleich mit einem Leichentuch ist mir aufgefallen. Er war mir neu.
Aber wenn nun der Schnee ein Leichentuch wäre, ist es keine unerwünschte
Erinnerung. Die Natur liegt wie in Todesstarrheit im Winter, und wenn
die große Natur in ihrem regelmäßig wiederkehrenden Laufe die Erinnerung
an den Tod herbeiführt, erscheint er dem Geist und der Einbildungskraft
nur wie eine notwendige Verwandlung, eine Enthüllung eines neuen, vorher
nicht geahnten Zustandes.
Ich muß mich neulich nicht deutlich ausgedrückt haben, wenn Sie, liebe
Charlotte, glauben, ich hätte gewissermaßen bestritten, daß die
allwaltende Vorsehung die Schicksale der Menschen auch ganz im einzelnen
leite. Auch nach meiner festen Überzeugung kann darauf der Mensch mit
Sicherheit bauen, es liegt in der Idee des Weltschöpfers und
Welterhalters, es geht aus vielen Stellen der Bibel, des Alten und Neuen
Testaments, hervor und ist nicht nur eine sichere und fest gegründete,
sondern auch tiefe und trostreiche Wahrheit, über welche kein Zweifel
bleibt, und Sie haben gewiß recht, wenn Sie sagen, der Glückliche bedarf
den Glauben, um nicht übermütig zu werden, der nicht Glückliche aber als
Halt, und der Unglückliche um nicht zu erliegen. Wenn auch jeder auf
seine Weise sich diese göttliche Teilnahme und Fürsorge denkt, so sind
das nur unbedeutende Verschiedenheiten der individuellen Ansicht. Die
Hauptsache bleibt immer, daß eine Allweisheit und Allgüte die Ordnung
der Dinge regiert, zu der wir gehören, daß unsere kleinsten und größten
Schicksale darin mit verwebt sind, daß daher alles, was geschieht, gut
und uns, sei es auch schmerzhaft, wohltätig sein muß, endlich daß sein
Wohlgefallen an uns, und wo nicht aus andern gleich weisen Gründen
Ausnahmen eintreten, auch der Segen oder Unsegen, der uns trifft, von
der Pflichtmäßigkeit unserer Handlungen, noch mehr aber von der Reinheit
unserer Gesinnung abhängt. Darin können unsere Meinungen nicht
voneinander abweichen. Was ich sagte, bezog sich nur auf das, was Ihr
früherer Brief enthält, wo Sie anzunehmen schienen, daß die Gottheit
gleichsam einen Unterschied unter den Menschen zu machen scheine und
manche durch eine strengere Schule leite. Sie hatten dies nicht einmal
als Ihre Meinung ausgesprochen, sondern nur als eine der versuchten
Erklärungsarten der von Ihnen erwähnten Erscheinungen. In die Ansicht
nur könnte ich nie einstimmen, daß die Gottheit sich um einige weniger
kümmert als um andere. Gott kann, und das liegt in der Sache selbst,
sein Wohlgefallen mehr auf die richten, die dadurch, daß sie ihm
anhängen, eine größere Liebe, Innigkeit und Reinheit des Gemüts
beweisen, aber eine ungleiche Verteilung seiner leitenden, sorgenden,
belohnenden und strafenden Fürsorge läßt sich nicht, weder mit den
Begriffen von seiner Allmacht, noch mit denen von seiner Gerechtigkeit
in Vereinigung bringen. Im Alten Testament kommt allerdings von
Auserwählten Gottes vielleicht auch in diesem Sinne vor, allein diese
Stellen hängen auch zum Teil mit der jüdischen Idee des auserwählten
Volkes Gottes zusammen, und dann braucht auch dieser Begriff der
Auserwählung nicht gerade jenen ausschließenden Sinn, sondern nur den zu
haben, daß die Auserwählten diejenigen waren, welche sich durch ihre
Herzensreinheit und Frömmigkeit am meisten der Liebe Gottes würdig
gemacht und sein Wohlgefallen auf sich gezogen hatten. Im Neuen
Testament kommen Stellen, aus denen man auf eine ungleiche Sorge Gottes
in den waltenden Fügungen seiner Vorsehung schließen könnte, wohl nicht
vor. Wenn es bei einer oder der andern dies Ansehen haben sollte, sie
ist wohl anders zu erklären. Der tröstende Gedanke aber bleibt fort und
fort, daß Gott auch widrige und schmerzliche Schicksale nur aus Liebe
sendet, um unsere Gesinnungen zu läutern. So, liebe Charlotte, habe ich
die Sache verstanden, die in ein paar unserer Briefe von uns besprochen
worden ist, und so sollte ich denken, stimmte sie auch mit Ihren
Ansichten und Überzeugungen vollkommen überein.
_Tegel_, den 18. März 1827.
Sie kennen schon meine Neigung, bisweilen auf dem Lande zu sein, und so
wird es Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen von Tegel jetzt schreibe. Ich
bin indes nur auf ein paar Tage hier und habe die Stadt eigentlich noch
nicht verlassen. Wenngleich die Witterung rauh ist, so hindert mich das
nicht, alle Tage spazieren zu gehen, nämlich hier, und so lange und so
oft ich hier bin.
Der See, der in meinen Besitzungen ist, ist natürlich jetzt wieder ganz
frei von Eis. Das ist immer ein Schauspiel, an dem ich mich sehr
erfreue, dies Befreitwerden des Wassers von den Banden, die ihm im
Winter seine schöne Beweglichkeit rauben und es dem festen Lande gleich
machen. Man fühlt ordentlich die wiedergegebene freie Bewegung mit und
ist der rauhen Starrheit gram, welche das zarte, hingleitende Element,
so tief sie ihren Einfluß auszuüben vermag, um den schönsten Teil seiner
eigentümlichen Natur bringt. Man sagt gewöhnlich, das Wasser trennt die
Länder und Orte, aber es verbindet sie eher, es bietet eine viel
leichter zu durchschneidende Fläche dar als das feste Land, und es ist
ein so hübscher Gedanke, daß, wie weit auch die Ufer voneinander
entfernt sind, die Welle, die mir die Füße bespült, in kurzer Zeit am
gegenüberstehenden Gestade sein kann.
Mit Vergnügen lese ich in Ihrem Briefe, daß Sie mit dem Plan einer
kleinen Reise nach Offenbach beschäftigt sind, und bitte Sie, doch ja
Ihren Vorsatz nicht aufzugeben; auch glaube ich, daß Sie, liebe
Charlotte, einmal einer Erholung bedürfen, oder eine solche wenigstens
sehr wohltätig auf Sie wirken würde. Ich empfinde recht wohl, daß Sie
darum auf keine Weise unzufrieden mit Ihrer Lage, oder Ihrer
Beschäftigung überdrüssig sind. Allein es ist doch in den Menschen so.
Wenn sie eine lange Zeit hindurch dieselbe Sache, auch ohne Widerwillen,
sogar mit Vergnügen getrieben haben, so bemächtigt sich ihrer dennoch
eine durch die Einförmigkeit bewirkte Ermüdung, und neue, auch nur auf
eine kurze Zeit genossene Gegenstände geben den Gedanken und der
Empfindung eine neue Spannung, die gewöhnlich auch auf den Körper
zurückwirkt. Die Wahl von Offenbach finde ich sehr angemessen, da Sie
dort eine innig mit Ihnen verbundene, liebe, vertraute Freundin haben;
es ist ein angenehmer Ort in einer sehr hübschen Gegend, auch nicht sehr
weit von Ihnen entfernt. Ich war sehr oft da, zum erstenmal in demselben
Jahre, wo ich Sie in Pyrmont sah, im Jahre 1788. Ich besuchte die dort
als Schriftstellerin bekannte Frau von Laroche, die ich auch viele Jahre
später dort wieder sah, als ich mit meiner Frau und Familie von Paris
zurückkam. Sie war eine geistreiche und noch im hohen Alter unendlich
lebendige Frau und hatte etwas ganz besonders Angenehmes und
Liebenswürdiges, wenn man sie mitten im Kreise ihrer Kinder und Enkel
sah. Ein Sohn, wenig älter als ich, lebt noch hier in Berlin in sehr
genauer Freundschaft mit mir, ist glücklich verheiratet und in jeder
Rücksicht ein trefflicher Mensch. -- Ich wünsche von Herzen, daß Sie das
Vorhaben ausführen.
_Berlin_, den 10. April 1827.
Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, den Sie nach meinem Wunsch am 3.
abgeschickt haben, richtig erhalten und danke Ihnen herzlich dafür. Der
heitere, zufriedene Ton, der darin von der ersten bis zur letzten Zeile
herrscht, hat mir eine ganz besondere Freude gemacht. Es scheint mir
aber, als wären Sie schon seit längerer Zeit viel gleichförmiger
gestimmt als im Anfang unseres brieflichen Umgangs. Es ist sehr gütig
und liebevoll von Ihnen, und gereicht mir zur Freude, daß Sie es dem
Einfluß zuschreiben, den Sie mir so willig gestatten. Das Verdienst ist
auf Ihrer Seite; Ihre Seele ist so klar und empfänglich wie Ihr Gemüt,
und so sind Sie jeder Überzeugung und jeder Wahrheit immer offen. Ich
liebe die Heiterkeit ungemein. Es ist nicht gerade die laute, die sich
wie genießende Fröhlichkeit ankündigt, sondern die stille, die sich so
recht und ganz über die innere Seele ergießt. Ich liebe sie in anderen
und mir vorzüglich der größeren Klarheit wegen, die in der Heiterkeit
immer die Gedanken haben, und die für mich die erste und unerläßliche
Bedingung eines genügenden Daseins im Leben für sich und im Umgange mit
anderen ist. Die Wehmut führt auch bisweilen eine und oft noch größere
Klarheit mit sich. Man sieht und empfindet die Dinge in ihrer Nacktheit,
wenn das Gemüt so tief in sich bewegt ist, daß der Schleier zerreißt,
der sie sonst verhüllt. Aber es ist dies, wie ich es nennen möchte, eine
schmerzliche Klarheit, die teuer erkauft werden muß, und sie zeigt die
Gegenstände auch nur im Augenblicke und vorübergehend, wie man auch
augenblicklich in die Tiefe des Himmels schaut, wenn der Blitz die
Wolken zerreißt. Davon ist die leichte Klarheit ruhiger Heiterkeit
himmelweit verschieden. Diese zeigt die Dinge teils, als gingen sie
fremd vor einem vorüber, teils als besitze man Stärke genug, sich nicht
von ihnen bewegen zu lassen. Auf beide Weisen geht die Masse der
Ereignisse wie ein Schauspiel vorüber, und das ist eigentlich die des
Menschen würdigste Art, sie anzusehen, ohne lange bei ihnen zu verweilen
oder sich gar in sie zu vertiefen, immer eingedenk, daß es ein ganz
anderes und würdigeres geistiges Gebiet gibt, in dem der Mensch wirklich
sich heimatlich zu fühlen bestimmt ist. Wenn man das Fremde so nimmt,
und dasjenige, was Anteil der Freundschaft und Zuneigung nur in der Tat
zur Wirklichkeit macht, die sich auf keine Weise mehr als Schauspiel
behandeln läßt, nicht mehr bloß die Phantasie und den Gedanken in
Anspruch nimmt, sondern warm und lebendig das Herz ergreift, so
behandelt man das Leben vielleicht auf die unter allen zweckmäßigste
Art. Es ist mir für die Erhaltung und Fortdauer Ihrer Heiterkeit,
liebste Charlotte, sehr lieb, daß Sie sich mit dem Plane Ihrer kleinen
Reise beschäftigen. Es würde Ihnen diese Beschäftigung selbst zur
Entschädigung dienen, im Fall sich der Ausführung des Projekts etwas
entgegenstellte. Ich kann mir aber das nicht denken, da die Sache so
ungemein einfach ist. Was Sie mir in Ihrem letzten Briefe über Offenbach
sagen, hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich wußte nicht, daß der
Isenburger Hof das ehemalige Haus der Frau von Laroche war. Es ist sehr
hübsch und sehr natürlich von Ihnen, daß Sie alles lebhaft bei Ihrem
Dortsein und Wohnen in dem Hause interessierte, so daß Sie bei allen
Details verweilten, da die Schriften der Laroche, wie Sie mir sagen,
Ihnen in der Jugend nicht nur großes Vergnügen gewährten, sondern
bildend auf Sie wirkten. In gut gearteten Gemütern bewahrt und erhält
sich dann eine dankbare Anhänglichkeit. Gerade der Garten, von dem Sie
reden, ist das einzige, dessen ich mich deutlich erinnere. Ich sah die
Frau von Laroche zum letzten Male darin, als ich im Jahre 1801 mit
meiner Frau und Familie aus Paris zurückkam. Es war eine Laube im
Garten, in der wir saßen. Sie erinnern mich an das, was Goethe in seiner
Biographie, Wahrheit und Dichtung, von der Familie Laroche sagt, wo er
bei seiner Rückkehr von Wetzlar nach Frankfurt dort mehrere Tage
einkehrte und freundschaftlich aufgenommen war. Sie sind, wie es
scheint, nicht ganz zufrieden mit Goethe und der Art, wie er die würdige
Frau und die übrigen Familienmitglieder darstellt.
Leben Sie für heute herzlich wohl, und schreiben Sie mir doch den
24. d. M. Mit der herzlichsten und immer unveränderlichen Teilnahme Ihr
H.
_Berlin_, den 2. Mai 1827.
Tausend Dank, liebe Charlotte, für Ihren mir sehr erwünscht gewesenen
Brief vom 24. v. Mts. Ich habe es immer sehr gern, wenn ich, indem ich
einen Brief schreibe, einen zur Beantwortung vor mir habe. Wenn auch
unser Briefwechsel selten etwas enthält, worauf eigentlich eine Antwort
erforderlich wäre, so ist doch ein Briefwechsel seiner Natur nach immer
eine Erwiderung, und man schreibt weniger gern, wenn der Faden für den
Augenblick abgerissen ist und von neuem angeknüpft werden muß. Das
begegnet mir nun durch Ihre liebevolle Aufmerksamkeit nie, sondern
unsere Briefe wechseln sich regelmäßig ab. Ich bin überzeugt, daß, wenn
manche Menschen wüßten, daß wir uns so regelmäßig schreiben, ohne über
wissenschaftliche oder Geschäftsgegenstände zu reden, noch uns Tatsachen
mitzuteilen, sie gar nicht begreifen würden, was man sich sagen könne,
wenn man sich scheinbar nichts zu sagen hat. Recht wenige Menschen haben
einen Begriff und einen Sinn für die Mitteilung von Gedanken, Ideen und
Empfindungen, wenn es ihnen auch auf keine Art an Verstand, Geist und
Regsamkeit für alle Gefühle fehlt, für welche der Mensch empfänglich zu
sein pflegt. Es gehört zum Gefallen an solchen Mitteilungen noch mehr,
nämlich die Neigung, das, was man selbst denkt und fühlt, gern außerhalb
des eigenen Seins im andern zu erblicken. Bei einem Umgange, wie es der
zwischen uns beiden ist, ist es nicht eben der Wunsch, etwas in den
andern zu verpflanzen, Meinungen in ihm zu begründen, zu befestigen oder
zu zerstören, wenigstens fühle ich keinen solchen Hang und solches
Bemühen in mir. Aber was ich deutlich fühle, ist ein großes und in der
Liebe zu gefaßten Meinungen selbst: gegründetes Verlangen, was ich über
Gegenstände inneren Bewußtseins meine und empfinde, mit den Erfahrungen
und der Vorstellungsweise anderer zu vergleichen. Es kommt einem nun
gewissermaßen in sich gesicherter vor, was man mit dem Vorteilen und
dem Denken anderer zusammen hält, und wenn es keinen andern Grund
gegenseitiger Mitteilung im Menschengeschlecht gäbe, so wäre schon dies
gewiß ein hinlänglicher. Es hat auch gewissermaßen das Schreiben darin
einen Vorzug vor dem mündlichen Gespräch. Es vereinigt die Vorzüge des
letzteren mir denen des einsamen Nachdenkens, die doch gleichfalls
unverkennlich sind. Man hat für alles, was die Mitteilung der Gedanken
und Empfindungen betrifft, den andern nicht minder gegenwärtig, als wenn
man persönlich beieinander ist, und zu der Sammlung und dem Festhalten
der eigenen Gedanken trägt doch unfehlbar das Alleinsein, und selbst,
daß man den Faden seiner Gedanken ruhig ausspinnen kann, ehe ein anderer
dazwischentritt, bei.
Es ist mir sehr erfreulich gewesen zu sehen, daß es Ihnen lieb war,
meinen Brief gerade in den Feiertagen zu erhalten. Es war das meine
Absicht. Ich weiß, daß Sie sich in den Festtagen Muße, Ruhe und Erholung
erlauben, die Sie, gute Charlotte, so oft ersehnen -- und ihrer so
selten teilhaftig werden, -- ich weiß auch, daß Ihnen das Pfingstfest;
besonders lieb ist in seiner geistigen Bedeutung, und nun erkenne ich
mit Vergnügen, daß so die Tage in Heiterkeit still an Ihnen
vorübergegangen sind, und mein Brief und dessen Beantwortung Ihre
zufriedene, heitere Stimmung vermehrt hat. Ich gestehe Ihnen, daß Ihre
einfache Zufriedenheit mir stets erfreulich, oft rührend ist. Sie geht
aus Ihrem Innern hervor, wodurch sich das Äußere gestaltet. Ich teile
ganz Ihre Meinung, daß die Einrichtung bestimmter Ruhetage, selbst wenn
sie garnicht mit religiöser Feier zusammenhinge, eine für jeden, der ein
menschenfreundliches, auf alle Klassen der Gesellschaft gerichtetes
Gemüt hat, höchst erfreuliche und wirklich erquickende Idee ist. Es gibt
nichts so Selbstisches und Herzloses, als wenn Vornehme und Reiche mit
Mißfallen, oder wenigstens mit einem gewissen verschmähenden Ekel auf
Sonn- und Feiertage zurückblicken. Selbst die Wahl des siebenten Tages
ist gewiß die weiseste, welche hätte gefunden werden können. So
willkürlich es scheint und bis auf einen Punkt auch sein mag, die Arbeit
um einen Tag zu verkürzen oder zu verlängern, so bin ich überzeugt, daß
sechs Tage gerade das wahre, den Menschen in ihren physischen Kräften
und in ihrem Beharren in einförmiger Beschäftigung angemessene Maß ist.
Es liegt noch etwas Humanes auch darin, daß die zur Arbeit dem Menschen
behilflichen Tiere diese Ruhe mitgenießen. Die Periode wiederkehrender
Ruhe über die Maße zu verlängern, würde ebenso unhuman als töricht sein.
Ich habe dies sogar einmal an einem Beispiel in der Erfahrung gesehen.
Da ich in der Revolutionszeit einige Jahre in Paris war, so habe ich
dort es erlebt, daß man auch diese Einrichtung, sich an die göttliche
Einsetzung nicht kehrend, dem trocknen und hölzernen Dezimalsystem
untergeordnet hatte. Der zehnte Tag erst war es, was wir einen Sonntag
nennen, und alle gewöhnliche Betriebsamkeit ging neun Tage lang fort.
Wenn dies eigentlich sichtbar viel zu viel war, so wurde von mehreren,
so viel es die Polizeigesetze erlaubten, der Sonntag zugleich
mitgefeiert, und so entstand wieder zu vieler Müßiggang. So schwankt man
immer zwischen zwei Äußersten, wie man sich von dem regelmäßigen und
geordneten Mittelwege entfernt.
Wenn dies nun aber bloß nach schon vernunftgemäßen und weltlichen
Betrachtungen hiermit der Fall ist, wie anders stellt sich noch die
Sache nach den religiösen Beziehungen dar; dadurch wird die Idee, wie
der Genuß der Feiertage, zu einer Quelle geistiger Heiterkeit und wahren
Trostes. Die großen Feiertage sind überdies mit so merkwürdigen
Geschichtsereignissen verbunden, daß sie dadurch eine besondere
Heiligkeit erhalten. Es ist gewiß die angemessenste Feier dieser Tage,
in der Bibel selbst, in allen vier Evangelisten, die Erzählung
derjenigen, auf welche sich das Fest bezieht, zu lesen, wie Sie mir
schreiben, daß Sie zu tun pflegen seit vielen Jahren. In den
Evangelisten ist namentlich die Übereinstimmung in der Erzählung ebenso
merkwürdig als die Art, wie die Erzählung der einzelnen voneinander
abweicht. Die Übereinstimmung bürgt für die Treue und Wahrheit, und in
ihr liegt das Gepräge des Geistes, in dem alle diese unmittelbaren
Zeugen, die Christus selbst sahen und begleiteten, schrieben. Allein
dieser Geist, ob er gleich ein Geist der Einheit war, der alle beseelte,
hinderte doch nicht, daß sich nicht die eigentümliche Echtheit und
Schönheit jedes einzelnen Erzählers hätte gehörig entfalten und
darstellen können. Wirklich kann man, wenn man gewohnt ist, die vier
Evangelisten oft zu lesen, nicht leicht verkennen, von welchem eine
Stelle ist, wenn man nur irgendeine solche auswählt, in der sich das
Charakteristische einigermaßen zeigen läßt. Es scheint mir auch aus
Ihrem letzten Briefe, wie ich schon öfter bemerkt zu haben glaube, daß
Sie dem Evangelium Johannis den Vorzug geben. Dieser Ausdruck ist zwar
nicht passend, da in diesen Schriften mit Recht alles gleich geachtet
werden muß. Allein es ist doch natürlich, daß der eine Erzähler das Herz
und die Empfindung auf eine andere Art als der andere anspricht, und
alsdann läßt sich auch nach Individualitäten ein Unterschied im Eindruck
festsetzen. Ich teile ganz Ihre Meinung hierüber. Es ist gerade im
Johannes, wenn man es so nennen darf, etwas vorzüglich Seelenvolles.
In dem, was Sie über das Glück sagen, haben Sie mich doch einmal
mißverstanden, wie das ja auch bei den meisten und großen
Übereinstimmungen unter uns manchmal nicht anders sein kann. Was ich
darüber denke, wende ich übrigens nur für mich an. Ich finde es für mich
tröstend und ausreichend. Ich liebe es, auf mir selbst zu stehen, und
entbehre lieber, als ich an Hoffnungen hänge, die auch fehlschlagen
können. Jeder mag darin seine Weise haben. Mit innigster Teilnahme Ihr H.
_Tegel_, den 23. Mai 1827.
Sie haben mir, liebe Charlotte, mit Ihrem Brief vom 12., 13. und
14. d. M. eine große Freude gemacht, für welche ich Ihnen herzlich
danke. Ich habe mit großem Vergnügen daraus ersehen, daß Sie wohl und
heiter sind und das schöne und wirklich ungewöhnlich schöne Frühjahr
genießen. Sie wundern sich nicht mit Unrecht, daß ich dieses Jahr
später, als es die Jahreszeit zu erlauben schien, hierher gegangen bin.
Indes pflege ich gewöhnlich erst im Juni die Stadt zu verlassen. Es ist
jetzt sehr schön hier, und eigentlich war es vor acht Tagen noch
schöner. Es blühte da der lila oder spanische Flieder, der gerade hier
in großer Menge und Schönheit ist; er gibt für Auge und Geruch dem
Garten immer einen großen Reiz. Ich entbehre das indes wenig, denn ich
kann nicht sagen, daß ich gerade auf einzelne Blumen sehr viel hielte.
Die ganze Gartenkunst läßt mich ziemlich gleichgültig. Ich suche die
großen Bäume, und ziehe noch mehr die eines freien Waldes den
gepflanzten vor, und mein Vergnügen am Landleben ist mehr das freie und
weite Herumgehen in einer angenehmen Gegend, als das Bekümmern um
Pflanzungen und Blumenanlagen. Dies weite Herumgehen und die Freude an
Bäumen habe ich nun hier sehr. Um mein Haus unmittelbar herum sind
schöne, alte und doch noch in voller Kraft stehende Bäume in bedeutender
Menge, und will ich weiter gehen, so habe ich dicht hinter meinem Park
einen großen, dem König gehörenden Wald. Die Bäume haben darin etwas so
Schönes und Anziehendes, auch für die Phantasie, daß, da sie ihren Ort
nicht verändern können, sie Zeugen aller Veränderungen sind, die in
einer Gegend vorgehen, und da einige ein überaus hohes Alter erreichen,
so gleichen sie darin geschichtlichen Monumenten und haben doch ein
Leben, sind doch wie wir, entstehend und vergehend, nicht starr und
leblos wie Fluren und Flüsse, von denen sonst das im vorigen Gesagte in
gleichem Maße gilt. Daß man sie jünger und älter und endlich nach und
nach dem Tode zugehend Geht, zieht immer näher und näher an sie an.
Gewiß aber ist es, um diesen Eindrücken offen zu bleiben, notwendig, von
Kindheit an oft und anhaltend auf dem Lande gewesen zu sein. Nur auf
diese Weise verschwistern sich Gedanken und Empfindungen mit den uns in
der Natur umgebenden Gegenständen. Sonderbar aber ist es, daß meine
Liebhaberei nur auf die Bäume geht, die, da sie keine eßbare Frucht
tragen, gewissermaßen wilde heißen können. Obstbäume haben höchstens in
der Blüte einen Reiz für mich. Es gibt zwar sehr große, und deren Wuchs
in der Tat malerisch ist. Aber sie sagen mir nichts, ohne daß ich mir
weiter einen Grund davon angeben könnte. Es liegt indes vermutlich
darin, daß man die Obstbäume gewöhnlich nahe an Gebäuden findet, oder
daß sie doch immer die Kunst und Sorgfalt des Menschen verraten, da die
Seele und die Einbildungskraft die freie Natur fordert, an welcher der
Mensch nichts gemodelt und nichts geändert hat. Es ist schon schlimm
genug, daß so oft Bäume, die wirklich auf große Schönheit Anspruch
machen können, durch Menschenhände und ewiges Behauen ganz um ihren
freien und großartigen Wuchs gebracht werden. So ergeht es z. B. den
Weiden. Sie werden, wenn man sie frei und ungehindert wachsen läßt, zu
starken, hohen und malerisch schönen Bäumen. Noch in meiner Kindheit gab
es in Berlin selbst drei solche wirklich wundervolle Bäume, die aber
auch jetzt nicht mehr vorhanden sind. Aber ich sehe, daß ich zwei volle
Seiten über meine Liebhaberei an Bäumen geschrieben habe. Wüßte ich
nicht, wie gut Sie sind, liebe Charlotte, so müßte ich fürchten, Sie zu
ermüden, so aber rechne ich darauf, daß Sie gern lesen, was ich
schreibe, meist meinen Ideen gern folgen und sie in sich fortspinnen.
Mir ist es ein sehr angenehmes Gefühl, mich so vor Ihnen ganz zwanglos
gehen zu lassen, und zu Ihnen zu reden wie zu mir selbst. Aber ich habe
Ihnen noch das eine und andere heute zu sagen, so werden Sie diesmal
noch einen längeren Brief als gewöhnlich erhalten.
Ihr letzter Brief hat mir darin besonders Freude gemacht, daß Sie meine
Meinung teilen in dem, was ich über den Wert einer schriftlichen
Mitteilung, wie wir sie in unserm Briefwechsel aufgenommen, sagte. Auch
haben Sie darin vollkommen recht, daß ein solcher brieflicher Umgang,
der nie unterbrochen wird, zu einer gegenseitigen tieferen Kenntnis des
Charakters führt. Wenn es gewiß nur wenige sind, die an einem
Briefwechsel, wie der unsrige ist, Gefallen finden würden, so möchten
ihn auch vielleicht wenig Frauen führen können. Es sind dazu doch
Individualitäten erforderlich, die nicht jedermanns Sache sind, vor
allen auch eine Innerlichkeit des Lebens. Ich kenne Frauen, denen
niemand Geist absprechen kann, noch absprechen wird, sie besitzen viele
und selbst gelehrte Kenntnisse. Im Gebiete der Wissenschaften ist ihnen
wenig fremd; sie haben alles gelesen, was in die neuere und frühere Zeit
fällt, und selbst die Schriften und Schriftsteller der Vorzeit sind
ihnen bekannt, und ihre Unterhaltung ermüdet, und ihre Briefe sind kaum
zu lesen. Man fragt wohl, woran das liegt, und die Antwort ist nicht
leicht. Gewiß aber ist die Sprache ein Haupterfordernis, und sie ist
nicht allen verliehen und in der Tat mehr angeboren als angebildet. Sie
haben die Sprache wohl das Kleid der Seele genannt. Es ist das eine
ungemein richtige Bezeichnung, die mir sehr gefallen hat. Ihnen, liebe
Charlotte, ist die Sprache vor vielen anderen geworden, und wenn auch,
wie Sie wohl gesagt haben, Sie mit der neuen, modernen Lektüre unbekannt
geblieben sind, zu der Ihnen keine Zeit übrig blieb, indem Sie auch
nicht durch Ihre Neigungen dahin gezogen wurden, so hat Ihnen das
garnicht geschadet, vielleicht ist das Eigentümliche Ihnen dadurch
gerade mehr erhalten. Ich selbst bin auch ganz unbekannt mit diesen
Büchern. Es ist aber unverkennbar, daß Sie bei früherer, größerer Muße
nur unsere besten Schriften gelesen, ja mit ihnen gelebt haben, so hat
sich Charakter und Denkweise zugleich mit Sprache und Stil gebildet.
Leben, Wärme und Feuer ist in Ihrer Sprache, die dabei immer einfach und
natürlich und nie gesucht oder schwülstig ist. Ich habe Ihnen schon oft
Ähnliches gesagt, ohne mich einer Schmeichelei schuldig zu machen. Die
Tatsache hegt in jedem Ihrer Briefe und in jedem Heft Ihrer Biographie.
Es hat mich garnicht überrascht, daß Sie mir sagen, wie Sie schon sehr
früh die Neigung gehabt, in _»ernsthafte«_ Korrespondenz zu treten, die
nicht Erzählung von erlebten Begebenheiten, sondern Betrachtungen,
Gedanken und dergleichen enthalte. Jede Gelegenheit dazu haben Sie schon
als Kind mit einer Art Leidenschaft ergriffen, und Ihre empfangenen
Briefchen, wohl geordnet, mit Wichtigkeit bewahrt. Früh schon, wohl mit
zwölf Jahren, wären Ihnen manche Briefe übertragen, z. B. in der
Familie, auch die Krankenberichte an den verwandten Hausarzt. Überhaupt
bemerken Sie, wären Ihnen unter allen Beschäftigungen die mit Crayon und
Feder die liebsten gewesen, ob Ihnen doch auch eine vielleicht seltene
Kunstfertigkeit in weiblicher Arbeit angeboren sei; gewiß angeboren
meinen Sie, da Sie nie in irgend etwas Unterricht bekommen oder auch
bedurft haben, da der scharf unterscheidende Blick Ihres Auges
hinreichend gewesen, Sie zu belehren. (Diese Fähigkeit, bemerken Sie,
wäre in dem letzten Teil Ihres Lebens von der größten Wichtigkeit für
Sie geworden.) Ob nun dies Talent oder Kunstfertigkeit Sie auch erfreut
habe und Ihnen viel Lob gewonnen, hätten Sie sich doch noch lieber Ihrem
kleinen Schreibtisch zugewendet und Auszüge aus allen Büchern gemacht,
mit denen Sie nach und nach bekannt geworden.
Ich rufe Ihnen, liebe Charlotte, diese Selbstschilderungen aus einem
Heft Ihrer Biographie nicht ohne Absicht zurück. Die frühe Übung im
Schreiben mag beigetragen haben, Ihnen eine ungewöhnliche Leichtigkeit,
Fertigkeit, Gewandtheit, Richtigkeit und Gefälligkeit des Ausdrucks zu
geben, nicht weniger aber sind auch die intellektuellen Kräfte
erforderlich, die als Grundlage jenen den Wert geben.
Durch alle diese, sich stets erneuernden Bemerkungen ist schon mehr als
einmal der Gedanke in mir erregt, den ich Ihnen heute aussprechen will,
über den Sie lachen werden, der aber mein Ernst ist. Hören Sie mich denn
aufmerksam an, liebe Charlotte. Ich weiß, wie Sie in jener, nun schon
lange vergangenen Zeit, nach den Ihnen leider unersetzt gebliebenen
Vermögensverlusten, ganz niedergebeugt waren. Ich habe es nicht
vergessen, wie Sie damals mit sich, Verhängnis und Entschlüssen kämpften
und endlich, da Sie etwas ergreifen mußten, die Kunstarbeit wählten, mit
der Sie Ihre Neigung in einige Harmonie zu bringen dachten. Ich habe
nicht vergessen, wie Sie nun unermüdet allen Fleiß und Nachdenken
anwendeten und sich so eine seltene Geschicklichkeit gewannen, so daß
Ihre Fabrikate den ausländischen gleichgestellt, sehr gesucht und
versendet wurden. So gelang es Ihrer Anstrengung und Ausdauer, sich eine
unabhängige Selbständigkeit zu schaffen, die Ihnen noch die Freiheit
gab, nach Ihrer Neigung ein halb ländliches Leben zu führen. Es macht
Ihnen viel Ehre und erregt meine volle und wahre Achtung. Nicht allein
das Talent weiß ich zu würdigen, mehr noch die Charakterseiten, die dazu
erfordert werden.
Gern möchte ich Sie indes in einer freieren Lage und in Beschäftigungen
wissen, worin Sie bei zunehmenden Jahren weniger angestrengt, mehr sich
selbst lebten: das müßte, denke ich, zu erreichen sein. Ja, teure
Charlotte, ich möchte Sie so gern aus Ihrer sehr angestrengten
Lebensweise herausgehoben wissen und weiß zugleich, daß, was für viele
andere paßt, doch nicht für Sie ist.
Sie haben sehr oft in Ihren Briefen des schönen Verhältnisses gedacht,
worin Sie von Kindheit an, durch alle wechselnden Schicksale Ihres
Lebens, bis an sein Grab, zu Ewald gestanden; Sie denken mit gerührter
Dankbarkeit des Einflusses, den er auf Sie gehabt, und der unendlichen
Teilnahme, die er Ihnen in Rat und Tat durch ein langes Leben trostvoll
bewiesen. Hat er nie die Idee in Ihnen geweckt, Vorteil aus Ihrer Feder
zu ziehen? Wie viele Frauen taten und tun das, die vielleicht weniger
dazu berechtigt sind als Sie. Denken Sie nur an Therese Huber, deren Sie
schon mehrmals mit Liebe erwähnt haben, die Ihnen durch
gemeinschaftliche Freunde näher bekannt war. Es war wirklich
Notwendigkeit, was sie bestimmte zum Schreiben. Anfangs war sie gewiß
weniger dazu befähigt als Sie. Sie wenden mir hier vielleicht ein,
Therese Huber arbeitete an der Seite ihres Mannes, unter seinem Schutz,
Forthilfe und Korrektur. Wenn Sie einen solchen Entschluß fassen auf
meinen Rat, so ist es billig, daß ich Ihnen hilfreich bin. Schreiben Sie
Ihre Ansichten, Gedanken, Betrachtungen über freigewählte Gegenstände.
Ihre eigenen Schicksale und mancher, die Ihnen näher standen, bieten
Ihnen gewiß Stoff genug, mehr noch Ihr reiches, inneres Leben, das auch
in der sehr einfachen und angestrengten Lebensweise sich nie erschöpfte.
Die Schilderungen innerer Seelenzustände gelingen Ihnen ganz
vorzüglich.
Denken Sie meinem Vorschlage nach, prüfen Sie Ihre inneren Kräfte, seien
Sie nicht zu bescheiden und sagen mir, mit dem Vertrauen, das Sie mir ja
immer und unwandelbar so gütig zeigen, und worauf meine Teilnahme an
allem, was Sie angeht, auch gerechten Anspruch hat, Ihre Meinung.
Und nun leben Sie herzlich wohl, liebe Charlotte, ich erschrecke selbst
über die Länge meines Briefes, aber Sie finden darin einen Beweis der
innigen Teilnahme, womit ich Ihnen angehöre und unwandelbar angehören
werde. Ihr H.
_Tegel_, den 12. Juni 1827.
Ihr lieber Brief, am 5. d. M. zur Post gegeben, hat mir, wie alle Ihre
Briefe, wieder viel Freude gemacht, und ich danke Ihnen herzlich dafür,
liebe Charlotte.
Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrer Gegend auch so viele Gewitter haben.
Neulich dauerte hier eins die ganze Nacht hindurch, und ich erinnere
mich, nie so schöne und mannigfaltige Donner gehört zu haben. Alle Arten
des fernen und langsamen und dann beschleunigten Rollens und der
Schläge, die mit Krachen immer die Höhe verraten, kamen hintereinander
vor. Ich saß, wie ich gewöhnlich tue, bis nach ein Uhr an meinem
Schreibtisch beschäftigt, ging aber noch während des Gewitters zu Bette
und schlief ein, als es noch in voller Stärke war. Ich liebe unter allen
Naturerscheinungen die Gewitter vorzugsweise. Ob sie gleich freilich oft
großen Schaden anrichten und schmerzliche Verluste herbeiführen, so sind
sie doch auch durch Kühlung und den Regen, den sie gewähren, höchst
wohltätig. Hier in Tegel kommen sie selten recht herauf, weil der sehr
große See das ist, was die Leute eine Wetterscheide nennen. Haben sie
aber den Übergang über den See gemacht, so ist es ein Beweis, daß sie
groß genug waren, um den Abgang an Elektrizität, welche die Wassermasse
ihnen nimmt, ertragen zu können, und dann pflegen sie sich nachher noch
lange zu halten. Sie sagen mir in Ihrem Brief, daß Sie im letzten
strengen Winter einige Akazien verloren haben, die Sie zum Schirm vor
der Sonne in Ihrer Gartenstube hatten pflanzen lassen, und betrauern den
Verlust der so schön herangewachsenen Bäume. Das glaube ich Ihnen gern
und verstehe es ganz. Es ist nicht nur verdrießlich, Bäume zu verlieren,
sondern es kann sogar schmerzlich sein, wenn man sich an einen Baum
gewöhnt hat. Durch den Frost habe ich keinen Baum verloren, aber der
Sturm hat mir eine Akazie entwurzelt und einen Ahorn gespalten. Beides
waren alte, wunderschöne Bäume. Die Akazie habe ich nirgends größer
gesehen. Sie hatte einen sehr dicken Stamm und weit verbreitete Äste. Im
Grunde aber bleibt die Akazie selten gesund, wenn sie ein Alter, wie
diese gewiß hatte, von 45 bis 50 Jahren erreicht. Auch diese war schon
einmal gespalten, ich hatte aber durch eine, angelegte starke Klammer
ihr wieder Festigkeit gegeben. Der Sturm hat sie langsam niedergebeugt
und die Wurzeln mit aus der Erde gerissen. Der Ahorn war noch größer und
schöner, aber leider so gespalten, daß ich den ganzen Baum habe müssen
abhauen lassen. Nun ist eine Lücke entstanden, die man, wenn man nicht
die Ursache weiß, für absichtlich hält, da sie gerade vom Hause eine
hübsche Aussicht auf den See gibt, die mir aber leid tut, so oft ich
hinblicke. Die Bäume sind darin eigentlich unglücklich, zu allem Wind
und Wetter, allen Verunglimpfungen der Vögel und Insekten, der
Beschädigungen durch Menschen garnicht zu gedenken, geradezu still
halten zu müssen und sich nicht vom Fleck rühren zu können. Tieren steht
es doch frei, einen Schutz zu suchen, und doch kann man sich kaum
erwehren, die Bäume auch als empfindende Wesen anzusehen. Lebende sind
sie offenbar. Ihr Neigen sieht oft wie eine Klage aus, daß sie so
unbeweglich dastehen müssen; der Sturm ist ohnehin die unerfreulichste,
ja man kann wohl sagen, fürchterlichste Naturerscheinung. Schon daß er
eine so furchtbare Gewalt unsichtbar ausübt und man gar nicht einmal
begreift, wie er plötzlich entsteht und sich wendet, macht ihn viel
schauerlicher als die anderen Naturerscheinungen, die mehr in die Augen
fallen. Bei Stürmen denke ich noch allemal mit größerer Teilnahme, wie
Sie darunter leiden, da Sie mir wohl gesagt haben, daß Ihr Gartenhaus so
wenig Sie sichert.
Sie haben es sich schon wieder müssen gefallen lassen, daß ich mich in
meiner Liebe für die Bäume habe gehen lassen, aber Sie sind zu gut und
unendlich gut und sagen mir sehr freundlich, daß Ihre eigenen
Empfindungen für meine Lieblinge der freien Natur sehr gesteigert seien
und Sie jetzt die belaubten Mitbewohner Ihres kleines Gebiets mit
größerer Liebe betrachten als früher. Das sind so schöne und zart
weibliche Äußerungen, daß ich sie mit Vergnügen gelesen habe und Ihnen
recht innig dafür danke, liebe, gute Charlotte.
Sie sprechen in Ihrem Brief davon, daß ich wohl in diesem Sommer nach
Schlesien gehen würde und dies Ihnen minder lieb sei, weil es Ihnen eine
so weite Entfernung dünke. Ich gehe aber leider, obgleich ich Schlesien
nicht berühren werde, in diesem Sommer noch weiter. Ich begleite nämlich
meine Frau ins Bad nach Gastein. Dies Bad liegt hinter Salzburg und ist
also nahe an 120 Meilen von hier. Wir gehen aber erst im Juli fort, und
ich werde Ihnen in meinem nächsten Briefe, den ich noch vor meiner
Abreise von hier schreiben werde, sagen, wohin ich Sie bitten werde, die
Briefe an mich zu richten. Ich werde auch bei dieser Gelegenheit einmal
wieder München besuchen, wo ich seit sehr langen Jahren nicht war.
Unsere Abwesenheit wird bis in den September hinein dauern, da mit der
Hin- und Rückreise schon bedeutende Zeit verloren geht und der
Aufenthalt in München hinzukommt. Gastein ist eine der interessantesten
Gegenden Deutschlands. Ich habe es zwar noch nicht selbst gesehen, da im
vorigen Jahr meine Frau ohne mich da war, aber ich kenne Salzburg, und
dort fängt das Gebirge an, von dem das Bad Gastein gewissermaßen die
letzte und äußerste Schlucht ist. Gastein wird vom Norden Deutschlands
wenig besucht, von Österreich und Bayern aber, und selbst aus Italien
sehr viel. Dennoch sind alle Anstalten zum Wohnen und Leben dort sehr
schlecht, und man denkt auch wenigstens nur sehr langsam darauf, sie zu
verbessern. Da ich Tegel sehr liebe, so gehe ich eigentlich immer ungern
weg. Doch ist das überwunden, wenn man im Wagen sitzt, und in vieler
Rücksicht freue ich mich auf diese Monate. Ich habe sehr lange keine
Berge und überhaupt keine wahrhaft große, schöne Natur gesehen, und so
versetzt man sich immer gern in eine solche. Das Gasteiner Wasser gehört
übrigens zu den wirksamsten, die man kennt. Was aber die Gesundheit
betrifft, so gehören die Badereisen zum Teil auch zu den Moden der
Ärzte. In meiner Kindheit und ersten Jugend war es höchst selten, daß
jemand, wenn er auch bedeutend leidend war, sich in Bewegung setzte, um
seine Gesundheit durch ein Bad wieder herzustellen. Jetzt sind die
Menschen beweglicher geworden und finden mehr Vergnügen an dem Hin- und
Herwandern, wissen sich auch, obgleich alles jetzt kostbarer ist, die
Mittel dazu zu schaffen, und so entsteht in jedem Sommer eine
eigentliche Auswanderung nach den Bädern. Doch glaube ich, daß es auch
hier mehr Mode ist als anderswo, und z. B. bei Ihnen und in Ihrer
Gegend.
* * * * *
Sie schreiben, liebe Charlotte, in Ihrem letzten Brief viel von
Gewittern, indem Sie auf etwas antworten, was ich in einem meiner Briefe
darüber gesagt hatte. Ich bekam Ihre lieben Blätter gerade bei einem
heftigen Gewitter. Daß es Ihnen ist, als könnten Sie den Wunsch hegen,
gerade durch einen Blitz zu sterben, bin ich weit entfernt zu tadeln,
ich finde es, wenn man den Tod leicht gegenwärtig hat, sehr natürlich
und würde den Wunsch ohne Anstand selbst teilen. Es ist ein so reiner,
garnicht verstümmelnder, kaum verletzender Tod, und wenn man auch immer,
welche Todesart einem auch bestimmt sein mag, durch eine höhere Fügung
stirbt, so ist es doch in der Einbildungskraft nicht auszutilgen, was
Sie auch von Ihren Kinderjahren sagen, daß dieser Tod als einer
angesehen wird, der gleichsam unmittelbar vom Himmel kommt. Unter den
Elementen gibt es kein reineres und schöneres Feuer, als das bloß durch
die elektrische Naturkraft entstehende. Man wird auch bei dieser
Todesart in einem so majestätischen Schauspiel hinweggenommen, daß
darüber das Gewaltsame verschwindet. Kein durch äußere Umstände
herbeigeführter Tod ist dem natürlichen so nahe kommend als dieser.
Unstreitig aber sehen die vom Gewitter Erschlagenen weder den Blitz,
noch hören sie den Donner. Es kann nur eine Sekunde sein, wo Leben und
Bewußtsein dahin sind. Es ist indes sonderbar, daß Personen, die sich
vor dem Gewitter fürchten, gerade bei dem Donner am meisten in Schrecken
zu geraten pflegen: wenn man den Donner hört, ist alle Gefahr vorüber.
Wieviel man ihnen das sagen mag, es hilft nichts. Es liegt das gewiß
darin, daß der Donner durch sein furchtbares Krachen und langsam
steigendes Rollen die Nerven erschüttert und damit alle ruhige und
verständige Überlegung raubt, oder wenigstens schwächt. Es mag überhaupt
die Gewitterfurcht nicht immer sowohl Furcht und ängstliche Besorgnis
vor der drohenden Gefahr, sondern öfter eine Wirkung des Blitzes und des
Donners auf reizbare Nerven sein. Es ist aber überhaupt eine nicht so
leicht zu beantwortende Frage: ob vorzuziehen ist, schnell hinweggerufen
zu werden, oder langsam zu sterben und das Bewußtsein seines Todes zu
haben. Ich setze freilich dabei immer voraus, daß auch der langsame Tod
ein schmerzloser sei. Selbst theologisch hat man die Frage aufgeworfen.
Der Grund, den man sich dabei gedacht hat, ist wohl kein anderer
gewesen, als daß man Zeit haben soll, sich auf den Tod vorzubereiten,
damit man nicht unbußfertig sterbe. Davon, gestehe ich, würde ich wenig
halten, und bin ohne Ihre Erklärung darüber gewiß, daß wir gleicher
Meinung sind. Die Vorbereitung zum Tode muß das ganze Leben sein, so wie
das Leben selbst, und wirklich von seinem ersten Schritte an, eine
Annäherung zum Tode ist. Allein wenn ich auch in diesen Grund nicht
eingehen kann, so läßt sich sonst, wenigstens im individuellen Gefühl,
manches zugunsten eines voraussehenden, mit Bewußtsein verknüpften Todes
sagen. Es hat immer etwas sehr Gewaltsames, so plötzlich hinweggerufen
zu werden, auch wenn es ein bloßer Schlagfluß ist, und in der Tat noch
so sanft. Dann aber liegt noch etwas Menschliches darin, sich dem Gefühl
des Todes nicht entziehen zu wollen, ihn kennen zu lernen, bis auf den
letzten Hauch das scheidende Leben in sich zu beobachten.
Leben Sie recht wohl, liebste Charlotte, und suchen Sie sich gegen den
Ihnen so nachteiligen Einfluß der Hitze zu verwahren. Ihre Meinung,
immer durch Aderlässe sich zu erleichtern, beunruhigt mich. Sie können
dadurch nur geschwächt werden, und noch mehr bei Ihrem Mangel an Eßluft.
Der Ihrige. H.
_Bad Gastein_, den 5. August 1827.
Der Ort hier liegt schon den höchsten Bergen Deutschlands sehr nahe. Man
befindet sich selbst hier im Bade 2000 Fuß über der Meeresfläche. Das
Tal ist überaus lieblich und schön. Von Salzburg hierher geht eine sehr
große, sehr bequem angelegte Straße. Doch ist das Tal sehr enge. Im
Grunde dankt man dies Tal nur dem Lauf des Flusses, welcher darin sein
Bett hat. Von Salzburg aus ist es den größten Teil des Weges über die
Salza, einige Meilen von hier aber die Ache, die in die Salza fließt.
Sehr selten aber kann der Weg neben dem Fluß in der Talebene hinlaufen.
Meistenteils hängt er hoch an dem Felsen und geht nur da hinunter, wo er
sich mittels einer Brücke auf die andere Seite des Flusses schlägt. An
den Felsen hinlaufend, ist er mit hohen Mauern, mitunter nur auch mit
hölzernen Pfeilern gestützt. Dieser Weg dauert aber nur bis in das Bad.
Hier streckt sich eine Bergkette quer vor. Von hier weiter kann man nur
mit ganz kleinen Landwagen noch etwa eine Stunde weit fahren, nachher
nur mit Lasttieren oder reitend übers Gebirge kommen. Dies macht eben
den schönen Anblick des Ortes, da man, wenn man mit dem Gesicht gegen
das Ende des Tales steht, mehrere Stufen von Bergen übereinander sieht,
deren unterste mit dunkeln Tannen bewachsen und die obersten mit Schnee
bedeckt sind. Unmittelbar an diesem Berge liegt das Haus, wo wir mit
anderen Badegästen wohnen, und das ein vom letzten Erzbischof von
Salzburg gebautes Schloß, aber weder prächtig noch groß ist. Über diese
das Tal beschließende Bergreihe fällt nun die Ache, und bildet einen in
seiner ganzen Länge sehr hohen, aber eigentlich aus mehreren einzelnen
Fällen bestehenden Wasserfall. Die ganze Höhe beträgt 630 Fuß. Von
beiden Seiten ist er von steilen Felsen eingeschlossen, über die aber an
einigen Stellen der Schaum in der Ferne sichtbar hervorspritzt. Die Lage
des Schlosses ist darin wunderbar und für mich sehr angenehm, daß die
Hinterseite so nahe an dem Felsen und dem Gebirge liegt, daß man keine
volle zwei Schritte Raum hat. Die Vorderseite, die nach dem Orte zu
liegt, hat hingegen eine hohe Treppe, die vom Platz in das untere
Stockwerk führt. Hinten herum gehen Treppen und kleine mit Geländern
versehene Pfade den Berg hinauf, neben dem Wasserfall hin; dieser ist
kaum zwanzig Schritte vom Hause entfernt, und macht ein großes,
donnerartiges Getöse, das die Badegäste vom Augenblick ihrer Ankunft bis
zur Abreise nicht einen Moment verläßt. Vielen, besonders
nervenschwachen Personen ist dieser Lärm sehr zuwider, sie machen weite
Spaziergänge, um sich auf Augenblicke davon zu befreien, können nicht
schlafen und haben ein großes Wesen damit. Mir tut er nichts, vielmehr
habe ich ihn gern. Ich bewohne das Zimmer, dem er am nächsten ist, und
arbeite und schlafe vortrefflich. Das einzige Unbequeme ist, daß, wenn
man Besuch hat, man, um sich vor dem Rauschen zu verstehen, viel lauter,
als sonst angenehm ist, reden muß. Die kleinen Felsenwege hinter dem
Schloß führen auf eine über den Wasserfall weg an seinen höchsten Punkt
gehende Brücke. Man hat dieser sehr unrichtig den Namen der
Schreckensbrücke gegeben. Sie ist angenehm und gewährt einen lieblichen
und ewig den Blick anziehenden Anblick, hat aber im geringsten nichts
Schreckliches. Geht man über diese Brücke, so steigt man noch eine
Zeitlang zur Seite der eben ihrem Fall zustürzenden Ache und gelangt
dann in ein viel freieres Tal als das hiesige, das von noch höheren
Bergen umgeben ist. Es ist meiner Empfindung nach bei weitem nicht so
malerisch als das hiesige, aber man kann eine große Strecke lang ohne zu
steigen fortgehen, weshalb ich es gern zu Spaziergängen wähle, auf denen
ich mich mehr mit mir als mit der Gegend beschäftigen will. In dem Teile
des eigentlichen Bades, das der Vorderseite des Schlosses
gegenüberliegt, sind sehr schöne Pfade und Gänge aller Art, aber kein
Platz, wo man nur 200 Schritte ohne hinauf oder hinab zu steigen gehen
könnte. Für Personen, die an den Füßen leiden, ist das schlimm, da es
ihnen leicht an Bewegung mangelt. Indes wird auch die Bewegung hier
garnicht als notwendig zur Kur angesehen. Man legt sich vielmehr gleich
nach dem Bade auf eine oder zwei Stunden ins Bett, und es wird für
zuträglich gehalten, wenn man schläft. Die ersten Tage, ehe man die
Wallung und Aufregung des Bades gewohnt wird, will das nicht gelingen,
jetzt aber schlafe ich immer. Ich bade nämlich schon um vier Uhr
morgens. Man bleibt gewöhnlich eine Stunde im Bade. Die Quelle ist sehr
heiß, wohl 40 Grad Hitze; man läßt es früh ein, damit es abkühlen kann;
27 bis 28 Grad ist die gewöhnliche Badewärme. Getrunken wird das Wasser
auch, doch ist das Baden die Hauptsache. Einigen bekommt auch das
Trinken nicht. Ohne den Wasserfall wäre das Tal seiner größten Schönheit
beraubt. Ich kann stundenlang dabeistehen und dies Treiben, Kochen und
Sprudeln mit ansehen, in dem sich das Wasser bis zu bloßem Schaum
verarbeitet. An den weniger jähen Stellen rollt es dann in länglichen,
grünen Wölbungen fort, deren Säume nur mit Schaum eingefaßt sind, und
überall ist eine Eile, eine Emsigkeit, als gelte es das Leben, das
ruhige und stille Tal zu erreichen. Ich habe in der Schweiz und Italien
viel größere und eigentlich auch schönere Wasserfälle gesehen, der
hiesige gehört doch nur zu den kleineren. Aber seine Länge und die
Verschiedenheit, bald senkrecht steiler, bald bloß einer mehr und minder
schiefen Fläche ähnlicher Abhänge, gibt ihm wieder eine
Mannigfaltigkeit, welche jene nicht haben. Ich bin in meiner Erzählung
sehr ausführlich gewesen, weil ich weiß, daß es Ihnen an sich
interessant sein wird, noch mehr aber, weil ich gewiß bin, daß Sie mich
gern mit Ihren Gedanken begleiten und darum gern ein anschauliches Bild
von einem Ort empfangen, der, soviel ich weiß, noch wenig beschrieben
ist. Sie sehen zugleich, die Sie meine Neigung, mich an einer schönen
Gegend zu erfreuen, kennen, daß mir die Zeit recht angenehm hingeht.
Auf der Herreise besuchte ich auch München und blieb vier Tage dort. Es
ist von Kunstschätzen sehr viel und unendlich Schönes da zu sehen. Der
König hat sehr viel antike Statuen und Gemälde zusammengekauft und läßt
Gebäude mit königlicher Pracht aufführen, um sie darin aufzustellen. Dem
Klima nach ist allerdings, wie Sie sagen, München keine angenehme Stadt.
Im Sommer kann man das zwar nicht eben merken, allein es liegt auf einer
sehr hohen Fläche und hat daher nicht bloß einen sehr strengen Winter,
sondern auch sehr scharfe und unangenehme Winde. Vorzüglich klagt man
über die Frühjahre und Herbste. Die unmittelbare Gegend rund herum ist
auch nicht schön, sondern eher häßlich zu nennen. Bloß der englische
Garten gewährt einen angenehmen Spaziergang und ist eine wirklich schöne
Anlage.
Leben Sie recht wohl. Mit herzlicher Freundschaft
und Teilnahme Ihr H.
_Tegel_, den 21. September 1827.
Ihre beiden Briefe vom 4. und 15. d. M. sind mir, liebe Charlotte,
richtig zugekommen und ich danke Ihnen recht herzlich dafür. Sie haben
mir beide besondere Freude gemacht, da sich die Gesinnungen, die Sie mir
schenken, darin gerade auf die angenehmste und mir gefälligste Art
aussprechen. Es war mir auch eine erfreuliche Überraschung, daß mir der
erste dieser Briefe unerwartet kam, also eine liebe Zugabe außer der
Regel, weshalb Sie gewiß nicht um Verzeihung bitten dürfen. Ich erbitte
mir nur Ihre Briefe auf einen bestimmten Tag, weil Sie das gern haben.
Wenn ich neulich äußerte, daß es mir lieber sei, auf den Tag, nicht
früher und nicht später, den Brief zu erhalten, so sagt das nicht, daß
mir nicht immer einer mehr, welchen Tag er eintreffen möge, angenehm
sei.
Was mir am erfreulichsten in Ihrem Briefe ist, ist vor allem das, was
Sie mir über Ihre immer zunehmende Heiterkeit und Zufriedenheit sagen.
Es ist das ein sicheres Zeichen, daß Ihre Seele jetzt in einer Stimmung
ist, die aus einer Ihnen ziemlich zusagenden äußeren Lage und
Schicksalen hervorgeht. Erhalten Sie sich so viel als möglich darin,
liebe Charlotte. Der Mensch kann immer sehr viel für sein inneres Glück
tun, und was er äußeren Ursachen sonst abbetteln müßte, sich selbst
geben. Es kommt nur auf die Kraft des Entschlusses und auf einige
Gewöhnung zur Selbstüberwindung an. Diese aber ist die Grundlage aller
Tugend sowie aller inneren, größeren Gesinnung. Sie sagen in Ihrem
Briefe vom 15. September: »Ich weiß, daß alles, was mich eigentlich
jetzt beglückt, so bleibt, wie es ist.« Gewiß, liebe Charlotte, dürfen
Sie nicht fürchten, daß ich je anders gegen Sie werden würde, als ich
jetzt bin. Sie befolgten es einmal, und obgleich auch damals Ihre
Besorgnis unbegründet war, konnte sie dennoch damals eher entstehen. Es
sind seitdem über zwei Jahre verflossen, und Sie haben gesehen, wie
unnötig Ihre Besorgnisse waren, und nicht die leiseste Umänderung
eingetreten ist, und das Verhältnis unter uns dadurch zu dem geworden
ist, was Ihnen das liebste ist, und die Gestalt angenommen hat, die
Ihnen am meisten zusagt. In mir ist eine Änderung wahrhaft unmöglich.
Ich nehme den herzlichsten Teil an Ihnen und Ihrem Schicksal, wünsche
Ihr Glück, trage gern zu Ihrer Freude bei, gebe gern Ihren Wünschen
nach, wo es sich so tun läßt und so geschehen kann, daß ich nicht aus
meinem inneren Kreise herausgehe. Für mich erwarte ich nichts, Sie
können Ihrem Charakter und Ihren Gesinnungen nach mich nie täuschen,
aber ich kann auch von niemandem getäuscht werden, da ich von keinem auf
etwas Anspruch mache, mich keinem mit Erwartungen nähere, sondern mein
inneres Bedürfnis so mit meinem eigenen inneren Vermögen in
Gleichgewicht gesetzt habe, daß sich das erstere nie nach außen zu
wenden braucht. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich nie auf Dank
rechne, sondern das, was ich für andere tue, wenn es mir nicht
gewissermaßen gleichgültig erscheint, aus Ideen und Grundsätzen fließt,
die für mich einen von der Wirkung auf den andern ganz unabhängigen Wert
haben. Ich werde auch nie durch etwas gereizt. Was mein Wesen ausmacht,
ist abgeschlossen in sich und unabhängig von allen solchen das Leben so
vieler kleinlich bewegenden Zufälligkeiten. Ich tadle diese darum nicht;
sie haben ihre Weise und ich die meinige. Aber die meinige ist die
sicherere und beglückendere. Dabei ist mir jede Anerkennung, jede mir
erwiesene Teilnahme, jede mir geäußerte Gesinnung erfreulich, und ich
bin gern dankbar. Ich schätze sie besonders als ein Zeichen dessen, was
in der Seele derer ist, die sie hegen. Wird nun eine solche anhängliche,
treue, verehrende Gesinnung seit langer und sehr langer Zeit, wie in
Ihnen, liebe Charlotte, fortgetragen, so steigt natürlich der Wert
derselben. Es freut mich daher immer, zu sehen, wie Sie erkennen, daß
der nie sich verleugnende Ernst und die in sich geschlossene Festigkeit
meiner Ideen, meine Unabhängigkeit von äußeren Dingen, meine Gewohnheit,
mein Glück mir nur selbst aus meinem Innern zu schöpfen, über Ihnen
schweben, wie Sie gern daran herauf blicken und Ihre Ideen dadurch
berichtigt sehen, wo sie einer Berichtigung bedürfen. So wird es auch
gewiß ferner und immer bleiben. Mein inniger Anteil, meine
Bereitwilligkeit, meine Freude, Ihnen nützlich und erfreulich zu sein,
werden Ihnen stets unwandelbar bleiben. Ich bitte Sie, mir den
2. Oktober und nicht später zu schreiben. Der Herbst ist wunderschön; ob
er gleich immer unsere sicherste und beste Jahreszeit ist, scheint es
mir doch, daß er in diesem Jahr sich selbst übertrifft. Leben Sie recht
wohl. Mit der herzlichsten Teilnahme Ihr H.
_Tegel_, den 8. Oktober 1827.
Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 2. Oktober vor einigen Tagen
erhalten, und er hat mich aufs neue erfreut, und ich danke Ihnen
herzlich dafür.
Was sagen Sie zu diesem prachtvollen Wetter? Man kann unmöglich es so
ungerührt an sich vorübergehen lassen. Indes liebe ich an unserem
nördlichen Klima das, daß die Jahreszeiten sich voneinander
unterscheiden, und nicht in Gleichförmigkeit ineinanderfließen. In
südlichen Ländern ist das nicht so, der Frühling trennt sich nicht
bestimmt wie bei uns vom Winter, er ist mehr nur der noch mildere Teil
desselben. Gerade aber der Übergang aus der Erstarrtheit und der
Dumpfheit des Winters in die heitere Lauigkeit des Frühlings macht einen
tiefen und anregenden Eindruck auf das Gemüt. Verbunden mit dem Herbst,
durch den hindurch die Natur in die Gebundenheit des Winters übergeht,
schließt sich der Wechsel und die Folge dieser drei Jahreszeiten an die
großen Ideen an, die dem Menschen immer die nächsten sind, das Erstarren
im Tode und das Auferstehen zu neuem Leben. Was man um sich sieht und
empfindet, und was einer in der inneren Tiefe seines Gemüts denkt,
stellt unter ganz verschiedenen Formen immer diesen Wechsel und diese
Übergänge vor. Am lebendigsten aber tut es die Natur im Wechsel der
Jahreszeiten, in allem Begraben des Samens in die ihn mütterlich
verdeckende Erde, und dem Wiederhervorkeimen aus derselben und vielen
anderen Erscheinungen, die man symbolisch und allegorisch also deuten
und darauf beziehen kann. Es ist der große Gedanke der Natur selbst, die
nur dadurch besteht, daß sie sich ewig wieder erneuert. Wäre man immer
recht durchdrungen von dieser Idee, so würde man sehr oft seinen
Handlungen, Empfindungen und Gedanken eine andere Richtung geben, als
man jetzt oft tut. Man würde nämlich fühlen, daß alles darauf
hinausgeht, eine gewisse Reife zu erlangen, mit welcher allein jener
Übertritt aus dem gebundenen und unvollkommenen Zustande in den freieren
und vollkommeneren gedacht werden kann. Denn man kann sich doch das
Sterben und wieder zu neuem Dasein Erstehen nicht als bloß zufällig
geschehend, oder auf irdische Ereignisse berechnet, vorstellen. Das
Verlassen dieses Lebens steht gewiß, es geschehe früh oder spät, in
unmittelbarer Beziehung auf das innere Wesen des Dahingehenden und ist
immer ein Zeichen, daß nach der Erkenntnis, der nichts verborgen ist,
eine fernere Entwickelung auf dieser Erde dem Scheidenden nicht mehr
vorteilhaft war. Ebenso kann auch der Tod nicht auf alle gleiche
Wirkungen haben den, welcher im Leben mehr und höher zu geistiger Stärke
gereift war, nicht so als den führen und stellen, der darin
zurückgeblieben. Der Tod und das neue Leben ergreifen nur immer das für
sie Gereifte. So muß also auch der Mensch diese Reife in sich befördern,
und die Reife für den Tod und das neue Leben ist nur eine und eben
dieselbe. Denn sie ist eine Trennung vom Irdischen, eine
Gleichgültigkeit gegen irdischen Genuß und irdische Tätigkeit, ein Leben
in Ideen, die von aller Welt entfernt sind, ein Sichlosreißen von dem
Sehnen nach Glück, es ist mit einem Wort die Stimmung, daß man
unbekümmert um die Art, wie man hier vom Schicksal behandelt wird, nur
auf das Ziel sieht, dem man zustrebt, daß man also Stärke und
Selbstverleugnung übt und wachsame Herrschaft über sich selbst. Daraus
entsteht die heitere, furchtlose Ruhe, die, nichts Äußeres bedürfend,
sich wie ein zweiter Himmel, ein geistiger, neben dem körperlichen in
unbewölkter Bläue über den so in sich gestimmten Menschen ausbreitet.
_Tegel_, den 26. Oktober 1827.
Entschuldigen Sie sich nie, liebe Charlotte, wenn Sie einmal einen
Posttag später schreiben, als ich Ihnen meinen Wunsch nach einem Briefe
ausgedrückt hatte. Sie sind immer so pünktlich und aufmerksam, daß ich
gewiß bin, daß dann ein Hindernis eintrat, das Sie nicht beseitigen
konnten. Auch bestimme ich ja nur die Tage, weil Sie es wünschen.
Sie haben sehr recht, in Ihrem letzten Briefe zu sagen, daß der
18. Oktober, den man gleich nach dem Ereignis, welches damals so
ungeheuer schien, ewig feiern wollte, jetzt schon beinahe vergessen ist.
Wahrhaft als ein Erinnerungstag gefeiert wird er noch in Hamburg, aber
ich glaube, auch nur da. Es liegt indessen in der Natur der Dinge, daß
ein Ereignis das andere treibt, und daß es kaum möglich ist, eins auf
sehr lange festzuhalten. Man empfindet die wohltätigen Folgen noch
dankbar im Innern der Brust, man gedenkt der wundervollen Fügung des
Schicksals, wodurch die menschlichen Pläne an einem so denkwürdigen Tage
ein solches Gedeihen gewannen, aber der frohe, über alles hinweghebende,
sich im allgemeinen Jubel ergießende Sinn erstirbt; was kurz nach der
Gegenwart als eine ganz außerordentliche Begebenheit, ein wahres Wunder
erschien, tritt nun in den gewöhnlichen Lauf der Begebenheiten zurück.
Wenn das auch nicht recht sein mag, so ist es doch natürlich, und ist,
so lange die Welt steht, so gewesen. Ich kann es selbst nicht so sehr
tadeln. Alles, was man Staats- und Weltbegebenheiten nennt, hat in allen
äußeren Dingen die größte Wichtigkeit, stiftet und vernichtet im
Augenblick das Glück, oft das Dasein von Tausenden, aber wenn nun die
Welle des Augenblicks vorübergerauscht ist, der Sturm sich gelegt hat,
so verliert sich, ja so verschwindet oft spurlos ihr Einfluß. Viele
andere ganz geräuschlos die Gedanken und Empfindung stimmende Dinge
sind da oft weit mehr von tiefem und dauerndem Einfluß. Der Mensch kann
sich überhaupt sehr frei halten von allem, was nicht unmittelbar in sein
Privatleben eingreift, und dies ist eine sehr weise Einrichtung der
Vorsehung, weil so das individuelle Glück unendlich mehr gesichert ist.
Gerade auch je mehr der Mensch sich in seine Individualität einschließt,
desto mehr geht aus ihr hervor, was segensvoll auf das Gemüt und das
innere Glück vieler wirkt. Diese Betrachtungen verrücken zwar sehr die
gewöhnlich über das, was wichtig und unwichtig ist, herrschenden Ideen;
das für das Wichtigste Gehaltene wird fast zur Gleichgültigkeit
herabgesetzt und dem Unscheinbaren große Bedeutung beigemessen. Sie sind
aber darum doch nicht minder wahr, und werden auch gewiß so von allen
empfunden, welchen das äußere Weltleben nicht allen inneren Sinn
abgestumpft hat. Auch die verschiedenen Epochen des Lebens verändern
hierin die Ansicht sehr. Dem Jugend- und früheren Mannesalter sagt alles
mehr zu, was auf einen größeren Schauplatz versetzt; im Alter fällt der
falsche Glanz von den Dingen, aber sie erscheinen darum nicht ohne
Bedeutung, hohl und leer. Man lernt nur das Reinmenschliche in ihnen
suchen und schätzen und dies bewährt sich ohne Wandel, so lange man
Kraft behält, sich mit ihm in Berührung zu setzen.