Und das alles sollte mit mir untergehen? mit mir zernichtet werden? --

Das war vielleicht die erste innere Aufforderung, das Segensreiche so

oder anders zu erhalten!

Ich fing an Auszüge zu machen, um solche im Manuskript Freunden zu

hinterlassen, und erkannte bald, wie vergänglich solche Vermächtnisse

sind und wie schnell verlesen. So stiegen nach und nach Gründe auf, so

wertvolle Papiere durch den Druck zu erhalten. Ein großes Hindernis trat

mir entgegen: der Widerwille an aller Öffentlichkeit. Was Freunden für

mich hochehrend erschien, dünkte mir Entweihung. Ein zweites Hindernis

war die Forderung einer strengen Durchsicht, selbst teilweise einer

gänzlichen Umschreibung der gemachten Auszüge. Schwierigkeiten aller Art

entstanden. So waren, wie schon gesagt, Jahre nötig, den Entschluß der

Veröffentlichung zu reifen. Auch kann diese erst nach meinem Ableben

stattfinden. Die Zeit, die das Unbedeutende bald erbleichen läßt,

verklärt das Große und wird auch den hohen Wert der Gaben steigern, die

ich denen hinterlasse, die sie verstehen, würdigen und gewiß mit Freuden

empfangen.

Als heilige Pflicht erschien es mir nach dem gefaßten Entschluß, alle

Auszüge selbst zu machen und eigenhändig zu schreiben. So sicherte ich

Wahrheit und Treue auf einer Seite, indem ich auf der andern niemand

verantwortlich machte. So kann ich aber nicht dafür einstehen, daß nicht

Wiederholungen vorfallen. Ich bemerke dies im Vorbericht, um nicht

später bei jedem einzelnen Fall daran zu erinnern. Ich bedarf gewiß

Nachsicht und Verzeihung für solche Fehler, die ich begehen, ja nicht

werde vermeiden können, da ich den Entschluß der Herausgabe zu spät

gefaßt habe, und keine fremde Hilfe erbitten noch zulassen will. Man ist

wohl so gütig, wenn bei aller Sorgfalt Wiederholungen der Art vorfallen,

solche Stellen zu überschlagen. Der Verfasser ist es ja allein, der

Interesse erregt und gewährt, und was er schreibt, entschädigt

reichlich, wo mich Tadel trifft.

Von meinen Briefen ist, wie ich das gewünscht und erbeten hatte, nichts

erhalten; nur von einzelnen habe ich Abschrift oder Fragmente bewahrt,

um Ereignisse im Gedächtnis festzuhalten, die mir selbst nicht

entschwinden sollten. Dies werde ich als Zusätze nachtragen, wo es nötig

ist.

* * * * *

_An den Freiherrn von Humboldt_,

K. Pr. Staats-Minister, auf dem Kongreß in Wien.

Nicht an Ew. Exzellenz, nicht an den Preußischen Staatsminister, -- an

den unvergessenen, unvergeßlichen Jugendfreund schreibe ich, dessen Bild

ich eine lange Reihe von Jahren verehrend im Gemüt bewahrt, und gern und

viel dabei verweilt habe, der nie wieder von dem jungen Mädchen hörte,

das ihm einst begegnete, mit dem er drei fröhliche Jugendtage verlebte

in jenen schönen Gefühlen, die uns spät in Erinnerung beseligen und

erheben. Der Name, auf den die Welt jetzt mit großen Erwartungen blickt,

der Platz, auf den Sie früh durch Geist und Namen gestellt waren, machte

es mir nicht sehr schwer, von Ihnen zu hören und Sie mit meinen Gedanken

zu begleiten. Ich erfreute mich an allem Großen und Schönen, was ich las

oder hörte, nahm meinen Anteil von dem Wahren und Guten, suchte den Sinn

wie früher zu verstehen, dem Geist zu folgen, wenn ich ihn nicht gleich

faßte. Das alles läßt sich nur durch Worte andeuten, aber nicht sagen.

Nur einmal Sie wiederzusehen, wäre es auch nur in der Ferne, war und

blieb mir ein vergeblicher Wunsch. Durch Freunde, welche kürzlich einige

Zeit in Berlin lebten, erfuhr ich ausführlicher, was ich schon wußte,

daß Ew. Exzellenz mit einer höchst geistreichen und ebenso edlen Dame

sehr glücklich vermählt und Vater sehr liebenswürdiger Kinder sind,

welche reiche Hoffnungen geben.

Ich lege hier ein Blättchen ein, das Ihnen drei in Pyrmont verlebte

Jugendtage zurückrufen wird. Ich habe das liebe Blättchen unter den

kleinen Heiligtümern der Jugend sorgfältig vor allen andern bewahrt, als

das einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen

wahren Lebensfreude, die mir das Schicksal zugewogen. Dies Blättchen

(das ich mir zurück erbitten darf) wird Ew. Exzellenz eine Bekanntschaft

zurückrufen, welche die großen Bilder und Erscheinungen des Lebens

längst verwischt und ausgelöscht haben werden. Im weiblichen Gemüte

bleiben solche Eindrücke tiefer und sind unwandelbar, um so mehr, wenn

es (welche Bedenklichkeit sollte ich finden, Ihnen nach 26 Jahren diesen

Beweis von Verehrung zu geben?) wie bei mir, die ersten, ungekannten

Regungen erster, erwachender Liebe waren, so geistiger Art, wie sie wohl

bei der edleren Jugend immer sind. Für die weibliche Jugend und die

Entwickelung des Charakters aber ist es gewiß von der höchsten

Wichtigkeit, für welchen Gegenstand die ersten Gefühle erwachen. Auch

knüpften sich, was selten ist, durchaus keine trüben oder schmerzlichen

Gefühle daran, sondern sie wurden von großem Einfluß auf die Ausbildung

meines Charakters und Gemüts.

Die Gefühle wandelte die Zeit. Das tief ins Gemüt gesenkte, teure Bild

erbleichte nie mehr. An dies geliebte Bild, das höher und immer höher

erschien, lehnte sich fort und fort mein Ideal von Männerwert und

Hoheit. Hier ruhte ich aus, wenn ich unter dem schweren Leben am

Erliegen war, hier ermutigte ich mich, wenn aller Mut sank, hier

richtete ich mich auf im Glauben, wenn der Glaube an Menschen schwankte.

Glauben Sie mir, ewig geliebter Freund! (Sie verzeihen dem Herzen diese

Benennung) ich bin gereift unter großem, mannigfaltigem Schmerz, nicht

entadelt, noch je durch unwürdige Empfindungen entweiht. Ew. Exzellenz

sind, das erkenne ich im eigenen Busen, noch derselbe, der Sie waren,

wie wir uns einst begegneten. Die Höhe des Lebens, der Glanz der äußeren

Stellung mögen für viele Klippen sein -- hohe Naturen erlangen Reife und

Vollendung, gleich viel, ob im Sonnenstrahl des Glücks oder im Schatten

schwerer Verhängnisse. Der Gehalt in unserer Brust, wie die Form unseres

Geistes, beides ist gewiß ohne Wandel, beides ewig.

Wie es mir erging? was ich erlebte? das werden Sie jetzt fragen. Es ist

eine lange Reihe von Jahren, von der die Rede sein muß, dennoch läßt

sich viel auf ein Blatt bringen, aber das gibt kein Bild, wird Ihnen

nicht genug sein. So will ich suchen, Ihnen im _äußeren_ Leben das _innere_

in seiner Tiefe und ernsten Entwickelung zu zeigen. Ob und wie ich mich

bemühen werde um Kürze, wird es doch einige Blätter füllen, die Auswahl

und Zusammenstellung kann nur schmerzlich sein, wenn man sich in

Gegenden umsieht, die gleichsam mit unsern Tränen benetzt sind. Wenn ich

daher mich nicht so kurz fassen kann, wie es Respekt für die Person und

die Zeit des mit den wichtigsten Arbeiten beschäftigten Ministers

gebietet, so vertrete mich bei diesem der Jugendfreund. Legen Ew.

Exzellenz die Blätter zurück für eine Stunde, die den Erinnerungen

gehört.

Die Zeit, bis wo wir uns kennen lernten, gehörte der ersten Jugend, und

diese war harmlos im stillen, friedlichen Schatten eines gebildeten,

sorgenlosen Familienlebens auf dem Lande hingeflossen. An teuern Eltern

hatte ich nur Rechtschaffenheit und Güte und Beispiele vieler Tugenden

gesehen. Ein mehr als ausreichendes Vermögen erlaubte ihnen in jener

einfachen Zeit viele Annehmlichkeiten des Lebens, besonders auch des

häuslichen Lebens; demgemäß war auch die Erziehung ihrer Kinder; sie war

vor allem, wofür ich sehr dankbar bin, in sittlicher Hinsicht sehr

sorgfältig. Mein Vater, in ziemlich freier, unabhängiger Lage, indem

meine Mutter dem Hause mit seltener Einsicht und Würde vorstand, ließ

sich in seinen Neigungen gehen, die ihn vor allem in die Vorzeit und die

Studien der Vorzeit zogen. Er lebte nur im Klassischen, war nur umgeben

mit klassischen Werken. Die neue Lektüre zog ihn nicht an, ja ließ ihn

unbefriedigt. Damit in Übereinstimmung war auch sein Umgang. Aus den

nicht immer gelehrten, aber immer ernsten Unterhaltungen, die ich still

anhörte, nahm ich vielleicht früh, und früher als andere, den Grund

meiner intellektuellen Bildung, und genoß auch früher, als es gewöhnlich

ist, das Glück, bedeutenden Personen näher zu stehen, mit großer Güte

behandelt und ihres Anteils gewürdigt zu werden. Auf diese Art wurde

ich, meinen natürlichen Anlagen gemäß, früh zum Nachdenken geführt, und

mehr durch Zuhören als durch Unterricht, mehr durch Nachdenken als durch

Kenntnisse und Talente auf den Weg der Bildung geleitet. Die ernste

Richtung, die so, schon als Kind möchte ich sagen, meine Seele nahm,

schützte vor vielen jugendlichen Torheiten und Frivolitäten, nährte aber

zugleich mehr, als es wenigstens zum Glück des Lebens gut ist, den Hang

zum Idealen. Dabei bildete sich mehr und mehr, denn es war schon sehr

früh, ja schon in der Kindheit entstanden, ein hohes, beseligendes Bild

von Freundschaft in mir aus, das mir das größte, einzige Erdenglück

erschien. Die erste Erzählung, die mir durch öfteres Lesen genau

bekannt wurde und mich begeisterte, war die allerdings wunderschöne

Gesinnung und Handlungsart Jonathans gegen den zurückstehenden David.

Alle Beispiele aus alter und neuer Zeit sammelte ich -- Richardsons

Clarisse gab den vollen Ausschlag. Jeder Aufopferung fähig, glaubte ich,

nur für dies Glück geboren zu sein, und verlangte nichts Höheres. In

Pyrmont war nun diese Überzeugung bis zur Begeisterung gesteigert und

wurde bald die tiefe und unendliche Quelle vielfacher, leidenvoller

Verhängnisse und schmerzlicher Verwickelungen. Verzeihen Sie diese

Einleitung, die ich nötig glaube, um das Folgende richtig zu beurteilen.

Nun gehe ich über zu der schmerz- und ereignisschweren Vergangenheit,

und von da zu der drückenden und zerdrückenden Gegenwart, die mir

eigentlich zu diesem Schritt den Mut gegeben hat. Es wird schon leichter

werden, da während des Schreibens bis hierher nach und nach das

seelenvolle Vertrauen zurückgekehrt ist, womit wir uns einst in den

Pyrmonter Alleen besprachen und verstanden.«

* * * * *

Darauf folgte eine möglichst kurz zusammengefaßte Übersicht der

hauptsächlichsten Ereignisse meines Lebens, worunter die am meisten

herausgehoben und beglaubigt wurden, die mich zum Schreiben ermutigt

hatten: meine großen Verluste an den Staat. Daran knüpften sich Pläne

für mein Fortkommen, denen aber überall meine zerstörte Gesundheit, ein

Mangel und Erschöpftsein aller Lebenskräfte entgegentraten. Das alles

gehört nicht hierher und ist nicht erforderlich als Kommentar oder

Einleitung zu den nun folgenden wertvollen Briefen, welche dadurch

entstanden. Der Schluß war dann ungefähr so: »Jetzt haben Sie die

Umrisse meines Lebens in dem langen Zeitraum übersehen, geben Sie der

treuen, immer schweigenden Teilnahme etwas zurück! Sie kennen das Herz

der Frauen und wissen besser, als ich das sagen kann, wie teuer uns

alles ist, was dem einst geliebten Manne angehört und ihn beglückt.

Sagen Sie mir etwas von den teuern Ihrigen, geben Sie mir etwas ab von

Ihrem Glück!

Jetzt schließe ich die vielen Blätter ohne Furcht. Ich lege meine

Angelegenheiten an Ihr Herz, da sind sie gut aufgehoben, und es

geschieht, was geschehen kann. Wie sehe ich einer Antwort entgegen, die

ich gewiß empfange!«

H., den 18. Oktober 1814.

Briefe an eine Freundin · 第 3 / 12 题