Sammlung und sehr großem Vergnügen gelesen und wiederhole Ihnen meinen
wirklich recht herzlichen und aufrichtigen Dank dafür. Ich habe die
Zeiten gewählt, wo ich am freiesten war, mich in die geschilderten Lagen
zu versetzen, und habe also langsam und mit großem Bedacht jedes
Einzelne erwogen. Einige der Schilderungen sind mir ungemein anziehend
und reizend vorgekommen. Es muß Sie das nicht wundern. Wenn man den
Inhalt dieser Bogen in seinen Resultaten erzählt, so kann das Leben
eines Kindes nur höchst unbedeutend scheinende geben. Aber wenn man eine
sehr ausführliche Schilderung vor sich hat, ist es durchaus anders. Es
ist dann nicht mehr die Sache, das Resultat, es ist die Veränderung, die
dabei in der Seele vorgeht, die innere Entwickelung der Ideen und
Empfindungen, und die ist bei einem Kinde nicht bloß ebenso anziehend
als bei Erwachsenen, sondern im Grunde mehr, da das Kind zu mehr
Vergleichen Stoff darbietet. Wie Sie zum Beispiel sich als Kind zeigten,
vergleicht man gern mit der Natur Ihrer beiden Eltern, und mit Ihrem
eigenen späteren Wesen. Diese drei Punkte haben mir beim Lesen immer
gleich deutlich vor Augen gestanden. Es ist vollkommen offenbar, daß,
was Sie als Kind charakterisiert hat und was sich überall in Ihrem
künftigen Leben wieder finden wird, wenn Sie in Ihren Schilderungen
fortrücken werden, eine gewisse Innerlichkeit Ihres Wesens ist. Sie
scheinen zwar auch in jenen Jahren der früheren Kindheit sehr aufmerksam
auf dasjenige gewesen zu sein, was um Sie herum vorging, allein doch
nicht sowohl, um darin nun wirklich zu leben, als um sich daraus eine
eigene, innere Welt zu bilden. Es ist ebenso unverkennbar, daß Sie
diese, mehr innerliche Natur Ihrem Vater verdanken, in dem sie nur auf
eine andere Weise vorhanden und aus anderen Quellen entsprungen war.
Über Ihre Eltern und ihre gegenseitigen Vorzüge zu urteilen, ist nicht
leicht. Wie beide da in der Welt standen, ist man sehr geneigt, sich
doch mehr für Ihre Mutter zu erklären. Sie ist praktisch tätig, mutig,
besonnen, verständig und doch nicht von tändelnder, aber doch von sehr
wahrer Liebe und Wohltätigkeit. Der größere Charakter unter beiden ist
sie gewiß. Bei dem Vater vermißt man das recht ins Leben Eingreifende,
das einem Manne noch mehr als einem Weibe geziemt. Allein man hütet sich
mit Recht abzuurteilen. Es ist sichtbar, daß man in sein eigentliches,
inneres Wesen nicht gehörig eindringt. Es ist auch höchst
wahrscheinlich, daß er nie Gelegenheit fand, dies ganz und ohne Rückhalt
aufzuschließen. Mit seiner Frau konnte er in einem solchen Verhältnis
nicht stehen. Er hätte es späterhin mit Ihnen gekonnt, und vielleicht
ist es auch in der Folge bis auf einen gewissen Punkt geschehen? Das
werden in der Folge Ihre Blätter zeigen. Allein es ist selten und
schwer, daß ein Vater sich über sich selbst erwachsenen Töchtern
vollkommen öffnen kann. Dann war auch die innerliche Natur Ihres Vaters
(ich meine darunter nämlich die Neigung, vorzugsweise vor allem andern,
sich mit sich selbst zu beschäftigen) mit etwas, das, wenn man es auch
nicht körperlich allein nennen mag, doch vom Willen und selbst vom
Bewußtsein unabhängig und getrennt ist, vermischt. Diese Träume, dieser
gewissermaßen natürliche Magnetismus, haben in sich etwas
Geheimnisvolles, von dem sich weder Ursachen noch Folgen berechnen
lassen, und das immer wie eine unbekannte Größe dasteht, und etwas, das
das Urteil über den ganzen Menschen, in dem es sich befindet, ungewiß
macht.
Ich gestehe, daß ich keine Vorliebe für diese innere Gemütsstimmung
habe. Ich bedarf Klarheit der Gedanken und des Bewußtseins, daß nichts
in mir ohne meinen bestimmten und wohlgeordneten Willen vorgeht. Ich
besitze, teils von Natur, teils durch die sehr früh begonnene Übung
eines langen Lebens, eine große Gewalt und Stärke über mich selbst, und
mir würde daher schon in der Idee ein Zustand peinlich sein, wie der
war, wo in dem Traum, den Sie von Ihrem Vater erzählen, er von einem
fremden Geiste in seiner unmittelbaren Existenz scheint beherrscht zu
werden. Ich bin daher noch viel behutsamer, über Ihren Vater mir das
mindeste Urteil zu erlauben, als ich es immer bei jemanden sein würde,
der Ihnen so nahe steht. Sie fragen mich, ob ich die Umgegend von
Preußisch-Minden und die Porta Westphalica kenne. Nein, ich bin in jener
Provinz immer im schnellen Durchreisen gewesen, und in diese Gegenden
auch nicht einmal gekommen. Ich halte sie aber für sehr anziehend,
außerdem, daß sie geschichtliche Wichtigkeit haben. Nun werde ich indes
schwerlich mehr reisen und mich anders als in dem Kreise bewegen, in dem
ich mich herumdrehe, und werde ich sie also auch wohl nie sehen. Auch
sehe ich eben, daß Sie meinen Rat über etwas wünschen. Schreiben Sie mir
nur ohne Rückhalt, wenn ich Ihnen raten kann, tue ich es gewiß mit
Freuden. Es ist aber wahr, daß ich nichts davon halte, Rat zu fragen,
noch zu erteilen. Gewöhnlich wissen die Fragenden schon, was sie tun
wollen, und bleiben auch dabei. Man kann sich von einem andern über
mancherlei, auch über Konvenienz, Pflicht aufklären lassen, aber
entschließen muß man doch sich selbst. Leben Sie herzlich wohl!
Unwandelbar der Ihrige. H.
_Berlin_, den 18. Oktober 1823.
Den für den Augenblick nötigsten Teil Ihres letzten Briefes, liebe
Charlotte, habe ich schon neulich beantwortet, und bin begierig, aus
Ihrem nächsten zu sehen, ob Sie meinen Rat befolgt haben werden. Der
Ausgang bleibt allerdings immer zweifelhaft, indes kann der Schritt
nicht schaden, und man weiß doch nicht, was geschieht. Ich halte immer
sehr viel davon im Leben, die Anlässe, die sich zu etwas darbieten, was
dem gewohnten Gange eine veränderte Richtung geben kann, nicht zu
versäumen, sie vielmehr zu benutzen, und was sich daraus irgend
entspinnt, in das übrige Leben zu verweben. Vorzüglich ist aber dies der
Fall bei Dingen, die schon zu einer gewissen Reife gediehen sind, und
das war doch Ihre Bekanntschaft mit dem verstorbenen Herzog. Er hatte
Ihnen einmal so günstige Äußerungen gemacht, daß es schade wäre, auf
diesem Wege nicht weiter fortzugehen. Es ist immer auch zugleich eine
Prüfung der Menschen, und neben dem, was man etwa handelnd und redend
ausrichten kann, ist doch im Leben das Anschauen, Versuchen und Sammeln
von Erfahrungen das Nützlichste und wenigstens bei weitem das
Unterhaltendste. Es kann zwar sein, daß das nicht so in jeder Natur ist,
aber der meinigen ist es, sogar mehr als billig ist, eigen, das Leben
wie ein Schauspiel anzusehen, und selbst wenn ich in Lagen war, wo ich
ernsthaft selbst mithandeln mußte, hat mich diese Freude am bloßen
Zusehen der Entwickelungen der Menschen und Ereignisse nie verlassen.
Ich habe darin zugleich eine große Zugabe zu meinem innern Glück und
eine nicht geringe Hilfe bei jeder Arbeit selbst gefunden. Das Erste ist
leicht begreiflich und entsteht auf doppelte Weise. Zuerst hat man die
positive Freude am Anblick der wirkenden Kräfte, am Weiterrücken der
sich in uns unbekannten Ursachen verflochtenen Dinge und Ereignisse, und
dann wird man gleichgültiger gegen den Ausgang, insofern dieser nämlich
uns selbst betrifft. Denn der Anteil an andern kann dadurch auf keine
Weise geschwächt werden. Im Handeln selbst aber gewinnt man dadurch
Ruhe, Kälte und Besonnenheit. Besonders bei großen Angelegenheiten gibt
diese Ansicht gerade die Überzeugung, daß sie, wenn sie auch gegen
unsere Neigungen ausschlagen, einen Gang gehen, der tief in den einmal
feststehenden Plänen des Schicksals liegt, und auch nur das Mindeste
dieses Plans zu ahnen, ist schon an sich ein über jedes andere gehendes
geistiges Vergnügen. Bei eigenen Lebensbegebenheiten ist es, wenigstens
bei mir, anders. Es würde mir immer nur Eitelkeit und Selbstsucht
scheinen, die ich mir nie erlauben würde, wenn ich, was sich mit mir und
meiner Persönlichkeit ereignet, gewissermaßen tiefen Plänen im Weltlaufe
zuschieben wollte. Es gehört freilich auch zum Ganzen, aber wie ein
Atom, es interessiert mich geistig dabei nur, wie ich mich selbst
betrage, wie ich die Ereignisse aufnehme, ob mit Fertigkeit im Widrigen,
mit Bescheidenheit im Günstigen, ob ich tue, was ein Mann seiner Pflicht
und seinen Gefühlen schuldig ist, das Übrige mag auf- und abstürmen, ich
suche mich darein zu finden, so gut es nun einmal gehen will. Aber auch
bei den, von höherem Gesichtspunkte aus betrachtet, unbedeutenden
Ereignissen meiner selbst und meiner Familie bleibt doch jenes Vergnügen
der Beschauung der ins Spiel kommenden Personen, der Umstände u. s. f.,
was oft für so vieles auch wirklich Widrige entschädigt. Es versteht
sich jedoch von selbst, daß diese Beschauungslust des Lebens nie aus
bloßer Neugierde entstehen muß, daß sie nicht sein darf, wie
vergnügungssüchtige Leute in die Komödie gehen. Sie muß entstehen aus
dem lebhaften Interesse, was man an der Menschheit, nicht bloß an ihrem
Glück, denn das Glück ist bei weitem nicht das Höchste, sondern an ihrem
innern Wert, ihrem Wesen und ihrer Natur nimmt, aus dem immer
unermüdlichen Streben, eben diese menschliche Natur tiefer in ihrem
Innern zu erkennen, und so viel es möglich ist, die Räder zu erahnen,
welche die Schicksale der Menschen, oft unauflöslich scheinend,
ineinander treiben, und sie dann doch wieder so schonend auseinander
rollen, daß wahre, nur nicht gleich eingesehene Harmonie daraus
hervorgeht. So wie alles im Menschen nur auf die Höhe des Gesichtspunkts
ankommt, auf den man sich stellt, so ist es auch hier. Ist der
Gesichtspunkt der rechte, edel und gut, so kann nichts als wieder Gutes
und Edles daraus hervorgehen. -- Ich bitte Sie, mir die Fortsetzung
Ihrer Lebenserzählung sobald zuschicken, als Sie den Abschnitt erreicht
haben, zu dem Sie kommen wollten. Leben Sie herzlich wohl; mit dem
innigsten Anteil der Ihrige. H.
_Burgörner_, den 29. November 1823.
Ich befinde mich hier sehr wohl. Es ist nicht bloß für diese Jahreszeit
und den sonst oft so schlimmen Monat, sondern wirklich an sich immer
leidliches und oft sehr gutes Wetter. Heute war es wirklich schön, und
die Sonne kam sehr freundlich heran. Zwar erhob sie sich nur wenig über
eine dichte und finstere Wolke, die den Abendhimmel bedeckte, aber der
übrige Teil des Himmels war vollkommen blau. Da ich teils viele
Geschäfte hier habe, teils die Zeit zu eigenen Arbeiten benutzen will,
so ist es mir sehr lieb, ganz allein hier zu sein, ich bin so gar keiner
Störung ausgesetzt und liebe an sich die Einsamkeit. Die Freude, mit den
Meinigen zu sein, ist mir nur immer eine unendlich glückliche Zugabe zu
meinem schon glücklichen Leben. Ich habe mir aber nie denken können, wie
dasjenige eigentlich ein Glück zu heißen verdient, was eine Lücke
ausfüllt, die einem Unglück nahe kommt, und es hat mir immer
geschienen, als ginge der wahrhaft edle und hohe Glücksgenuß erst an,
wenn man, sich selbst genügend im Gleichgewicht, seine Neigungen und
Empfindungen mit sich verknüpft, die diesen, schon in sich
befriedigenden Zustand dergestalt erhöhen, daß er, damit verglichen,
wirklich mangelhaft erscheint. Heftige Begierden und leidenschaftliche
Äußerungen sind mir daher immer fremd geblieben. Indes will ich das
nicht eben loben noch in Schutz nehmen. Es könnte leicht auch in einem
Mangel an Feuer liegen, dessen der Mann zu vielen der wichtigsten und
ernsthaftesten Dinge bedarf, es ist auch nicht jene Fremdheit immer in
gleichem Grade in mir gewesen. Jetzt ist sie meinen Jahren freilich
natürlich. Die Jugend muß im Manne immer zuerst in der wirklich nur
jugendlichen Lebendigkeit des Empfindens und dem, was leidenschaftlich
ist, erlöschen; zum Entschluß und zur Anstrengung kann dann ihre Kraft
noch lange ausdauern. -- Nun komme ich zu dem letzten Heft Ihrer
Lebenserzählung zurück. Es hat mir wieder ungemein viel Freude gemacht,
und ich habe es gestern abend ohne Unterbrechung hintereinander gelesen.
Es schadet garnicht, wenn auch einiges, was Sie darin erzählen, in eine
andere Periode gehört, wie Sie besorgen. Es ist unmöglich, in der
Erinnerung so genau in der Zeitfolge zu bleiben, ich würde sehr verlegen
sein, sollte ich von einem meiner Kinderjahre so ausführlich erzählen.
Es ist merkwürdig, daß Ihnen so viel in der Erinnerung geblieben ist.
Da in diesem Hefte gerade so viel vom Schreiben die Rede ist, so kann
ich Ihnen mit Wahrheit sagen, daß diese Erzählung wieder ganz diesen
Vorzug hat. Alles darin ist trefflich gedacht und empfunden, das ist das
erste darin, und wie Sie selbst richtig bemerken, das unerläßliche
Erfordernis jedes guten Schreibens; allein auch das letzte ist bei Ihnen
damit verbunden. Die Art Ihrer Entwickelung hat mich ungemein
interessiert. Sie bemerken sehr richtig, daß das, was Ihnen mehr durch
Sie selbst, und zufällig durch Umgang mit Erwachsenen, an Unterricht
zukam, gerade darum so stark und so dauernd wirkte, weil es wenig war,
und in ein auf besseren und reichhaltigeren Unterricht begieriges Gemüt
fiel, so möchte ich auch im übrigen weiter schließen. Es sollte mich
aber nicht wundern, wenn doch gerade diese Erziehung mehr oder kräftiger
beigetragen hätte, Sie so, wie Sie geworden sind, zu bilden, als wenn
alles fein systematisch dabei ausgedacht worden wäre. Man muß sich die
Erziehung ja nicht bloß und immer als eine direkte Leitung zu
verständiger Haltung, gutem Charakter und hinlänglichem Reichtum von
Kenntnissen denken. Sie wirkt oft weit mehr als ein Zusammenfluß von
Umständen, deren beabsichtigte Wirkung ganz vereitelt wird, die aber
durch den Streit gegen die Individualität des zu Erziehenden in ihm
bewirkt, was die direkte Einwirkung nie vermocht hätte. Denn das
Resultat der Erziehung hängt ganz und gar von der Kraft ab, mit der der
Mensch sich auf Veranlassung oder durch den Einfluß derselben selbst
bearbeitet. Mit großem Vergnügen habe ich auch bestätigt gefunden, daß
dasjenige, was Ihr Gemüt und Ihren Verstand noch jetzt auszeichnet,
Ihnen auch in der Kindheit schon beiwohnte. Es ist immer meine Meinung
gewesen, daß sich der Mensch, wenn man das Wesentliche seines Charakters
nimmt, nicht eigentlich ändert. Er legt Fehler ab, vertauscht auch wohl
Tugenden und gute Gewohnheiten gegen schlechte, allein seine Art zu
sein, ob mehr nach der Außenwelt, oder mehr nach innen gekehrt, ob
heftig oder sanft, ob in die Tiefe der Ideen eingehend, oder auf der
Oberfläche verweilend, ob mit kühnerem und fettem Entschluß ins Leben
eingreifend, oder Schwäche verratend, bleibt gewiß von der Kindheit bis
in den Tod die nämliche. Das war für heute vorerst das Wichtigste, was
ich Ihnen über dies Heft sagen wollte. Auf ein und anderes komme ich ein
anderes Mal zurück. Immer aber wiederhole ich Ihnen aufs neue meinen
herzlichen Dank für die Mühe, die Sie mir so liebevoll widmen.
_Berlin_, den 12. Januar 1824.
Ihr Brief, liebe Charlotte, vom 21. v. M. hat mir große Freude gemacht,
und ich danke Ihnen von ganzem Herzen für alles Liebevolle, das er
enthält. Nehmen Sie besonders meinen Dank für Ihre Wünsche zum neuen
Jahr an, und seien Sie versichert, daß ich sie aus recht inniger Seele
erwidere. Niemand kann innigeren Anteil an Ihnen nehmen als ich, niemand
es besser mit Ihnen meinen; so kann auch niemanden die Erfüllung der
Wünsche für Ihr Glück so sehr am Herzen liegen als mir, davon seien Sie
mit unumstößlicher Gewißheit überzeugt. Sorgen Sie aber auch selbst,
beste Charlotte, angelegentlich für Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe. Mir
kommt es immer vor, daß die Art, wie man die Ereignisse des Lebens
nimmt, eben so wichtigen Anteil an unserm Glück und Unglück hätte, als
diese Ereignisse selbst. Den eigentlich frohen heiteren Genuß kann man
sich allerdings nicht geben, er ist eine Gabe des Himmels. Aber man kann
viel dazu tun, das Unangenehme, dessen für jeden das Leben immer viel
herbeiführt, ruhiger aufzunehmen, mutiger zu tragen, besonnener
abzuwehren oder zu vermindern. Man kann wenigstens vermeiden, sich
unnötige und ungegründete Besorgnis und Unruhe zu erregen. Wenn man das
eine und das andere tut, sucht man sich damit gleichsam recht frei von
der Abhängigkeit der höheren Mächte zu machen; man genießt ja dadurch
noch lange kein Glück, man bewahrt sich nur vor zu unangenehmen
Empfindungen. Man handelt aber gewiß im Sinne und nach dem Willen des
Himmels, wenn man mit so viel Selbständigkeit, als die individuellen
Kräfte zulassen, dem Geschick begegnet und sich seinen Einflüssen von
innen heraus weniger zugänglich macht. Ich sage das, liebe Charlotte, um
Ihnen vorzustellen, daß Sie sich nicht so um nichts beunruhigen müssen,
wie neulich, wo Sie, geschreckt durch Träume, sich bangen Ahnungen
überließen. Ihre Worte: »Nehmen Sie mir den ängstlichen Kleinmut nicht
strenge auf, ach! nehmen Sie mir die Worte nicht so genau -- das Unglück
macht abergläubig, man fürchtet überall, man sieht nur traurige
Vorbedeutungen -- der Glückliche weiß nichts von Aberglauben« -- diese
Worte haben mich sehr gerührt und in innigster Teilnahme bewegt, und nur
aus diesen Empfindungen geht das hervor, was ich Ihnen sage. Sie haben
einen viel zu klaren und bestimmten Verstand, haben über diese Dinge in
dem, was Sie bei Gelegenheit der Stimmung Ihres Vaters in dieser Art mir
geschrieben, so richtig geurteilt, daß Sie nicht durch so unbedeutende
Zeichen, wenn man es nur überhaupt Zeichen nennen kann, sich sollten
irgend bewegen lassen. Nehmen Sie, was ich da sage, ja nicht als einen
Vorwurf auf. Ich würde mir gewiß nicht herausnehmen, Ihnen je einen zu
machen. Ich wünsche aber dringend, daß Sie sich nicht vergeblich
beunruhigen, nicht Ihrer Gesundheit schaden, sich in Ihren
Beschäftigungen stören und sich Ahnungen hingeben, die entweder Kummer
über Unglücksfälle rege machen, die nicht eintreten, oder die Träume
über wirklich sich ereignende schon im voraus fühlen lassen. Ich halte
es auch nicht für unangemessen, Ihnen so ausführlich darüber zu
schreiben, da ich besorge, daß die Unruhe, die Sie darüber äußern, Sie
nicht sobald verlassen möchte, und Sie mir sehr oft die wohltuende
Versicherung geben, daß Ihnen meine Worte beruhigend und tröstlich sind.
Nun leben Sie herzlich wohl und verscheuchen Sie jede bange Sorge.
Vertrauen Sie den gütigen Mächten des Schicksals, und glauben Sie nicht,
daß es solche gibt, die absichtlich das Herz mit Ahnungen plagen, sich
nicht an dem Schmerz über wirkliches Unglück begnügend. Mit den Ihnen
bekannten unveränderlichen Gesinnungen der Ihrige. H.
____________
Ergebung in das, was geschehen kann, Hoffnung und Vertrauen, daß nur
dasjenige geschehen wird, was heilsam und gut ist, und Standhaftigkeit,
wenn etwas Widerwärtiges eintrifft, sind alles, was man dem Schicksale
entgegenstellen kann.
Sie erinnern mich an eine Stelle der Bibel und fragen mich, ob ich sie
gelesen habe? Ich habe die Bibel von einem Ende zum andern mehrmals
durchgelesen, das letzte Mal noch in London, und ich kannte daher sehr
gut das Kapitel des Briefes an die Korinther, das Sie anführen. Es ist
allerdings eines der schönsten im Neuen Testament, wenn es recht
verstanden wird, allein auch eines von denen, in welche zu leicht ein
jeder etwas von seinem eigenen Gefühl und seiner Individualität
hineinträgt, und wenn diese auch recht gut und fromm sind, so können sie
doch der ursprünglichen Bedeutung fremd sein. Im griechischen Urtext ist
das weniger möglich. Wir haben im Deutschen nur das eine Wort _Liebe_,
welches zwar sehr rein, edel und schön ist, aber doch für sehr
verschiedenartige Empfindungen gebraucht wird. Im Griechischen gibt es
ein eigenes für die ruhige, sanfte, leidenschaftlose, immer nur auf das
Höhere und Bessere gerichtete Liebe, das niemals für die Liebe Zwischen
den Geschlechtern, wie rein sie sein möchte, gebraucht wird, und dies
Wort, welches mehr den christlichen griechischen Schriftstellern als den
früheren eigen ist, steht gerade in diesem Kapitel. Ich möchte damit
aber keineswegs die Lutherische Übersetzung tadeln, vielmehr leugne ich
nicht, ist mir unser deutsches Wort lieber als jedes andere, gerade weil
es so vielumfassend ist, und die Empfindungen in der Seele gerade bei
ihrer Wurzel aufnimmt. Was sowohl den Inhalt dieses Kapitels vorzüglich
würdig und groß macht, und auch den Begriff deutlich zeigt, der mit dem
Worte der Liebe nach dem Sinne des Apostels verbunden werden soll, sind,
wie es mir scheint, zwei Dinge: Erstens, daß nicht bloß auf die Ewigkeit
hingedeutet, sondern die Liebe selbst, als etwas Ewiges, mehreren
andern, auch großen und schätzungswürdigen, aber dennoch vergänglichen
Dingen entgegengesetzt wird, und daß die Liebe nicht als ein einzelnes
Gefühl, sondern sichtbar als ein ganzer, sich über den ganzen Menschen
verbreitender Seelenzustand geschildert wird. Die Liebe, heißt es, hört
nimmer auf. Dies beweist zur Genüge, daß sie auf Dinge gerichtet sein
muß, die selbst ewig und unvergänglich sind, und daß sie dem Herzen auf
eine solche Weise eigen sein muß, daß sie in keinem Zustande des Daseins
demselben entrissen werden kann. Es ist nicht sowohl von einer
bestimmten Liebe, nicht einmal der des höchsten Wesens, die Rede,
sondern von der inneren Seelenstimmung, die sich über alles ergießt, was
der Liebe würdig ist und worauf sich Liebe anwenden läßt. Es ist auf den
ersten Anblick nicht gleich zu begreifen, warum, da alles hienieden
Stückwerk genannt wird, die Liebe allein zu dem, was ganz und vollkommen
ist, gerechnet wird. Denn das übrige, welches der Apostel anführt, ist
doch offenbar deshalb Stückwerk genannt, weil es in endlichen Wesen
nicht vollkommen sein kann, und die Liebe, wie rein und erhaben sie sein
möge, ist: doch auch nur in endlichen Geschöpfen nach der Art, wie sie
in diesem Kapitel genommen ist. Es ist aber wohl deshalb, weil alles
übrige, wovon als von Stückwerk die Rede ist, eine Kraft des Wissens und
des Tuns voraussetzt, die sich in menschlichen und endlichen Wesen nicht
befinden kann. Die Liebe hingegen geht selbst von einem bedürfenden
Zustande aus, sie gehört rein der Gesinnung und dem Gefühle an und ist
überall aufopfernd, gehorchend und hingebend. Sie wird daher durch die
Schranken der Endlichkeit nicht so gehemmt. Allerdings könnte sie im
Menschen nicht wohnen, wenn ihm nicht selbst eine Verwandtschaft mit dem
Unendlichen im Innersten seines Wesens zugrunde läge, denn wenn ihr Odem
ihn einmal beseelt, so kann er sich in ihm mehr, als irgend sonst, dem
Höheren verwandt fühlen. Da aber, wie ich im Anfange sagte, wohl jeder,
ohne auch irgend in Mißverständnisse zu verfallen, gerade diese Stelle
der Bibel nach seiner individuellen Empfindung nimmt, so gestehe ich,
daß ich den Ausdruck Liebe hier von aller und jeder einzelnen Empfindung
für ein Wesen durchaus geschieden und getrennt halte, und darin nur eine
Schilderung des an sich weit höheren Seelenzustandes finde, der, frei
von aller Selbstsucht, fern von jeder Leidenschaftlichkeit, mit
Wohlwollen auf allem verweilt, das günstige, wie das widrige Schicksal
mit Ergebung und Gelassenheit trägt, und aus dessen Ruhe selbst die
belebende Wärme in alles, was ihn umgibt, übergeht. Darum heißt es, daß
die Liebe nicht eifert, sich nicht ungebärdig anstellt u. s. f. Darum
werden ihr Glaube und Hoffnung zur Seite gestellt, sie aber über beide
erhoben; darum besonders wird sie über die Werke gesetzt. Dies letzte
kann augenblicklich sonderbar scheinen. Allein es ist sehr richtig, da,
wenn die Gesinnung wahrer Liebe da ist, die Werke von selbst aus ihr
entspringen. Diesem Seelenzustande ist das Fordernde, das Unruhige,
Sorgende, auf Ausübung von Recht mehr als auf strenge Übung der Pflicht
Bedachte, das sich selbst Lobende und mit sich Zufriedene
entgegengesetzt. So nehme ich diese biblische Stelle, obgleich ich fern
bin zu behaupten, daß nicht auch eine andere Ansicht statthaft wäre.
_Berlin_, den 12. März 1824.
Ich habe Ihre Blätter vom 21. v. M. erhalten und danke Ihnen auf das
herzlichste dafür. Es hat mir aber leid getan, zu sehen, daß Sie sich
wieder vergebliche Besorgnis und Unruhe gemacht hatten. Sie müssen das
möglichst vermeiden, liebe Charlotte, und darin eine größere Herrschaft
über sich gewinnen. Ich sage Ihnen das gewiß nur zu Ihrem Besten und zur
Beförderung Ihrer inneren Ruhe. Es ist so vielen Zufälligkeiten
unterworfen, ob ein Brief einige Tage früher oder später geschrieben
wird, ob er länger oder kürzer geht, daß, wenn eine solche Erwartung
gerade einmal nicht zutrifft, Sie darum sich nicht beunruhigen müssen.
Ich erkenne gewiß den ganzen Wert der Gesinnungen, die Sie gerade für
mich besorgt machen, allein ich bin vollkommen wohl, und Sie brauchen
auf keine Weise für mich zu fürchten. Ich lebe den ganzen Tag mit
ernsthaften und mir wichtigen Dingen beschäftigt, ich verlasse kaum
mein Zimmer als in den späten Abendstunden und bin ruhig, tätig und
heiter. Bei solcher Stimmung würde sich selbst eine schwächliche
Gesundheit erhalten. Die meinige aber ist bisher sehr gut gewesen. Ich
weiß freilich, daß sich das sehr leicht und von einem Jahre, ja Tage zum
andern ändern kann, indes für jetzt ist kein Anschein dazu. Wenn es
kommen wird, bin ich auch darauf vorbereitet. Auf meine Stimmung wird
selbst Kränklichkeit keinen Einfluß haben, ich habe mich von früher
Jugend an gewöhnt und geübt, gegen mich selbst hart zu sein und meinen
Körper als etwas meinem eigentlichen Selbst Fremdes anzusehen. Meinen
Beschäftigungen werde ich schon eine Wendung geben können, daß ich sie
nicht aufzugeben brauche, wenn sie auch gestört werden, und so dürften
Sie sich wirklich mich auch dann nicht unglücklich denken, wenn einmal
der Fall käme, daß ich wirklich leidend würde. Es freut mich sehr, aus
Ihrem Briefe zu sehen, daß auch Sie im ganzen leidlich wohl sind, und
der sonderbare Winter Ihnen nicht geschadet hat, wie ich zuweilen
fürchtete. Ich liebe im Grunde die Abwesenheit von strenger Kälte so,
daß ich die andern Unannehmlichkeiten, die ein so gelinder und
wechselnder Winter allerdings mit sich führt, leicht übersehe. Die recht
eigentliche Kälte hat etwas mehr als bloß physisch Erstarrendes, es
kommt einem ordentlich vor, daß Menschen ihr nie ausgesetzt sein
sollten, sie gibt der Natur selbst ein so einförmiges Ansehen und hat
etwas wahrhaft Unbarmherziges für die Armen. Das niedrige Volk, das nur
wenig Mittel herbeischaffen kann, ist schon darum viel glücklicher in
südlichen Ländern, weil es wenigstens von dieser Plage befreit ist. --
Sie haben mir, liebe Charlotte, sehr lange nichts von Ihrer
Lebensschilderung geschickt, vermutlich ist der Winter mit seinen
Geschäften und kürzeren Tagen daran schuld. Wenn Sie aber Muße und
Stimmung haben, so ist es, wie ich Ihnen oft und immer sagte, mein
Wunsch, daß Sie fortfahren, wenigstens bis zu Ihrer Verheiratung.
Hernach will ich Sie dann weder bitten noch bereden.
Ich war heute einige Stunden in Tegel, und so wenig günstig das Wetter
war, so hat es mir doch Vergnügen gemacht. Die Annäherung des Frühjahrs
spürt sich immer und bringt auch in den Menschen eine Art von
Erneuerung. Man ist lebendiger, man glaubt einem neuen Lebensabschnitt
entgegen zu gehen und vergißt gewissermaßen, daß die schöne Gestalt, die
die Natur nun wieder annimmt, nur wenige Monate dauern und dann dasselbe
wiederkehren wird, dem man sich jetzt entgangen zu sein freut. Wenn das
aber auch eine Art von Selbsttäuschung ist, so bleibt es das ganze Leben
hindurch eine immer und immer gleich freudig wiederkehrende. Seit meinen
Kinderjahren erinnere ich mich des gleichen oder wenigstens ganz
ähnlichen Gefühls. Da Sie in einem Garten wohnen, werden Sie diese
Gefühle auch gewiß teilen. Denn in der Stadt gehen freilich die
Jahreszeiten in traurigem Einerlei an einem vorüber.
Mit den Ihnen bekannten unveränderlichen
Gesinnungen der Ihrige. H.
_Berlin_, im April 1824.
Allerdings gehört das vollkommene Gelingen unserer Unternehmungen der
ursprünglichen Kraft wohl größtenteils an, die der Mensch nicht in
seiner Gewalt hat. Ich teile ganz Ihre Meinung, daß es noch mehr von
einem nicht zu erklärenden höheren Segen abhängt, der einzelne
begleitet, und wohl, wie Sie sagen, auf der Lauterkeit Ihrer Gesinnungen
beruht. Ihr Ausdrucke, daß es scheine, als ob die Gottheit ihren Segen
nur in reine Gefäße ergieße, hat mir ungemein gefallen. Der Mensch
vermag diesen Segen, wenn er ihm entsteht, nicht herbeizuzaubern. Daß
dieser Segen wirklich mit den Menschen zusammenhängt auf unsichtbare und
geheimnisvolle Weise, das glaube ich mit Ihnen. Aber die Begriffe von
Glück und Unglück sind selbst bei denen, die richtige Ideen zu haben
pflegen, so unbestimmt und so irrig, daß ich von früh an immer gestrebt
habe, mir darüber ganz klar zu werden, und wie ich dahin gelangt bin,
habe ich gefühlt, daß man des Glückes, bis auf einen gewissen Grad
wenigstens, immer sicher ist, so wie man sich von den äußeren Umständen
unabhängig macht, so wie man lernt, Freude aus allem Erfreulichen in
Menschen und Dingen zu ziehen, aber in Menschen und Dingen nichts
eigentlich zu bedürfen.
Gewiß hat man seinen Lohn dahin, indem alles Verdienst aufhört, wenn man
der Folgen wegen etwas tut.
Was ich beitragen kann, Ihr Leben zu erheitern, werde ich immer mit
Freuden nach meinen Kräften tun. Erlauben Sie mir den Rat, sich einmal
einige Erholung zu gönnen in der schönen Jahreszeit; sollte Ihnen nicht
eine Badekur zuträglich sein? Antworten Sie mir vertrauend, liebe
Charlotte, niemand als Sie und ich weiß von dem, was Sie mir und ich
Ihnen sage. H.
_Tegel_, im Mai 1824.
Sie haben mir durch das mir übersandte neue Heft Ihrer Biographie eine
viel größere Freude gemacht, als Sie es wohl geglaubt haben mögen. Ich
habe es mit dem größten Anteil gelesen. Zuerst und hauptsächlich aus
Anteil an Ihnen. In dieser Hinsicht ist es ein sehr erfreuliches Heft,
weil es eine Zeit schildert, die Sie glücklich und froh verlebten und
unter interessanten Menschen zubrachten. Es hat mich lebhaft in die
Vergangenheit und in jene Zeit zurückversetzt. Wenn auch die
verschiedene Lebensart, in von einander entfernten Provinzen
Deutschlands, Sitten und Lebensweise sehr verschieden gestaltet, so
spricht sich doch auch wieder der eine Geist der Zeit gleichmäßig in
allem aus.
Was Sie als Kind von sich erwähnen, daß Sie Bilder in der Phantasie
getragen, für die Sie Wesenheit wünschten, ersehnten, erwarteten, ist
mir genau ebenso und von der frühesten Kindheit an gewesen, ich glaube
gewiß vom sechsten Jahre an, was doppelt früh bei mir ist, da ich erst
im dritten sprechen gelernt habe. Bei Ihnen war es die Sehnsucht nach
einer Freundin, und zum Teil entstanden durch das Lesen der Clarisse.
Bei mir hatte es keine äußere Ursache oder Veranlagung, wenigstens ist
mir durchaus keine erinnerlich. Die Gegenstände, ich meine nicht
eingebildete Personen, sondern die Sachen überhaupt, die sie betraf,
waren allerdings verschieden, aber eine blieb von dieser Zeit der ersten
Kindheit bis jetzt und wird vermutlich bis an meinen Tod bleiben; denn
noch jetzt, wenn ich einmal eine schlaflose Nacht habe, oder allein im
Wagen sitze, oder spazieren gehe, oder sonst eine Zeit habe, die man in
bloßer Beschäftigung der Einbildungskraft zubringen kann, beschäftigt
mich dieselbe Vorstellung noch immer, wie die in meiner Kindheit, aber
natürlich in anderer, oft wechselnder Gestaltung. Da es ein Gegenstand
ist, der garnicht in das Leben übergehen, sondern nur auf die innere
Denkweise einwirken kann, so berührt es mich auch im Leben nicht,
sondern geht wie eine Dichtung neben der Wahrheit fort; allein im Innern
verdanke ich, im besten Sinne des Worts, dieser Selbstbeschäftigung sehr
viel. Es ist ja überhaupt die natürliche Folge aller inneren Tätigkeit
und jeder recht lebendigen Regsamkeit der Einbildungskraft und des
Gefühls, daß dadurch die wirklichen Ereignisse des Lebens mehr in
Schatten treten, und das zu große Gewicht dieser, ihr zu helles Licht zu
vermindern, ist immer heilsam, das Unglück schadet und drückt dann
weniger, und das Glück fesselt nicht an seinen Genuß, und macht den
Gedanken erträglich, daß es immer leicht beweglich, vielleicht nicht
immer bleiben wird. Sie werden mir große Freude machen, wenn Sie
fortfahren, an Ihrer Lebensbeschreibung zu arbeiten. Ganz der Ihrige. H.
_Herrnstadt_, den 9. Juli 1824.
Nehmen Sie nicht übel, liebe Charlotte, daß ich Ihnen mit lateinischen
Lettern schreibe. Aber meine Augen sind schon seit geraumer Zeit so, daß
ich sie sehr schonen muß, und da habe ich jetzt die Entdeckung gemacht,
daß die kleinen deutschen Buchstaben sie mehr angreifen als die größeren
lateinischen. An Deutlichkeit gewinnen auch Sie im Lesen bei dem Tausch.
Es gibt aber Personen, welchen die lateinische Schrift mißfällig ist,
und die wenigstens, weil sie ihnen fremd vorkommt, sie nicht gern im
Briefwechsel mit Personen gebraucht sehen, die ihnen wert sind. Ich
halte Sie, nach Ihrer übrigen Art zu sein, von solcher gewissermaßen
eigensinnigen Ansicht frei. Wären Ihnen indes doch diese Buchstaben
weniger angenehm, so sagen Sie es mir ja, ich kehre dann zu den andern
zurück. -- Wenn ich Ihnen nicht einmal geschrieben habe, daß meine
zweite Tochter hier verheiratet ist, so dürfte Ihnen der Ort der
Überschrift dieses Brief es wohl kaum auf irgendeine Art bekannt sein.
Ich denke aber, daß ich es Ihnen einmal aus Berlin, als ich Ihnen über
die Meinigen schrieb, gesagt habe, so wenig es mir sonst eigen ist, über
das, was mich umgibt, oder mir begegnet, in Briefen zu reden. Dieser
Ort, eine kleine, sehr unbedeutende Stadt, liegt kaum eine Tagereise von
Breslau entfernt, ich bin seit einigen Tagen hier, gehe aber in wenigen
andern von hier nach Ottmachau auf mein Gut, wohin ich Sie bat, mir zu
schreiben. Es hat, dünkt mich, immer etwas die Phantasie und das Gemüt
angenehm Ansprechendes, wenn man weiß, daß an einem Ort und in einer
Gegend, die einem sonst ganz und gar fremd ist und die man gar nicht
oder kaum dem Namen nach gekannt hat, mit freundschaftlicher Teilnahme
an einen gedacht wird. Diese Empfindung wünsche ich, daß die Überschrift
dieser Zeilen auf Sie machen möge. Von Ottmachau habe ich Ihnen schon
öfter geschrieben. -- Wir haben hier eine warmnasse oder wenigstens
feuchte Witterung, die leicht etwas Melancholisches haben kann, die ich
aber sehr liebe. Die Natur hat dann eine doppelt wohltätige Stille und
ist wie mit einem nebeligen Schleier überzogen, der indes doch die
Gegenstände nicht verdunkelt, sondern nur ihre Formen und Farben sanfter
hervortreten läßt. Ich bin immer und doppelt auf Reisen auf die
mannigfaltigsten Modifikationen aufmerksam, welche die Verschiedenheit
der Luft- und Wolkenbeschaffenheit dem Charakter der nämlichen Gegend
gibt. Man kann eine Gegend immer ihrem Charakter nach, nach Art eines
Menschen betrachten, und jene Modifikationen entsprechen dann den
verschiedenen Stimmungen des Gemüts und sind, wie sie, ruhig und bewegt,
sanft und hart, fröhlich oder traurig, ja auch wohl launen- und
grillenhaft. Danach machen Sie denn auch ihren Eindruck auf den, der auf
sie zu achten versteht, und ich kann wohl sagen, daß ich das Glück habe,
diesen Eindruck nur immer so zu erfahren, wie er für die Seele Reiz hat,
sie angenehm und lebendig spannt. Unangenehme Wirkungen macht das Wetter
nie auf mich, und wenn es schwermütig oder schauerlich ist, empfinde ich
es ungefähr nur ebenso, wie man auf dem Theater schwermütige oder
schauerliche Szenen aufnimmt. -- Beim Theater fällt mir ein, daß Sie es
vermutlich auch garnicht, oder doch höchst selten besuchen. Mein Fall
ist das ganz und gar, vorzüglich seitdem meinen Augen der Glanz der
vielen Lichter zu widrig und mein Gehör auch nicht mehr gut genug ist,
um die wenigstens nicht sehr gut und deutlich redenden Schauspieler zu
verstehen. Hier ist jetzt gerade eine herumziehende Truppe, und ob man
gleich hier vor allem Glanz und blendendem Lichte sicher und auch bei
der Nähe der Sitze eher in Gefahr wäre, überschrieen zu werden, so bin
ich doch noch nicht dazu gekommen, sie spielen zu sehen. An einem guten
Schauspiel entbehrt man wirklich viel, wenn man darauf, freiwillig oder
durch Umstände genötigt, Verzicht leistet. Selbst wenn die Schauspieler
nur mittelmäßig sind, hat das Vortragen eines guten Stücks (denn darauf
kommt freilich alles an) durch Personen, die als selbsthandelnd
auftreten, immer etwas mehr Ergreifendes und Belebendes als selbst ein
viel besseres, einzelnes Vorlesen. Auf der andern Seite aber liegt ein
besonderer Reiz darin, sich von allen Gelegenheiten größerer
Versammlungen zurückzuziehen. Schon jung, dann in männlichen Jahren
hatte ich mir das lebhaft gedacht und gleichsam den Reiz vorher
genossen, in den Jahren eine hinreichende Rechtfertigung zu finden, der
Gesellschaft immer mehr und mehr zu entsagen, und jetzt, wo ich diesen
Zustand wirklich erreicht habe, finde ich, was ich damals empfand,
vollkommen bestätigt. Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel
reizender als die früheren Lebensepochen gedacht, und nun, da ich dahin
gelangt bin, finde ich meine Erwartungen fast übertroffen. Daher mag es
auch kommen, daß ich eigentlich in der Seele gewissermaßen älter bin
als körperlich und an Jahren. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, und wer ohne
große körperliche Ermüdungen und meist gesund und immer höchst
regelmäßig und ohne Leidenschaften gelebt hat, welche die Gesundheit
untergraben, kann da noch keine merkliche körperliche Abnahme fühlen.
Allein die Ruhe des Geistes, die Freiheit von allem, was die Seele
unangenehm spannt und aufreizt, die Unabhängigkeit fast von allem, was
man sich nicht selbst durch innerliche Stimmung und Beschäftigung geben
kann: diese Dinge sind alle in früheren Jahren schwerer zu erreichen,
sind alsdann oft nur dann vorhanden, wenn, was noch viel schlimmer ist,
sie aus Kälte und Unempfindlichkeit entstehen. Dennoch sind sie es
vorzüglich, welche ein innerlich glückliches Leben geben und sichern. Es
ist daher nicht ganz richtig, wenn man glaubt oder sagt, daß das Alter
abhängiger von anderen Umständen und Zufällen mache. Körperlich und
äußerlich ist es freilich wohl der Fall, allein auch nicht so viel, als
man glaubt, da wenigstens bei gutgearteten und an Selbstbeherrschung
gewöhnten Menschen die Begierden und selbstgeschaffenen Bedürfnisse noch
viel mehr im Alter abnehmen als die Kraft, ihnen Befriedigung zu
verschaffen. Auf der andern Seite aber gewinnt eben dadurch die viel
wesentlichere und das Glück weit mehr befördernde Unabhängigkeit
ungleich mehr. Mangel an Ergebung und Ungeduld sind eigentlich die
Dinge, welche alle Übel, welcher Art sie sein mögen, erst recht
empfindlich machen und sie wirklich vergrößern. Gerade von diesen beiden
Übeln heilt das Alter vorzüglich, immer eine Gemütsart vorausgesetzt,
die keine einmal eingewurzelten unartigen Gewohnheiten hat, die freilich
ihr Gift sonst in jedes Alter hinübertragen. Der größte Gewinn aber, der
aus dieser größeren geistigen Freiheit, aus der Begierden- und
Leidenschaftslosigkeit, dem gleichsam wolkenlosen Himmel, den zunehmende
Jahre über das Gemüt hinführen, entsteht, ist, daß das Nachdenken
reiner, stärker, anhaltender, mehr die ganze Seele in Anspruch nehmend
wird, daß sich der intellektuelle Horizont erweitert und das
Beschäftigen mit jeder Art von Wissenschaft und jedem Gebiet der
Wahrheit immer mehr und mehr, ausschließend das ganze Gemüt ergreift und
jedes andere Bedürfnis, jede andere Sehnsucht schweigen macht. Das
nachdenkende, betrachtende, forschende Leben ist eigentlich das höchste;
allein in gewisser Art läßt es sich doch nur im höheren Alter vollkommen
genießen. Früher ist es im Streit mit der Aufforderung und sogar mit der
Pflicht zu handeln, und erfährt nicht selten Störungen durch sie. Es
wäre aber sehr unrichtig, wenn man in dem Wahne stände, daß ein solches
Vergnügen an einem garnicht mit dem Leben und dessen Weltlichkeit
zusammenhängenden Nachdenken eine große Bildung oder viele Kenntnisse
voraussetze. Wo diese gerade bei jemand zufällig vorhanden sind, da
kann das Nachdenken vielfältige Gegenstände treffen, es ist da
allerdings mehr Mannigfaltigkeit und ein wenigstens scheinbar weiterer
Kreis. Allein gerade die dem Menschen notwendigsten, heiligsten und
wahrhaft erfreulichsten Wahrheiten liegen auch dem einfachsten,
schlichtesten Sinne offen, ja werden von ihm nicht selten richtiger und
selbst tiefer aufgefaßt, als von dem, den großer Umfang von Kenntnissen
mehr zerstreut. Diese Wahrheiten haben noch außerdem das Eigene, daß, ob
sie gleich keines Grübelns bedürfen, um erkannt zu werden, vielmehr sich
von selbst Eingang in das Gemüt verschaffen, daß immer in ihnen Neues
gefunden wird, weil sie in sich wirklich unerschöpflich und unendlich
sind. Sie knüpfen sich an jedes Alter an, allein doch am natürlichsten
an dasjenige, was den endlichen Aufschlüssen über alle unendlichen
Rätsel, die eben diese Wahrheiten enthalten, am nächsten steht. So
stirbt zwar in höheren Jahren eine gewisse Lebendigkeit mehr ab; aber es
ist dies nur eine äußere, oft sogar fälschlich geschätzte. Die viel
wohltätigere, schönere, edlere, die sich immer in fruchtbarer Klarheit
entfaltet, gehört vielmehr erst recht eigentlich dem wahren Alter an.
Ich weiß, liebe Charlotte, daß Sie über alle diese Gegenstände auch sehr
übereinstimmend mit mir denken, und schmeichle mir also, daß es Ihnen
nicht unangenehm sein wird, daß ich mich gewissermaßen gehen ließ,
darüber zu sprechen. Diese Dinge, über die sich nur mit wenigen reden
läßt, sind ja wohl die natürlichsten Gegenstände für einen Briefwechsel,
der, frei von Geschäften und äußeren einschränkenden Bedingungen, dann
am meisten erfreut, wenn er ein recht ungezwungener vertraulicher
Austausch persönlicher Stimmungen und Gesinnungen ist. -- In Ottmachau
hoffe ich, unter der Ihnen neulich gegebenen Adresse, einen Brief von
Ihnen zu empfangen. Mit der aufrichtigsten Herzlichkeit der Ihrige. H.
_Tegel_, den 12. September 1824.
Ich bin seit einigen Tagen aus Schlesien wieder hierher zurückgekommen,
liebe Charlotte, und eine meiner ersten Beschäftigungen ist, Ihnen zu
schreiben. Meinen letzten Brief aus Ottmachau werden Sie bereits
empfangen haben. Der Herbst verspricht sehr schön zu werden, und ich
habe mich darum doppelt gefreut, wieder hier zu sein, die letzten Monate
der scheidenden besseren Jahreszeit zu genießen. Ich liebe bei weitem
mehr das Ausgehen als das Beginnen des Jahres. Man blickt dann auf so
manches, das man getan oder erlebt hat, zurück, man meint sich sicherer,
weil der Raum kleiner ist, in dem noch Unfälle begegnen können. Alles
das ist freilich eine Täuschung, ein Augenblick reicht hin zu dem
größten. Aber so vieles im Leben, im Glück und im Unglück sogar, ist ja
nichts als Täuschung, und so kann man auch dieser stillere Momente
verdanken. Ich bin zwar von Besorgnissen für mich sehr frei, nicht
gerade, weil ich mich weniger Unfällen ausgesetzt glaubte, oder weil ich
mich vor nichts Menschlichem fürchte, sondern schon früh das Gefühl in
mir genährt habe, daß man immer vorbereitet sein muß, jedes, wie das
Schicksal es gibt, durchzumachen. Man kann sich aber doch nicht
entschlagen, das Leben wie ein Gewässer zu betrachten, durch das man
sein Schiff mehr oder minder glücklich durchbringt, und da ist es ein
natürliches Gefühl, lieber den kürzeren als den längeren Raum vor sich
zu haben. Diese Ansicht des Lebens, als eines Ganzen, als einer zu
durchmessenden Arbeit, hat mir immer ein mächtiges Mittel geschienen,
dem Tode mit Gleichmut entgegen zu gehen. Betrachtet man dagegen das
Leben nur stückweise, strebt man nur, einen fröhlichen Tag dem andern
beizugesellen, als könne das nun so in alle Ewigkeit fortgehen, so gibt
es allerdings nichts Trostloseres, als an der Grenze zu stehen, wo der
Faden auf einmal abgebrochen wird.
Das Laub der Bäume fängt schon an, die Buntfarbigkeit anzunehmen, die
den Herbst so sehr ziert und gewissermaßen eine Entschädigung für die
Frischheit des ersten Grüns ist. Der kleine Ort, den ich hier bewohne,
ist vorzüglich gemacht, alle Reize zu zeigen, welche große, schöne und
mannigfaltige Bäume durch alle wechselnden Jahreszeiten hindurch
gewähren. Um das Haus herum stehen alte und breitschattige, und umziehen
es mit einem grünen Fächer. Über das Feld gehen in mehreren Richtungen
Alleen, in den Gärten und dem Weinberg stehen einzelne Fruchtbäume, im
Park ist ein dichtes und dunkles Gebüsch, und der See ist vom Walde
umkränzt, sowie auch alle Inseln darauf mit Bäumen und Büschen
eingefaßt. Ich habe eine besondere Liebe zu den Bäumen und lasse nicht
gern einen wegnehmen, nicht einmal gern verpflanzen. Es hat so etwas
Trauriges, einen armen Baum von der Umgebung, in der er viele Jahre
heimisch geworden war, in eine neue und in neuen Boden zu bringen, aus
dem er nun, wie unwohl es ihm werden mag, nicht mehr herauskann, sondern
langsam schmachtend sein Ausgehen erwarten muß. Überhaupt liegt in den
Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und
beschränkt im Boden stehen und sich mit den Wipfeln, so weit sie können,
über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der
Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. Im Grunde geht
es dem Menschen mit aller scheinbaren Beweglichkeit aber nicht anders.
Er ist, wie weit er herumschweifen möge, doch auch an eine Spanne des
Raums gefesselt. Bisweilen kann er sie garnicht verlassen, und das ist
oft der Fall der Frauen, derselbe kleine Fleck sieht seine Wiege und
sein Grab; oder er entfernt sich, aber es zieht ihn Neigung und
Bedürfnis immer von Zeit zu Zeit wieder zurück, oder er bleibt auch
fortwährend entfernt, und seine Gedanken und Wünsche sind doch dem
ursprünglichen Wohnsitz zugewendet.
Es freut mich, daß Sie, liebe Charlotte, in Ihrem Garten auch in einiger
Art wenigstens einen ländlichen Aufenthalt genießen. Ich weiß, wie sehr
Sie daran hängen und jede damit verbundene Freude zu schätzen wissen.
Für meine Beschäftigungen ist mir das Herannahen des Spätherbstes und
Winters sehr unangenehm. Meine Augen sind zwar durch den anhaltenden
Gebrauch wirksamer Mittel um vieles besser, sie erfordern indes doch
noch viel Schonung, und bei Licht greife ich sie nicht an. Damit zieht
sich aber der Tag enge zusammen, und wenn man noch abrechnen muß, was
das häusliche Leben, Besuche, Zerstreuungen mancher Art, endlich
wirkliche Geschäfte wegnehmen, so bleibt wenig übrig. Und je länger ich
fortfahre, ausschließlich meine Zeit den Studien und dem Nachdenken zu
widmen, jemehr kann ich sagen, vertiefe ich mich darin und verliere
Neigung und Geschmack an allem andern. Die Ereignisse der Welt haben
auch nicht das mindeste Interesse für mich. Sie gehen an mir vorüber wie
augenblickliche Erscheinungen, die weder dem Geist noch dem Gemüt etwas
zu geben vermögen. Den Kreis meiner Bekanntschaften ziehe ich immer
enger zusammen; die Männer, mit denen ich früher den anziehendsten
Umgang hatte, sind gestorben, und ich habe es immer für Glücksfälle
gehalten, die man benutzen, nicht aber Bedürfnisse, die man suchen muß,
wenn sich ein solcher Umgang von selbst anknüpfte. Dagegen ist das Feld
des Wissens und Forschens unermeßlich und bietet beständig neue Reize
dar. Es füllt alle Stunden aus, und man sehnt sich, nur die Zahl dieser
vervielfältigen zu können. Ich kann wohl sagen, daß ich in meinem Innern
einzig darin lebe, oft Tage lang, ohne diesen Gegenständen mehr als
flüchtige Gedanken zu entwenden. Naturwissenschaften haben mich nie
angezogen. Es fehlte mir auch der auf die äußeren Gegenstände aufmerksam
gerichtete Sinn. Von früh an hat mich das Altertum aber angezogen, und
es ist auch eigentlich das, was mein wahres Studium ausmacht. Wo der
Mensch noch seinem Entstehen näher war, zeigte sich mehr Größe, mehr
Einfachheit, mehr Tiefe und Natur in seinen Gedanken und Gefühlen, wie
in dem Ausdrucke, den er beiden lieh. Zu der vollen und reinen Ansicht
davon kommt man freilich nur durch mühevolle und oft in mechanischer
Beschäftigung zeitraubende Gelehrsamkeit; aber auch das hat seinen Reiz,
oder wird wenigstens leicht überwunden, wenn man sich einmal an
geduldiges Arbeiten gewöhnt hat. Zu den kraftvollsten, reinsten und
schönsten Stimmen, die aus grauem Altertum zu uns herübergekommen sind,
gehören die Bücher des Alten Testaments, und man kann es nie genug
unserer Sprache verdanken, daß sie, auch in der Übersetzung, so wenig an
Wahrheit und Stärke eingebüßt haben. Ich habe oft darüber mit Vergnügen
nachgedacht, daß es nicht möglich wäre, etwas so Großes, Reiches und
Mannigfaltiges zusammen zu bringen, als die Bibel, die Bücher des Alten
und Neuen Testaments, enthalten. Wenn sie auch, wie bei uns, dem Volke
gewöhnlich das einzige Buch ist, so hat dieses in ihr ein Ganzes
menschlicher Geisteswerke, Geschichte, Dichtung und Philosophie, und
alles dies so, daß es schwerlich eine Geistes- oder Gefühlsstimmung
geben könnte, die nicht darin einen entsprechenden Anklang fände. Auch
ist nur weniges so unverständlich, daß es nicht gemeinem, schlichtem
Sinne zugänglich wäre. Der Kenntnisreichere dringt nur tiefer ein, aber
keiner geht eigentlich unbefriedigt hinweg.
Ich bleibe diesen und den größten Teil des künftigen Monats hier, ehe
ich nach Berlin ziehe, und auch dann bringe ich wohl nur einige Wochen
dort zu. Sie können darauf für Ihre Briefe mit Sicherheit rechnen. Im
November und Dezember werde ich zwar vermutlich wieder, wie im vorigen
Herbst, eine Reise machen, die sich mit einem Aufenthalt von einigen
Wochen in Burgörner schließen wird; allein es ist an sich noch nicht
gewiß, noch weniger der Zeitpunkt, und ich schreibe es Ihnen vorher.
Ich habe immer Neigung zum Bleiben am nämlichen Ort, und zum Aufsuchen
eines andern, wie Gewicht und Gegengewicht, in mir. Doch ist das Reisen
und der Wechsel des Aufenthalts meist Notwendigkeit, selten
ursprüngliche Lust. Leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den
herzlichsten Gefühlen der Ihrige. H.
_Burgörner_, den 13. November 1824.
In der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmut, zur
Zufriedenheit mit sich und zur Reue, da hat man mit sich, mit andern,
mit dem Geschicke gekämpft, gesiegt und unterlegen; was da gefunden
wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war,
untilgbar wie eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreißbar wie ein
der Seele eingewachsener Gedanke; es ist ferner rein von der
Ängstlichkeit, der Besorgnis der Zukunft....
Ergebung und Genügsamkeit sind es vor allem, die sicher durch das Leben
führen. Wer nicht Festigkeit genug hat, zu entbehren und selbst zu
leiden, kann sich nie vor schmerzlichen Empfindungen sicherstellen, ja
er muß sich sogar selbst, wenigstens die zu rege Empfindung dessen, was
ihn ungünstig trifft, zuschreiben....
Es gibt in der moralischen Welt nichts, was nicht gelänge, wenn man den
rechten Willen dazu mitbringt. Der Mensch vermag eigentlich über sich
alles, und muß über andere nicht zu viel vermögen wollen.
Gegen Menschen und gegen Schicksale ist es nicht bloß die edelste und
sich selbst am meisten ehrende, sondern auch die am meisten auf dauernde
Ruhe und Heiterkeit berechnete Gemütsstimmung, nicht gegen sie zu
streiten, sondern sich, wo und wie es nur immer das Verhältnis erlaubt,
zu fügen, was sie geben, als Geschenk anzusehen, aber nicht mehr zu
verlangen, und am wenigsten mißmutig über das zu werden, was sie
verweigern....
Mit den sogenannten Ahnungen und Vorgefühlen ist es eine sonderbare
Sache. Bisweilen trifft so etwas ein, bisweilen schlägt es fehl. Man
möchte aber doch keineswegs weder das eine noch das andere als etwas
bloß Zufälliges ansehen, und darum, weil diese Vorgefühle oft ohne
Erfolg bleiben, sie nicht auch, wenn sie eintreffen, dem Zufall
beimessen, und ihnen das Verdienst wahrer Voranzeige der Zukunft nehmen.
Es geht mit diesen Dingen wie mit allem, was auf innerem Selbstgefühl
beruht. Dies Selbstgefühl kann sich täuschen, man kann für Vorbedeutung
halten, was es nicht ist, und kann auch wieder die wahre verkennen.
Objektive Sicherheit läßt sich darüber nicht haben. Es kann keine
sicheren äußeren Zeichen der Erkennung der Wahrheit geben. Es sind immer
oft schwache Andeutungen, sie können in die Seele gelegt, sie können
aber auch aus einem unbestimmten, durch Hoffnung oder Furcht
irregeleiteten Seelenzustand erzeugt sein. Im ersteren Falle läßt sich
auf ihre Zuverlässigkeit bauen, im letzteren Falle nicht. Das Weiseste
ist immer, sie auf keine Weise herbeizulocken, bei ihrem Erscheinen sich
die Möglichkeit ihrer Falschheit zu denken, und wenn sie ungünstig, auf
ihre Wahrheit gefaßt zu sein. H.
_Berlin_, den 31. Januar 1825.
Sie werden sich wundern, liebe Charlotte, schon vor der Zeit, wo Sie
gewohnt sind, meine Briefe zu erwarten, einen von mir zu empfangen. Aber
ich bin krank, habe ziemlich starkes Schnupfenfieber und Zahnweh, und
beides hindert mich am Arbeiten. Da suche ich gern im Briefwechsei, und
am liebsten in dem mit Ihnen, eine ruhig-erheiternde und die Seele
stimmende Beschäftigung. Ich gehöre zu den geduldigsten Kranken, ja ich
kann mich oft nicht entschließen, das Kranksein ein Übel zu nennen. Sie
werden sagen, daß das nur beweist, daß ich nie oder selten ernsthaft
krank war, und darin haben Sie ganz recht. Aber es gibt genug Leute, die
auch schon bei kleinen Übeln und bloß belästigenden Unpäßlichkeiten
klagen. Mir bringt das Kranksein immer eine gewisse Ruhe und Sanftheit
in die Seele. Es ist nicht, daß ich gesund sehr das Gegenteil wäre. Aber
das gesunde Streben hat, vorzüglich im Manne, doch einen Eifer und eine
Lebendigkeit, die immer mehr oder weniger anspannen. Das fällt in
Krankheit weg, man fühlt seine Tätigkeit; gelähmt und erwartet, bis es
besser geht, keine Erfolge. Übrigens beunruhigen Sie sich ja nicht über
mein Unwohlsein. Es ist durchaus unbedeutend und geht gewiß in wenig
Tagen vorüber. Es ist bloß die Folge einer Erkältung, der ich nicht
vermeiden konnte mich auszusetzen; ich fühlte gleich auf der Stelle das
Entstehen des Übels. Meine Augen -- Sie denken oft liebevoll daran --
haben sich sehr gebessert. Ich leide garnicht in diesem Winter daran.
Ich schreibe es doch der großen Schonung und selbst den lateinischen
Buchstaben zu. Für Ihren letzten Brief habe ich Ihnen schon meinen
herzlichsten Dank gesagt; ich habe ihn seitdem oft wieder gelesen, jedes
Wort darin macht mir große und herzliche Freude, für die ich Ihnen schon
im Stillen viel gedankt habe! Es ist Ihnen eine seltene und natürliche
Gabe eigen, Ihre Empfindungen einfach und wahr auszudrücken, darin liegt
die große Wirkung, die Ihre Worte haben. Ich wünschte immer, ja ich
wußte, daß, wenn Sie mich erst näher kennen lernten, sich die
Überzeugung mehr und mehr in Ihnen befestigen werde, wie herzlich mein
Anteil an Ihnen und wie unwandelbar meine Gesinnungen gegen Sie sind.
Dies hoffe ich jetzt erreicht zu haben. Es ist mir auch eine
Angelegenheit, es Ihnen bestimmt zu sagen. Beim Schluß des Jahres
drängen sich ganz natürlich die Empfindungen zusammen für diejenigen,
die uns besonders wert sind, und wir fassen Sie enger zusammen. Ich
halte überhaupt sehr viel auf die Zeitabschnitte auch im gewöhnlichen
Leben, und der Anfang einer neuen Epoche ist mir kein gewöhnlicher Tag.
Ich passe alles, was ich tue, genau in die Zeit ein, und lasse sie über
mich herrschen.
Daß die Zeit hingehe und geistig erfüllt werde, ist das Große und
Wichtige im Menschenleben. Durchdringt man sich recht von dieser Idee,
so wird man gegen Glück und Unglück, gegen Freude und Schmerz sehr
gleichgültig. Was sind Glück und Unglück, Freude und Schmerz anders, als
ein Hinfliegen der Zeit, von der nichts übrig bleibt, als was sich davon
geistig gesammelt hat? Die Zeit ist das Wichtige im menschlichen Leben;
denn was ist die Freude nach dem Verfliegen der Zeit? und das
Tröstliche, denn der Schmerz ist ebenso nichts nach ihrem Verfließen,
sie ist das Gleis, in dem wir der letzten Zeit entgegenwallen, die dann
zum Unbegreiflichen führt. Mit diesem Fortschreiten verbindet sich eine
reifende Kraft, und sie reift mehr und wohltätiger, wenn man auf sie
achtet, ihr gehorcht, sie nicht verschwendet, sie als das größte
Endliche ansieht, in der alles Endliche sich wieder auflöst.
Ihre Tätigkeit achte ich sehr hoch, sie macht Ihnen viel Ehre und
belohnt sich in der selbständigen Unabhängigkeit, die Sie sich nach
großen und ehrenvollen Verlusten wieder geschaffen haben. Darum
interessiert mich auch alles aufs höchste, was Sie mir über Ihre schon
an sich interessante Beschäftigung sagen.
Ich liebe überall die Arbeitsamkeit, sie ist mir besonders an Frauen
sehr schätzenswert. Diejenigen Arbeiten, welche Frauen vorzunehmen
pflegen, haben noch das Einladende und Reizende, daß sie erlauben, dabei
viel mehr in Empfindungen und Ideen zu leben. Ich leite daher die
wirklich feinere und schönere, oft selbst tiefere Bildung her, welche
auch solche Frauen, die keine vorzügliche Erziehung genossen haben,
meistenteils vor den Männern voraushaben, welchen sie sonst in
Kenntnissen nachstehen. Zum Teil freilich rührt aber eben daher auch die
bei Frauen häufigere Schwermut und Verletzbarkeit. Wie die Seele mehr,
öfter, tiefer und abgeschiedener in sich gekehrt ist, so berührt alles
Äußere sie rauher. Indes ist das ein leicht zu verschmerzender Nachteil.
Es hat immer einen unendlichen Nutzen, sich so zu gewöhnen, daß man sich
selbst zu einem beständigen Gegenstand seines Nachdenkens macht. Man
kann zwar auch, und mit gleicher Wahrheit, sagen, daß der Mensch wieder
gerade sich garnicht kennt, oder doch wenigstens nie recht. Beides ist
wahr. Er weiß nämlich von niemanden so viel, er kennt bei niemanden so
den geheimen Zusammenhang des Denkens und Wollens, die Entstehungsart
jeder Neigung und jedes Entschlusses, und in dieser Art kennt er nur
sich. Aber auf der andern Seite kann er, wie er es auch wollen möge,
nie unparteiisch gegen sich sein; denn der, den er beurteilt, mit dem
beurteilt er auch. Er ist also in Einseitigkeit befangen, und ich habe
daher nichts lieber, als wenn die, mit denen ich lebe, mich auf das
Allerfreieste und ohne allen Rückhalt beurteilen; man wird dadurch
belehrt, man hört etwas, das man sich selbst so nun einmal nicht sagt,
und auf irgend eine Weise, wenn es nicht mit Absicht verdreht wird, hat
es doch Grund. -- Leben Sie jetzt recht herzlich wohl, und lassen Sie
sich, ich wiederhole es, durch meine Unpäßlichkeit nicht beunruhigen.
Ganz mit den alten und sich nie ändernden Gesinnungen Ihr
Humboldt.
_Berlin_, den 12. Februar 1825.
Meine Gesundheit ist ganz wieder hergestellt, und ich bin wieder im
gewöhnlichen Zuge meiner Arbeiten. Es ist mir dies vorzüglich lieb, da
ich mit Recht sagen kann, daß das mein Leben ist. Es sind lauter
selbstgewählte Beschäftigungen und immer mit Ideen allgemeinerer Art. Da
ich diese Beschäftigungen einen großen Teil meines Lebens hindurch
geführt habe, so haben sie meinem Wesen auch die Richtung zum Ernst und
zum Halten an Ideen und Gedanken gegeben, die es offenbar hat. Ich habe
alles, was mich umgibt und womit ich in Berührung komme, in ein gewisses
System gebracht. Ich behaupte darum garnicht, daß dies System immer
richtig ist. Vielmehr ist nichts darin, was ich nicht von Zeit zu Zeit
von neuem überdenke und in Betrachtung ziehe, und immer findet sich auch
irgendwo ein Irrtum zu verbessern. Allein so lange ich das, was ich
meine, für wahr halte, kann ich nicht leiden, daß um mich her, soweit
ich Einfluß darauf habe, anders gehandelt wird. Ich kann alsdann die
Grundsätze jedes Handelns aufweisen, und somit ist doch eine Grundlage
vorhanden, auf die man fußen kann. Denn nichts ist mir so zuwider, als
das bloße launige Wechseln der Ideen, oder das blinde Herumtappen. Es
ist allerdings nicht immer möglich, jede Sache in ihrer Wahrheit zu
ergründen, jeden Entschluß immer so zu nehmen, wie es am weisesten wäre.
Aber man kann dem doch nahe kommen, und alles, auch das Unbedeutende in
Regel und Norm zu pressen, nicht der wechselnden Lust oder Unlust zu
diesem oder jenem zu folgen, sondern sich selbst zur Befolgung dieser
Regel zu nötigen, ist eine heilsame Weise für den äußeren Erfolg und für
den inneren Charakter. Es ist auch garnicht richtig, daß eine solche Art
des Seins den Aufschwung des Geistes hindern sollte, oder dem Erguß der
Empfindung Schranken setze. Der Geist bewegt sich vielmehr zuverlässiger
in einem ihm gegebenen Gleise, in dem er eine feste Richtung und den
gehörigen Anhalt findet, und die Empfindung erlangt mehr Stärke, wenn
sie aus ganz geläuterten und berichtigten Ideen hervorgeht.
Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte, und seien Sie überzeugt, daß ich
sehr oft und immer mit herzlichster Teilnahme Ihrer gedenke. Auf Ihr
Befinden, denke ich, hat der gelinde Winter, den wir haben, einen
wohltätigen Einfluß ausgeübt. Je älter man wird, desto mehr wird man dem
plötzlichen Wechsel und den Extremen der Witterung gram. Mit den alten,
sich nie ändernden Gesinnungen der Ihrige. H.
_Berlin_, den 8. März 1825.
Die Beschreibung Ihres Lebens und Ihres häuslichen Daseins vom Jahre
1786 hat mir, liebe Charlotte, eine viel größere Freude gemacht, als ich
Ihnen sagen kann. Es ist auch dieser Lebensabschnitt in Ihrer Jugend,
wie natürlich, ohne gerade wichtige Ereignisse vorübergegangen, aber es
ist Ihnen eine ganz besondere Gabe eigen, die inneren Seelenzustände zu
schildern. Immer aber sind es doch nur diese, welche die Begebenheiten
selbst erst anziehend machen, sie mögen dieselben nun vorbereiten,
begleiten, oder aus ihnen entstehen. Nichts aber ist gleich reizend, als
der Zustand eines aufblühenden Mädchens in dem Alter, worin Sie damals
gewesen sein müssen. Ich war damals neunzehn Jahre und auch noch nicht
aus dem mütterlichen Hause gekommen. Meinen Vater habe ich schon früher
in meinem zwölften Jahre an einer Krankheit verloren, die bloß zufällig
war, da er seinem sonstigen Gesundheitszustande nach noch lange hätte
leben können. Sie müssen ungefähr vier Jahre jünger sein als ich. Ich
erinnere mich aber hier, daß ich Ihr Geburtsjahr nicht genau weiß.
Schreiben Sie es mir doch einmal. Mir ist es immer wichtig, ganz genau
zu wissen, wie alt die sind, die ich gern habe, vorzüglich bei Frauen.
Ich habe meine eigenen Gedanken über das weibliche Alter und ziehe ein
weiter fortgerücktes eigentlich einem jüngeren vor. Sogar der bloße
körperliche Reiz erhält sich meiner Meinung nach viel länger, als man
gewöhnlich annimmt, und was in dem Innern einer Frau vorzüglich fesselt,
gewinnt offenbar bei fortgeschrittenen Jahren. Ich hätte auch in keinem
Alter meines Lebens gern in engem Verhältnis mit einem Mädchen oder
einer Frau stehen mögen, die viel jünger als ich gewesen wäre, am
wenigsten hätte ich eine solche heiraten mögen. Ich bin auch in mir
überzeugt, daß solche Heiraten im ganzen nicht gut sind. Sie führen
meistenteils dahin, daß die Männer die Frauen wie Unmündige und Kinder
behandeln, und es kann bei einer solchen Altersverschiedenheit unmöglich
der freie, gegenseitig erhebende und beglückende Umgang, das volle und
reine überströmen der Gedanken und Empfindungen aus einem Gemüt in das
andere stattfinden, die in dem Umgange beider Geschlechter eigentlich
das Beseligende ausmachen. Gleichheit in allen inneren Bedingungen ist
da unentbehrlich notwendig, und der Mann kann nur daran große Freude
finden, daß sich ihm die in jeder Art in Empfindungen und Denken, nach
Maßgabe der Verschiedenheit der Geschlechter, in ihrer Art Gleiche, in
der mit erlangter Reife vollen Selbständigkeit ihres Wesens hingibt und
seinen Willen als den ihrigen erkennt.
Ich bin aber von Ihrer Lebenserzählung abgekommen. Es ist eine sehr
eigentümliche, aber in der Unschuld eines aufkeimenden, noch vor sich
selbst gar nicht entfalteten Gemüts, natürliche und liebenswürdige
Richtung in Ihrem Herzen, in jener Zeit, daß Sie sich nur nach einer
Freundin sehnten, und jede andere Sehnsucht Ihnen fremd war. Man erkennt
darin recht, was Freundschaft und Liebe unterscheidet. Beide teilen
miteinander das innere Seelenleben, worin zwei Wesen einander
entgegenkommen, und indem sie, jeder seine Art zu sein in dem andern
aufzugeben scheinen, dieselbe reiner und klarer zurückempfangen. Der
Mensch muß etwas außer sich gewinnen, an das er sich anschließen, auf
das er mit allen vereinten Kräften seines Daseins wirken könne. Allein
wenn auch diese Neigung allgemein ist, so ist der Hang und die Sehnsucht
nach wahrer Freundschaft und Liebe doch nur ein Vorrecht zarter und
innerlich gebildeter Seelen. Weniger zarte oder durch die Außenwelt
betäubte Gemüter heften sich wechselnd und vorübergehend an und
erreichen niemals den wahren Frieden, einer in dem andern. Unter sich
aber sind Liebe und Freundschaft doch immer und unter allen Umständen in
der Art verschieden, daß die erste immer zugleich eine sinnliche Farbe
an sich trägt. Man tut dadurch ihrer Reinheit keinen Eintrag, denn auch
die sinnliche Neigung kann die größte Reinheit in sich schließen, diese
stammt aus der Seele selbst und verwandelt alles in ihren unbefleckten
Glanz. Bei jungen weiblichen Gemütern, die noch gar nicht bis zum
Gefühl, oder vielmehr bis zum Bewußtsein der Liebe gekommen sind, ist es
doch aber eigentlich diese, die das Gewand der Freundschaft annimmt. Die
Gefühle sind da noch nicht so bestimmt und klar geschieden, aber die
beginnende weibliche Reife spielt doch alles, ohne es zu wissen, in die
Liebe hinüber. Die Freundschaft selbst von einem Geschlecht zu einer
Person desselben wird dann lebendiger, leidenschaftlicher, hingebender,
aufopfernder; wenn sie auch in späteren Jahren alles dasselbe der Tat
nach leistet, so ist in der früheren doch die Art anders, die Farbe der
Empfindung glühender, die Seele heftiger davon ergriffen und gleichsam
wärmer und heller davon durchstrahlt. So ist es gewiß auch Ihnen, liebe
Charlotte, damals mit Ihrer Freundin gegangen. Ich wünsche sehr, daß Sie
Ihre Lebenserzählung fortsetzen. -- Nun leben Sie herzlich wohl und
gedenken Sie meiner, der Ihnen immer mit gleicher Teilnahme zugetan
bleibt. H.
_Berlin_, den 22. März 1825.
Ich setze mich mit recht eigentlicher Freude hin, Ihnen zu schreiben,
liebe Charlotte, und wünsche von ganzem Herzen, daß Sie dies Blatt
körperlich recht wohl und heiter gestimmt finden möge. Bei dieser
wunderbaren Witterung, wo der Winter es sich recht aufgespart hat, zum
Frühjahr zu kommen, kann es selbst festen Gesundheiten leicht anders
ergehen. Die meinige hat Gottlob! bis jetzt keinen Anstoß erlitten, und
ich denke, wenn nicht zum Osterfest, doch gleich nachher, nach Tegel zu
gehen. Wenn man auch dies Jahr lange auf das Grünwerden der Bäume wird
warten müssen, so ist es eine süße Erwartung, wie die alles Guten, das
unfehlbar ist, weil es aus einer sich immer gleichbleibenden Güte
quillt. Alle Freuden an dem Wechsel der Naturerscheinungen haben das,
daß sie zugleich moralische sind für das sie dankbar empfindende Herz.
Diese Zuverlässigkeit, die in der Natur liegt und sich schon in ihrer
Regelmäßigkeit ausspricht, durch die die gewöhnlichsten Begebenheiten,
ja selbst der tägliche Sonnen-Auf- und -Niedergang etwas Großes und
Wunderbares erhalten, diese Zuverlässigkeit, sage ich, verbunden mit der
Wohltätigkeit alles dessen, was aus der Natur auf den Menschen
herabfließt, erteilt allen Empfindungen, die sich auf sie beziehen, eine
erhebend beruhigende Fülle der Sanftheit. In unserm rauhen Norden
müssen wir freilich den Übergang zum Frühjahr mit bittern
Winterempfindungen erkaufen und das Bessere langsam erwarten. Aber
dieser große Wechsel hat doch auch seine Vorzüge. Er schafft mehr und
etwas Tieferes in dem Menschen, wenn er nach der Düsterheit, die doch
immer den Winter begleitet, in die Milde heiterer Frühlingssonne
übergeht. Man empfindet das recht, wenn man einige Jahre in südlichen
Ländern zubringt. Der Winter ist da eigentlich Frühjahr, und man kann
fast nur drei Jahreszeiten unterscheiden, die der großen Hitze, den
Sommer, die der Früchte, den Herbst, und die übrigen Monate des Jahres,
wo man auch nicht Kälte oder unangenehme Witterung leidet, das Gras auf
Angern und Wiesen frisch und schön, und bei vielen immer grünen Bäumen
selbst wenige laublos dastehen. So kommt man in den Winter und Frühling,
ohne eigentlich eine Veränderung zu bemerken, aber man entbehrt auch des
ganzen, bei uns wahrhaft himmlischen Eindrucks, den diese Veränderung
auf das Gemüt immer unfehlbar hervorbringt. Die Natur ist es aber auch
allein, an der mir der Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar wird. Die
Menschen pflegen ihn sonst auch noch in ihrer veränderten Lebensweise zu
spüren. Das ist nun bei mir nicht der Fall. Ich lebe, einigen Wechsel
des Aufenthalts abgerechnet, ziemlich jeden Monat im Jahr auf die
gleiche Weise. Es ist dies eine natürliche Folge meines wenigen
Ausgehens im Winter und meines ununterbrochenen Arbeitens. Denn wenn
Sie die Stunden von 3 bis 5 und von 8 bis 10 des Tages und die Nacht
ausnehmen, können Sie sich mich, liebe Charlotte, immer in meiner Stube,
und da immer an meinem Schreibtische sitzend, denken. Da die wenigen
Gesellschaften, die ich besuche, auch noch meistenteils in die eben
bezeichneten Stunden fallen, so gibt es kaum Ausnahmen. Je tiefer man in
höhere Jahre tritt, je mehr reizt, wenn man dessen einmal fähig ist, der
Ernst der Gedanken. Man kann sogar ohne Übertreibung sagen, daß das das
Einzige ist, was uns dann noch reizt. Und dieser Reiz steigt mit der
Beschäftigung selbst. Es entspringt eines aus dem andern, es entspinnt
sich neu zu Denkendes aus bisher Halbgedachtem, oder nur Geahntem. Man
wird dadurch, von dieser Seite will ich zwar diese Art des einsamen
Denkens nicht unbedingt loben, man wird dadurch nicht anziehender für
andere, man grenzt sich vielmehr mehr ab, man weist gewisse Dinge
zurück, man hat überhaupt eine Neigung und ein Bedürfnis, sich und seine
Ansicht herrschend zu machen, und zieht sich leicht, wenn es auch nicht
zu billigen wäre, zurück, wo man sieht, daß sie keinen Eingang findet,
man fühlt gewissermaßen, daß man nur noch in einem gewissen Gleise
fortgehen kann, und verlangt daher, daß die, welche einen noch begleiten
wollen, sich demselben fügen. Alles das mag seine Unbequemlichkeiten
haben, allein alles Menschliche ist damit verbunden, und jenes
beschauliche Leben in sich selbst, das sich seinen Kreis schließt und
diesen Kreis nie wieder verläßt, hat und gewählt einen solchen Ersatz,
daß man sich doch darum nicht davon trennen würde. Ja, wenn es recht die
Weise erreicht, mit der sich ein sonst gut geartetes und tieferes Gemüt
wahrhaft beruhigt, so darf man sich sogar aus Pflicht nicht davon
trennen. Denn aus diesem nach eigenen Entschlüssen und eigener Wahl
begonnenen Verfolgen von Ideen entsteht immer etwas, das weiter und
wichtig wirkt, und ohne die Selbständigkeit des Mannes ist eine freie
Anwendung seiner Tätigkeit nicht zu denken.
_Tegel_, den 1. Mai 1825.
Ich habe eine große Freude daran, in der Vergangenheit zu leben. Von dem
Kleinsten, was mir begegnet ist, habe ich wenig vergessen, und ich
verweile vor allem gern in Gedanken bei den Menschen, mit denen ich
näher zusammen trat. Gerade in den Jahren, wo wir uns sahen, hatte ich
eine Art von Leidenschaft, interessanten Menschen nahe zu kommen, viele
zu sehen und diese genau, und mir in der Seele ein Bild ihrer Art und
Weise zu machen. Ich hatte mir dadurch früh eine Menschenkenntnis
verschafft, die andern sonst wohl viel später fehlt. Die Hauptsache lag
mir an der Kenntnis. Ich benutze sie zu allgemeinen Ideen,
klassifizierte mir die Menschen, verglich sie, studierte ihre
Physiognomien, kurz machte daraus, so viel es gehen wollte, ein eigenes
Studium. Indes hat es mir auch für die Behandlung der Menschen im Leben
sehr viel geholfen. Ich habe gelernt, jeden zu nehmen, wie er nach
seiner Sinnesart genommen werden muß, und was mir recht und dem
Verhältnis gemäß scheint, mit jedem durchzusetzen. Was ich als junger
Mensch zur Übung versuchte, hat mir im männlichen Alter oft sichtbar
genutzt. Jetzt kommt es mir längst nicht mehr vor, in dieser Art eine
Wirkung auf einen Menschen zu bezwecken. Wenn man meine Jahre erlangt
hat, kann man sich teils nicht mehr so in andere Verschiedenheiten
finden, teils muß man es nicht wollen. Man muß seine Individualität frei
gewähren lassen, mit denen fortwandeln, die sich ihr anpassen und sich
nach ihr richten wollen, und die andern nur mit allgemeinem Wohlwollen
begleiten. -- -- --
Sie sind also auch von der schnellen, wunderartig plötzlichen
Erscheinung des Frühjahrs in diesem Jahr so betroffen gewesen? Ich
meine, ich hätte es noch nie so erlebt. In einer einzigen Nacht stand
ein großer alter Kirschbaum hier, der den Tag vorher noch nichts als
nackte Reiser hatte, mit Blüten bedeckt da.
Die wehmütige Empfindung, gerade in dem Aufleben der Natur, ist sehr
begreiflich, und ist wohl allen Menschen eigen, die tiefer empfinden und
genauer auf sich achten. Sie hindert darum das frühe Teilnehmen an der
erwachenden Natur garnicht. Sie sprießt vielmehr aus der Tiefe dieser
Empfindungen selbst, denn jede wahrhaft tiefe Empfindung im Menschen
wird von selbst wehmütig. Sehr natürlich. Der Mensch fühlt seine
Schwäche, sein dem Wechsel und der Vergänglichkeit unterworfenes Dasein;
und indem er nun in diesem, ihn scheinbar nur mit Unglück und
Widerwärtigkeiten bedrohenden Dasein eine unendliche, ihn rund umgebende
Güte erblickt, da die ganze Natur, gerade in diesem ersten Aufkeimen,
überzuquellen scheint, um ihn mit Genüssen aller Art zu bereichern, so
ist er darüber in seiner innersten Tiefe gerührt, was sich nur in
wehmütiger Freude aussprechen kann. Eine andere Art der Wehmut, und eine
schmerzlichere, kann auch, nach Beschaffenheit der verschiedenen
Stimmungen, daher entstehen, daß man den Eintritt einer so großen Menge,
wenn auch nicht nach menschlicher Art lebender Wesen, in erneuertes
Dasein oder erneuerte Regsamkeit nicht ansehen kann, ohne zugleich an
ihre Rückkehr in Winterschlaf und Tod zu denken, die ebenso plötzlich
eintreten wird. Daß alles Leben nur ein der scheinbaren Vernichtung
Entgegengehen ist, wird einem nie so klar, als in dem regelmäßigen
Wechsel der Jahreszeiten. Die ganze Pflanzenwelt nun mit so harmlos
zuversichtlicher Freude ins Leben treten zu sehen, als ahnte sie
garnicht das winterliche Ersterben, hat ebenso etwas tief Rührendes, wie
das Leben eines noch keine Gefahren ahnenden Kindes.
Leben Sie herzlich wohl. Unwandelbar mit der herzlichsten,
unveränderlichsten Zuneigung Ihr H.
_Tegel_, den 15. Mai 1825.
So sehr ich auch die Natur liebe und gern in ihr weile, bin ich doch,
seit ich hier bin, nicht sehr viel ins Freie gekommen. Wenn nicht Besuch
kommt, was bei diesen kalten und regnichten Tagen nicht so häufig der
Fall ist, pflege ich von sechs bis acht Uhr abends draußen zu sein. Ich
ziehe den Abend dem Morgen besonders wegen des Sonnenuntergangs vor.
Nicht leicht versäume ich diesen an irgend einem Tage zu sehen. Ich habe
ihn immer werter gehalten als den Aufgang, obgleich das vielleicht nur
daher kommt, daß man am Abend, nach vollendeten Geschäften, ruhiger und
besser gestimmt ist, sich Natureindrücken zu überlassen. Den ganzen Tag
über arbeite ich in meiner Stube, die aber nach der Mittags- und
Abendseite die unmittelbare Aussicht nach dem Garten und hohen Bäumen
hat. Dies Arbeiten in selbstgewählten Studien, unabhängigem Denken (denn
meine eigentlichen Geschäfte kosten mir verhältnismäßig sehr wenig Zeit)
kann ich eigentlich als mein Leben ansehen. Meine Ideen, und dies in
Büchern, in Anschauungen, in Erfahrungen, wodurch sie genährt werden,
beschäftigen mich eigentlich allein und ausschließend; und ich kann mit
Recht sagen, daß ich mein sehr heiteres und glückliches Dasein, wenn
nicht allein, doch größtenteils ihnen verdanke. Hat man sich einmal an
dies Leben in Ideen gewöhnt, so verlieren Kummer und Unglücksfälle ihre
Stachel. Man ist wohl wehmütig und traurig, aber nie ungeduldig noch
ratlos. Ich knüpfe, weil ich einmal diese Gewohnheit gefaßt habe, dies
Nachdenken immer an gelehrte Beschäftigungen, aber ich suche mich immer
und an jedem Punkte darin zu freien Ideen zu erheben, die sich dann an
alles, was nicht wirklich, und an alles, was in der Wirklichkeit echten
und wesenhaften Glanz, Gehalt und Reiz hat, knüpfen. In dieser höheren
Region werden die Ideen, die als gelehrte Beschäftigungen nur für wenige
bestimmt scheinen, wieder sehr einfach und knüpfen sich an alles
allgemein Menschliche an.
Ich freue mich zu denken, daß Sie diesen Brief, wie Sie es immer freut,
zum Pfingstfest bekommen. Mit unwandelbaren Gesinnungen der Ihrige. H.
_Tegel_, den 16. Juli 1825.
Dies ruhige, schöne, meinem Alter und Neigungen angemessene Verhältnis
können wir ungestört so lange fortsetzen, als wir miteinander im Leben
fortwandeln; es ist von meiner Seite nichts da, was es unterbrechen
könnte, und ich weiß nichts, was es von Ihrer Seite hindern könnte.
Genügt Ihnen, wie ich denn sicher überzeugt bin, daß es Ihnen genügt,
dies, so ist unser Verhältnis so klar und rein, wie es nur immer gedacht
werden kann. Sie brauchen auch garnicht zu denken, daß Sie darin bloß
die Empfangende sind; ich habe Ihnen oft gesagt, daß mir Ihre Briefe,
Ihre natürlichen, weiblichen Äußerungen Ihrer Ergebenheit, Ihre
Lebensbeschreibung recht große Freude machen und gemacht haben. Glaube
ich, daß Sie mir eine besondere machen könnten, so haben Sie ja gesehen,
daß ich es Ihnen frei und natürlich geäußert habe. Sagt das Ihnen nicht
zu, so trete ich davon zurück, und gewiß ohne Erbitterung, ohne Klage,
ohne, wie ich Ihnen sagte, irgend eine Empfindung, die Ihnen unangenehm
sein könnte, bloß in dem Gefühle, daß nicht zwei Menschen ganz gleich
denken können. Also auch so etwas müssen Sie, liebe Charlotte, nicht
schwer aufnehmen. Es gibt schon sehr vieles, was auch das glücklichste
Leben schwer machen kann, daß man es nicht willkürlich vermehren muß.
Willkürlich ist nun zwar eine solche Mißstimmung nicht, aber man kann
doch gegen sie arbeiten. Das erfordert freilich Selbstbeherrschung, aber
darauf muß ich auch zurückkommen, daß die allen Menschen nötig ist. So
glaube ich, liebe Charlotte, mich so rein ausgesprochen zu haben, daß
Ihnen wenigstens in mir nichts dunkel und rätselhaft bleiben kann. Nun
muß ich noch eine Stelle Ihres Briefes berichtigen, wo Sie mich ganz
mißverstanden haben, indem Sie sagen, daß ich nichts zu meinem Glück
bedürfe als mich. Es ist das allerdings wahr. Aber das kann ich, wie
streng ich mich untersuche, nicht tadeln, es ist vielmehr in mir die
Frucht eines langen und darauf gerichteten Lebens gewesen. Ich lebe
nämlich in Gefühlen, Studien, Ideen; diese sind es eigentlich, die
machen, daß ich nichts Fremdes bedarf, und sie sind auf unvergängliche
Dinge gerichtet, sie lassen mich nicht sinken, wenn mir Erwartungen
fehlschlagen, wie ich es oft, wenn mir Unglücksfälle zustießen, erlebt
habe. Nur wenn man in diesem Sinne nichts bedarf, kann man möglichst
frei von Egoismus sein, denn da man für sich nichts fordert, kann man
andern hilfreicher sein. Man genießt auch dann jede Freude mehr, gerade
weil sie kein Bedürfnis ist, sondern eine reine, schöne Zugabe zum
Dasein. Alles, was dem Bedürfnis ähnlich ist, hat die Eigentümlichkeit,
daß man es viel weniger genießt, wenn man es hat, als es schmerzt, wenn
man es entbehrt. Darum aber fühle ich (ich habe es ja mehr als einmal
erfahren) den Verlust geliebter Personen wohl eher tiefer als andere,
wenn auch mit mehr Fassung und Ruhe. Nur die Wehmut setze ich nicht dem
Glücke entgegen, sondern teile das Glück in wehmütiges und heiteres, und
setze jenes nicht gegen dieses zurück. So meinte ich das, was Sie anders
verstanden, und wenn Sie den Inhalt meiner Briefe im ganzen durchgehen,
werden Sie immer dies darin ausgesprochen finden. Dafür, daß einzelne
Stellen anders erscheinen könnten, möchte ich nicht einstehen, da man
nicht jedesmal alles begrenzen kann, doch glaube ich es kaum. Leben Sie
nun herzlich wohl, rechnen Sie fest auf die Unveränderlichkeit meiner
Gesinnungen, verscheuchen Sie vor allem jede unnütze Besorgnis,
erheitern Sie sich. Denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen, das tun
Sie ja so gerne. Von Herzen Ihr H.
_Burgörner_, den 18. August 1825.
Ich bin seit einigen Tagen hier und habe mich schon sehr an dem Gefühle
erfreut, das den Aufenthalt in der Provinz und in einer Gegend, wo man
ganz und gar von größern Städten entfernt ist, begleitet. Ich finde mich
immer sehr leicht darein und habe daran ein vorzügliches Gefallen. Es
wandelt mich auch nicht die leiseste Neugierde an, und ich kann sehr gut
selbst die Zeitungen entbehren. Ich pflege alsdann auch meine
Beschäftigungen fast ganz einförmig einzurichten und so viel als möglich
bei einem Ideengange zu bleiben. Ich habe von jeher eine große Neigung
gehabt, mich in eine Sache zu vertiefen, und habe oft Gelegenheit
gehabt, die Vorteile und Nachteile davon an mir selbst zu erfahren. Denn
daß diese Vorliebe für eine und dieselbe oft wiederholte Beschäftigung,
dies Grübeln über eine Idee auch seine beschränkenden und daher
schädlichen Eigenschaften hat, läßt sich nicht leugnen. Die Vertiefung
bringt im Grunde dieselbe Wirkung hervor als die Zerstreuung, sie läßt
vieles nicht bemerken, manches ungeschickt betreiben. Der Unterschied
ist nur freilich, daß der zerstreute Mensch sich in nichts zersplittert,
und nichts findet, noch besitzt, an dem er zu haften vermöchte, daß aber
der Vertiefte immer eins hat, was ihn für die Vernachlässigung des
übrigen entschädigt. Am nachteiligsten empfinde ich diesen Hang, sich
einer Sache, die dann meistenteils eine innere Idee ist, hinzugeben
dann, wenn ich mich in der freien Natur befinde. Ich liebe sie
unendlich, und der Genuß oft selbst einer einfachen Gegend, geschweige
denn einer schönen, hat für mich mehr Reiz als fast alles übrige sonst.
Aber auch der Eindruck, den die Natur macht, schließt sich immer wieder
an den mich innerlich beschäftigenden Gedanken an, und verwandelt sich
selbst in eine allgemeine Empfindung; dagegen entgehen mir eine ganze
Menge Einzelheiten. Ich würde nie zum Naturbeobachter darum getaugt
haben, und hätte sicherlich mitten unter Pflanzen und Steinen sehr
vieles unbemerkt vorübergehen lassen, was ich zu anderer Zeit mit
Bedauern inne geworden sein würde. Indes möchte ich darum diesen Hang
zur Vertiefung nicht fahren lassen und ihn nicht bloß nicht mit dem
entgegengesetzten Extrem vertauschen, sondern mich nicht einmal gern mit
der Mittelstraße zwischen beiden Extremen, die man sonst wohl als die
weisere zu preisen pflegt, begnügen. Man lernt doch das, dem man sich
so ganz, so ausschließend, so in fester Beharrlichkeit widmet, besser
kennen, und je länger man dabei verweilt, desto mehr scheint an ihm in
der Betrachtung hervorzutreten. Man kann in der Tat nicht sagen, daß die
Dinge der Welt dasjenige, was an ihnen zu sehen ist, offen daliegen
haben. Der eine sieht, was dem andern entgeht, und es ist, als wenn der
Blick, wenn er durch gehörige Vertiefung geschärft wird, erst selbst den
Gegenstand erschlösse. Die einfachsten Sachen können darum denjenigen,
der einmal diesen Hang hat, sehr lange Zeit, und nicht auf eine leere,
nutzlose Weise beschäftigen. Vorzüglich finde ich immer, geht bei dieser
anhaltenden Betrachtung, wenn sie nicht bloße Gedanken, sondern
Gegenstände der Welt betrifft, dasjenige auf, was die Zeit an ihnen
gearbeitet hat, die Spur der Vergangenheit in der Gegenwart, ja oft auch
die leise Ahnung der Zukunft, welcher die Gegenwart entgegengeht. Darin
liegt auch einer der höchsten Reize. Denn alles, was das Laufen und das
ununterbrochene Fließen der Zeit versinnlicht, zieht den Menschen
unendlich und unnennbar an. Sehr natürlich, da er selbst das Geschöpf
der Zeit ist, da seine Schicksale auf ihr wie auf einem immer wogenden
Meere schweben, da er nie weiß, ob er sich der Gegenwart sicher
vertrauen darf, und ob nicht eine trügerische Zukunft seiner wartet. Das
tiefere Eindringen in die Gegenstände, das man dem Hange zur Vertiefung
dankt, wäre aber noch der mindeste Vorteil. Denn Sie könnten mir
vielleicht mit Recht einwenden, daß es gar wenig Dinge gibt, die ein
solches Eindringen verdienen. Das viel Wichtigere dabei ist der Gewinn,
den der Geist in sich, aus diesem Sichsammeln auf einen Punkt, aus
dieser Genügsamkeit mit wenigen Gegenständen, auf die er sich
vereinzelt, zieht. Es entspringt notwendig daraus eine größere geistige
Innigkeit, eine höhere Wärme, eine Liebe, mit der man das umfaßt, mit
dem man sich gleichsam allein in der Welt fühlt. Dadurch wird auf den
Charakter selbst gewirkt, oder vielmehr, da nichts Äußeres hinzutritt,
sondern dieser Hang aus dem Charakter selbst hervorgeht, so entwickelt
sich der Charakter dadurch und bildet sich zu einer höheren Würde und
gehaltvolleren Schönheit aus. Denn es gibt Ideen, mit denen er gleichsam
zusammengewachsen ist, die er nie aufgeben möchte, die ihn wie
beständige Leiter, Freunde, Tröster begleiten, und diese Ideen, die so
zu ihm treten, sind gerade immer die eigentümlichsten, diejenigen, die
ein anderer oft garnicht, oft erst nach Jahren, verstehen und begreifen
kann, was garnicht darin liegt, daß sie ihm, wie man es auszudrücken
pflegt, zu hoch, zu verwickelt wären, sondern nur darin, daß sie so
unzertrennbar mit einem andern Individuum verbunden sind. In Ideen
dieser Gattung würde ich nie von dem Allerkleinsten, ohne vollkommene
Änderung meiner früheren Überzeugung, zurückgehen; es kann nichts
geben, was für dies Zurückgehen Entschädigung gewährte, und welches
Opfer auch einer solchen zu tiefer Überzeugung gewordenen Idee gebracht
werden müßte, so kann es nie, gegen sie selbst gehalten, zu groß sein.
Die Festigkeit aber, die darin sich ausspricht, ist keine eigensinnige,
sie entsteht nicht einmal allein aus Verstandesüberlegung. Denn ob sie
gleich an sich freilich, wie die Überzeugung, von demjenigen, was von
dieser Festigkeit begleitet ist, aus dem Verstande entspringt, so
gesellt sich nun in einem Gemüte, das den Hang besitzt, eine Idee und
einen sich mit ihr verbindenden Gegenstand ganz und gewissermaßen
ausschließend zu umfassen, dazu Wärme, Empfindung und eigentliche Liebe.
Das ganze Leben wird durch diese Stimmung innerlicher, und wo sie recht
einheimisch geworden ist, dauert sie, wie ich in verschiedenen Perioden
meines Lebens erfahren habe, auch in derselben Innerlichkeit mitten
unter großen äußeren Bewegungen fort. Sie macht alsdann denjenigen,
welcher sie besitzt, von allen Äußerlichkeiten unabhängig, überhaupt
wird durch dieselbe das Bedürfnis, sich gerade mit einem äußeren
Gegenstande zu verbinden, vermindert. Denn die Liebe, welche die bloße
innere Idee erweckt, vertritt schon dessen Stelle. Wo aber etwas Äußeres
mit der Idee zusammentrifft, da ist nun auch die Wirkung doppelt stark
und dauernd. Die Ideen, welche so durch das Leben begleiten, sind auch
natürlich zugleich dann die, welche am besten vorbereiten, das Leben
auch entbehren zu können. Denn da das Leben vorzüglich nur durch sie
Wert hat, sie aber fest mit den tiefsten Kräften des Gemüts und der
Seele vereinigt sind, so kann ich mir wenigstens nicht denken, wie nicht
mit ihnen gerade auch das Eigenste, was man besitzt, mit einem
hinübergehen sollte. Es ist wohl zu hoffen und mit Vertrauen zu
erwarten, daß sie klarer, heller, und in neuer vielfacherer Anwendung
den Geist umgeben werden. --
Recht herzlich habe ich mich gefreut, in Ihrem Briefe zu erkennen und
ausgedrückt zu finden, daß Sie wieder ruhig und heiter werden und aufs
neue erkannt haben, daß ich nur beides zu befördern wünsche. Gewiß habe
ich nur diese wohlwollenden Gesinnungen für Sie gehabt, wie ich vor
einigen Jahren den Briefwechsel mit Ihnen wieder anfing. Ich glaube mir
in meinen Gesinnungen stets gleich geblieben zu sein, und Sie können
gewiß ferner darauf rechnen. Die Grundsätze, nach denen ich handle,
stammen weder aus Eigensinn, noch sind sie eben so wenig auf eigene
Wünsche berechnet. Sehr gefreut hat es mich auch, das volle feste
Vertrauen, wie sonst bei Ihnen, zu diesen Ihnen mit liebevollem Anteil
geweihten Gesinnungen gefunden zu haben. Halten Sie dies unverbrüchlich
fest, liebste Charlotte, und nie wird etwas Störendes in unserem
Verhältnis entstehen.
Daß Sie der Konsequenz gram und feind sind, wenn sie nichts als
Eigensinn ist, und nur diesen edleren Namen annimmt, darin haben Sie
ganz recht. Es ist dies dann nur eine tadelnswerte Scheinheiligkeit.
Doch muß man nicht alles Eigensinn nennen, wovon man die Gründe nicht
einsieht, oder was auf solchen Gründen beruht, für die man, wenn man sie
auch kennt, keinen Sinn hat. Das wäre wieder auf der andern Seite und in
einem andern Extreme gefehlt. Noch weniger könnte es Konsequenz genannt
werden, wenn man bei Meinungen beharren wollte, die man selbst
abgeändert hätte und nicht mehr, wie ehemals, für wahr hält; das wäre
nichts als Rechthaberei, oder die Schwäche, nicht vor andern bekennen zu
wollen, daß man früher unrecht gehabt hat. Wenn man das selbst fühlt,
muß man auch keine Schwierigkeit darin finden, es vor andern
einzugestehen. Ich halte garnichts davon, in seinen Grundsätzen,
Meinungen und Empfindungen so ein für alle Mal abgeschlossen zu sein und
zu denken, daß das nun alles darum so recht wäre, weil man es so lange
dafür gehalten hat. Ich prüfe vielmehr immer alles aufs neue und würde
es keinen Augenblick Hehl haben, wenn auch das, woran ich sehr gehangen
hätte, mir plötzlich anders erschiene. Ich würde dann nicht nur selbst
meine vorige Meinung ablegen, sondern es auch ohne allen Anstand
bekennen. Gerade aber, wenn man so gestimmt ist, begegnet einem dies bei
andern viel weniger, denn man ist dann an sich dem Nachdenken geneigt,
und die Grundsätze und Meinungen, die man hat, gründen sich dann auch
auf das Nachdenken, solche aber vertauscht man nicht leicht mit andern,
wenn man auch sich neuen Prüfungen noch so offen erhält. Sie sagen, daß
Sie in den letzten Wochen zu sehr ernsthaftem Nachdenken über sich
geführt worden sind und Ihre Blicke sehr in die Tiefe Ihres Innern
gerichtet haben. Sie werden dann dabei erfahren haben, wie wohltätig es
ist. Mir kehrt aus solchen Selbstbetrachtungen, die ich für die höchste
und beste Beschäftigung halte, alle Mal eine große und nicht leicht
wieder zu zerstörende Heiterkeit zurück. Man findet entweder, daß der
Zustand des Gemüts von der Art ist, wie man nur wünschen kann ihn zu
erhalten, und hat nichts nötig gehabt, als ihn nur besser zu entwirren,
mehr Licht und Klarheit in ihm zu genießen -- und das ist gewiß der Fall
bei Ihnen -- oder man muß sich selbst anklagen und unzufrieden mit sich
sein; dann ändert man seinen Sinn, nötigt das Gemüt zu dem, was es aus
Irrtum, oder Schwäche, oder sonst einer Verkehrtheit versagte, und
genießt gerade wieder in dem Gefühl, sich auf den rechten Weg
zurückgebracht zu haben, einer neuen und nun wahrhaft befestigten
Heiterkeit. Leben Sie herzlich wohl, bleiben Sie ruhig und heiter, und
rechnen Sie auf die Gleichheit und Unveränderlichkeit meiner
Gesinnungen. H.
_Burgörner_, den 6. September 1825.
Es ist nahe an Mitternacht, da ich meinen Brief an Sie anfange, er kann
aber, es ist heute Dienstag, erst am Freitag abgehen. Ich habe immer im
Briefschreiben die Sitte, die ich aber nicht unbedingt loben will, mich
im Schreiben nicht an die Posttage zu kehren, sondern meiner Neigung zu
folgen. Bei vertraulichen Briefen, wie die unsrigen sind, ist das
eigentlich nicht gut. Es ist natürlich, solche Briefe sobald als möglich
in die Hände desjenigen zu wünschen, dem sie bestimmt sind. Aber mit
andern Briefen, die Dinge betreffen, an denen das Gemüt keinen oder
wenigen Teil nimmt, ist es nicht übel, sie einige Tage liegen zu lassen.
Man kann dann noch vielleicht ändern.
Was Sie über den Einfluß des schnelleren oder langsameren Umlaufs des
Bluts auf das Gemüt sagen, ist vollkommen wahr und darf bei Beurteilung
anderer nicht aus der Acht gelassen werden. Indes ist es eine schöne
Eigenschaft im Menschen, und ein ihm von dem Schöpfer ausschließlich vor
den übrigen Erdengeschöpfen eingeräumter Vorzug, daß er immer fühlt, daß
er durch den Gedanken und durch den Entschluß jeden körperlichen
Einfluß, wie stark er sein möge, hemmen und beherrschen kann. Es sagt
dem Menschen eine innere Stimme, daß er frei und unabhängig ist, sie
rechnet ihm das Gute und das Böse an, und aus der Beurteilung seiner
selbst, die immer stärker und strenger sein muß als die anderer, muß man
jene ganz körperlichen Einflüsse völlig hinweglassen. Es sind zwei
verschiedene Gebiete, das der Abhängigkeit und das der Freiheit, und
durch den bloßen Verstand läßt sich der Streit beider nicht lösen. In
der Welt der Erscheinungen sind alle Dinge dergestalt verkettet, daß
man, wenn man alle Umstände bis auf die kleinsten und entferntesten
immer genau wüßte, beweisen könnte, daß der Mensch in jedem Augenblick
gezwungen war, so zu handeln, wie er gehandelt hat. Dabei hat er aber
doch immer das Gefühl daß er, wollte er in das hemmende Rad greifen und
sich von dieser ihn umstrickenden Verkettung losmachen, es vermöchte. In
diesem Gefühl seiner Freiheit liegt seine Menschenwürde. Es ist aber
auch das, wodurch er gleichsam aus einer andern Welt in diese eintritt.
Denn im Irdischen allein kann nichts frei, und im Überirdischen nichts
gebunden sein. Der Widerstreit ist nur dadurch zu lösen, daß es eine
Herrschaft des ganzen Gebiets der Freiheit über das ganze Gebiet der
Abhängigkeit gibt, die wir nur im einzelnen nicht begreifen können, die
aber die Verkettung der Dinge vom Uranfange so leitet, daß sie den
freien Beschlüssen des Willens entsprechen muß.
Wie ich mir Ihren körperlichen Zustand denke, liebe Charlotte, so hängt
er auch sehr von der Seele ab. Suchen Sie daher vor allem sich zu
erheitern und von allen Seiten zu beruhigen. Es ist dies freilich
leichter zu sagen als zu tun, aber viel vermag es doch, wenn man sich
nur alles, was einem besorglich scheint, recht klar macht und
vollständig auseinandersetzt, und alles in sich zurückruft, worin man
mit dem Geschick zufrieden sein oder es vielleicht sogar dankbar preisen
kann. Gelingt es dem Geist, die Krankheit oder Kränklichkeit ganz aus
sich zu entfernen und bloß in den Körper zu bannen, so ist unendlich
viel gewonnen, und so erträgt sich danach körperliches Übel mit Fassung
und wirklicher, nicht scheinbarer Ruhe, und erträgt sich nicht bloß,
sondern hat sehr oft auch noch etwas die Seele schön und sanft
Reinigendes. Ich selbst bin zwar mehrere Male, und ein paar Mal sehr
gefährlich, krank gewesen, aber an dauernder Kränklichkeit, eigentlich
schwacher Konstitution, habe ich nie gelitten. Ich bin aber oft mit
Personen umgegangen, Männern und Frauen, in denen dieser Zustand der
tägliche war, und die nicht einmal irgend wahrscheinliche Hoffnung
hatten, sich je anders als durch den Tod herauszuwickeln. Zu diesen
Menschen gehörte Schiller vorzüglich. Er litt sehr, litt dauernd, und
wußte, wie auch eingetroffen ist, daß diese beständigen Leiden nach und
nach seinen Tod herbeiführen würden. Von ihm aber konnte man wirklich
sagen, daß er die Krankheit in dem Körper verschlossen hielt. Denn zu
welcher Stunde man zu ihm kommen, wie man ihn antreffen mochte, so war
sein Geist ruhig und heiter, und aufgelegt zu freundschaftlicher
Mitteilung und interessantem und selbst tiefem Gespräch. Er pflegte
sogar wohl zu sagen, daß man besser bei einem gewissen, doch freilich
nicht zu angreifenden Übel arbeite, und ich habe ihn in solchen,
wirklich sehr unerfreulichen Zuständen Gedichte und prosaische Aufsätze
machend gefunden, denen man diesen Ursprung gewiß nicht ansah.
Wenn sich Schwäche mit Wallung des Blutes, Unruhe oder gar Beängstigung
vereinigt, und dies Leiden mehrere Jahre dauert, so begreife ich
freilich wohl, daß es Überdruß am Leben überhaupt hervorbringen kann,
diesem aber sollte man doch mit allen Kräften immer entgegen arbeiten.
Ich will nicht einmal darauf zurückgehen, daß dies offenbar sogar
gebotene Religionspflicht ist, aber das Leben ist schon, selbst wenn es
am längsten währt, gegen die unendliche Zeit, wo man wenigstens keinen
Begriff im voraus von der Art des Daseins hat, so kurz, daß man nicht
mit seinen Wünschen die Schranken noch näher rücken, sondern sich
vielmehr, so gut es irgend gehen will, darin betten muß, und gewiß ist
es fast noch wichtiger, wie der Mensch das Schicksal nimmt, als wie sein
Schicksal ist. Es ist eine sprichwörtliche Redensart, daß jeder sich das
seinige schafft, und man pflegt das so zu nehmen, daß er es sich durch
Vernunft oder Unvernunft gut oder schlecht bereitet. Man kann es aber
auch so verstehen, daß, wie er es aus den Händen der Vorsehung empfängt,
er sich so hinein paßt, daß es ihm doch wohl darin wird, wieviel Mängel
es darbieten möge.
Erhalten Sie mir Ihr liebevolles Andenken und seien Sie des meinigen
unbezweifelt gewiß. Meine Gedanken begleiten Sie öfter, als Sie es wohl
denken. Der Ihrige. H.
_Tegel_, den 17. Oktober 1825.
Gewiß haben Sie in den letzten September- und ersten Oktobertagen auch
die Schönheit des östlichen Sternenhimmels bemerkt. Drei Planeten und
ein Stern erster Größe standen nahe beisammen, Mars und Jupiter im
Löwen, die Venus später als Morgenstern nahe dem Sirius. Ich bemerke es
nur, damit, im Fall Sie den herrlichen Anblick versäumt hätten, Sie ihn
noch nachholen können. Am schönsten war es zwischen drei und vier Uhr
morgens zu sehen. Ich bin mit meiner Frau fast alle Morgen aufgestanden,
und wir haben lange am Fenster verweilt, und haben uns jedesmal nur mit
Mühe von dem schönen Anblick losreißen können. Ich habe von meiner
Jugend an sehr viel auf die Sterne und das Beschauen des gestirnten
Himmels gehalten. Meine Frau teilte, wie die meisten, so auch diese
meine Neigung mit mir, und so habe ich mein ganzes Leben hindurch, zu
Zeiten mehr, zu Zeiten weniger, in sternhellen Nächten zugebracht.
Selten ist aber ein Jahr und eine Jahreszeit so günstig dazu gewesen,
als dieser wunderbar schöne, helle und reine Herbst. Ich kann nicht
sagen, daß an den Sternen mich so die Betrachtung ihrer Unendlichkeit
und des unermeßlichen Raumes, den sie einnehmen, in Entzücken setzt,
dies verwirrt vielmehr nur den Sinn, und in dieser Ansicht der
Zahllosigkeit und der Unendlichkeit des Raumes liegt sogar sehr vieles,
was gewiß nur auf menschlicher, nicht ewig zu dauern bestimmter Ansicht
beruht. Noch weniger betrachte ich sie mit Hinsicht auf das Leben
jenseits. Aber der bloße Gedanke, daß sie so außer und über allem
Irdischen sind, das Gefühl, daß alles Irdische davor so verschwindet,
daß der einzelne Mensch gegen diese in den Luftraum verstreuten Welten
so unendlich unbedeutend ist, daß seine Schicksale, sein Genießen und
Entbehren, worauf er einen so kleinlichen Wert setzt, wie nichts gegen
diese Größe verschwinden; dann daß die Gestirne alle Menschen und alle
Zeiten des Erdbodens verknüpfen, daß sie alles gesehen haben vom
Anbeginn an, und alles sehen werden, darin verliere ich mich immer in
stillem Vergnügen beim Anblick des gestirnten Himmels. Gewiß ist es aber
auch ein wahrhaft erhabenes Schauspiel, wenn in der Stille der Nacht,
bei ganz reinem Himmel, die Gestirne, gleichsam wie ein Weltenchor,
herauf- und herabsteigen, und gewissermaßen das Dasein in zwei Teile
zerfällt. Der eine Teil, wie dem Irdischen angehörend, in völliger
Stille der Nacht verstummt, und nur der andere heraufkommend in aller
Erhabenheit, Pracht und Herrlichkeit. Dann wird der gestirnte Himmel,
aus diesem Gesichtspunkte angesehen, gewiß auch von moralischem Einfluß.
Wer, der sich gewöhnt hat, in dergleichen Empfindungen und Ideen zu
leben und oft darin zu verweilen, könnte sich leicht auf unmoralischen
Wegen verirren. Wie entzückt nicht schon der einfache Glanz dieses
wundervollen Schauspiels der Natur? Ich habe schon oft daran gedacht,
daß Ihnen gerade, liebe Charlotte, ein kleines Studium der Astronomie
besonders zusagen müsse; wenn Sie es wünschen, will ich Ihnen gern
einige Anleitung geben und Ihnen Bücher nennen, die Ihnen behilflich
sein können.
Sie fragen mich, ob ich allein oder mit den Meinigen in Burgörner
gewesen bin? Wir waren noch in diesem Sommer mit allen unsern Kindern
und noch andern Verwandten in Burgörner, so daß im ziemlich großen Hause
kein Zimmer zu viel war. Es ist nie meine Art gewesen, in Briefen davon
gern zu sprechen, und daher hatte ich auch vergessen, Ihnen zu sagen, ob
ich allein gereist sei oder nicht. Ich halte einmal nichts vom Erzählen,
Ereignisse und Begebenheiten scheinen mir nur der Gefühle und Gedanken
wegen, die sie hervorbringen, interessant. Auch im Gespräch erzähle ich
nie, wo ich nicht muß, und trage nichts in meiner Familie, was mich und
andere betrifft, herum, um es mitzuteilen. Es hat mir immer eine
gewisse Ideenarmut geschienen, wenn man schriftlich oder mündlich aufs
Erzählen kommt, wiewohl ich's in andern nicht tadle. Ich bin auch nie
der Meinung gewesen, daß es zur Freundschaft gehört, sich mitzuteilen,
was einem Frohes oder Schmerzliches begegnet. Es mag dies wohl auch
Freundschaft heißen und sogar sein, aber es gibt wenigstens Gottlob!
eine höhere, auf Reinerem und Höherem beruhende Freundschaft, die dessen
nicht bedarf und, weil sie mit etwas Edlerem beschäftigt ist, darauf
nicht kommt.
Ich gehe noch einmal Ihren letzten Brief durch und verweile bei einer
Stelle, die mir viel Vergnügen gemacht hat, und die ich mehr als einmal
gelesen habe. An das zarte Verhältnis unserer dauerhaften Freundschaft
knüpfen sich so manche schöne und, wenn man sie weiter verfolgt, höhere
und selbst erhebende Ideen. Ich gehe zuerst davon aus, daß Sie mir diese
Empfindungen von früher Jugend her gewidmet und zart gesondert erhalten
haben bis ins Alter, ohne irgend eine Absicht, Wunsch oder Forderung
daran zu knüpfen. Es gibt also schon hier, unter allem irdischen
Wechsel, den Beweis von Dauer, Unvergänglichkeit, und man möchte sogar
sagen Unendlichkeit; auf der andern Seite, von Festhalten des
Unveränderlichen, von Würdigung des wahrhaft Wertvollen in würdiger
Erfassung eines höhern Guts, in Wegweisung kleinlicher, engherziger
Beschränkung. Denn gerade diese Engherzigkeit, der man so oft begegnet,
und worin sich der, der sie nährt, meist gefällt, beweist die sinnliche
Unlauterkeit der Gefühle derer, die dergleichen Schranken bedürfen, um
sich dahinter zu verstecken. Die wahre Liebe, die ihrer höheren
Abstammung treu bleibt und gewiß ist, erwärmt gleich der Sonne, so weit
ihre Strahlen reichen, und erhellt verklärend alles in ihrem lautern
Glanz. Endlich erhebt eine solche Erscheinung die Seele in Hoffnung und
Glauben. Begleiten uns schon hierin unserer Endlichkeit und
Unvollkommenheit dauernde Treue und Liebe, besitzen wir schon hier
unentreißbare Güter, die mit uns hinübergehen, die wir nicht
zurücklassen werden, wie sollte uns nicht die Hoffnung beseelen und
erheben, daß wir im Überirdischen in höherer Klarheit wiederfinden, was
uns schon hier beseligen konnte als freie Himmelsgabe. Zählen und
rechnen Sie, teure Charlotte, aber auch fest auf die gleiche und
unwandelbare Gesinnung, womit ich Ihnen angehöre. Ihr H.
_Berlin_, den 8. November 1825.
Ich hoffe gewiß, daß die Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht
haben werden. Sie sind so genau, daß sie ein sehr bestimmtes und
deutliches Bild des Hauses geben müssen, wenn man sie durchgeht. Ich
habe den Ort sehr gerne, bin aber doch im Grunde nicht viel da. In
diesem Jahre verlebte ich kaum vier Monate dort. Im Winter habe ich
mehrere Gründe, in der Stadt zu sein, obgleich meiner Frau und mir das
Leben auf dem Lande auch dann sehr zusagen würde. Im Sommer nötigen oder
veranlassen mich wenigstens die Angelegenheiten der andern Güter, auch
diese zu besuchen. So kommt man, bei aller anscheinenden Freiheit, doch
nicht immer dazu, das zu tun, was einem das Liebste wäre. An Tegel hänge
ich aus vielen Gründen, unter denen doch aber der hauptsächlichste die
Bildsäulen sind, teils Antiken in Marmor, teils Gipse von Antiken, die
in den Zimmern stehen und die ich also immer um mich habe. Wenn man Sinn
für die Schönheit einer Bildsäule hat, so gehört das zu den reinsten,
edelsten und schönsten Genüssen, und man entbehrt die Gestalten sehr
ungern, an denen sich das Vergnügen, wie unzählige Male man sie sieht,
immer erneuert, ja steigert. So reizend auch Schönheit und
Gesichtsausdruck an lebenden Menschen sind, so sind beide doch an einer
vollendeten Statue, wie die antiken sind, so viel mehr, und so viel
höher, daß es gar keine Vergleichung aushält. Man braucht, um das zu
finden, gar keine besondern Kenntnisse zu besitzen, sondern nur einen
natürlich richtigen Sinn für das Schöne zu haben, und sich diesem Gefühl
zu überlassen. Die Schönheit, welche ein Kunstwerk besitzt, ist
natürlich, weil es ein Kunstwerk ist, viel freier von Beschränkung als
die Natur, sie entfernt alle Begierde, alle auch auf noch so leise und
entfernte Weise eigennützige oder sinnliche Regung. Man will sie nur
ansehen, nur sich mehr und mehr in sie vertiefen, man macht keine
Ansprüche an sie, es gilt von dieser Schönheit ganz, was Goethe so schön
von den Sternen sagt: »Die Sterne die begehrt man nicht, man freut sich
ihres Lichts.« Sie werden auf der Zeichnung des Hausflurs einige Statuen
bemerken, unter anderen einen weiblichen Körper ohne Kopf und Arme.
Dieser steht nicht mehr da, sondern ist jetzt mit andern Statuen in
meiner Stube. Ich besitze ihn schon lange und hatte ihn auch in Rom
immer bei mir. Es ist eine der vollendetsten antiken Figuren, die sich
erhalten haben, und es gibt nicht leicht eine andere Bildsäule einen so
reinen Begriff streng weiblicher Schönheit....
Sie wollen meine Meinung über Walter Scott und fragen mich, was Sie
lesen sollen. Da weiß ich Ihnen aber schwer Rat zu geben. Ich lese schon
an sich wenig Deutsch, und unter diesen meist solche wissenschaftliche
Bücher, die doch nicht für Sie sein würden, ich bin also eigentlich
darin ein schlechter Ratgeber. Einige habe ich auf dem Lande den Abend
bei meiner Frau vorlesen hören, und sie haben mir viel Vergnügen
gemacht. Ich empfehle Ihnen vor allen den Astrologen, den Kerker von
Edinburg und Robin den Roten. Es ist eine schöne Lebendigkeit und eine
sehr richtige Zeichnung und Durchführung der Charaktere in diesen
Romanen, und sie haben noch das Anziehende, daß sich mehrere derselben
genau an wirklich geschichtliche Ereignisse anschließen, und eine in
große Details eingehende Schilderung von Sitten und Gebräuchen
verschiedener Zeitalter enthalten. Auch Quintin Durward und Ivanhoe sind
aber zu empfehlen. Geschichtsbücher würde ich immer als Lektüre
vorziehen, und ich denke mir oft, daß, wenn ich einmal das Schicksal
haben sollte, wie es Personen, die ihre Augen viel gebraucht haben,
häufig geht, ganz schwache Augen zu bekommen oder ganz blind zu werden,
wo das eigene Studieren nicht mehr geht, daß ich mir, sage ich, da würde
lauter Geschichtsbücher vorlesen lassen. In der Geschichte interessiert
nun einen mehr das Entferntere, andere mehr das Nahe. Wenn Ihnen das
letzte das liebste wäre, so sind seit einigen Jahren eine Menge
interessanter Memoiren in Frankreich erschienen. Ich habe äußerst wenige
davon gelesen, aber doch viel davon gehört, und anziehend sind diese
Schriften gewiß. -- Ich wiederhole Ihnen von ganzem Herzen, liebe
Charlotte, die Versicherung meiner herzlichen und immer gleichen
Gesinnungen. Ihr H.
_Berlin_, den 25. Dezember 1825.
Ich habe seit Abgang meines letzten Briefes zwei von Ihnen empfangen,
liebe Charlotte, einen vom 6., den andere vom 20. d. Mts., und danke
Ihnen recht herzlich dafür. Es hat mich sehr gefreut, daß die
Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht haben, ich hatte das
gewünscht und erwartet, aber nicht, daß Ihnen das Haus ein so
stattliches Schloß scheint. Das alte Gebäude, aber kleiner als das
jetzige, wie Sie sehen, war ein Jagdschloß des großen Kurfürsten, das
nachher an meine Familie kam. Wegen dieses Besitzes, seiner Kleinheit,
und da es noch ein mir nicht gehörendes Dorf Tegel gibt, heißt es in der
Gegend das Schlößchen Tegel. Jetzt fangen die Leute an, es _Schloß_ zu
nennen. Ich habe das nicht gern. In Schlesien habe ich ein mehr als noch
einmal so großes altes Schloß mit Turm und Gräben, ich nenne es aber das
Wohnhaus. Das Tegelsche Haus aber ist bequem und eigentümlich. Das dankt
es dem Baumeister, dem ich freie Hand gelassen. Mein größtes Verdienst
bei dem Hause ist, daß ich nicht meine eigenen Ideen in den Bau gemischt
habe.
Wir sind nun wieder am Schlusse eines Jahres. Schreiben Sie mir, ich
bitte Sie, den 3. Januar, wo wir dann ein neues begonnen haben. Das
jetzige ist mir heiter und glücklich, aber ungeheuer schnell verflossen,
so daß es mir ist, als hätte ich lange nicht so viel darin getan als ich
mir vorgesetzt hatte, und als auch eigentlich wohl ausführbar gewesen
wäre. Daß ich die herzlichsten Wünsche für Sie, auch besonders beim
Wechsel des Jahres hege, das wissen Sie, gute, liebe Charlotte. Möge vor
allem Ihre, doch oft leidende, Gesundheit sich stärken und Ihre innere
heitere Ruhe sich erhalten. Auf die Unveränderlichkeit meiner Teilnahme
für Sie und aller Gesinnungen, auf die Sie so gütig Wert legen, können
Sie mit Zuversicht immer rechnen. Ich möchte Ihnen immer nach allen
meinen Kräften, wo sich Gelegenheit zeigt, mit Rat und Tat nützlich
sein, und es würde mich ungemein freuen, wollten Sie sich mit mehr
Vertrauen noch, als Sie tun, im Innerlichen und Äußerlichen an mich
wenden. Sie werden mich in allem immer gleich finden.
Ich klagte erst über das schnelle Verfliegen der Zeit, und wie ich es
sagte, so ist es in Absicht der Arbeiten, die mich beschäftigen, auch
wahr. Sonst aber kann ich nicht sagen, daß mich diese Schnelligkeit
beunruhigt, oder mir lästig ist. Ich scheue das Alter nicht, und den Tod
habe ich, durch eine sonderbare innere Stimmung, vielleicht von meiner
Jugend an, nicht bloß als eine so rein menschliche Begebenheit
angesehen, daß sie einen, der über Menschenschicksale zu denken gewohnt
ist, unmöglich betrüben kann, sondern eher als etwas Erfreuliches. Jetzt
ist meine Rechnung mit der Welt längst abgeschlossen. Ich verlange vom
langen Leben weiter nichts, ich habe keine weit aussehenden Pläne, nehme
jeden Genuß dankbar aus der Hand des Geschickes, würde es aber sehr
töricht finden, daran zu hängen, daß das noch lange so fortdauere. Meine
Gedanken, meine Empfindungen sind doch eigentlich der Kreis, in dem ich
lebe und durch den ich genieße, von außen bedarf ich kaum etwas, und
diese Gedanken und Empfindungen sind zu sehr mein, als daß ich sie nicht
mit mir hinübernehmen sollte. Niemand kann den Schleier wegziehen, den
die Vorsehung gewiß mit tiefer Weisheit über das Jenseits gezogen hat.
Aber gewiß kann die Seele nur gewinnen an innerer Freiheit, an Klarheit
aller Einsicht in das Tiefste und Höchste, an Wärme und Reinheit des
Gefühls, an Reichtum und Schönheit der umgebenden Welt. Ein einziger
Blick in die unermeßliche Ferne des Sternhimmels bringt mir das mit
einer inneren Stärkung, von der nur derjenige einen Begriff hat, dem sie
zuteil geworden ist, vor das Gefühl, und so erscheint mir das Ende des
Lebens, so lange es von Krankheit und Schmerz frei ist, die ja aber auch
Kindheit und Jugend treffen, vielleicht der schönste und heiterste Teil.
Für diese Jahreszeit fürchte ich immer die zu große Anstrengung für Sie
doppelt, bei den wenigen Tagesstunden. Schonen Sie, liebe Charlotte,
Ihre Augen, arbeiten Sie nicht zu tief in die Nacht, schonen Sie sich
überhaupt, und denken Sie daran, daß mich der Gedanke beunruhigt, daß
gerade Sie, mit Fähigkeit und Bedürfnis im Höheren zu leben, sich für
das Leben so abmühen. Sie klagen nicht darüber, und wenn Sie es täten,
würde es mich vielleicht weniger rühren. -- Auch wünsche ich, Sie
könnten bald mit freierer Muße an Ihre Lebenserzählung denken, die mir
so viel Freude macht. Es schien Ihnen, als Sie diese Hefte anfingen, als
würden Sie nie endigen. Nun haben Sie doch aber schon Ihre ganze
Kindheit geschildert, und so, wenn Sie mit Liebe zu der Arbeit
fortfahren, wird sich auch nach und nach das Übrige daran reihen. -- --
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Sie sagen mir, daß Sie über manche Ihnen sehr wichtige Wahrheiten und
Meinungen meine Ansichten haben möchten. Ich bin dazu mit Freuden immer
bereit. Sagen Sie mir immer ohne Umstände, was in Ihrer Seele aufsteigt.
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Denken Sie beim Schluß des Jahres meiner, und seien Sie versichert, daß
ich mit der aufrichtigsten Teilnahme und Zuneigung Ihrer gedenke.
Der Ihrige. H.
_Berlin_, den 14. Februar 1826.