Wir müssen das Spiel des Todes spielen heut Nacht, meine Braut und

ich.

Die Nacht ist schwarz, die Wolken jagen sich mutwillig am Himmel, und

die Wogen wüten im Meer.

Wir haben den Pfühl unsrer Träume verlassen, die Tür aufgestoßen und

sind herausgekommen, meine Braut und ich.

Wir sitzen auf einer Schaukel, und die Sturmwinde geben uns einen

wilden Stoß von rückwärts.

Meine Braut fährt auf vor Furcht und Lust, sie zittert und schmiegt

sich an mein Herz.

Lang habe ich ihr in Liebe gedient.

Ich bereitete für sie ein Lager von Blumen, und ich schloß die Türen,

um das zudringliche Licht fernzuhalten von ihren Augen.

Ich küßte sie sacht auf die Lippen und flüsterte ihr leise ins Ohr,

bis sie halb ohnmächtig wurde vor Sehnsucht.

Sie war verloren in dem endlosen Nebel trunkener Süße.

Sie antwortete nicht auf meine Berührung, meine Lieder vermochten sie

nicht zu erwecken.

Heut Nacht ist der Ruf des Sturms aus der Wildnis zu uns gekommen.

Meine Braut erschauerte und stand auf; sie ergriff meine Hand und trat

heraus.

Ihr Haar fliegt im Wind, ihr Schleier flattert, und der Kranz, der um

ihren Nacken hängt, raschelt auf ihrer Brust.

Der Stoß des Todes hat sie ins Leben geschwungen.

Wir stehen Antlitz in Antlitz und Herz an Herz, meine Braut und ich.

83

Sie wohnte bei den Hügeln am Rand eines Maisfelds, nahe der Quelle,

die in lachenden Sprudeln durch die feierlichen Schatten alter

Bäume fließt. Die Frauen kamen dahin, ihre Krüge zu füllen, und

Wandrer pflegten da zu rasten und zu plaudern. Sie arbeitete und

träumte täglich zur Weise des murmelnden Flusses.

Eines Abends kam der Fremde hernieder von dem wolkenbedeckten Gipfel;

seine Locken waren wirr geringelt wie schläfrige Schlangen. Wir

fragten verwundert: „Wer bist Du?“ Er antwortete nicht, sondern

setzte sich an den geschwätzigen Fluß und blickte schweigend nach

der Hütte, wo sie wohnte. Unsre Herzen bebten in Angst und wir

kamen heim, als es Nacht war.

Am nächsten Morgen, als die Frauen Wasser holen kamen bei der Quelle

unter den Deodar-Bäumen, fanden sie die Türen offen in ihrer

Hütte, aber ihre Stimme war fort und wo war ihr lächelndes

Antlitz? Der leere Krug lag auf dem Boden, und ihre Lampe in der

Ecke war ausgebrannt. Niemand wußte, wohin sie geflohen war, ehe

der Morgen graute -- und der Fremde war fort.

Im Maienmond wurde die Sonne heiß, und der Schnee schmolz, und wir

saßen an der Quelle und weinten. Wir fragten uns in unserm Sinn:

„Gibt es in dem Land, wohin sie gegangen ist, eine Quelle, wo sie

ihren Krug füllen kann in diesen heißen, durstigen Tagen?“ Und wir

fragten einander bange: „Gibt es hinter diesen Hügeln, wo wir

leben, ein Land?“

Es war eine Sommernacht; von Süden strich die Brise, und ich saß in

ihrem verlassenen Zimmer, wo die Lampe noch immer unangezündet

stand. Als plötzlich vor meinen Augen die Hügel schwanden, wie zur

Seite gezogene Vorhänge. „Ah, sie ist es, die kommt. Wie geht es

Dir, mein Kind? Bist Du glücklich? Aber wo kannst Du herbergen

unter diesem offenen Himmel? Und, ach! unsere Quelle ist nicht da,

um Deinen Durst zu lindern.“

„Hier ist der selbe Himmel“, sagte sie, „nur frei von den engenden

Hügeln, -- das ist der selbe Fluß, zum Strom gewachsen, -- die

selbe Erde, in eine Ebene geweitet.“ „Alles ist da,“ seufzte ich,

„nur wir nicht.“ Sie lächelte traurig und sagte: „Ihr seid in

meinem Herzen.“ Ich wachte auf und hörte das Murmeln des Flusses

und das nächtliche Rauschen der Deodars.

84

Über die grünen und gelben Reisfelder fegen die Schatten der

Herbstwolken, verfolgt von der rasch jagenden Sonne.

Die Bienen vergessen ihren Honig zu nippen, trunken von Licht taumeln

und summen sie närrisch durcheinander.

Die Enten auf den Inseln im Fluß schreien vor Freude, ohne jeden

Anlaß.

Laßt niemanden heimgehn, Brüder, diesen Morgen, laßt niemand an die

Arbeit gehn.

Laßt uns den Himmel im Sturm nehmen und den Raum plündern im Laufen.

Lachen schwebt in der Luft wie Schaum auf der Flut.

Brüder, laßt uns unsern Morgen vertun mit unnützen Liedern.

85

Wer bist du, Leser, der meine Lieder heut über hundert Jahre lesen

wird?

Ich kann Dir nicht eine einzige Blume schicken von diesem

Frühlingsreichtum, keinen einzigen Streifen Gold aus den Wolken

droben.

Öffne Deine Tür und blicke hinaus.

In Deinem blühenden Garten pflücke duftende Erinnerungen an die

entschwundenen Blumen vor hundert Jahren.

In der Freude Deines Herzens magst Du die lebendige Freude fühlen, die

an einem Frühlingsmorgen sang und ihre frohe Stimme hinaussandte

über hundert Jahre.

ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS

Zu Gedicht:

1: _Saptaparna_ (Alstonia scholaris), Siebenblatt, nach der Zahl seiner

quirlförmig gestellten Blätter benannter Baum.

_Açoka_ (Jonesia Asoka), ein dem Schiva heiliger Baum. Es heißt, daß

die Berührung eines Frauenfußes ihn zum Blühen bringe.

10: _Glückszeichen_. Jeder fromme Hindu zeichnet am Morgen nach dem

Bad seine Stirn mit dem heiligen Zeichen (pundra oder tilaka), das bei

einzelnen Sekten verschieden ist, bald bogenartig, bald kreisförmig,

mitunter von drei horizontalen Linien (tri-pundra) gebildet.

14: _Kokil, Koïl_ (Sanskrit kokila), ist der indische Kuckuck

(eudynamis orientalis), der sehr schön singt.

16: _Henna_ (aus dem Arab. hina), Blattpflanze (lawsonia inermis). Der

rote Saft wird zum Färben der Handteller und Fußsohlen verwendet.

17: _Kusm_, Sanskrit Kusumbha, Name für echten Safran (crocus sativus)

und unechten (carthamus tinctorius). Aus den Blättern des unechten

Safran wird ein roter Farbstoff gewonnen. _Kadam_, Sanskrit Kadamba

(Nauclea Cadamba), Baum mit orangefarbener duftender Blüte.

64: _Ashath_, Sanskrit Açvattha, eine Feigenbaumart (ficus religiosa),

die heilig geachtet wird wie der für Indien charakteristische vata

(ficus indica, die sog. Luftwurzelfeige; vergl. Gedicht 13). Der

Açvattha schlägt Wurzel in die Spalten anderer Bäume, in Mauern und

Häuser und zerstört sie.

83: _Deodar_ (devadāru, eigentlich Götterbaum), eine Kiefernart

(Pinus Deodora). Nach Wilson bezieht sich dieser Name in Bengalen auf

Uvaria longifolia. Pinus Deodara wächst in einer Höhe von 6000 bis

12000 Fuß über dem Meere.

Die deutsche Übersetzung ist in möglichster Anlehnung an die

englische Übertragung gearbeitet, die englische Satzmelodie wurde

meist nachgeahmt, jeder gesteigerte Rhythmus wurde vermieden. Bei

den Anmerkungen danke ich vieles der Freundlichkeit des Berliner

Sanskritisten, Herrn Prof. Heinrich Lüders.

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort des Dichters V

Der Gärtner 1

Dichter, der Abend zieht herauf 4

Am Morgen warf ich mein Netz aus 6

Ach warum bauten sie mein Haus 7

Ich bin friedlos 9

Der zahme Vogel war in einem Käfig 11

O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür

vorüberkommen 13

Als die Lampe an meinem Bett ausging 15

Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe 17

Laß Deine Arbeit, Braut 18

Komm wie Du bist 20

Wenn Du einmal fleißig sein willst 22

Ich bat um nichts 24

Ich wanderte die Straße entlang 26

Ich laufe wie ein Bisam läuft 28

Hände schlingen sich in Hände 29

Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum 31

Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn 33

Du gingst den Uferweg am Fluß 34

Tag für Tag kommt er 35

Was trieb ihn 36

Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging 37

Warum sitzt Du da 38

Behalt es nicht für Dich 39

Komm zu uns, Jüngling 40

Was aus Deinen willigen Händen kommt 41

Traue der Liebe 42

Deine fragenden Augen sind traurig 43

Sprich zu mir, Geliebter 45

Du bist die Abendwolke 46

Mein Herz, der Vogel der Wildnis 47

Sag mir, ob das alles wahr ist 48

Ich liebe Dich, Geliebter 50

Geh nicht, Geliebter 52

Daß ich Dich nicht zu leicht erkenne 53

Er flüsterte 54

Würdest Du Deinen Kranz 55

Liebste, vor langem einmal 56

Ich versuche einen Kranz zu winden 57

Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz 58

Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen 59

Du Toller, herrlich Trunkener! 61

Nein, Freunde 64

Ehrwürdiger Vater 65

Den Gästen, die gehen müssen 67

Du ließest mich und gingst Deinen Weg 68

Wenn Du es so haben willst 70

Befrei mich von den Banden 71

Ich halte ihre Hände 72

Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht 73

Vollende denn das letzte Lied 74

Warum ging die Lampe aus 75

Warum machst Du mich erröten 76

Wohin eilst Du mit Deinem Korb 78

Es war Mittag, als Du fortgingst 79

Ich war eine von den vielen Frauen 81

Ich pflückte Deine Blume 83

Eines Morgens im Blumengarten 84

O Weib, Du bist nicht allein Gottes Geschöpf 85

Mitten im Gedränge und Lärm 86

Still, mein Herz 87

Den dämmrigen Pfad eines Traumes ging ich 88

Wanderer, mußt Du gehn? 89

Ich verbrachte meinen Tag 91

Bist Du es wieder, die ruft? 93

Ein wandernder Narr suchte den Stein der Weisen 95

Ob auch der Abend kommt 97

Keiner lebt für immer 99

Ich jage nach dem goldnen Hirsch 101

Ich denke zurück an einen Tag 102

Der Tag ist noch nicht um 103

In Tagen harter Arbeit 106

Unendlicher Reichtum ist nicht Dein 108

Im Empfangssaal der Welt 110

Um Mitternacht sprach er zu seinem Herzen 111

Jahrmarkt war vor dem Tempel 112

Der Arbeiter und sein Weib 113

Es war im Mai 115

Oft frage ich mich 116

Mit einem Blick aus Deinen Augen 117

Was flüsterst Du mir so leise 118

Wir müssen das Spiel des Todes spielen 119

Sie wohnte bei den Hügeln 121

Über die grünen und gelben Reisfelder 124

Wer bist Du, Leser 125

Anmerkungen und Nachwort des Übersetzers 127

[Illustration]

Gedruckt

im Frühjahr 1921

bei Poeschel & Trepte

in Leipzig

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Der Gärtner · 第 3 / 3 段