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RABINDRANATH TAGORE
DER GÄRTNER
MÜNCHEN
KURT WOLFF VERLAG
Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
Hans Effenberger
69.-78. Tausend
Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München
VORWORT DES DICHTERS
Der größte Teil der Liebes- und Lebenslyrik in diesem Bande ist vor
der religiösen Gedichtsammlung „Gitanjali“ entstanden. Die englische
Übersetzung ist nicht immer wörtlich -- die Originale sind manchmal
verkürzt und manchmal paraphrasiert wiedergegeben.
DER GÄRTNER
_Diener_
Hab Erbarmen mit Deinem Diener, Königin!
_Königin_
Vorüber ist das Fest, und alle meine Diener sind gegangen. Warum kommst
Du zu dieser späten Stunde?
_Diener_
Hast Du die andern fortgeschickt, ist ~meine~ Zeit.
Ich komme fragen, was Deinem letzten Diener noch zu tun bleibt.
_Königin_
Was kannst Du erwarten, da es zu spät ist?
_Diener_
Mach mich zum Gärtner Deines Blumengartens.
_Königin_
Welche Torheit!
_Diener_
Ich will meine alte Arbeit aufgeben.
Ich werfe Schwert und Lanze in den Staub. Schicke mich nicht mehr an
ferne Höfe; heiß mich nicht zu neuen Siegen ausziehn. Mach mich zum
Gärtner Deines Blumengartens.
_Königin_
Was würden Deine Pflichten sein?
_Diener_
Dir dienen in Deinen müßigen Tagen.
Ich will frisch halten den Rasenpfad, auf dem Du in den Morgen
wandelst, wo Blumen, todessüchtig, bei jedem Schritte Deine Füße
jubelnd grüßen.
Ich will Dich schwingen in einer Schaukel unter den Zweigen des
Saptaparna, wo durch das Laub der frühe Abendmond sich mühen wird, Dir
Deines Kleides Saum zu küssen.
Ich will anfüllen mit duftendem Öl die Lampe, die neben Deinem Bette
brennt, und den Schemel Deiner Füße zieren mit Sandel- und Safranpaste
in seltsamer Zeichnung.
_Königin_
Was soll Dein Lohn sein?
_Diener_
Deine kleinen Fäuste halten dürfen wie zarte Lotosknospen, und
Blumenketten über Deine Gelenke streifen; und Deiner Füße Sohlen färben
dürfen mit dem roten Saft der Ashokablüten und fortküssen das Fleckchen
Staub, das dort vielleicht noch zögert.
_Königin_
Deine Bitten, mein Diener, sind gewährt, Du wirst der Gärtner meines
Blumengartens sein.
2
„Dichter, der Abend zieht herauf; Dein Haar wird grau.
„Vernimmst Du in Deinem einsamen Sinnen Botschaft vom Jenseits?“
„Es ist Abend“, sagte der Dichter, „und ich lausche, weil einer rufen
kann vom Dorfe, mag es auch spät sein.
„Ich wache: ob junge, irrende Herzen sich finden, und zwei Paare
sehnsüchtiger Augen um Musik betteln, die ihr Schweigen bräche und
für sie redete.
„Wer soll ihre Leidenschaft zu Liedern weben, wenn ich am Gestade des
Lebens sitze und den Tod und das Drüben betrachte?
„Der frühe Abendstern verschwindet.
„Das Glosen eines Totenfeuers stirbt mählich am schweigenden Fluß.
„Schakale heulen im Chor vom Hof des verödeten Hauses, im Licht des
erschöpften Monds.
„Wenn da ein Wanderer, sein Heim verlassend, herkäme, die Nacht zu
wachen und gebeugten Hauptes dem Murmeln der Dunkelheit zu
lauschen, wer sollte ihm die Geheimnisse des Lebens in sein Ohr
flüstern, wenn ich, meine Tore schließend, mich frei machen wollte
von irdischen Banden?
„Es will nicht viel bedeuten, daß mein Haar grau wird.
„Ich bin immer so jung oder so alt wie der Jüngste oder der Älteste in
diesem Dorfe.
„Manche haben Lächeln, süß und einfach, und manche ein schlaues
Blinzeln in ihren Augen.
„Manche haben Tränen, die aufsteigen im Taglicht, und andere Tränen,
die im Dunkel verborgen sind.
„Sie alle bedürfen meiner, und ich habe keine Zeit über das Hernach zu
brüten.
„Ich bin mit allen gleichaltrig, was macht es, wenn mein Haar grau
wird?“
3
Am Morgen warf ich mein Netz aus ins Meer.
Ich hob aus dunklen Tiefen Dinge von seltsamem Aussehn und seltsamer
Schönheit -- manche leuchteten wie ein Lächeln, manche glänzten
wie Tränen, und manche waren von Röte übergössen wie die Wangen
einer Braut. Als ich mit meines Tages Bürde heimkam, saß meine
Geliebte im Garten und zerpflückte müßig einer Blume Blätter.
Ich zauderte eine Weile und dann legte ich ihr alles zu Füßen, was ich
gehoben hatte und stand schweigsam.
Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte: „Was für seltsame Dinge sind
das? Ich weiß nicht, wozu sie nützen!“
Ich neigte mein Haupt in Scham und dachte: „Dies alles habe ich nicht
im Kampfe erworben, ich habe es nicht auf dem Markt gekauft; es
sind keine rechten Geschenke für sie.“
Dann warf ich die ganze lange Nacht eins ums andere auf die Straße.
Am Morgen kamen Wanderer; die lasen’s auf und trugen es in fremde
Länder.
4
Ach warum bauten sie mein Haus an die Straße nach dem Marktflecken?
Sie legen mit ihren beladenen Booten an bei meinen Bäumen.
Sie kommen und gehen und wandern nach ihrem Gefallen.
Ich sitze und schaue ihnen zu; mein Leben verrinnt.
Sie fortweisen kann ich nicht. Und so gehen meine Tage dahin.
Nacht und Tag hallen ihre Schritte vor meiner Tür.
Umsonst rufe ich: „Ich kenne Euch nicht.“ In einigen von ihnen spüren
meine Finger Bekannte, in andern meine Nüstern, das Blut in meinen
Adern scheint sie zu kennen, und manche sind meinen Träumen
vertraut.
Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: „Komm in mein
Haus, wer von Euch mag. Ja, kommt!“
Am Morgen erklingt die Glocke vom Tempel. Sie kommen mit ihren Körben
in den Händen. Ihre Füße sind wie Rosen gerötet. Das frühe Licht
der Dämmerung liegt auf ihren Gesichtern.
Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und ich sage: „Kommt in
meinen Garten Blumen pflücken. Kommt her!“
Am Mittag tönt der Gong am Tore des Palastes.
Ich weiß nicht, warum sie ihre Arbeit verlassen und an meiner Hecke
herumstehn.
Die Blumen in ihrem Haar sind fahl und welk. Die Töne ihrer Flöten
klingen matt.
Sie fortweisen kann ich nicht. Ich rufe sie und sage: „Der Schatten
ist kühl unter meinen Bäumen. Kommt, Freunde!“
Nachts zirpen die Grillen in den Wäldern.
Wer ist es, der da langsam an meine Türe kommt und leise pocht?
Ich sehe das Gesicht kaum, kein Wort wird laut, die Stille des Himmels
ist über allem.
Meinen schweigenden Gast fortweisen kann ich nicht. Ich schaue durch
das Dunkel in sein Antlitz und träume, während die Stunden
verrinnen.
5
Ich bin friedlos. Ich bin durstig nach fernen Dingen.
Meine Seele schweift in Sehnsucht, den Saum der dunklen Weite zu
berühren.
O großes Jenseits, o ungestümes Rufen deiner Flöte!
Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich keine Schwingen zum Fliegen
habe, daß ich an dieses Stück Erde gefesselt bin für alle Zeit.
Ich bin schlaflos und voll Sehnsucht, ich bin ein Fremder in fremdem
Land.
Dein Odem kommt zu mir und raunt mir unmögliche Hoffnungen zu.
Deine Sprache klingt meinem Herzen vertraut wie seine eigene.
O Ziel in Fernen, o ungestümes Rufen deiner Flöte!
Ich vergesse, ich vergesse immer, daß ich den Weg nicht weiß, daß ich
das geflügelte Roß nicht habe.
Ich bin ruhelos, ich bin ein Wanderer in meinem Herzen.
Im sonnigen Nebel der zögernden Stunden, welch gewaltiges Gesicht von
Dir wird Gestalt in der Bläue des Himmels!
O fernstes Ziel, o ungestümes Rufen deiner Flöte!
Ich vergesse, ich vergesse immer, daß die Türen überall verschlossen
sind in dem Hause, wo ich einsam wohne.
6
Der zahme Vogel war in einem Käfig, der freie Vogel war im Walde.
Als ihre Zeit gekommen war, trafen sie sich; so wollte es das
Schicksal.
Der freie Vogel ruft: „O Liebster, laß uns zum Walde fliegen.“
Der Vogel im Käfig zwitschert: „Komm her, laß uns beisammen im Käfig
leben.“
Sagt der freie Vogel: „Wo ist denn Platz hinter Stäben, seine Flügel
zu spreiten?“
„Ach,“ ruft der Vogel im Käfig, „wo sollte ich mich in den Lüften
ausruhn ohne Stange?“
Der freie Vogel ruft: „Mein Liebling, singe die Lieder der Wälder.“
Der Vogel im Käfig sagt: „Setz Dich zu mir, ich will Dich unterweisen
in der Sprache der Gelehrten.“
Der Waldvogel ruft: „Nein, ach nein! Lieder können niemals gelehrt
werden.“
Der Vogel im Käfig sagt: „Weh mir, ich weiß sie nicht, die Lieder der
Wälder.“
Ihre Liebe ist heiß, voll Verlangen; doch können sie nie Schwinge an
Schwinge fliegen.
Durch die Stäbe des Käfigs schauen sie und sehnen sich vergebens,
einander zu kennen.
Sie flattern sehnsüchtig mit ihren Flügeln und singen: „Komm näher,
mein Lieb!“
Der freie Vogel ruft: „Es geht nicht, ich fürchte die verschlossenen
Türen des Käfigs.“
Der Vogel im Käfig zwitschert: „Weh, meine Flügel sind kraftlos und
tot.“
7
O Mutter, der junge Prinz muß an unsrer Tür vorüberkommen -- wie kann
ich heute Morgen an meine Arbeit denken?
Zeig mir, wie soll ich mein Haar flechten; sag mir, was soll ich für
Kleider anlegen?
Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter?
Ich weiß wohl, er wird nicht ein einziges Mal zu meinem Fenster
aufblicken; ich weiß, im Nu wird er mir aus den Augen sein; nur
das verhallende Flötenspiel wird seufzend zu mir dringen von
weitem.
Aber der junge Prinz wird an unsrer Tür vorüberkommen, und ich will
mein Bestes anziehn für diesen Augenblick.
O Mutter, der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, und die
Morgensonne blitzte auf an seinem Wagen.
Ich strich den Schleier aus meinem Gesicht, riß die Rubinenkette von
meinem Halse und warf sie ihm in den Weg.
Warum schaust Du mich so verwundert an, Mutter?
Ich weiß wohl, daß er meine Kette nicht aufhob; ich weiß, sie ward
unter den Rädern zermalmt und ließ eine rote Spur im Staube
zurück, und niemand weiß, was mein Geschenk war, noch wem es galt.
Aber der junge Prinz ist an unsrer Tür vorübergekommen, und ich habe
den Schmuck von meiner Brust auf seinen Pfad geworfen.
8
Als die Lampe an meinem Bett ausging, wachte ich auf mit den frühen
Vögeln.
Ich saß am offenen Fenster, einen frischen Kranz im losen Haar.
Der junge Wanderer kam die Straße entlang im rosigen Nebel des
Morgens.
Eine Perlenkette trug er um seinen Hals, und die Sonnenstrahlen
fielen auf seinen Scheitel.
An meiner Tür blieb er stehn und fragte ungestüm: „Wo ist sie?“
Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: „‚Sie‘ bin ich, junger
Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“
Es war Dämmerung, und die Lampe war nicht angezündet.
Gedankenlos flocht ich mein Haar.
Der junge Wanderer kam auf seinem Wagen, im Glühen der untergehenden
Sonne.
Seine Pferde schäumten, und Staub lag auf seinem Kleid.
Er stieg ab an meiner Tür und fragte mit müder Stimme: „Wo ist sie?“
Vor lauter Scham vermochte ich nicht zu sagen: „‚Sie‘ bin ich, müder
Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“
Es ist eine Aprilnacht. Die Lampe brennt in meiner Kammer.
Von Süden schleicht leise die Brise herein. Der lärmende Papagei
schläft in seinem Käfig.
Mein Mieder ist von der Farbe der Pfauenkehle, und mein Mantel ist
grün wie junges Gras.
Ich sitze auf dem Boden am Fenster und spähe hinaus in die verlassene
Straße.
Durch die dunkle Nacht summe ich in einem fort: „‚Sie‘ bin ich,
verzweifelnder Wanderer, ‚sie‘ bin ich.“
9
Wenn ich nachts zum Stelldichein gehe, singen keine Vögel, der Wind
regt sich nicht, die Häuser an beiden Seiten der Straße stehen
schweigsam.
Nur meine eignen Fußspangen werden laut bei jedem Schritt, und ich
schäme mich.
Wenn ich auf meinem Balkon sitze und auf seine Schritte lausche,
rascheln die Blätter nicht auf den Bäumen, und das Wasser ist
still im Fluß wie das Schwert auf den Knien eines schlafenden
Wächters.
Nur mein eigenes Herz schlägt wild -- ich weiß nicht, wie ich es ruhig
halten soll.
Wenn mein Geliebter kommt und bei mir sitzt, wenn mein Leib zittert
und meine Augenlider sich senken, wird die Nacht schwarz, der Wind
bläst die Lampe aus, und die Wolken ziehen Schleier über die
Sterne.
Nur der Edelstein auf meiner eigenen Brust scheint und gibt Licht. Ich
weiß nicht, wie ich ihn verbergen soll.
10
Laß Deine Arbeit, Braut. Horch, der Gast ist gekommen.
Hörst Du, er rüttelt sacht an der Kette, die die Türe hält?
Sieh zu, daß Deine Fußspangen nicht zu viel Lärm machen, und daß Dein
Schritt nicht gar zu eilig ist, wenn Du ihm entgegengehst.
Laß Deine Arbeit, Braut, der Gast ist gekommen mit dem Abend.
Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, fürchte Dich nicht.
Es ist Vollmond und Frühlingsnacht; die Schatten im Hof sind fahl;
droben der Himmel ist hell.
Zieh den Schleier über Dein Gesicht, wenn Du nicht anders kannst; trag
die Lampe zur Tür, wenn Du Angst hast.
Nein, es ist nicht der geisternde Wind, Braut, fürchte Dich nicht.
Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern bist; tritt zurück von
der Tür, wenn Du ihm begegnest.
Stellt er Dir Fragen, kannst Du, wenn Du willst, schweigend die Augen
senken.
Laß Deine Armbänder nicht klirren, wenn Du ihn hereinführst, die Lampe
in der Hand.
Sprich kein Wort mit ihm, wenn Du schüchtern bist.
Bist Du noch nicht fertig mit Deiner Arbeit, Braut? Horch, der Gast
ist gekommen.
Hast Du die Lampe im Kuhstall nicht angezündet?
Hast Du den Opferkorb nicht fertig für den Abendgottesdienst?
Hast Du das rote Glückszeichen nicht auf Deinen Scheitel gelegt und
Dich zur Nacht gerichtet?
O Braut, hörst Du, der Gast ist gekommen?
Laß Deine Arbeit!
11
Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.
Mag auch Dein geflochtenes Haar aufgegangen sein, Dein Scheitel wirr
und Dein Mieder nicht genestelt, achte nicht darauf.
Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.
Komm mit schnellen Schritten über das Gras.
Wenn der Rötel von Deinen Füßen weicht, weil Tau liegt, wenn die
Schellenbänder um Deine Füße sich lockern, wenn Perlen aus deiner
Halskette fallen, achte nicht darauf.
Komm mit schnellen Schritten über das Gras.
Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen?
Schwärme von Kranichen fliegen auf vom fernen Flußufer, und jähe
Windstöße stürzen über die Heide.
Das geängstete Vieh flüchtet nach den Ställen im Dorfe.
Siehst Du, wie sich die Wolken am Himmel ballen?
Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie flackert und
geht aus im Wind.
Wer merkt denn, daß Du auf Deine Augenlider kein Schwarz gelegt hast?
Deine Augen sind dunkler als Regenwolken.
Vergebens zündest Du Deine Lampe am Putztisch an -- sie geht aus.
Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.
Wenn der Kranz für Dein Haar noch nicht gebunden ist, was machts; wenn
die Kette um Dein Handgelenk nicht zu ist, laß sie sein.
Der Himmel ist überdeckt mit Wolken -- es ist spät.
Komm wie Du bist; säume nicht beim Anziehn.
12
Wenn Du einmal fleißig sein willst und Deinen Krug füllen -- komm, o
komm an meinen See.
Das Wasser wird sich um Deine Füße schmiegen und sein Geheimnis
ausplappern.
Der Schatten des kommenden Regens liegt über dem Sand, und die Wolken
hängen niedrig auf den blauen Linien der Bäume wie das schwere
Haar über Deinen Augenbrauen.
Ich kenne ihn gut, den Rhythmus Deiner Schritte, mein Herz geht im
gleichen Takt.
Komm, o komm an meinen See, wenn Du Deinen Krug füllen mußt.
Wenn Du müßig sein willst und gedankenlos sitzen und Deinen Krug auf
dem Wasser treiben lassen -- komm, o komm an meinen See.
Der grasige Abhang leuchtet grün, und die wilden Blumen sind zahllos.
Deine Gedanken werden aus Deinen dunklen Augen schweifen wie Vögel aus
ihren Nestern.
Dein Schleier wird auf Deine Füße niederfallen.
Komm, o komm an meinen See, wenn Du müßig sitzen willst.
Wenn Du genug gespielt hast und ins Wasser tauchen willst -- komm, o
komm an meinen See.
Laß Deinen blauen Mantel am Ufer liegen; das blaue Wasser wird Dich
zudecken und verhüllen.
Die Wellen werden auf den Zehen stehn, um Deinen Nacken zu küssen und
Dir ins Ohr zu flüstern.
Komm, o komm an meinen See, wenn Du ins Wasser tauchen willst.
Wenn Du Dich toll in den Tod stürzen mußt, -- komm, o komm an meinen
See.
Er ist kühl und unergründlich tief.
Er ist dunkel wie traumloser Schlaf.
In seinen Tiefen sind Nächte und Tage eins, und Lieder sind Schweigen.
Komm, o komm an meinen See, wenn Du in den Tod hinabtauchen willst.
13
Ich bat um nichts, stand nur am Rand des Waldes hinter dem Baum.
Sehnsucht war immer noch in den Augen der Dämmerung, und Tau war in
der Luft.
Der träge Duft des feuchten Grases hing in dünnem Nebel über der Erde.
Unter dem Feigenbaum sah ich Dich die Kuh melken mit Deinen Händen,
zart und frisch wie Butter.
Und stumm blieb ich stehen.
Ich sagte kein Wort. Es war der Vogel, der unsichtbar aus dem Dickicht
sang.
Der Mangobaum schüttelte seine Blüten auf den Dorfweg, und Biene um
Biene summte herbei.
Drüben am Teiche stand das Tor des Shiva-Tempels offen, und die
Andächtigen hatten ihre Gesänge begonnen.
Den Eimer im Schoß, sah ich Dich die Kuh melken.
Ich stand immer noch mit meiner leeren Kanne.
Ich kam Dir nicht nahe.
Der Himmel erwachte vom Schall des Gongs am Tempel.
Der Staub ward aufgejagt in der Straße von den Hufen des getriebenen
Viehs.
Mit gurgelnden Krügen auf ihren Hüften kamen Frauen vom Fluß.
Deine Armbänder klirrten, und der Krug schäumte über.
Der Morgen verging, und ich kam Dir nicht nahe.
14
Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß nicht warum, als der Mittag
vorüber war, und die Bambuszweige im Winde raschelten.
Die Schatten fielen mit ausgestreckten Armen zur Erde und klammerten
sich an die Füße des davoneilenden Lichts.
Die Kokils hatten sich müde gesungen.
Ich wanderte die Straße entlang, ich weiß nicht warum.
Die Hütte am Wasser ist beschattet von einem überhangenden Baum.
War Eine geschäftig bei ihrer Arbeit, und aus der Ecke tönte die Musik
ihrer Armringe.
Ich stand vor dieser Hütte, ich weiß nicht warum.
Der schmale, schlängelnde Weg kreuzt manches Senffeld und manchen
Mangowald.
Er führt am Tempel des Dorfes vorüber und an dem Markt bei der
Landungsstelle des Flusses.
Ich blieb stehn bei dieser Hütte, ich weiß nicht warum.
Vor Jahren war es, an einem windigen Märztag -- das Flüstern des
Frühlings war voll Sehnsucht, und Mangoblüten fielen in den Staub.
Das kräuselnde Wasser hüpfte und leckte an dem Messingeimer, der auf
der Landungstreppe stand.
Ich denke an jenen windigen Märztag; ich weiß nicht warum.
Die Schatten vertiefen sich und das Vieh kehrt heim zu seinen Hürden.
Das Licht ist grau auf den einsamen Wiesen, und die Bauern warten auf
die Fähre am Ufer.
Langsam geh ich meinen Weg zurück, ich weiß nicht warum.
15
Ich laufe, wie ein Bisam läuft im Schatten des Waldes, das toll ist
von seinem eigenen Duft.
Die Nacht ist die Nacht der Maienmitte, die Brise ist die Brise des
Südens.
Ich verliere meinen Weg, und ich wandre; ich suche, was ich nicht
erreichen kann, und ich erreiche, was ich nicht suche.
Aus meinem Herzen steigt und tanzt das Bild meiner eigenen Sehnsucht.
Die lichte Erscheinung entflieht.
Ich versuche sie festzuhalten, sie entgleitet mir und führt mich irre.
Ich suche, was ich nicht erreichen kann, ich erreiche, was ich nicht
suche.
16
Hände schlingen sich in Hände, und Augen hangen an Augen: so beginnt
die Geschichte unsrer Herzen.
Es ist mondhelle Märznacht; die Luft ist erfüllt vom süßen Duft der
Hennablüten; meine Flöte liegt vernachlässigt auf der Erde, und
Dein Kranz von Blumen ist unvollendet.
Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
Dein safranfarbner Schleier macht meine Augen trunken.
Der Jasminkranz, den Du für mich flochtest, durchbebt mein Herz wie
Lob.
Es ist ein Spiel von Geben und Versagen, von Entschleiern und
Wieder-Verbergen; etwas Lächeln und ein wenig Schüchternheit und
süßes, vergebliches Sichsträuben.
Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
Kein Geheimnis über das Heute hinaus; kein Ringen um das Unmögliche;
kein Schatten hinter der Lust; kein Tasten in die Tiefen des
Dunkels.
Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
Wir schweifen nicht aus allen Worten in das ewige Schweigen; wir heben
nicht unsre Hände in die Leere nach Dingen jenseits der Hoffnung.
Uns ist genug, was wir geben und was wir empfangen.
Wir haben die Freude nicht bis aufs Letzte ausgepreßt, um aus ihr den
Wein der Leiden zu keltern.
Diese Liebe zwischen Dir und mir ist schlicht wie ein Lied.
17
Der gelbe Vogel singt auf ihrem Baum und macht mein Herz hüpfen vor
Fröhlichkeit.
Wir beide leben im selben Dorfe, und das ist unsere ganze Freude.
Ihre zwei Lieblingslämmer kommen in den Schatten unsrer Gartenbäume
grasen.
Wenn sie sich verirren in unser Gerstenfeld, trage ich sie auf meinen
Armen hinaus.
Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
Fluß.
Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
Nur ~ein~ Feld liegt zwischen uns.
Bienen, die in unsrem Gehölz ihre Stöcke haben, suchen Honig in ihrem.
Blumen, von ihren Landungsstegen geworfen, kommen den Strom
heruntergeschwommen, in dem wir baden.
Körbe mit getrockneten Kusm-Blumen kommen von ihren Feldern auf unsern
Markt.
Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
Fluß.
Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
Der Pfad, der sich zu ihrem Hause windet, duftet im Frühling von
Mangoblüten.
Wenn ihr Leinsamen reif ist zur Ernte, blüht der Hanf auf unsrem
Felde.
Die Sterne, die auf ihre Hütte lächeln, senden uns den gleichen
zwinkernden Blick.
Der Regen, der ihre Zisterne überflutet, macht unsern Kadamwald froh.
Der Name unsres Dorfes ist Khanjana, und Anjana nennen sie unsern
Fluß.
Meinen Namen weiß das ganze Dorf, und ihr Name ist Ranjana.
18
Wenn die zwei Schwestern Wasser holen gehn, kommen sie an diese
Stelle, und beide lächeln.
Sie müssen es gemerkt haben, daß einer hinter den Bäumen steht, so oft
sie Wasser holen gehn.
Die zwei Schwestern flüstern miteinander, wenn sie an dieser Stelle
vorübergehn.
Sie müssen das Geheimnis von diesem Jemand erraten haben, der hinter
den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.
Ihre Krüge schlingern plötzlich und verschütten Wasser, wenn sie diese
Stelle erreichen.
Sie müssen herausgefunden haben, daß das Herz Jemandes schlägt, der
hinter den Bäumen steht, so oft sie Wasser holen gehn.
Die zwei Schwestern blicken einander an, wenn sie an diese Stelle
kommen, und sie lächeln.
Da ist ein Gelächter in ihren schnell schreitenden Füßen, das
Verwirrung anrichtet in Jemandes Denken, der hinter den Bäumen
steht, so oft sie Wasser holen gehn.
19
Du gingst den Uferweg am Fluß, mit vollem Krug auf Deiner Hüfte.
Warum wandtest Du schnell Dein Antlitz und spähtest nach mir durch den
flatternden Schleier?
Dieser strahlende Blick aus dem Dunkel überkam mich wie eine Brise,
die einen Schauer durch das kräuselnde Wasser schickt und
fortreicht zum schattigen Ufer.
Er kam zu mir wie der Vogel des Abends, der durch das lichtlose
Zimmer huscht, von einem offenen Fenster zum andern, und in der
Nacht verschwindet.
Du bist verborgen wie ein Stern hinter den Hügeln, und ich bin ein
Vorübergehender auf der Straße.
Aber warum hieltest Du einen Augenblick an und blicktest in mein
Antlitz durch Deinen Schleier, als Du den Uferweg am Flusse gingst
mit dem vollen Krug auf Deiner Hüfte?
20
Tag für Tag kommt er und geht wieder.
Geh, und gib ihm eine Blume aus meinem Haar, meine Freundin.
Wenn er fragt, wer es war, der sie sandte, ich bitte Dich, sag ihm
nicht meinen Namen -- denn er kommt nur und geht wieder.
Er sitzt im Staub unter dem Baum.
Bereite ihm dort einen Sitz aus Blumen und Blättern, meine Freundin.
Seine Augen sind traurig und sie bringen Traurigkeit in mein Herz.
Er sagt nicht, an was er denkt; er kommt nur und geht wieder.
21
Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen, den wandernden Jüngling, als
der Tag dämmerte?
Immer wenn ich ein und aus gehe, komm ich an ihm vorüber, und meine
Augen sind von seinem Antlitz gefangen.
Ich weiß nicht, soll ich zu ihm sprechen oder schweigen. Was trieb
ihn, an meine Tür zu kommen?
Die wolkigen Nächte im Juli sind finster; der Himmel ist sanftblau im
Herbst; die Frühlingstage sind ruhelos vom Ungestüm des Südwinds.
Er webt seine Lieder aus immer neuen Weisen.
Ich wende mich ab von meiner Arbeit, und meine Augen werden feucht.
Was trieb ihn, an meine Tür zu kommen?
22
Als sie mit schnellen Schritten an mir vorüberging, berührte mich der
Saum ihres Kleides.
Von der unbekannten Insel eines Herzens kam ein plötzlicher, warmer
Frühlingshauch.
Das Flattern einer flüchtigen Berührung streifte mich und war im Nu
vorüber, wie ein abgerissenes Blütenblatt, vom Wind getrieben.
Es fiel auf mein Herz wie ein Seufzen ihres Leibes und ein Flüstern
ihrer Seele.
23
Warum sitzt Du da und läßt Deine Armbänder klirren, nur zu müßigem
Spiel?
Fülle Deinen Krug. Es ist Zeit für Dich heimzukommen.
Warum plätscherst Du im Wasser mit Deinen Händen und blickst zuweilen
auf die Straße nach jemand, nur zu müßigem Spiel?
Fülle Deinen Krug und komm heim.
Die Morgenstunden gehn vorüber -- das dunkle Wasser fließt weiter.
Die Wellen lachen und flüstern einander zu, nur zu müßigem Spiel.
Die wandernden Wolken haben sich am Rande des Himmels gesammelt über
jenem Hügelrücken.
Sie zögern und schauen in Dein Gesicht und lächeln, nur zu müßigem
Spiel.
Fülle Deinen Krug und komm heim.
24
Behalt es nicht für Dich, das Geheimnis Deines Herzens, mein Freund!
Sag es mir, nur mir, im Geheimen.
Der Du so freundlich lächelst, flüstre leise, mein Herz wird es hören,
nicht meine Ohren.
Die Nacht ist tief, das Haus ist schweigsam, die Vogelnester sind
eingehüllt in Schlaf.
Sag mir mit verhaltenen Tränen, mit zitterndem Lächeln, in süßer Scham
und Pein, das Geheimnis Deines Herzens.
25
„Komm zu uns, Jüngling, sag aufrichtig, warum Wahnsinn in Deinen Augen
ist?“
„Ich weiß nicht, von was für einem wilden Mohn ich getrunken habe, daß
dieser Wahnsinn in meinen Augen ist.“
„O Schande!“
„Ja, manche sind weise und manche töricht, manche sind wachsam und
manche sorglos. Es gibt Augen, die lächeln, und Augen, die weinen
-- und Wahnsinn ist in meinen Augen.“
„Jüngling, warum stehst Du so still im Schatten des Baumes?“
„Meine Füße sind matt von der Last meines Herzens, und ich stehe still
im Schatten.“
„O Schande!“
„Ja, manche gehen weiter ihren Weg und manche zaudern, manche sind
frei und manche gefesselt -- und meine Füße sind matt von der
Last meines Herzens.“
26
„Was aus Deinen willigen Händen kommt, nehme ich. Sonst bitte ich um
nichts.“
„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
was einer hat.“
„Wenn Du eine verlorene Blume für mich übrig hast, will ich sie in
meinem Herzen tragen.“
„Aber wenn Dornen daran sind?“
„Ich will sie erdulden.“
„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
was einer hat.“
„Wenn Du einmal nur Deine liebenden Augen zu meinem Antlitz heben
wolltest, es würde mein Leben über den Tod hinaus versüßen.“
„Aber wenn sie dann nur grausame Blicke hätten?“
„Ich will sie mein Herz durchbohren lassen.“
„Ja, ja, ich kenne Dich, bescheidener Bettler, Du bittest um alles,
was einer hat.“
27
„Traue der Liebe, auch wenn sie Leid bringt. Schließe Dein Herz nicht
zu.“
„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
verstehn.“
„Das Herz ist nur da zum Verschenken mit einer Träne und einem Lied,
Geliebte.“
„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
verstehn.“
„Lust ist vergänglich wie ein Tautropfen; während sie lacht, stirbt
sie schon. Aber Leid ist stark und ausharrend. Laß leidvolle Liebe
in Deinen Augen Wacht halten.“
„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
verstehn.“
„Der Lotus blüht im Anschaun der Sonne und verliert alles, was er hat.
Er möchte nicht seine Knospen behalten in ewigem Winternebel.“
„Ach nein, Freund, Deine Worte sind dunkel, ich kann sie nicht
verstehn.“
28
Deine fragenden Augen sind traurig. Sie suchen meinen Sinn zu
erkunden, wie der Mond das Meer ergründen möchte.
Ich habe mein Leben ganz vor Deinen Augen ausgebreitet von Ende zu
Ende und nichts verborgen oder zurückgehalten. Darum kennst Du
mich nicht.
Wenn es nur ein Edelstein wäre, ich könnte es in hundert Stücke
brechen und sie reihen zu einer Kette, um Deinen Hals damit zu
schmücken.
Wenn es nur eine Blume wäre, frisch und klein und süß, so könnte ich
es vom Stengel pflücken und Dir ins Haar stecken.
Es ist aber ein Herz, Geliebte. Wo sind seine Ufer und sein Grund?
Du kennst nicht die Grenzen dieses Königreichs und bist doch seine
Königin.
Wenn es nur ein Augenblick der Lust wäre, so würde es in einem
leichten Lächeln aufblühn, und Du könntest es mit einem Blick
sehn und lesen.
Wenn es nur ein Schmerz wäre, so würde es schmelzen in hellen Tränen,
sein innerstes Geheimnis widerspiegelnd ohne Wort.
Es ist aber Liebe, meine Geliebte.
Seine Lust und Pein sind ohne Grenzen, und endlos seine Ansprüche und
sein Reichtum.
Es ist Dir so nahe wie Dein Leben, und doch kannst Du es niemals ganz
kennen.
29
Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du gesungen hast.
Die Nacht ist dunkel. Die Sterne haben sich hinter Wolken verloren.
Der Wind seufzt durch die Blätter.
Ich will mein Haar lösen. Mein blauer Mantel wird mich umschmiegen wie
Nacht. Ich will Dein Haupt an meine Brust drücken; und hier in der
süßen Einsamkeit laß Dein Herz reden. Ich will meine Augen
schließen und lauschen. Ich will nicht in Dein Antlitz schaun.
Wenn Deine Worte zu Ende sind, wollen wir still und schweigend sitzen.
Nur die Bäume werden im Dunkel flüstern.
Die Nacht wird bleichen. Der Tag wird dämmern. Wir werden einander in
die Augen schauen und jeder seines Weges gehn.
Sprich zu mir, Geliebter! Sag mir mit Worten, was Du sangest.
30
Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Träume hinzieht.
Ich gebe Dir Farbe und Form mit den Wünschen meiner Liebe.
Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen endlosen Träumen
wohnt!
Deine Füße sind rosig rot von der Glut meines sehnsüchtigen Herzens,
Du, Ährenleserin meiner Abendlieder!
Deine Lippen sind bittersüß, denn sie kosteten aus meinem
Leidenskelch.
Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, Bild meiner einsamen Träume!
Mit dem Schatten meiner Leidenschaft hab ich Deine Augen verdunkelt,
als sie in meinen Blick hinabtauchten.
Ich hab Dich gefangen und Dich eingesponnen, Geliebte, in das Netz
meiner Musik.
Du bist mein Eigen, mein Eigen, Du, die in meinen unsterblichen
Träumen wohnt!
31
Mein Herz, der Vogel der Wildnis, hat seinen Himmel in Deinen Augen
gefunden.
Sie sind die Wiege des Morgens, sie sind das Königreich der Sterne.
Meine Lieder haben sich verloren in ihre Tiefen.
Laß mich nur auffliegen in diesen Himmel, in seine einsame
Unermeßlichkeit.
Laß mich nur seine Wolken teilen und die Schwingen breiten in seinem
Sonnenschein.
32
Sag mir, ob das alles wahr ist, Liebster, sag mir, ob das alles wahr
ist.
Wenn diese Augen ihre Blitze sprühen, geben die dunklen Wolken in
Deiner Brust stürmische Antwort?
Ist es wahr, daß meine Lippen süß sind wie die aufspringende Knospe
der ersten, eingestandnen Liebe?
Säumen die Erinnerungen entschwundener Maienmonde in meinen Gliedern?
Erschauert die Erde wie eine Harfe in Liedern, wenn meine Füße sie
berühren?
Ist es denn wahr, daß die Tautropfen von den Augen der Nacht fallen,
wenn ich mich zeige, und daß das Morgenlicht froh ist, wenn es
meinen Körper rings einhüllt?
Ist es wahr, ist es wahr, daß Deine Liebe einsam durch Zeitalter und
Welten wanderte, auf der Suche nach mir?
Daß, da Du mich endlich fandest, Dein langes Sehnen letzten Frieden
fand in meiner sanften Rede, in meinen Augen und Lippen und
flutenden Haaren?
Ist es denn wahr, daß das Geheimnis des Unendlichen auf dieser meiner
kleinen Stirn geschrieben steht?
Sag mir, Geliebter, ist denn das alles wahr?
33
Ich liebe dich, Geliebter. Vergib mir meine Liebe.
Wie ein Vogel, der seinen Weg verliert, bin ich gefangen.
Da mein Herz erschüttert ward, verlor es seinen Schleier und wurde
nackt. Deck es mit Mitleid zu, Liebster, und vergib mir meine
Liebe.
Wenn Du mich nicht lieben kannst, Geliebter, vergib mir meine Pein.
Sieh mich nicht verächtlich an von weitem.
Ich will mich in meine Ecke zurückstehlen und im Finstern sitzen.
Mit beiden Händen will ich meine nackte Schande zudecken.
Wende Dein Gesicht von mir, Geliebter, und vergib mir meine Pein.
Wenn Du mich liebst, Geliebter, vergib mir meine Freude.
Wenn mein Herz fortgetragen wird von der Flut des Glücks, lächle nicht
über meine gefährliche Entrücktheit.
Wenn ich auf meinem Thron sitze und herrsche über Dich mit der
Tyrannei meiner Liebe, wenn ich wie eine Göttin Dir meine Gunst
gewähre, ertrag meinen Stolz, Geliebter, und vergib mir meine
Freude.
34
Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
Ich habe die ganze Nacht wachgelegen, und nun sind meine Augen schwer
von Schlaf.
Ich fürchte nur, ich verliere Dich, wenn ich schlafe.
Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
Ich fahre auf und strecke meine Hände aus, Dich zu berühren. Ich frage
mich: „Ist es ein Traum?“
Könnte ich Deine Füße bannen mit meinem Herzen und sie fesseln an
meine Brust!
Geh nicht, Geliebter, ohne Abschied von mir.
35
Daß ich dich nicht zu leicht erkenne, spielst Du mit mir.
Du blendest mich mit den Blitzen Deines Lachens, um Deine Tränen zu
verbergen.
Ich kenne, ich kenne Deine List;
Nie sagst Du das Wort, das Du sagen möchtest.
Damit ich Deinen Wert nicht erkenne, entweichst Du mir auf tausend
Wegen.
Damit ich Dich nicht mit den Vielen vermenge, stehst Du abseits.
Ich kenne, ich kenne Deine List;
Nie gehst Du den Weg, den Du gehen möchtest.
Du hast mehr Anspruch als die andern, darum bist Du schweigsam.
Mit gespielter Gleichgültigkeit meidest Du meine Geschenke.
Ich kenne, ich kenne Deine List;
Nie willst Du nehmen, was Du nehmen möchtest.
36
Er flüsterte: „Liebste, schlag Deine Augen auf.“
Hart schalt ich ihn und sagte: „Geh!“; aber er rührte sich nicht.
Er stand vor mir und hielt meine beiden Hände. Ich sagte: „Laß mich!“;
aber er ging nicht.
Er neigte sein Gesicht an mein Ohr. Ich blickte ihn an und sagte:
„Schäm Dich!“; aber es kümmerte ihn nicht.
Seine Lippen berührten meine Wange. Ich zitterte und sagte: „Du wagst
zuviel“; aber er hatte keine Scham.
Er steckte eine Blume in mein Haar. Ich sagte: „Es hilft nichts!“;
aber er blieb unbewegt.
Er nahm den Kranz von meinem Nacken und ging davon. Ich weine und
frage mein Herz: „Warum kommt er nicht zurück?“
37
Würdest du Deinen Kranz aus frischen Blumen um meinen Nacken legen,
Schöne?
Aber Du mußt wissen, daß der Kranz, den ~ich~ gewunden habe, für die
Vielen ist; für jene, die flüchtig an einem vorübergehn, die in
unerforschten Ländern wohnen oder in Liedern der Dichter leben.
Es ist zu spät, mein Herz zum Tausch für Deines zu verlangen.
Es gab eine Zeit, da mein Leben wie eine Knospe war; all sein Duft lag
aufgespeichert in ihrem Kern.
Nun ist er in alle Weiten verschwendet.
Wer weiß den Zauber, der ihn sammeln und wieder einschließen kann?
Mein Herz gehört nicht mir, um es nur einer zu schenken; es ist den
Vielen geschenkt.
38
Liebste, vor langem einmal ersann sich Dein Dichter ein großes
Gedicht.
Weh, ich war nicht achtsam, und es stieß an Deine klingelnden
Fußspangen und kam zu Schaden.
Es zerbrach in kleine Lieder und lag verstreut zu Deinen Füßen.
Meine ganze Schiffsladung von Geschichten aus alten Kriegen ward
durcheinandergerüttelt von den lachenden Wellen und in Tränen
getränkt und sank.
Diesen Verlust mußt Du mir gut machen, Liebste.
Wenn meine Ansprüche auf unsterblichen Ruhm nach dem Tode vernichtet
sind, mach mich unsterblich, so lang ich lebe.
Und ich will nicht trauern um meinen Verlust, noch Dich tadeln.
39
Ich versuche einen Kranz zu winden, den ganzen Morgen lang, aber die
Blumen entgleiten mir und fallen heraus.
Du sitzst da und beobachtest mich heimlich aus den Winkeln Deiner
spähenden Augen.
Frag diese Augen, aus deren Dunkel der Mutwille blitzt, wer daran
schuld ist.
Ich versuche ein Lied zu singen, aber vergebens.
Ein verstohlenes Lächeln zittert auf Deinen Lippen; frag es, warum
mein Lied mißlang.
Laß Deine lächelnden Lippen unter Eid sagen, wie meine Stimme sich in
Schweigen verlor gleich einer trunknen Biene im Lotus.
Es ist Abend und Zeit für die Blumen, ihre Kelche zu schließen.
Laß mich an Deiner Seite sitzen, und heiß meine Lippen die Arbeit tun,
die in Schweigen getan werden kann und im sanften Licht der
Sterne.
40
Ein ungläubiges Lächeln huscht über Dein Antlitz, wenn ich zu Dir
komme Abschied zu nehmen.
Ich hab es so oft getan, daß Du denkst, ich würde bald wiederkehren.
Um Dirs einzugestehn, ich fühle den gleichen Zweifel.
Denn die Frühlingstage kommen wieder zu ihrer Zeit; der Vollmond nimmt
Abschied und kommt wieder zu neuem Besuch; die Blüten kommen
wieder und erröten auf ihren Zweigen Jahr für Jahr, und vielleicht
nehm auch ich nur Abschied von Dir, um wiederzukommen.
Aber hege das Trugbild eine Weile; schick es nicht fort mit
unfreundlicher Hast.
Wenn ich sage, ich verlaß Dich auf immer, nimm es für wahr, und laß
einen Nebel von Tränen einen Augenblick lang den dunklen Rand
Deiner Augen vertiefen.
Dann lächle so schalkhaft wie Du willst, wenn ich wiederkomme.
41
Ich sehne mich, die tiefsten Worte zu sprechen, die ich Dir zu sagen
habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest lachen.
Darum lache ich über mich selbst und verrate mein Geheimnis im Scherz.
Ich nehme meinen Schmerz leicht, aus Furcht, Du könntest es tun.
Ich sehne mich, zu Dir die treuesten Worte zu reden, die ich Dir zu
sagen habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, Du könntest sie
nicht glauben.
Darum verkleide ich sie in Unwahrheit und sage das Gegenteil von dem,
was ich meine.
Ich spotte über meinen Schmerz, aus Furcht, Du könntest es tun.
Ich sehne mich, die kostbarsten Worte zu gebrauchen, die ich für Dich
habe; aber ich wage es nicht, aus Furcht, es könnte mir nicht mit
gleicher Münze heimgezahlt werden.
Darum gebe ich Dir häßliche Namen und prahle mit meiner harten Strenge.
Ich tu Dir weh, aus Angst, Du würdest nie wissen, was Leid ist.
Ich sehne mich, schweigend bei Dir zu sitzen; aber ich wage es nicht,
sonst spränge das Herz mir auf die Lippen.
Darum schwatze ich und plaudere leichthin und verberge mein Herz
hinter Worten.
Rauh faß ich mein Leid an, aus Angst, Du könntest es tun.
Ich sehne mich, weg zu gehn von Deiner Seite; aber ich wage es nicht,
aus Angst, meine Feigheit würde Dir offenbar werden.
Darum trag ich meinen Kopf hoch und komme heiter in Deine
Gesellschaft.
Unablässige Dolchstiche aus Deinen Augen halten meine Wunde immer
offen.
42
Du Toller, herrlich Trunkener!
Wenn Du Deine Türen aufstößt und den Narren vor der Menge spielst;
Wenn Du Deinen Beutel in einer Nacht leerst und der Besonnenheit ein
Schnippchen schlägst;
Wenn Du auf seltsamen Wegen wandelst und mit nutzlosen Dingen spielst;
Kümmre Dich nicht um Reim und Recht!
Wenn Du Deine Segel vor dem Sturme spannst und das Ruder entzwei
brichst,
Dann will ich Dir folgen, Kamerad, und will trunken in den Abgrund
fahren.
Ich habe meine Tage und Nächte vergeudet in der Gesellschaft nüchtern
weiser Nachbarn.
Viel-Wissen hat mein Haar grau gemacht und Viel-Wachen meine Augen
trüb.
Jahrelang hab ich Brocken und Fetzen von Dingen gesammelt und gehäuft:
Zermalme sie und tanze auf ihnen und streue sie alle in die Winde.
Denn ich weiß, das ist die höchste Weisheit, trunken in den Abgrund zu
fahren.
Laß alle krummen Zweifel schwinden, laß mich hoffnungslos meinen Weg
verlieren.
Laß einen wildwirbelnden Sturm kommen und mich wegfegen von meinen
Ankern.
Die Welt ist bevölkert mit Würdenträgern und Arbeitern, nützlichen und
gescheiten.
Da sind Menschen, die leicht die Ersten sind, und solche, die
bescheiden hinterdreinkommen.
Laß sie glücklich und erfolgreich sein und laß mich närrisch unnütz
sein.
Denn ich weiß, es ist das Ende allen Wirkens, trunken in den Abgrund
zu fahren.
Ich schwöre diese Minute alle Anrechte ab, zu den Ehrbaren und
Anständigen zu zählen.
Meinen Stolz auf Wissen und Urteil über Gut und Böse laß ich fahren.
Ich will das Gefäß der Erinnerung zerbrechen, die letzten
Tränentropfen verschütten.
Im Schaum des rotperlenden Weins will ich mein Lachen baden und wieder
jung machen.
Den Schild des gesetzten Bürgers will ich in Stücke zerbrechen.
Ich will das heilige Gelübde tun, alle Würde wegzuwerfen und trunken
in den Abgrund zu fahren.
43
Nein, Freunde, niemals werde ich Einsiedler, sagt, was ihr wollt.
Ich werde niemals Einsiedler, wenn sie nicht mit mir das Gelübde
ablegt.
Es ist mein fester Entschluß, wenn ich kein schattiges Obdach und
keine Gefährtin für meine Buße finden kann, werde ich niemals
Einsiedler.
Nein, Freunde, nie werde ich Herd und Heim verlassen und mich
zurückziehn in des Waldes Einsamkeit, wenn nicht fröhliches Lachen
aus seinem Schatten widerhallt und nicht der Saum eines
Safranmantels im Winde flattert; wenn sein Schweigen nicht durch
leises Flüstern tiefer wird.
Niemals werde ich Einsiedler werden.
44
Ehrwürdiger Vater, vergib diesem Sünderpaar. Frühlingswinde wehen heut
in wilden Wirbeln, treiben Staub und totes Laub davon, und mit
ihnen sind alle Deine Lehren verflogen.
Sag nicht, Vater, daß Leben Eitelkeit sei.
Denn heute haben wir zwei einmal Waffenstillstand geschlossen mit dem
Tod, und nur für wenige duftende Stunden sind wir beide
unsterblich geworden.
Selbst wenn des Königs Heer käme und uns grimmig anfiele, würden wir
traurig den Kopf schütteln und sagen: Brüder, ihr stört uns. Wenn
ihr dies lärmende Spiel haben müßt, geht und laßt eure Waffen wo
anders klirren. Wir sind ja nur für wenige flüchtige Augenblicke
unsterblich geworden.
Wenn freundlich Volk käme und sich scharte um uns, wir würden uns tief
vor ihm verbeugen und sagen: Dieses ungeheuer große Glück verwirrt
uns. Der Raum ist karg in dem unendlichen Himmel, in dem wir
wohnen. Denn im Frühling kommen die Blumen in Mengen und die
geschäftigen Flügel der Bienen stoßen einander. Unser kleiner
Himmel, in dem nur wir zwei Unsterblichen wohnen, ist viel zu eng.
45
Den Gästen, die gehen müssen, wünsche gute Fahrt und fege alle Spuren
ihrer Tritte weg.
Drücke lächelnd an Deine Brust, was sanft ist und einfach und nahe.
Heut ist das Fest der Geister, die nicht wissen, wann sie sterben.
Laß Dein Lachen hellschimmernde Lust sein wie glitzerndes Licht auf
rieselnden Wellen.
Laß Dein Leben leicht dahin tanzen am Rande der Zeit wie der
Tautropfen am Rande des Blattes.
Schlag in Akkorden Deiner Harfe die Rhythmen, die der Augenblick Dir
eingibt.
46
Du ließest mich und gingst Deinen Weg.
Ich dachte, ich würde trauern um Dich und Dein einsames Bildnis in
meinem Herzen aufstellen, in ein goldnes Lied gewirkt.
Aber ach, mein böses Geschick! die Zeit ist kurz.
Jugend schwindet Jahr um Jahr; die Frühlingstage sind flüchtig; ein
Nichts macht die zarten Blumen sterben, und der Weise mahnt mich,
daß das Leben nur ein Tautropfen ist auf einem Lotusblatt.
Soll ich das alles versäumen, um nach jener Einen zu starren, die mir
den Rücken gewandt hat?
Das wäre einfältig und töricht; denn die Zeit ist kurz.
Kommt denn, ihr meine Regennächte mit plätschernden Füßen; lächle,
mein goldener Herbst; komm, sorgloser April, streu Deine Küsse
über Land.
Komm Du, und Du und Du auch!
Meine Lieben, Ihr wißt, wir sind Sterbliche. Ist es weise, sich das
Herz zu brechen um die Eine, die ihr Herz fortnimmt? Denn die Zeit
ist kurz.
Es ist süß, in einer Ecke zu sitzen, um zu sinnen und in Reimen zu
verkünden, daß Du meine ganze Welt bist.
Es ist heldenhaft, sein Leid zu hegen und zu hätscheln und
entschlossen zu sein, sich nicht trösten zu lassen.
Aber ein frisches, junges Gesicht schaut zu meiner Türe herein und
hebt seine Augen zu meinen Augen.
Da kann ich nicht anders, als meine Tränen wegwischen und die Weise
meines Lieds ändern.
Denn die Zeit ist kurz.
47
Wenn du es so haben willst, will ich mein Singen enden.
Wenn es Unruhe über Dein Herz bringt, will ich meine Augen abwenden
von Deinem Gesicht.
Wenn es Dich plötzlich auf Deinem Gang erschreckt, will ich zur Seite
treten und einen andern Pfad einschlagen.
Wenn es Dich beim Blumenwinden verwirrt, will ich Deinen einsamen
Garten meiden.
Wenn es das Wasser mutwillig und wild macht, will ich mein Boot nicht
an Deinem Ufer vorüberrudern.
48
Befrei mich von den Banden Deiner Süße, Lieb! Nichts mehr von diesem
Wein der Küsse.
Dieser Nebel von schwerem Weihrauch erstickt mein Herz.
Öffne die Türen, mach Platz für das Morgenlicht.
Ich bin in Dich verloren, eingefangen in die Umarmungen Deiner
Zärtlichkeit.
Befrei mich von Deinem Zauber und gib mir den Mut zurück, Dir mein
befreites Herz darzubieten.
49
Ich halte ihre Hände und presse sie an meine Brust.
Ich versuche, meine Arme mit ihrer Lieblichkeit zu füllen, ihr süßes
Lächeln mit Küssen zu plündern, ihre dunklen Blicke mit meinen
Augen zu trinken.
Aber, ach, wo ist das alles? Wer kann dem Himmel sein Blau abzwingen?
Ich versuche, die Schönheit zu fassen; sie entweicht mir und läßt nur
den Körper in meinen Händen zurück.
Betrogen und müde komm ich heim.
Wie kann der Körper die Blume berühren, die nur die Seele berühren
sollte?
50
Geliebte, mein Herz sehnt sich Tag und Nacht nach einem Begegnen mit
Dir -- einem Begegnen, das wie der alles verschlingende Tod ist.
Feg mich hinweg wie ein Sturm; nimm alles, was ich habe; brich ein in
meinen Schlaf und plündre meine Träume. Raub mir meine Welt.
In dieser Verwüstung, in der letzten Nacktheit der Seele, laß uns eins
werden in Schönheit.
Ach, vergebliches Sehnen! Wo ist diese Hoffnung auf Vereinigung außer
in Dir, mein Gott?
51
Vollende denn das letzte Lied und laß uns auseinandergehn.
Vergiß diese Nacht, wenn die Nacht um ist.
Wen suche ich mit meinen Armen zu umfassen? Träume lassen sich nicht
einfangen.
Meine verlangenden Hände drücken Leere an mein Herz, und sie zermalmt
mir die Brust.
52
Warum ging die Lampe aus?
Ich hielt meinen Mantel darüber, um sie gegen den Wind zu schützen,
darum ist die Lampe ausgegangen.
Warum verwelkte die Blume?
Ich drückte sie an mein Herz mit sorgender Liebe, darum ist die Blume
verwelkt.
Warum trocknete der Strom aus?
Ich zog einen Damm hindurch, um ihn ganz für mich zu haben, darum ist
der Strom ausgetrocknet.
Warum riß die Harfensaite?
Ich wollte einen Ton zwingen, der über ihre Kräfte ging, darum ist die
Harfensaite gerissen.
53
Warum machst Du mich erröten durch einen Blick?
Ich bin nicht als Bettler gekommen.
Nur eine flüchtige Stunde lang stand ich am Ende Deines Hofes,
jenseits der Gartenhecke.
Warum machst Du mich erröten durch einen Blick?
Nicht eine Rose nahm ich aus Deinem Garten, nicht eine Frucht pflückte
ich.
Ich trat bescheiden unter die schützenden Bäume am Wege, wo jeder
fremde Wandrer stehn darf.
Nicht eine Rose pflückte ich.
Ja, meine Füße waren müde, und der Regen strömte herab.
Die Winde heulten durch die schwankenden Bambuszweige.
Die Wolken rasten über den Himmel, als seien sie auf der Flucht vor
dem Besieger.
Meine Füße waren müde.
Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest oder auf wen Du an Deiner Türe
wartetest.
Zuckende Blitze blendeten Deine spähenden Augen.
Wie konnte ich wissen, daß Du mich sehen könntest dort, wo ich im
Dunkeln stand?
Ich weiß nicht, was Du von mir dachtest.
Der Tag ist zu Ende und der Regen hat für eine Weile aufgehört.
Ich verlasse den Schutz des Baumes am Rande Deines Gartens und diesen
Sitz im Gras.
Es ist dunkel geworden; schließ Deine Tür; ich gehe meines Wegs.
Der Tag ist zu Ende.
54
Wohin eilst du mit Deinem Korb so spät am Abend, wo der Markt vorüber
ist?
Sie alle sind mit ihren Lasten heimgekommen; der Mond lugt durch die
Dorfbäume.
Das Echo der Stimmen, die nach der Fähre rufen, läuft über das dunkle
Wasser zum fernen Sumpf, wo wilde Enten schlafen.
Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist?
Der Schlaf hat seine Finger auf die Augen der Erde gelegt.
Die Krähennester sind still geworden, und das Murmeln der
Bambusblätter ist verstummt.
Die Arbeiter sind heimgekehrt von ihren Feldern und breiten ihre
Matten in den Höfen.
Wohin eilst Du mit Deinem Korb, da der Markt vorüber ist?
55
Es war Mittag, als Du fortgingst.
Die Sonne stand heiß am Himmel.
Ich hatte meine Arbeit getan und saß allein auf meinem Balkon, als Du
fortgingst.
Dann und wann kam ein leiser Windstoß heran und fächelte mir den Duft
von vielen fernen Feldern zu.
Die Tauben gurrten unermüdlich im Schatten, und eine Biene verirrte
sich in mein Zimmer und summte die Neuigkeiten von vielen fernen
Feldern.
Das Dorf schlief in der Mittagshitze. Die Straße lag verlassen.
Zuweilen erhob sich plötzlich ein Rauschen in den Blättern und erstarb
wieder.
Ich starrte zum Himmel auf und wob eines Namens Buchstaben, den ich
kannte, in das Blau, während das Dorf in der Mittagshitze schlief.