(Aufrecht begraben auf einem lebenden Pferd am Felsenufer über dem
Missouri.)
Er ist tot,
Unser Häuptling,
Ai! Ai! Ai! Ai!
Krankheit überfiel ihn,
Ihn, unsren Führer,
Schmerzlich starb er dahin.
Zu seinen Füßen sind wir Krieger,
Seine Kinder versammelt.
Zerschnitten haben wir unser Fleisch
Vor seinem Leib.
Unser Blut tropft auf die Weiden,
Mit denen wir unsre Arme durchbohrten.
Wir schlagen uns mit Weiden,
Wir betrauern unsren Bruder, unsren Vater,
Wir singen langsame Lieder
Dem lauschenden Geist des großen Häuptlings
Schwarz-Amsel.
Gestern
Unterm roten Himmel,
Durch den die Sonne stürzte,
Riefen sie dich,
Deine Vorfahren
Aus der Mitte des Himmels,
Aus der dich umkreisenden Wolke
Riefen sie deinen Namen.
Er ist tot
Unser Führer
Ai! Ai! Ai! Ai!
Unser Häuptling Schwarz-Amsel!
Schlagt euch mit Weiden,
Laßt tropfen euer Blut für ihn!
Ihr habt den Todesgesang
Euren Freunden gesungen,
Den Gräsern der Prärie,
dem Fluß,
Der die Prärie
Wie der Mond den Himmel schneidet.
Sieh, wir richten dich auf.
Das Blut unsrer Weidenwunden
Tropft auf dich.
Wir kleiden dich in dein Hemd aus weißem Bocksfell,
Wir knüpfen deine Gamaschen aus Bergziegenfell,
Wir legen um deine Schultern
Dein Kleid aus dem Fell des jungen Büffelstiers,
Wir haken dein Halsband aus grauen Bärenklauen
Um deinen Hals
Und setzen auf dein Haupt
Deinen Kriegshelm aus Adlerfedern.
So hast du es befohlen.
Ai! Ai! Ai! Ai!
Schlagt euch mit Weidenruten!
Du fährst fort von uns,
Es ist Zeit für dich fortzufahren,
Du trittst die lange Reise an.
Hinauf auf die hohe Klippe
Tragen wir dich.
Unser Blut tropft auf die Erde,
Und dein Pferd,
Dein weißes Pferd
Geht mit dir,
Es folgt dir nach,
Sanft leiten wir es
Deinem Körper nach,
Deinem nicht mehr schweren Körper,
Den der Tod zerschrumpft.
Der Habicht fliegt
Halbwegs zum Himmel,
So wirst du halb über der Erde schweben.
Auf hohem Ufer wirst du stehen,
Wenn wir dich aufstellen,
Zittert die Erde.
Du bist tot,
Doch du hörst unsren Gesang,
Du bist tot,
Doch wir heben dich auf dein weißes Wieselroß.
Es zittert wie die Erde,
Sein Fell zuckt
Bei der leisen Berührung mit deinen Knien,
Unser Blut schreit zu dir,
Da es über die Blätter der Weiden tropft.
-- -- --
Du leuchtest wie Sonne zwischen Bäumen,
Du blendest wie Sonne,
Die über Präriegras rinnt.
Du durchbohrst unsre Augen,
Wenn die Donnerwolke sich empört gegen den Wind.
Wer sollte das sein,
Wenn nicht er, unser Häuptling?
-- -- --
Ai! Ai! Ai! Ai!
Stolz reitet er sein weißes Pferd,
Seine Hauptfedern rauschen leis’ im Wind.
Großer Häuptling,
Vater des Volks,
Der du schaust auf den kluftigen Hügel
Und den langen beweglichen Fluß.
Der du gefaßt erwartest den Saum der Nacht
Und das Kommen der Sterne,
Bereit zu springen
Den Sternweg mit der mächtigen Kraft
Deines wundervollen Pferdes,
Die Wolfsspur aufzunehmen,
Mit dem Schrei des Erfahrenen
Aufwärts zu reiten über den großen Himmel.
Wir bewachen dich,
Wir begeistern dich,
Wir schreien dir Beifall mit unsrem Jagdruf,
Unsrem Schlachtlied.
Zum Klatschen unsrer Weiden sollst du reiten,
Und dein weißes Roß
Soll dich hinter die Wolken tragen
Hinter die unbeweglichen Sterne.
Wenn die Wasser ruhen
Und Nebel steigen,
Wirst du +wieder erscheinen+?
Dann werden deine Brüder, die Ottern,
Aus den Wassern tauchen,
Unter dem hohen Hügel
Wird deiner Stimme starkes Echo tönen.
Wie Metall wird deine Stimme
Durch die Himmel dringen.
Deine Kriegskeule wird durch die Räume hallen
Wie deine Brüder, du Adler,
Wird deine Stimme zu uns niederfallen
Durch die Böschungen des Winds.
Du wirst rund um die Welt gehen,
Du wirst über und unter die Welt gehen,
Du wirst zum Geisterplatz kommen.
Ai! Ai! Ai! Ai!
-- -- --
Wenn Regen kommt
Auf den Schwingen der Krähen,
Im Frühling
Müssen wir die Stimme der Eule fürchten
Allein in unsren Hütten,
Nun, da du von uns gegangen.
Wie groß ist die +Zahl deiner Schlachten+!
Zur Nacht,
Wenn die Hunde schweigen,
Gehst du leise
Über die Dörfer der Feinde, sie zu zerstören.
-- -- --
Tod bringe ich!
Ich tanze auf denen, die ich töte!
Ich skalpiere die, die ich töte,
Ich lache über die, die ich töte,
Heh -- heh!
Rot waren deine Pfeile wie des Grashüpfers Flügel,
Hoch in der Sonne.
Denn Feinde schämten sich vor dir,
Bis du ihnen die Köpfe abschnittst
Und ihren Skalp an deinen Zügel bandest.
Nun reisest du allein,
Reise die Wolfsfährte entlang,
Müde zu den kleinen Sternen!
Amerikanische Nachdichtung von Amy Lowell.
Die braunen Burschen mit Federn und Bogen, gestickten Mokassins und
prachtvollen warmen, weichen Decken -- angenehm jetzt in der wehenden
Abendkühle -- verschwanden in einigen nahen Lehmbauten, wo sie -- man
sieht es durch die offene Tür -- ein Feuer entzündeten. Malerisch
säumten ihre bunten Kopfbinden das langsträhnige glänzend schwarze
Haar ...
Geschminkte und gepuderte reisende Damen kamen jetzt daher und
richteten ihre Lorgnette auf die Söhne der Natur. Da wünschte ich
mir eine Geißel ...! Drinnen aber im ~Hopi-house~, der Lehmhütte der
angekommenen Hopi-Indianer, schaukelte friedlich ein Baby auf einem von
der Decke an zwei Stricken hängenden Brett. Ein Älterer der Rothäute
trat jetzt mit einer blitzenden Axt vor die Hütte, um Holz zu spalten
und das Feuer zu entfachen. Diente nicht diese Axt wilderem Zweck? Am
liebsten wäre ich zu der um das Feuer in der Hütte hockenden Gruppe
gegangen und hätte mich unter sie gesetzt und mit aus ihrem Napf
gegessen. Und Karl May war nie solcher Anblick vergönnt! -- --
Nach dem Abendessen im „~Bright angel~“ trat ich noch einmal an den
Rand des Cañon. Der Mond übergoß jetzt mit blendendweißem Licht die
grellbleichen Kalkfelsen, die da in den schauerlichen Grund abstürzten.
Welch eigentümliches Licht! Aber auch hier fehlte die Komik der Kultur
nicht. Elektrische Bogenlampen erhellten frech und frank rings die
Nacht um das Hotel! ... Fledermäuse umschwirrten sie. Glühlämpchen am
Cañon! Welche Stillosigkeit! Auf den Bänken saßen einige Hotelburschen,
deren Arbeit zu Ende war, und sangen süßmelancholische Negerlieder aus
Kentucky und Tennessee! Vor dem Hopi-house aber tanzte -- verhülle
dein Haupt -- für ihnen auf den Boden zugeworfene Kupfermünzen
die Gruppe der Hopi-Indianer indianische Volkstänze. Sieben bis
acht Männer, Frauen und Kinder waren es. Es war ein merkwürdiges
rhythmisches Stampfen und heiseres Schreien, das durch eine Rassel
in der Hand unschön unterstützt wurde. Die Frauen tanzten barfuß mit
Blumensträußchen in den Händen, bald neben-, bald hintereinander
zierlich und rhythmisch sich wiegend, die Männer in ihren Mokassins.
Indianertänze im bleichen Mondschein vor der Indianerhütte am Rande des
Cañons waren also der letzte Eindruck dieses Tages! Den nahm ich mit in
meine Träume der Nacht ... --
Für den anderen Tag hatte ich mir vorgenommen, den Abstieg auf dem
schwierigen und sehr mühevollen „~bright-angel-trail~“ in den Cañon zu
wagen. Aber nicht mit Maultier und Esel, Führer und Pferden, Zelten
und Proviant, mit geputzten Herren und gepuderten Damen, Dienern
und Troß, sondern allein zu Fuß und mit ein paar Brotscheiben in
der Tasche ... Allein, Auge in Auge, wollte ich der Nacktheit der
Natur und den titanenhaften Schroffen des Kolorado gegenübertreten.
Hoffentlich störte mich heute kein Menschenschwarm und -geschwirr,
keine schwatzenden, beschleierten und lorgnettierenden Damen oder
politisierenden Männer ...
[Illustration: ~SANTA CATALINA IM STILLEN OZEAN~]
Ich nahm also einstweilen Abschied von der bewohnten Oberfläche der
Erde, um mich in die Eingeweide ihrer Unterwelt zu begeben. So kam es
mir vor. Oben blieb die Menschheit zurück, und ich stieg der Tiefe zu,
wie der Bergmann in den Schacht fährt und der Taucher in den Ozean
sinkt. Fast so war es mir zumute. Hoffentlich gab mich der Cañon heil
der oberen Erde wieder. Je weiter ich stieg -- jeder Tritt war mit
Vorsicht zu wählen, und jeder Schritt eine kleine Leistung -- desto
ungeheuerlicher wurden die Ausmaße der Abstürze. Und so tief man auch
hinabstieg, immer neue Felsenabstürze gähnten unter mir, immer ferner
rückte die Randhöhe des Plateaus oben, immer weiter wurde die Spanne
von Rand zu Rand der Riesenschlucht. Welche Entfernungen, welche
Tiefe, welche Steilheit des Felsenpfads! Welch schauerliche Felsöden!
Man kam sich vor wie in einem Riesengefängnis, das kein Schließer zu
verschließen braucht. Drüben aber die in der Morgensonne leuchtenden
roten Zacken, Zinnen, Türme und Wände, die noch kein menschlicher Fuß
betrat.
Etwa zwei bis drei Stunden bin ich mühsam allein hinabgestiegen. Kein
Laut störte die Einsamkeit. Kein Vogel kreiste über den unfruchtbaren
Felsmassen. Nur da und dort rollte ein Steinchen, das unter dem Tritt
sich löste, springend, hüpfend mit ein wenig Geklirr in größere Tiefen.
Es hallte der eigene Schritt wieder von den nächsten Felswänden.
Ein paar niedrige Kakteen wuchsen zwischen den Steinen und ein paar
blühende Anemonen ...
Ich landete auf einem Plateau, halbstündig im Geviert. Eine kleine
grüne Steppeninsel inmitten der Felsmassen lag vor mir, von etwas
quellendem Wasser berieselt. Das „~half-way-house~“, der Rastort der
Touristenkarawanen, war erreicht. Ich kletterte noch vor bis an den
Rand des eigentlichen engeren Flußcañons, wo es schwarz und steil in
die Tiefe geht. Aber weiter wage ich mich nicht. Ich hätte gerne dort
unten meine Hand in den Kolorado gesteckt ... Aber jeder Schritt tiefer
kostete zwei mühsame Schritte nachher wieder herauf. Und hinauf war es
weit länger und anstrengender als hinab. Würde auch das Wetter halten?
Der Himmel hatte sich dunkel umzogen ...
Ich mochte eine halbe Stunde am Rand des letzten Absturzes gelegen
haben, wie Jakob das Haupt auf einen harten Stein gebettet, und hatte
in die Felseinsamkeit und den Himmel gestarrt. Vom Kambrium bis zum
Tertiär lagen wohlabgezeichnet alle Schichten von unten nach oben
übereinander, rote Granite, dunkelbraune Gneise, mattgrüner Schiefer,
dunkelroter Kalkstein, rot und weißgebänderte Sandsteinformationen und
zuoberst hellgrauer Kalk. Von Rand zu Rand spannt die Riesenschlucht
oben etwa 15 ~km~, bis 1½ ~km~ ist sie tief, und der Fuß auf der Sohle
ist noch an 100 ~m~ breit. Bei Hochwasser kann der Kolorado bis um
70 ~m~ steigen! Wie mag der erste Weiße, der Goldsucher Garcia Lopez
de Cardenas im Jahre 1542 gestaunt und gebebt haben, als er diese
teuflische Schlucht, die bis 350 ~km~ (also etwa von Berlin bis über
Prag hinaus) lang ist, zum ersten Male erblickte! Was besagen diesen
Maßen gegenüber alle die Klamms Oberbayerns oder selbst die Elbrinne
unserer sächsischen Schweiz? 1869 unternahm es zuerst der kühne Major
J. W. Powell, den Koloradofluß durch den Cañon hindurch im ganzen 1600
~km~ weit zu befahren! -- -- --
Ich hatte mich erhoben, um wieder anzusteigen. Und ich tat gut daran.
Wolken und Nebel fuhren dichter über die Felszinnen. Ängstlich huschten
die Eidechsen in ihre Steinritzen. Als ich eine kleine Stunde mühsam
bergangeklommen war, brach um mich ein Schneesturm los! Im Nu tanzten
wilde Flocken und hüllten mich ein. Kein Mensch war weit und breit.
Orkanartig brauste es die Wände entlang. Verschwunden war mit einem
Male der Zaubergarten samt allen seinen Farben. Im Schneesturm, in
Nebel und Wind mutterseelenallein an eine Felswand gedrückt, wartete
ich das Wetter ab. Der Steilpfad war zwar kaum zu verfehlen. Ein
Verlorengehen war nicht gut möglich. Und ein Tornado oder eine
Windhose, die mich am Ende nach dem anderen Rande des Cañons entführte,
würde ja hoffentlich nicht gerade kommen.
Vorgestern noch in Santa Fé ein Sommergewitter und heute in derselben
Höhe und Breite ein Schneesturm im April unter 36 Grad Breite! Welche
Kontraste doch dieser Kontinent barg!
Vom anstrengenden, steinigen, steilen und eiligen Steigen klopfte mir
das Herz bis zum Halse hinauf. Eine Zeitlang barg ich mich in der
schützenden Nische an der Felswand. Die Hände waren mir eiskalt, aber
am Rücken troff mir der Schweiß! Das Schneegestöber nahm zu. Ich war
früh aufgebrochen. Die reitenden Karawanen hatten es vorgezogen, oben
zu bleiben oder waren auf dem Viertel Weg wieder umgekehrt. Als ich
endlich nach viel Mühe, durchnäßt und durchfroren wieder oben war, lag
der Schnee auf den Hoteldächern und der Terrasse! ... Man glaubte sich
in eine Winterlandschaft des Riesen- oder hohen Erzgebirgs versetzt und
wärmte sich gern am behaglichen Kamin mit seinen mächtigen glimmenden
Holzklötzen ...
Die Nacht erquickte die vom Ab- und Anstieg ausgereckten Glieder
wunderbar. Es war die zweite Nacht am Rande des Cañons. Wie würde
morgen das Wetter sein?
Fußnoten:
[Footnote 22: ~Young men’s christian association.~]
[Footnote 23: Indianerdörfer.]
[Footnote 24: Wanzen.]
Nach Kalifornien.
Am anderen Morgen war auch noch Nebel und Schnee. Die Tiefen des Cañons
waren dicht verhüllt. So konnte ich also nicht einmal rechten Abschied
von ihm nehmen. Wir fuhren erst wieder unsere drei Stunden bis an
die Hauptlinie nach Williams: Pußta, Prärie, Heide -- immer dieselbe
Großartigkeit! In Williams ging es wieder -- weniger angenehm nach der
herrlichen Berg- und reinen Steppenluft -- in die seit drei Tagen nicht
gelüftete „~chair-car~“ des Chikago-Los Angeles Expreß, mit dem ich vor
zwei Tagen hier angelangt war. Viele Auswanderer saßen wieder drin mit
Kind und Kegel. Kalifornien ist seit dem Goldfieber von 1848 noch immer
das Land der Sehnsucht aller Auswanderer. Unaufhörlich geleiten die
Pazifikbahnen den fremden Menschenstrom in das gelobte Land am Stillen
Ozean ... Die Bahn senkt sich. Der Nebel streicht über die Föhren wie
über irgendeine deutsche Heide. Weite blaue Bergländer tun sich in
der durchbrechenden Mittagssonne auf. Wir halten in Ash-Fork, einer
Bahnkreuzung. Aber es ist nicht mehr als ein Dorf, dessen Straßen aus
Holzplanken bestehen! Die Häuser sind buchstäblich auf den Sand gebaut.
Aber bald wird auch hier eine „~main-street~“ (Hauptstraße), ein paar
~lunchrooms~, eine ~general merchandise~ sein, und wohl auch ein oder
zwei kleine Holzkirchen stehen. Links und rechts erheben sich mächtige
Kraterhügel, wie unvermittelt auf das Plateau aufgesetzt. Schnaubend
zieht die Bahn, nach der Durchschreitung des felsigen Johnsons Cañon,
wieder in die Höhe. Neue Aussichten über weite, wellige Hochländer
öffnen sich. In gewaltigen Kurven dampfen wir das Grasland hinan. Und
weit und blau spannt sich der Himmel über dem ungeheuren Lande. Wem
gehört hier dies alles? Niemand? Die Dämme sehen alle noch recht frisch
und unbewachsen aus. Einige armselige „~fences~“ (Hürden) zeigen einige
private Besitzer an.
In „+Seligman+“ wird die Uhr zum viertenmal seit Boston um eine volle
Stunde nachgestellt: Nun ist „~Pacific time~“! (Die Union ist ja
etwa 17mal so groß als das Deutsche Reich, also rund viermal so lang
und so breit. Darum kommen wir in Deutschland mit ein und derselben
Görlitzer Zeit aus, d. h. die Sonnenzeit in Köln und Königsberg
differiert nur etwa um eine Stunde und die Görlitz-Berliner Zeit
hält das Mittel inne.) Wir setzen auf wohlvollendeter Brücke über
einen völlig wasserlosen Cañon. Dann dehnen sich wieder endlose
gelbgraue menschenleere Steppen, blendend im Sonnenschein mit
scharfabgezeichneten Schatten auf dem sandigen Boden säumender
Bergreihen. Wie rein und klar ist hier die Luft und wie sonnig! Wenn
ich jetzt alle die durchfahrenen Distanzen überdenke: Eine volle
Nacht von Boston bis Buffalo! 15 Stunden von Buffalo nach Chikago.
Und von Chikago bis zum Pazifik waren es vier Tage und drei Nächte!
Bädeker hat recht mit seinem lakonischen Satz im Vorwort: „In Amerika
lasse man alle engen Vorstellungen zurück.“ Wer Freude an einer
wochenlangen, fortgesetzt wechselnden Bahnfahrt haben will, hat bloß
zwei Möglichkeiten dazu, entweder mit der sibirischen oder einer
amerikanischen Pazifikbahn zu fahren.
Was für Zukünfte schlummern noch in diesem ungeheuren Land der Rassen
und Schätze an Eisen und Kohle, Weizen, Mais und Baumwolle, Vieh, Gold,
Quecksilber und Petroleum! Davon ahnen die kleinen Italienerkinder noch
nichts, die im Mittelgang unseres Wagens einander fröhlich haschen.
Die Geschwindigkeit läßt etwas nach. Kleine Steppenkolonien tun sich
auf, deren Häuser wie kleine Badehütten an einer Düne stehen. Ein paar
völlig weltverlorene Stationen, wo nichts weiter als ein Stationsschild
mit Aufschrift die Haltestelle bezeichnet und ein paar Schuppen
für Hirten stehen. Die einzigen Tiere, die man zu Gesicht bekommt,
sind hier merkwürdig kleine, dünnbeinige, aber wahrscheinlich sehr
ausdauernde Steppenpferdchen ...
Weiße Wölkchen stehen sonnendurchschienen am blauen Himmel. Im Wagen
spielen die Männer gelangweilt Karten, essen, schlafen, schmökern
aus Zeitungen, trinken Eiswasser und träumen von der Zukunft. Wer
rauchen will, muß für eine Zeit den am Ende des Zugs befindlichen
allgemein zugänglichen, aber engen ~smoking-room~ aufsuchen. Recht
nachahmenswert!
Ein Kolonistendörfchen mit etwa 15 Hütten zeigt sich unter ein paar
grünen Bäumen. Ob nicht in zehn Jahren hier eine Stadt sein wird? Dann
wird die Landschaft wieder steiniger, als es auch in der arabischen
Wüste kaum sein könnte. Aber die Menschen erscheinen hier viel ruhiger
und gelassener als im Osten. Es jagt sie keine „City“ mit ihren
Untergrundbahnen und Autos. Die Natur ist auch zu groß hier für Hast
und Hitze. Selbst die typischen kleinen Kirchen sieht man hier kaum
noch. Sind die Menschen hier darum gottloser? Ich kann mir das in
dieser Naturszenerie gar nicht vorstellen.
Gegen Abend -- wir nähern uns jetzt der Grenze des Staates Kalifornien
-- werden die Randgebirge wieder höher. Stundenlang geht es durch
dieselbe eintönige Wüste. Leben hier wilde Tiere? Und was für
welche? Kein Wölkchen trübt mehr den purpurroten Abendhimmel.
Unter einigen Kakteen, Yuccabäumen und Palmen hocken ein paar
runzlige Indianerfrauen. Station Kingman. Das Gelände ist jetzt
von ganz südlichem Charakter. Was wir daheim in Treibhäusern und
Palmenhäusern bestaunen, wächst hier wild. 100 Meilen wieder seit
Seligman! Dazwischen haben wir nicht +ein+mal gehalten! Wozu auch?
In den namenlosen Bergen und Felscañons? Rötlich schimmern die
einsamen Bergketten im Abendlicht. Arizona trägt seinen Beinamen
„das Land der schönen Sonnenuntergänge“ nicht umsonst. Sand um Sand,
purpurschimmernde Kraterhügel wie von Riesenmaulwürfen aufgeworfen. Wie
mit der Schere ausgeschnittene Bergketten, die sich scharf vom blanken
Himmel abzeichnen.
Hier könnte man sich, da die Stationen 100 Meilen auseinanderliegen,
bei Nacht einen Zugüberfall sehr gut vorstellen. Tatsächlich fand
einer gerade in dieser Gegend zwei Tage später, als ich schon in San
Franzisko war, in der üblichen Weise statt, über die sich niemand in
Amerika mehr aufregt: Schienenaufreißen, falsche Signale, Aufspringen
auf die Lokomotive, Überwältigen von Lokomotivführer und -heizer,
Durchsuchen des Packwagens, Einschüchterung der schlafenden Reisenden
mit vorgehaltenen Revolvern ... Dann geht es wieder weiter. Man rührt
sich nicht, und ohne Blutvergießen geht es vorüber! Aber was machen
sie hier in den Fällen von Maschinendefekt und ähnlichem? Das mag eine
hübsche Zeit dauern, bis hierher eine Reservemaschine kommt!
In dem nahen Flußbett sieht man Wagenspuren. Wüsten um Wüsten. So
hätte ich mir Arizona nicht vorgestellt, so einsam und verlassen. Wie
völlig anders waren dagegen die Staaten am Atlantik! Und was soll hier
wachsen? Endlose purpurn erglühende Bergzüge. Wie Goldkronen liegen die
letzten Sonnenküsse auf den rückwärtsliegenden Felsbergen ...
Wir setzen über einen sehr breiten Strom. Es ist der Kolorado River,
der den Cañon durchströmt; eine Ebene öffnet sich am Fluß. „Needles“
ist erreicht am Eingang zum Goldland Kalifornien, genannt nach
den in der Ferne wie spitze „Nadeln“ aufsteigenden Porphyrketten.
Die Bahnlinie hat sich wieder mächtig gesenkt. Die Hochebenen sind
verlassen. In eiliger Fahrt war es in mannigfachen Windungen hinab dem
Koloradofluß zugegangen, der hier kaum noch 200-300 ~m~ über Seehöhe
aus den Bergschluchten tritt! Hier ist alles subtropisch, ja fast
tropisch. Kaum aber daß ein bißchen Naß das Land besprengt, da sprießt
es auch schon in ungeahnter Üppigkeit. Man sieht die Männer hier auch
abends im Frühling nur in Hemdsärmeln.
Es ist Zeit, das Abendessen einzunehmen. Wie ausgehungert eilt alles
zu den Fleischtöpfen ... Geradezu mystisch schön sind die Tinten an
dem unbeschreiblich kristallklaren Abendhimmel ... Dann geht es nach
25 Minuten Aufenthalt wieder in die Nacht hinein. Die Mondsichel tritt
klar und scharf heraus. Wir fahren durch die Mojawewüste. Ich wache
in der Nacht einmal auf, als wir in Dudlow halten. Funkelnd steht der
Orion am Himmel. Laut zirpen Tausende von Grillen durch die milde
südliche Nacht. Von den San Bernhardinobergen sehe ich freilich nichts,
auch nichts von den erloschenen Vulkanen und ausgetrockneten Salzseen
der Mojawewüste ...
Aber wie verwandelt ist das Bild am Morgen! So wie wenn man durch den
Gotthard fährt und auf der anderen Seite des Tunnels, nachdem die
Wasserscheide der Alpen durchschritten ist, eine andere Welt findet.
So wachen wir in der Frühe, als wir von den San Bernardinobergen (3500
~m~!) in die Ebene in sausender Fahrt herunterfahren, bei feuchten
Morgennebeln auf, die schon vom Stillen Ozean herandringen; das Berg-,
Steppen- und Wüstenklima Arizonas ist völlig verschwunden. Es herrscht
nebliges Seeklima. Um sechs Uhr rüttelt mich der Neger an der Schulter:
Noch 40 Minuten bis Los Angeles! Aufstehen!
Nun, da war es ja Zeit, sich zu erheben und wie immer auf dem
Oberbett sitzend anzukleiden und sich fertigzumachen. Für die
meisten Mitreisenden bedeutete die Ankunft in Los Angeles viel mehr
als für mich! Die meisten kamen jetzt an ihr Lebensziel, in ihre
neue Heimat, sowie wir etwa damals in Neuyork nach über 3000 Meilen
Seefahrt landeten, so „landeten“ sie jetzt nach einer Bahnfahrt von
4000 ~km~ von Neuyork oder 3000 ~km~ von Chikago -- also fast ebenso
großen Entfernungen wie von Europa! -- an der Küste des Stillen
Ozeans. Als ich zum Wagenfenster hinausschaute, bot sich ein völlig
veränderter, fast märchenhafter Anblick dar. Tagelang waren wir
durch grasige Steppen und einsame Hochebenen, über sandige Wüsten
und durch felsige Cañons gefahren, und jetzt fuhren wir auf einmal
durch die ausgedehntesten prächtigsten Weingärten, vorüber an ganzen
Alleen von Pfeffer- und Orangenbäumen, vorbei an den herrlichsten mit
hohen Palmen bepflanzten Straßen und den saubersten, malerischsten,
von den üppigsten Pflanzungen grünumrankten und unter Blütenpracht
förmlich begrabenen Landhäusern und Landstädtchen. Zitronen und
Eukalyptus, Orangen, Palmen und Wein, Akazien und Agaven, welche
ein märchenhaftes Paradies, noch viel üppiger und blühender als das
fruchtbare Oberitalien! Und Los Angeles’ Umgebung ist vielleicht wieder
die Krone des ganzen herrlichen Landes. Aber, lieber Leser, sage das
nicht laut in San Franzisko! Du könntest auf offener Straße dafür
niedergeschlagen werden. Und jedermann würde es recht finden! Denn es
gibt auf Gottes Erdenrund kaum zwei aufeinander eifersüchtigeren Städte
als San Franzisko und Los Angeles, die beiden ehrgeizigen Königinnen
Kaliforniens ... Wir halten. Ich steige aus. Am Ziel! Eine Welt von
Bildern und Eindrücken, was mit zum Großartigsten der Welt gehört, war
an mir vorübergezogen.
+Los Angeles+ hat einen schönen und stolzen Namen. Als spanische
Gründung 1781 wurde es „~La Puebla de Nuestra Señora La Reina de Los
Angeles~“ („Stadt unserer Herrin der Königin der Engel“) genannt. Erst
seit 1846 ist es bei nur 1600 Einwohnern (!) amerikanisch geworden.
Noch 1880 hatte es noch immer kaum 50000 Einwohner, heute bald eine
halbe Million. Als ich aus dem Bahnhof trat, sah ich zunächst noch
nichts von seiner paradiesischen Herrlichkeit, noch von seinen 130
Kirchen, eher konnte ich an seine 2000 Fabriken glauben. Schmutzig
und düster erschien die nächste Umgebung. Der erste Kampf ging wieder
einmal darum, mit heiler Haut aus dem Geschrei der Kofferträger,
Transferagenten, Hotelportiers, Autos und Kutscher herauszukommen.
Lastwagen wirbelten auf den zum Bahnhof führenden Straßen genug Staub
auf ... Ich sah japanische, chinesische Anschriften, den Fremden
einladende Herbergen der Heilsarmee ... dann schlug ich mich durch bis
zur Innen- und Geschäftsstadt. Banken, Läden, Warenhäuser wie überall.
Es hielt mich diesmal auch nicht lange in der Stadt. Geschichtliches
bietet sie gar nichts. Ich strebte so schnell wie möglich nach dem
Stillen Ozean, von dem „die Stadt der Engel“ noch immer 35 ~km~
entfernt liegt!
Möglichst rasch und entschlossen ging ich zu dem Bahnhof der
ausgezeichneten elektrischen Lokalschnellbahnen, die nach jeder
Richtung von Los Angeles in die Umgebung streben. Ich bestieg sofort
einen Zug, der geradewegs nach San Pedro am Pazifik fuhr.
Mit Schnellzugsgeschwindigkeit waren wir in 40 Minuten dort ... Noch
war es wolkig, und Morgennebel lag über den Feldern. Erst ging es
eine Weile durch weniger reizvolle Vorstädte, Chinesenviertel und
Arbeiterquartiere und an allerlei Schuppen und Lagerhäusern vorbei.
Dann kam ein Geländestreifen mit reizenden Landhäuschen, tief in das
üppigste südliche blühende Grün eingebettet: Palmen, Gummibäume,
Eukalyptus, Orangen, Rosen, Geranien, Yuccas und Granatbäume in
paradiesischem Wechsel. Danach wieder lange unangebaute grasige
Steppen. Die Gegend glich in manchem der zwischen Rom und Ostia in
Italien. Zuletzt erhoben sich rechter Hand die San Pedroberge. Und
vor uns dehnte sich gewaltig -- der Stille Ozean! Wir hielten in der
kleinen Hafenstadt San Pedro an der San Pedrobai.
Grau und etwas wolkig mit mäßigem Wellenschlag lag der Stille Ozean
da. Er schien seinem Namen Ehre machen zu wollen! Nun war mir an
seiner Küste das Angesicht Asiens, Japans und Chinas zugewendet! Im
Hafen lag ein großer Dampfer, der „President“, der gerade nach San
Franzisko in See stechen wollte. Ein Stück weiter links schaukelte
sich ein kleineres Dampfboot von nur 600 Tonnen, nicht viel größer
als unsere Rheinschiffe, zur Abfahrt bereit nach der sonnigen Insel
Santa Catalina im Stillen Ozean. Sie ist 25 Meilen von der Küste
entfernt, also etwa zwei Drittel soweit wie Helgoland von Cuxhaven.
War ich einmal am Stillen Ozean, so wollte ich auch +auf+ den Stillen
Ozean! Also schnell ein Billett gelöst und auf der Ozeannußschale, dem
„Cobrillo“, eingeschifft!
Nach kaum 20 Minuten stach er mit Menschen wohlgefüllt in See! Er
fährt täglich einmal am Vormittag hinüber und am Nachmittag wieder
zurück. Ich hatte es gut getroffen. Bald nach der Abfahrt hellte
sich der Himmel langsam auf. Nach einer Stunde Fahrt verschwand die
kalifornische Küste hinter uns. Man sah nur noch das Wasserrund des
Ozeans. Nicht lange danach tauchten vor uns matte Linien ziemlich
stattlicher Berge auf, die ersten Wahrzeichen des einsamen Eilandes
draußen ...
Die Meerfärbung war noch eintönig grau. Mehrmals hielt ich die
Dunst- und Nebelgrenze auf dem Wasser schon für die Küstenlinie,
aber so schnell waren wir nicht dort! Die Dünung der See war mäßig,
aber für das kleine Boot schon beträchtlich. Wir waren kaum zum
Wellenbrecher hinaus, da erbleichten auch schon die meisten Gesichter
der mitfahrenden Damen. Der kleine Kasten stieg tüchtig auf und nieder
oder rollte rhythmisch von einer Seite auf die andere. Einige Frauen
sanken blaß ihren Männern in die Arme, andere stürzten gleich mit dem
Deckstuhl um ... Möwen folgten uns noch lange ...
Je näher wir dem Eiland kamen, desto deutlicher wurden seine Umrisse.
Jetzt erkannte man auch schon Felsabhänge und kahle und grasige
bis zu 600 ~m~ aus dem Meer ansteigende Bergabhänge auf ihm. Wie
ein Blinklicht glänzte das helle Dach eines Sommertheaters uns
entgegen. Solange wir auf See waren, war es fast kühl. Als wir nach
zweieinhalbstündiger Fahrt in die Bucht von Avalon einfuhren, brach
die Sonne leuchtend hervor, und eine wohlige Wärme empfing uns auf der
basaltischen Insel ...
Recht spaßig war die Landung. Während wir in die Bucht hineindampften,
empfing uns eine ganze Menge kleiner Ruderboote, aus denen uns die
Bootsführer schon auf ziemlich beträchtliche Entfernung ihre Hotels,
Pensionen, Bars, ~lunchrooms~, Wagen, Boote usw. durch das Sprachrohr
anpriesen, mit echt südländischer Lebhaftigkeit einer den anderen
überschreiend. In gleicher Weise wurden wir einst auf der ähnlich
gelegenen und ähnlich anmutenden Insel Capri empfangen. Die meiste
Reklame machte ein Boot mit einem „gläsernen Boden“, unter dem ständig
ein nackter, brauner Schwimmer einherschwamm, um des Bootes und des
Wassers Durchsichtigkeit zu zeigen! Auch ein Sport! Wieder andere
tauchten unaufhörlich nach ins Wasser geworfenen Fünfcentstücken, deren
sie in wenigen Minuten mehrere schwimmend und tauchend heraufholten und
triumphierend und wie Seehunde triefend auf die nasse Ruderbank ihres
Bootes zum Beweis und als Lohn niederlegten. Als wir endlich auch noch
die prüfenden hämischen Blicke der Badegäste am Landungssteg passiert
hatten, hielten wieder die ~porters~, Agenten und Hotelburschen uns
mit Geschrei und Anpreisungen auf; eine resolute Wirtsfrau aber
übertönte sie alle, indem sie mit einer mächtigen Klingel in der Hand
laut schellend vor ihrem ~lunchroom~ auf- und ablief, bis sie ihn voll
Ankömmlinge hatte. Und Appetit hatte die Seefahrt ja gemacht ...
Dann erging man sich in den wundervollen sattgrünen und sonnigen
Anlagen am Strande des Seebades, wo sich Hotel an Hotel und Villa
an Villa reihte. Weit ins Innere begab ich mich nicht. Ich fand es
am schönsten, mich an einer etwas abgelegenen und einsamen Stelle
am Strande zu lagern und als freies Kind der Natur dem Spiel der
ankommenden sich brechenden Wellen zuzuschauen und dem heiseren Bellen
der plumpen Seelöwen zu lauschen, die nicht weit vom Strand auf
wasserumspülten Klippen ihr lustiges Spiel trieben, bald mit ihrem
glatten, geschmeidigen Körper ins Wasser gleitend, bald triefend wieder
aufs Trockene emportauchend.
Wie warm schien die Sonne auf Sand und Steine! Einige Möwen kreisten zu
meinen Häupten. Ein ganz milder Wind wehte von der See herein: Leicht
und klar umplätscherte mich das Wasser des Ozeans. Die Wiese herab
blühten unzählige weiß und lila leuchtende Blümlein. Es waren einzige
Stunden der Erholung und des Unberührtseins von Welt und Menschen.
Nach einer Stunde kam den Weg an den Felsen entlang als einziger
Mensch eine alte weißhaarige Dame geschritten, die ihren üblichen
Nachmittagsspaziergang machte. Eine schwarze Dienerin trug und hielt
ihr den Sonnenschirm über den Kopf. Wie sie mich plötzlich von ferne
am Wasser im warmen Sand ruhend erblickte, kehrt sie erschreckt um.
Die Taucher und der Glasbodenschwimmer lagen derweilen auch in ihren
Bademänteln, auf neue „Arbeit“ wartend, am Strand unter den Hotels.
Der „Cobrillo“ rauchte friedlich aus seinem Kamin in der Bucht.
Die Seelöwen bellten immer noch, und die resolute Wirtin hatte ihr
lautes Schellen eingestellt. Welche paradiesische Ruhe hier! Welche
nervenstärkende Stille und wohlige Wärme an diesem glücklichen Strande!
Und wie lockend mußte es sein, diese paradiesische Insel wie ein
Robinson nach allen Richtungen zu durchstreifen ...
Um dreieinhalb Uhr rief der Cobrillo mit seiner Sirene wieder seine
Fahrgäste zusammen, auf daß man noch zum ~dinner~ abends nach Los
Angeles kommt. Vier Stunden Aufenthalt waren mir wie ein Tag auf
diesem paradiesischen Eiland vorgekommen. Die See war jetzt ganz
ruhig geworden. Die ersten Fahrgäste überschritten schon wieder den
schwankenden Landungssteg und suchten sich gewitzigt von der ersten
Fahrt die Mittelplätze beim Schornstein aus. Die Taucher gingen wieder
an ihre „Arbeit“. Der nackte, braune Glasbodenschwimmer ruderte sein
Boot hinaus. Da mußte auch ich meinen Strandwinkel verlassen und warf
mich wieder in die Tracht des wohlbekleideten Kulturmenschen. Ach, daß
das Schönste immer am schnellsten vorübergeht! Und es bleibt allein die
Erinnerung ...
Bei völlig ruhiger See und vollem Sonnenschein stachen wir wieder auf
dem kleinen Dampfer in See, dem Kontinent entgegen. Die Berge hoben
sich in unserem Rücken wieder höher und höher. Eine alte spanische
Missionskirche über dem Hotel Metropole und Grand View winkte uns den
Abschied zu. Die Möwen flogen auch wieder mit uns heimwärts. Und die
Hochzeitspärchen an Bord hatten bei der Rückfahrt keine ungewollten
Umarmungen mehr zu befürchten ...
Um sechs Uhr liefen wir wieder in San Pedro ein. In der Abenddämmerung
rasten wir die 23 Meilen nach Los Angeles mit der elektrischen
Schnellbahn in 40 Minuten zurück. Und als ich wieder nach diesem
eindrucksvollen Ausflug die „Main Street“ durchschritt, brannten
bereits die vornehm wirkenden Glaskandelaber in den Hauptstraßen
von Los Angeles und machten sie zu wahren Wandelgängen unter freiem
südlichem Himmel. Alles Volk, besonders die flirtende Jugend, zog
die Hauptstraße unter den brennenden Kandelabern auf und ab, eine
allgemeine südliche Mode wie in den Hauptstädten Italiens und Spaniens,
wo man sich erst abends recht aus den Häusern wagt. Mein Abendessen
nahm ich bescheiden in einem sogenannten „~help-yourself~“-Restaurant.
Da tritt man zu den langen Büfettreihen selbst mit einem Tablett in
der Hand, nimmt sich Teller, Messer, Löffel, Gabel und stellt sich
selbst aufs Tablett an Speisen, die ständig am Büfett bereitstehen,
was man begehrt. Bei dem letzten Büfettfräulein erhält man dann einen
Zettel, auf dem sie alles blitzschnell addierend, angibt, was das
selbstgewählte ~Menu~ kostet. Der Preis wird beim Ausgang an einer
Kasse entrichtet. Äußerst praktisch wie alles in Amerika und zugleich
auch recht appetitanreizend! Außerdem spart man die Ausgabe für
Getränke und Bedienung, die ja bei uns oft noch ein Drittel Aufschlag
bedeuten. Man ist auch schneller fertig, macht anderen Platz, wischt
den Mund, stellt das abgegessene Geschirr zur Seite, bezahlt und geht,
denn „~time is money~“. Ja hier gab es sogar noch Abendmusik gratis
dazu!
Dann ging ich auch einmal in ein „~show~“, ein einfaches Theater, um
den Abend nützlich zu verbringen. Es hatte drei Ränge, die an fast
gefängniskahlen Wänden umliefen. Der Vorhang war, ehe er aufging --
echt amerikanisch! -- mit Reklamen bedeckt! Das Theater saß ziemlich
voll junger Leute, Weiße und auch Chinesen! Der Eintrittspreis war
nicht gering. Das Spiel dauerte zweieinhalb Stunden. Aber es wurde
dabei geraucht; andere aßen Orangen und Bananen. Die Schalen warf man
einfach unter die Sitze! Erst kamen allerlei recht üppige Balletts,
die anscheinend besonders den anwesenden Halbwüchsigen gefielen,
dann trat eine tauchende Dame in schwarzem Trikot auf, zuletzt kam
ein amerikanisches Drama: „Die City“, in dem die Gefahren und die
schließliche Verzweiflung eines von der City Zermalmten geschildert
wurden. Die Taucherin sprang und hüpfte und schwamm wie ein Aal; behend
und schlank war sie wie ein Reh. In dem Drama wurde eine wohlhabende
Bankierfamilie einer Landstadt geschildert: Sohn und Tochter streben
nach Neuyork. Der konservative Vater warnt vergeblich. Ein natürlicher
Sohn desselben fordert Geld von ihm und droht ihm im Weigerungsfall
mit Erschießen. Das erregt den Alten so, daß er darüber stirbt, nicht
ohne seinem rechten Sohn den Grund offenbart zu haben. Zehn Jahre
später steht dieser vor seiner Wahl zum Gouverneur in Neuyork. Seinen
Halbbruder hat er zu seinem Sekretär gemacht. Seine Schwester will
sich von ihrem trunksüchtigen Mann scheiden lassen, weil sie ihren
Halbbruder liebt, ohne um sein Geheimnis zu wissen. Ihr echter Bruder
offenbart ihr, daß ihre mit ihm bereits heimlich geschlossene Ehe
nichtig ist. Daraufhin erschießt verzweifelt der Halbbruder die Gattin,
die seine Schwester ist. Er wird verhaftet und dem Gericht übergeben.
Die Sünde der Väter rächt sich an den Kindern! Der Held des Stückes
schließt: „Nicht die City verdirbt den Menschen, sondern der Mensch die
City. Die City offenbart nur, wer sich in ihr zu behaupten vermag und
wer nicht.“ Man ging ergriffen. Draußen umwogte einen die wirkliche
„City“ mit ihrer Dollarjagd und ihren Versuchungen. Welch erschütternde
Bekenntnisse hatten mir Freunde anvertraut! Es menschelt überall sehr
und immer in gleicher Weise in der Welt, aber im ganzen scheint man in
Amerika schamhafter und „moralischer“ zu sein, wenn auch oft prüder.
Die Witzblätter dürfen nicht so offen geil wie zuweilen bei uns sein.
Die Prohibition hat sicher auch hier ihre unschätzbaren Verdienste ...
* * * * *
Am anderen Tag hoffte ich, Kalifornien, das allein so groß ist
wie unser jetziges Deutsches Reich, zu durchqueren. Die Luftlinie
von Los Angeles bis Frisko mißt etwa 600 ~km~! Die Gesamtlänge
des amerikanischen Kaliforniens beträgt aber etwa 1500 ~km~ oder
die Entfernung von Memel bis Basel! Freilich beträgt die Breite
durchschnittlich nur 300-400 ~km~. Danach kann man sich ungefähr
von seiner Größe eine Vorstellung machen. Die Einwohnerzahl beträgt
freilich noch nicht zwei Millionen, von denen die reichliche Hälfte in
den beiden wetteifernden Großstädten wohnt! Man fährt von Los Angeles
15-16 Stunden mit dem Expreß nach San Franzisko. Ich teilte mir deshalb
diese Strecke lieber, um unterwegs noch allerlei mitzunehmen.
Volles sonniges, warmes Wetter begünstigte die Fahrt. Man bedauerte
es fast, wieder in den Pullmann steigen zu müssen. Draußen lagen die
pinienbewachsenen Berge im hellsten Sonnenschein; ihnen zu Füßen
reifende Getreidefelder im April! Viermal wird hier im Jahr Gras
geschnitten und Heu gemacht!
Von der Fruchtbarkeit und Üppigkeit Kaliforniens machen wir uns
in Deutschland ebensowenig eine zureichende Vorstellung wie von
der Wüstenhaftigkeit des Felsengebirges und der Unendlichkeit der
Mississippiebenen. Ich fuhr mit der „~Line of the thousand wonders~“
(Linie der 1000 Wunder) und war auf die „Wunder“ wirklich gespannt. Wie
in Italien schimmerten von allen Höhen weißgestrichene Häuschen. Durch
die Felder zogen Pflüge, von acht Maultieren gezogen. Rechts grüßten
die Berge, links dehnten sich die strotzenden Felder, ganz leicht blau
drüben lockte die Linie des Ozeans! Ganze Haine voller Oliven, als ob
es graue Weiden wären, flogen vorüber.
Neben mir sitzt, wie ich bald herausbekomme, ein alter
Schleswig-Holsteiner, der als Junge in den fünfziger Jahren des
19. Jahrhunderts schon herübergekommen war. Jetzt war er gut ein
Fünfundsiebziger geworden! Er war nicht zurückgekehrt, weil er Preußen
haßte und nicht beim Militär dienen wollte. Da ich ständig mit
Notizbuch und Bleistift in der Hand zum Wagenfenster hinausstarrte,
fragte er mich, ob ich Land kaufen wollte. Daß man bloß zum Vergnügen
und zum Studium durch die ganze Union reisen könne, begriff er nicht,
am allerwenigsten aber, daß ich wieder in die alte Heimat zurückwollte.
Spöttisch fragte er mich -- die typische Frage alter verbissener
Deutschamerikaner -- ob es jetzt in Deutschland auch Straßenbahnen,
elektrisches Licht und Dampfheizung gebe, oder ob wir noch
Petroleumlampen brennten und mit der Postkutsche führen? Er war nie
wieder, verbittert wie er war, in die Heimat zurückgekehrt und konnte
sich kaum vorstellen, daß auch bei uns jetzt modernes Leben herrschte.
Vielleicht überzeugt ihn unser Zeppelin ~Z III~, falls er ihn noch
erlebte, wenn er als „Los Angeles“ die „Stadt der Engel“ besucht.
Bald trat die Bahnlinie ganz dicht und höchst malerisch an den Ozean
heran. Die felsigen Berge ließen nun kaum noch Raum für ihre Trasse.
160 ~km~ lang fuhren wir an der kalifornischen „Riviera“ hin, die in
der Tat der italienischen und französischen nichts nachgibt. Drüben
über dem St. Barbara-Kanal sah man die felsige Insel Santa Cruz, die
Hänge der Berge über und über mit Blumen übersät, als herrsche hier
ewiger Frühling. Schäumend brachen sich die anrollenden Wogen des
Ozeans an der Steilküste wie in Rapallo oder Nervi. Auf hoher See zog
ein Dampfer mit langer Rauchfahne. War es der „President“ von gestern
aus San Pedro? Wo sich das Land wieder ein wenig öffnete, zeigten
sich goldgelbe Senffelder, in denen braune Spanier arbeiteten. Von
ihnen stammt die Landbevölkerung vielfach besonders um die alten Sitze
der spanisch-mexikanischen Missionen herum ab. Dann sah man wieder
Gummibäume, Eichen, Oliven und weite Weidetriften. Und so oft die Bahn
stieg, weiteste Aussicht über den blauen Ozean! Man wurde die Illusion
nicht los, als ob man etwa zwischen Pisa und Genua fahre. Gelb und
blau sind die Meeresabhänge in unbeschreiblich prächtigem Blumenflor.
Es waren wirklich die „~thousand wonders~“ keine Phrase! Dann drängten
uns mächtige Dünen vom Meer ab. Asphalt- und Petroleumquellen an und in
demselben mit den die Landschaft entsprechend verunzierenden Essen und
Fördertürmen tauchten auf ...
[Illustration: ~SANTA BARBARA~
~Alte spanische Franziskaner-Mission~]
Wir hielten in Santa Barbara, 100 Meilen von Los Angeles, dem
amerikanischen „Mentone“, einem der Glanzpunkte der kalifornischen
Riviera, zugleich einem der mildesten und geschütztesten
Winterkurorte der Union, wo man keinen Winter kennt und auch keinen
unerträglich heißen Sommer, eingebettet in Rosen und überragt von
der alten historischen und höchst malerischen 1786 gegründeten
Franziskanermission des berühmten Padre Junipero Serra. Die Bilder
des Klostergartens mit seinem Kreuzgang, dem Refektorium, der
weißgestrichenen Kirche und den braunen Kutten der Franziskaner
zauberten ein volles Stück Mittelalter mitten in das modernste Land der
Erde. Noch hatte kein Erdbeben es verwüstet.
Weiter geht es an der Riviera entlang in 100 Meilen nach San Luis
Obispo in einem weiten Wiesental. Es wird allmählich warm. In einem
von der Mittagssonne blendenden Steinbruch arbeiten halbnackte,
braunschwarz gebrannte Arbeiter. Denken wir im Anblick der Kapitols,
~state-houses~ und ~skyscrapers~ immer daran, wer ihre weißen Blöcke
gebrochen und ihre Quadern behauen hat? Wieviel Menschenschweiß klebt
doch an jedem Stein der Großstadt! Die Bahn steigt in mächtigen Kehren
vom Ozean ab über das Gebirge der Luciaberge 400 ~m~ hoch durch sieben
mit Holzplanken gestützte und ausgebaute Tunnels hinüber in das
Salinastal, wo in weiten wegelosen Eichenhainen halbwilde Rinderherden
fröhlich ihr Leben genießen. Ab und zu tutet die Lokomotive mächtig in
die Welt hinaus, um Gegenzüge zu warnen, oder klingelt, um Wanderer
von dem Schienenweg zu scheuchen. Die weitesten Strecken liegen hier
noch unangebaut! Der alte Schleswig-Holsteiner hatte nicht so unrecht.
Hier könnte man gut nach Land ausschauen. Was könnte hier aus den
Weidetriften noch für ein Etschtal werden!
Wie aus einem Kinderspielzeugkasten tauchten weißgestrichene Landhäuser
zwischen dunklem Grün auf. Kleine, schwarze, scheinbar unansehnliche
Schweine, halb verwildert, tummeln sich an einem kleinen Sumpf. In
Salinas steige ich aus, um Monterey, die älteste Stadt Kaliforniens,
einst vor San Franzisko und Los Angeles des Landes Hauptstadt,
aufzusuchen. Heute ist Monterey ein ganz stilles Landstädtchen von kaum
2000 Einwohnern an der entzückenden, paradiesischen Montereybucht. Ein
Wagen bringt uns auf herrlicher Straße zu einem der komfortabelsten und
prächtigsten Hotels der Welt, Hotel del Monte. Seine Gärten und Parks
sind weltberühmt, sie bergen in sich alle Pflanzenwunder Arizonas und
Kaliforniens zugleich. Man wandelt unter Palmen und riesigen Kakteen,
in Alleen von Rosen und Eukalyptus, unter immergrünen Steineichen,
Pinien und Zypressen. Es dunkelte schon, als wir aus der Heide
wieder ans Meer kamen. Geheimnisvoll tauchte wieder der Ozean, unser
Begleiter, auf. Einsame Vögel kreisten am Abendhimmel. Schwarz zogen
sich im Dunkel die Dünen am Strande hin. Letzte Lichter tanzten auf dem
Wasser ...
Im kleinen Städtchen mit seinen alten, krummen und primitiven Straßen,
deren Häuser meist nur ein- oder zweistöckig sind wie in Santa
Fé, fühlt man sich bald nach Mexiko und bald nach China versetzt.
Chinesischen Wäschern und Fischern begegnet man dort ebenso zahlreich
wie den spitzhütigen Mexikanern. Und das Bild wird noch bunter durch
die Uniformen der zahlreichen Soldaten des „~presidio~“. Abends
promenierten sie alle durcheinander an den wenigen Läden, den einfachen
~dairies~, ~drug-stores~ und ~bars~ entlang, die aber nicht viel mehr
als erleuchtete hölzerne Buden waren. Besonders viele Aushängeschilder,
mit denen zum Eintritt in das Heer aufgefordert wurde, sah man hier:
„~U. S. Army. Young men wanted! Good pay! No expenses! Unusual
opportunity for travel, education and advancement!~“[25]
Nach einem Abendimbiß trete ich in ein Lokal der „Bethlehem-Mission“,
in der gerade eine „Erweckungsversammlung“ stattfindet. Sie verläuft
ganz heilsarmeemäßig. Zwar ist sie nur halbgefüllt mit einfachen
Frauen und Männern; auch Soldaten sind da. Eine Prediger+in+, eine
verhältnismäßig noch junge Dame, steht am Pult und redet unter Singen
und Händeklatschen, wozu sie auch bei Haupt- und Kraftstellen die
Anwesenden animiert, von der Notwendigkeit der sofortigen Bekehrung.
Die Soldaten hörten ganz andächtig zu. Zur Bußbank kam freilich
keiner. Da ich es nicht über mich brachte, meine religiösen Gefühle
rhythmisch mit anderen zusammenzusprechen und unter Händeklatschen
den Takt angebend zu begleiten, entfernte ich mich recht bald wieder.
Die geistige Kultur, auch die religiöse, erschien mir zuweilen drüben
noch recht primitiv! Vielleicht hätte die Predigerin auf Neger und
Navajo-Indianer mehr Eindruck gemacht als auf mich. Freilich war ihr
Eifer und sittlicher Ernst höchst anerkennenswert. Man stelle es
sich etwa so vor: „~God is love~“ (klatsch, klatsch!) -- „halleluja,
halleluja, halleluja!“ (klatsch, klatsch!) usw. Das lag mir noch lange,
aber nicht gerade angenehm im Ohr. Hier wirkt mehr das Exerzitium, die
Routine und die Suggestion als freie Überzeugung. So preßt und knetet
man Seelen, aber gewinnt sie nicht.
Ein herrlicher Morgen brach anderen Tags an, wie es der vorige
war am Santa Barbara-Kanal und der kalifornischen Riviera.
Strahlendes Blau spannte sich über dem blendend weißgelben Strand
und den sanft anrollenden Wogen mit ihrem ewigen Anprallen und
Zurückschlürfen. Die chinesischen Fischer wuschen schon ihre Netze,
als ich mich auf die Wanderung begab, den herrlichen und berühmten
~seventeen-miles-drive~[26] entlang zu gehen. Bei Pazifik Grove nahm
mich ein kühler schattenspendender Fichtenwald auf, in Amerika eine
Seltenheit. Mir gingen Schillers Zeilen im Kopfe um:
„Und in Poseidons Fichtenhain,
Tret’ ich mit frommem Schauder ein ...“
Immer üppiger wurde der Forst. Auch hier hätten Räuber kommen können
und den deutschen Götterfreund erschlagen. Ob mich auch Kraniche
oder die Möwen der Monterey-Bucht gerächt hätten? Ich bin die
komfortable Straße nicht ganz entlang gewandert, denn 17 Meilen wäre
eine Tagesleistung gewesen, und ich wollte den Nachmittag noch nach
San Franzisko. So strebte ich aus dem Waldesdickicht nach einiger
Zeit wieder heraus und quer hinüber nach dem Strand des Pazifik. Denn
der Ozean hatte es mir nun einmal angetan, so oft ich seiner habhaft
wurde, ob es auf Coney Island oder an der Battery in Neuyork, in
Shirley Point bei Boston oder an der Wasserfront in Chikago, in San
Pedro oder auf Santa Catalina war. Das Meer übt seine magische Gewalt
über den Menschen. Fast noch mehr als das Hochgebirge hat es etwas
Feierlich-Erhabenes und Grenzenloses. Damit wird es zum Auslöser der
größten Sehnsucht in uns. Am Meer umspannen wir mit der Phantasie
gleichsam das Ganze der Welt: Was liegt da drüben hinter der letzten
Wasserlinie? Es zieht uns mit seinen ewig gleichen Wellen weiter und
weiter in die Welt hinaus. So lockte es alle Seehelden, daß sie Leben
und Wohlfahrt in die Schanze schlugen und sich auf gebrechlichem
Fahrzeug der ungewissen Weite anvertrauten, um neues Land zu erobern.
Aber das Meer übt auch eine wunderbar gemütheilende Wirkung. Nicht bloß
seine reine salzige Luft, sondern ebenso seine Weite und Größe. Sie
macht alles Kleine unseres Lebens klein und alles Große groß:
Im Grenzenlosen sich zu finden
Wird gern das einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß.
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst’gem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuß.
Diese Goetheworte durchlebte ich, als ich wieder am Strande lag, mich
ganz der großen Natur hinzugeben. Ich wollte ja auch nicht einen Rekord
des Rasens durch einen Kontinent aufstellen, sondern zugleich mitten in
allem Schauen und Lernen mich noch ein wenig selbst finden. Freilich
war weder Boston noch Buffalo, weder Chikago oder sonst eine große
Stadt erholsam, aber um so mehr der Tag am Grand Cañon, die Stunden
auf Santa Catalina und nun an der prachtvollen Bucht des für Amerika
uralten Städtchens Monterey in Kalifornien. Schon 1602 waren hier
die Spanier gelandet, als es noch kein Neuyork noch Boston gab, und
nannten die Siedlung, die sie schufen, nach dem damaligen Vizekönig von
Mexiko, dem Grafen von „Monte Rey“. Und so blieb „Monterey“ Hauptstadt
des Landes bis zur amerikanischen Besitzergreifung 1846, zweieinhalb
Jahrhunderte lang, denn lange gab es weder ein San Franzisko noch
ein Los Angeles! Dann aber mit dem plötzlichen fabelhaft schnellen
Aufschwung dieser beiden Handels- und Hafenstädte versank Monterey in
seinen Dornröschenschlaf, aus dem es wohl nie wieder erwachen wird. Nur
die „Kurgäste“ und Globetrotter, die die Bucht, das Hotel del Monte
und Pazifik Grove besuchen wollen und den „~seventeen-miles-drive~“
unter viel Getute und Benzingestank entlang kutschieren, bringen etwas
Leben und Geld in den stillen malerischen Erdenwinkel, der noch immer
mit seinem alten Zollhaus, seinen alten Forts und seiner katholischen
Missionskirche ungefähr ein Bild der Zustände vor zwei, ja fast drei
Jahrhunderten zu bieten vermag.
Da wo ich mich in den feinen weißen Sand der Bucht, noch fast zwei
Stunden vom Städtchen, einwühlte, war niemand als die goldene Sonne,
die so warm und wohlig die in Tropfen blinkende Haut entlang rieselte
und so sanft trocknete. Einige dicke Algen lagen angespült neben mir
am Strand, so dick und hart wie Schiffstaue oder Gummischläuche;
von den Seelöwenfelsen hörte man das heisere Bellen der spielenden
glatten Tiere. Nautische Signalglocken erklangen melodisch unter
Wasser, die bei Nebel den Schiffer vor den Klippen warnen sollen;
Pinguine watschelten behäbig mit ihren leuchtenden weißen Westen auf
den Felsenkanten und erhoben ein mörderisches Geschrei, als ich ihnen
ähnlich froh und frei in die sacht anrollenden Wogen entgegenschritt.
Gibt es einen herrlicheren Naturgenuß, als wenn die goldene Sonne
uns auf Brust und Schulter küßt, wenn die reine Ozeanwoge spritzend
uns umspült und wenn nur blauer Himmel Dach unserer Zelle ist? Warum
wird uns solch Glück so selten zuteil? Warum hüllen wir törichten
Kulturmenschen uns auch im heißesten Sommer in so viel unnütze
Kulturhäute? Wer vermag schneller und voller zu heilen als Licht, Luft
und Sonne?
Aber auch diese goldenen Stunden verrannen nur zu schnell. Ein paar
Ruderboote nahten mit ächzenden Schlägen und scheuchten mich aus meinem
sonnigen Bade. Auf der Düne lag das verlassene Wrack eines Segelbootes.
Ein großer Dampfer zog am Horizont mit langer Rauchfahne vorüber. Kam
er von Frisko und fuhr nach Los Angeles? Als ich mich angekleidet
und wieder nach Monterey zurückkehrte, kam ich wieder an allerlei
Fischerdörfern vorüber, wo die Chinamen ihren Fang sortierten, ihre
Netze wuschen und mir recht erstaunt nachsahen. Auf einem Sandplatz
übten die Soldaten ...
* * * * *
Damit mußte ich der schönen Bucht von Monterey Lebewohl sagen. Ein
Eilpersonenzug führte mich am Nachmittag nach San Franzisko. Mein
meterlanges Rundreisebillett war nun allmählich schon recht klein
geworden.
Wieder ging es durch blühendes Obst- und Weingelände. Das scherte
einige Gemütsmenschen im Wagen nicht, den Handkoffer auf den Knien
als Tisch benutzend Skat zu spielen! Von der Kreuzung Pajaro ging es
hinüber an den Santa Cruz-Bergen vorbei, die man auch in der Bucht von
Monterey sich erheben sieht, in das Tal des Guadeloupe River. Wieder
welch ein breites, schönes, wohlangebautes Tal! Etschtalerinnerungen!
Die üblichen weißen Holzdörfchen mit ihren weiß angestrichenen
Kirchlein erschienen.
Golden stand die Abendsonne im Westen. Der ~brakeman~, d. h. der
farbige Bremser oder Hilfsschaffner, schreit mechanisch die Stationen
aus. Es steigen nur immer Leute zu, die „~to the city~“, nach „Frisko“
wollen. Es ist, obwohl April, so warm wie bei uns im Juli! Bei
Santa Cruz, am anderen Ende der Montereybucht, steht noch ein Rest
vollkommen vorgeschichtlicher Urwälder, ein Hain von 20 Riesenbäumen
der sogenannten „~big trees~“, die zum Teil einen Umfang von 21 ~m~ und
einen Durchmesser von 7 ~m~ erreichen! Kaum sechs Männer können sie
umspannen! Ihre Höhe mißt 100 ~m~ und darüber! Ihr Alter wird zum Teil
bis auf 3000 Jahre geschätzt! Manche sind so mächtig, daß Wagen bequem
durch sie hindurchfahren oder 12 bis 14 Personen auf ihrem Stumpf Platz
haben können!
Unser Zug eilte das Guadeloupetal hinab gen San José, an die Südspitze
der 35 Meilen langen San Franzisko-Bai. Rechts hoch oben zeigte sich
im Abendlicht scharf vom Himmel abhebend auf dem Mount Hamilton,
der mit seinen 1354 ~m~ über der Bucht bald wie der Rigi über dem
Vierwaldstätter See ragt, die berühmte Lick-Sternwarte wie ein weißer
Punkt, eine der größten Sternwarten der Welt. Der Bürger James
Lick hinterließ nämlich bei seinem Tode 1876 in San Franzisko ein
Vermächtnis von 700000 Dollars zur Begründung einer Sternwarte. So
wurde sie eine der ersten und bestausgestatteten der Welt. Die Linse
des großen Refraktors hat heute einen Durchmesser von 100 ~cm~! James
Lick selbst hat sich -- höchst originell -- im Fundament des Fernrohrs
beisetzen lassen, so daß man also buchstäblich auf seinen Schultern
stehend den Himmel beobachtet! Die Aussicht soll, wie sich denken
läßt, überaus großartig sein, nicht weniger großartig als einer der
unvergleichlichen Blicke durch das Rohr selbst.
Bald tauchte auch links eine Merkwürdigkeit auf. Wieder eine
echt amerikanische hochherzige Stiftung! So wie Rockefeller die
gesamte Universität Chikago, eine der besten und großartigsten der
Union, gestiftet und Carnegie fast jeder amerikanischen Stadt eine
Volksbibliothek geschenkt hat, so hat nicht weit von der Station
„Palo alto“, wiederum nach einem mächtigen Rotholzbaum so benannt,
das Ehepaar Leland Stanford aus San Franzisko zum Gedächtnis an
ihren einzigen früh verunglückten Sohn eine Universität mit einem
Grundkapital von nicht weniger als 30 Millionen Dollars gestiftet; sie
heißt daher „Leland-Stanford-Junior-Universität“. Man kann vor diesen
großzügigen amerikanischen Stiftungen nicht Achtung genug haben. 1891
wurde die Hochschule in prächtigster Umgebung und mit den prächtigsten
und stilvollsten Gebäuden eröffnet. Man fühlt sich in ihren herrlichen
Hallen und Gängen nach Athen zu Platos und Sokrates’ Zeiten versetzt.
Das Gelände selbst gehörte einst dem Stifter und war ein über 3000 ~ha~
großes Gestüt. Heute ergehen sich dort an 2000 Studenten, darunter
Hunderte studierender Damen!
Während unserer Weiterfahrt nahmen die Reklamen und die Besiedlung
ständig zu, ein Beweis, daß wir uns einer Großstadt näherten ...
Um acht Uhr mit Einbruch der Dunkelheit waren wir nach 137 Meilen
Fahrt in San Franzisko, der „Stadt des Erdbebens“! Das war fast das
einzige Konkrete, was ich von Frisko bis dahin wußte, und daß es
der amerikanische Überfahrtshafen nach Japan ist, auch daß es am
sogenannten „Goldenen Tor“ liegt.
Ich trat aus dem Bahnhof. Das erste, was mir im Schein der Bogenlampen
in der Stadt auffiel, war noch stark unebenes Pflaster und allerlei
Unebenheiten in der Fahrbahn. Ja, manchmal waren ganze Buckel auf
dem Bürgersteig, da und dort nur notdürftig mit Brettern und Steinen
Löcher im Fahrdamm zugeflickt. Das waren die Spuren des Erdbebens! Zum
ersten Male im Leben sah ich mit eigenen Augen seine Wirkungen und
Verwüstungen. Aber sie waren doch noch viel größer als ich geahnt
hatte ...
Nachdem unschöne Viertel mit allerlei ~bars~ und ~shows~ durchschritten
waren, wo des Abends hier ein Heilsarmeesoldat und dort eine Negerfrau
und hier sogar ein Chinese auf der Straße predigte -- ausgerechnet in
der einstigen Stadt der Goldsucher, Abenteurer, Verbrecher und der
schlimmsten Korruption -- bog ich in die glänzend erleuchtete und von
Menschen nur so wimmelnde Market Street ein, wo sich alles erging wie
in Los Angeles unter den erleuchteten Kandelabern der Mainstreet.
Mächtige Geschäftshäuser, Banken und Hotels erhoben sich da. Nach der
Stille der Monterybucht und dem Idyll auf Santa Catalina, den Santa
Cruz-Bergen und dem Tal des Guadeloupe River umlärmte mich hier wieder
die typische Großstadt, ja Weltstadt. Wenn auch San Franzisko Neuyork
an Größe noch weit nachsteht -- es hat nur ein Zehntel seiner Einwohner
-- so ist es doch mit seinem weltmännischen Gebaren das Neuyork des
Westens. Schaut man von Neuyork nach Europa, so schaut man von hier
nach China und Japan. Der Blick ist beide Male gleich groß und weit
übers Weltmeer gerichtet. Freilich trennt von Yokohama beinahe die
doppelte Zeit und Strecke als wie von Southampton ...
Aus dem Bezirk der blendenden Lichtreklame, der ~shows~ und ~moving
pictures~ strebte ich quartiersuchend in stillere Straßen. Bald stand
ich fast völlig im Dunkeln, wo es nur noch bergauf und bergab ging.
Rollende Drahtseilbahnen strebten zu steilen Hügeln hinauf, auf denen
San Franzisko gebaut ist. Mein getreuer Bädeker, der noch im Jahre des
Erdbebens erschienen war, ließ mich jetzt ziemlich grausam im Stich!
Teils waren die Straßen, die ich suchte, vom Erdboden verschwunden,
teils waren sie neu- oder anders angelegt. An ganzen Vierteln kam
ich vorbei, wo Block an Block noch eine Wüstenei war. Den vollen
Umfang der fast unvorstellbaren Katastrophe aber übersah ich erst im
Hellen am anderen Tage. Und doch hatte die Energie und die Tatkraft
der Amerikaner schon so viel wieder aufgebaut. Aber stärker noch als
das Erdbeben hatte wie immer das ausgebrochene Feuer gewütet, das
nicht zu löschen war, weil mit den entzündeten Gasrohren auch die
Wasserleitungsrohre zerborsten waren und kein Wasser zum Löschen
hergaben. Die Einwohnerschaft war in die Parks geflüchtet und mußte
Häuser und Besitz ihrem furchtbaren Schicksal überlassen ...
Als ich schließlich in einem sehr sauberen und ordentlichen Privatlogis
im Bett lag, konnte ich noch lange keinen Schlaf finden. Immer
war mir’s, als bewege sich der Fußboden und das Bett wanke, denn
zu unheimlich war der erste Eindruck all der Bodenerhebungen und
geflickten Straßenstellen und der zerstörten Stadtviertel im Dunkeln
auf mich als Fremdling gewesen ...
Anderen Tages, als die Sonne schien, war es mir fast wie eine
Beruhigung. Das Haus stand noch fest, auch die Stadt lag noch
ruhig wie tags zuvor. Ich bestieg einen der echt amerikanischen
„~observation-cars~“, der Stadtbesichtigungsautomobile, die ja auch zu
uns herübergekommen sind, und ließ mich mit einer ganzen Schar auf den
amphitheatralisch angeordneten Sitzen durch die Stadt fahren. Vorn
stand der Ausrufer mit dem Schalltrichter, der uns genau erklärte, wo
und wie das Feuer ausbrach, und zeigte, wie weit es um sich gegriffen
hatte. Man sah noch immer deutlich die Feuerlinie und die Stellen,
wo es zum Stillstand gekommen war. Gerade das Zentrum der Stadt war
heimgesucht worden; die äußeren Wohnviertel blieben verschont. Aber
keineswegs waren alle Wolkenkratzer zuerst eingestürzt. Im Gegenteil,
manche hatten gerade dank ihrer festen Konstruktion aus Eisen und Beton
standgehalten. Aber das Stadthaus, die prunkvolle kuppelgeschmückte
~city-hall~ war trotz ihrer sechs Millionen Dollar Baukosten in 20
Sekunden ein Opfer ihrer zum Teil betrügerischen Konstruktion geworden.
Denn sie stammte noch aus der Zeit der Korruptionswirtschaft. Nach dem
„Feuer“ -- davon spricht man in der Stadt selbst viel mehr als von dem
„Erdbeben“, wovon man Stöße wohl öfter verspürt, ohne sie sonderlich
zu achten -- baute man das Geschäftszentrum zuerst in eingeschossigen
Baracken und Holzgeschäftsbuden notdürftig wieder auf und es hieß:
„~business as usual~“. Aber bald begann die Periode des völligen
Wiederaufbaus ...
Geradezu ungeheuer war der Ausblick auf die Zerstörung im ganzen. So
furchtbar hatte ich es mir nicht gedacht![27]
Allmählich fuhr uns das Besichtigungsauto aus der Stadt heraus
-- die wie immer die amerikanischen Großstädte außer Hotels und
Geschäftshäusern sonst wenig Originelles und Bemerkenswertes bietet
-- zu dem berühmten Goldengatepark, der zwischen der Stadt und der
Steilküste des offenen Ozeans liegt. Die Stadt selbst ist nicht
unmittelbar am offenen Pazifik gebaut, sondern an der Bucht, die sich
durch die etwa 1½ ~km~ breite Öffnung des „Goldenen Tors“ einzigartig
10 ~km~ breit und bis 85 ~km~ lang ins Land hinein erstreckt. Sie
erinnert an Konstantinopel und den Bosporus. Im Norden wird sie
malerisch von dem fast 900 ~m~ hohen Mount Tamalpais und im Osten von
der Schneekette der Sierra Nevada (über 4000 ~m~!) überragt. Von Süden
schaut auf sie der Mount Hamilton mit der Lick-Sternwarte von fern
hernieder. Ein herrliches Landschaftsbild, groß und glänzend in seinen
Ausmaßen!
Hatte der Ausrufer uns bisher unter anderem „~the largest
apartement-store +in the world+~“ gezeigt, so hieß es jetzt „~the
most beautiful park in the +world+~, ~the prettiest and largest
tennis-lawns in the +world+~“. Am Golden Gate selbst wartete auf
uns gar „~the largest salt-water-bath-house +in the world+~“. Je
weiter man in Amerika nach Westen kommt, desto voller wird der Mund
genommen und desto überzeugter ist man, das Größte und Beste von
allem „+in der Welt+“ zu besitzen. Höchst spaßhaft war es für mich
als Deutschen, als wir im Goldengatepark an einer Nachbildung von
Rauchs Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal vorbeifuhren und der Ausrufer
durch den Trichter uns anbrüllte: „~Mister Gois änd Mister Skill~
(so ausgesprochen!!), ~two German poets!~“. Die anderen Amerikaner,
Japaner, Engländer und was sonst da oben saß, nahm auch davon
wohlgefällig Kenntnis wie von einem ~drug-store~ oder einem neuen Hotel.
An den Felsen des einstigen stolzen „~Cliff-house~“, eines höchst
komfortablen und aussichtsreichen, aber kürzlich auch durch Feuer
zerstörten Strandhotels rollte der offene pazifische Ozean an. Ein
dumpfes Brausen, in das sich wieder das heisere Bellen großer Scharen
mächtiger Seelöwen mischte, die drüben auf den „~seal-rocks~“ ihr
Wesen hatten. Leider war es etwas unsichtiges Wetter; aber um so
geheimnisvoller rollten aus dem Nebel die mächtigen Wogen heran. Am
Strande lagen viele einfache Familien mit Kind und Kegel und genossen
hier ein billiges Sonntagvormittagsvergnügen. Nur flogen zu hunderten
und tausenden ihre Butterbrotpapiere höchst malerisch am Strande
herum! Einige Sandplastiker formten berühmte Köpfe wie Washington,
Lincoln, Grant, Garfield, auch so mancher eine von der See mit ihrem
Kind ans Land gespülte ertrunkene Frau, ja den berühmten Löwen aus dem
Gletschergarten von Luzern höchst treffsicher und eigenartig aus dem
Sand ... Aber der immer stärker einsetzende kühle und feuchte Nebel
lud heute nicht zu allzulangem Verweilen ein. Merkwürdig, über dem
Park und der Stadt schien die Sonne, aber vom Ozean heran kroch der
Nebel, über dem das Haupt des Mount Tamalpais wie eine sagenhafte Insel
schwamm ...
* * * * *
Am Nachmittag setzte ich mit einer der großen und trefflichen Ferrys
über die weite seeähnliche Fläche der blauen Bai hinüber nach Oakland,
dem Brooklyn San Franziskos, der Stadt der schönen „Eichen“alleen,
von denen die Stadt den Namen hat, um Berkeley, den Sitz der
prachtvollen staatlichen Berkeley-Universität, zu besichtigen. Auf
einem Gartenpavillon wehte eine deutsche Flagge -- wie das anheimelte!
-- und auf der Straße hörte ich einen Mann ganz unverfälscht schwäbeln.
Gern hätte ich auch den Mount Tamalpais bestiegen, aber in Berkeley
hatte ich es übernommen, Verwandte meines guten Harvardfreundes W. zu
besuchen. Ich hatte den Besuch auch nicht zu bereuen, denn die Tochter
des Hauses, selbst Studentin, führte mich in der wundervoll in Parks
und Gärten gelegenen Berkeley-Universität überall kundig umher. Durch
die märchenhaftesten südlichen Haine von Sykomoren, Oliven, Palmen
und Kakteen wandelten wir in sinnende wissenschaftliche Gespräche
vertieft zu dem prächtigen, in griechischem Stil erbauten „Theater“,
in dessen offenem Halbrund ein ausgezeichnetes auch überall sehr gut
wahrnehmbares Sonntagskonzert gegeben wurde. Von den Parkhügeln aber
ergoß sich ein bezaubernder Rückblick auf die weite blaue Bucht und
die ferne Stadt ... Freund W.s Verwandte hätten mich gern gleich da
behalten, und ich hätte gleich von Oakland die Weiterreise fortsetzen
können, aber einmal hatte ich mein Gepäck nicht da, und dann gab
es in Frisko noch manches andere zu sehen. Auch wollte ich die
Gastfreundschaft völlig Unbekannter doch nicht zu sehr in Anspruch
nehmen und fuhr noch vor Abend mit dem Fährboot wieder herüber.
Schon die Fahrt lohnte sich! Mit voller Glut sank die Sonne über dem
Goldenen Tor, es wahrhaft vergoldend, während sie früh über den hohen
Schneehäuptern der Sierra Nevada heraufzusteigen pflegt. An den Molen
und Bahnlinien blitzten die ersten Lichter auf ...
Ich wollte von Frisko nicht abfahren, ohne daß ich auch seiner
~chinatown~ einen Besuch abgestattet hätte. Den Abend pilgerte ich
daher ein wenig in das Chinesenviertel der Stadt, das von etwa 10000
Gelben bewohnt wird. (Mit dem Einwanderungsverbot hat ihre Zahl stark
abgenommen. Sie war früher viel höher.) Man soll zwar abends nicht ohne
Geheimpolizist sich dorthin begeben! Aber so wie ich mich in Santa Fé
arglos ohne Weg und Steg auf einen Berg der Rockies begab, so bummelte
ich auch hier des Abends gemächlich ~tutti solo~ in die ~chinatown~
hinein. Was für ein enges und wimmelndes Leben herrschte da mit eigenen
chinesischen Läden, Restaurants, Teestuben und kleinen primitiven
Theatern! Die meisten der Gelben saßen allerdings mit ihren weiten
schwarzen Blusen und Hosen, ihren Schlitzaugen, dem glattrasierten
Schädel feiernd und pfeiferauchend auf Stühlchen in Pantoffeln vor
ihren Häusern. Man sah in die offenen Läden, in die sonderbaren
Apotheken und Werkstätten hinein. Frauen und Mädchen bügelten Wäsche;
Schreiber schrieben Briefe ... alle aber blickten mir verwundert nach.
In einem kleinen Basar kaufte ich mir ein paar chinesische Deckchen
zum Andenken. Aber nirgends hatte ich den Eindruck, daß man hier
einen eindringenden Europäer etwa umbringen wollte. Auch die Chinesen
schienen mir im Grunde ein gutmütiges Völkchen zu sein wie die Neger
und Indianer. Ja, sind nicht alle Menschen im Grunde gutmütig, wenn
man sie nicht gerade reizt oder aufhetzt? In der ~chinatown~ traf ich
aber auch Araber im weißen Turban und braune Hindus, auch massenhaft
Japaner. In Frisko landen Schiffe aus aller Herren Länder; es ist
wirklich eine Weltstadt. Der seltsamste Anblick aber war wohl ein
Chinese -- in Heilsarmeeuniform! Man sieht, wie weltumspannend diese
seltsame, aber so rührige und soziale „~army of salvation~“ ist!
Anderen Tages früh stieg ich in der Stadt zum sogenannten
„Telegraphenhügel“ hinauf, eine der höchsten und aussichtsreichsten
Anhöhen Friskos. Von oben lag die erhaltene und zerstörte Stadt wie ein
Riesenschachbrett vor mir, auf dem ein unartiges Riesenbaby sich ein
Vergnügen daraus gemacht zu haben schien, Häuser umzustürzen. Von der
Stadt schweifte der Blick zur immer aufs neue schönen blauen Bucht und
zu dem Durchlaß des „Goldenen Tors“ mit dem Tamalpais im Hintergrund.
Ich hätte ihn gar zu gern doch noch bestiegen -- aber woher zu allem
die Zeit nehmen? So bin ich auch nicht mehr in den „versteinerten
Forst“ bei Calistoga gekommen. Aber ist es nicht auch ratsam, sich
auch noch etwas für den -- zweiten Besuch aufzusparen? Sonst fehlte ja
jeglicher Anreiz und jede logische Begründung für ihn?!
Dicht beim Telegraphenhügel war eine Negerkleinkinderschule, wo die
putzigen kleinen Negermädchen und -knaben mit ihren breiten Stumpfnasen
und schwarzkrausigen Wollköpfen wie andere Kinder sangen, spielten
und lernten ... Nicht sehr weit davon stieß ich auf eine kleine
protestantisch-italienische Kirche. Auf was man in amerikanischen
Städten nicht alles stößt! Auch die alte spanische Missionskirche „~San
Francisco de Dolores~“, 1776 erbaut, steht noch, die den Anfang des
mexikanischen San Franzisko bildete, das noch 1850 nur 500 Einwohner
hatte! 1847 wurde es von einem amerikanischen Kriegsschiff für die
Union in Besitz genommen. So wurde der ferne Westen eher amerikanisch
als die Territorien im Felsengebirge.
Die den steilen Hügel hinabführende Kabelbahn brachte mich wieder
hinab zum Hafen. Ein wimmelnder Obstmarkt hatte sich aufgetan! Was für
Unmassen Orangen, Bananen, Spargeln wurden hier zu Bahn und Schiff
verfrachtet! Dazu die Ausfuhr des feurigen kalifornischen Weins, den
auch zuerst spanische Missionare aus Europa einführten. In der neueren
Zeit pflanzten Deutsche dazu rheinischen Weißwein. Aus französischen
Reben zog man bald auch den vorzüglichsten Bordeaux, Medoc, Portwein
und Sherry. Die letzteren freilich südlicher um St. Barbara und Los
Angeles.
Frisko ist eine eigene Stadt! Viel Kirchtürme sieht man nicht, aber
hier konnte einer, wie mir erzählt wurde, vom „~newsboy~“, einem armen
auf der Straße Zeitungen verkaufenden Jungen bis zum Inhaber einer
der größten Blätter sich emporschwingen. Freilich diese Hoch-Zeit der
Gründungen ist längst vorüber; das Goldfieber ist längst erloschen.
Und der Friscoman steht an Überlegsamkeit heute in nichts dem Neuyorker
nach, ja er fühlt sich als sein westliches Gegenstück. Und Los Angeles
ist geschlagen! Aber sage es ja nicht in +seinen+ Straßen!
Nachmittags unternahm ich noch einmal eine aussichtsreiche Überfahrt
mit dem Fährboot an den Fuß des Tamalpais am Rande des „Goldenen
Tors“ nach dem ganz italienisch anmutenden Sausalito. Weißschimmernd
leuchteten Oakland und Berkeley mit der Kalifornia-Universität herüber.
Rings umher steile Felsenufer. In südlicher Vegetation versteckt baut
sich das Villenstädtchen das felsige Ufer hinauf wie nur die alten
Städtchen an den oberitalienischen Seen.
Das Wetter war stets bei allem angenehm sommerlich warm, aber nie
heiß, obwohl San Franzisko auf der geographischen Breite Palermos
liegt! Doch nirgends fand ich trotz all der Naturschönheiten einen
rechten Ruheplatz. Der Amerikaner braucht kein Ausruhen. Es fehlen die
Bänke oft sogar in den Parks und an Aussichtspunkten. Man kennt kein
stillsinnendes Naturgenießen. Auf den Bahnhöfen umbranden einen die
Agenten, Schuhputzer und Kofferträger. Die ~bars~ und ~lunchrooms~
sind nicht immer offen, Gartenwirtschaften gibt es in der ganzen Union
nicht. Als Fremder ist man daher drüben richtig auf die Straße gesetzt.
Ganz anders der Chinese -- den ich auch diesen Abend zum Abschied noch
einmal aufsuchte; denn wann würde ich wohl einmal nach China kommen,
zumal seit mein einziger treuer Studienfreund ~Dr.~ Moses Chiu, den
ich noch von Halle her kannte, zu früh in seiner Heimat in Amoy hatte
sterben müssen.
Wie seelengemütlich saßen die gelben Zopfträger jetzt wieder vor und
in ihren Häusern! Warum? Weil sie mit wenigem zufrieden und weil sie
Kinder einer jahrtausendalten Kultur und Schulung sind. Ihr gerades
Gegenteil ist der Yankee. Nie zufrieden mit dem Erreichten, ein steter
rastloser Vorwärtser und ein Sohn der reinen Gegenwart. Wie behäbig,
wie beleibt, wie runzelig neben ihm mancher Chinese, aber auch wie
gutmütig aus den Augen schauend, so ungefähr wie eine blinzelnde Katze
im Sonnenschein ... --
Nun hieß es allmählich das noch immer halbmeterlange Zettelbillett +zur
Rückfahrt+ stempeln lassen und Abschied nehmen vom Stillen Ozean. Es
war mir ein bißchen weh ums Herz. Aber selbst ein Alexander der Große
mußte aus Indien umkehren! Mit ihm konnte ich mich trösten, daß es
jetzt für mich nicht gleich noch eine Erdhälfte zu durchqueren gab!
Ich hätte ja fürs Leben gern jetzt einen der unter Dampf liegenden
Japansteamer bestiegen und wäre über Yokohama, Hongkong, Kalkutta
oder Wladiwostok, Moskau heimgereist, aber was hätten sie in Harvard
gesagt, so ohne Abschied auf und davon zu gehen! Und auch auf der
Rückfahrt durch die Union würde es ja noch manches zu sehen geben: Die
Salzseestadt, die Wüsten Nevadas, den Pikes Peak bei Denver, Pittsburg,
Washington, Baltimore, Philadelphia ...
So setzte ich zum dritten Male abends neun Uhr über die weite Bai.
Die Lichter der Stadt funkelten im Wasser. In Oakland stieg ich zehn
Uhr abends in den bereitstehenden Chikagoexpreß. Der Schlafwagen
war international überfüllt: Auch Japaner, auch Damen ... Aber ich
hatte mein Oberbett fest und zeitig bestellt und ließ es mir auch
nicht wieder rauben, obwohl nicht alle unterkamen. Wir setzten uns in
Bewegung. Bald lag man wieder oben und rollte durch die Nacht. -- -- --
Um Mitternacht passierten wir Sacramento, die eigentliche
Regierungshauptstadt des ganzen Staates Kalifornien mit einem
gebieterisch ausschauenden Staatskapitol inmitten herrlichster Anlagen,
nach fast 90 Meilen Fahrt und dem Überqueren ausgedehnter Sumpfgegenden
und erneutem Übersetzen über einen Buchtarm. Die Bahnlinie
überschreitet darauf den Sacramentofluß und sein breites Tal und keucht
dann in mächtigen Windungen stundenlang zu den Pässen der Sierra
Nevada hinauf. Es wurde nun eine richtige Alpenfahrt wie über den St.
Gotthard, nur doppelt so hoch! Schade, daß das nächtliche Dunkel uns
die zauberischsten Rückblicke auf die San Franziskobucht verwehrte ...
[Illustration: ~SAN FRANCISCO~
~Das Geschäftsviertel nach dem Erdbeben~]
[Illustration: ~SAN FRANCISCO~
~Abbruch nach dem Erdbeben~]
Fußnoten:
[Footnote 25: Amerikanische Armee. Junge Leute gesucht. Gute Bezahlung!
Keine Ausgaben! Ungewöhnliche günstige Gelegenheit für Reisen,
Ausbildung und Beförderung!]
[Footnote 26: 17 Meilen-Fahrweg.]
[Footnote 27: Der Leser kann sich die Zerstörung gar nicht groß genug
vorstellen, sie ist nur mit der Niederlegung und Beschießung ganzer
Städte im Weltkrieg annähernd zu vergleichen.]
Am Großen Salzsee und in Kolorado.
Am Abend waren wir von der subtropischen Küste des Stillen Ozeans
weggefahren, am Morgen wachten wir nach völliger Verwandlung in Höhe
von 2000 ~m~ in prächtigster Alpenschneelandschaft der Sierra Nevada
wieder auf. Die Sierra Nevada ist ein etwa über 700 ~km~ langer
bis über 4000 ~m~ ansteigender schneebedeckter Alpengebirgszug des
Felsengebirges, der Kalifornien von der Union so stark trennt, daß
diesseits und jenseits des Gebirges völlig anderes Klima herrscht. Die
kühlen und feuchten Seewinde dringen nicht bis in die unfruchtbaren
heißen Wüsten Nevadas, und das milde gleiche Klima Kaliforniens kennt
nicht den stürmischen Wechsel auf den Hochflächen des Felsengebirges
und in der nördlichen Mississippiebene.
Erstaunt sah man aus dem Fenster. Auch zwischen den Schienen lag
wirklich Schnee! Und noch tags zuvor hatte ich mich wohlig in
dem durchsonnten Sand des Ozeans gebräunt. Die Paßhöhe war eben
überschritten. In vielen Windungen an steilen Felshängen entlang in
schwindelnder Höhe über tiefeingeschnittenen Tälern mit herrlichem
dunklen Fichtenbestand, aus dem blinkende Bergseen wie in der Schweiz
und dem Schwarzwald heraufschauten, eilte unser Zug, der den stolzen
Namen: „~China and Japan fast-mail~“ trug, auf der ältesten seit 1869
eröffneten Pazifiklinie in eiligem Tempo wieder abwärts.
Viele hundert Meter lange künstliche Holztunnels sicherten die Bahn
gegen Schneeverwehungen. Aber aus den Aussichtslöchern boten sich
köstliche Blicke in die Bergwelt ...