WILHELM VON HUMBOLDT

_BRIEFE_

_Wien_, 3. November 1814.

Ich habe heute früh Ihren Brief vom 18. Oktober erhalten, und ich kann

Ihnen nicht sagen, wie mich Ihr Andenken gerührt und gefreut hat. Ich

hatte in unserm Zusammentreffen in Pyrmont immer eine wunderbare Fügung

des Schicksals erkannt, denn Sie irren sehr, wenn Sie glauben, daß Sie

in einer flüchtigen Jugenderscheinung an mir vorüber gegangen sind. Ich

dachte sehr oft an Sie, erkundigte mich auch, aber immer fruchtlos, nach

Ihnen, glaubte Sie verheiratet, dachte Sie mir mit Kindern und in einem

Kreise, wo Sie mich längst vergessen hätten, und bewahrte nur in mir,

was mir jene Jugendtage gelassen hatten. Jetzt erfuhr ich, daß Ihr Leben

viel weniger einfach gewesen ist, als ich es mir dachte. Hätten Sie mir

damals geschrieben, wie Sie am meisten litten, vielleicht hätten Ihnen

meine Worte wohltun können. Glauben Sie mir, liebe Charlotte, Sie werden

mir diese vertrauliche Benennung nicht übel deuten, _da ja nur Sie und

ich unsere Briefe lesen_, der Mensch traut nie dem Menschen genug. So

erfahre ich erst jetzt durch Sie, daß ich damals einen tieferen Eindruck

auf Sie machte, als ich mir je eingebildet hätte. Die Zeilen, die man

nach so langer Zeit von sich selbst wiedersieht, sprechen einen wie aus

einer anderen Welt an. Ich habe das Glück, denn es ist wirklich nur ein

Glück, daß ich mich keiner Empfindung schämen darf, die ich in jener

Jugend hegte, und glauben Sie es mir, ich bin noch jetzt gleich einfach

wie damals. Jedes Wort Ihres Briefes hat mich auf das Tiefste ergriffen,

ich versetze mich ganz in Ihre Lage, und ich danke Ihnen recht aus

innigem Herzen, daß Sie den Glauben an mich nicht verloren, und daß Sie

mich wert hielten, sich mir, wie Sie es tun, zu erschließen. Schreiben

Sie mir denn, wenn Sie es der Mühe wert halten es ferner zu tun, ohne

Umschweife und mit dem Vertrauen, auf das ich vielleicht ein Recht

erlangt hätte, wenn ich Sie wiedergesehen hätte. Sehr Unrecht haben Sie,

wenn Sie sagen, daß gewisse Eindrücke im weiblichen Gemüt tiefer und

länger haften. Ich könnte Ihnen das Gegenteil aus Ihrem eigenen Briefe

beweisen. Gestehen Sie immer, es soll kein Vorwurf sein -- 26 Jahre

liegen hinter unserer kurzen Bekanntschaft, und wir sehen uns leider

vermutlich nie wieder --, daß ich ziemlich aus Ihrem Gedächtnis

verschwunden bin, wie ich Sie verließ. Sie haben sich wenigstens nicht

an mein Versprechen erinnert, Sie wieder zu besuchen, das nicht gehalten

zu haben mich oft sehr ernstlich geschmerzt hat. Ich könnte die Bank in

der Allee noch bezeichnen, wo ich es machte; ich war im Begriff, zu

Ihnen zu kommen, aber eine jugendliche Pedanterie, in der ich es für

unmöglich hielt, eine Woche später nach Göttingen zurückzukehren, hielt

mich davon ab. Es ist mir ein sicherer Beweis, daß wir einander im

Leben nicht nahe kommen sollten, und das Einzige, was mir innig leid

tut, ist, daß ich nicht bestimmt war, irgend dauernde Freude in Ihr

Leben zu bringen. Trübe oder schmerzliche Empfindungen konnten sich,

davon seien Sie sicher überzeugt, an den Umgang mit mir nicht knüpfen.

Es trifft mich kein Vorwurf dieser Art. Ihr Schicksal hat mich so

ergriffen, wie Sie es nach diesen Geständnissen sich denken können. Ich

habe es auch auf mannigfaltige Weise heut überlegt. Ich bitte Sie aber,

überlassen Sie sich für den Augenblick mir, folgen Sie blindlings meinem

Rat und glauben Sie dem, der mehr Welterfahrenheit hat als Sie, und

ebenso wie Sie weiß, was ein Gemüt in Ihrer Lage bedarf. Setzen Sie aber

dabei alle kleinlichen Rücksichten beiseite, seien Sie wirklich

vertrauend, seien Sie gut gegen mich, und erzeigen Sie mir den größten

Gefallen, den Sie mir erzeigen können. Was Sie in Ihrer jetzigen Lage

brauchen, Ihre Gesundheit und Ihr Herz, ist Ruhe. Die ängstliche Sorge,

die große Anstrengung für Ihre Erhaltung, untergräbt beides. Sie waren,

ich erinnere mich dessen noch sehr gut, gesund und stark, Sie waren es,

so scheint es, später wieder geworden. Bleiben Sie ein Jahr nur ruhig

und pflegen Ihre Gesundheit, so wird sie wiederkehren, trotz der Stürme,

die Sie bestanden haben. Dies ist zugleich der beste Rat für Ihre

übrigen Pläne. Glauben Sie mir, wer in dem Augenblick suchen muß, wo er

braucht, findet schwer. Wenn man hingegen nur eine Zeit lang sorglos

leben kann, finden sich die Lagen von selbst. Welcher Ihrer Pläne

ausführbar sein kann, muß die Zeit erst lehren, ebenfalls was ich

befördern kann. Ich halte es für Pflicht, Ihnen darüber ganz offen zu

reden. O! Sie hätten sehr unrecht, es mir übel zu deuten. Die Briefe des

Herzogs sind sehr gut und machen ihm Ehre, aber er kann, wie Sie aus den

Briefen Ihrer Freunde sehen, _vorerst_ nicht helfen. Diese Dinge müssen

Sie also wenigstens der Zeit und dem Schicksal überlassen. Erlauben Sie

mir das Verdienst, Ihnen diese Zeit zu verschaffen, gönnen Sie mir die

Beruhigung zu wissen, daß Ihnen jetzt ein Jahr ungetrübt von kleinen

äußeren Sorgen verstrichen ist. Ja, liebe Charlotte, ich bitte Sie

inständig darum; verschmähen Sie mein Anerbieten nicht. Es wäre

innerlich die falscheste Delikatesse von der Welt, und Sie können sicher

sein, daß niemand je _als ich und Sie_ darum wissen wird. Ich bin nicht

reich, aber ich weiß sehr gut, was ich tue, und ich sehe aus Ihrem

ganzen Brief und allen seinen Beilagen, daß Sie, was meinen Gefallen an

Ihrem Leben und meine wahre Achtung für Sie vermehrt, sich an eine große

Einfachheit von Bedürfnissen gewöhnt haben. Ich lege Ihnen hier eine

Anweisung ein. Ich begreife, daß dies nur für Monate sein kann. Aber

folgen Sie mir, schreiben Sie mir recht vertraulich, recht ordentlich,

was Sie, eine Badekur eingerechnet, brauchen. Glauben Sie mir, daß ich

nie mehr tue, als ich kann, geben Sie es mir zurück, wenn Ihre Lage und

Ihr Schicksal sich ändert, aber begreifen Sie nur recht meinen Plan, der

ganz einfach der ist, daß Sie ein Jahr vor sich haben, für das Sie nicht

zu sorgen brauchen, und in dem Sie mit _Freiheit_ und ohne _Ängstlichkeit_

künftige Pläne bilden können. Ich fühle recht gut dasjenige, dem ich

mich nach der Schilderung, die Sie mir von sich selbst machen, aussetze.

Sie können alles ausschlagen, Sie können Anmaßung in mir finden, mir

Vorwürfe machen. Ich muß aber doch auf meinem Vorschlag beharren, er ist

der einzige Ihrer Lage angemessene. Glauben Sie ja nicht, liebe

Charlotte, daß ich irgend etwas Ungeziemendes darin finde, selbst mit

seiner Arbeit Verdienst zu suchen, Sie sollen ja auch nachher ganz frei

sein. Nur bis Ihre Gesundheit wiederhergestellt ist, folgen Sie. Jetzt

ist jede Arbeit Ihnen verderblich. Wenden Sie sich aber an andere, so

glauben Sie mir, niemand antwortet Ihnen so anspruchslos, so

uneigennützig; andere glauben Ihnen einen Gefallen zu tun; mir erzeigen

Sie einen. -- Jetzt breche ich davon ab und rede Ihnen von mir, weil Sie

es wollen. Ich bin, wie man Ihnen gesagt hat, verheiratet, ich heiratete

drei Jahre, nachdem ich Sie sah, und habe jetzt fünf Kinder; drei habe

ich verloren. Ich heiratete bloß und nur aus innerer Neigung, und es ist

vielleicht nie ein Mann in seiner Verbindung so glücklich gewesen. Nur

seit den letzten zwei Jahren habe ich das Unglück, daß meine Frau

kränkelt, und mich meine Geschäfte oft von ihr fern gehalten haben, wie

es noch jetzt der Fall ist. Da Sie, wie Sie mir sagen, manchmal von mir

hörten, so werden Sie wissen, daß ich einige Jahre hindurch Gesandter in

Rom war. Ich nahm die Stelle nur des Landes wegen an, und hätte es, ohne

die unglücklichen Ereignisse, nie verlassen. In diesen wurde es aber

gewissermaßen zur Pflicht, zu dienen, und so bin ich nach und nach in

verwickelte Verhältnisse gestoßen worden. Sie sind aber meiner Neigung

wenig angemessen, und mir würde ein stilleres und einfacheres Leben mehr

zusagen. Den Krieg hindurch war ich im Hauptquartier, dann in England,

von da ging ich nach der Schweiz, meine Frau zu besuchen, die dort

hingereist war. Jetzt bin ich hier auf dem Kongreß, und sie ist auf

ihren Gütern, von denen sie nach Berlin gehen wird. Nach dem Kongreß

besuche ich sie dort und gehe als Gesandter nach Paris, wohin sie mir

später folgen wird. Mein ältester Sohn ist schon Offizier, ging mit 16

Jahren ins Feld, wurde verwundet, ist aber glücklich geheilt und nun

wohlbehalten zurückgekommen. Außer ihm habe ich drei Mädchen und einen

kleinen Jungen. Die beiden jüngsten der Mädchen sind eigentlich in

Italien groß geworden und konnten keine Silbe deutsch, wie sie, die

älteste im zehnten Jahre, nach Wien kamen. Ich wünschte, Sie sähen sie.

Es sind zwei unendlich liebe Geschöpfe. Der kleine Junge ist erst fünf

Jahre. Zwei Söhne hatte ich das Unglück in Rom zu verlieren, eine

Tochter, mit der meine Frau, als sie eine Reise nach Paris machte,

niederkam, ohne daß ich sie sah. So wissen Sie meine äußeren Schicksale.

Von den inneren läßt sich nur reden, nicht schreiben.

Nun nehmen Sie noch einmal meinen herzlichen Dank. Ich weiß nicht, ob

ich Sie je wiedersehen werde, und ich darf es kaum hoffen. Ich kann mir

auch jetzt kein deutliches Bild von Ihnen machen. Allein wenn daher auch

das, was ich von Ihnen in der Seele trage, eine Erscheinung der

Vergangenheit ist, sogar eine, an die meine Einbildungskraft vieles,

über die augenblickliche Dauer unseres Zusammenseins hinaus, legte, so

glauben Sie gewiß, daß es nie eine flüchtige war und nie eine solche

sein wird.

Ganz der Ihrige. H.

Die Originalbriefe und das Erinnerungsblatt schicke ich zurück.

_Wien_, den 18. Dezember 1814.

Ihr Brief, liebe Charlotte, hat mir große Freude gemacht, und ich danke

Ihnen recht herzlich dafür. Sie legen zu viel Wert auf das, was so

natürlich war und nicht anders sein konnte. Ihr Andenken hat sich nie

bei mir verloren, noch verlieren können, allein es fiel mir nicht ein,

zu glauben, daß ich je wieder von Ihnen hören würde, noch weniger, daß

Sie meiner auch nur irgend gedachten. Auf einmal rufen Sie mir mit Güte

und mit dem ungezwungenen Geständnis, daß Sie, ohne die Umstände, die

uns trennten, vielleicht mehr empfunden hätten, die Bilder der

Vergangenheit und Jugend zurück. In der Rührung und in der Freude, die

das in mir weckte, habe ich Ihnen geantwortet und werde ich Ihnen immer

antworten. Erheben Sie mich also nicht deshalb, aber bleiben Sie mir

gut, erhalten Sie mir Ihr Vertrauen; schreiben Sie mir so herzlich, so

vertrauend als jetzt, lassen Sie sich ganz mit mir gehen, wie ich mit

Ihnen, und glauben Sie nicht, daß mir Ihre Briefe je zu häufig kommen,

je zu weitläufig sein könnten. Es gibt nichts Beglückenderes für einen

Mann, als die unbedingte Ergebenheit eines weiblichen Gemüts. Ich bin

weit entfernt, den mindesten Anspruch an Sie zu machen. Ich kann kein

Recht dazu besitzen. Sie können nur ein schwankendes Bild von mir in der

Seele tragen. Ich muß jetzt, von Geschäften, Sorgen, Zerstreuungen

zerrissen, Verzicht darauf tun, Ihnen irgend etwas sein zu können. Aber

Sie können mir, wenn Sie fortfahren mir zu schreiben, wie Sie tun, mir

von Ihrem äußern und innern Leben zu erzählen, mit mir ohne Rückhalt so

vertraulich umzugehen, wie es Ihren ersten Empfindungen für mich

entsprochen hätte, eine Freude geben, die ich mit inniger und wahrer

Dankbarkeit empfangen werde. Schreiben Sie mir also ja von Zeit zu Zeit.

Sie schreiben natürlich und ausgezeichnet gut außerdem, und lassen Sie

mich die Kinderei gestehen, schon Ihre Hand macht mir Freude, sie ist

hübsch an sich, und ich erinnere mich ihrer von ehemals. Reden Sie mir

aber vor allem von sich selbst. Ihr letzter Brief enthält kaum ein Wort

über Ihre Gesundheit. Lassen Sie mich wissen, ob Ihre Kräfte, Ihr

gesundes Aussehen, Ihre Heiterkeit zunehmen. Dann muß ich Sie um Eines

bitten: Warten Sie nie eine Antwort ab, mir zu schreiben; seien Sie

großmütig, rechnen Sie nicht um Briefe mit mir. Ich habe sehr wenig

Zeit. Ich kann nur selten, nur abgerissen schreiben, geben Sie mir, und

fordern Sie nicht von mir. Sie finden vielleicht in dieser Bitte mehr

Freimütigkeit, als ich haben sollte. Aber ich leugne es nicht, daß ich

eigennützig mit Ihnen bin, und Sie haben eine zu gute Meinung von mir,

die ich gern zur Wahrheit herunterstimme.

Sie fragen mich, liebe Charlotte, ob Sie vorerst in Göttingen oder

Braunschweig leben sollen, und wollen nichts ohne meinen Willen tun.

Damit berühren Sie eine sonderbare Seite in mir. Ich habe es sehr gern,

wenn man meiner Bestimmung folgt. Ich will also, daß Sie nach Göttingen

gehen sollen, und nicht bloß aus Gefälligkeit für Sie, weil Sie es

vorziehen, sondern weil es mir lieber ist. Sie werden dies sehr

sonderbar finden und nicht erraten, was mich bestimmen mag. Auch kann

ich es Ihnen kaum recht erklären; allein es ist doch nun so, wäre es

auch nur, weil ich Sie von Göttingen aus sah, wie ich in Braunschweig

war, Sie nicht kannte, und in Göttingen sehr oft an Sie dachte.

Überhaupt liebe ich Göttingen, weil ich da in einer Zeit einsam lebte,

in der die Einsamkeit bildend ist. Grüßen Sie in meiner Seele den Wall,

und schreiben Sie mir, wenn Sie da sind, auch von den Menschen dort.

Nun leben Sie wohl, teure Frau, und werden mir nicht wieder fremd. Es

ist ein wunderbares Verhältnis unter uns. Zwei Menschen, die sich vor

langen Jahren drei Tage sahen und schwerlich wieder sehen werden! Aber

es gibt in dieser Art der reinen und tiefen Freuden so wenige, daß ich

mich schämen würde, geizig mit dem Geständnis zu sein, daß Ihr Bild von

damals her, mit allen Gefühlen meiner Jugend, jener Zeit, und selbst

eines schöneren und einfacheren Zustandes Deutschlands und der Welt, als

der jetzige ist, innig in mir zusammenhängt. Ich habe überdies eine

große Liebe für die Vergangenheit. Nur was sie gewährt, ist ewig und

unveränderlich wie der Tod, und zugleich, wie das Leben, warm und

beglückend. Mit diesen unwandelbaren Gesinnungen Ihr H.

_Burgörner_, April 1822.

Es ist sehr lange, daß ich ohne Nachricht von Ihnen bin, es tut mir

leid, ja es schmerzt mich, so ganz von Ihnen vergessen zu sein, während

ich Ihrer oft gedachte. Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, sobald Sie

diese Zeilen empfangen haben, wie es Ihnen ergangen hat und ergeht? Es

mahnte mich schon lange, Ihnen zu schreiben und um Nachricht zu bitten.

Vielleicht bin ich selbst schuld an Ihrem Schweigen. Meine kurzen Briefe

können Sie eingeschüchtert haben, Sie mochten besorgen, mir lästig zu

werden. Adressieren Sie Ihren Brief nach Burgörner bei Eisleben; ich bin

hier auf einem der Güter meiner Frau. Leben Sie wohl und antworten mir

gleich. H.

_Burgörner_, April 1822.

Ich lasse meinem kurzen Briefe, den ich Ihnen, liebe Charlotte, vor ein

paar Tagen schrieb, einen zweiten folgen. Einmal, weil ich sehr mich

nach Zeilen von Ihrer Hand sehne und es mir leid tut, daß ich so lange

schwieg; dann auch, um noch einen andern Weg einzuschlagen, damit mein

Brief sicher in Ihre Hände komme. Ich weiß Ihre Adresse nicht genau, ja

ich weiß nicht einmal, ob Sie noch in Kassel sind. Das aber darf ich mit

Zuversicht hoffen, daß Sie mich nicht vergessen haben. Ich vergesse Sie

nie. Ihr H.

_Burgörner_, den 3. Mai 1822.

Ich habe Ihre beiden lieben Briefe vom 24. und 26. April empfangen, und

sage Ihnen, liebste Charlotte, auf der Stelle meinen herzlichsten Dank.

Sie haben mich recht sehr dadurch erfreut und ganz meinen Erwartungen

entsprochen. Nie könnte ich irre an Ihnen werden oder den Glauben an die

Ausdauer und die Treue Ihrer Gesinnungen und Empfindungen verlieren. Das

sagte ich Ihnen schon neulich, und es ist nur natürlich. Wenn uns jemand

eine so lange Reihe von Jahren, ohne irgend ein Zeichen des Andenkens

empfangen zu haben, die tiefen Empfindungen eines edlen und zarten

Gemüts bewahrte, so wäre es wahrer und hoher Undank, daran ferner zu

zweifeln. Es ist gewiß ein seltenes Glück für einen Mann, daß ihm ein

weibliches Gemüt die ersten Empfindungen der jugendlichen Brust heilig

und vertrauungsvoll bewahrt, und ich bin mir bewußt, daß ich dies Glück,

so wie es ist, würdige und schätze. Aber ich sage ohne Stolz, der mir

wahrlich nicht eigen ist, allein auch ohne eine kindische

Bescheidenheit, es kann auch Ihnen durch mich vieles kommen, was Ihr

Leben bereichert, erheitert und verschönert. Wenn das Schicksal so etwas

für zwei Menschen aufbewahrt hat, muß man es nicht hinwelken lassen,

sondern erhalten und in Vereinigung bringen mit allen äußeren und

inneren Verhältnissen, da auf diese Harmonie allein alle Zartheit der

Gefühle und alle Ruhe der Seele gegründet sein kann. Weil nun kein

persönlicher Umgang unter uns stattfinden kann, so wollen wir einen

brieflichen beginnen und feststellen. Ich schreibe zwar nicht gern und

klage mich zum voraus an, Sie werden sehr oft Nachsicht, Geduld und

Großmut zu üben haben, aber ich lese sehr gern Briefe, besonders die

Ihrigen, nicht nur, weil ich gern lese, was Sie schreiben, sondern noch

mehr, weil mich Ihr äußeres und noch mehr Ihr inneres Leben in der

innersten Teilnahme interessiert. Sollte ich also einmal seltener

schreiben, so lassen Sie sich das nicht hindern. Schreiben Sie mir immer

den 15., so habe ich immer einen Tag, auf den ich mich freue. Wenn Sie

mir in der Zwischenzeit schreiben, so ist das eine liebe Zugabe, die ich

stets mit Dank empfangen werde.

Ihr Gartenleben und schon die Wahl desselben hat etwas, das mir ungemein

gefällt. Es spricht Ihre Neigungen charakteristisch aus und vereint

Einsamkeit und Annehmlichkeit. Die erste paßt zu Ihrem Charakter, Ihren

Empfindungen und Ihrer Lage; die letzte erheitert und verschönert Ihr

Leben. Es ist mir daher am liebsten, Sie so zu denken, zu denken, daß

Sie nur selten in die Stadt kommen. Besuche, das fühle ich, können Sie

nicht vermeiden, und es ist auch gut, in einigen Verbindungen zu

bleiben, besonders da Sie mir sagen, daß diese Verbindungen meist

bewährte alte Freunde sind.

Daß Sie am liebsten in Kassel leben, wo Ihre Jugend, wenn auch nicht

immer schmerzlose, doch auch frohe und heitere Erinnerungen zurückließ,

begreife ich ganz. Auch ist die Gegend schön, und eine größere Stadt

bietet, wie Sie sehr richtig bemerken, vor allen anderen, Freiheit zu

leben, wie es die Neigungen fordern, und daneben, ohne großen Aufwand,

manche Genüsse, welche in kleinen Städten versagt sind. Ich billige also

ganz Ihren Entschluß, dort ferner zu wohnen. Sorgen Sie aber vor allem

in Ihrer ländlichen Wohnung für Ihre Gesundheit. Zu wenig sagen Sie mir

darüber, und doch sind Ihre Ruhe, Ihre Gesundheit, Ihr Glück das, worauf

es mir ankommt. In selbstsüchtigen Wünschen und Absichten habe ich mich

Ihnen nicht wieder genähert, wenn ich auch einen Wunsch hege, den ich

Ihnen nächstens aussprechen werde.

Ich schließe jetzt, ich bin seit vierzehn Tagen garnicht wohl, leide

zwar nur an einem katarrhalischen Fieber, da ich aber in Jahren nicht

krank war, ist es mir lästig. Mit den herzlichsten, unwandelbarsten

Gesinnungen der Ihrige. H.

_Burgörner_, Ende Mai 1822.

Ich sage Ihnen heute zuerst, liebe Charlotte, daß ich wieder vollkommen

wohl bin, damit Sie sich nicht beunruhigen. Es geht sehr eigen mit

unserm Briefwechsel. Er fing so an, daß Sie selten Briefe von mir zu

bekommen glaubten, und jetzt muß ich mich über Ihr Stillschweigen

beklagen. Sie hatten mir in Ihrem letzten Briefe versprochen, mir

unmittelbar nach dem 15. jedes Monats zu schreiben, das müssen Sie aber

nicht getan haben, da sonst Ihr Brief längst in meinen Händen sein

müßte, und ich habe weder am vorigen Posttage noch heute das Geringste

bekommen. Es beunruhigt mich, da Sie krank sein können, ich suche alles

auf, was Sie verhindert haben könnte. Wie dem sei, so drängt es mich,

Ihnen zu sagen, daß ich sehr nach einem Briefe verlange, und die, welche

ich habe, oft wieder durchgelesen habe, und immer in dankbarer

Erinnerung an Ihre mir so wunderbar erhaltenen Gesinnungen. Man könnte

das wohl Eitelkeit nennen, könnte es wohl nur dem Gefühl, sich

geschmeichelt und gehuldigt zu sehen, zuschreiben, wenn man sich durch

die Bewahrung dieser Empfindungen beglückt fühlt. Allein es wäre das

doch ein zu harter Ausspruch, und gegen mich wirklich ein ungerechter,

da Eitelkeit mir nie eigen war. Schwerlich hat jemand je sich selbst so

unparteiisch beurteilt und so wenig schonend behandelt, schwerlich je

einer so kalt und richtig erkannt, was an den Lobsprüchen anderer

abzuschneiden und an dem, worüber sie schweigen, zu tadeln war. Und

einem gewissen Mißtrauen in meine Kräfte und die mir hier und da

beigelegten Vorzüge verdanke ich sogar die vorzüglichsten der Erfolge,

die ich in Privat- und öffentlichen Verhältnissen gehabt habe. Allein

ich gestehe gern, daß ich immer einen vorzüglichen Wert darauf gelegt

habe, die innere Stimmung zu besitzen und zu bewahren, die auf ein

weibliches Gemüt Eindruck zu machen fähig ist. Ich würde nicht so

töricht sein mir einzubilden, daß sie mir jetzt noch eigen sein könnte.

Wenn man nun aber auf eine so wahre, natürliche, so ergreifende Weise,

als sich in Ihren Briefen ausspricht, überzeugt wird, daß man jenen

Eindruck tief und dauernd erregt hat, so liegt darin ein doppeltes, die

Empfindung süß erhebendes Gefühl, das des Selbstbewußtseins, und das des

edlen, tiefen Gemüts, welches diese Empfindungen zart zu sondern und

fest aufzubewahren verstand. Darum freut mich die Erneuerung unsers

Briefwechsels unendlich, und ich schmeichle mir, daß sie auch Ihnen

wohltätig sein wird; mir könnte sie nie anders sein. Ihr Bild ist mir

ein ganzes Leben hindurch geblieben, in allen, auch den wechselvollsten

Verhältnissen, stand es mir freundlich und licht, wie ich Ihnen neulich

schrieb, vor. Ich glaubte nie wieder etwas von Ihnen zu erfahren. Die

Zeit, wie Sie sich mir wieder nahten, trat gerade in die bewegteste

meines Lebens. Diese ist vorüber, und so mahnte es mich schon lange,

Ihnen zu schreiben. Da wir uns nach so langer Zeit nur durch einzelne

Briefe nahe gewesen sind, so kann es nicht fehlen, daß wir in manchen

Ideen abweichend denken müssen, über die wir uns bei ruhigem und stillem

Ideen-Umtausch leicht verständigen werden.

Sie erinnern mich daran, liebe Charlotte, welchen Schatz ein weibliches

Herz bewahrt, und fordern mich auf, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Glauben

Sie gewiß, daß ich ein unbegrenztes Vertrauen in Sie, in Ihre Wahrheit,

Ihre Treue und die Zartheit Ihrer Empfindungen setze, wie würde ich

Ihnen sonst selbst so offen und wahr schreiben. Vertrauen Sie aber auch

mir fest. Seien Sie sicher, daß das, was Sie mir vertrauensvoll sagen,

bei mir wie im Grabe ruht und verschlossen ist. Glauben Sie auch fest,

daß ich es herzlich gut mit Ihnen meine, immer meinte und immer meinen

werde; vertrauen Sie mir auch dann, wenn Sie mich nicht gleich

verstehen. Überlassen Sie mir die Sorgfalt für die Erhaltung unsers

gegenseitigen Verhältnisses, für die Entfernung jedes störenden

Einflusses. Ich will niemandem, aber am wenigsten Ihnen, auch nur eine

meiner Meinungen aufdringen. Ich habe die unzerstörbare Überzeugung, daß

Sie nie weder mich noch irgend eine Idee von mir zu verkennen imstande

sind, ja, ich weiß, und sie haben es mir recht schmeichelnd wiederholt,

daß sie immer gern und mit Freuden sich von mir, wie Sie gütig sich

ausdrücken, »berichtigen« lassen.

Es ist mir lieb, daß Sie niemanden sagen, daß Sie Briefe von mir

empfangen. Es geht niemanden was an, daß wir einander schreiben; was

heilig in sich ist, muß man nicht gemein machen.

Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie fest auf die Unwandelbarkeit

meiner Gesinnungen.

Ihr H.

_Burgörner_, 1822.

Ich will Ihnen, beste Charlotte, heute einen Wunsch, eine Bitte

aussprechen, durch deren Erfüllung Sie mir große Freude machen werden,

die ich gewiß recht dankbar empfange. Ihre Lebensgeschichte, besonders

auch die Entwicklung und seltene Ausbildung Ihres inneren Lebens, möchte

ich gern im Zusammenhange übersehen und genau kennen. Dieser Wunsch ist

schon durch Ihre früheren Briefe in mir erregt und entstanden und durch

die jetzigen vermehrt. Schwer kann es ihnen nicht werden, Sie haben sich

eine große Fertigkeit im Schreiben erworben. Sie schreiben leicht,

gewandt, geläufig, natürlich und ausgezeichnet gut. Die Sprache steht

Ihnen ganz ungewöhnlich zu Gebote. Ich sage Ihnen da keine Schmeichelei,

es ist die Wahrheit, die ich mit Überzeugung ausspreche und die sich in

jedem Ihrer Briefe darlegt.

Wollen Sie in meine Wünsche eingehen, so tun Sie es auf folgende Weise:

Fangen Sie mit Ihrem Geburtstag und Jahr an, in chronologischer Folge

und in der größten Ausführlichkeit. Schreiben Sie aus dem Gedächtnis,

auf was Sie sich besinnen, nicht aus der Phantasie. Gehen Sie zurück in

Ihre Kindheit und Jugend, zurück auf Ihre Eltern und Großeltern, auf

Ihre Vorfahren, wenn Sie davon Nachricht haben. Lieb wäre es mir, wenn

Sie in dritter Person redeten. Geben Sie den Orten und Menschen, wenn

sie dahin kommen, auch mir, andere Namen, nur den Namen Charlotte

behalten Sie. Ich habe das mit Goethe gemein, daß ich eine besondere

Vorliebe für Ihren Namen habe. Aber reden Sie über sich vor allem wie

über eine Dritte, loben und tadeln Sie sich, wo Sie ein anderer loben

und tadeln würde.

Was ich besorge, ist, daß Sie von schmerzlichen Erinnerungen ergriffen

werden, da ich ja schon weiß, daß Sie viel gelitten haben. Allein

vorerst sind Sie davon noch fern. Kindheit und Jugend sind meist heiter

und froh, und waren es gewiß auch bei Ihnen, und die Schilderung beider

werde ich von Ihnen mit Freude empfangen. Sie schreiben _nur für mich_,

und kein anderes Auge als das meinige ruht auf dem, was Sie für mich

schreiben. Ich sehe Ihrem Entschluß und Ihrer Antwort mit Verlangen

entgegen. Leben Sie herzlich wohl! Ihr H.

_Burgörner_, 1822.

Meine beiden Briefe werden Sie, liebe Charlotte, empfangen haben, ob sie

gleich noch unbeantwortet sind. Beide hatten die Absicht, Sie über Ihre

Bedenklichkeiten zu beruhigen. Ich hoffe, das ist mir gelungen, und ich

wiederhole Ihnen heute zuerst, was Ihnen mein letzter Brief sagte, daß

alles, was Sie mir aus Ihrem Leben und Ihrer Vergangenheit mitteilen,

ganz durch Ihre Empfindungen bestimmt werden muß. Es soll ein

Zurückgehen in die Vergangenheit sein, mit dem, der den innigsten Teil

an Ihnen nimmt, aber kein Aufreißen schmerzlich vernarbter Wunden, das

mußte ich Ihnen zuerst sagen.

Recht herzlich danke ich Ihnen für die mir als Probe übersandten wenigen

Bogen. Die Erzählung beginnt so ganz zu meiner Zufriedenheit, nur

wünschte ich doch hier und da noch mehr Ausführlichkeit. Lassen Sie sich

gar keine Furcht angehen, daß Sie zu weitläufig werden könnten, und

denken Sie nicht, wie langsam Sie verweilen. Wir leben beide noch sehr

lange, wenngleich Sie länger. Gerade die Schilderungen Ihres väterlichen

Hauses, bestes Kind! haben ein großes Interesse für mich, und Sie haben

wieder völlig wahr gemacht, was ich Ihnen immer sagte, daß Sie sehr gut

schreiben, sehr wahr, hübsch und natürlich erzählen. Fahren Sie nur eben

so fort, und wenn es Ihnen manchmal beschwerlich wird oder Ihnen Zeit

raubt, so denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen. Es verlängert und

erweitert gewissermaßen das Leben, wenn man so individuelle

Schilderungen einer Zeit vor sich hat, die man an ganz andern Orten und

in ganz andern Verhältnissen erlebte, und es gibt doch in der Welt

nichts Interessanteres für den Menschen, als wieder der Mensch. Man kann

eigentlich nie genug sehen und nie genug hören. Es entstehen selbst

durch jedes neue Gesicht, möchte ich sagen, neue Ideen. Erhält man nun

aber gar bestimmte, ins Detail gehende Schilderungen, so sind es neue

Figuren, die sich vor der Seele bewegen, und mit denen man ebenso lebt,

wie in der Wirklichkeit. Dieser Hang, sich eigentlich an

Menschengestalten zu ergötzen, in ihnen wie unter Anwesenden zu leben,

verträgt sich doch sehr gut mit dem entschiedensten Hange zur

Einsamkeit. Sobald man mit Menschen umgehen muß, oder noch mehr, sobald

man recht gern mit ihnen umgeht, befindet man sich selbst zu sehr in

Tätigkeit, will sich auch wohl selbst geltend machen, und wird von bloß

reiner Beschauung abgezogen. Lebt man aber mit dem Hange zur Einsamkeit

unter Menschen, was man von Zeit zu Zeit nicht vermeiden kann, so gehen

sie mehr wie Figuren der Beschauung vor einem vorüber, man richtet seine

Aufmerksamkeit ganz auf sie und nicht auf sich selbst. Wie man auf sie

wirkt, wie man ihnen gefällt, bleibt einem sehr gleichgültig, wenn man

sie nur in ihrer eigentlichen Natur sieht. Kehrt man dann in die

wirkliche Einsamkeit zurück, so hat man viele Bilder um sich, und wenn

man zu innerer Geistesbeschäftigung geneigt ist und aufgelegt, so

entstehen aus den wirklichen Menschen idealische in der Phantasie, denen

die wirklichen nur in den äußeren Umrissen zum Grunde liegen. Alle

moralischen Fragen, alle tieferen Betrachtungen über Leben und Zweck des

Lebens, über Glück und Vollkommenheit, über Dasein und Zukunft gewinnen

ein reicheres Interesse, erlauben mannigfaltigere Anwendungen, wenn man

sie gleichsam an so vielen Menschengestalten einzeln prüfen kann. Denn

in jedem, auch selbst unbedeutenden Menschen liegt im Grunde ein

tieferer und edlerer, wenn der wirklich erscheinende nicht viel taugt,

oder noch edlerer, wenn er in sich gut ist, verborgen. Man darf sich

nur gewöhnen, die Menschen so zu studieren, und man kommt unvermerkt aus

einem anscheinend alltäglichen Leben in eine ungleich höhere und tiefere

Ansicht der Menschheit überhaupt. Es ist ja eigentlich das, worin das

Gepräge jedes größeren Dichters liegt, diese Ansicht überall, und da er

nur frei schaffen kann, ganz rein zu geben, oder vielmehr sie mitten aus

aneinander gereihten, oft zufällig scheinenden Begebenheiten

hervortreten zu lassen. Die Geschichte hat etwas Ähnliches. Das

menschliche Wesen tritt auch schon reiner und größer in ihr hervor, als

in den tausendfältigen kleinen Umgebungen der Gegenwart. Einen

interessanten Charakter mehr im Bilde zu besitzen, ist ein eigentlicher

Lebensgewinn, und mit dem Einzelnen verbinden sich nun bisweilen die von

Ständen, Zeiten, Gegenden. So habe ich immer eine entschiedene Neigung

zu den Landpredigern gehabt, und eine Art romantische für ihre Töchter.

Das war schon in mir, ehe ich Sie gesehen hatte, und nachher hat es eben

durch Sie unendlich in mir zugenommen, obgleich Sie die Einzige

geblieben sind, die diesen Eindruck auf mich gemacht hat. Einen großen

Teil alles Guten im deutschen Charakter habe ich aus den

Landprediger-Töchtern abgeleitet: die tiefe, nicht tändelnde Empfindung;

die Einfachheit bei hoher Bildung; die Entfernung alles vornehmen

unangenehmen Tons, bei allen Eigenschaften, die man in vornehmen

Zirkeln gern hat. Ich habe davon oft gesprochen und dann bei mir lachen

müssen, daß ich das alles im Grunde von Ihnen herleitete, da ich nie

eine andere Prediger-Tochter auch nur irgend näher gekannt hatte. Aber

ich hatte, wie ich Ihnen sage, ein Vorgefühl davon, denn schon zu Ihnen

hat mich diese Neigung, wie wir uns sahen, schnell hingezogen. Nun waren

Sie mir, ein halbgesehenes Bild, entschwunden, und gehörten also ganz

der Phantasie an. Daher hat nun auch alles, was Sie mir von Ihrer

Kindheit, Ihrer Jugend, Ihrem elterlichen Hause sagen, ein besonderes

Interesse für mich. Ich prüfe daran, ob ich richtig oder falsch ahnte,

und befinde mich in der Welt, in die mich meine jugendliche Phantasie

versetzt hatte. Es ist mir jetzt doppelt leid, daß ich Ihren Vater und

Sie nicht in demselben Herbste, wo ich Sie zuerst sah, besuchte. Ich war

in Düsseldorf bei Jacobi und wollte von dort zu Ihnen, aber Jacobi hielt

mich länger auf, und nun eilte ich nach Göttingen zurück. Man hat in der

Jugend oft eine einfältige Pflichtmäßigkeit. Um ein paar

Kollegienstunden nicht zu versäumen, versäumte ich etwas, was sich nie

nachholen läßt, mir ein lebendiges Bild von Ihnen in jener Zeit, Ihrem

Elternhause, Ihrem ganzen Leben zu verschaffen.

Ich sagte im Anfange, daß Sie nicht ausführlich genug gewesen wären,

darüber werden Sie lachen, da Sie schon alles menschenmögliche Maß

überschritten zu haben glauben. Aber es ist doch so. Ich meine nämlich,

daß Ihre Schilderungen noch umständlicher sein, noch mehr Züge dessen,

wie es um Sie her war, enthalten sollten. Die Frage, die ich hersetzen

will, müssen Sie mir noch in einem Ihrer nächsten Briefe auf einem

besondern Blatte pünktlich und genau beantworten: Wie Ihre Mutter

aussah? Das läßt sich doch beschreiben. Sie haben es aber garnicht

getan. Von allen Personen, die oft und viel in Ihrer Erzählung

vorkommen, müssen Sie das immer tun. Was Sie sich also von den

Gesichtszügen und dem Körperbau Ihrer Mutter erinnern, schreiben Sie ja

ganz genau. Dann haben Sie mir zwar das Innere Ihres elterlichen Hauses

beschrieben, aber nicht bestimmt genug. Ob die Lage des Hauses, des

Orts, die Umgebungen gegen Gärten, gegen Nachbarhäuser, ob die Gegend

anmutig war, ob Sie aus den Fenstern ins Grüne, ob weit ins Ferne sahen,

von dem allen steht kein Wort in Ihrer Erzählung, und das sind so ganz

wesentliche Umstände, das holen Sie ja nach und machen Sie die

Schilderung so, daß ich mir ein bestimmtes Bild davon entwerfen kann.

Diesen Wunsch müssen Sie mir befriedigen, sonst schwankt alles in der

Phantasie, und selbst die Gedanken und Empfindungen verlieren dadurch in

ihrem Gehalte.

Sie werden mich recht lästig mit meinen Bitten finden, aber Sie haben

sich einmal darauf eingelassen, sie zu erfüllen.

Ich bin allein hier und nicht auf lange Zeit. Richten Sie aber doch

Ihren nächsten Brief hierher; vermutlich findet er mich noch hier, und

ist das nicht, so geht er von hier von selbst nach Berlin, wohin ich

zurückkehre. Sie erinnern sich wohl -- Burgörner bei Hettstädt. Leben

Sie herzlich wohl, liebste Charlotte, mit immer unveränderlichen

Gesinnungen Ihr H.

_Tegel_, den 10. Juli 1822.

Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß ich Sie bitte, Ihre Briefe,

wenn die meinigen diese Überschrift tragen, immer nach Berlin zu

adressieren, sie kommen mir sicherer zu. -- Hier brachte ich meine

Kindheit und einen großen Teil meiner Jugend zu. Ich liebe Tegel sehr.

Die Gegend ist wenigstens die hübscheste um Berlin; auf der einen Seite

ein großer Wald, auf der anderen von Hügeln, die schön bepflanzt sind,

eine Aussicht auf einen ausgedehnten, von mehreren Inseln

durchschnittenen See. Um das Haus und fast überall sind hohe Bäume, die

ich in meiner Kindheit erst in mäßiger Stärke sah, und die nun mit mir

emporgewachsen sind. Ich baue jetzt ein neues Haus hier, das schon halb

fertig ist, und bringe auch hierher die Gemälde und Marmorsachen, die

wir haben, so wird es ein anmutiger Wohnplatz, von dem ich selten in die

Stadt kommen werde.

Hier bekam ich auch Ihre beiden lieben Briefe, den vom 25. v. M. und den

vom 3. d. M., für die ich Ihnen herzlich danke. Ich beantwortete den

ersten, in dem Sie mich so sehr bitten, Ihnen augenblicklich zu

schreiben, nicht gleich, weil ich wußte, daß einer von mir in der Zeit

in Ihren Händen sein müßte.

Daß ich ihren Hang zur Einsamkeit tadeln oder einschränken möchte,

dürfen Sie nie fürchten. Ihr alter väterlicher Freund Ewald ist aber

doch wohl hier viel gütig-sorglicher gewesen und hat an Ihr Glück

gedacht und geglaubt, Sie hätten mehr Vergnügen in einer geselligeren

Art zu leben. Ich meine nun das garnicht, allein, wenn ich es auch

meinte, so würde ich doch mehr zur Einsamkeit raten. Es ist nun einmal

(das lobe ich aber nicht) meine Art so, bei mir (das möchte hingehen),

aber auch bei anderen, viel weniger auf ihr Glück, ihren Genuß, als auf

das, was sie in sich sind, auf den vorzüglicheren Grad und die

eigentümliche Art ihrer Gemütsstimmung zu sehen. Diese nun ist aber

schon schöner, wenn man die Einsamkeit liebt, und wird schöner, wenn man

dieser Liebe nachhängt; sie würde es aber allmählich auch, wenn man von

Natur die Einsamkeit nicht liebte, und sich nur Gewalt antäte, in ihr zu

beharren. Das ist so in vielem meine Theorie.

Daß Sie mir gelegentlich erzählen, daß an Ihrem Haus und Garten ein Bach

mit einem Steg ist, hat mir Vergnügen gemacht. Solche kleinen Züge

bezeichnen die ganze Lage und versetzen einen in die Gegenwart. Denken

Sie nun auch hübsch an mich, teure Charlotte, hinter Ihrem Bach.

Der Aufsatz, den Sie mir vorerst als Beantwortung meiner Frage senden,

der ursprünglich nicht für mich bestimmt war, in dem aber eine Stelle

über mich vorkommt, für die ich Ihnen sehr dankbar bin, hat mich sehr

interessiert. Ich liebe die Ansichten, die jemand, der bei vielen andern

genauen Übereinstimmungen doch sehr verschieden sein muß, über

Gegenstände wie über Schriften hat, mit denen man durch das Leben

gegangen ist. Es muß in solchen Beurteilungen vieles einseitig, selbst

unrichtig sein, aber es ist die wahre, die natürliche und die eigene

Ansicht, diese zieht immer an, weil man von ihr aus wieder Blicke in das

Individuum tut, sie ist auch in hohem Grade belehrend, weil man sie sich

gar nicht so von selbst vorstellen kann, und den Wert, den Eindruck, die

Wirksamkeit der Dinge meist nur nach allgemeinen Maßstäben mißt und nur

gewohnt ist, sich alles im Zusammenhange mit Denkart, Charakter,

Erziehung und äußeren Umständen zu denken. Man wird die individuelle

Ansicht immer ehren, auch wenn man nicht darin übereinstimmen könnte.

Das, was Sie über mich sagen, ist sehr liebevoll und gütig, aber ich

kann auch gewiß hinzusetzen, daß das gewiß wahr ist, daß ich unfähig

wäre, je einen Menschen, der mir irgend nahe stand, zu vergessen oder

aufzugeben, ich verfolge vielmehr jede Spur, die aus der Vergangenheit

übrig ist. Jede solche Verbindung, ja jedes solches bloßes Begegnen,

hängt ja mit so vielen in einem zusammen, und das Leben ist schon ein

solches Stück- und Flickwerk, daß man nicht genug trachten kann, die

zusammenhängenden Teile fester aneinander zu knüpfen. Freilich kommt es

auch darauf an, daß die, an die man sich auf solche Weise erinnert, noch

etwas behalten haben, was dem Bilde entspricht, das in der Seele lebt.

Aber selbst, wenn das nicht ist, wie ich auch deren Beispiele in meinem

Leben habe, so ergötze ich mich doch, wenn mir solche Personen wieder

vorkommen, sie und ihr Treiben zu betrachten, ohne ihnen weiter ein

fortdauerndes Interesse zu beweisen. Bei Ihnen ist das nun aber sehr

anders; Sie haben so lange Jahre mein Andenken treu bewahrt, ohne

irgendein Zeichen des Andenkens von mir zu empfangen; Sie leben gern und

viel in Gedanken mit mir; Sie machen keine Ansprüche noch Forderungen an

mich, als die ich gern und mit Freuden erfülle.

Sie bitten mich abermals, meine Briefe bewahren zu dürfen. Liebe

Charlotte, ich bin ein großer Feind von alten Briefen, und wenn auch gar

nichts darinnen steht, was irgend jemandem im mindesten nachteilig sein

könnte, habe ich das Aufheben nicht gern. Ein Brief ist ein Gespräch

unter Anwesenden und Entfernten. Es ist seine Bestimmung, daß er nicht

bleiben, sondern vergehen soll, wie die Stimme verhallt. Bleiben soll

der Eindruck, den er in der Seele hervorbringt, und den dann der zweite

und die folgenden verstärken oder verändern.

Aber Sie legen einen so hohen Wert darauf, Sie bitten mich so inständig

und dringend darum, daß ich es Ihnen gewiß nicht abschlagen will.

Behalten Sie also immerhin die Blätter. Es ist ja dazu sehr lieb und gut

von Ihnen, daß Sie sagen, Sie holen sich immer daraus, was Sie bedürfen.

Ich schreibe nie eine Zeile, die ich nicht mit Fug und Recht verteidigen

könnte, so ist es mir auch nicht gegeben, über das Schicksal meiner

Briefe unruhig zu sein. Auch war es das nicht, was mich bewog, Sie um

Verbrennung der meinigen zu bitten, sondern, wie ich oben sagte, weil

ich das Aufheben der Briefe überhaupt nicht liebe. Selbst das Lesen

alter Briefe will mir nicht recht einkommen. Ich dächte, man

beschäftigte sich lieber mit dem Gegenstande in Gedanken, an dem das

Herz hängt, da der Brief doch sein Leben verloren hat, wenn er nicht

eben von geliebter Hand kommt. Bei Ihnen ist das anders. So behalten Sie

immerhin die Briefe. Es macht mir Freude, Ihnen einen Wunsch zu

gewähren, da Sie so selten einen Wunsch aussprechen. Nun leben Sie

herzlich wohl, liebste Charlotte, und bleiben Sie um mich mit Ihren

Gedanken, die meinigen teilen oft Ihre Einsamkeit. Ihr H.

* * * * *

Sie wundern sich, daß eine Liebe zur Beschäftigung mit Empfindungen,

eine Milde und Zartheit in denselben, ein Eingehen in fremde

Gemütsstimmungen, mir unter vielen und abziehenden Geschäften geblieben

ist. Das kommt doch nur daher, daß jenes eigentlich die natürliche

Beschaffenheit meines Gemüts ist, und daß es mir immer eigen gewesen

ist, gegen das innere und eigentliche Sein, die Geschäfte nur wie eine

Art Nebensache zu behandeln, immer ihrer mächtig zu bleiben, statt mich

von ihnen beherrschen zu lassen. Man macht sich darum und auf diese

Weise nur desto besser. Und das, was den Menschen als Mensch berührt,

die Gefühle, die ihn erfüllen, die sich in ihm drängen und stoßen, haben

immer einen hauptsächlichen Reiz für mich gehabt. Ich habe zuerst damit

angefangen, mich selbst zu kennen und mich selbst zu beherrschen, und

kein Mensch kann sich klarer durchschauen, keiner sich mehr in seiner

Gewalt haben als ich. Ich habe dabei immer nach zwei Dingen gestrebt:

mich empfänglich zu halten für jede Freude des Lebens, und dennoch

durchaus in allem, was ich mir selbst nicht geben kann, unabhängig zu

bleiben, niemandes zu bedürfen, auch nicht der Begünstigungen des

Schicksals, sondern auf mir allein zu stehen, und mein Glück in mir und

durch mich zu bauen. Beides habe ich in hohem Grade erreicht, über keine

Freude und keinen Genuß des Lebens bin ich hinweg, wie es die Leute

nennen. Die einfachste Sache, wenn sie nur etwas Anmutiges oder Höheres

an sich trägt, oder wenn sie mir durch irgend etwas besonders zusagt,

gewährt mir reine Freude. Daher niemand so dankbar ist als ich, weil

wirklich auch wenig Menschen so viel Grund zur Dankbarkeit haben. Teils

begegnet ihnen vielleicht weniger Erfreuliches, teils aber finden sie

auch in dem, was ihnen begegnet, das Erfreuliche nicht so heraus, und

genießen es nicht, wie sie könnten. Aber kein Mensch ist auch so wenig

bedürftig als ich, und darauf beruht ein großer Teil meines Glücks, denn

jedes Bedürfnis ist, wie es befriedigt wird, nur eigentlich Stillung

eines Schmerzes, und alles, was darauf verwendet wird, geht dem reinen,

ruhigen, stillen Genuß ab.

Der Fähigkeit, sich einem fremden Willen, bloß weil es ein solcher Wille

ist, auch geradezu gegen die Neigung zu unterwerfen, als _Muß_ sich zu

unterwerfen, dieser Fähigkeit bedarf jeder, auch der Mann, und ich würde

mich sehr tadeln, wenn ich nicht wüßte, daß ich sie hätte. Sie macht

überdies das Gemüt milder, weicher und, so sonderbar es scheint,

zugleich stärker, selbständiger und der Freiheit würdiger.

Ohne Kampf und Entbehrung ist kein Menschenleben, auch das glücklichste

nicht, denn gerade das wahre Glück baut sich jeder nur dadurch, daß er

sich durch seine Gefühle unabhängig vom Schicksale macht.

_Burgörner_, im Juli 1822.

Ich habe zwei recht liebe Briefe von Ihnen bald nacheinander empfangen,

liebe Charlotte, die mir herzliche, wahre Freude gemacht haben, und

wofür ich Ihnen ebenso herzlich danke. Die Güte und Liebe, die Sie mir

so treu, wahr und natürlich bezeigen, tut meinem Herzen unendlich wohl,

und wenn ich auch fühle, daß, wenn Sie von mir reden, das nur nach der

Art ist, wie Sie mich ansehen, nicht gerade wie ich wirklich bin, so

freut es mich, selbst da ich viel abbrechen muß, da ja dies liebevolle

Zusetzen eine Folge und ein Beweis Ihrer Empfindung ist. Die

Erinnerungen an Pyrmont haben mich sehr gefreut, auch mir steht noch

vieles, sehr vieles in der Erinnerung von jener Zeit her. Mancher

Gespräche unter uns erinnere ich mich auch noch. Es war in jener Zeit

und selbst in der Gegend eine Scheide im Urteil über viele Dinge, auch

über Dichtungen und Charakterformen, die in jeder Zeit sehr in

Verbindung miteinander stehen. Die einen lebten mehr in Klopstock, den

Stolbergen, und den Dichtern und Theaterstücken, die ruhiger und weniger

excentrisch hinliefen; die andern mehr in Goethe, Schiller, von dem man

damals eigentlich nur die ersten Stücke hatte (Die Räuber, Fiesko), und

allem Regellosen, Excentrischen. Ich stand noch sehr unentschieden. Sie

schienen mir mehr auf die erste Weise gebildet. Ich erinnere mich, daß

Sie die Schillerschen Stücke nicht liebten. Alles das ist mir sehr im

Gedächtnis geblieben, und ist mir noch heute, selbst außer der

Persönlichkeit, merkwürdig, weil sich seit jener Zeit, auch in den

inneren Ansichten, viel mehr verändert hat, als die doch nicht so

unendlich lange Reihe der Jahre voraussehen ließe. Darum ist es mir auch

sehr angenehm, wenn Sie, liebe Charlotte, gerade in Ihrer Jugend recht

lange verweilen, in der Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung. Ich werde

Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie sich dieser Arbeit recht sorgfältig

unterziehen. Auch wünschte ich genauer zu erfahren, durch welche Bücher

Sie schon früh eine so ungewöhnlich ernste Bildung und Stimmung bekommen

haben, und wie und wodurch diese in späteren Jahren sich so sehr

befestigt hat. Ich wiederhole auch hier, Sie können in dem allen nicht

weitläufig genug sein. Über das: jemand nach seinem Charakter behandeln,

kann ich nicht ganz Ihrer Meinung sein. Ich tue es immer, einesteils

weil es leicht zum Zwecke führt, dann, weil ich nicht berufen bin, auf

den Charakter der Menschen gegen ihren Willen einzuwirken, endlich, weil

die Menschen dabei glücklich und heiter bleiben und man gern Glück und

Heiterkeit um sich verbreitet. Allein, was mich selbst betrifft, so

wünsche ich immer und tue alles dazu, daß mich die Menschen nicht nach

meinem Charakter nehmen mögen. Denn was heißt das anders, als den

Charakter, wie er nun einmal ist, für abgeschlossen und unveränderlich

annehmen, und ihn in allem, was er in sich enthält, zu bestärken? Nun

aber ist keines Menschen Charakter fehlerfrei, es heißt also auch, den

Menschen in seinen Fehlern bestärken. Ich weiß wohl, daß es mich

manchmal tief schmerzt, wenn ich gegen meinen Charakter behandelt werde,

allein ein solcher innerer Schmerz ist allemal heilsam, und das wahre

Glück beruht gar nicht auf Schmerzlosigkeit. In dem Grade nun, daß die

Menschen meines vertrauten Umgangs mir zu erkennen geben, daß Sie auch

gern mit Kraft und Selbstverleugnung an sich arbeiten, daß sie heilsame

Schmerzen nicht scheuen, behandle ich auch sie weniger mit Rücksicht auf

ihren Charakter, und so könnte ich wohl bisweilen gegen die, welche mir

innerlich am nächsten stehen, gerade am wenigsten schonend erscheinen.

-- Es tut mir sehr leid, aus einzelnen Äußerungen zu erkennen, daß Sie

leidend waren, vielleicht noch sind. Schonen Sie sich, liebe, gute

Charlotte, schonen Sie sich auch für mich, denken Sie, daß es mich

unendlich bekümmert, Sie leidend zu wissen. Ihre Ruhe, Ihre Heiterkeit,

vor allem Ihre Gesundheit ist es, worauf es mir ankam. Frauen sind darin

glücklicher und unglücklicher als Männer, daß ihre meisten Arbeiten von

der Art sind, daß sie während derselben meist an ganz etwas anderes

denken können. Ich würde es ein Glück nennen. Denn man kann ein ganz

inneres Leben fast den ganzen Tag fortführen, ohne in seinen Arbeiten

oder in seinem Berufe dabei zu verlieren oder gestört zu werden. Es ist

das auch wohl ein Hauptgrund, warum wenigstens viele Frauen die Männer

in allem übertreffen, was zur tieferen und feineren Kenntnis seiner

selbst und anderer führt. Allein, wenn jene inneren Gedanken nicht

beglückend, oder wenn sie wenigstens das nicht rein und unvermischt

sind, sondern niederschlagend und beunruhigend dabei, so ist allerdings

die Gefahr größer, welche die innere Ruhe bedroht; da Männer in ihren

Geschäften selbst, auch wider ihren Willen, Zerstreuung und Abziehung

von einem das Innere einnehmenden Gedanken finden.

Fürchten Sie nie, daß mir Ihre entschiedene Vorliebe für die einsame

Stille, die Sie sich selbst geschaffen haben, mißfallen könne. Gerade

das Gegenteil. Die Zeichnung Ihres kleinen Landhauses und Gartens, die

Ihrem letzten Brief beigelegt war, hat mir Vergnügen gemacht; es ist

angenehm, sich mit jemand, den man liebt, alle Umgebungen denken zu

können. Die Einseitigkeit, welche, wie Sie sagen, Ewald für Sie

gefürchtet und darum die große Zurückgezogenheit, worin Sie leben, nicht

ganz gebilligt habe, ist allerdings etwas, das nicht taugt. Einmal aber

ist sie bei Ihnen nicht zu besorgen, andernteils auch kann man doch für

sehr vieles verstummen, ohne zu verarmen im Innern, oder dem Wahren,

Guten und Schönen abzusterben.

Die Abgeschiedenheit spannt alle Vermögen eines weiblichen, in sich

zarten und tiefen Gemüts höher, läutert die Seele und zieht sie ab von

den kleinlichen, zerstreuenden Rücksichten, worein Frauen leichter

verfallen als Männer. Auch gibt eine Frau, die die Einsamkeit liebt und

in ihr lebt, gleich den Begriff, daß sie keine Freude sucht, als die sie

aus der Tiefe ihres eigenen Innern schöpft, und das ist das

Haupterfordernis, um einem selbst tiefer und besser fühlenden Mann zu

gefallen und ein bleibendes, unwandelbares Interesse einzuflößen.

Die wenigsten Menschen verstehen, wie unendlich viel in der Einsamkeit

liegt, und gerade für eine Frau liegt. Wenn sie verheiratet ist und

Kinder hat, ist ihr Familienkreis ihre Einsamkeit, im entgegen gesetzten

Fall aber ist es eine absolute, in der man wirklich allein lebt und

wenig Menschen sieht.

Das Glück vergeht und läßt in der Seele kaum eine flache Spur zurück und

ist oft gar kein Glück zu nennen, da man dauernd dadurch nicht gewinnt.

Das Unglück vergeht auch (und das ist ein großer Trost), läßt aber tiefe

Spuren zurück, und wenn man es wohl zu benutzen weiß, heilsame, und ist

oft ein sehr hohes Glück, da es läutert und stärkt. Dann ist es eine

eigene Sache im Leben, daß, wenn man garnicht an Glück oder Unglück

denkt, sondern nur an strenge, sich nicht schonende Pflichterfüllung,

das Glück sich von selbst, auch bei entbehrender, mühevoller Lebensweise

einstellt. Dies habe ich oft bei Frauen in sehr unglücklichen ehelichen

Verhältnissen erlebt, die aber lieber untergingen, als ihre Stelle

verlassen wollten. Leben Sie herzlich wohl. Ihr H.

_Berlin_, den 2. Dezember 1822.

Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, empfangen, und danke Ihnen von

ganzem Herzen dafür. Es gehört immer zu meinen angenehmsten

Empfindungen, etwas von Ihnen zu erhalten, und jemehr ich darin Ihre

treue und liebevolle Anhänglichkeit erkenne, desto tiefer ist der

Eindruck, den Ihre Zeilen auf mich machen. Die Erinnerung der

Vergangenheit gesellt sich alsdann zu dem Genuß der Gegenwart, und ich

rechne es immer zu den günstigsten Schicksalen meines Lebens, daß Sie

mein Andenken haben bewahren wollen, und daß, wie mich Ihnen

Beschäftigungen, Schicksale genähert haben, Sie fortdauernd Wert auf

meine Teilnahme legen, in meine Ideen eingehen, und es sich selbst für

ein Glück, ja wohl gar mir zum Verdienst anrechnen, daß mir Empfindungen

blieben, die nur mit meinem eigenen Leben aufhören können. Es könnte

mich dieser Beifall eigentlich stolz machen, allein dazu habe ich keine

Anlage. Ich kenne mehr, wie irgendeiner, meine Fehler und Schwächen und

weiß, daß es kein Verdienst genannt werden kann, daß, wenn man einmal

vom Schicksal gewürdigt worden ist, das natürlich Treffliche und

Gediegene zu sehen, wenn es sich, auch durch eine Gabe des Glücks, einem

wirklich erschlossen hat, man es nun auch im Tiefsten der Seele festhält

und sich nicht wieder entreißen läßt. Für ein solches Glück halte ich

es, daß ich Sie einmal sah und Sie mir blieben, und fortfuhren, mir mit

Treue anzuhängen, sich noch jetzt gern und willig mir unterordnen und

mir erlauben, Ihnen so vertraulich zu schreiben. Ich habe die Stimmung

von der Natur empfangen, die ich für eine ihrer wohltätigsten Gaben

halte, daß ich das Unglück nie fürchte, ja, wo es mich betraf, und das

ist doch einigemal auf sehr harte Weise geschehen, es nur als einen

ernsten, aber nicht übelwollenden Begleiter betrachte; dagegen das Glück

unendlich schätze, erkenne und genieße. Ich meine aber so das recht

reine Glück, das, von allem Verdienst entblößt, uns die Götter schicken,

ohne daß der Mensch dazu das mindeste tut. Ein solches Glück war es, daß

Sie mir je begegneten, daß mir ein irdisches Bild vor Augen trat, das

mir immer blieb und immer bleiben wird, mit dem nichts meinen Frieden

stören kann und stören wird. Denn selbst, wenn es möglich wäre, daß Sie

etwas anwandelte, das ich mißbilligen müßte, so bliebe jenes Bild ewig

rein und unentweiht in mir. Es wäre dann etwas, das Ihnen so begegnete,

wie es jedem Menschen wohl begegnen kann, es wäre aber nicht in die Züge

verwebt, die den Umriß jenes Bildes ausmachen. Denn jeder Mensch trägt

eigentlich, wie gut er sei, einen noch besseren Menschen in sich, der

sein viel eigentlicheres Selbst ausmacht, dem er aber wohl einmal untreu

wird, und an diesem inneren und nicht so veränderlichen Sein, nicht an

dem veränderlichen und alltäglichen muß man hängen, auf jenes dieses

zurückführen, und manches verzeihen, woran jenes tiefere Sein unschuldig

ist. So hatte ich ja auch nie geahnt, welchen Schatz von Liebe und Treue

Sie mir ein langes Leben bewahrten. Wie sollte es mich nicht beglücken!

Diese Empfindungen, die Sie für mich hegen, die Gefühle, die aus jedem

Ihrer Briefe sprechen, sind ja der Grund, auf dem alles, was wir

miteinander wechseln, rein und schön hinfließt, von dem es die Farbe

annimmt und in dessen Licht es erscheint. Darin liegt auch der große

Reiz, den Ihre Lebensbeschreibung für mich hat. Jemehr ich die

Umgebungen kennen lerne, in denen Sie, meine gute Charlotte, aufwuchsen,

jemehr ich Sie mir darin denke, desto mannigfaltiger bewegt schweben mir

die Züge vor, an die meine Einbildungskraft immer gern und lieblich

geheftet ist. Solchen Genuß der Phantasie rechne ich zu den höchsten,

die den Menschen gegeben sind, und in vieler Rücksicht ziehe ich ihn der

Wirklichkeit vor. In diese kann immer leicht etwas störend eintreten,

aber jene nähert sich den Ideen, und das Größte und Schönste, das

Menschen zu erkennen imstande sind, bleiben doch die reinen, nur mit dem

inneren Blick erkennbaren Ideen. In ihnen zu leben ist eigentlich der

wahre Genuß, das Glück, was man ohne Beimischung irgendeiner Trübheit in

sich aufnimmt. Nur haben wenig Menschen eigentlich Sinn dafür. Denn es

gehört dazu eine Neigung der Beschauung, die in Menschen unmöglich ist,

bei denen Sinnlichkeit und innere moralische Empfindung in Verlangen zur

Wirklichkeit und zum Genuß übergehen. Ich bin von diesem Verlangen mein

ganzes Leben hindurch sehr frei gewesen und habe daher mehr durch den

Anblick vom Inneren und Äußeren genossen, und in beiden Rücksichten mehr

die Wahrheit der Dinge erkannt, ohne mich Täuschungen hinzugeben.

Sie haben mich, liebe Charlotte, schon vor längerer Zeit gebeten, Ihnen

Nachricht von den Meinigen zugeben; Sie haben den Wunsch leise erneuert

und sprechen ihn jetzt wieder auf eine so zart empfundene Art aus, daß

ich mir fast einen Vorwurf darüber mache. Sie sagen: die nahen

Angehörigen geliebter Männer seien für Frauen unendlich teure,

geheiligte Gegenstände; die Kinder, Teile seines Wesens, die

Lebensgefährtin, als die Mutter dieser, würden in dem Grade, wie sie den

Geliebten beglücken, von der innigsten Zärtlichkeit umfaßt. Indem ich es

zu würdigen weiß, aus wie edler Quelle dergleichen Äußerungen kommen,

danke ich Ihnen recht herzlich dafür. Ich habe es nur von Brief zu Brief

verschoben, weil ich gewöhnlich das letzte Wort eines Blattes und die

letzte Viertelstunde der Zeit erreichte, ehe ich dazu kam. Ich fange bei

meiner Frau an, da ich mich nicht erinnere, ob Sie wissen, wer sie

eigentlich ist. Wenn ich Ihnen also etwas sage, was Ihnen bekannt ist,

so seien Sie mir darum nicht böse. Sie war ein Fräulein von Dacheröden,

in ihrer Jugend sehr schön, und, ob sie gleich acht Kinder gehabt hat,

noch viel mehr erhalten, als es Frauen, die nicht in dem Falle sind,

gelungen ist. Sie ist seit einiger Zeit kränklich, aber auf keine Weise,

die Besorgnis erregte, oder ihre natürliche Heiterkeit störte. Burgörner

gehört ihr und ist eins ihrer Güter, dahingegen Tegel und die

schlesischen mir gehören. Unsere Ehe wurde bloß durch gegenseitige

Neigung, ohne alles Zutun von Eltern und Verwandten, geschlossen, sie

hat in den einunddreißig Jahren, die sie nun währt, nie einen nur

weniger zufriedenen Moment gehabt, unser Glück ist gegenseitig heute,

wie im Anfang, und hat nur die Farbe der verlaufenden Zeit nach und nach

angenommen. Da wir beide von Natur heiter sind, so ist unser Verhältnis

selbst jugendlicher geblieben, als es sonst der Fall sein würde. Meine

Geschäfte haben uns manchmal lange voneinander getrennt, aber seitdem

ich freie Muße genieße, sind wir fast ununterbrochen zusammen, und dies

fortsetzen zu können, wird mich vorzüglich bewegen, wenn es nicht

durchaus sein muß, nicht wieder in Dienst zu treten. Gleich nach meiner

Verheiratung lebte ich auch außer Dienstverhältnissen über zehn Jahre

lang, und reiste damals mit meiner Frau nach Frankreich und Spanien.

Jetzt in der Stadt berühre ich fast die Straße mit keinem Fuß, und fahre

auch selten aus. Auf dem Lande gehen wir immer zusammen spazieren, oder

sind beide zu Hause. Von unsern acht Kindern haben wir leider drei, eins

in Paris, zwei in Rom, verloren, als ich dort Gesandter war. Jetzt haben

wir noch drei Töchter und zwei Söhne. Die älteste Tochter wird sich

schwerlich verheiraten, sie bleibt gern mit uns, und wir würden sie, da

sie so lange mit uns gewesen ist, noch ungerner missen. Meine beiden

andern Töchter sind verheiratet; die zweite heiratete, ehe sie noch

fünfzehn Jahre alt war, und ihr Mann in den Krieg ging. Sie hat den

Obrist-Lieutenant von Hedemann zum Manne und lebt überaus glücklich. Die

jüngste ist an den Geheimrat von Bülow verheiratet, der

Legations-Sekretär bei mir in London war, und jetzt hier bei dem

auswärtigen Departement steht. Sie hat eine Tochter, die bald ein Jahr

alt sein wird, und lebt gleichfalls sehr heiter und in ihrer

Häuslichkeit zufrieden. Mein jüngster Sohn ist noch im Hause und wird

bei mir erzogen. Mein ältester ist Kavallerieoffizier in Breslau und hat

eine schöne und liebenswürdige Frau. Sie hat leider noch keine Kinder.

So wissen Sie wenigstens im ganzen so viel, daß Sie sich meine Familie

und mein Leben in derselben vorstellen können. Außer meiner Familie sehe

ich wenig Leute. In Privathäuser gehe ich selten, nur zu einigen alten

Bekannten.

Ich muß nun schließen, das Papier ist zu Ende. Leben Sie herzlich wohl,

liebe Charlotte. Mit der unwandelbarsten und wärmsten Anhänglichkeit der

Ihrige. H.

_Berlin_, den 27. Dezember 1822.

Ich setze mich mit inniger Freude an den Tisch, Ihre beiden Briefe zu

beantworten, die mir, wie alles, was mir von ihnen kommt, sehr teuer

gewesen sind. Es tut mir sehr leid, daß mein längeres Schweigen Sie

einen Augenblick beunruhigt hat, ob ich gleich diesem Umstande einen

Brief mehr von Ihnen verdanke. Sie müssen aber nie unruhig sein, wenn

ich einmal länger nicht schreibe, als Sie gerade gedacht haben, daß ich

es tun würde. Ich bin so selten krank, daß dies garnicht in Berechnung

kommen kann, und eine Änderung in meinen Gesinnungen, wie leise sie auch

sein möchte, ist in der Tat unmöglich. Es widerspricht meinem Charakter

überhaupt, und widerspricht noch viel mehr meinen einmal für Sie

gefaßten Empfindungen, und kann mit einem Worte nicht eintreten. Daß ich

aber einmal weniger oft schreibe, hat ganz zufällige Ursachen, die ich

aber auch nicht gut ändern kann. Ob ich gleich jetzt gar keine

eigentlichen Geschäfte habe, so bin ich beschäftigter als die meisten,

die selbst viel mit solchen beladen sind, und ich lebe keineswegs so,

wie manche andre, daß ich nur auf irgend eine Weise dem Vergnügen oder

meinen Einfällen nachhänge. Meine Stunden vom Morgen bis zum Abend, und

vor 1 Uhr gehe ich nie zu Bette, sind regelmäßig besetzt; mit meiner

Familie bringe ich nur etwa zwei Stunden am Abend, außer dem

Mittagessen, zu. In Gesellschaft gehe ich so gut als garnicht, und in

meiner Stube, in der ich also die meiste Zeit meines Lebens zubringe,

bin ich mit Papieren und Büchern umringt. Ich führe, seit ich den Dienst

verlassen habe, ein eigentliches Gelehrten-Leben, habe weitläufige,

wissenschaftliche Untersuchungen unternommen, und so kommt es denn

freilich, daß der Briefwechsel manchmal stockt, der mit Ihnen aber doch

am wenigsten. Denn ich wundere mich selbst manchmal, wie ich Ihnen so

oft und so lange Briefe schreibe, und dann finde ich es doch wieder so

natürlich, weil ich mich so gern in meinen Gedanken vor Ihnen gehen

lasse, und meine Briefe wieder Veranlassung der Ihrigen sind, die ich so

innig gern lese, wie lang sie sein möchten. Denn zum Lesen habe ich

immer Zeit, da dazu der Entschluß nicht wie zum Schreiben zu nehmen ist,

sondern mit dem erscheinenden Briefe natürlich da ist, so schiebt sich

alles andre so lange zur Seite. Auch das Denken gehört jeder Stunde an,

nur zum Schreiben kommt man nicht immer, und ich könnte mir darin einen

Zwang antun. Ich klagte mich zum voraus bei Ihnen an, liebe Charlotte,

daß ich eigentlich nicht ordentlich und regelmäßig im Schreiben bin, und

Sie sehen jetzt, daß ich nicht unwahr redete.

Daß Sie erfreut und zufrieden sind mit den kurzen Nachrichten, die ich

Ihnen über meine Familie gab, ist mir lieb, ob sie hinzusetzen, »wenn

ich sie auch ausführlicher gewünscht hätte, bin ich doch erfreut und

etwas bekannt mit den Ihrigen und bescheide mich«. -- Das ist ganz in

Ihrer Art, und wenn ich Sie darum lobe, so muß ich darüber schmälen, daß

Sie besorgen, ob Sie sich nicht zu sehr haben gehen lassen in dem

Ausdruck Ihrer Empfindungen? Sie haben in Ihrer Selbstbiographie nur für

mich geschrieben. Sie haben mir die ersten Empfindungen Ihrer

jugendlichen Brust aufrichtig, edel und offen gestanden, Sie haben mir

diese Gefühle durch ein ganzes Leben gesondert, bewahrt, und mein

Andenken heilig erhalten, ohne irgendein Zeichen des meinigen empfangen

zu haben. Ihr ganzer Besitz waren ein paar Zeilen auf einem Zettel

Papier. Das würde jeden Mann gerührt haben. Wer aber so etwas zu

würdigen versteht, wie ich das von mir sagen darf, der wird es wie ein

seltenes Glück dankbar empfangen und wie eine Zugabe des Himmels

ansehen. Nicht der leiseste, nur scheinbar gerechte Vorwurf könnte Sie

treffen, und die kälteste, ruhigste Beurteilung könnte hier nichts zu

tadeln finden. Sie sehen, ich will mir nicht wieder entreißen lassen,

was Sie mir einst freiwillig gegeben haben. Ich will es behalten, und

keine kleinlichen Skrupel von Ihrer Seite sollen mir meinen lieben

Besitz rauben. Irre ich, so irrt wenigstens mein Herz nicht. Ich habe

nicht die engherzigen Begriffe über solche Empfindungspflichten, die

wohl sonst im Schwange sind. Wenn man in sich rein ist, kein Gefühl mit

dem andern vermengt, keine Pflicht verletzt, so habe ich für mich (ich

will nie für das Gewissen eines andern reden) kein Arges, mich jedem

Gefühl, das wahr und unentstellt in mir aussteigt, ohne alle

Ängstlichkeit hinzugeben. So ist es in mir. Sie sehen, was ich Ihnen

oben sagte, ich will behalten, was ich habe.

Von meinem Familienleben hätte ich Ihnen, wenn Sie es nicht ausdrücklich

gefordert hätten, und es mir nicht natürlich geschienen, doch auch das

Innere und gerade dasjenige Verhältnis zu berühren, von dem in einem

Familienkreise alle anderen Empfindungen ausgehen, immer geschwiegen.

Also noch einmal, ich will, liebe Charlotte, daß Sie nicht eine einzige

Zeile, nicht ein Wort zurückwünschen. Alles, was Sie mir geschrieben

haben, woraus Ihre Gefühle so rein und wahr hervorstrahlen, beglückt

mich in der Erinnerung. Ich wünsche vor allem, daß der Briefwechsel mit

mir Ihnen reine, durch nichts getrübte Freude mache. Ich habe ja dabei

keinen andern Zweck, als für mich Erinnerungen festzuhalten, die mir

ewig teuer sein werden, und für Sie, Ihnen eben dadurch Freude zu geben.

Daß ich Ihnen jene Nachrichten so spät gab, darf Sie nicht wundern, ich

gab sie nur, weil Sie es wollten. An sich ist es meine Art nicht, von

dem, was ich für einen Menschen fühle, einem andern als ihm selbst zu

sprechen, ja, es ist mir ganz entgegen. Ich weiß wohl, daß man es so

gemeinhin für ein Zeichen und ein Bedürfnis der Freundschaft hält, sich

gegenseitig Freude und Kummer und alles mitzuteilen, den andern, wie man

es nennt, mit sich leben zu lassen. Ich könnte tiefen Kummer und große

Freude im Herzen haben, und es würde mich nie drängen, es denen

mitzuteilen, die ich am liebsten habe. Ich tue es auch wirklich nicht,

wenn die Mitteilung nicht andere Veranlassung hat. Ich halte sehr wenig

von den Ereignissen des Lebens und für mich (Gott weiß, nicht für

andere) wenig von Glück und Unglück, beide, auf mich bezogen, sind die

letzten Rücksichten bei meinem Tun und Handlungen; ich weiß, Gottlob!

mit denen, die ich so gern habe, als Sie, immer noch etwas Besseres zu

reden, als was eben um mich herum vorgeht. Ich mache es gerade so mit

meiner Frau und Kindern. Sie wissen von sehr vielem, was mich

beschäftigt, garnicht, und meine Frau denkt so gleichgestimmt mit mir

darüber, daß, wenn sie zufällig etwas erfährt, was sie nicht wußte,

oder ich ihr selbst bei einer Veranlassung davon sagte, es ihr nicht

einfällt, das sonderbar zu finden. Freundschaft und Liebe bedürfen des

Vertrauens, des tiefsten und eigentlichsten, aber bei großartigen Seelen

nie der Vertraulichkeiten.

Leben Sie herzlich wohl! Mit unveränderlichen

Gesinnungen der Ihrige. H.

_Berlin_, den 14. Februar 1823.

Sie verstummen ja ganz, liebe Charlotte. Es ist ungewöhnlich lange, daß

ich keine Zeile von Ihnen erhielt. Schon seit acht Tagen wollte ich Sie

bitten, das Stillschweigen zu brechen. Aber ich hoffte mit jedem Posttag

einen Brief zu erhalten. Wenn Sie nur nicht krank sind! Allein gerade

dann, dächte ich, hätten Sie geschrieben, mir wenigstens das zu sagen.

Sie waren aber sehr angegriffen, hatten sich sehr angestrengt, dazu

jetzt die kalte Witterung, das alles könnte Ihnen doch wohl geschadet

haben. Ich bitte Sie inständigst, schreiben Sie mir, wie es Ihnen geht.

Ich würde in der Tat sehr unruhig sein, wenn ich auch jetzt keinen Brief

erhielte. Ich bin wohl, aber sehr beschäftigt. Mein Bruder war vier

Wochen hier bei mir. Er ist nun nach Paris zurückgegangen; während

seiner Anwesenheit hatte ich alles liegen lassen, und so ist schon das,

was sich in meinen Geschäften angehäuft hat, so ansehnlich, daß ich ein

paar Wochen daran aufzuräumen haben werde. Darum verzeihen Sie auch die

Kürze meiner Zeilen. Da Siegern lange Briefe von mir haben, so wird

Ihnen mein letzter gefallen haben, er füllte den ganzen Bogen, und mit

meiner kleinen Handschrift ist das sehr viel. Leben Sie wohl, und ich

bitte, schreiben Sie mir gleich. Von Herzen und mit unveränderlichen

Gesinnungen der Ihrige. H.

_Berlin_, den 14. März 1823.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe mit deren Beilagen erhalten und

sage Ihnen meinen herzlichen Dank dafür. Man kann nicht ordentlicher

sein, als Sie diese zweite Lieferung zu Ihrer Lebensbeschreibung

eingerichtet haben. Sie nennen sie: Einleitungshefte. Die Folge wird das

erst ganz deutlich machen, da alle Ihre Gedanken Klarheit haben. Alles

liest sich leicht und mühelos, wie ein Buch, und was bei Handschriften

immer sehr angenehm ist. Daß Sie das Ganze in Lieferungen teilen und

jede in einen angemessenen Abschnitt zusammenfassen, ist äußerst

zweckmäßig. Ich finde es daher auch besser, daß Sie künftig sich nicht

gerade an die Zeitpunkte halten, die ich anfangs bestimmt hatte, sondern

jeder Lieferung einen angemessenen, sich nach dem Inhalt richtenden

Abschnitt geben, daß er weder allzukurz noch allzulang wird, und

abzusenden, wenn Sie solche Lieferung fertig haben, ohne sich an einen

bestimmten Zeitabschnitt zu kehren. Ich weiß, auf der einen Seite, daß

Sie Interesse genug an der Sache nehmen, und liebevoll gegen mich

gesinnt, selbst gern meine Wünsche erfüllen, und also die Muße, die Sie

auf diese Arbeit verwenden können, gewiß nicht ohne Not andern Dingen

schenken. Auf der andern Seite aber möchte ich selbst nie, daß Sie den

notwendigen Geschäften, die Ihnen obliegen, Zeit entzögen, die dann

wieder zu große Anstrengungen forderten, um das Verschobene wieder

einzubringen. Alles, wozu ich Sie veranlasse, soll nur zu Ihrem

Vergnügen und Ihrer Genugtuung dienen, nicht aber Ihnen zur Last noch

Unruhe werden. Was mich bei dieser Lieferung erschreckt, ist, daß Sie

schon so weit vorgerückt sind. Sie sehen daraus, wie ich Ihnen immer

sagte, daß Ihre Furcht vergeblich sei, daß Sie bei einer so großen

Ausführlichkeit nie zu einem Ende kommen würden. Indessen kann ich Ihnen

durchaus über Mangel an Ausführlichkeit keinen Vorwurf machen. Ich

glaube gern und sehe es aus der Schrift selbst, daß Sie nichts weiter zu

erzählen hatten, weil der Gegenstand Ihnen in Ihrem Gedächtnis nicht

mehr darbot. Sie haben nichts übergangen, alle Personen, die Sie

erwähnen, erscheinen in einer vollständigen Zeichnung mit sehr

bestimmten Umrissen, man sieht zugleich ihre Umgebungen, und es geht dem

Bilde kein Zug ab, dessen Vermissen eine Lücke verursachte. Zwei

interessante Figuren sind Ihre beiden Großmütter, man ist sehr geneigt,

sie in Ihnen wieder zu erkennen. Zwei vorzügliche Frauen waren es gewiß.

Es ist in sich natürlich, daß die Schilderung des Lebens einer in den

einfachsten Verhältnissen sich befindenden Familie nicht mehr und nichts

Vielfacheres darzubieten imstande ist; auch ist es Ihnen wohl bis dahin

nicht eingefallen, dies Leben in so weiter Vergangenheit zurückzuholen

und zu beschreiben. Das alles, gute Charlotte, erkenne ich mit wahrer

Dankbarkeit, erkenne, wie gern Sie mir Freude machen. Auch hat Ihre

Erzählung, gerade in dieser Einfachheit eines solchen Lebens, für mich

und meine individuelle Art zu empfinden einen großen Reiz, den ich auch

wieder bei Lesung Ihrer Blätter empfunden habe. Ich muß diese Lieferung

auch darin noch mehr loben als früher, weil die Erzählung darin ruhiger,

ununterbrochener, und in einem einzig nur das Geschilderte

heraushebenden Tone fortgeht. So gern ich auch Betrachtungen lese,

welche Sie früher dem Erzählten einzustreuen pflegten, so besteht der

größte Reiz einer Erzählung doch gerade darin, daß man nur das Erzählte

erblickt, und daß es als etwas ehemals Vorgegangenes und sich selbst vor

dem Auge Bewegendes dasteht, nicht durch den unterbrochen wird, der es

jetzt absichtlich darstellt. Im gegenwärtigen Falle sind nun zwar Sie,

als darstellend und dargestellt, dieselbe Person, allein die

Verschiedenheiten der Zeit bleiben auch so doch gleich beachtungswert,

und Sie, jetzt und selbst erzählend, werden gegen sich, in jener Zeit

dargestellt, auch wieder gewissermaßen eine Fremde. Sie müssen aber

darum nicht glauben, daß ich mich durchaus gegen die Einstreuung jeder

Betrachtung erklärte, und Sie sich jede neue verbieten müßten. Dies ist

gar nicht meine Absicht. Ich lobe mehr die Art, die ich hier beobachtet

gefunden habe, als ich es tadeln würde, wenn Sie eine andere angewendet

hätten. Denn auch diese könnte auf ihre Weise Reiz gehabt haben, und Sie

würden es gewiß verstanden haben, ihn derselben zu geben. Allein in sich

ist es richtig, daß die Erzählung reiner und anziehender in dem Grade

ist, in welchem sich der Erzähler mehr zurück und in Schatten stellt,

und dieser verliert dabei nicht, denn man sieht ihn und seine

Individualität in der Art und Natur der Erzählung gleich klar und

bestimmt, und fühlt sich durch die verstecktere Art, mit der es

geschieht, überrascht. Die Zeichnungen, die Sie beigelegt hatten, haben

mich sehr gefreut. Sie versetzen den, der sie sieht, auf den Schauplatz

der Personen, von denen erzählt wird, und tragen daher zur Lebendigkeit

der Schilderung und zur Bestimmtheit des Bildes bei. Die äußere Ansicht

Ihres elterlichen Hauses hat aber auch etwas in sich Freundliches und

Gefälliges. Bei Gelegenheit des Todes Ihrer Mutter erwähnen Sie,

obgleich dunkel und so, daß man nicht deutlich und bestimmt sehen kann,

wie es gewesen ist, etwas Geisterartiges. Dies bitte ich Sie nicht zu

übergehen. Ist es, wie es fast scheint, Ihre Absicht, darauf bei einer

andern Gelegenheit in der Folge zurückzukommen, so mag es so bleiben,

und so lese auch ich die genaue Darstellung dieses Ereignisses lieber an

dem Orte, den Sie für den paßlichsten halten. Wollen Sie aber nicht

darauf zurückkommen, sondern es bei demjenigen bewenden lassen, was Sie

darüber gesagt haben, so muß ich Sie bitten, dieser Sache eine besondere

Zugabe zur zweiten Lieferung zu widmen, sie zuerst und zunächst

auszuarbeiten und mir einzeln zuzusenden. Es hat gerade dies ein ganz

besonderes Interesse für mich. -- Das Mißgeschick mit Ihrer Wohnung hat

mich sehr geschmerzt; Sie befanden sich dort einsam und wohl, und hatten

überdies sie sich nach Ihren Neigungen eingerichtet. Das verlassen zu

müssen, ist wirklich höchst unangenehm, und ich nehme nicht nur den

innigsten Anteil daran, sondern begreife auch ihre Niedergeschlagenheit

darüber vollkommen.

Daß Ihnen meine Teilnahme tröstlich, mein Andenken wohltätig ist, und

Sie gern dabei verweilen und ausruhen, wenn Ihnen, wie auch jetzt, weh

ist, dafür, liebe Charlotte, kann ich Ihnen nur sehr dankbar sein. Es

war mein Wunsch und meine Absicht, ich wollte nur glücklich, heilsam und

wohltätig auf Sie einwirken, und es freut mich unendlich, wenn ich

erkenne, daß ich das erreiche. Gestatten Sie mir denn auch jetzt diesen

Einfluß auf Ihr Gemüt, da Sie leiden und gebeugt sind. Richten Sie sich

an mir auf. Ich möchte niemand lieber als Ihnen zur Stütze sein. Leben

Sie für heute herzlich wohl, und erlauben Sie mir die Wiederholung

meiner Bitte, sich zu beruhigen. Halten Sie den Glauben an die Treue

meiner innigsten, liebevollsten Teilnahme fest, womit ich Ihnen stets

angehöre. Ihr H.

_Berlin_, den 30. März 1823.

Ihr Brief vom 19. dieses, liebe Charlotte, hat mich bekümmert, da er in

großer und sichtbarer Niedergeschlagenheit geschrieben war; es hat mich

aber gefreut zu sehen, daß er gegen das Ende hin heiterer wird, weil das

ein sicheres Zeichen ist, daß das ruhige Schreiben, das stille Gespräch

mit dem, von dem Sie wissen, daß er immer gleichen Anteil an Ihnen

nimmt, eben jene wohltätige Wirkung auf Sie ausgeübt hat. Darum hoffe

ich auch, werden Sie nicht bei dem Vorsatz des Verstummens bleiben,

sondern fortfahren, wie bisher, zu schreiben. Jener Vorsatz, den ich

überhaupt nur für augenblicklich halten will, kann Ihnen nur von einer

düsteren Stimmung eingegeben sein. Es ist sehr liebevoll von Ihnen, daß

Sie, wie Sie sagen, mein Leben nicht durch Ihre Niedergeschlagenheit

stören wollen. Allein, weiß ich sie darum weniger, wenn ich sie in Ihrem

Verstummen erkenne, und muß sie mich denn nicht gerade darum mehr

beunruhigen, weil ich den Grad, die Farbe, die Art derselben weniger

kenne? Sie können versichert sein, daß ich immer den herzlichsten und

mitfühlendsten Anteil an Ihnen und allem, was Ihnen begegnet, nehme, und

daß ich auch auf dieselbe Weise den Unfall ansehe, daß Sie gerade jetzt,

und überhaupt, eine Ihnen zu bequemer und lieber Gewohnheit gewordene

Wohnung aufgeben müssen. Allein ich möchte Ihnen doch, liebe Charlotte,

bei einem solchen Falle mehr Stärke, mehr innere, äußeren Unfällen

entgegenstrebende Heiterkeit wünschen, da Ihnen so vieles zum inneren

Genuß bleibt. Es soll dies gewiß auch nicht der fernste und leiseste

Vorwurf sein, ich möchte lieber alles, als Ihnen im mindesten weh tun.

Aber es ist einmal meine Art, zu denen, mit denen ich vertraulich

umgehe, durchaus und ganz wahr zu reden, unverhohlen zu sagen, was mir

nicht zu billigen scheint, und ihnen die Vorstellungen zu machen, durch

die sie meiner Überzeugung nach in sich stärker, fester und dadurch

selbständiger und minder abhängig von äußeren Zufälligkeiten werden.

Also seien Sie mir um dasjenige, was ich Ihnen hier sage und sagen

werde, nicht böse. Sehen Sie es auch nicht als etwas an, das der leicht

sagen kann, der selbst nur in glücklicher und genügender Lage vor

ähnlichen Unfällen sicher ist. Es kommt nicht auf die äußere Ursache an,

von welcher der Schmerz oder die Widerwärtigkeit entsteht, und der

Himmel hat Schmerz und Widerwärtigkeit so weise verteilt, daß der

äußerlich noch so vorzüglich Begünstigte darum keinen Augenblick

hindurch freier ist von Anlässen und Ursachen inneren Schmerzes. In

einem schon ziemlich langen und gar nicht in einfachen Verhältnissen

hingegangenen Leben sind mir mannigfaltige Dinge vorgekommen, die mich

augenblicklich oder auf lange aus meinem ganzen gewohnten Lebenswege in

einen andern, in vielen, gerade das Innerste berührenden Punkten

verschiedenen gestoßen haben. Ich bin also den Empfindungen, die Sie

jetzt haben, auf keine Weise fremd, und kann mir jeden Tag, da wir in

der Hand des Schicksals sind, eine ähnliche bevorstehen. Ich verkenne

auch darum die Art Ihrer Empfindungen nicht, weil ich, wie Sie

allerdings Recht haben zu sagen, nicht gerade mit der äußeren Ursache

sympathisieren kann. Das Wechseln einer Wohnung, das mir so oft von den

angenehmsten zu den unlieblichsten begegnet ist, würde auf mich

allerdings wenig Einfluß haben. Ich lebe zwar auch beständig in meiner

Stube, bin jetzt zum Beispiel, trotz des Sonnenscheins, seit acht Tagen

mit keinem Fuße anders, als zu den durch Gewohnheit bestimmten

Tageszeiten, in das Nebenzimmer zu meiner Familie gekommen. Ich habe

keine Bedürfnisse der Art, jede Stube ist mir gleich, ich brauche keine

Bequemlichkeiten, den Rohrstuhl, auf dem ich sitze, und den Tisch, an

dem ich schreibe, ausgenommen. Sie würden keinen Spiegel, kein Sofa,

nichts von dem allen bei mir finden. Allein auf die Ursache der Trauer

kommt gar nichts an, es gilt nur diese, und ich sage Ihnen das nur, um

jedem, auch stummem Einwand zu begegnen, daß ich bei einem Unfall, wie

er Sie jetzt betrifft, mich nicht in Ihre Lage versetzen könnte. Ich

kann es gewiß, da jeden reizbaren und nicht empfindungslosen Menschen

niederschlagende Empfindungen ähnlicher Art betreffen. Aber gerade

darum, meine eigenen Erfahrungen benutzend, muß ich Sie doch bitten,

liebe Charlotte, sich durch dies Ereignis nicht auf solche Weise beugen

zu lassen. Ich kann es nach Ihrer eigenen Schilderung nicht sowohl für

ein empfindliches Übel halten, daß Sie gerade diese Wohnung verlassen,

sondern mehr, daß Sie nicht wieder eine ungenierte Gartenwohnung mit

Stille und Einsamkeit und ohne Mitbewohner gefunden haben. Was Sie mir

einmal von der Kälte und Feuchtigkeit der Wände, auch wo Sie schlafen,

sagten, hat mich sehr geschreckt, und kann Ihnen unmöglich zuträglich

gewesen sein. Trotz alledem, was sich da sagen läßt, bleibt der Verlust,

bis Sie eine andere ländliche und stille Wohnung finden, sehr groß, und

läßt sich nicht wegräsonieren, auf keine Weise. Aber da, liebe

Charlotte, bleibt, außer der Resignation, das zu tragen, was

unabänderlich ist, doch auch der Genuß dessen, was Ihnen in Ihrem

inneren Leben unentreißbar bleibt, das Andenken an alles, was Ihnen

teuer ist, der Umgang mit einigen Personen, denen Sie geneigt sind, das

Bewußtsein eines immer reinen Gemüts ein bewegtes Leben hindurch, die

Genugtuung an einem sich selbst geschaffenen Dasein, endlich, darf ich

auch mit Freuden hinzusetzen, nach dem, was Sie mir so oft sagen, die

Beschäftigung mit mir, die Sicherheit, wie innig ich alles Weh und alle

Freude teile, die sich in Ihnen bewegen. Einer gewissen Stärke bedarf

der Mensch in allen, auch den glücklichsten Verhältnissen des Lebens,

vielleicht kommen sogar Unfälle, wie Sie jetzt einen erfahren, um

dieselbe zu prüfen und zu üben, und wenn man nur den Vorsatz faßt, sie

anzuwenden, so kehrt bald, auch selbst dadurch Heiterkeit in die Seele

zurück, die sich allemal freut, pflichtmäßige Stärke geübt zu haben. -- --

Überhaupt, liebe Charlotte, und ich denke das oft, mag es wohl sein, daß

ich anders bin, als Sie sich mich manchmal gedacht hatten. Das kann

eigentlich nicht fehlen, wenn man sich fast nie gesehen und nie

miteinander gelebt hat. Ich schrieb Ihnen, im Beginn unsers

Briefwechsels, Sie müssen mich nehmen, wie ich bin, ich kann aus meinem

Wesen, wie es ist, nicht herausgehen. Meine wahren und eigentlichen

Gesinnungen überhaupt und gegen Sie, liebe Charlotte, bleiben immer

dieselben und ändern nie. Ob Ihnen der Ausdruck immer gleich erfreulich

und ansprechend ist, dafür kann ich nicht einstehen. Ich kann meiner

Freiheit, weder in der Häufigkeit, noch in der Art, wie ich schreibe,

etwas nehmen, und muß Sie da, wo ich zufällig nicht mit Ihnen oder Ihren

Bemerkungen übereinstimme, um Nachsicht bitten. Daß ich in Wahrheit teil

an Ihnen nehme, daß ich Ihnen auch gern schreibe, sehen Sie genug auch

daraus, daß ich Ihnen vom Anfange an frei und offen, wie ich immer bin,

sagte, daß ich ungern schreibe, daß Sie selten und kurze Briefe von mir

bekommen würden, und daß ich doch häufig, und wie selbst dieser zeigt,

sehr lange Briefe wirklich schreibe. Um zu Ihrer Lebenserzählung

zurückzukehren, so kann ich Ihnen nur wiederholen, daß Sie mir durch die

Fortsetzung wahre Freude machen werden, muß aber auch hinzusetzen, daß

meine Bitte immer von der Voraussetzung ausgeht, nicht bloß, daß Sie es

gern tun, das weiß ich gewiß, sondern auch, daß Sie Stimmung und Zeit in

Anschlag bringen, und sich nur dann damit beschäftigen, wenn beide es

erlauben; ich weiß ja, wie gewissenhaft Sie Ihre Zeit anwenden und

darüber denken, und Sie wissen, wie dies meine wahre Achtung für Sie

erhöht. Was Sie mir von den Geistererscheinungen sagen, hat mich noch

neugieriger darauf gemacht. Ich bin ganz der Meinung Ihres verewigten

Vaters. Niemand kennt den geheimen, Zusammenhang der Dinge, und ich

werde keinen Unglauben haben. Leben Sie nun herzlich wohl, liebste

Charlotte! Suchen Sie sich zu erheitern, tun Sie es auch aus Liebe zu

mir, und glauben Sie, daß niemand so gern und so oft an Sie denkt, als

ich. Ihr H.

_Berlin_, den 12. April 1823.

Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre wenigen Zeilen, welche Ihnen

Ihre liebevollen Gesinnungen eingaben. Ihre Worte: »Nehmen Sie dem

gepreßten Herzen die Worte nicht genau, so wenig als den Kleinmut, der

Folge schwerer Verhängnisse ist« -- diese Worte haben mich tief gerührt.

Niemals werden Sie in meinen Gesinnungen den leisesten Wandel erkennen.

-- Ihrem nächsten Briefe sehe ich nun mit großem Verlangen entgegen; aus

einigen Äußerungen möchte ich schließen, daß ich Ihnen eine angenehmere

Aussicht eröffnet habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- H.

_Berlin_, den 25. April 1823.

Ich wollte mich eben hinsetzen, liebe Charlotte, Ihren lieben Brief vom

9. dieses zu beantworten, als ich zu meiner großen Freude den vom 20.

bekam. Ich glaubte schon, Sie wollten, ehe Sie mir schrieben, erst eine

Antwort von mir abwarten. Ich freue mich sehr, Sie nicht in dem Hause zu

wissen, vor dessen unlieblichen Bewohnern Sie mit Recht einen so großen

Abscheu hatten. Sie haben bei Ihrem neuen Etablissement wenigstens an

Ruhe und Einsamkeit gewonnen. Ich begreife indes vollkommen Ihren

Widerwillen vor der Stadt. Wäre ich nicht meiner Kinder wegen hier, die

einmal ihrer Verhältnisse wegen die Stadt, zumal im Winter, nicht

verlassen können, so würde ich immerfort auf dem Lande bleiben. Selbst,

wo die Gegend nicht reizend wäre, bleibt der Anblick des freien Himmels

schon viel. Der Anblick des Himmels hat überhaupt unter allen Umständen

einen unendlichen Reiz für mich, bei sternenhellen, wie bei dunklen

Nächten, bei heiterm Blau, wie bei ziehenden Wolken, oder dem traurigen

Grau, worin sich das Auge verliert, ohne etwas darin zu unterscheiden.

Jeder dieser Zustände entspricht einer eigenen Stimmung im Menschen, und

wenn man das Glück hat, diese Stimmung nicht gerade von den Elementen

empfangen zu müssen, nicht düster zu werden mit dem düsteren Himmel,

sondern in der aus dem reinen Innern entsprungenen Stimmung, durch den

Anblick des Himmels nur in andere und andere Betrachtungen versenkt zu

werden, so hat man wenigstens kein Mißfallen am farblosen Himmel, wenn

man auch dem ruhig und mild strahlenden natürlich den Vorzug gibt. Mir

ist überhaupt das Klagen über Wetter fremd, und ich kann es an andern

nicht sonderlich leiden. Ich sehe die Natur gern als eine Macht an, an

der man die reinste Freude hat, wenn man ruhig mit allen ihren

Entwicklungen fortlebt, und die Summe aller als ein Ganzes betrachtet,

indem es nicht gerade darauf ankommt, ob jedes Einzelne erfreulich sei,

wenn nur der Kreislauf vollendet wird. Das Leben mit der Natur auf dem

Lande hat vorzüglich darin seinen Reiz für mich, daß man die Teile des

Jahres vor seinen Augen abrollen sieht. Mit dem Leben ist es nicht

anders, und es scheint mir daher immer aufs mindeste eine müßige Frage,

welches Alter, ob Jugend oder Reife, oder sonst einen Abschnitt man

vorziehen möchte. Es ist immer nur eine Selbsttäuschung, wenn man sich

einbildet, daß man wahrhaft wünschen könnte, in Einem zu bleiben. Der

Reiz der Jugend besteht gerade im heiteren und unbefangenen

Hineinstreben in das Leben, und er wäre dahin, wenn es einem je deutlich

würde, daß dies Streben nie um eine Stufe weiter führt, etwa wie das

Treten der Leute, die in einem Rade eine Last in die Höhe heben. Mit dem

Alter ist es nicht anders, es ist im Grunde, wo es schön und kräftig

empfunden wird, nicht anderes, als ein Hinaussehen aus dem Leben, ein

Steigen des Gefühls, daß man die Dinge verlassen wird, ohne sie zu

entbehren, indem man doch zugleich sie liebt und mit Heiterkeit auf sie

hinblickt, und mit Anteil in Gedanken bei ihnen verweilt. Selbst ohne

auch religiöse Gedanken an den Anblick des Himmels zu knüpfen, hat es

etwas unbeschreiblich Bewegendes, sich in der Unendlichkeit des

Luftraums zu verlieren, und benimmt so auf einmal alle kleinlichen

Sorgen und Begehrungen des Lebens, und der Wirklichkeit ihre sonst

leicht einengende Wichtigkeit. So sehr auch der Mensch für den Menschen

das Erste und Wichtigste ist, so gibt es gerade nichts gegenseitig mehr

Beschränkendes, als die Menschen, wenn sie, enge zusammengedrängt, nur

sich vor Augen haben. Man muß erst oft wieder in der Natur ein höheres

und über der Menschheit waltendes Wesen erkennen und fühlen, ehe man zu

den beschränkten Menschen zurückkehrt. Nur dadurch auch gelangt man

dahin, die Dinge der Wirklichkeit nicht so wichtig zu halten, nicht so

viel auf Glück oder Unglück zu geben, Entbehrung und Schmerz minder zu

achten, und nur auf die innere Stimmung, die Verwandlungen des Geistes

und Gemüts seine Aufmerksamkeit zu richten, und das äußere Leben bis auf

einen gewissen Grad in sich untergehen zu lassen. Der Gedanke des Todes

hat dann nichts, was abschrecken oder ungewöhnlich bekümmern könnte, man

beschäftigt sich vielmehr gern mit ihm, und sieht das Ausscheiden aus

dem Leben, was ihm auch immer folgen möge, als eine natürliche

Entwicklungsstufe in der Folge des Daseins an. Ich komme zum Teil mit

deshalb auf diese Betrachtungen, weil ich eben die Zugabe zu Ihrem

zweiten Heft gelesen habe, für die ich Ihnen herzlich danke und deren

Inhalt damit enge zusammenhängt. Es ist schwer zu bestimmen, was man

über die Tatsachen, denn als solche muß man Selbsterfahrenes ansehen,

sagen soll.

Daß eine geliebte Person im Augenblick ihres Abscheidens, oder auch

nachher, den Elementen und der Sinnenwelt die Kraft abgewinnt, zu

erscheinen, läßt sich zwar auch nicht weiter begreiflich machen, allein

die menschliche Seele empfindet doch selbst Dinge in sich, welche die

Möglichkeit, wenn auch nur in einem Schleier, durchblicken lassen. Wer

je Sehnsucht in sich getragen hat, begreift, daß sie eine Stärke

gewinnen kann, die von selbst die gewöhnlichen Schranken der Natur

durchbricht. Es mag aber auch bei dem, der etwas sehen soll, eine

Empfänglichkeit notwendig sein, die Geistergegenwart zu vernehmen, und

wir mögen manchmal von Geistern umgeben sein, ohne es zu wissen oder zu

ahnen. Warum man weniger Geister sieht, weniger von Erscheinungen hört,

läßt sich eher erklären. Unter den Geschichten von ehemals waren wohl

viele falsch, nicht gerade erfundene, aber ununtersucht gebliebene, oder

nicht verstandene, natürliche Ereignisse. Man hatte mehr Glauben

überhaupt und auch an diese Dinge, man war mehr zur Furcht vordem

Übernatürlichen geneigt; die Meinung von einem bösen Geist, der quäle

und verführe, wurde sinnlicher und materieller genommen. Indes mag auch

außerdem richtig sein, daß doch auch wahre Erzählungen, wirklich

übernatürliche Wirkungen, wie die von Ihnen beobachtete, häufiger

waren, und wenn das ist, ist die Erklärung freilich schwierig, zumal wo

so eine Wirkung von mehreren sehr verschiedenartigen Menschen beobachtet

wurde, wie es in Ihrem Hause der Fall war. Denn Erscheinungen und

Gesichter einzelner würden sich eher erklären lassen. Ich sagte schon

erst, daß eine gewisse Empfänglichkeit auch zur Wahrnehmung des

Übersinnlichen gehöre. Diese mochten die Menschen in jener Zeit mehr

haben, wo sie weniger weltlich zerstreut lebten, ihr Gemüt innerlicher

gesammelt, frommer und ernster auf eine Wesenreihe außerhalb der

irdischen Welt gerichtet war. Gerade bei einem Manne von so würdigem,

tief religiös gestimmtem Charakter, wie Ihr Vater war, konnte das

füglich der Fall sein. Wie es sei, so hat er die Sache trefflich

aufgenommen, zugleich ohne Furcht und Unglauben. Die Erzählung hat mich

ausnehmend interessiert, ich danke Ihnen herzlich dafür, und sehe es als

einen lieben Beweis Ihrer Bereitwilligkeit an, mir Freude zumachen, daß

Sie so bald meinen Wunsch in dieser Sache erfüllt haben, und zu einer

Zeit, wo Sie durch Ihr Umziehen auch sehr gestört waren. -- Da das

Wetter so rauh ist, bin ich noch mit meiner Familie in der Stadt, und

gehe auch vorerst nur auf mein nahegelegenes kleines Landgut Tegel.

Nachher vermutlich nach Ottmachau in Schlesien, auf sechs bis acht

Wochen. Leben Sie herzlich wohl und verwahren Sie sich ja in Ihrer

Wohnung gegen die Einflüsse der äußeren Lust, die noch garnicht

frühjahrmäßig ist. Ihr H.

_Tegel_, den 15. Mai 1823.

Ich schreibe Ihnen, liebe Charlotte, von meinem kleinen Landsitze aus,

der Ihnen schon bekannt ist. Ich bin mit den Meinigen seit einigen Tagen

hier, das Wetter aber begünstigt uns sehr wenig. Es ist ein ewiges

Stürmen, Regnen, oder wenigstens ein mit Wolken bedeckter Himmel. Den

letztern liebe ich zwar wohl im Sommer. Wenn die Wolken leicht sind und

nur wie ein zarter Schleier das helle Blau verhüllen, und es dabei

windstill und warm ist, so hat es etwas Wehmütiges, was einer

gleichgestimmten Seele sehr wohl tut. Das Grün ist noch sehr zurück, die

Eichen im Walde fangen erst an, Laub anzusetzen, und nur die frühesten

Bäume, Kastanien, Flieder und solche prangen schon in vollem Laube.

Dagegen sind die Blüten der Obstbäume reich und schön. Ich denke mir

täglich, daß Sie das alles nun auch in Ihrem Garten genießen und bin nur

bange, daß der Wind und das schlimme Wetter, da Ihre Wohnung, wie Sie

schreiben, gar nicht dicht genug verwahrt ist, Ihnen darin lästig sein

werden. Die Anwesenheit meines Bruders in Berlin und eine Reihe anderer

kleiner Umstände hatten gemacht, daß ich den ganzen Winter über in der

Stadt geblieben war und gar keinen Aufenthalt hier gemacht hatte; so ist

mir das Land wie neu und ich genieße es doppelt. Es ist eigentlich

wunderbar, daß gerade die freie Natur und die Einsamkeit einen so großen

Reiz für mich haben, da mein Leben nicht dazu beitragen konnte. Wenn man

immer daran gewöhnt gewesen ist, oder wenn man es in sehr langer Zeit

nicht genossen hat, in beiden Fällen kann man eine solche Neigung leicht

erklären. Die Neuheit tritt im letzten Fall an die Stelle der

Gewohnheit. Bei mir war keins von beiden der Fall. Ich bin weder ganz

von Land und Einsamkeit, auch nur auf mehrere Jahre entfernt gewesen,

noch habe ich beide so viel genossen, daß sie mir gleichsam zur andern

Natur geworden wären. Als ich viele Jahre lang noch nicht in Geschäften

war, reiste ich, oder war sonst unter Menschen, hatte nicht einmal ein

Gut, und wohnte aus eigener, freilich durch andere Dinge bestimmter Wahl

in kleinen Städten. Die Geschäfte zogen mich in große und vielfache von

aller ländlichen Einsamkeit entfernte Zirkel. Doch auch dann fand ich

Mittel, mich zu isolieren, und war oft mitten in der Gesellschaft

einsam. Man lernt das sehr gut, wenn man nur ein innerliches Interesse

hat, das genug die Seele einnimmt. Ich habe es aber immer als eine wahre

Wohltat des Himmels angesehen, für die ich dem Geschick nicht genug

danken kann, und empfinde es noch jeden Tag ebenso, daß es mich gerade

in meinem Alter in die Lage versetzte, in der ich, wie es auch sonst

immer sein möge, dieser Lieblingsneigung frei nachhängen kann. Die

meisten legen es mir noch als eine Anspruchlosigkeit und Philosophie

aus, daß ich nicht bloß im Augenblicke, wo es geschah, die

Geschäftswirksamkeit mit Gleichmut aufgegeben habe, sondern auch seitdem

ruhig, beschäftigt und glücklich lebe, ohne Plan wieder in dieselbe zu

treten und mit sichtbarer Abwesenheit aller Zeichen, daß ich auch

versteckt irgend eine Sehnsucht danach habe. Ich mache mir nicht das

mindeste Verdienst daraus, weil ich weiß, daß ich keins dabei habe. Was

geschehen ist, entsprach meiner Neigung, die sich auf Grundlagen meines

innern Charakters stützt, so ist es kein Wunder, daß sie dauernd ist.

Sie wird nie geschwächt werden. Es ist mir überhaupt immer eine widrige

Idee gewesen, so bis zum Ende des Lebens an Verhältnissen teilzunehmen,

die mit dem Moment des Todes alle gleichsam zu nichts werden, von denen

man nichts jenseits mit hinüber nimmt. Und doch ist in Geschäften alles

in dieser Art. Ganz anders ist es mit der Beschäftigung mit Ideen und

Kenntnissen. Auch wenn die letztern ganz ins Einzelne eingehen, hängen

sie doch zuletzt immer mit Ideen zusammen, die, wenn man sie recht

verfolgt, ihren Mittelpunkt nicht mehr in dieser Welt haben.

Was man in dieser Art erwirbt und ausbildet, behält man wahrhaft und

trägt es mit sich, so lange noch überhaupt Dasein währt. Es hat mir

immer unmöglich geschienen, daß, was einmal in mir denkt und empfindet,

je aufhören könnte zu denken und zu empfinden. Wenn auch Zwischenräume

mangelnden Bewußtseins eintreten, wenn die verschiedenen Zustände des

Seins nicht verknüpft sein sollten durch zusammenhängende Erinnerung, so

wirkt die einmal gefaßte Idee darum nicht minder auf das Wesen und den

inneren Gehalt der Seele. Ganz anders ist es, wenn man die, an äußern

Verhältnissen, wirklichen Geschäften teilnehmende Arbeit, nicht aus ganz

freier Wahl, nicht aus unmittelbarer Liebe zu ihr, sondern aus andern

Rücksichten und als einen Erwerb treibt. Auf diese Art würde ich sie

ohne Mühe so lange fortsetzen können und fortgesetzt haben, als nur die

Kräfte es zulassen. Darin sind Frauen besonders gut daran, daß die

Arbeiten, die sie auf diese Weise machen, wenn auch nicht immer ganz,

doch größtenteils mechanischer Art sind, den Kopf wenig, die Empfindung

gar nicht in Anspruch nehmen, und also den bessern, zartern und höhern

Teil des Menschen viel mehr sich selbst überlassen, als das bei Männern

der Fall ist. Daher werden Männer so leicht einseitig, trocken, hölzern

durch ihre Arbeit, Frauen nie, wenn sie auch durch Umstände und

Widerwärtigkeiten bestimmt werden, einen Erwerb darin zu suchen, wenn in

ihrem frühern Leben sie noch so fern von einer solchen Notwendigkeit

waren.

Was mir aber weniger angenehm ist in meiner Lage, ist, daß ich nicht gut

vermeiden kann, auch in demselben Jahre mehrmals den Aufenthalt zu

wechseln. Ich gewöhne mich zwar leicht an einen neuen Ort, aber ich

bleibe lieber an einem alten, und es hat vorzüglich einen großen Reiz

für mich, so in demselben die Reihe der Jahreszeiten vorübergehen zu

sehen. Die bloßen regelmäßigen Veränderungen der Zeit haben einen Reiz

für mich, den ich mir oft selbst vergebens zu erklären versucht habe.

Sie werden sagen, daß bei der völligen Freiheit, die ich genieße, ich

leicht auch hier mein Leben nach meinen Wünschen einrichten könnte.

Allein es gibt doch immer auch für den Freiesten Umstände, die ihn mit

einer gewissen Nötigung bestimmen, und so geht es auch mir. Leben Sie

nun herzlich wohl und verzeihen Sie, wenn ich in diesen Zeilen viel von

mir sprach. Ich rede zu Ihnen, wie zu mir selbst, und habe es auch gern,

wenn Sie mir von sich erzählen. Mit der herzlichsten Anhänglichkeit der

Ihrige. H.

_Tegel_, den 26. Mai 1823.

Unsere Briefe haben sich gekreuzt, liebe Charlotte, ich hatte Ihnen

geschrieben, ohne einen Brief von Ihnen abzuwarten, und Sie haben den

Ihrigen früher als gewöhnlich abgehen lassen.

Die Stelle in Ihrem Briefe über das Pfingstfest hat mich sehr gefreut

und spricht ganz Ihr tiefstes Gemütsbedürfen aus. Auch mir ist es

eigentlich das liebste unter den großen Festen. Seine heilige Bedeutung,

das Herabsteigen göttlicher Kraft auf menschliche Wesen, hat etwas

zugleich Tröstendes und Erhebendes, und das doch nicht über der

Fassungskraft unsers Geistes liegt, da man wohl zu begreifen vermag, wie

sich geistig Göttliches und Menschliches mischt. Irdisch genommen aber

ist es ein gar liebliches Fest, weil es den Winter recht eigentlich

beschließt und man nun dem heiteren Sommer entgegengeht. -- Was Sie über

Schmerz sagen, begreife ich sehr wohl, nämlich, daß Sie nicht dahin

gekommen wären, Glück und Unglück, und besonders den Schmerz, nicht sehr

zu achten. Es hat mir schon öfter geschienen, als wäre Ihnen nicht

gerade viel Stärke darin verliehen, und dies ist wohl das Zeichen einer

schönen Weichheit einer weiblichen Seele, wo es unnütz und unrecht

zugleich wäre, sich abhärten zu wollen. Ich will es daher auch nicht

unternehmen, Sie das zu lehren, sondern vielmehr von innigem Herzen

wünschen, daß Schmerz und Unglück, so wie jeder Kummer von Ihnen fern

bleiben mögen. Ich will gern und mit Freuden, wo ich kann, dazu

beitragen. Aber bei einem Manne muß das anders sein. Wenn ein Mann dem

Schmerze Herrschaft über sich einräumt, wenn er ihn ängstlich meidet,

über den unvermeidlichen klagt, flößt er eher Nichtachtung als Mitleid

ein. So vieles muß in einer Frau anders sein als im Manne. Einer Frau

geziemt es sehr wohl, und scheint natürlich in ihr, sich an ein anderes

Wesen anzuschließen. Der Mann muß gewiß auch das Vermögen dazu besitzen,

aber wenn es ihm zum Bedürfnis würde, so wäre es sicher ein Mangel oder

eine Schwäche zu nennen. Ein Mann muß immer streben, unabhängig in sich

dazustehen.....

Ihre Frage, ob ich je wirklich Schmerz gefühlt hätte, war sehr

natürlich. Sie können aber überzeugt sein, daß ich immer von dem zu

reden vermeide, was ich nicht aus eigener, wohlerprüfter Erfahrung

kenne...

Indem ich von Herzen wünsche, daß es bald besser und recht gut mit Ihrer

Gesundheit gehen möge, wiederhole ich Ihnen die Versicherung meiner

herzlichsten Teilnahme und Anhänglichkeit. Ihr H.

Glück und Unglück verliert von seinem Wert, wenn es den Kreis der innern

Empfindung verläßt. So wie die Wirklichkeit in der Tat immer armselig

und beschränkt ist, so vermindert sich auch der Reiz jedes angenehmen

Gefühls, wenn man es in Worte kleidet. Im Herzen, wo es entstanden ist,

muß es bleiben und wachsen, und wenn es vergänglich ist, wieder vergehen

und sterben. Mit dem Unglück ist es nicht anders. Der im eigenen Busen

erhaltene Schmerz enthält etwas Süßes, von dem man sich nicht gern mehr

trennen mag, wenn ihn die eigene Brust bewahrt...

Trost wüßte ich bei einem andern, als mir selbst, nie zu finden. Es

würde mir ein zweites, noch unangenehmeres Gefühl, als das widrige

Schicksal durch sich einflößt, geben, wenn ich nicht selbst Stärke genug

besäße, mich selbst zu trösten. Dies mag indes bei Frauen billig anders

sein. Wenn es bei einem Manne anders ist, ist es nicht lobenswürdig. Ein

Mann muß sich selbst genug sein...

Mitleid ist gar eine widrige Empfindung, und Teilnahme zwar eine sehr

schöne, aber nur in einer gewissen Art...

Es ist mir unendlich viel wert, zu wissen, daß Sie an allem, was mir

begegnet, einen so innigen Anteil nehmen, allein diese Teilnahme

wirklich zu erfahren, ihrer gewissermaßen zu bedürfen, könnte ich nicht

zu den erwünschtesten Gefühlen rechnen. Überhaupt ist mir das _Bedürfen_

ungemein, nämlich für mich, nur für mich und mein Gefühl, zuwider. Von

jeher habe ich gestrebt, nichts außer mir selbst zu bedürfen. Es ist

vielleicht nicht möglich, je ganz dahin zu gelangen, aber, wenn man es

erreichte, so wäre man erst dann, auf vollkommen reine und

uneigennützige Weise, der höchsten Freundschaft und der höchsten Liebe

fähig, sowohl sie zu gewähren, als zu genießen. Denn das _Bedürfen_ ist

immer etwas Körperlichem im Geistigen ähnlich, und was dem Bedürfnis

angehört, geht dem wahren Vergnügen ab. Befriedigung des Bedürfnisses

ist nur Abhilfe eines Übels, also immer etwas Negatives, das wahre

Vergnügen aber, körperlich und geistig, muß etwas Positives sein. Wer

also z. B. am wenigsten der Freundschaft bedürfte, der empfindet die,

die ihm gewährt wird, am vollsten und süßesten, sie ist ihm ein reiner

und ungetrübter Genuß, ein Zuwachs, den er zu seinem, schon in sich

geschlossenen und beglückenden Sein erhält; er gewährt sie dann auch am

beglückendsten für den andern, denn es ist in ihm keine Rücksicht auf

sich, nur einzig auf den andern dabei. Je stärker und sicherer zwei

Wesen, jedes in sich gewurzelt, je einiger mit sich und ihrem Geschick

sie sind, desto sicherer ist ihre Vereinigung, desto dauernder, desto

genügender für jeden.

Fehlt es dem einen an dieser Sicherheit, so bleibt dem andern für beide

hinreichend übrig. Nur was so die Alltagsbegriffe der Freundschaft und

Liebe von gegenseitigem Stützen aufeinander sagen, ist schwach und nur

für sehr mittelmäßige Menschen und Empfindungen gemacht, denn leicht

stürzen dabei beide, indem keinem die Schwachheit des andern Gewähr der

Sicherheit leistet. Nur auf diese Weise müssen Sie mich verstehen, wenn

ich von männlicher Selbständigkeit rede, die ich wirklich für die erste

Bedingung männlichen Werts halte. Ein Mann, der sich durch Schwächen

verführen, hinreißen läßt, kann gut, in andern Punkten recht

liebenswürdig sein, er ist aber kein Mann, sondern eine Art Mittelding

zwischen beiden Geschlechtern. Er sollte daher eigentlich, obgleich

dies manchmal sehr umgekehrt ist, nicht ausgezeichneten Beifall bei

Frauen finden. Denn die schöne und reine Weiblichkeit sollte nur durch

die schönste und reinste Männlichkeit angezogen werden.

_Ottmachau_, den 12. Juli 1823.

Die Güter, welche ich in diesem Augenblicke bewohne, besitze ich erst

seit 1820. Sie sind sehr reizend belegen. Das alte Schloß liegt auf

einem Hügel, von dem man einen Kreis der schlesischen, böhmischen und

mährischen Gebirge übersieht, und zwischen diesen Hügeln, an deren Fuß

die Neisse hinläuft, und dem Gebirge sind die anmutigsten Äcker, Wiesen

und Gebüsche, zu denen auch meine Besitzungen gehören. Ich bewohne zwar

dieses Schloß nicht, da es nicht ausgebaut ist und nur einige bewohnbare

Zimmer für meine Kinder hat, aber ein recht bequemes und gutes Haus, ein

wenig tiefer, dient mir zur Wohnung und hat auch größtenteils dieselbe

Aussicht.

Daß ich in einer glücklichen Lage bin, ist sehr wahr, und Sie bemerken

mit Recht, daß das mehr die Sache des Glücks als meiner Anstrengungen

ist. Das ist vollkommen wahr, und macht mir mein Glück, wenn ich so

sagen soll, noch glücklicher. Eine Gabe, die mir nur durch das Glück

zufällt, ist mir unendlich lieber, als etwas durch mein Verdienst

Erstrebtes. Wer mit der ersten beschenkt wird, scheint für das Schicksal

Wert und Wichtigkeit genug zu haben, um Gaben auf ihn zu häufen. Ich bin

auch in vielen andern Dingen glücklich gewesen, die ein anderer nicht

so, als diese Äußerlichkeiten, beurteilen kann, ja, ich kann wohl sagen,

daß sich bis jetzt mein Glück ziemlich in allem bewährt hat, was ich

unternahm. Manches in öffentlichen und Privat-Angelegenheiten, was nicht

gerade sehr weise angelegt war, hat nicht die üblen Folgen gehabt, die

daraus hätten entstehen können, anderes, das gar nicht sonderliche Mühe

kostete, wurde mit ausgezeichnetem Erfolge belohnt. So bin ich gewohnt,

mich als einen Glücklichen anzusehen, und habe Mut, aber nur immer wie

einer, den das Glück auch in jedem Augenblicke verlassen kann. Daher

macht auch dies Glück mich doppelt vorsichtig. Träfen mich große

Unglücksfälle im Äußerlichen, oder moralisch, oder in meiner Gesundheit,

so würde ich dadurch natürlich leiden wie ein anderer, aber sie würden

mich sehr vorbereitet und gefaßt finden, ich würde doch mit Heiterkeit

auf das lang Genossene zurückblicken, und meine innere Ruhe würde solche

Zustände nicht zerstören oder nur bedeutend ergreifen. Eben jene

Selbständigkeit, von der ich erst sprach, gibt Mittel, jedem Unglück so

zu begegnen, daß für mich Glück und Unglück wenigstens ganz andere

Bedeutung, als für andere Menschen haben. Und das ist mir immer eigen

gewesen. Sie reden in Ihrem Briefe, liebe Charlotte, den ich hier die

Freude hatte vorzufinden und wofür ich Ihnen noch nicht dankte, von der

Sehnsucht und fragen mich, ob ich sie wohl je gefühlt habe? Ich glaube

allerdings. Indes ist es freilich wahr, und ich sage das nicht eben als

ein Lob, da es vielleicht eher eine Selbstanklage ist, daß ich früh eine

große Ruhe gewonnen habe, die nicht leicht durch etwas gestört wird. Ich

lernte früh mir in meinen eigenen Gedanken und meinen von keiner fremden

Einwirkung abhängigen Gefühlen genügen, und jetzt paßt diese Ruhe und

Zurückgezogenheit in sich selbst zu meinen Jahren und ist mir dadurch

doppelt natürlich. Indes bin ich sicher, daß diese Ruhe und

Bedürfnislosigkeit nie der Wärme meiner Empfindungen geschadet hat.

Wenige Menschen aber können fassen, wie man auf der einen Seite nicht

mit Unruhe wünschen und nicht schmerzlich entbehren und auf der andern

Seite doch voll Dank empfangen und genießen könne. Dennoch kommt es mir

äußerst natürlich vor. Sie müssen nun aber darum nicht denken, daß ich

Sehnsucht und selbst unruhiges Begehren in andern tadle. Jeder hat und

muß seine eigene Weise haben, und wenn ich auch in der meinigen bleibe

und gewiß in keine andere hinüberzuziehen bin, so mißbillige ich die

fremde nicht und bin Ihnen für jeden Ausdruck, jede erneute Versicherung

Ihrer immer gleichen Gefühle für mich sehr dankbar, sie bleiben mir

immer gleich wohltätig. Ich hoffe, Sie haben an Ihrer Lebenserzählung

wieder gearbeitet und freue mich darauf. In zehn bis zwölf Tagen gehe

ich von hier und hoffe, in Berlin Briefe von Ihnen vorzufinden. Mit

herzlicher Anhänglichkeit der Ihrige. H.

_Tegel_, den 11. August 1823.

Ich bin vorgestern nach Berlin und gestern hierher zurückgekommen und

habe mich ungemein gefreut, ein Paket und Briefe von Ihnen, liebe

Charlotte, hier zu finden. Nächstdem danke ich Ihnen recht herzlich für

das neue Heft Ihrer Lebensbeschreibung, das Sie mir geschickt haben. Ich

habe es, wie Sie selbst ermessen werden, in diesen ersten Tagen noch

nicht lesen können, indes habe ich schon hier und da darin geblättert,

und bin mit dem, was ich angetroffen, ausnehmend zufrieden, ich bin also

im voraus überzeugt, daß ich es mit dem Ganzen sein werde. Was Sie in

der Vorrede sagen, daß man bei einem solchen Aufzeichnen des Vergangenen

sein Leben noch einmal lebt, ist sehr wahr, allein der Eindruck, den die

Wirklichkeit, und derjenige, den die bloße Erinnerung macht, sind

notwendig sehr voneinander verschieden.

Wo die Begebenheiten schmerzlich sind, ist die Wirklichkeit in ihrem

schroffen und starren Wesen, und von der Ungewißheit dessen, was weiter

erfolgen wird, begleitet, niederschlagend und zerreißend. Die

Erinnerung dämpft diese Gefühle bis zur sanften Wehmut. Das Schmerzvolle

ist nicht mehr ein einzelner, abgeschnitten dastehender Moment, sondern

verschmelzt sich mit dem ganzen Leben, und erhält dadurch einen ungleich

milderen Charakter. Und sehr wohltätig und heilsam ist dann gewiß ein

solches rückwärts gehendes Vertiefen in die Vergangenheit, das zugleich

ein Vertiefen in die mannigfachen Falten des eigenen Gemüts und Herzens

ist. Wie gut man sich auch schon erkennen möge, so gewinnt das Bild, je

öfter man es wieder zu zeichnen versucht, immer mehr Klarheit und

Bestimmtheit, und wird auch wohl in einzelnen Zügen noch berichtigt und

der Wahrheit nähergebracht. Die Furcht, daß Sie durch eine

Selbstschilderung bei mir verlieren könnten, dürfen und können Sie

eigentlich nicht haben. Sie brauchen auch darin nicht, liebe, gute

Charlotte, sich an meine Nachsicht und milde Beurteilung zu wenden.

Gerade ein so ausführliches, so das ganze Leben wie aus seiner ersten

Knospe entfaltendes Verwahren bewahrt vor jedem Mißverständnis, jedem

Irrtum, jeder falschen Beurteilung. Es kommt im Menschen, wie Sie auch

gewiß denken, immer unendlich mehr auf das Wesen, als auf die einzelnen

Handlungen an. Die gewöhnlichen Menschen richten allerdings nur die

letzten, wie es auch die Gesetze tun. Aber die Macht, die die Herzen

durchspäht, geht auf die Gesinnung, die Absicht, die ganze

Beschaffenheit und Stimmung des Gemüts, und dasselbe tut auch die

Geschichte. Jede zusammenhängende Erzählung aber, welche die Erfolge aus

ihren Ursachen zu entwickeln strebt, ist Geschichte und bringt denselben

Eindruck hervor, sie mögen Weltbegebenheiten oder die Schicksale eines

einfachen Privatlebens zum Gegenstande haben. Überhaupt wünscht man ja

nicht darum die Begebenheiten eines Menschenlebens zu übersehen, um sich

gleichsam zum Richter darüber aufzuwerfen, am wenigsten ist ein solches

Beurteilen je mir eigen. Die Anschauung eines interessanten

Gemütszustandes, die Betrachtung seiner Ursachen und Folgen, zieht --

ohne daß man nur daran denkt zu urteilen oder zu richten -- das Gemüt

des Beschauers an, wenn der Gegenstand ihm wert ist und seinen Anteil

erweckt, ja, wenn das abgesondert werden könnte, so erblickt man in der

einzelnen Gestalt die allgemeine, in dem einzelnen Menschen die

Menschheit selbst. Dagegen bin ich überzeugt und habe es schon an den

bisherigen Heften erfahren, daß Ihre Erzählung mir sehr oft, ohne daß

Sie es wollen, ja, ohne daß Sie es nur ahnen werden, Veranlassung geben

wird, die Meinung, die Sie mir vor einer langen Reihe von Jahren durch

Ihren Anblick und Ihre Gespräche und nachher durch Briefe und

Schilderungen einflößten, und aus der mein warmer, lebhafter und sich

immer gleicher Anteil an Ihnen entsprang, zu bestätigen, mit neuen

Beispielen zu belegen und selbst zu erweitern. Fahren Sie also ja, teure

Charlotte, nur mutig und ohne einige Besorgnis, je mißverstanden zu

werden, fort. H.

Den 10. September 1823.

Briefe an eine Freundin · 第 4 / 12 题