damit auf meiner Wange.
Der Fluß glitt spiegelglatt am schattigen Ufer entlang.
Die trägen, weißen Wolken bewegten sich nicht.
Ich hatte vergessen, mein Haar zu flechten.
Es war Mittag, als Du fortgingst.
Der Staub der Straße war heiß und die Felder lechzten.
Die Tauben gurrten im dichten Laub.
Ich war allein auf meinem Balkon, als Du fortgingst.
56
Ich war eine von den vielen Frauen, die Tag für Tag mit den
unscheinbaren Pflichten des Haushalts beschäftigt sind.
Warum suchtest Du mich aus und brachtest mich vom kühlen Obdach unsres
gewöhnlichen Lebens fort?
Uneingestandene Liebe ist heilig. Sie leuchtet wie ein Edelstein im
Glühn des verborgenen Herzens. Im Licht des neugierigen Tags
blickt sie jammervoll trübe.
Ach, Du durchbrachst die Hülle meines Herzens und zerrtest meine
zitternde Liebe auf den offenen Platz und zerstörtest für immer
den schattigen Winkel, wo sie ihr Nest hatte.
Die andern Frauen sind die gleichen geblieben.
Niemand hat in ihr innerstes Wesen geschaut, und sie selbst wissen ihr
eignes Geheimnis nicht.
Leicht lächeln sie und weinen, plaudern und arbeiten. Täglich gehen
sie in den Tempel, zünden ihre Lampen an und holen Wasser vom
Fluß.
Ich hoffte, meine Liebe würde verschont bleiben vor der fröstelnden
Schande der Obdachlosen, aber Du wendest Dein Gesicht ab.
Ja, Dein Weg liegt offen vor Dir, aber mir hast Du die Rückkehr
abgeschnitten und ließest mich splitternackt zurück vor der Welt,
die mich mit ihren lidlosen Augen anstarrt Nacht und Tag.
57
Ich pflückte Deine Blume, o Welt!
Ich drückte sie an mein Herz, und der Dorn stach.
Als der Tag ging und es dunkelte, fand ich, daß die Blume verwelkt
war, doch der Schmerz war geblieben.
Mehr Blumen werden zu Dir kommen mit Duft und Stolz, o Welt!
Doch meine Zeit zum Blumenpflücken ist vorüber, und die dunkle Nacht
lang hab ich meine Rose nicht, nur der Schmerz bleibt.
58
Eines Morgens im Blumengarten kam ein blindes Mädchen, mir eine
Blumenkette anzubieten in der Hülle eines Lotusblatts.
Ich legte die Blumenkette um meinen Nacken, und Tränen kamen mir in
die Augen.
Ich küßte sie und sagte: „Du bist blind gerade wie die Blumen.
„Du weißt selber nicht, wie schön Deine Gabe ist.“
59
O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf, sondern auch der
Menschen; diese statten Dich aus mit Schönheit aus ihren Herzen.
Dichter weben für Dich ein Gewebe aus Fäden goldener Phantasie; Maler
geben Deiner Gestalt immer neue Unsterblichkeit.
Das Meer gibt seine Perlen, die Minen ihr Gold, die Sommergärten ihre
Blumen, Dich einzuhüllen, Dich zu bedecken, Dich kostbarer zu
machen.
Das Verlangen von Männerherzen hat seinen Glanz über Deine Jugend
gebreitet.
Du bist halb Weib und halb Traum.
60
Mitten im Gedränge und Lärm des Lebens, o Schönheit in Stein
geschnitten, stehst Du stumm und still, allein und abseits.
Der Geist der Zeit sitzt bezaubert zu Deinen Füßen und flüstert:
„Sprich, sprich zu mir, meine Geliebte; sprich, meine Braut!“
Aber Deine Rede ist in dem Stein festgebannt, o unbewegliche
Schönheit!
61
Still, mein Herz, laß den Augenblick des Scheidens süß sein.
Laß es nicht Tod sein, sondern Vollendung.
Laß Liebe in Erinnerung schmelzen und Schmerz in Lieder.
Laß den Flug durch den Himmel im Flügelfalten über dem Nest enden.
Laß die letzte Berührung Deiner Hände sanft sein wie die Blume der
Nacht.
Steh still, o wundervolles Ende, für einen Augenblick, und sage Deine
letzten Worte in Schweigen.
Ich neige mich vor Dir und halte meine Lampe in die Höhe, um Dir auf
Deinen Weg zu leuchten.
62
Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich, um die Liebste zu suchen,
die mir gehörte in einem früheren Leben.
Ihr Haus stand am Ende einer verödeten Straße.
Im Abendwinde saß ihr Lieblingspfau schläfrig auf der Stange, und die
Tauben schwiegen in ihrer Ecke.
Sie setzte ihre Lampe nieder an der Pforte und stand vor mir.
Sie hob ihre großen Augen zu meinem Gesicht und fragte stumm: „Geht es
Dir gut, mein Freund?“
Ich versuchte zu antworten, aber unsre Sprache war verloren gegangen
und vergessen.
Ich sann und sann; unsre Namen wollten mir nicht in den Sinn kommen.
Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie streckte mir ihre Rechte
entgegen. Ich nahm sie und stand schweigend.
Unsre Lampe flackerte im Abendwind und erlosch.
63
Wanderer, mußt Du gehn?
Die Nacht ist still, und das Dunkel bricht über dem Walde zusammen.
Die Lampen sind hell auf unsrem Balkon, die Blumen alle frisch, und
die jungen Augen noch wach.
Ist die Zeit für Dein Scheiden gekommen?
Wanderer, mußt Du gehn?
Wir haben Deine Füße nicht gefesselt mit unsren bittenden Armen.
Deine Türen sind offen. Dein Pferd steht gesattelt an der Pforte.
Wenn wir versuchten, Deinen Pfad zu hemmen, geschah es nur mit unsern
Liedern.
Haben wir je versucht, Dich zurückzuhalten, geschah es nur mit unsern
Augen.
Wanderer, wir sind ohnmächtig, Dich zu halten. Wir haben nur unsre
Tränen.
Welch unauslöschliches Feuer glüht in Deinen Augen?
Welch ruhloses Fieber jagt durch Dein Blut?
Welcher Ruf aus dem Dunkel zwingt Dich?
Welch schreckliche Zauberformel hast Du in den Sternen am Himmel
gelesen, daß die Nacht mit versiegelter, heimlicher Botschaft in
Dein Herz trat, schweigend und fremd?
Wenn Dir nichts liegt an fröhlichen Gelagen, wenn Du Frieden haben
mußt, müdes Herz, werden wir unsre Lampen auslöschen und unsre
Harfen schweigen lassen.
Wir werden still im Dunkel sitzen im Flüstern der Blätter, und der
müde Mond wird fahle Strahlen an Dein Fenster gießen.
O Wanderer, welch schlafloser Geist aus dem Herzen der Mitternacht hat
Dich berührt?
64
Ich verbrachte meinen Tag im sengend heißen Staub der Straße.
Nun, in der Kühle des Abends, poche ich an die Tür der Schenke. Sie
ist verlassen und zerfallen.
Ein alter, verkrüppelter Ashath-Baum streckt seine hungrig haschenden
Wurzeln durch die klaffenden Ritzen der Wände.
Es gab eine Zeit, wo Wanderer hier einkehrten, ihre müden Füße zu
waschen.
Sie breiteten ihre Matten auf dem Hof im trüben Licht des frühen Monds
und saßen und sprachen von fremden Ländern.
Sie wachten erfrischt am Morgen auf, wo das Gezwitscher der Vögel sie
froh machte und freundliche Blumen ihnen zunickten vom Wegrain.
Aber keine brennende Lampe erwartete mich, als ich herkam.
Die schwarzen Rauchflecken von mancher vergessenen Abendlampe starren
wie blinde Augen von der Wand.
Leuchtkäfer schwirren im Busch am ausgetrockneten Teich, und
Bambuszweige werfen ihre Schatten auf den grasüberwachsenen Pfad.
Ich bin Niemandes Gast am Ende meines Tags.
Die lange Nacht ist vor mir, und ich bin müde.
65
Bist du es wieder, die ruft?
Der Abend ist gekommen. Die Müdigkeit umschlingt mich wie die Arme
bittender Liebe.
Rufst Du mich?
Ich hatte Dir meinen ganzen Tag gegeben, grausame Herrin, mußt Du mir
auch meine Nacht noch rauben?
Alles hat irgendwo sein Ende und die Einsamkeit des Dunkels gehört uns
selbst.
Muß Deiner Stimme Pfeil sie durchschneiden und mich tödlich treffen?
Singt Dir der Abend kein Schlummerlied unter Deinem Fenster?
Steigen die Sterne mit ihren lautlosen Schwingen niemals hinan zu dem
erbarmungslos dunklen Himmel über Deiner Burg?
Sinken die Blumen in Deinem Garten niemals in den Staub zu sanftem
Tode?
Mußt Du mich rufen, Du Ruhelose?
Dann laß die traurigen Augen der Liebe vergeblich wachen und weinen.
Laß die Lampe brennen im einsamen Haus.
Laß das Fährboot die müden Arbeiter heimtragen.
Ich reiße mich los aus meinen Träumen und folge eilig Deinem Ruf.
66
Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen. Sein Haar war
zerzaust, von der Sonne gebleicht und mit Staub bedeckt, sein Leib
zum Schatten abgemagert, seine Lippen fest aufeinander gepreßt wie
die verschlossenen Türen seines Herzens, seine brennenden Augen
wie das Licht eines Glühwurms, der seinen Gespielen sucht.
Vor ihm brüllte der endlose Ozean.
Die geschwätzigen Wellen plauderten unaufhörlich von verborgenen
Schätzen, den Unverstand verspottend, der nicht wußte, was sie
meinten.
Mag sein, daß ihm jetzt keine Hoffnung mehr geblieben war, und doch
wollte er nicht ruhn, denn das Suchen war sein Leben geworden, --
Wie der Ozean immer seine Arme zum Himmel hebt nach dem
Unerreichbaren --
Wie die Sterne im Kreise wandeln und doch ein Ziel suchen, das
unerreichbar ist --
So wanderte auch der Narr mit bestaubtem und gebleichtem Haar am
einsamen Gestade, auf der Suche nach dem Stein der Weisen.
Eines Tages kam ein Dorfjunge auf ihn zu und fragte: „Sag mir, wo hast
Du die goldne Kette her um Deinen Leib?“
Der Narr stutzte -- die Kette, die einst eisern war, war wirklich
Gold; es war kein Traum, aber er wußte nicht, wann sie sich
verwandelt hatte.
Er schlug sich wild an die Stirn -- wo, ach wo, hatte er, ohne es zu
wissen, endlich Erfolg gehabt?
Es war ihm zur Gewohnheit geworden, Kiesel aufzulesen, die Kette damit
zu berühren und die Steine wegzuwerfen, ohne darauf zu achten, ob
sie sich verwandelt hätte; so fand und verlor der Narr den Stein
der Weisen.
Die Sonne sank tief im Westen, und der Himmel war golden.
Der Narr ging auf seiner eigenen Spur zurück, um von neuem den
verlorenen Schatz zu suchen, mit erschöpfter Kraft, den Leib
gebeugt, und das Herz im Staube wie ein entwurzelter Baum.
67
Ob auch der Abend kommt mit langsamen Schritten, und allen Liedern das
Zeichen zum Schweigen gegeben hat;
Ob auch Deine Gefährten zur Ruhe gegangen sind, und Du müde bist;
Ob auch die Furcht im Dunkel brütet, und das Antlitz des Himmels
verschleiert ist;
Dennoch, Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht
sinken.
Das ist nicht das Schimmern des Laubs im Walde, es ist das Meer, das
wie eine unheimliche schwarze Schlange schwillt.
Das ist nicht der Tanz des blühenden Jasmins, es ist der gischtende
Schaum.
Ach, wo ist das sonnig grüne Ufer, wo ist Dein Nest?
Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
Die einsame Nacht liegt über Deinem Weg, die Dämmerung schläft hinter
den schattigen Hügeln.
Die Sterne halten den Atem an und zählen die Stunden, der bleiche Mond
überschwemmt die tiefe Nacht.
Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
Da ist keine Hoffnung, keine Furcht für Dich.
Da ist kein Wort, kein Flüstern, kein Schrei.
Da ist kein Heim, keine Ruhestatt.
Da ist nur Dein eigenes Paar Schwingen und der pfadlose Himmel.
Vogel, mein Vogel, höre auf mich, laß Deine Schwingen nicht sinken.
68
Keiner lebt für immer, Bruder, und nichts dauert lange. Halt das im
Sinn und frohlocke.
Unser Leben ist mehr als der eine Kehrreim, unsre Bahn ist mehr als
die eine lange Reise.
Die Musik der Welt ist mehr als dies eine alte Lied des einen
Dichters.
Die Blume welkt und stirbt; aber wer die Blume trägt, muß nicht ewig
um sie trauern.
Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
Vollkommene Stille muß werden, damit alle Töne zu vollendeter Harmonie
sich weben.
Das Leben neigt sich seinem Sonnenuntergang, um in goldenen Schatten
zu versinken.
Liebe muß abberufen werden von ihrem Spiel, um Leid zu kosten und zum
Himmel der Tränen getragen zu werden.
Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
Wir eilen, unsre Blumen zu pflücken, sonst werden sie geplündert von
den eilenden Winden.
Unsre Pulse schlagen schneller und unsre Augen leuchten, wenn wir
Küsse haschen, die uns entschwänden, wenn wir säumten.
Unser Leben ist voll Verlangen, unsre Wünsche sind ungestüm, denn die
Zeit läutet die Glocke der Trennung.
Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
Wir haben keine Zeit, nach einem Ding zu greifen und es dann zu
zerdrücken und in den Staub zu werfen.
Leichten Schrittes eilen die Stunden davon, ihre Träume in den Falten
ihres Gewandes verbergend.
Unser Leben ist kurz; nur wenige Tage gönnt es der Liebe.
Brächten wir es mit mühseliger Arbeit hin, es würde endlos lang sein.
Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
Schönheit ist süß für uns, denn sie tanzt nach der gleichen flüchtigen
Weise wie unser Leben.
Wissen ist kostbar für uns, denn wir werden nie Zeit haben, es zu
vollenden.
Alles wird getan und vollendet im ewigen Himmel.
Aber die Blumen der Täuschung, die dieser Erde entsprießen, hält ewig
frisch der Tod.
Bruder, halte das im Sinn und frohlocke.
69
Ich jage nach dem goldnen Hirsch.
Ihr mögt lächeln, Freunde, aber ich verfolge das Trugbild, das mich
narrt.
Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder,
weil ich nach dem goldnen Hirsch jage.
Ihr kommt und kauft auf dem Markt und kehrt mit Waren beladen heim,
aber der Zauber der heimatlosen Winde hat mich berührt, ich weiß
nicht, wo und wann.
Ich trage keine Sorge in meinem Herzen; all meine Habe ließ ich weit
hinter mir.
Ich laufe über Hügel und Täler, ich wandre durch namenlose Länder --
weil ich dem goldnen Hirsch nachjage.
70
Ich denke zurück an einen Tag aus meiner Kindheit, da ließ ich ein
Papierschiffchen schwimmen im Graben.
Es war ein feuchter Julitag; ich war allein und glücklich bei meinem
Spiel.
Ich ließ mein Papierschiffchen schwimmen im Graben.
Plötzlich ballten sich die Sturmwolken, Winde kamen in Stößen, und der
Regen goß in Strömen herab.
Bächlein von schmutzigem Wasser stürzten und schwellten den Fluß und
ließen mein Schifflein sinken.
Bitter dachte ich in meinem Sinn, daß der Sturm nur darum gekommen
sei, mein Glück zu zerstören; all seine Bosheit gälte mir.
Der wolkige Julitag währt lange heute, und ich habe nachgesonnen all
den Spielen des Lebens, in denen ich Verlierer war.
Ich schalt mein Schicksal für die vielen Streiche, die es mir spielte,
als ich plötzlich an das Papierschifflein denken mußte, das im
Graben sank.
71
Der Tag ist noch nicht um, der Jahrmarkt nicht zu Ende, der Jahrmarkt
am Flußufer.
Ich hatte gefürchtet, daß meine Zeit vergeudet wäre, mein letzter
Pfennig vertan.
Aber nein, Bruder, ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat
mich nicht um alles geprellt.
Das Kaufen und Verkaufen ist vorüber.
Jeder hat das Seine eingepackt, und es ist Zeit für mich, heimzugehn.
Aber, Torhüter, verlangst Du Deinen Zoll?
Fürchte Dich nicht, ich habe immer noch etwas übrig. Mein Schicksal
hat mich nicht um alles geprellt.
Die Stille im Wind droht Sturm, die niedrig ziehenden Wolken im Westen
verheißen nichts Gutes.
Das verstummte Wasser wartet auf den Wind.
Ich spute mich, über den Fluß zu kommen, eh mich die Nacht überfällt.
Fährmann, Du willst Deinen Lohn!
Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich
nicht um alles geprellt.
Am Wegrand unter dem Baum sitzt der Bettler. Ach, er sieht in mein
Gesicht mit zager Hoffnung!
Er denkt, ich sei reich durch des Tages Ertrag.
Ja, Bruder, ich hab noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich
nicht um alles geprellt.
Die Nacht wird schwarz und die Straße einsam. Leuchtkäfer glühn im
Laub.
Wer bist Du, der mir mit heimlich leisen Schritten folgt?
Ach, ich weiß, Du möchtest mir all meinen Gewinn rauben. Ich will Dich
nicht enttäuschen!
Denn ich habe noch immer etwas übrig. Mein Schicksal hat mich nicht um
alles geprellt.
Um Mitternacht erreich ich mein Heim. Meine Hände sind leer.
Du wartest auf mich mit ängstlichen Augen an meiner Türe, schlaflos
und schweigend.
Wie ein furchtsamer Vogel fliegst Du an meine Brust in ungestümer
Liebe.
Ja, ja, mein Gott, noch viel ist mir geblieben. Mein Schicksal hat
mich nicht um alles geprellt.
72
In Tagen harter Arbeit errichtete ich einen Tempel. Er hatte weder
Türen noch Fenster, seine Mauern waren breit gebaut mit festen
Quadern.
Ich vergaß alles andere, ich mied alle Welt, ich starrte verzückt auf
das Bild, das ich auf den Altar gesetzt hatte.
Es war drinnen immer Nacht, die von Lampen mit duftendem Öl erleuchtet
war.
Der endlose Weihrauch umwand mein Herz mit seinen schweren Ringen.
Schlaflos schnitt ich in die Wände phantastische Figuren in
labyrinthisch irren Linien -- geflügelte Rosse, Blumen mit
menschlichen Gesichtern, Frauen mit Gliedern wie Schlangen.
Nirgends war ein Zugang gelassen, durch den das Lied der Vögel, das
Murmeln der Blätter oder das Summen des geschäftigen Dorfes
hereinkommen konnte.
Der einzige Laut, der von der dunklen Kuppel widerhallte, waren die
Beschwörungen, die ich sang.
Mein Geist wurde scharf und unbewegt wie eine Stichflamme, die Sinne
schwanden mir in Verzückung.
Ich wußte nicht, wie die Zeit verging, bis der Donnerkeil den Tempel
traf und jäher Schmerz mir das Herz durchstach.
Die Lampe sah blaß und beschämt aus; die Schnitzereien an den Wänden
stierten wie gefesselte Träume mit wirren Blicken in das Licht,
als wollten sie sich am liebsten verbergen.
Ich schaute auf das Bild am Altar. Ich sah es lächeln und leben durch
Gottes belebenden Hauch. Die Nacht, die ich gefangen hielt, hatte
ihre Schwingen ausgebreitet und war verschwunden.
73
Unendlicher Reichtum ist nicht Dein, meine geduldige und traurige
Mutter Erde!
Du plagst Dich ab, die Mäuler Deiner Kinder zu stopfen, aber die
Nahrung ist karg.
Die Gabe der Freude, die Du für uns hast, ist niemals vollkommen.
Das Spielzeug, das Du für Deine Kinder machst, ist zerbrechlich.
Du kannst nicht alle unsre hungrigen Hoffnungen sättigen, aber sollte
ich Dich darum verlassen?
Dein Lächeln, das überschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen süß.
Deine Liebe, die keine Erfüllung kennt, ist meinem Herzen teuer.
Aus Deiner Brust hast Du uns genährt mit Leben, aber nicht mit
Unsterblichkeit, darum sind Deine Augen immer schlaflos.
Seit Menschenaltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein
Himmel noch nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm.
Über Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt der Nebel von Tränen.
Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gießen und meine Liebe in
Deine Liebe.
Ich will Dich anbeten mit Arbeit.
Ich habe Dein zartes Antlitz gesehen, und ich liebe Deinen traurigen
Staub, Mutter Erde.
74
Im Empfangssaal der Welt sitzt der einfache Grashalm auf demselben
Teppich mit dem Sonnenstrahl und den Sternen der Mitternacht.
So teilen meine Lieder ihre Plätze im Herzen der Welt mit der Musik
der Wolken und Wälder.
Aber Du, reicher Mann, Dein Reichtum hat nichts von der einfachen
Größe des fröhlichen Sonnengolds und des milden sinnenden
Mondenschimmers.
Der Segen des allumarmenden Himmels ist nicht darüber ausgegossen.
Und wenn der Tod erscheint, bleicht er und dorrt er und zerfällt in
Staub.
75
Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen:
„Jetzt ist es Zeit, mein Heim aufzugeben und Gott zu suchen. Ach, wer
hat mich so lange hier im Wahn gehalten?“
Gott flüsterte: „Ich“, aber des Mannes Ohren waren verschlossen.
Mit dem schlummernden Kind an der Brust lag sein Weib, friedlich
schlafend, neben ihm auf dem Lager.
Der Mann sagte: „Wer seid Ihr, die Ihr mich so lange genarrt habt?“
Die Stimme sagte wieder: „Diese sind Gott“, aber er hörte es nicht.
Das Kind schrie auf im Traum und schmiegte sich eng an die Mutter.
Gott gebot: „Halt, Du Tor, verlaß Dein Heim nicht“, aber noch immer
hörte er nicht.
Gott seufzte und sagte traurig: „Warum verläßt mich mein Diener, wenn
er mich suchen geht?“
76
Jahrmarkt war vor dem Tempel. Es hatte geregnet vom frühen Morgen an,
und der Tag neigte seinem Ende zu.
Lichter als alle Fröhlichkeit der Menge war das lichte Lächeln eines
Mädchens, das für einen Pfennig eine Palmenpfeife gekauft hatte.
Die schrille Freude dieser Pfeife schwebte über allem Lachen und Lärm.
Ein endloser Zug von Leuten kam und drängte sich. Die Straße war
kotig, der Fluß im Steigen, die Felder unter Wasser in
unaufhörlichem Regen.
Größer als alle Kümmernisse der Menge war der Kummer eines kleinen
Knaben -- er hatte nicht einen Pfennig, sich einen bunten Stock zu
kaufen.
Seine ernsten Augen, die sehnsüchtig nach dem Laden starrten, machten
dieses ganze Menschengewühle so jammervoll.
77
Der Arbeiter und sein Weib vom Westland sind fleißig, Ziegel zu
stechen für die Darre.
Ihre kleine Tochter geht zur Landungsstelle am Fluß; da hat es kein
Ende mit Scheuern und Schrubben von Töpfen und Pfannen.
Ihr kleiner Bruder, mit rasiertem Kopf und braun, nackt, die Glieder
kotbespritzt, folgt hinterdrein und wartet geduldig am hohen Ufer
auf ihre Weisung.
Sie geht wieder heim, mit dem vollen Kruge frei auf dem Haupt, den
blinkenden Messingtopf in der Linken, an der Rechten das Kind --
sie, die kleine Dienerin ihrer Mutter, ernst von der Last der
häuslichen Sorgen.
Eines Tages sah ich diesen nackten Jungen mit ausgestreckten Beinen
sitzen.
Im Wasser saß seine Schwester und rieb mit einer Handvoll Erde ein
Trinkgefäß und drehte es um und um.
In der Nähe graste ein weichwolliges Lamm das Ufer entlang.
Es kam dicht heran, wo der Junge saß, und blökte plötzlich laut, und
das Kind fuhr auf und schrie.
Seine Schwester ließ ab vom Reinigen des Topfs und lief hin.
Sie nahm ihren Bruder in einen Arm und das Lamm in den andern und
teilte ihre Liebkosungen zwischen beiden, mit ~einem~ Band der
Liebe die Sprößlinge von Tier und Mensch vereinend.
78
Es war im Mai. Der schwüle Mittag schien endlos lang. Die dürre Erde
schmachtete vor Durst in der Hitze.
Da hörte ich vom Fluß her eine Stimme rufen: „Komm, Liebling!“
Ich schloß mein Buch und öffnete das Fenster, um hinauszuschauen.
Ich sah einen großen Büffel, das Fell beschmutzt, mit friedlichen,
geduldigen Augen am Flusse stehn; und ein Junge, knietief im
Wasser, rief ihn zur Schwemme.
Ich lächelte sinnend, und ein Hauch süßen Friedens berührte mein Herz.
79
Oft frage ich mich, wo verborgen liegen des Erkennens Grenzen zwischen
Mensch und Tier, dessen Herz keine gesprochene Sprache kennt.
Durch welches Ur-Paradies lief an einem fernen Schöpfungsmorgen der
schlichte Pfad, auf dem sich ihre Herzen trafen?
Jene oft getretenen Spuren sind noch nicht verwischt, wenn auch ihre
Verwandtschaft vergessen ist.
Doch plötzlich zu irgendeiner wortlosen Musik erwacht das dunkle
Erinnern, und das Tier blickt in des Menschen Antlitz mit
zärtlichem Vertrauen, und der Mensch schaut nieder in seine Augen
mit sinnender Zuneigung.
Es ist, als ob die beiden Freunde sich in Masken treffen und einander
unter der Verkleidung leise ahnen.
80
Mit einem Blick aus Deinen Augen, schöne Frau, könntest Du all den
Liederreichtum plündern, der aus der Dichter Harfen tönt!
Doch für ihre Loblieder hast Du kein Ohr, darum will ich Dein Lob
singen.
Vor Deine Füße könntest Du der Erde stolzeste Häupter beugen.
Doch die Du erwähltest, Deine Geliebten und Angebeteten, kennen den
Ruhm nicht, darum verehr’ ich Dich.
Die Schönheit Deiner Arme brächte mit ihrer Berührung königlichem
Glanze Ruhm.
Doch Du gebrauchst sie, um den Staub zu kehren und Dein bescheidnes
Heim rein zu halten, darum bin ich erfüllt von Ehrfurcht.
81
Was flüsterst Du mir so leise ins Ohr, o Tod, mein Tod?
Wenn die Blumen am Abend ihre Köpfe senken und das Vieh heimkehrt in
seine Ställe, kommst Du verstohlen an meine Seite und redest
Worte, die ich nicht verstehe.
Mußt Du ~so~ freien und werben um mich, mit dem betäubenden Gift
einschläfernden Murmelns und kalter Küsse, o Tod, mein Tod?
Wird es denn keine stolze Feier geben für unsre Hochzeit?
Willst Du nicht mit einem Kranz Deine braungeringelten Locken
umwinden?
Ist da keiner, der Dir die Fahne voranträgt, und wird die Nacht nicht
in Flammen stehn von Deinen roten Fackeln, o Tod, mein Tod?
Komm mit dem Klang Deiner Muscheltrompeten, komm in der schlaflosen
Nacht.
Kleide mich in einen Purpurmantel, faß meine Hand und nimm mich.
Laß vor meiner Tür Deinen Wagen bereit sein mit Deinen ungeduldig
wiehernden Rossen.
Heb meinen Schleier und blick mir keck ins Gesicht, o Tod, mein Tod!
82