Damen packten schon aus ihren Reisekörben ein leckeres Frühstück
aus, das in mir so etwas wie Appetit weckte. Auf sauberem Tafeltuch
stellten sie Tassen zurecht; dann folgte ein Gang dem andern: Belegte
Brötchen, Käse, Obst, kaltes Geflügel, Sardinen, kalter Braten und
zuletzt Rotwein! Wer hätte da nicht mittun wollen? Sie hatten sich
gut vorgesehen, weil sie wußten, was ihnen bis Chikago bevorstand! Ich
aber hatte übersehen, daß zwar unser „~China and Japan fast mail~“
„~the best dining-car-service of the world~“ besaß, aber dafür auch
keine Frühstücks- und Lunchstationen innehielt wie der Santa Fé- und
Los Angeles-Expreß. Und da nun der „beste Speisewagendienst der Welt“
auch offenbar die „besten Preise der Welt“ hatte -- z. B. ein Beefsteak
einen Dollar! -- so war ich diesmal ziemlich aufs Hungern angewiesen,
denn meine Reisekasse schmolz und mein Speisevorrat bestand aus -- drei
Apfelsinen, von denen ich alle drei Stunden eine zu verzehren beschloß,
dann würde es gerade noch bis zur Mormonenstadt reichen, wo man wieder
zivilen Boden und menschliche Preise unter die Füße bekam. Nachts
brauchte man ja glücklicherweise keine Nahrung. So mußte ich mich also
diesen Tag mit dem Anschauen der interessanten Gegenden „sättigen“ und
mein Getränk dem unentgeltlichen Eiswasserfaß am Wagenende entnehmen.
Das tat ich ebenso oft wie jene Kinder, die ein paar Sitze weiter
plötzlich in unverfälschtem Dialekt ihren Vater laut fragten: „Du,
Pape, ist do’ Wasser in de’ Pump?“, was der Vater mit einem beifälligen
lauten Gähnen quittierte. Man war also nie allein, immer wieder unter
„Landsleuten“, auch wo man es gar nicht vermutete. Auf der Straßenbahn
in Buffalo ebenso wie auf dem Bahnsteig in Flagstaff am Fuße der
schneebedeckten himmelaufragenden San Franziskoberge, in Oakland so
gut wie in dem Expreß auf 2000 ~m~ Höhe in der Sierra Nevada. Also
war man nicht nur unter Japanern, die jetzt mir gegenüber in einem
blaueingebundenen Buch mit wunderlichen Schriftzeichen lasen -- war das
eine buddhistische oder taoistische Morgenandacht? -- und nicht nur
unter Chinesen, die sichtlich als nicht ganz vollwertig von den übrigen
Mitreisenden gemieden wurden (Neger wagten sich schon gar nicht in
den Wagen) und den breitgesichtigen, stets wohlrasierten Amerikanern.
Leid tat mir eine Lady, die in der Nacht, wie ich vor Syrakuse mein
Scheckbuch, so jetzt ihr meterlanges Zettelbillett bis Neuyork
eingebüßt hatte! Ich kann auch nicht sagen, ob sie es wiedergefunden
hat oder noch an ihr Ziel gekommen ist. Helfen konnte ich ihr auch
nicht -- als allein mit innigem Mitgefühl.
Im Waschraum schwamm es indes förmlich bei so ausgiebiger Benutzung
und so völliger Besetzung des Wagens! Es war auch nicht ohne
Interesse, daselbst die verschiedenen Rassen und Nationalitäten
bei der Eigenart ihrer Morgentoilette und halb im Naturzustande zu
beobachten ...! Aber ich hätte einen Dollar geopfert, wenn ich dafür
den nachtdurchschlafenen Wagen, der sich nun wieder in einen fahrenden
„Salon“ verwandelte, gründlich hätte durchlüften können, eher als für
ein Dollarbeefsteak im Speisewagen ...
Es war wieder ein ganz wundervoller Morgen geworden. Warm und
freundlich grüßend schien die helle Sonne vom blauen Himmel auf den
frischen weißen Schnee herab. Rauschend brausten in der Tiefe der
Täler die Gebirgsbäche und schäumten donnernd über die Felsbänke. Die
Szenerie glich durchaus der von Göschenen vor dem Gotthardtunnel.
Dann und wann schauten Hochgipfel aus den Seitentälern. In unzählig
vielen Windungen ging es rollend und bremsend im ganzen etwa 800 ~m~
Gefälle abwärts, also ungefähr so viel wie vom Gotthardtunnel hinab
zum Vierwaldstätter See, durch zahllose Tunnels mit ihren langen
Holzdächern bis zur „Hauptstadt“ des Staates Nevada, +Reno+, mit seinen
5000 Einwohnern!
Reno liegt ganz an der Grenze des Wüstenstaates Nevada, der bei 300000
~qkm~ (Größe Preußens!) nur 50000 Einwohner zählt, also erst auf 6
~qkm~ einen Menschen! Reno hat zwei Merkwürdigkeiten. Erstens ist es
Sitz einer „Staatsuniversität“, die aber so geringwertig ist, daß man
+nach+ ihrer Absolvierung kaum fähig wird, in Harvard ins Kollege
aufgenommen zu werden, d. h. von vorne zu studieren! Die zweite noch
größere Merkwürdigkeit ist, daß man in Reno in zwei Minuten geschieden
werden kann, so daß von 20 Ehepaaren im Staat Nevada etwa 13 (!) wieder
auseinanderlaufen. Günstiger liegt das Verhältnis sonst in der ganzen
Union, wo erst (!) auf 10 Ehen +eine+ Scheidung kommt. Das liegt an
der gesetzlichen Leichtigkeit der Scheidungen. Schon beiderseitige
gänzliche Abneigung genügt zur Trennung. Meist dringen mehr die
amerikanischen Frauen auf Scheidung als die Männer. Und doch haben die
Frauen es drüben viel leichter im häuslichen Leben als bei uns. Keiner
Frau mutet man in Amerika schwere körperliche Arbeit zu. Kein weißes
Dienstmädchen braucht drüben Kohlen zu tragen, Teppiche zu klopfen,
Stiefel zu putzen u. dgl., erst recht nicht die Hausfrau. Selbst den
Kinderwagen schiebt stets der Mann, ebenso trägt und hebt der Mann
stets das Kind. Der Mann ist der Frau Knecht. Und sie ist drüben mehr
sein Gespiele, seine schöngekleidete und wohlgepuderte Puppe als seine
harte Mitarbeiterin. Sie gebietet, und der Mann führt vielfach nur
ihren Willen aus. +Sie+ redet, predigt, organisiert, lenkt auch das
Automobil! Fast der gesamte Unterricht der Jugend liegt in Händen
von Frauen! Im öffentlichen Vereinsleben geistiger und wohltätiger
Art spielt sie die durchaus tonangebende Rolle. Die Prohibition war
auch wesentlich ein Sieg der Frauen. Sehr groß ist daher auch die
öffentliche Rücksichtnahme auf die Frau überall. Ihr wird es +nie+
drüben begegnen, daß sie z. B. je in einem Straßenbahnwagen stehen
muß. Auch der älteste Herr macht ohne weiteres der jüngsten Dame
Platz! Anders und eigenartig sind auch die Grußverhältnisse. Männer
untereinander nehmen nie Hut oder Mütze ab, auch nicht Schüler vor
dem Lehrer, denn auch er ist nur ein älterer „~boy~“. Aber im Gruß
zwischen Herr und Dame grüßt der Herr nicht zuerst die Dame, sondern
hat zu warten, ob sie ihm mit ihrem Gruß ihre Gunst bezeigt! Eine Dame
zuerst zu grüßen würde als so unschicklich gelten, als wenn man bei uns
eine fremde Dame ohne weiteres anspräche. Stets geht auch der Herr auf
der Außenseite des Fußsteigs, so der Dame die geschütztere Innenseite
überlassend. Ja manche reden schon von einem fast femininen Einschlag
in der amerikanischen Kultur, deren äußeres Kennzeichen auch das sehr
große Wertlegen der Herren auf „~style~“ (Mode) und ihre Vorliebe für
-- Süßigkeiten ist. In diesem Licht sind die vielen Ehescheidungen
begreiflich. Sie sind nicht Zeichen sittlichen Verfalls, sondern nur
der Ausdruck der hohen Ansprüche der Frauen an Leben und Wertschätzung
und eines hochgespannten Idealismus, der sofort Verbindungen löst, die
dem Ideal nicht mehr entsprechen. Bedenklicher ist schon der Rückgang
der Geburten in stockamerikanischen Ehen, so daß sich fortgesetzt
das Ursprungsverhältnis der Bevölkerung zugunsten der erst kürzlich
eingewanderten ungebildeten Schichten aus Osteuropa verschiebt ...
Wir fuhren indessen in der warmen hügeligen Nevadawüste, die an
Einsamkeit, Verlassenheit und Grenzenlosigkeit mit Arizona wetteifern
kann. Stationsnamen, wenn der Zug einmal hielt, fand ich selten
angeschrieben. Ohne den Ruf: „~All aboard!~“ setzte sich der Zug
langsam wieder in Bewegung. Man mußte dabei zusehen, daß man noch
rechtzeitig auf das Trittbrett kam. Auf einer der verlassenen
Stationen erstand ich mir eine Tafel Schokolade, die ich mir in die
Tasche steckte. Als ich sie aber nach qualvoller längerer Zeit der
Selbstverleugnung wieder hervorzog, war sie unter Nevadas Wüstensonne
in braunes Wohlgefallen zerflossen und hatte das Rockfutter hübsch
braun gefärbt und durchsalbt ... Es war um Mittag heiß geworden. Der
Gang zum Eiswasserfaß wurde zur Polonäse!
Immer eintöniger wurde die Landschaft. An einem einfachen Fluß stehen
ein paar Kinder und schauen stumm dem Zug nach. Wo ein bißchen
Gras sprießt, weiden ein paar Pferde. Sonst sieht man nur Sand und
wieder Sand, und zwar so grell und weißleuchtend, daß er im Wagen
einen richtigen Widerschein an die Decke wirft und in der Ferne sich
spiegelnd gar wie lockende Seen erscheint. Am Horizont prangen in der
Ferne blaue Randgebirge. Näherbei sieht man nur Föhrengestrüpp und
Wermutgesträuch ...
Im Zug schliefen sie jetzt wie die Fliegen an warmer Wand ihren
Nachmittagsschlaf. Ich bin der einzige, der noch krampfhaft und
interessiert hinaus ins Land schaut. Auch der Japaner hat längst
sein blaugebundenes Buch mit den seltsamen Runen zugeklappt. Die
weißhaarigen Damen haben längst den Rest ihrer opulenten Mahlzeiten in
ihre Körbe versteckt und die Rotweinflaschen wieder zugekorkt. Auch
die Chinesen lehnen gedrückt und müde in einer Ecke. Die Lady, die
ihr Billett verloren, hat resigniert die Augenlider heruntergelassen
wie müde Fensterläden, hinter denen Lebensverdrossenheit wohnt. Die
deutschen Buben, die nach dem „Wasser in de’ Pump’“ frugen, spielen
auch schon lange nicht mehr. Alles schläft. Es ist ja auch nichts zu
versäumen. Es steigt niemand weder aus noch ein. Der Zug schlingert
so durch die Sandwüste wie ein Schiff bei Windstille über das Meer.
Man weiß es eben wieder nicht mehr anders, als daß man fährt und
fährt und immer wieder fährt. Jeder hat sich in seiner Weise in sein
Eisenbahnschicksal ergeben ...
Es ist Goldgräberland, das wir jetzt durchfahren. Verlassene Minen und
Bergwerke wechseln mit neuaufblühenden. Manchmal ist eine Siedlung
schon auf den Sand hingestellt, aber es sind noch keine Menschen da,
drin zu wohnen! Alles sieht aus, wie aus einer Holzbaukastenschachtel
putzig, schematisch aufgebaut bis auf die kleine weiße Holzkirche, die
nicht fehlen darf. Im ganzen wohnt hier ein robustes und skrupelloses
Geschlecht, die Nachkommen echter Abenteurer, wilder Spekulanten, denen
Spiel um Geld Sport war und noch ist und der Revolver oft gar leicht
und lose im Gürtel sitzt ...
Wer hier zu Fuß gehen wollte! Er könnte wie durch die Sahara waten
und verdursten. Den einzigen Schatten wirft weite Strecken nur der
Zug. Rötlich schimmern die Felsengipfel. Dann wieder einmal ein paar
armselige Hütten mit Menschen darin. Station Paran. Auf dem „Bahnsteig“
am Zug spielen hemdärmlig einige Burschen Fußball! Er ist der einzige
planierte Platz. Der Bahn entlang reitet durch den Sand ein Herr und
eine Dame im Tropenhelm! Die Sonne steht hoch, die Berge werden immer
höher und steiler. Immer neue Berge und Wüsten tauchen im Vorblick
auf. Kein Europäer hat ja eine Ahnung, wieviel Tagefahrten +breit+
„das Felsengebirge“ ist, welche riesigen Hochebenen zwischen den
drei Hauptgebirgszügen desselben liegen, deren Streifen scheinbar
schmalfurchig von Norden nach Süden ziehen! Wieviel Schweiß muß es hier
einst gekostet haben, diese Bahn durch die Einöden zu bauen!
So kommt wieder der Abend heran. Wir fahren unentwegt. Wir haben längst
schon wieder „~Mountain-time~“ und die Uhr eine Stunde vorgerückt.
Der erste Abend bricht an, da uns die Sonne nicht mehr im Rücken,
sondern wieder im Angesicht aufgeht -- eine Weissagung auf Heimkehr!
Die sandige Wüste färbt sich abendlich graugrün. Die Chinesen sind
in ihrer Ecke erwacht und kauderwelschen laut miteinander in der
stolzen Sicherheit, daß sie niemand versteht. Mein Japaner liest
seinem Kind aus dem blauen Buch vor. Die ältlichen Damen breiten zum
Abendessen wieder ihre saubere Serviette aus und entkorken wieder die
Rotweinflaschen. Unentwegte Raucher suchen für eine Weile das kleine
Rauchabteil auf. Wem es nicht aufs Geld ankommt, der folgt jetzt dem
„~last call for dinner~“[28] des Kellners in den Speisewagen. Die
Kinder balgen sich wieder im Mittelgang. Mit dem Abend erwacht alles
Leben ...
Wir halten an einer Bahnkreuzung. Eine Reihe immer dünner werdender
Telegraphenstangen weist durch die Wüste gegen die Berge ins Wegelose
... Der Lehmboden rings ist trocken und rissig. Jeder Zentimeter
Regen und Schnee bedeutet hier Brot. Allmählich bricht Dunkelheit an.
Wir fahren immer noch in einer Höhe von 1000 bis 1500 ~m~. In der
Dämmerung sehe ich noch durstiges Rindvieh in einem trockenen „~creek~“
stehen. Niedrige Büsche werfen lange dunkle Schatten. Einige weiße
Zelte leuchten im grellen Mondschein. Sind es Bahnarbeiter, Hirten,
Goldgräber?
Dann klettere ich -- zum wievielten Male? -- wieder einmal in meine
„~upper berth~“. Der Salonwagen hat sich wieder in einen Schlafsaal
schnarchender Nasen verwandelt.
* * * * *
Am zweiten Morgen wieder eine völlige Verwandlung! Als ich erwacht bin
und aus dem Fenster sehe, ist es lichter Morgen. Vom blauen Himmel
scheint helle Morgensonne, die noch nicht lange aufgegangen sein
kann, und -- ist es Traum, Vision oder Wirklichkeit? -- wir fahren,
obwohl noch immer im Eisenbahnzug, mitten durch einen herrlich weiten
glänzendblau schimmernden See, der sich bis an die schneebedeckten
Berge der Wasatch Mountains verliert. Rechts und links spülen die
Wasser an den mäßig über dem Wasserspiegel erhöhten Bahndamm. Er
scheint künstlich aufgeworfen, auf Pfählen und Holzbrücken errichtet.
Stundenlang rollen wir so im glitzernden Morgensonnenschein mitten
über den großen Salzsee! Vor einigen Jahren hat nämlich die Southern
Pacific-Eisenbahn, um die Route nach Kalifornien um 70 km abzukürzen,
den Schienenweg auf 37 ~km~ langer Holzbrücke mitten durch den an
seinen tiefsten Stellen nur 11 ~m~ tiefen, aber 6000 ~qkm~ großen[29],
etwa 100 ~km~ langen und 60 ~km~ breiten Salzsee (~Great Salt Lake~)
gelegt. Sein Wasserspiegel liegt immer noch 1280 ~m~ über dem Meere!
Wir befinden uns also wiederum auf einer der riesigen Hochebenen
zwischen den Hauptgebirgszügen des Felsengebirges, dem Zentrum des
Mormonenstaates „Utah“, eines Staates, der selbst halb so groß wie
Kalifornien ist. Als wir den See überquert haben, eilt der Zug durch
die lachendsten und wohlangebautesten Fluren und Felder, die den
denkbar stärksten Gegensatz zu den unfruchtbaren Wüsten Nevadas bilden.
Ein wahres Kulturparadies breitete sich auf einmal um uns aus, das
einem wie einst das „gelobte Land“ den Israeliten erschien, als sie
aus der Sinaiwüste heranzogen. Der Schöpfer dieses Paradieses, das
vor dreiviertel Jahrhunderten genau so trostlose Wüste wie der größte
Teil Nevadas war, ist die eigenartige Sekte der „Mormonen“ oder, wie
sie sich selbst nennen, der „Heiligen Jesu Christi der letzten Tage“.
Wir hielten zuerst in der ein wenig vom See landeinwärts gelegenen
mittelgroßen Mormonenstadt Ogden. Hinter uns lag der schimmernde
Salzsee, vor uns wie ein Schweizer Bild die schneebedeckten Wasatch
Mountains. In Ogden verließ ich die Hauptroute nach Chikago, um nach
der Hauptstadt der Mormonen, der Großen Salzseestadt umzusteigen. Auf
sie war ich allerdings schon lange sehr gespannt. Da ich eine Stunde
Aufenthalt in Ogden hatte, ging ich etwas in das Städtchen hinein.
Nichts Sonderliches war außer einer Mormonenkirche zu bemerken.
Überall ruhige Sauberkeit und breite Straßen.
Nach einer weiteren Stunde südlicher Fahrt war Salt Lake City erreicht.
Auch zwischen Ogden und Salt Lake City liegen prächtige Feldfluren
zwischen wohlgepflegten Pappelreihen, unter denen wohlgebaute gerade
Landstraßen hinführen. Allen Reisenden, die einstiegen, und denen, die
man draußen erblickte, schaute ich immer mit der stillen Frage ins
Gesicht: „Bist du ein Mormone oder nicht? Sehen so die Mormonen aus?“
Ich meinte immer, man müßte es ihnen von außen schon an einer Art
sonderbaren Wesens ansehen. Aber das war keineswegs der Fall.
So war es morgens acht Uhr geworden. Klopfenden Herzens steige ich
in Salt Lake City aus. Mir war es, als käme ich jetzt in die Stadt
des Dalai Lama. Die Lage ist ja derselben nicht so ganz unähnlich.
Ich empfand so, wie wir uns in Rom aufmachten, um über den Tiber
in das Trastevere zu gehen und in das heilige Viertel des Vatikans
und der Peterskirche einzudringen. Mußte nicht dort, so dachte ich,
jeder Stein im Pflaster von besonderer Heiligkeit reden und die
Luft rings gleichsam geschwängert sein von Andacht? Mit ähnlichen
Spannungsgefühlen trat ich aus dem Bahnhof in Salt Lake City auf die
sehr breite Hauptstraße und hatte sofort nach wenigen Minuten nach
Durchschreitung einiger Bahnhofsquartiere den Eindruck, zum ersten Male
in einer peinlich sauberen und trotz ihrer 100000 Einwohner stillen und
ruhigen amerikanischen Stadt zu sein, dazu in malerischster Umgebung.
Von gesteigerter Heiligkeit war noch nichts zu bemerken! Die Menschen
kauften und verkauften, gingen, fuhren, redeten genau wie in anderen
Städten der Weltkinder. Heilig schienen mir die schneebedeckten Berge,
die hier wie in Innsbruck die Schneehäupter zur Maria-Theresienstraße
hereinschauen. So endet auch in dieser Stadt der Blick meist an den
schneebedeckten Wasatch, die südlich bis zum Grand Cañon reichen! Schon
in Ogden hatte mir ein eifriger Postkartenverkäufer auf der Straße
seine Karten von den Wasatch Mountains mit den Worten angepriesen:
„~The finest mountain-view +in the world+!~“ Selbstverständlich!
Ich schritt indessen in das Stadtinnere bis zu dem gebietenden Denkmal
Brigham Youngs, des kraftvollen Nachfolgers des „Propheten“ Joseph
Smith, des Gründers des Mormonismus. Dann stehe ich in dem heiligen
Bezirk der Mormonen, dem „Tempelblock“ selbst, der von einer langen
quadratischen Mauer umgeben ist. Aus ihrem Innern erhebt sich mächtig
der vieltürmige Tempel und das riesenschildkrötenartig gewölbte Dach
des sogenannten „~tabernacle~“. So stehe ich jetzt an der Stelle, die
den Mormonen so heilig und zentral ist wie Rom den Katholiken, wie
die Kaaba den Mohammedanern, der Tempelplatz in Jerusalem den Juden
und Olympia den Griechen. Aus dem nahegelegenen Mormonenkollege aber
strömen gerade die Schüler aus der Morgenandacht.
Echt amerikanisch begibt man sich zur Besichtigung des Tempelbezirks
zunächst in das „~information-bureau~“, wo die Einlaßkarten und
Führer zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten zu haben sind. Geld
und Geschäft hat bis jetzt keine heilige Stätte der Welt verschont,
auch die der Mormonen nicht. Christus schwingt noch immer seine Geißel
umsonst.
Unter einem Stimmengeschwirr von Menschen werden wir dann in das
„Tabernakel“ geleitet. Wir treten durch die niedrigen Backsteinpfeiler
ein; treppauf geht es auf die Galerie in das Innere. Es öffnet sich
ein kahler Riesenraum, den eine einzige Deckenwölbung überspannt
und der an 10000 Sitzplätze faßt! Den einzigen Schmuck des Raumes
bildet eine mächtige Orgel, an der ein großer Stern mit der Umschrift
„Utah 1896“ angebracht ist. Denn in diesem Jahr wurde das bis
dahin mehr oder weniger unabhängige Mormonenterritorium als Staat
in die Union aufgenommen. Von der Orgel reichen etwa 500 Personen
fassende Sitzreihen die Orgelbühne herab, die nur Sitze für Priester
und mormonische geistliche Würdenträger enthalten. Denn unter den
Mormonen hat fast jeder zehnte Mann irgendeine priesterliche Würde.
Das Tabernakel dient zu Gottesdiensten und auch für große Konzert-
und Vortragsveranstaltungen. Die Akustik ist trotz des riesigen Raums
dank seiner ovalen Anlage und seiner ungestützten hölzernen Wölbung
vorzüglich. Man hört auch nur leise gesprochene Worte bis in entfernte
Ecken! Das Tabernakel wurde bereits in den 60er Jahren des 19.
Jahrhunderts erbaut, ein Zeugnis des Selbstbewußtseins der Mormonen,
deren Stadt damals kaum soviel Einwohner zählte als der Raum Sitze! Am
Tempel selbst aber baute man von 1873 an Jahrzehnte hindurch.
Wir treten wieder unter den 44 Backsteinpfeilern, den kurzen Füßen
der hölzernen Riesenschildkröte, hervor und begeben uns zum „Tempel“,
den wir aber von innen nicht besichtigen dürfen! Kein profaner Blick
von „Heiden“ (d. h. Nichtmormonen) darf ihn beschauen, ja selbst
nicht einmal jeder Mormone kommt in sein Inneres! Als mächtiger
sechstürmiger Bau, dessen höchsten Mittelturm eine große Bronzestatue
des Engels „Moroni“ krönt, erhebt er sich -- freilich ohne erkennbaren
Stil -- aus dem Grün des schön angelegten Tempelblocks und überragt
weithin die Stadt. Er ist keine eigentlich allgemein gottesdienstliche
Stätte, sondern dazu bestimmt, der Tempel „des neuen Zion“ zu sein, wo
Christus, wenn er in Bälde zum Weltgericht wiederkommt, seinen Thron
aufschlagen und das Gericht über die sündige Welt abhalten wird. Etwa
vierzig Jahre wurde am „Tempel“ gebaut; vier Millionen Dollar hat er
gekostet! Er soll innen aufs prächtigste mit kostbarstem Marmor und
edlen Steinen geschmückt sein, erzählte man mir. Je schwieriger es
ist, ihn zu betreten, desto geheimnisvoller erscheint das gewöhnlichen
Sterblichen verschlossene Bauwerk. Nur Mormonen höheren Grades kommen
in ihn anläßlich mormonischer „Versiegelungen“ für die Ewigkeit und
„Taufen für Verstorbene“ hinein. Ich hatte vor, -- auch amerikanisch!
-- geradewegs dem Präsidenten der Mormonenkirche, also gewissermaßen
dem Papst von Salt Lake City einen Besuch zu machen und ihn angesichts
meiner weiten Reise um einen Blick in das Tempelinnere zu bitten, aber
wahrscheinlich hätte auch das mir nichts geholfen. Aber vielleicht
hätte er mich an seine Tafel geladen? Schade, daß ich es nicht
versuchte! Da hätte ich alles leicht aus erster und bester Quelle
erfahren, was ich zu wissen wünschte.
Unsere gesprächige Führerin, die uns auch noch eine kleinere
Mormonenkirche, die sogenannte „~assembly hall~“ aufschloß, die
immerhin auch 3000 Personen faßte, und zuletzt uns noch einmal zu
einem imponierenden Orgelkonzert ins „Tabernakel“ einließ, hatte
natürlich auf recht viele Fragen der Besucher zu antworten. Alles
bestürmte sie förmlich um Auskunft über das Wesen und die Lehren des
Mormonismus. Ihre Auskünfte waren natürlich nur sehr bruchstückartig
und unzusammenhängend, ebenso wie die an sie gestellten Fragen. Aber
sie blieb unermüdlich und unerschütterlich: „Der Mormonismus ist wahr!
Er ist nicht von Menschen gemacht. Er stammt aus direkter göttlicher
Offenbarung. Die christlichen Kirchen sind vom wahren Christentum
abgefallen. Die ganze Geschichte der christlichen Kirche ist nichts
als ein großer Abfall. J. Smith bekam von Gott durch seinen Engel
Autorität, die wahre Religion der Bibel wiederherzustellen und das
echte aaronitische Priestertum zu erneuern. Auch die ‚Ordnungen‘ der
Ämter hat die Kirche unrechterweise geändert. Die Taufe darf z. B.
nicht an kleine Kinder nach mormonischer Meinung erteilt werden! Die
Mormonenkirche tauft erst achtjährige Kinder. Es gibt auch eine Taufe
für ungetauft Verstorbene. Die Handlung der Buße hat sie erneuert.
Die Trauung ist gültig auch für das ewige Leben. Eine Mehrehe -- der
große Streitpunkt -- habe auch Jesus nicht ausdrücklich verboten, im
Alten Testament wurde sie sogar von den Erzvätern geübt! Seit 1896
ist freilich die Mehrehe durch Aufnahme in die amerikanische Union
öffentlich verboten; geübt wurde sie bis dahin auch nur von zwei bis
fünf Prozent der Mormonen. Und Salomo hatte doch auch sogar -- darauf
wies die Sprecherin nachdrücklich hin -- 1000 Weiber! Jeder Mormone hat
an seine Kirche den ‚Zehnten‘ abzuliefern. Gott offenbart sich fort
und fort durch Propheten, so war auch Joseph Smith beauftragt, neue
Offenbarungen zu geben.“ Das ist einiges von den bruchstückartigen
Darlegungen der Führerin auf die an sie gestellten Fragen.
Mir genügte das freilich nicht. Im ~information-bureau~ kaufte
ich mir daher zunächst eine Mormonenbibel „~the book of Mormon~“,
in dem ich auf meiner Weiterfahrt sehr eifrig las, ein kleines
schwarzeingebundenes Buch ungefähr im halben Umfang unserer Bibel.
Außerdem eine Darlegung der mormonischen Lehre von einem mormonischen
Theologen. Und endlich schenkte mir in demselben Bureau ein alter
Mecklenburger, als er mein intensives Interesse wahrnahm und mich
als Deutschen erkannte, noch eine Schrift „~the great apostasy~“,
in der die Geschichte der Kirche als „der große Abfall“ von dem
wahren Evangelium dargestellt wird. Der Mecklenburger schüttelte mir
bewegt die Hand, ich möchte auch noch zur Erkenntnis der Wahrheit
kommen, und schloß mit dem Bekenntnis: „~My heart feels satisfied~“.
Neuerdings hat Professor Eduard Meyer anläßlich seines Aufenthalts in
der Union eingehende Studien über den +Mormonismus+ angestellt und
veröffentlicht. Danach ergibt sich geschichtlich das Folgende, das
sowohl für die Geschichte und Zustände der Union als auch die religiöse
Mentalität drüben im Ganzen äußerst charakteristisch ist:
Der Gründer der Mormonensekte, Joseph Smith, ist am 23. Dezember 1805
als vierter von neun Geschwistern in dem Dorf Sharan im Staate Vermont
geboren. Sein Vater war -- echt amerikanisch -- bald Handelsmann,
bald auch Schullehrer. Ruhelos zog er von Ort zu Ort und ist nie zu
beständigen Verhältnissen gelangt. 1815 siedelte er nach Palmyra im
Staate Neuyork über, darauf nach Manchester, N. Y. Die Mutter des
Propheten, Lucy Smith, war ebenfalls die Tochter eines Abenteurers
namens Salomon Mack, der erst bei einem Bauern arbeitete, dann
Soldat und Marketender in den Indianerkämpfen und Religionskriegen
des ausgehenden 18. Jahrhunderts war, später als Matrose diente und
zuletzt um 1810 als fast Achtzigjähriger in höchst fehlerhafter und
unorthographischer Sprache eine Erzählung seines Lebens mit mancherlei
Träumen und Visionen herausgab! Dieses Erbteil ging auf die Mutter
des Propheten über, die zeitlebens an Visionen litt und ihren Sohn
überlebte († 1856). Auch sie gab von ihren inneren Erlebnissen in einer
Selbstbiographie Kunde. Religiöse Fragen haben das Elternpaar stets
beschäftigt; auch Vater Smith erlebte allein sieben Visionen. Der
Eltern äußere Lebensumstände können gar nicht armselig genug gedacht
werden, und doch waren in ihrer Hütte wie in den meisten amerikanischen
vor über 100 Jahren die Axt und die Bibel die am meisten gebrauchten
Gegenstände. Von diesen Eltern, von beiden Seiten her also aufs
stärkste visionär erblich belastet, stammte der „Prophet“. Schulbildung
hat er bei dem ständigen Umherziehen seines Vaters nur vorübergehend
genossen; Lesen und Schreiben konnte er Zeit seines Lebens nur dürftig;
an Träume und Visionen glaubte er seit frühester Jugend. Und schon früh
bedrückte sein religiöses Gemüt die Frage, welche von den vielen Sekten
wohl die rechte sei oder ob sie nicht alle von der Wahrheit abgefallen
seien und die rechte Religion erst wieder entdeckt werden müßte ...
An einem schönen Frühjahrsmorgen 1820 -- so heißt es in seiner
Lebensbeschreibung -- sei er fünfzehnjährig in den Wald gegangen und
habe Gott um Erleuchtung über die Wahrheit angefleht. Da habe ihn
zuerst dichte Finsternis umgeben und seine Zunge sei wie gefesselt
gewesen, aber dann habe sich eine Lichtsäule auf ihn herabgesenkt, in
der zwei verklärte Gestalten sichtbar wurden. Die eine sagte ihm, alle
Sekten seien im Irrtum, keiner solte er sich anschließen, vielmehr sei
+er+ berufen, die rechte Kirche erst zu gründen. Erwacht fand er sich
allein auf dem Boden liegend, die Augen gen Himmel gerichtet ...
Mit 18 Jahren (1823) folgte eine neue wichtige Vision, in der ihm
lichtumflossen der Engel „Moroni“, der heute als Bronzefigur den Tempel
krönt, erschien und anwies, nach dem Hügel Cumorah bei Manchester, N.
Y., zu gehen. Dort werde er beim Graben zwei goldene Platten finden,
die mit geheimnisvoller Schrift bedeckt seien. Dreimal erschien ihm
der Engel Moroni bei der Nacht, und noch ein viertes Mal am Tage bei
der Feldarbeit, wo er neben seinem Vater ohnmächtig wurde. Noch an
demselben Tage habe Smith den Hügel aufgesucht, die Platten gefunden,
aber der Engel habe ihm verboten, +jetzt schon+ die Platten zu heben!
In den folgenden Jahren verdingte sich Smith zur Feldarbeit wie sein
Vater, wird aber als schmutzig, scheu und träge, ja dem Trunk ergeben
geschildert. Er benutzt seine visionären Kräfte, um nach Schätzen zu
graben, verlorene oder gestohlene Sachen wieder herbeizuschaffen.
Dabei diente ihm ein durchsichtiger Kristall („~peek-stone~“), den er
in seinen vor die Augen gehaltenen Hut legte, worauf er die gesuchten
Dinge in dem Kristall sah[30]. Mit 21 Jahren verheiratete sich Smith
und erhielt nun von dem Engel die Erlaubnis, den Schatz zu heben.
Im nächsten Jahr, Februar 1828, beginnt J. Smith mit einigen Freunden,
Farmern wie er, Martin Harris, dem Schullehrer Oliver Cowdery und David
Whitmer, selber hinter einem Vorhang sitzend (!), das Mormonenbuch,
die goldenen Tafeln mit Hilfe seines „Gucksteins“ übersetzend, zu
diktieren. 1829 war das Buch fertig und wurde 1830 veröffentlicht. M.
Harris, obgleich gewarnt, hatte das Geld zum Druck dazu hergegeben.
Was ist’s nun mit diesen geheimnisvollen Tafeln? Niemand hat sie je mit
irdischen Augen gesehen. J. Smith behauptet, daß sie in einer Kiste
in seinem Hause gelegen haben. Der Engel aber hatte dem Propheten
verboten, sie jemand zu zeigen! Nachdem die „Übersetzung“ fertig
war, wurden die Tafeln dem Engel Moroni „zurückgegeben“! Aber die
Freunde bestanden darauf, sie zu sehen. So hat J. Smith eines Tages in
einer Vision ihren Anblick vermittelt. Das bezeugen sie schriftlich
auf der ersten Seite des Mormonenbuches. Aus all dem folgt, daß die
Offenbarungstafeln wohl nie existiert haben, daß aber der „Prophet“
visionär sie gesehen und an ihr Vorhandensein geglaubt hat.
Und was ist der Inhalt dieser „Mormonenbibel“? Ich habe mich nach der
Abfahrt von der Salzseestadt viele Stunden im Eisenbahnwagen redlich
bemüht, ihren Inhalt in mich aufzunehmen, aber über 30, 40 Seiten habe
ich es nicht hinaus gebracht, so langweilig, inhaltslos und grotesk
und geschichtlich unmöglich ist der Inhalt. Das Mormonenbuch ist wie
die Bibel in Bücher, Kapitel und Verse eingeteilt. Sein Stil erinnert
stark an das Alte Testament. Im ganzen will es ein Bericht über die
Schicksale der bei der Eroberung Samarias 722 v. Chr. verschollenen
zehn Nordstämme des Volkes Israel sein, die nach den mannigfachsten
Irrfahrten und Kriegszügen nach Nordamerika gekommen seien und deren
Nachkommen niemand anders als -- die Indianer geworden wären! Man
denke sich, die Indianer Nachkommen der alten Juden!! Das bestätigt
gewiß auch die gegenseitige Rasseähnlichkeit!? Auch Christus ist, wie
Smith glaubte, nach Ostern auf dem amerikanischen Kontinent erschienen
und hatte ihm die Offenbarung der wahren Religion gegeben. Nur sind
seine rechtgläubigen Anhänger in Amerika aufgerieben worden, und seine
Offenbarung wäre verschollen, wenn nicht der letzte Prophet „Mormon“
und sein Sohn, der Engel Moroni sie auf jene Tafeln aufgezeichnet
und vergraben hätten, bis sie J. Smith wieder fände. Diese Bibel des
Propheten Mormon, von J. Smith erneuert, sei die Bibel für Amerika, ja
für die Welt. Eine ganz abstruse und unmögliche Sache!
Woher aber stammt dieser Inhalt des Mormonenbuches? Das schlechte und
fehlerhafte Englisch und die absurden geschichtlichen Ideen lassen
niemand anders als J. Smith selbst als Verfasser erwarten. Das Buch
ist der Spiegel seines ererbten visionären Fabuliertalents und seiner
vollständigen Unkenntnis der wirklichen Geschichte des amerikanischen
Kontinents und der Welt. Aber wie ist es möglich, wird man fragen,
daß ein solches Buch überhaupt Glauben fand? Nun im ersten Drittel
des 19. Jahrhunderts unter den ungebildeten und schwärmerischen
Abenteurern ist es für Amerika nicht unbegreiflich, zugleich in einer
Zeit der stürmischsten und die Menschen wie eine Psychose ergreifenden
Erweckungsversammlungen (~camp-meetings~, ~revivals~); ebensowenig
angesichts der ungeschichtlichen naiven Gläubigkeit des Amerikaners
allem gegenüber, was sich als alt und uralt ausgibt, weil man ja selbst
in einem fast vollkommen geschichtslosen neuen Lande lebt. Es ist
also nicht nötig, zu der Vermutung zu greifen, die man lange geteilt
hat, Smiths Buch sei ein Abklatsch eines Romans eines puritanischen
Predigers Spaulding, dessen Manuskript wiederum ein Buchdrucker Rigdon
dem Propheten in die Hände gespielt habe. Das seit 1885 bekannte
Manuskript Spauldings zeigt nur äußere Ähnlichkeiten in Stil und
Herkunft, aber gar nicht im religiösen Inhalt.
[Illustration: ~SALT LAKE CITY~
~Der California-Expreß quer durch den Salzsee~]
[Illustration: ~SALT LAKE CITY~
~Salt Lake City mit dem Wasatch-Gebirge~]
Wie ist es danach zu einer eigenen Mormonen+kirche+ gekommen?
Unmittelbar nach Fertigstellung des Mormonenbuches begann eine
Propaganda für den neuen Glauben im Staate Neuyork. J. Smith war
überzeugt, daß seine Anhängerschaft zur Weltherrschaft berufen sei!
Ein solch phantastischer Traum ist auf dem amerikanischen Kontinent
und auf dem Gesinnungsboden eines „auserwählten Volkes“ durchaus
begreiflich. J. Smith verkündete bald die Nähe des „1000jährigen
Reiches“ und setzte seine Mission im Staate Ohio fort. Immer neue
Orakel verkündete er. Seinen Anhängern wurden auch wunderbare Heilungen
nachgesagt. Von Ohio ging ein Teil der Gläubigen bis nach Kansas und
Missouri. Aber 1832 begannen auch schon die ersten Verfolgungen der
„Heiligen“ durch „die Heiden“. Smith und sein Freund Rigdon wurden
in einer Nacht aus dem Bett gerissen, auf die Straße geschleift --
einer der nicht wenigen Fälle von amerikanischer Lynchjustiz -- mit
Teer beschmiert und zum Spott mit Federn ausstaffiert! Den Mormonen
in Missouri warf man die Fenster ein, zündete ihr Heu an und schoß in
ihre Häuser! Die Staatsregierung unternahm zunächst nichts. Aber je
mehr die Mormonen verfolgt wurden, desto mehr breiteten sie sich aus.
Auch J. Smith machten die Verfolgungen in seiner Überzeugung nicht
irre. Im Gegenteil. 1834 forderte der „Prophet“ seine Anhänger zum
Abzug auf, er selbst organisierte sie militärisch als ihr „General“!
Die Mormonen verschanzten sich gegen anrückende Regierungstruppen in
einem festen Lager in Missouri, wurden jedoch umzingelt und mußten sich
der amerikanischen Miliz ergeben. Smith wanderte ins Gefängnis. Das
Todesurteil wurde über ihn 1838 verkündet, aber nicht vollstreckt!
Smith entfloh, seine Anhänger sammelten sich in Nauvoo in Illinois,
das damals noch ganz unkultiviert war. Nauvoo sollte nun der Sitz des
neuen Zion und des Tempels werden. Aber auch hier war ihres Bleibens
nicht lange. Zu großem Anstoß führte die jetzt schon eifrig geübte
Polygamie! Seit 1843 rechtfertigte sie der Prophet und übte sie
selbst. Die „mit Heiligen versiegelten“ Frauen würden bestimmt des
ewigen Lebens teilhaftig! So sollen sich nach Smiths Tod 27 Frauen
gerühmt haben, dem Propheten „angesiegelt“ gewesen zu sein! 1844
wurde J. Smith von seinen Anhängern sogar ernsthaft als Kandidat
für die Präsidentschaft der Union aufgestellt!! Smith stand auf der
Höhe seiner Erfolge. Eine Druckerei, die ihn schmähende Artikel und
Zeitungen erscheinen ließ, ließ er zerstören und erklärte der Union
den Krieg, die ihn zur Verantwortung ziehen wollte! Dann aber nahm
er eingeschüchtert die Kriegserklärung wieder zurück und entfloh ins
Felsengebirge. Seine Anhänger verlangten aber von ihm, daß er sich
freiwillig den amerikanischen Gerichten stelle! Er tat es und ahnte
sein Endschicksal voraus. Er wurde des Hochverrats für schuldig erklärt
und eingekerkert. Obwohl das Gefängnis von amerikanischer Miliz bewacht
wurde, drangen am 27. 6. 44. nachmittags fünf Uhr 200 abenteuerliche
Gesellen mit geschwärzten Gesichtern ein und erschossen den Propheten
in seiner Zelle, in der er sich vergebens zur Wehr setzte. Er wurde in
Nauvoo begraben und war so, 39 Jahre alt, für seine Überzeugung den
Märtyrertod gestorben.
Aber damit ging der Mormonismus nicht unter. Im Gegenteil, er blühte
erst recht auf. In Brigham Young, dessen Denkmal mit Recht im
Mittelpunkt der Salzseestadt steht, erhielt das Mormonentum einen
äußerst tatkräftigen und zielbewußten und vor allem organisatorisch
hervorragend begabten Führer, der die Mormonen aus Nauvoo hinweg
unter viel Mühsalen und Beschwerden bis in die damals noch völlig
unbewohnten Einöden am Großen Salzsee führte. Hier entstand bald
mit Hilfe künstlicher Bewässerung ein Kranz blühender und fleißiger
Dörfer. Merkwürdigerweise trennte sich Smiths Frau und Mutter mit den
Kindern von des „Propheten“ Gemeinde und gründeten eine reformierte
Mormonenkirche! Einer der Brüder Smiths wurde sogar aus der Kirche
der „Heiligen“ ausgestoßen! Young, vier Jahre älter als der Prophet,
leitete die Mormonenkirche bis 1877. Von Hause aus war er Tischler und
Glaser. Unter ihm erst wurde das anstößige Dogma von der Polygamie
öffentlich verkündet (1852).
Man begnügte sich bald nicht mehr nur mit den Siedlungen am Salzsee,
deren Fruchtbarkeit von allen Seiten Landsucher anlockte, sondern
schickte auch Sendboten nach Europa! Young verschönte und vergrößerte
auch die Hauptstadt, er baute das „Tabernakel“ und legte den Grundstein
zum „Tempel“. Mit den umwohnenden Indianern, in denen man ja die
Nachkommen des auserwählten Volkes Israel sah, verbündete sich
Young und hielt mit ihnen zusammen lange Zeit die amerikanischen
Regierungstruppen in Schach. Utah war selbständiges Territorium. Young
übte die Rechte eines Gouverneurs aus. Er war zugleich Präsident des
Staates +und+ der Kirche. Die Gerichte urteilten nach seinen Weisungen
und zuweilen mußten Verbrechen durch freiwilligen Tod gesühnt werden!
Von den nach Kalifornien strömenden Goldsuchern erhob man hohe
Durchgangszölle. Die Landsuchenden hielt man in Abhängigkeit, indem
die Kirche selbst das Land verpachtete. Aber die Einöde um den Salzsee
verwandelte sich bald in ein Kulturparadies, das ich selbst mit Augen
sah. So wurde Salt Lake City eine der saubersten und schönsten Städte
der Union. Die Industrie blieb hier noch lange ganz fern.
Young hielt auch auf straffe sittliche Zucht. Die Stadt wurde in
Bezirke eingeteilt, denen Bischöfe und Priester vorstanden. Sie hatten
das Leben sämtlicher Familien streng zu kontrollieren. Völlerei,
Diebstahl, Betrug, Meineid, Fluchen und Würfelspiel -- sonst vielgeübt
-- waren hier Seltenheiten. Als 1867 die Bahn nach dem Stillen Ozean
gebaut wurde, hörte Utah auf, von der Welt abgeschnitten zu sein. Der
Durchgangsverkehr stieg gewaltig. 1890 erteilte der amerikanische Staat
Amnestie an alle Polygamisten. 1896 wurde Utah als Staat der Union
eingegliedert. Der Traum eines mormonischen Weltstaates mit Salt
Lake City als Mittelpunkt war damit ausgeträumt. Übrig blieb nun der
religiöse Mormonismus als Sekte wie der religiöse Katholizismus nach
Aufhebung des selbständigen römischen Kirchenstaats. Heute mögen die
Anhänger des Mormonismus in aller Welt eine halbe Million betragen.
In Salt Lake City selbst haben sie dank der Einwanderung nicht mehr
die Majorität. Eine ganze Reihe Kirchen anderer Sekten wie der
Presbyterianer, der Methodisten usw. erheben sich auch jetzt daselbst.
Aber etwa 2000 mormonische Missionare durchziehen die Welt und werben
für J. Smiths Lehre und Sendung. In Deutschland und der Schweiz soll es
etwa 5000 Mormonen geben, deren heißeste Sehnsucht es ist, einmal nach
Salt Lake City zu kommen und im Schatten des Tempels zu sterben ...
* * * * *
Ich hatte die Stadt durchschritten und stand am sogenannten
„Eagle-Gate“ (Adler-Tor), das sich aus vier eisernen Bogen bestehend,
vom Unionsadler gekrönt, angeblich über „die längste Straße der
Welt“ spannt dicht beim Grab des mächtigen Brigham Young. Salt Lake
City ist so modern geworden, daß sich auch schon ein paar stattliche
Wolkenkratzer erheben, wenn auch nicht von der Höhe derjenigen
Neuyorks. Die Innenstadt ist umkreist von einem Kranz höchst gefälliger
und geschmackvoller Landhäuser. Alle Straßen, deren ein großer Teil
mit hohen Pappeln bepflanzt ist, machen einen äußerst sauberen und
gepflegten Eindruck. Um die Stadt leuchten Schneeberge. In der Tat,
eine prächtige Lage für das mormonische Zion! In einigen kleineren
Straßen entdeckte ich auch noch recht alte Häuser, darunter ein aus
rohen Balken gezimmertes Blockhaus, das erste in Salt Lake! -- --
Wolken hatten sich zusammengezogen. Es fing an zu regnen. Ich flüchtete
in die neue stattliche, gotische katholische Marienkathedrale und
empfand wieder einmal, daß es doch etwas Schönes um die offenen
katholischen Kirchen ist; sie bieten den Fremden und Reisenden stets
einen unentgeltlichen Ruhesitz, wo man dem Lärm des Straßenverkehrs
und der Nervenanspannung der Besichtigungen auf eine Weile ungehindert
entfliehen kann. Ich suche sie daher in fremden Städten immer gern auf
und saß auch jetzt eine Weile in Salt Lake so gut in der katholischen
Kirche wie in München in der Theatiner Hofkirche, in Venedig in S.
Marco oder in Rom in Maria Maggiore. Es ist auch gewiß etwas Großes
um das Weltumspannende der katholischen Kirche, die dieselbe in Köln
oder in Sevilla, in Dresden oder in St. Marys Kathedrale in Salt Lake
ist. Der Katholik kann sich darum überall in der Welt in seiner Kirche
sofort daheim fühlen und zurechtfinden ...
* * * * *
Wieder verließ ich wie im Staat Neumexiko in Santa Fé und San Franzisko
im Schlafwagen auch das Zion der Mormonen des Abends. Fort ging’s in
das Zauberbergland +Kolorados+. Bei der Abfahrt leuchtete mir noch ein
strahlendes Alpenglühen auf den Wasatchbergen den Abschiedsgruß ... Ein
letzter wundervoller Eindruck!
Ich hatte wieder eine weite Fahrt vor mir, wieder eine ganze Nacht und
einen ganzen Tag durch einen großen Teil des Staates Utah über die
Kette des Wasatchgebirges hinein in das größte Gebirgs- und Alpenland
Amerikas Kolorado bis nach „Kolorado-Springs“ an den Fuß des 4300
~m~ hohen Pikes Peak, den Eckpfeiler des Felsengebirges am Rande der
unendlichen Mississippiebene. War ich wieder soweit, dann hatte ich die
ganze mächtige Breite des Felsengebirges wieder hinter mir.
Ich las auf meinem Bett sitzend noch eine Weile in der Mormonenbibel,
dann entschlummerte ich in meiner „~upper berth~“, die ich mir wieder
rechtzeitig gesichert hatte. Ich war jetzt schon so sehr an das
Schlafwagenfahren gewöhnt, daß ich so ruhig und gut wie im schönsten
Hotelbett schlief. Dazu hielt der Zug in dieser Nacht wohl gar nicht,
und ich wurde so wieder 700 Meilen, also etwa eine Strecke von
Königsberg-Basel mühelos weitergerollt. Am „Jordan“ entlang ging es
vom Salzsee zum viel kleineren Utahsee und dann keuchend hinauf über
die Paßhöhe des Wasatchgebirges (2300 ~m~) und wieder hinab durch das
sogenannte „Castle Gate“, an dessen Eingang drohend zwei riesige 150
~m~ hohe aufragende Sandsteinfelsen stehen und kaum den eingleisigen
Schienenweg hindurchlassen, zum Green River, einem Quellfluß des
Koloradostromes. Von all dem sah ich freilich wenig, sondern verschlief
es; aber am nächsten Tage sah ich dergleichen genug, was den stolzen
Namen der Bahnlinie als der „~most scenic line +of the world+~“
rechtfertigte, denn sie geht mitten durch das wildzerklüftete Alpen-
und Goldland Kolorado, die „Schweiz“ der Vereinigten Staaten, hindurch.
Ich erwachte am Morgen, als wir schon die Koloradowüste hinter uns
und den Green River überschritten hatten und im felsigen Cañon des
Grand River, des anderen Quellflusses des Kolorado, fuhren. Aus
dem lieblichen Kulturparadies am Salzsee war ich in die wilden
Bergschluchten Kolorados, wie aus dem Italien und Spanien Kaliforniens
in die Schneewelt der Sierra Nevada und aus dieser wieder in die
sengende Wüste Nevadas versetzt. Was für Verwandlungen! So war ich
wieder am Koloradofluß, in dessen wilden Großcañon ich vor etwa einer
Woche von 2000 ~m~ Höhe geschaut hatte -- freilich mehrere hundert
Meilen von hier südlich -- und den wir bei Needles an der Grenze
Kaliforniens bei herrlichstem Sonnenuntergang breit wie einen Meeresarm
gekreuzt hatten. Jetzt dampften wir seinen Oberlauf aufwärts. Wir
hielten in Grand-Junction, wo eine Nebenlinie nördlich durch das
Bergland auch nach Kolorado Springs führt. Ich blieb auf der kürzeren
Hauptlinie, die ein Umsteigen ersparte. Aber jedem Leser rate ich, im
entsprechenden Fall doch lieber die noch viel interessantere Nebenlinie
zu benutzen.
Die Farmen in den Hochtälern wie auf Alpenweiden und -matten erwachten!
Hunde spielten vor den schweizähnlichen Blockhäusern. Hühner gackerten
heimatlich. Hemdärmelig standen in hohen Stiefeln und wollenen Jacken
stämmige Menschen vor ihren Blockhäusern, die mich sehr an die am
Fuß der San Franziskoberge in Flagstaff erinnerten, und schauten dem
Tagesereignis, dem Zug, nach ...
Es ist herrlicher Morgensonnenschein. Aus einem Cañon geht es ohne
Unterlaß in den anderen. Meist läßt der Felsabsturz gerade nur noch
den Platz für die Bahnlinie frei. Ein Zugzusammenstoß muß hier
leicht möglich, aber nicht gerade ungefährlich sein! Bergwerkstollen
sieht man bis hoch an die Felswände hinauf. Im Wagen sitzen allerlei
-- amerikanisch! -- bibellesende Menschen, darunter auch wieder ein
Heilsarmeesoldat. Mit einer ihre Morgenandacht im Wagen haltenden
jungen Dame komme ich ins Gespräch. Sie stammt von deutschen Eltern
und bekennt sich als eifrige Sonntagsschullehrerin. Sonntags besucht
sie zwei- bis dreimal ihre Kirche. Sie liest fast nur in der Bibel,
sagt sie. Andere Bücher bedeuten nichts! Meine Morgenandacht bestand im
Augenblick im Hinausschauen in die großartige Natur- und Gebirgswelt.
Redete nicht auch hier Gott zu mir? Ich brauchte jetzt kein Buch über
Gott. Meine Bibel waren im Augenblick die grandiosen Felsabstürze
und Schneehäupter und rauschenden Ströme, an denen ich mich nie müde
sehen konnte. Und etwa zur Mormonenbibel zu greifen, hatte ich jetzt,
obwohl wir kaum aus Utah heraus waren, immer weniger Neigung. Was
ging mich jetzt die abstruse und unmögliche Geschichte der Juden auf
dem amerikanischen Kontinent vor ein paar tausend Jahren an? Sollten
wirklich Juden durch diese Kañons gezogen sein oder auf diesen Almen
ihr Vieh geweidet oder an diesen rauschenden Strömen gekämpft und sich
ausgerottet haben? Ich bin kein Judenfresser -- aber das auch nur
einmal auszudenken, wäre mehr als grotesk. Ärgerlich packte ich diese
Art „Bibel“ zu unterst in meinen Handkoffer ... Die junge Dame war auf
Deutschland nicht gut zu sprechen, obwohl sie es selbst nie gesehen
hatte ...! „Aber es muß doch dort nicht schön sein“, so philosophierte
sie zu mir flötend und selbstbewußt, sonst wären doch meine Eltern
nicht hierher in die „States“ ausgewandert! Ihr Vater kam aus Elbing in
Westpreußen, wo er ein kleines Bauerngütchen besessen hatte, und hier
war er allerdings bald Großfarmer geworden. Ich sagte ihr -- und es
sollte keine bloße Höflichkeit sein -- daß ich hier am liebsten jetzt
ausstiege und durch die Wälder ginge und über die Felsen dem Schnee
entgegenstiege! Da sah sie mich ganz entgeistert an und bekam fast
einen kleinen Ohnmachtsanfall: „Aber hier gibt es ja nirgends Wege! In
diesem Lande geht man nicht spazieren!“ Mehr als mitleidig sah sie
mich dabei an, und ich entgegnete ihr ebenso mitleidig in Gedanken:
„Armes Land, das zum Wandern zu ungeheuer ist, das man nur im Expreß
oder mit dem Auto durchrasen kann. Und selbst das nicht, denn auch dazu
fehlen noch die Straßen durch die Rockies. Ihr Amerikaner, dachte ich,
müßt doch eine ganz andere Seele haben als wir Deutschen. Bei euch ist
alles aufs Riesige, Große, Ungemessene gestellt. Ihr kennt nicht die
Kleinszenerie eines deutschen Mühlentälchens oder den lauschigen Sitz
an der Quelle und den wohldurchwegten Buchenwald.“ --
Wir waren inzwischen immer höher gekommen und fuhren wieder einmal auf
2000 ~m~ Höhe. Die kleinen Bahnhöfe, die wir zuweilen passierten, an
denen manchmal ein einziges Fräulein den ganzen Bahndienst versieht
oder ein Bursche mit einer Flagge winkt -- ~NB~ die ganze bahnamtliche
Verständigung! -- erinnerten mich lebhaft an Hochtäler in Tirol und
ihre grasigen einsamen Weiden. Kühe weideten hier oben wie in den
Alpen. Und ringsum grenzten Schneeberge den Horizont.
Ja, jetzt schneite es gar. Wie lustig! Wie warm aber mochte es
gleichzeitig auf dem Asphalt des Broadway in Neuyork sein! Nur die
Gletscher fehlten hier zur Vervollständigung des alpinen Bildes. Von
der Bahn aus wenigstens sah ich keinen. So tief wie in unseren Alpen
reicht hier der Schnee nicht in die Täler. Sonst war alles wie in
unseren Alpen. Auch wenn ich mir die Menschen hier oben betrachtete,
so schienen mir die Bewegungen der Koloradoleute, an Sturm und
Schnee gewöhnt, viel stämmiger, gemessener und gewichtiger als der
typischen überbeweglichen Yankees. Die Koloradoleute kommen einem
recht unamerikanisch vor, so wie etwa bei uns der Schwarzwälder oder
Partenkirchener mit dem Berliner auf dem Asphalt der Friedrichstraße
auch wenig gemein hat.
Bald sind wir in vollendeter Schneelandschaft. Es schneit hier stark.
Bahnrauch, Nebel und Schnee hüllen das Hochtal ein. Noch immer laufen
die Gebirgsbäche zum Stillen Ozean. Wir sind in die romantische
Schlucht des „~eagle-cañon~“ eingefahren. Die Schlucht ist nur noch
wildrauschender Fluß und mehrere hundert Meter hoch aufsteigende
Felswände. Die Bahn keucht in Windungen immer höher empor. Endlich in
Höhe von 3184 ~m~ (!) -- also z. B. noch 400 ~m~ über dem Stilfser
Joch in Tirol, einem der höchsten Alpen+straßen+pässe -- erreicht die
Bahn den „Tennesseepaß“, d. h. die +Wasserscheide zwischen Stillem
und Atlantischem Ozean+! Der Zug hält, gleichsam stolz auf seine
Leistung. Es ist auch eine. Die Lokomotive faßt Wasser und Kohlen
und erholt sich von ihrem Rekord, einen ~D~-Zug mit sechs Wagen auf
solche Höhe hinaufgebracht zu haben. Für einen Augenblick springen wir
Globetrotters von den hohen Trittbrettern aus unseren Pullmann-Wagen,
die uns seit Salt Lake City schon wieder etwa 16 Stunden beherbergen.
O diese wunderbare köstliche frische Hochgebirgsluft! Wir sind 200
~m~ +über+ der Höhe der Zugspitze!! So ist es auch draußen recht
empfindlich kalt. Das Thermometer zeigt 0 Grad! Rings hüllt uns eine
neblige Schneelandschaft völlig ein. Schneehäupter schauen über
alle Seitentäler herüber, darunter die stolzen Gipfel der „Sangre
de Christo“-Berge[31]. Ach könnte ich ein wenig hierbleiben und die
Koloradoalpen ersteigen! Aber die unerbittliche Zeit, Fahrplan, Geld
und Arbeitsfrohn treiben mich mit ihrer Geißel und dem Ruf unserer
Fronvögte: „~All aboard!~“ in die dumpfen Wagen mit ihrer verbrauchten
Stickluft aus Nacht- und Tagkampieren, Speiseresten, Abfällen,
weggeworfenen Zigaretten, Zeitungen u. dgl. zurück.
In Station „Buena Vista“ ist da oben wirklich eine Prachtaussicht. Wir
fahren eine Zeitlang auf einem Hochplateau in 3000 ~m~ Höhe. Um uns
erheben sich die sogenannte „~Collegiate Peaks~“, die nach den großen
Universitäten genannt sind: „~Mount Yale~, ~Mount Princeton~ und ~Mount
Harvard~“, jeder ein Montblank für sich, an 4300-4400 ~m~ hoch! Nicht
weit von hier ist ein Tunnel, durch den die dortige Bahnlinie sogar in
3500 ~m~ (!) Höhe die Wasserscheide der Ozeane überschreitet. Draußen
steht -- wie ich beim Hinaussehen feststelle -- wieder einmal bei
ein paar Hütten eine kleine Holzbaukastenkirche. Einige weidende Esel
zeigen sich uns als die einzigen Lebewesen hier oben, wie auch diese
geduldigen Tiere allein bei uns nach den Alpenhütten emportraben. Fast
heimatliche Gefühle stellen sich bei mir ein, je öfter ich daran denke,
daß es wieder dem Atlantischen, „unserem“ Ozean zugeht! Werde ich noch
einmal im Leben am Rande des Pazifik liegen, mich in seinem Sande in
der Bucht von Montery wohlig wärmen oder nach der paradiesischen Insel
Santa Catalina hinüberfahren oder die Seelöwen gegenüber dem Goldenen
Tor der San Franzisko-Bucht brüllen hören? Das alles kam mir jetzt auf
diesen hochalpinen Ebenen wie ein sonniges, aber verklungenes Märchen
vor samt den Zinnen des Mormonentempels und den weiten glitzernden
Fluten des Salzsees ...
Allmählich ging es von der alpinen Hochebene wieder herab in einen
neuen schaurigen Cañon. Die Bahntrasse hatte sich beträchtlich
gesenkt. Es war wohl der vierte große Cañon dieses Tages, der des
„Arkansas-River“, der viele hundert Meilen lang bereits dem „Vater der
Ströme“, dem Mississippi, zuströmt. Sein Wasser rauscht frisch und
kalt, wie es aus den Bergen kommt. Mächtige Felsblöcke sperren seinen
Weg. Immer enger wird der Bahnweg. Wie ein ständig sich krümmender
Wurm windet sich der Zug durch die riesige Schlucht. Wirklich, diesmal
war der Mund nicht zu voll genommen: Es war „~the most scenic line of
the world~“, die ich fuhr. Der Arkansascañon übertraf alle Tiroler,
Schweizer und oberbayrischen Klamms zusammen, die ich gesehen hatte.
Welche Wildromantik ständig da draußen! Mich beseligte ein eigenartiges
stilles Glücksgefühl, das alles einmal sehen zu dürfen. So hätte ich
bis ans Ende der Welt fahren können! Nur zu schnell glitt alles
vorüber ...
„~Morningpapers~“[32] wurden ausgeboten. Was scherten mich jetzt
in dieser Alpenszenerie die Politik der Welt und die Börsenkurse,
Theatergrößen und Sporthelden! Wie lächerlich klein, unwichtig und
aufgebauscht erscheint all das Menschengetriebe der Kulturgroßstädte
hier oben! Andere im Wagen studieren immer von neuem die Fahrpläne,
die sie doch bald auswendig können müssen, um die Zeit totzuschlagen,
die mir viel zu schnell vergeht. Auch Kartenspiel ist nicht jedermanns
Sache und dünkte hier mich Sünde. Ich studiere derweilen immer aufs
neue die majestätische Natur draußen und suche die großen Eindrücke
recht fest und tief in mich einzusaugen ...
An den kleinen Stationen, wo es etwa alle ein bis zwei Stunden einmal
hält, steigt niemand ein und aus. Aber zuletzt, ehe wir aus dem
Felsengebirge austreten, kommt noch das Großartigste von allem, die
sogenannte „Royal-Gorge“[33]. 800 ~m~ hohe Wände steigen hier fast
senkrecht aus der Schlucht empor. Die Schlucht wird jetzt so schmal,
daß die Spur für die Bahn zum Teil erst künstlich geschaffen werden
mußte. Auf hängender Brücke (!), deren obere Eisenbänder in die
Felswände eingelassen sind, überschreitet die Bahn die allerengste
Stelle. 13 ~km~ lang ist dieser ganze unbeschreiblich romantische
Engpaß. Unter uns oder dicht neben uns tost der Arkansas-River. Hier
wächst kein Gräslein mehr in dieser Teufelsschlucht, kein Sonnenschein
dringt in die Tiefe ... Der Zug hält einen Augenblick zur Bewunderung
der grandiosen Gebirgsszenerie. Dann auf einmal tritt nach nicht
allzulanger Weiterfahrt die Bahnlinie urplötzlich ins offene Gefilde
hinaus. Wie aus einem Höllental geht es ins Himmelreich, wie aus der
Teufelsschlucht des Gotthardpasses in das grüne „Andermatt“. Die
Berge treten zurück. Die Baumblüte ist im Gange. Noch erscheinen
keine zusammenhängenden Siedlungen, sondern erst nur Einzelfarmen.
Berittene Hirten treiben mächtige Kuhherden in die Hürden, denn der
Tag neigt sich wieder einmal zum Abend. Wir halten in Cañon-City,
dann in Pueblo, das nicht mehr weit von La Junta ist, der Gegend, wo
ich mein Scheckbuch verlor und wiederfand. Ich bin also eine riesige
Schleife gefahren. Ich steige aus in dem amerikanischen Davos,
in „Kolorado-Springs“ am Fuß des 4300 ~m~ hohen Pikes Peak. Der
vielbesuchte Badeort liegt selbst 1800 ~m~ hoch, also auf Rigihöhe.
Dicht vor sich hat man die Kette des Felsengebirges, das ich einst
so sehnsüchtig erschaut und nun zweimal so ausgiebig seiner ganzen
ungeheuren Breite nach durchfahren hatte; zur Rechten beginnen die
ebenso ungeheuerlichen Mississippiebenen ...
Als ich aus dem Bahnhof trat, fiel schon die Nacht ein. In meinem
Logis, das ich bald gewählt, freute es mich doch, nach der 24stündigen
Fahrt seit Salt Lake wieder einmal ungerollt und ungewiegt schlafen zu
dürfen. Wie in Kalifornien in Los Angeles, Monterey und San Franzisko
wollte ich mich auch hier in dem vielgerühmten Klima ein bißchen
erholen und es mir auf ein bis zwei Tage gemütlich machen, denn noch
immer lagen ungeheure Entfernungen vor mir. Erst ein Drittel der Breite
der Union war wieder von Westen nach Osten durchmessen ...
Von Kolorado-Springs, dem Davos oder Luzern Amerikas, kann man viele
herrliche Touren machen, aber dazu braucht man Führer, Esel, weitere
Bahnfahrten, so in die „Cheyenne Berge“, die Alpenfahrt nach der
Goldgräberstadt „Cripple Creek“, vor allem aber zu dem nach dem
Indianergott Manitou, dem „großen Geist“ genannten Gebirgsort am Fuß
des Pikes Peak, zu dem „~garden of the Gods~“, dem Göttergarten mit
seinen grotesken Felsbildungen, und vor allem auf den die ganze Gegend
beherrschenden „Pikes Peak“ selbst.
Es war fast immer blendender Sonnenschein, wenn ich aufstand. In
Kolorado-Springs regnet es von September bis April überhaupt nicht;
selten fällt Schnee! Es ist noch trockener und sonniger als Davos und
wird daher viel von Brustkranken, Tuberkulösen und Neurasthenikern in
der Union aufgesucht. Von den endlosen Prärien der Mississippiebene
weht der reine warme Wind herein. Die hohen Berge der Rockies schützen
es gegen Stürme und Kälte. Es war also allein schon ein erhebendes
Bewußtsein, an einem so gesunden und paradiesisch-klimatischen Ort
zu weilen. Man lebte den ganzen Tag in dem Gefühl, wie von rosigen
Engelslüften umgeben zu sein, und war von der fast fixen Idee besessen,
daß man nur immer recht tief Atem zu holen brauche und die Lungen
davon recht gefüllt mitzunehmen, um gesund zu sein. In der Tat, als
ich wieder nach Chikago zu meinen Verwandten kam, waren sie erstaunt,
mich trotz der inzwischen geleisteten Bahnfahrt von 5000 Meilen so
frisch und rotbackig zu finden. Das hatte ohne Zweifel die Luft von
Kolorado-Springs zusammen mit dem sonnigen Sand am Pazifik zuwege
gebracht.
So fuhr ich nach dem Frühstück sofort mit der Eisenbahn die nicht
allzugroße Strecke über „Kolorado-City“ ins Gebirge hinein nach
„Manitou“. Kolorado-Springs war schon still. Denn die großen Hotels
waren noch geschlossen. Die Saison war noch nicht angegangen. Aber
Manitou war geradezu noch wie ausgestorben. Vielleicht hätte ich hier
jetzt noch nicht einmal ein Zimmer bekommen. Denn alle Pensionen
und Gasthöfe schienen noch geschlossen zu sein. In Kolorado-Springs
dominierte schon einzigartig schön das Montblanchaupt des Pikes Peak,
aber in Manitou wirkte es geradezu erdrückend. Man war ihm hier jetzt
näher wie in Lautersbrunn oder Wengen in der Schweiz der „Jungfrau“.
Manitou liegt verstreut mit Villen und Pensionen in einem alpinen
Kessel, etwa 2000 ~m~ hoch. Von hier aus wird die Besteigung des Pikes
Peak meist unternommen. Und die hatte ich mir nun einmal schon lange
in den Kopf gesetzt. Sie stand als unerschütterlicher Punkt auf meinem
Reiseprogramm.
Es geht auf den Pikes Peak eine Zahnradbahn hinauf, die drei Stunden
braucht. Aber die hätte ich verschmäht, auch wenn sie gegangen wäre.
Gewiß war sie auch für meinen Geldbeutel zu teuer. Ebenso wie ich es
für eine Entheiligung unserer Alpen halte, daß sich jetzt jede feiste
Madame oder jeder Schieber auf die Jungfrau oder bald auf die Zugspitze
hinauffahren lassen kann. Auch auf den Rigi und den Pilatus sind wir
seinerzeit ganz zu Fuß hinauf- und wieder hinuntergestiegen. Das war
redliche Touristenarbeit. Die Zahnradbahn war aber noch nicht wieder
eröffnet! Außer der Zahnradbahn geht eine 27 ~km~ lange Fahrstraße
auf den Gipfel! Die kann man hinauffahren. Aber sie war für mich zu
weit. Ich wäre auch nie in der Kutsche hinaufgefahren. Zu Fuß wäre ich
hinauf-, aber an einem Tage nicht wieder heruntergekommen! Endlich geht
ein Fuß- und Reitweg durch den Englemans Cañon hinauf, zu dem man
sechs Stunden braucht! Mit dem Fußweg wollte ich es tapfer versuchen.
Ausgerüstet war ich zwar gar nicht dafür. Ich hatte weder Bergschuhe
noch Alpenstock, auch keine langreichende Wegzehrung! Was hatte ich
auf dem Frühlingspflaster in Boston und Chikago auch an Alpentouren
im Felsengebirge in Schnee und Eis gedacht! Schon am Niagara war ich
höchst überrascht, ihn Anfang April noch völlig vereist anzutreffen ...!
Ich wanderte also zunächst, als ich aus der Bahn stieg, durch den
prächtigen Luftkurort Manitou, kam am Bahnhof der Zahnradbahn vorüber
und stapfte tapfer, klirrend meinen Stock aufstützend, den Fahrweg zum
Englemans Cañon hinauf. Es wurde immer stiller und einsamer um mich.
Nur die Sonne schien und war meine treue Begleiterin. Der Fahrweg
hörte bald ganz auf und wandte sich rechts ab. Der Fußweg hörte bald
auch auf -- nämlich im tiefen Schnee! Nun blieb nur noch die Trasse
der Zahnradbahn als Pfad zu erkennen. Der folgte ich. Einige weidende
Esel waren die letzten Lebewesen gewesen, die ich sah. Im Sommer
trugen sie wohl unermüdlich die Touristen auf den Alpengipfel des
Pikes Peak. Nun kam lange gar nichts mehr. Ich setzte immer Fuß vor
Fuß, eine tüchtige tiefe Spur hinter mir lassend. Nach einiger Weile
hüpfte mal ein graues Eichhörnchen über den Weg, das noch lange nicht
daran dachte, sein Sommerkleid anzulegen. Hier und da löste sich im
wärmenden Sonnenschein eine Schneelast von den dichtstehenden Tannen
und huschte mit gespenstischem Laut zur Erde nieder. Eine reine Luft
war rings zum Jauchzen. Ein Himmelblau spannte sich über mir, wie ich
es so tief und klar kaum je gesehen hatte. Ich dehnte und weitete meine
Brust und füllte die Lungen, als ob es bis ans Lebensende reichen müßte
... So war eine Stunde nach der anderen vergangen. Aber der Pikes
Peak erschien mir immer höher und -- ferner! Rings um mich war alles
Schnee. Auch die Trasse der Zahnradbahn war jetzt so dicht mit Schnee
zugedeckt, daß sie kaum noch zu erkennen war. Jeder Schritt wurde zu
einer mächtigen Anstrengung. Lautlos still war alles ringsum. Leise
Zweifel begannen in meiner Brust aufzustehen, ob ich wohl heute noch
hinaufkäme. Oben sollte ein Gasthaus sein, aber es war gewiß jetzt
noch geschlossen! Ein Herr und eine Dame waren mir entgegen abwärts
geschritten, wohlausgerüstet wie Alpensteiger. In der Freude, in dieser
Hochgebirgseinsamkeit einmal plötzlich Menschen zu sehen, griff ich
auf gut deutsch an den Hut und sagte fröhlich, ganz vergessend, wo ich
war: „Guten Morgen“! Die Lady sah mich groß an, offenbar sehr erstaunt
und beleidigt zugleich, daß ich es wagte, als Mann eine Dame zu grüßen
und anzusprechen, und grüßte nicht wieder! Ich hatte im Augenblick
auch ganz vergessen, daß ich ja auf amerikanischem Boden eine Dame
nicht zuerst grüßen darf! Und selbst auf dem Weg zum Pikes Peak muß
man die Form wahren! Der Herr, offenbar, wie ich beim Näherkommen sah,
ein Führer, murmelte lächelnd ein paar Worte. Ich rief ihm noch nach,
wieweit es noch auf den Pikes Peak sei, da antwortete er: „Bis zum
~half-way-house~ noch eine gute halbe Stunde.“ So stapfe ich weiter,
in der Hoffnung, beim „~half-way-house~“ wohl eine trockene und warme
Stube zu finden. Dann überließen sie mich meinem Schicksal. Als ich
endlich, vom ewigen Schneestapfen und Bis-ans-Knie-Einsinken recht müde
geworden, das „~half-way-house~“ erreiche, ist es -- verschlossen!
Ich rüttele an allen Türen, es hilft nichts. Die Fensterläden sind
zugeschlagen. Kein Lebewesen, weder Mensch noch Tier, regt sich in ihm.
Mir wie zum Spott steht bloß groß da angeschrieben: „~Half-way-house~“
-- und droben erhob der Pikes Peak sein Haupt, jedesmal höher, ferner
und anscheinend unerreichbarer denn je zuvor!
Ich verzehrte meinen Mundvorrat an Gebäck und Orangen im Stehen. Meine
Füße steckten naß in leichten Strümpfen und durchlässigen Schuhen wie
in ständigem Schneewasserbad. Ich überlege. Zum Umkehren kann ich
mich noch nicht entschließen; aber ob ich heute noch auf den Pikes
Peak komme und auch wieder mit heiler Haut bei diesen unerwarteten
Schneeverhältnissen herunter, ist mir nun höchst zweifelhaft geworden.
Und wenn oben gar auch verschlossen ist wie hier das ~half-way-house~,
sollte ich dann die Nacht oben im Schnee zubringen? Das waren keine
angenehmen Aussichten! Wie es nur wohl die nicht wiedergrüßende
Lady gemacht hatte? Hatte sie vielleicht einen Schlüssel zu dem
Unterkunftshaus mitgehabt? Meine Wirtin in Kolorado-Springs hatte es
mir nicht sagen können, ob „oben“ offen sei und ob man jetzt schon
hinauf könne. Ich müsse es versuchen. Ich las in meinem getreuen
Bädeker nach, da fand ich den mir jetzt leider nur allzu wahr
erscheinenden Satz: „Die Besteigung des Pikes Peak ist des Schnees
wegen nicht vor Juni, nur im Sommer anzuraten!“ Er hatte recht, der
treffliche Bädeker, wie immer. Aber da ich im tiefen Schnee so manchen
Berg auch im deutschen Winter erstiegen hatte, dachte ich, ich könnte
auch den Pikes Peak in Amerika im April zwingen ... Der Mensch
denkt! ...
Ich stapfte weiter. Meine Stiefel waren außen Schnee und innen Wasser.
Ich gab das Rennen noch nicht auf. Oder sollte ich etwa doch besiegt
einen Kompromiß schließen? Kompromisse sind stets vom Übel. Aber
manchmal geht es doch nicht anders. Rechts oben über einem steilen Hang
schaute ein Aussichtstempel herab: „~Grand-view-rock~“ nannte er sich.
Ein Wegweiser, aber jetzt ganz ohne Weg, wies hinauf. Sollte ich mich
mit diesem kleinen Pikes Peak begnügen? Schmählich! Aber der Mensch
versuche die Götter nicht! Sollte etwa nachher in den amerikanischen
Zeitungen stehen: „Am Pikes Peak wurde ein deutscher Tourist erfroren
und entkräftet aufgefunden. Aus seinen Papieren ergab sich, daß er usw.
...“ Nein, diese Sensation gönnte ich den so sehr sensationslüsternen
„~papers~“ neben alle den anderen auf dem Asphalt Chikagos und Neuyorks
denn doch nicht! Dazu war der ~sacro egoismo~ in mir zu lebendig. Also
wandte ich mich rechts hinauf und stieg zunächst weg- und steglos durch
den Wald und über vereiste Felsen zum „~grand-view-rock~“ hinauf, bis
mir das Herz bei dem fast senkrechten Steigen bis zum Halse hinauf
klopfte ...
[Illustration: ~SALT LAKE CITY~
~Der Tempel-Block in Salt Lake City~]
[Illustration: ~WASHINGTON~
~Das Capitol~]
Ich hatte ihn erreicht. Auf hohem Felsen thronte ein Holztempelchen.
Ich trat ein. Die Aussicht von oben war in der Tat glänzend
und „groß“. Unten zu meinen Füßen lag Manitou wie aus einer
Spielzeugschachtel aufgebaut, weiter hinaus Kolorado-Springs, und
dann ergoß sich die endlose Ebene wie ein Meer bis an den weitesten
Horizont; ringsum aber die immer gewaltiger ansteigenden Berge. Über
allem das noch immer unbezwingliche Schneehaupt des Pikes Peak! Ich
stand wohl jetzt etwa noch knapp 1000 ~m~ unter seinem Gipfel. Es war
Mittag. Der Hunger meldete sich. Und der Weg abwärts und zurück war
auch noch ein gutes Stück Arbeit. So entschloß ich mich schließlich
doch schweren Herzens, die weitere Besteigung des Berges nicht zu
versuchen. Aber es hat mich einen Kampf gekostet ...!
An den Felsen des ~grand-view-rock~ waren sehr merkwürdige Inschriften,
die zur religiösen Bekehrung riefen, angeschrieben, z. B.:
„~God will save us. The wicked go to the hell. Where will you spend
eternity? He that believes, shall be saved. He, that does not, shall
be damned.~“[34]
Also Heilsarmeefrömmigkeit bis auf den Pikes Peak hinauf! Ob das hier
gerade sehr geschmackvoll wirkte? Ob nicht die grandiose Bergwelt
allein dem Menschen mehr wirkliche Gotteserkenntnis predigte als
solche Inschrift? Das Holzgeländer des Tempelchens, das vor der Tiefe
schützen sollte, war recht morsch. Im Winter mag hier manch schöner
Sturm und Frost wüten! Nachdem die letzte Kost verzehrt und der letzte
Blick hinauf auf das göttergleiche Haupt des Pikes Peak und hinab in
die endlosen Prärien getan war, begann ich innerlich traurig den nicht
mühelosen Abstieg nach Manitou ...
In Manitou wieder angekommen, mache ich, ehe ich nach Kolorado-Springs
zurückkehre, noch einen weiten Umweg in die „~gardens of the gods~“,
d. h. in jenes Gebiet der merkwürdigsten Sandsteinbildungen, noch
vielmal absonderlicher als etwa die unserer sächsischen Schweiz,
besonders eigenartig durch ihre rotglühende Färbung. So wandle ich am
Nachmittag -- die Schneeregion ist wieder verlassen -- zwischen dem
„Turm von Babel“, einem mächtigen mehrgipfligen spitzen Fels, den „drei
Grazien“, drei steilspitzen Nadelfelsen, den „siamesischen Zwillingen“,
zwei eigenartig fast in gleicher Höhe nebeneinander aufragenden
und durch ein Felsstück verbundenen Gesteinstürmen, so daß sie wie
zusammengewachsen erscheinen, am „Wackelstein“, einem mächtigen auf
einer Ecke balanzierenden Felsblock, und dem „Gateway“, einem mächtigen
Felsentor, vorbei zu den Höhlen der Felsenbewohner (~cliff-dwellers~)
aus vorgeschichtlicher Zeit und den „Titanen“felsen, die fast den
Eindruck assyrischer Götterfratzen machen. Und zwischen all diesen
seltsam bizarren roten und weißen Sandsteinbildungen blickt immer
wieder das majestätische Haupt des Pikes Peak aus der Ferne hindurch
wie der schneeige Libanon durch die grandiosen Tempelruinen von Baalbek
in Syrien ...
Gegen Abend bin ich wieder in Kolorado-Springs und kann mich auch hier
nicht satt sehen an dem dominierenden Schneegipfel.
* * * * *
Nach einer nach diesen Anstrengungen wohldurchschlafenen Nacht
entführte mich der Zug in die „Königin des Westens“ Denver. Mein lieber
Freund Moore in Harvard, Dolmetsch und Cookführer in Konstantinopel
und Griechenland, hatte es mir geradezu auf die Seele gebunden, daß
ich seine Heimatstadt Denver besuchen müßte. Die Entfernung von
Kolorado-Springs betrug 75 Meilen, also nur ein Katzensprung für
amerikanische Begriffe. Während der ganzen Fahrt dorthin hatte man
links eine Prachtaussicht auf die Kette des Felsengebirges. Und je
weiter wir uns vom Pikes Peak entfernten, desto höher erschien er.
Es war wieder ein feiner Frühlingsmorgen. Der Zug hatte mit Tuten
öfters Vieh und Spaziergänger vom Bahndamm zu jagen, der auch hier als
bequemster Verbindungsweg galt! Rechts dehnte sich der Blick in die
endlose Prärie. Die Büffel in ihr sind freilich verschwunden. Die sieht
man bloß noch im Golden-Gate-Park in San Franzisko oder in zoologischen
Gärten. Auf 2000 ~m~ Höhe, auf der wir hinfuhren, waren die Bäume hier
noch unbelaubt, während es in Kalifornien schon wie Sommer gewesen war!
Denver liegt wie München auf einer Hochfläche vor den Alpen. Rings ist
wohlangebautes Farmland. Aber nirgends entdeckte man in ihm so etwas
wie Volkstracht. In der Stadt selbst, die sauber, aber mir auch recht
windig vorkam, empfangen mich wieder endlose Straßenzeilen. Nachdem
ich einen Lunch eingenommen habe, gehe ich zu dem erhöht liegenden
Staatskapitol der Stadt, um von oben recht die Aussicht über die Stadt
und auf das Felsengebirge zu genießen. Aber es ist Sonnabendnachmittag,
und ich werde nicht mehr zur Kuppel heraufgelassen, es sei schon „für
Sonntag gekehrt“! Das tut man also auch in Amerika! So konnte ich die
schöne Aussicht, die das Felsengebirge hier in einer Ausdehnung von 270
~km~ zeigt, nicht bewundern und mußte mich mit Streifen durch die Stadt
begnügen. So ging ich unter anderem in den Stadtpark und treffe auf
ein Denkmal des Dichters Burns mitten zwischen Kanonen! Geschmackvoll!
Die Zeitungsbureaus sehe ich umlagert von Massen, die auf die neuesten
Nachrichten über den Ausgang der Sonnabendnachmittags-Fußball- und
-Baseballkämpfe warten! So war auch Denver typisch amerikanisch. Das
amerikanische „Gesicht“ ist überall gleich ...
Denver ist Hauptstadt des Staates Kolorado und dank der reichen
Goldfunde und Minen äußerst schnell gewachsen. Erst 1858 wurde es von
Goldgräbern gegründet, 1870 war es noch eine unbedeutende Stadt, heute
zählt es schon 300000 Einwohner!
Abends sitze ich schon wieder in meinem Schlafwagen, um in einer Nacht,
einer Tagesfahrt und einer Nacht über Kansas City und den Mississippi
wieder Chikago zu erreichen. Dann wird mein verbilligtes meterlanges
Auswandererzettelbillett abgefahren und die große Schleifen-Westreise
vorläufig vollendet sein. Stiller Mondschein liegt über den
unendlichen Gefilden der Prärie. Ich war froh, in zwei +Nächten+ sie
zu durchfahren. Denn sie noch einmal ganz bei Tageslicht in ihrer
grenzenlosen Einförmigkeit zu durchleben, wäre fast eine zu große
Nervenbelastung gewesen. Die Seele war nun aus Neu-Mexiko, Arizona,
Kalifornien, Nevada, Utah, Kolorado zu sehr mit immer wechselvollen
und romantisch-anziehenden Bildern gesättigt, um jetzt noch für die
monotone Öde der Mississippi-Ebene empfänglich zu sein und sie etwa 36
Bahnstunden lang hintereinander in sich aufzunehmen. Die Abspannung war
aber auch sowieso noch groß genug. Ich fuhr also die Nacht zum Sonntag,
den ganzen Sonntag und die Nacht zum Montag ohne Unterbrechung! Am
Sonntag war der Zug sehr leer. Denn vielen Amerikanern ist es einfach
Sünde, am Sonntag zu reisen. Die Zahl der Züge ist auch beschränkt.
An wie vielen kleinen Städten, einsamen Farmen, kleinen Kirchen fuhren
wir in den 36 Stunden vorüber! Und dazwischen Land, Land und immer
wieder unendliches Land. In Kansas und Illinois fing es auch erst ganz
schüchtern an, Frühling zu werden. Es ist die Gegend der furchtbaren
Frühlingsorkane, der gefürchteten Tornados, die sich bilden, wenn
die südlich warmen und nördlich kalten Luftströme ungehindert
aufeinanderstoßen. Die Natur war noch keinen Schritt weiter wie vor
zweieinhalb Wochen.
Nachdem man viele Stunden lang nichts Besonderes gesehen hatte, zeigten
sich einmal drei Jäger zu Pferde mit Flinten in der Steppe -- welch
ein Ereignis! Ein andermal standen ein paar Männer an einem kleinen
Bahnhof und sahen dem Zug nach -- ein Ereignis! Im Zuge selbst wurde
es beim langen Fahren einer Dame übel. Bleich sank sie auf ihrem Stuhl
zusammen -- ein Ereignis! Ich wundere mich überhaupt, daß es bei dem
endlos langen Bahnfahren nicht noch mehr Menschen übel und ohnmächtig
wird. Aber sie haben offenbar hier von Jugend an andere Eisenbahnnerven
als wir! Ich wunderte mich auch manchmal über mich selbst, daß ich die
12000-~km~-Bahnfahrt so gut überstanden habe! Aber nun kommt angesichts
der ohnmächtigen Lady ratlos der Neger-Wagenhilfsschaffner auf mich zu
-- was hat er nur mit mir vor? Erfolgt etwa ein neuer Angriff auf mein
Scheckbuch? Er fragt mich, ob ich vielleicht ein „~physician~“[35]
sei, und ob ich der bleichen Dame beistehen könne. Beschämt muß ich
meine vollständige medizinische Unkenntnis eingestehen. Wie kam er
auf mich? Hat er mir mit hellseherischen Augen die Verwandtschaft mit
meinem Onkel, dem Doktor in Boston, angesehen? Immerhin riet ich, die
Dame sanft zu lagern, ihr ein Kopfkissen unterzuschieben und etwas
Wasser zu holen und dann sie sich selbst zu überlassen, bis sie wieder
zu sich käme. Das geschah auch bald, genau nach meinem medizinischen
Rat! Und ich war zum Glück weiterer medizinischer Künste enthoben. Für
was man mich drüben alles gehalten hat! Bald war ich Landaufkäufer,
Reisender, Zeitungsschreiber, Stundengeber, Student, Arzt, nur nicht
das, was ich wirklich war ...
Am Arkansasriver entlang ging es stracks gen Osten. Farmer stiegen
ein, die nach Chikago wollten oder nach Neuyork zum Einkaufen! Welcher
pommersche Bauer fährt bei uns nach Frankfurt am Main, Basel oder
Mailand zum Einkaufen? Alle waren hier in der gleichen einförmigen
städtischen amerikanischen Kleidung, auch die Farmer. Bauerntracht gibt
es nicht. Man unterscheidet am Rock drüben niemand, keinen Kaufmann,
Beamten, Farmer, Schreiber oder was sonst. Sie sind alle „~citizens~“,
sitzen in derselben Eisenbahnklasse und treten gleich als „Bürger“
auf ...
In Kansas City hatte ich umzusteigen. Wie primitiv sind die Wartesäle
selbst in einer so großen Stadt! Bloß Bänke in einer großen Vorhalle!
Ich habe Zeit, gegenüber dem Bahnhof auf eine Felsenterrasse zu
steigen. Rauchig und düster kommt mir an diesem Abend die Stadt vor.
Wieder geht es hinein in den „~sleeper~“ nach Chikago, und ich schlafe
dem Lake Michigan entgegen. Nächtlich prasselt beim Fahren tüchtig die
Asche aus der Lokomotive auf das Dach. Der Zug fährt schlecht, ruckt,
zieht an, stöhnt, pfeift, steht und fährt wieder. Ist etwas nicht im
Lote? Ich denke an die dreimal mehr Eisenbahnunfälle in Amerika als
in Deutschland, und es ist mir etwas ungemütlich. Aber wohlbehalten
rollen wir früh in Chikago ein. Gott sei dank, einmal wieder auf festem
Erdboden! Mein Billett ist abgefahren! -- --
Diesmal langte ich in der Morgenfrühe in Chikago an, das war besser.
Zwei Tage vorher hatte ein von Kanada einbrechender Schneesturm auch
Chikagos Asphalt in Schnee gehüllt und weithin in Illinois, Wiskonsin,
Michigan die Baumblüte „vernichtet“. So beuteten die Zeitungen schnell
das unerwünschte Ereignis aus und kabelten, was für ein nationales
Desastre führende Männer über Illinois prophezeiten! So daß man als
naiver Mensch wirklich zuerst glaubte, die Union stehe am Vorabend des
Hungertodes! Aber das diente wohl nur im voraus dazu, die amerikanische
Menschheit auf höhere Obstpreise gefaßt zu machen, so daß der
„Blizzard“ den Obstmagnaten nicht ganz ungelegen kam.
In Wolken, Regen, Schnee und Nebel wirkten die Wolkenkratzerschluchten
diesmal noch düsterer und grandioser als sonst. In den unteren
Stockwerken brannte den ganzen Tag Licht. Bei Marshall, Field & Co. sah
ich das alte wahnsinnige Getriebe und Gewimmel im Ein- und Ausgehen. In
den Straßen wie immer die ~policemen~ und Negerfuhrleute. Zum Brechen
voll waren die ~moving pictures~, Theater, Zirkusse. Man will Geld
machen und sich vergnügen. Sonst will man in Chikago nichts ...
Luft bekam ich erst am stürmisch erregten Michigansee mit seiner
weiten, meerähnlichen Wasserfläche. Von ihr aus kann man durch die
anderen Seen und den Lorenzstrom zu Wasser bis nach London fahren! Die
„~stockyards~“ widerten mich an. Die Clowns und Akrobaten bei Barnum
und Bailey lockten mich nicht mehr. Das Geschrei an der Börse hielt
mich keine Minute. Auch nicht das römische Wagenrennen der Cowboys noch
die Todesspringer aus der Kuppel des Zirkus scheuchten mich aus dem
Schaukelstuhl meiner Verwandten, aus dem ich der lieben Kusine meine
gesamte Rundreise nach Kalifornien zu schildern suchte. Mein Vetter
wollte es gar nicht glauben, daß man in verhältnismäßig so kurzer Zeit
solche Entfernungen durchmessen und soviel sehen könne und dabei noch
Nerven behalten und gesund bleiben, ja gesünder wiederkommen könne
als man fortfuhr. Ich freute mich, als ~German~ selbst den Yankees zu
imponieren! Und das ist nicht immer ganz leicht.
So nach einem zweiten Aufenthalt in der drittgrößten Stadt der
Welt dampfte ich eines Morgens wieder im Pullman davon, aber nicht
geradeswegs über den Niagara nach Boston zurück, wie ich gekommen
war -- das wäre ja nichts Neues gewesen -- sondern nach einem neuen
leuchtenden Stern in meinem Reiseprogramm, nach +Washington+. Hatte ich
soviel in der Union gesehen von Osten bis zum äußersten Westen, so wäre
es schon ein Akt internationaler Unhöflichkeit gewesen, wenn ich nicht
auch der Hauptstadt meinen respektvollen Besuch gemacht hätte. Freilich
von Chikago nach Washington fahren, das bedeutete noch einmal tief nach
Süden ausbiegen und dann wieder weit hinauf nach Norden. Also auf nach
Washington!
Fußnoten:
[Footnote 28: Letzter Ruf zum Abendessen.]
[Footnote 29: Also etwa zwölfmal so groß wie der Genfer See!]
[Footnote 30: Solche Dinge sind psychologisch möglich durch
Zurücktreten des Wachbewußtseins und Hervortreten des Unterbewußtseins,
das sich Dinge erinnert, die das Wachbewußtsein „vergessen“ hat.]
[Footnote 31: „Blut Christi“-Berge von ihrer rötlichen Sandsteinfarbe.]
[Footnote 32: Morgenzeitungen.]
[Footnote 33: Königliche Schlucht.]
[Footnote 34: Gott will uns retten. Die Bösen gehen zur Hölle. Wo
willst du die Ewigkeit zubringen? Wer glaubt, wird gerettet werden; wer
aber nicht glaubt, wird verdammt werden.]
[Footnote 35: Ein Arzt.]
Über Pittsburgh nach Washington.
Ich schickte mich an, noch zwei mächtige Katheten eines riesigen
rechtwinkligen Dreiecks abzufahren statt der viel näheren direkten
Hypotenuse. Das hatte aber auch den Vorteil für mich, daß ich auf
diese Weise nicht nur nach Washington kam, sondern zugleich die große
Hafenstadt Baltimore und die „Wiege der Freiheit“, die „Stadt der
Bruderliebe“, die Millionenstadt Philadelphia berührte, ja zuletzt auch
noch einmal durch Neuyork kam. War ich dann wieder in meiner „Heimat“
Boston, so hatte ich im ganzen eine riesige Acht gefahren, deren
Schnittpunkt Chikago, deren bei weitem größerer unterer Teil gen Westen
und der kleinere obere nach Osten lag. Immerhin waren es von Chikago
nach Washington noch 650 ~km~ und von da nach Boston zurück weitere
400, also wiederum über 1000 ~km~. Endlich aber kam ich unterwegs
durch den großen Eisen- und Kohlenbezirk Pittsburgh, das amerikanische
Essen, wo ich einen alten Großoheim eines meiner besten Jugend- und
Schulfreunde besuchen und begrüßen sollte, der dort schon ein halbes
Jahrhundert als Prediger einer kleinen Arbeitervorstadtgemeinde wirkte.
So wallte ich wieder durch den amerikanischen Kontinent lotrecht auf
die Küste des „heimatlichen“ Atlantischen Ozeans zu. Erst ging es
durch den Staat „Indiana“, dann nach „Ohio“ hinein, das ich nicht allzu
weit vom Südende des Lake Erie in seiner ganzen Breite durchfuhr. Ohio
war mir seit Kindheit an ein vertrautes Wort samt seiner Aussprache
„Oheio“, denn in meiner Kindheit wohnte Onkel E. mit seiner Musikschule
in der Hauptstadt dieses Staates, dem durch seine Schweinezucht
berühmten Cincinnati. Die Stadt selbst ist nach dem agrarischen Römer
Cincinnatus, der vom Pfluge weg zum Diktator berufen wurde, wie wir als
Quintaner schon lateinisch zu übersetzen hatten, benannt. Und wenn in
meiner Kindheit an den Onkel geschrieben wurde, so wußte ich schon als
Kind, daß das stets hieß: „Cincinneti, Oheio“. Aber nie hätte ich es
damals für glaublich gehalten, daß ich einmal selbst in dies mysteriöse
„Oheio“ (das uns Kinder immer ein bißchen an „heio, popeio“ erinnerte)
verschlagen würde. Cincinnati berührte ich allerdings in dieser
Nacht direkt nicht. Es ist berüchtigt wegen seiner fürchterlichen
häuserumstürzenden und dächerabdeckenden Tornados. So vermieden
wir beides und durchfuhren schlafend und seelenruhig den ganzen
Staat „Ohio“. Die strahlenden Bogenlampen über den vom Regen nassen
glänzenden Schienen des Central Union Depots in Chikago waren einer der
letzten Eindrücke meines Wachbewußtseins, ehe ich in das andere Land
der Träume hinüberschlief ...
Am Morgen fuhren wir mitten durch grünes, ansprechendes Hügelland.
Überall sahen frische grüne Halmspitzen hervor. Es wollte mit Macht
auch hier Frühling werden. Wir hatten wieder „~eastern time~“ nach
der „~mountain time~“ des Felsengebirges und der „~central time~“ von
Chikago. Das Land war wieder bedeutend dichter besiedelt als in den
Ebenen westlich Chikago. Den Ohiofluß aufwärts ging es gen Allegheny
und Pittsburgh. Die einstigen Indianertäler sind heute voll Fabriken.
Welche Wandlungen!
Dicker Rauch lagerte über der industriereichen Gegend. Man glaubte um
Birmingham oder an der Ruhr zu sein. Aus dem Sonnenschein des grünen
Landes umfing es uns bald mit dunkelgelber Finsternis der Wälder von
Fabrikschloten. Einst war Pittsburgh, das heute die amerikanische
Metropole für Eisen und Kohle ist, einst nichts als ein kleines Fort
namens Duquesne gegen die Indianer am Zusammenfluß des Allegheny River
und des Monongahela gelegen. Heute ist es eine halbe Millionenstadt
zwischen beiden. Schon ist der Ohio hier am Oberfluß fast so breit
wie unser Rhein. Sein ganzer Lauf bis zum Mississippi aber gibt dem
Missouri an Länge nicht viel nach.
Wir fahren über den breiten Strom in die rauchende, stampfende,
dampfende und dröhnende Stadt ein, wo auch schon genügend Wolkenkratzer
ihren steilen Hals aus der City recken. Ja, das Flußtal des Ohio ist
so sehr mit Rauch gefüllt, daß man kaum bis zur nächsten Brücke sehen
kann! Ehe wir in den Bahnhof einlaufen, umkreist der Zug fast die ganze
Stadt.
Ich kann nicht sagen, daß mich Pittsburgh anzog, ebenso wie ich bis
jetzt den Rauch der Ruhr mied und den englischen Industriebezirk um
Manchester und Birmingham so schnell wie möglich wieder floh. Denn ich
halte es viel lieber mit grünen Wiesen, blauen Seen und schneegipfligen
Bergen und bin der altmodischen Meinung, daß Fabrik und Industrie,
Kohle und Eisen die Menschheit zwar reicher, aber nicht glücklicher
gemacht haben. Freilich muß ich zugeben, daß ich ohne Dampf und Eisen
nicht nach Frisco und nicht nach Pittsburgh gekommen wäre.
Die Stadt und ihre Schwesterstadt Allegheny, die wie Elberfeld und
Barmen zusammenliegen, wird von steilen Hügeln umkränzt, so daß sie des
Malerischen nicht ganz entbehrt. Neben Eisen und Kohle ist die Gegend
ebenso reich an Petroleum und dem der Erde entströmenden geruchlosen
Naturgas. Ich hatte keine Neigung, eins der riesigen Stahlwerke „Edgar
Thomson“ oder die „Homestead Steel Works“, das älteste Werk Carnegies,
oder die „Duquesne Steel Works“ zu besuchen, wenn es auch sicher höchst
eindrucksvoll gewesen wäre. Den Lärm der Eisenhämmer und das Surren der
Treibriemen kann ich, wenn ich will, auch bei uns genießen. Viel mehr
zogen mich die Menschen an, ihre Meinungen und Schicksale. So pilgerte
ich durch die Straßen nach Allegheny hinüber, zunächst einmal den
achtzigjährigen Großoheim unangemeldet und überraschend aufzusuchen.
Hoffentlich war er nicht etwa gerade kürzlich verstorben ...
Unterwegs traf ich auf allerlei Anschläge: „~Vote for socialism!~“
Der Aufschrei einer geknechteten und entwürdigten Menschheit! Wie
viele Deutsche mögen unter den amerikanischen Arbeitern sein, die
den amerikanischen Stahlmagnaten, Trusts und Milliardären fronen! In
Pittsburgh soll es keine 24 Stunden ohne einen Streik abgehen! Wie
viele deutsche Abkömmlinge haben hier Granaten im Weltkrieg gegen die
deutschen Stammesbrüder gedreht! An einer anderen Ecke mitten zwischen
den Wolkenkratzern ein Arbeitervermittlungsbureau mit der heimatlichen
Anschrift: „Hier wird deutsch gesprochen.“ Wie mancher mag hier schon
hoffnungsvoll eingetreten und furchtbar enttäuscht wieder gegangen sein!
Aus: Rauchnächte.