An einem der Nachmittage in Chikago ging ich ins „Kolosseum“, einen

der amerikanischen Riesenzirkusse, der wohl 10000 Menschen zu fassen

vermag, gleich jenem von Barnum und Bailey, der zuweilen mit seinem

Riesenzelt in Deutschland von Stadt zu Stadt zog. Übrigens entdeckte

ich ihn als guten Bekannten wenigstens an den Reklameanschlägen auch

dort. Es war, soviel ich mich erinnere, ein Montag nachmittag um zwei

Uhr. Und doch war der Zirkus gut gefüllt. Ich mußte mich fragen, wo

alle diese hier sonst so arbeitseifrigen Menschen die Zeit hernehmen,

an einem lichten Montagnachmittag drei Stunden im Zirkus zu sitzen!

Aber der Amerikaner wie sein antiker demokratischer römischer Vetter

liebt die Spiele über alles. Ich habe selbst in Italien nicht soviel

Kinematographentheater gesehen, die alle besetzt sind, wie hier. Die

Vorstellungen im Zirkus gingen auf fünf Podien +zugleich+ vor sich!

Der Amerikaner mißt auch das Vergnügen nach der Quantität. Auf dem

einen Podium wurde Schule geritten, auf einem anderen tanzten Bären,

Affen und Hunde, auf einem dritten turnten Akrobaten, auf einem vierten

wurden Gewichte bis 300 und 500 Pfund gehoben, auf einem fünften

produzierten sich Seiltänzer und Springer, dazu einer, der alle Glieder

seines Leibes in die schauderhaftesten Verrenkungen bringen konnte;

rings herum noch ein Heer von Clowns, die ihre Witze rissen und in

ihren abgeschmackten Kostümen sich balgten. Eine der Glanznummern war

ein Pferd, das an einem Luftballon in die Höhe fuhr, und zuletzt ein

tolles römisches Wagenrennen um die Arena. Alt und jung, Männer und

Frauen, Schwarze und Weiße füllten als Zuschauer die weiten Galerien!

Im Auto fuhr mich mein Vetter nach der Universität hinaus, die

Rockefeller, der Petroleumkönig, nachdem sie eine Zeitlang eingegangen

war, mit vielen Millionen wieder neu ausgestattet hatte, so daß sie

heute überaus schöne, dem englischen Universitätsstil nachgebildete,

sehr weitläufige und zahlreiche Gebäude zu den ihren zählt. Sie

hat eine gute Lage weit draußen im Jacksonpark am See, am Südende

der Stadt. Ehrwürdig schauen ihre Kapellen im englischen gotischen

Stil, ihre Bibliothek, ihre „Dormitories“ und Kolleggebäude über die

weiten grünen Parkrasenflächen, wo Studenten in leuchtenden weißen

Sportshemden und -hosen Tennis und Golf spielen. Die täglichen

körperlichen Übungen, die Lust zu Sport und Spiel können wir Deutschen

gar nicht genug von Engländern und Amerikanern lernen. Die Tüchtigkeit

unserer höheren Schüler und die deutsche Wissenschaft in allen

Ehren, aber im ganzen sind wir Deutschen doch lange Stubenhocker und

Stammtischphilister geblieben. Nur eins haben wir, das Wandern. Im

übrigen hatten wir in unseren Schulen viel zu wenig Turnstunden die

Woche und nur +einen+ Nachmittag für „Turnspiele“. Der amerikanische

Student spielt +täglich+ schon in der Volksschule, als Boy in der ~high

school~, +täglich+ im Kollege, als ~graduate~ und noch als erwachsener

Mann. Das Jahr ist geradezu in verschiedene Spieljahreszeiten

eingeteilt: Im Frühjahr spielt man Baseball, im Herbst Fußball, sonst

Tennis und Golf, solange es das Wetter nur irgend erlaubt.

Draußen am Jacksonpark, wo der frische Seewind durch die Anlagen

streicht, war einst auch der Platz für die berühmte Weltausstellung

1893 zum vierhundertjährigen Gedenken an die Entdeckung Amerikas, zu

der an zwanzig Millionen Menschen zusammenströmten. Was war doch gegen

diese Menschenmassen die Völkerwanderung, von der wir in der Geschichte

so viel Wesens machen? Noch sind einige Reste von der „~world fare~“

übriggeblieben. Die Nachbildungen der drei Schiffe des Kolumbus liegen

noch in einer kleinen Bucht, hochbugige kurze Galeeren, mit denen sich

heute keiner mehr auch nur für eine Woche über den Ozean wagen würde --

und Kolumbus fuhr vier Monate! Ferner stand noch das Kunstmuseum und

das türmereiche „Deutsche Haus“, das erst kürzlich einer Feuersbrunst

zum Opfer gefallen ist, und endlich wie auf einem felsigen Kap ein

weißgestrichenes Franziskanerkloster. Aber wie wenig passen doch diese

mittelalterlichen Häuser in diese Umgebung!

Einer meiner Besuche galt auch dem „Hull House“, einem der ältesten und

bedeutendsten „~settlements~“ in Amerika. Das Hull House, von einem

Mr. Ch. J. Hull 1889 in Immigrantenvierteln Chikagos gegründet, umfaßt

heute dreizehn Gebäude, Turnhalle, Schulräume, Läden, Klubzimmer,

ein Restaurant, Musikräume, Tanz- und Theatersaal, Handwerksstätten,

Lesesäle usw. Etwa 9000 junge Menschen verkehren wöchentlich in diesen

Räumen, suchen hier ihre gesellige, körperliche und geistige Erholung!

50 sich selbst unterhaltende freiwillige Leiter wohnen im Hause und

bilden untereinander einen korporativen Klub. Daneben sind über 200

andere freiwillige „Settlement-Worker“ als Klubleiter tätig. Die

Knabenklubs treiben alle Art Handwerk bis hinauf zu künstlerischer

Malerei -- ich sah Bilder, die keiner Ausstellung Schande machten --

und lernen eifrig Sprachen; die meisten sind junge Italiener, Griechen

und Russen. Auch Musik ist wohlgelitten und natürlich vor allem der

Sport. Die Bäder sind offen für das Publikum und ebenso das Restaurant.

Bäder wurden im letzten Jahre 30000 genommen, und das Restaurant

besuchen täglich 500 Personen. Das sind auch fast die einzigen

Einnahmen des Hauses. Im Sommer wird auf dem Land ein „~camp~“, ein

Lager, bezogen, das den Klubmitgliedern für eine Woche frei zur

Verfügung steht. Welcher kulturelle Segen muß von einem einzigen

dieser Settlements auf ein ganzes Stadtviertel ausgehen! Hier herrscht

Ordnung, Sauberkeit, Geselligkeit, Kameradschaft, Freundschaft, Zucht,

Sitte, Kunst und die Anfänge wissenschaftlicher Bildung und technischen

Könnens. Mein letzter Blick galt der Kleinkinderschule und der Krippe,

die mit dem Hull House verbunden ist. Ich vergesse nie all die Kleinen

an ihren winzigen Tischchen und mit ihren kleinen Tassen und Löffeln,

die Babies in ihren Bettchen und endlich die schwindsüchtigen Kinder

auf dem Dach, wo sie in freien Hallen unterrichtet werden. Auf dem Dach

in einer Großstadt! Besser wenigstens als in den finsteren Löchern

ihrer Wohnungen. Aber warum nicht hinaus aufs Land, wo kein Schornstein

und kein Wolkenkratzer droht und die Luft beengt? Welches Elend!

Zugleich welche Hilfe! Wenn man diese warme Sonne der Liebe überall

scheinen fühlt, dann vermag man fast das Elend, das diesen Armen aus

den Augen schaut, zu vergessen ...

Das war Chikago. Universität und Settlement, Zirkus und Wolkenkratzer,

am See und in den Schluchten der Geschäftsstraßen, in den Parks und

Fremdenvierteln, im ~lunchroom~, wo man sich selbst bedient, und in der

~office~ 20 Stock hoch, wo der Ausläuferboy im zerschlissenen Anzug mit

seinen acht Dollars die Woche, auf Aufträge wartend, gelangweilt die

Zeitung liest -- aber wer weiß, was er noch für eine Zukunft hat! Wie

hieß es doch in jenem amerikanischen Stück „Die City“? Nicht die City

vernichtet den Mann, sondern sie erfordert einen, der ihr gewachsen

ist. Nicht die City macht den Mann, sondern der Mann die City. Ja die

City! Ihre Geschichte läßt sich nie ausschreiben.

Durch meinen Vetter wurde ich auch in Kreise eingeführt, die

sich für alle möglichen philosophischen und metaphysischen Dinge

interessierten. Mein Vetter selbst schrieb, obwohl vollkommen Laie,

Artikel über ethische Probleme trotz Kontor- und Geschäftsaufgaben.

Immerhin eine Leistung! Er stellte mich einem Herrn vor, der mir --

echt amerikanisch -- bekannte, nacheinander Methodist, Materialist,

Buddhist, Naturphilosoph und Spiritualist (Spiritist) geworden zu

sein. Echt amerikanisch! So wurde ich darauf aufmerksam, wie stark

z. B. neben dem Anwachsen der Christian Science auch die Beschäftigung

mit dem +Spiritismus+ in Amerika ist. Ich hatte Gelegenheit -- auch

schon in Neuyork -- an „spiritualistischen“ Vortragsveranstaltungen,

Sitzungen u. dgl. teilzunehmen. Aber rechten Geschmack konnte ich

den Dingen nicht abgewinnen, vor allem konnte ich mich nicht von der

Wahrheit und Wirklichkeit der behaupteten Erscheinungen überzeugen.

So geschäftstüchtig und wirklichkeitsnah der Amerikaner ist, so

unkritisch und leichtgläubig scheint er mir in übersinnlichen Fragen.

Hier fehlt jede kritische deutsche Gründlichkeit. Der Amerikaner hält

von vornherein viel mehr für möglich und wahrscheinlich als wir, die

wir von unseren großen kritischen Philosophen geschult sind. Jedenfalls

ist er dafür, daß alles einmal probiert und versucht werde. Probieren

geht vor allem in Amerika über Studieren: Die Wahrheit wird sich schon

selbst bewähren! denkt man drüben. Erweist sie sich nicht selbst in der

neuen Richtung, so wird die Sache auch von selbst wieder eingehen und

verschwinden. So argumentiert amerikanisches Denken. Während wir meist

von der Theorie zur Praxis schreiten, macht man es drüben umgekehrt.

Ich war also recht gespannt auf das, was ich zu sehen bekäme. In jeder

der amerikanischen Großstädte gibt es sogar mehrere Gemeinden von

„Spiritualisten“, deren „Gottesdienste“ äußerlich ähnlich denen der

Kirchen verlaufen.

Ich will ganz einfach erzählen, was ich in spiritualistischen

Versammlungen gehört und gesehen habe. Vier Arten von

+spiritistischen+ Versammlungen habe ich besucht, „Gottesdienste“,

sog. „~test-meetings~“, eine Sitzung mit voller „Materialisation“ der

Geister und endlich eine Wochenversammlung, wo Gelegenheit zu Frage und

Antwort über den Spiritualismus gegeben war.

Die „Gottesdienste“ finden Sonntags zu den üblichen Stunden statt.

Einmal des Morgens war es in einem Konzertsaale. Rednerpult, Lehnstühle

für Älteste, Gesang, Gebet (zu Gott als „Prinzip“!) Schriftvorlesungen,

offene Tellerkollekte, Predigt und Segen war wie in jedem

amerikanischen Gottesdienst. Die Gesänge waren frisch und lyrisch, die

Melodien voll Innigkeit. Ich setze den Schlußvers des Liedes, das ich

in Neuyork mitgesungen habe, hierher:

~We shall sleep, but not forever in the lowe and silent grave,

Blessed be the Lord, that taketh, Blessed be the Lord, that gave;

In the bright eternal city, Death can never, never come

In his own good time He’ll call us from our rest to home, sweet

home;

Refrain:

We shall sleep but not forever, There will be a glorious dawn.

We shall meet to part, no, never, on the resurrection morn.~

Aus dieser einzigen Strophe geht der religiöse Grundcharakter

zweifellos hervor, das starke und einzige Betonen des Glaubens an

ein Weiterleben der Toten. Für diesen Glauben sucht man Beweise;

mit Augen will man die Geister der Gestorbenen sehen und mit Ohren

Botschaften von ihnen vernehmen. So heißt es in einem Flugblatt, das

mir schon in Newyork gegeben wurde, ausdrücklich „nicht zu zerstören,

sondern den Glauben, wie er in den hauptsächlichen Lehren aller

Religionen enthalten ist, zu bestärken und zu begründen, ist der

Spiritualismus bestrebt“. Und er allein rühmt sich, die Lehren „aller

großen Lehrer von Konfuzius bis Mohammed und von Moses bis Jesus

durch psychische Phänomene +demonstrieren+ zu können und uns so einen

klareren Einblick in Ethik und Philosophie zu eröffnen“. Aber die

Predigtrede im sogenannten „~Trance~“zustand enttäuschte mich sehr.

Das Lesepult ward zur Seite gerückt. Der Redner saß für einige Minuten

in seinem Stuhl, bedeckte sein Gesicht mit der Hand und schien in

„~Trance~“ zu verfallen. Er zuckte einige Male heftig, dann erhob er

sich mit unsicheren Schritten, um mit geschlossenen Augen eine mehr

als halbstündige äußerlich formgewandte Rede zu halten. Neben einigen

guten Gedanken, allerlei krauses, ungeschichtliches Zeug über Christi

Reisen, die er in seiner Jugend im Alter zwischen 12 und 30 Jahren

nach Babylon, Indien und Ägypten unternommen habe, wo er zu den Füßen

der alten Weisheitslehrer gesessen und von ihren Lippen seine Lehre

empfangen habe! Ich bin nicht psychologisch bewandert genug, die Frage

zu entscheiden, ob jemand im ~Trance~-zustand eine solche halbstündige

Predigt, formgewandt und logisch konsequent, zu halten vermag, und

ob es überhaupt möglich ist, gleichsam auf Kommando und auf eigene

Initiative hin, selbst in Trance zu fallen und aus ihr wieder zu

erwachen. Ist aber die Trance simuliert, liegt also bewußte Täuschung

vor, so erregt der ganze „Gottesdienst“ trotz ansprechender Gebete

und Lieder Abscheu. Jedenfalls aber soll die Trance die Predigt als

„inspiriert“ legitimieren und den Eindruck erwecken, Geister sprechen

durch den Prediger; der Redner selbst ist bewußtloses und willenloses

Werkzeug der „Inspiration“! In der Tat kündigt die spiritualistische

Gemeinde für jeden Sonntag zwei andere „Geister“ an, die durch den

Prediger sprechen sollen, so einmal -- niemand anders als William

Shakespeare (!) und Darwin. Damit auch die Komik nicht fehlt, sollte am

Morgen desselben Tages der Geist eines der Bauleute am salomonischen

Tempel sprechen!!

Der spiritualistische „Gottesdienst“ war recht spärlich besucht, aber

es sollte Gottesdienst sein, nichts von Klopfgeistern und Tischrücken.

Der Spiritualismus ist eben drüben mehr als das, was man gewöhnlich

von ihm weiß, eine organisierte und anerkannte religiöse Sekte. Auch

die „Sonntagsschule“ fehlt dabei nicht. Als Lesegegenstand wurde

bekanntgegeben: Eine Geschichte unseres Planeten und des Mars seit

ihrem 68000- bzw. 25000jährigen Bestehen!! Weiter wurde in diesem

Zusammenhang erzählt, daß ein berühmter Astronom im Westen der

Vereinigten Staaten dieses Buch über den Mars zu seinen Berechnungen

benutze (!). Ich mußte auch über die umfangreiche spiritualistische

Bibliothek staunen, die ich im Bibliothekzimmer zu sehen bekam; sie gab

mir einen Eindruck davon, wie viele Menschen hier ihre geistigen Kräfte

an den Spiritismus und seine Lehren gewandt haben müssen.

[Illustration: ~CHICAGO~

~Das Leichenbegräbnis Mc Kinley’s in der State-Street~]

[Illustration: ~CHICAGO~

~Blick in die Union Stock Yards (Großschlächtereien)~]

Ein andermal ging ich zu einem sogenannten „~test-meeting~“, d. h.

zu einer Versammlung, in der Geister durch ein Medium Botschaften an

ihre lebenden Verwandten ausrichten und so die übersinnliche Welt

und ihr Wirken durch weissagende Zeugnisse, die das Medium kraft der

Inspiration einzelnen ausstellt, beweisen. Diese Versammlung hat in

einem prunkvoll ausgestatteten Saal einer Loge stattgefunden. Es

mögen wohl 100 Personen anwesend gewesen sein, darunter besonders

viele weißhaarige Damen. Es war Sonntag nachmittag. Wieder ein

„gottesdienstlicher“ Rahmen. An Stelle der Predigt kamen die

„Geisterbotschaften“. Das Medium, eine Dame in den mittleren Jahren,

von imponierender Erscheinung, saß für einige Minuten, ganz wie

jener Prediger, von dem ich oben berichtete, die Augen mit der Hand

geschützt, in ihrem hohen Stuhl und schien in „~Trance~“ zu fallen.

Ringsum feierliches Schweigen und gespannte Erwartung: Was werden die

Geister zu sagen haben? Wem wird sie eine Botschaft ausrichten? Dann

erhebt sich die Dame -- ich vermochte, obwohl ich in der ersten

Reihe saß, durchaus keine psychische Veränderung an ihr wahrzunehmen --

mit offenen Augen und sicherem Schritt. Sie tritt zu einem Tischchen,

wo vor Beginn des Gottesdienstes die „Gläubigen“ allerlei Andenken

an ihre Verstorbenen, Ringe, Armbänder, Bilder, sogar eine Bibel,

verhüllt niedergelegt haben. Sie greift eines der Objekte heraus; und

nun beginnt der „Geist“ des Verstorbenen, der sie leitet und auf den

sich das Objekt bezieht, ihr eine Botschaft an den Lebenden aufzutragen

und durch sie als Medium dem Lebenden sich durch Mitteilung seines

vergangenen und zukünftigen Lebens als wirklich zu erweisen, d. h. das

Medium begann in ganz +allgemeinen+ Ausdrücken zu weissagen, auf wen

sich das Objekt bezieht, etwa so: „Ich sehe eine Gestalt neben mir

in weißem Haar, eine Frau, alt, sorgenvoll und doch mit treuem Auge

...“ Dann bricht sie ab, hält den Ring empor, den sie ergriffen, und

fragt: „Wem gehört dies?“ Ein älterer Mann in Trauerkleidung steht

auf. Sie fährt fort: „Ich sehe Ihre Frau neben mir, und sie sagt mir,

sie begleite Sie auf allen Ihren Wegen und sie schütze Sie vor Unglück

und freue sich, Sie bald im Himmel wiederzusehen. Doch zuvor müssen

Sie durch Leid und schwere Sorgen hindurch ... usw.“ In ähnlichen ganz

allgemeinen Phrasen bewegen sich die „~tests~“. Manchmal scheint es

nicht recht zu stimmen, was die Prophetin von der verstorbenen Person

weissagt. Der Gläubige denkt hin und her und kombiniert und überlegt

und entdeckt hier und da einen Sinn und ein Zusammentreffen und tröstet

sich und die übrigen damit, daß die Geister nicht alles enthüllen und

Prophetien immer dunkel zu sein pflegen. Aber einige Male scheint die

Kunst der Prophetin auffallend das Richtige getroffen zu haben, die

betreffende Person erhebt sich und bekennt: „Es stimmt ganz genau“, und

ein allgemeiner Beifallssturm lohnt die Prophetin, die enthusiastisch

ausruft: „~Friends, the world moves on ...!~“ So ging es fort für eine

ganze Stunde; wohl 20 Personen bekamen ihre „~tests~“.

Über was soll man sich mehr wundern, über die Gläubigkeit dieser

„Gläubigen“ oder die psychologische Kunst des „Mediums“? Wenn doch

die „Geister“ einmal wirklich neue Offenbarungen senden wollten und

nicht nur Gemeinplätze und zweideutige Phrasen! Aber hat denn nicht

manchmal das „~test~“ genau gestimmt? Ja, es scheint so. Aber es ist

erstens nicht zu vergessen, daß das Medium meist seine Leute kennt,

dieselben kommen ja fast sonntäglich; viele begrüßte sie mit Namen und

Handschlag nach der Versammlung. Vieler Lebensgeschichte mag sie in

einigen Umrissen kennen oder erschließen aus ihrer Person, ihrem Alter

und ihrer Kleidung (es fiel mir auf, daß sie sich fast ausschließlich

an Personen in Trauerkleidung wandte!), aus ihrer Haltung und ihrem

Gesichtsausdruck. Je nachdem, was sich während ihres Weissagens auf

den Gesichtern der Angeredeten ausprägt, ob Zustimmung, Befremden,

Freude, Schmerz, Erstaunen, fährt sie in ihrem Spruch fort, ändert ihre

Worte oder hält ein. Viele der Angeredeten, die „glauben“, sind zudem

natürlicherweise im Augenblick der „~tests~“ erregt, verwirrt, sie

kombinieren und phantasieren, sehen mehr Zusammenhänge, als da sind,

und hören mehr und deuten mehr aus den Worten des Mediums heraus kraft

ihrer eigenen wirklichen Kenntnis ihres Lebens und ihrer Verstorbenen,

als was das Medium in seiner allgemeinen Zweideutigkeit hat wirklich

verlauten lassen. Interessant wäre es auch zu wissen, wieweit dieses

Medium sich eines +Betruges+ und seiner psychologisch kombinierenden

Kunst selbst +bewußt+ ist oder wieweit es an seine Geistesinspiration

selbst glaubt(?).

Die dritte Art Versammlung, die ich besuchte, sollte eine Sitzung

mit +voller Materialisation+ von Geistern sein! Sie fand abends

acht Uhr statt. Wieder mögen es etwa 100 Personen gewesen sein.

Fremde wurden nur auf den hinteren Reihen zugelassen! Fürchtete man

vielleicht eine plötzliche Störung und Entlarvung durch Unberufene?

Der Leiter der Versammlung erklärte die Maßnahme damit, daß alle rohe

Selbstsucht von ungläubigen Personen, die in der ersten Reihe sitzen,

dem Eintritt der Materialisation hinderlich sei(!). Damit auch hier

die Komik nicht fehlte, bat er am Schluß seiner einleitenden Worte

den Diener, ein Fenster zu öffnen, da frische Luft den Geistern sehr

zur Verkörperlichung helfe!! Der Raum wurde alsbald verdunkelt --

merkwürdig, daß Geister immer nur im Dunkeln erscheinen! Das Medium,

eine Frau in mittleren Jahren, setzte sich hinter einen roten Vorhang

... (warum immer noch hinter einen Vorhang?). Ein Klopfen ließ sich

hören, der Vorhang öffnete sich ein wenig und eine weiße Gestalt

huschte vorbei. So mehrere Male. Dann begann die weiße Gestalt -- die

merkwürdigerweise weder Größe noch Gestalt, noch Gewand, noch Stimme,

noch ihren Platz wechselte! -- +Namen+ zu nennen, undeutlich flüsternd,

so daß man bald diesen, bald jenen herauslesen konnte. Der Leiter gab

dann den Namen laut bekannt und fragte, ob jemand den Geist erkenne.

War jemand desselben Namens im Saal, so fragte derselbe etwa den Geist:

„Bist du’s, Mutter?“ Der Geist antwortete dann: „Ja, meine Tochter.“

Freudig rief die Gläubige dann: „Ich freue mich, dich zu sehen, komm

bald wieder!“ Und der Geist verschwand. Das war die ganze „geistreiche“

Unterhaltung der Geister aus der anderen Welt, die sich aber nie auf

eine lange Unterhaltung einließen. Wohl nicht weniger als 50 solcher

Geister erschienen binnen einer Stunde an diesem Abend, hier und da

auch ein Mann mit schwarzem Bart und schwarzem Rock ... aber dann

dauerte es gewöhnlich etwas länger, bis er kam. (Nahm der Geist sich

erst Zeit, das weiße Gewand mit dem schwarzen zu vertauschen?)

Dies war die eindrucksloseste, albernste Versammlung und der

offensichtlichste und plumpste Betrug, den ich je erlebt habe.

Man muß sich nur über die Leichtgläubigkeit der Menschen wundern,

die in dunklem Raume eine Frau in weißem Laken für einen Geist

halten. Den Alten verzeihen wir es, wenn sie körperliche Geister

sahen, aber in unserer kritischen und naturwissenschaftlichen Zeit

scheint es unverständlich. Ich will nicht vergessen zu sagen, daß

eine Dame vor der Materialisation ein stimmungsvolles Lied sang und

während der „Geistererscheinungen“ eine simple Spieldose ihre Weisen

klimperte, vielleicht um „Sphärenmusik“ zu imitieren! Einige in der

Versammlung konnten sich des Lachens nicht enthalten, wurden aber

von einer „gläubigen“ Dame, die sich umdrehte, in barschen Worten

zurechtgewiesen. Lachte man mehr, lief man Gefahr, ganz hinausgewiesen

zu werden.

Endlich die vierte Art spiritistischer Versammlung, der ich beiwohnte,

war eine Wochenversammlung, wo man Fragen stellen konnte und Antwort

über spiritistische Lehren erhielt. Hier kam das allerkonfuseste

Zeug zutage, z. B. Frage: „Was ist Gott?“ Antwort: „Natur“. -- „Wer

war Jesus?“ Antwort: „Geboren in einer Vegetarierfamilie, deshalb

mit so starkem und wundertätigem Körper und Geist begabt!“ -- Die

Geister leben in verschiedenen Vibrationssphären und scheinen eine

Art ethischer Läuterung durchzumachen. Für täglichen Spaziergang und

körperliche Bewegung als gesundheitsfördernd wurde stark eingetreten!

Ein Bild eines Geistes in Gips wurde vorgezeigt, das vor vielen 1000

Jahren bei einer Materialisation abgenommen sein soll! David und Saul

wurden als spiritistische Rivalen(!) geschildert. Die Propheten der

Bibel waren natürlich samt und sonders Spiritisten. Auch die „Hexe von

Endor“ (1. Sam. 28) durfte natürlich nicht unerwähnt bleiben. Kurz,

ein wahrer Hexentanz von geschichtlicher Unkenntnis und phantastischer

Metaphysik, vermischt mit ethisch-asketischen Tendenzen, ja schließlich

ein bißchen Vegetarianismus. Ein trüber Strom, der sich unbekannt und

unbeachtet in obskurer Literatur von den Zeiten der hellenistischen

Religionsmischung an durch das hexengläubige Mittelalter und die

krausen Spekulationen phantastischer Philosophen herabergießt bis auf

unsere Tage, neu aufgefrischt und aufgetischt mit Geistererscheinungen

und spiritistischen Sitzungen.

Das waren meine Abschiedseindrücke von Chikago. Wirr und kraus wie die

Stadt im ganzen, schien mir auch ihre geistige Verfassung zu sein. Was

mag sich an Geldjagd, Lebensnot, Glaube, Schande und Aberglaube alles

in ihr bergen! Und das alles emporgeschossen in noch nicht 100 Jahren!

1831 ja noch ein Indianerdorf am „Zwiebelfluß“, 1925 die viertgrößte

Stadt der Welt! Und es wird nicht ruhen, bis es noch eines Tages

Neuyork überflügelt hat!

Chikago.

Schweinemetzger der Welt,

Werkzeugfabrikanten, Weizenschieber,

Spieler mit Eisenbahnen, Warenhändler der Nation,

Stürmisch, rauh, lärmend,

Stadt der breiten Schultern.

* * * * *

Sie sagen, du seist versumpft, und ich glaube ihnen; denn ich sah

Deine gemalten Frauen unter den Gaslaternen die Farmboys ködern.

Und sie sagen, du seist ungerecht, und ich sage: Ja, es ist wahr,

Ich sah den Apachen morden und frei herumgehn, um weiter zu morden.

Und sie sagen, du seist roh, und ich antworte: Auf den Gesichtern

Der Frauen und Kinder sah ich Zeichen lüsternen Hungers.

Und so antwortend, wend’ ich mich ihnen zu, den Spöttern über meine

Stadt

Und gebe ihnen den Spott zurück und sage:

Kommt und zeigt mir eine andre Stadt, singend,

Erhobenen Hauptes, so stolz zu leben, grob zu sein und stark und

schlau.

Während der Arbeit

Magnetische Flüche schleudernd,

Ein großer, kühner Raufbold, der sich lebhaft auflehnt gegen die

kleinen sanften Städte.

Wild, wie ein Hund, mit der Zunge lechzt er nach Tat,

Listig wie ein Wilder, kämpft er gegen die Wildnis,

Barhaupt,

Beiseiteschiebend,

Zertrümmernd,

Platzmachend,

Bauend, niederreißend, wieder aufbauend,

Unter dem Rauch, Staub um den Mund, mit weißen Zähnen lachend,

Unter der schrecklichen Last des Schicksals lacht er, wie ein junger

Mann lacht,

Lacht, wie ein unwissender Kämpfer lacht, der nie eine Schlacht

verlor,

Prahlend und lachend, daß der Puls klopft unter dem Handgelenk

Und unter den Rippen das Herz des Volkes.

Lachend!

Lachend das stürmische, heisere, lärmende Lachen der Jugend.

Halbnackt, schwitzend.

Stolz darauf, Schweinemetzger, Werkzeugmacher, Weizenschieber,

Spieler mit

Eisenbahnen und Warenhändler der Nation zu sein!

Carl Sandburg.

Aus: Neue Welt, eine Anthologie amerikanischer moderner Lyrik, S.

Fischer Verlag, Berlin.

Über den Mississippi ins Felsengebirge.

Ich hatte genug von dem mystischen Spuk der Spiritisten und ebenso von

dem Geschäftstrubel Chikagos; ich freute mich daher ordentlich auf die

Einsamkeit im -- Eisenbahnwagen, dem ich mich nun wieder für etwa 40

Eisenbahnstunden anvertrauen wollte und ebenso auf die Einsamkeit der

ungeheuren Mississippiebenen.

Dankbar verabschiedete ich mich von meinen freundlichen Gastgebern,

die mir soviel gezeigt und soviel zugänglich gemacht hatten. Aber

immer hätte ich um keinen Preis in Chikago wohnen und weilen mögen

ebensowenig wie in Neuyork. Ich könnte weder der täglichen Ermordung

der Zehntausende von Hammeln und Ochsen zusehen, wie das lebende Vieh,

das frühmorgens eingeliefert, am Abend als fertige Wurst die „~Union

stock Yards~“ verläßt, noch möchte ich täglich bei Marshall Field u.

Co. aus- und eingehen oder als Türboy Hunderttausenden täglich die Tür

öffnen. Eher noch würde ich auf den weiten Wassern des Lake Michigan

herumfahren oder in den grünen Parks baseball spielen wollen. Aber so

gnädig erweist sich ja das Leben den wenigsten unter den Menschen.

So verzichtete ich auch nicht allzuschweren Herzens auf den Besuch

der deutschesten Stadt Amerikas, Milwaukee, in der allein auch

sozialistische Stimmen sich maßgebend geltend zu machen pflegen! Wie

anders in Deutschland, dem Mutterland des Marxismus! Der Amerikaner ist

viel zu sehr Individualist, als daß er in Massen je dem marxistischen

Sozialismus anheimfallen könnte. Er hat zu sehr auf Schritt und Tritt

in seinem Lande erprobt, was persönliche ungehemmte Energie und

Eigenart des einzelnen vermag, ja daß die Union der Entschlußkraft und

Unabhängigkeit des wagenden Individuums alles verdankt, als daß er

überzeugter Marxist werden könnte. Die Deutschen kommen im Urteil des

Stockamerikaners nicht immer gut weg. Wie die Stimmung über sie ist,

zeigt folgendes moderne Gedicht:

„Deutsche Nachkommen.“

Riesen von 48,

O Märzwind!

-- -- --

Nachgeborene

Mit dem schwarzen Stigma

Der Niederlage.

Flucht, Angst der Träume,

In der Ferne Verlorene --

Unstolze Ruhe,

Schlaf und Dunkel ...

Exil!

-- -- --

Jenseits des Flusses

Graue Wölbung des Viadukts,

Tal der Fabriken.

Die ganze Stadt gehört ihnen,

Ihre Stadt -- Deutschland.

Der glatte Boulevard

Gürtelt die schmächtigen Straßen,

Hügel und See.

Rasenbeet --

Kohlbeet --

Kleines Glück der Mittelmäßigkeit

Zwischen evangelischen Türmen

Und den Kaminen der Brauereien,

Ganzes Glück der Mittelmäßigkeit.

In großen gotischen Lettern

Über Laden und Buden

Zwischen Gurken und Kraut

Und den irisierenden Saucen des Herings.

Qualmende Küchen

Mit ihrem Wäsche- und Backduft ...

Schweigen ... Katze und Uhr ...

Schwerer Griff trägt zierlichen Römer,

Breiter Lehnstuhl für das Abendblatt.

Sonne und Sonntagsstaub

Bespritzt die Kastanienbäume

Und die gemalten Tische

Mit den überschäumenden Bechern --

Starker Männerchor,

Rhythmus und schwarz-rosa Schweiß

Der Turnvereine ...

Fahnen, Schnurrbart und Kreuz --

Hoch!

Er war Bäcker, Brauer,

Gewann auf der Börse -- bescheiden,

Und dann das weiße Palais auf dem Boulevard.

Und Madame, eifersüchtig

Auf die Künste der Köchin

Strickt mit den Lappen der alten Kleider

Unzählige Teppiche ...

Und die Töchter nähen, kochen

Und gehen in Scharen zum Kollege.

Alles solide und fest!

Ein wenig Musik aus Tradition.

Weniger Kunst

(diese Maler sind zu modern),

Nur das Alte ist gut.

Alte Möbel,

Alte Sitten,

Alte Dichter

Und alte Tugend,

Das alte Land dort drüben

Über alles -- -- --!

„Solides, starkes Volk,

Bewahre dein reines Blut,

Baue für dich!

Unser Reichtum heirate unsren Reichtum.

Die Kinder gehören uns

Uns

Dem auserwählten Volk.“

-- -- --

Unsre Stadt --

Deutschland.

Francis Treat.

Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik.

Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 66.

Ebensowenig weinte ich den großen Pullmann-Werkstätten nahe Chikago

in Pullmann eine Träne nach, daß ich sie nicht in Augenschein nahm.

Nur fort aus dem Menschenameisenhaufen Chikago! Das war jetzt mein

sehnlichster Wunsch.

Bald nach der Abfahrt, als die letzten Fabriken wichen, taten sich

ungeheure Ebenen im Staate Illinois auf mit herrlichen Fluren, von

denen viele deutschen Farmern gehören. Ein wenig hügelig war das

Gelände, aber nicht lange. Die ersten Frühlingsknospen waren an

den Bäumen. Das Land sah etwa so aus, daß es auch in der Provinz

Sachsen in Mitteldeutschland hätte liegen können. Wir näherten uns

dem Illinoisriver, demselben, in dessen Oberlauf man den Chikagofluß

zurückzufließen zwang, damit er nicht länger mit seinen schädlichen

Abwässern den trinkwasserspendenden Lake Michigan verunreinige. Langsam

zog eben auf ihm eine Barke dahin, die ein großes Segel aufgespannt

hatte. Die einzige Unterbrechung des Flußbildes. Hier und dort dehnte

sich Sumpfland. Ab und zu sah man eine alleingelegene Farm, Rinder-

und Pferdeherden. Alles ein ganz anderes Bild als die geschlossenen

deutschen Dörfer mit ihrer engen, wohlabgezirkelten Gemarkung!

In unserem Zug -- ich fuhr wieder in der „~chaircar~“, nicht im

Pullmann -- saßen allerlei Leute meist einfacheren Standes mit ihren

Kindern. Sie hatten ihre Decken, ihre eigenen Eßkörbe mitgebracht,

aus denen sie die üppigsten Mahlzeiten hervorzogen -- auch der Wein

und das Tischtuch fehlte nicht. Für drei Tage und Nächte Fahrt nach

Kalifornien hatten sie sich häuslich eingerichtet, so wie man es

sich auf Deck und in der Kabine des Schiffes gemütlich macht. Sie

spielten, lachten, lasen, rauchten, aßen, schliefen, wie es paßte.

Die Kinder benutzten bald den langen Mittelgang als ihre Rennbahn und

die langen Liege- und Drehstühle als Verstecke, spielten Hasch und

Sichkriegen. Der Boden des Wagens verwandelte sich daher allmählich in

ein Stilleben von Obstschalen, Orangen- und Brotresten, Papier aller

Sorten, leeren Schachteln usw. Eine ästhetisch veranlagte Dame vor mir

hatte sich an den Plüsch des Sitzes ihr gegenüber eine dunkelrote

Rose gesteckt, um ihre Umgebung zu verschönern. Aber in der allmählich

sich verschlechternden Luft -- die Fenster sind wegen des stets sehr

reichlichen Ascheflugs aus der Lokomotive nicht zu öffnen -- welkte

sie, und ein rotes Blatt nach dem andern fiel langsam mit einem leisen

„Hsch“ zu Boden. Neben mir saß ein junger Eisenbahner von vielleicht

22 Jahren, der in Kalifornien Stellung suchte und in mir das gleiche

vermutete. Er empfahl mir, in den ~Y. M. C. A.~[22] einzutreten. Das

sei überall in der Welt eine gute Sache. Ihr könne man angehören. Er

pries mir alle die äußeren und inneren Vorzüge derselben, aber das

hinderte ihn doch nicht, nachher in einer Ecke des Wagens lustig mit

zwei kecken Chikagogirls ein wenig zu flirten. Im Wagen wurden wie

immer Karten, Schokolade, Handschuhe und Obst angeboten. Nur daß sich

das Obst, je weiter wir uns von Chikago entfernten und je seltener wir

hielten, ständig verteuerte.

So etwa je nach ein bis zwei Stunden gab es eine Haltestelle.

Dazwischen war nichts. Die Bahnhöfe verdienen kaum diesen Namen! Und

ein Namensschild derselben war selten deutlich zu entdecken. Die

Siedlungen lagen alle immens weit auseinander. Jeder ist hier König

in seinem eigenen Reich und auf seiner schier unbegrenzten Scholle.

Wie anders in den Riesenstädten, wo sich die Menschheit zu Millionen

zusammenballt! Wer nicht einmal durch diese endlosen Ebenen gefahren

ist, kennt Amerika nicht! Neuyork und Chikago allein sind noch nicht

die Union! Aber nirgends war auch etwa eine alte Dorfkirche, wie in

Franken oder Schwaben, zu entdecken. Die Besiedlung ist hier ja erst

vor 50 bis 70 Jahren vor sich gegangen. Es ist hier immer noch Anbau-

und Gründungszeit, wie es etwa bei uns unter Karl dem Großen war. Bei

einer Gruppe von etwa 20 Wohnhäusern steht schon eine kleine hölzerne,

höchst primitive Farmerkirche. Sie fehlt nirgends, oft sind es gar

zwei oder drei verschiedener Denominationen! Alles ist in diesem

Lande ungeheuer, die Ebene, die Ströme, die Seen, die Städte, die

Bodenschätze, die Fruchtbarkeit, der Reichtum. Während bei uns ein

Bauer bei allem Fleiß im allgemeinen aus dem Boden -- die künstliche

Düngung nicht gerechnet -- nicht viel mehr ziehen kann als sein Vater

und Großvater vor 40 und 60 Jahren zog, erntet ein Ansiedler, der mit

nichts nach Amerika kommt, oft schon nach sechs, sieben Jahren so viel,

daß er sich ein eigenes wohlmöbliertes Landhaus bauen und ein Automobil

kaufen kann! Wie müssen die Ebenen hier erst bei voller Ernte strahlen,

wenn Korn und Mais übermannshoch steht und die großen Mäh-, Dresch- und

Säemaschinen auf den Feldern fauchen! -- --

Je südwestlicher wir kamen, desto wärmer wurde es! Man sah schon

Landleute auf den Feldern mit vereinzelten Strohhüten gehen. Sonst ist

erst der 15. Mai drüben der offizielle Termin, den Strohhut auf- und

nicht mehr abzusetzen bis in den indian summer hinein! Um Mittag hatten

wir den Mississippi erreicht. Glitzernd wälzte er seine blauen, bis 1

~km~ breiten Fluten träge und gemächlich -- wie etwa die Elbe unterhalb

Hamburgs -- durch die ungeheuren Ebenen des mittleren Westens. Seine

Länge ist dreimal die unseres Rheins. Ich war am Mississippi! War es

möglich? Wovon man als Kind nur in Indianergeschichten geträumt und

gelesen hatte! Es war mir in den Augenblicken, da unser Zug bei Fort

Madison gravitätisch über die lange eingleisige Mississippibrücke

rollte, unbeschreiblich seltsam zumute, daß ich es mir immer wieder

sagen mußte: Jetzt fährst du über den Mississippi! Zwei kleine,

alte, vorsintflutliche Dampfer kreuzten den von bewaldeten Inseln

eingenommenen mächtigen Strom. Fort Madison lag gänzlich einsam, nur

von wenigen Häusern umgeben. Welchen Feind will es hier abwehren?

Stritt es einst gegen die Franzosen oder Engländer oder Mexikaner oder

die Indianer? Von rechts her winkten grüne Wälder. Alles glänzte in

blendendem Frühlingssonnenschein. Zur Feier der Überfahrt über den

Mississippi verzehrte ich die letzte Apfelsine, die mir die liebe

Cousine in Chikago mit eingepackt hatte. Dann fuhren wir wieder und

fuhren und fuhren ... Von den 38 Stunden bis Neumexiko waren erst

die wenigsten herum. Wie hatte doch bei Florenz einmal mir gegenüber

eine deutsche Dame, als sie in vier Stunden von Bologna kam, schon

ungeduldig ihren Mann gefragt: „Ach, Artur, wann sind wir denn

+endlich+ da?“ Hier lernte man in Geduld sitzen und fahren.

Jenseits des Mississippi, im Staate Missouri, den wir jetzt

durcheilten, liegt das alte Prärieland, da man einst mit dem

Lasso die Büffel jagte und Indianer durchs übermannshohe Gras

ritten. Das Flußtal begleiteten sanfte Hügelreihen, eine angenehme

Unterbrechung der endlosen Ebenen, sanfte Bachtäler, Wiesenhänge,

auf denen zahlreiche Kühe weideten. Wie bald werden sie nach

Chikago in die ~Union stock yards~ wandern? Gefallene Bäume

liegen da, um die sich niemand kümmerte. Aber nirgends waren hier

umfangreichere Wälder. Einst war es romantischer, mit der Büchse

durch die Wildnis zu reiten, als mit der Bahn hindurchzufahren,

aber wieviel ungezählten Millionen wächst hier jetzt das Brot,

während früher die Indianer wohl nur einige Hunderttausend gezählt

haben. Die sanftgewellten Hügelreihen am glitzernden Mississippi

hatten mit ihren Büschen, Bächen und Pferdeherden ihren eigenen

Reiz. O wie hätte ich all den Schreibmaschinenfräuleins und den

blassen Angestellten in dem wimmelnden und dampfenden Chikago, wo

man in den Wolkenkratzerschluchten kaum den Himmel und vor all der

Lichtreklame kaum noch die Sterne sieht, einmal hier auf einige Wochen

herauszukommen, um sich ohne Zeitungsgeschrei und Dollarjagd in Licht,

Luft und Sonne gesund zu baden, gegönnt! So wie die Pferde und Rinder

heute hier weideten, weideten sie auch einst vor Jahrtausenden am Nil,

am Euphrat oder am Eurotas. Aber kein Expreß dampfte an ihnen vorüber,

daß sie erschreckt zur Seite sprangen, kein Auto tutete in ihre

Wildnis, kein Wolkenkratzer reckte sich gen Himmel! Wie die Kulturen

im Kern einander gleich bleiben und doch verschiedenes Antlitz tragen!

So wie die Menschen am Ganges braun, am Nil schwarz, am Jangtsekiang

gelb, am Rhein weiß und am Mississippi rot sind und doch die gleichen

Bedürfnisse und Gedanken haben. Wie ist hier Macht vor Recht gegangen

und hat dem roten Mann, der selbst vielleicht einst vor Jahrtausenden

als ein Bruder des Gelben aus Nordasien hier hereingekommen ist, Land

und Grund genommen, ihn mit Pistole und Branntwein ausgerottet und sich

an seine Stelle gesetzt! Und lag nicht doch in der vorwärtsdrängenden

Kulturmacht des Weißen ein höheres Recht, so daß Macht auch ein

Recht in sich birgt? Ich muß im Grunde allen fremden Völkern und

Rassen wohlgesinnt sein -- dazu erziehen uns Weltreisen --, aber ich

muß doch auch in der Geschichte der Kriege und Kolonisationen Sinn

finden. Heute haben hier die Indianer in den meisten der Staaten

des mittleren und fernen Westens nur noch ihre „Reservationen“, am

größten in Oklahoma. Es gibt eine Reihe Amerikaner, die mit Stolz

Indianerblut in sich tragen, während Negerblut völlig verachtet ist!

Es gibt genug Indianer, die als Amerikaner gekleidet fast unerkennbar

in amerikanischen Diensten stehen. So lernte ich einen indianischen

Studenten und Lokomotivführer kennen! Aber es gibt vielleicht auch

noch eine Viertelmillion Vollblutindianer, die abgelegen in ihren

Dörfern (~pueblos~) leben und sich von Töpferei oder Teppichweberei

kümmerlich nähren und in ihrer Liebe zu den wilden Bergen und einsamen

Felsschluchten nicht lassen können ...

Am Flußufer standen einige Fischer mit ihren Angeln und schauten

stundenlang in das Blau des Himmels und in die Weite. Vor seinem

Haus in der offenen Halle saß ein behäbiger Farmer in weißem Bart

und schaute unserem Zug nach, dem einzigen Ereignis, das am Tag sein

Einerlei unterbricht. Auf einem grünen Anger spielten barfüßige Knaben

-- die man in Amerika selten sieht -- ihren ~baseball~. Bei einem

kleinen Ort stand eine Holzkirche armselig wie eine Scheune. Nur die

Fenster mit ihren gotischen Holzladenfenstern und einem eisernen Kreuz

am First ließen sie als solche erkennen. Am Abend sah man die Landleute

in Ermangelung von Wegen und Straßen einfach auf den Bahnschienen ihren

Wohnungen zustreben! Das ist der ebenste und kürzeste Weg drüben. Die

Lokomotive pfeift, und man tritt einen Augenblick zur Seite! Wer dabei

überfahren wird, hat es sich selbst zuzuschreiben. Polizeistrafen gibt

es dafür nicht!

Purpurrot begann die Sonne im Westen zu sinken. Immer weiter westwärts

ging unsere Fahrt ... Zwei barmherzige Schwestern fuhren allein in

einem äußerst primitiven Reisewägelchen draußen durch den Abend.

Der Wagen suchte sich selbst die beste Fahrgelegenheit durch den

Sand und das Gras. In einigen erleuchteten Zelten saßen Bahnarbeiter

um ihr Abendbrot ... Mit Dunkelheit kamen wir nach Kansas City im

Staate Kansas und überschritten hier den mit seiner gewaltigen Breite

fast an den Mississippi erinnernden Missouri, der von hier nach St.

Louis zum Einfluß in seinen größeren, aber bis dahin kürzeren Bruder

strömt. Kansas hat etwa 200000 Einwohner und ist die größte Stadt des

gleichnamigen Staates. Sie liegt am Einfluß des Kansasflusses in den

Missouri. Sie ist wie alle amerikanischen Städte rasch gewachsen. 1860

hatte sie noch nicht 5000 Einwohner! Jetzt hat sie ihr stattliches

„Kapitol“, ihre prächtigen Parks usw., wie es einer ordentlichen

großen Stadt zukommt. Einer der Einwohner unserer Hall in Cambridge

war aus Kansas, Freund R., er hatte also 38 Bahnstunden in seine

Universitätsstadt zu fahren! Wer macht ihm das in Deutschland nach?

Mit einem Trinkgeld brachte ich unseren besonders trägen und

lässigen Neger auf die Beine, daß er mir im Schlafwagen noch ein

Bett verschaffte. Denn die ganze Nacht mit den Kleidern in der Ecke

sitzen, wenn auch der „~reclining chair~“ erlaubte, ihn lang wie einen

Liegestuhl auszuziehen, erschien mir doch nicht gerade das Ideal zu

sein, zumal mir +noch+ ein ganzer Tag Eisenbahnfahrt bis nach Neumexiko

hinein bevorstand. Der Neger, wohlbeleibt und mit breiter Nase, hatte

mir grinsend und schmunzelnd zugesagt, eine „~upper berth~“, wie das

meine Gewohnheit war, zu verschaffen. So geschah es auch. Ich stieg in

dem mit seinen grünen Vorhängen wohlverhängten, besagten Schlafwagen

als einer der letzten auf der kleinen Leiter in mein hochgelegenes

Reich und kleidete mich oben aus, barg alles wohl in einer Ecke und

sah noch nach, ob auch Uhr, Scheckbuch und Börse wohl in ihren Taschen

waren. Dann legte ich mich ruhig aufs Ohr. Die meisten anderen im

Wagen schliefen schon den süßen Schlaf des Gerechten und fuhren mit

mir im Staate Kansas in die Nacht hinein ... „Rumrumrum ... rumrumrum“

rüttelte der Zug dahin. Bald war man nach dem vielen Sehen und der

schon etwa 15stündigen Fahrt wohl in den Schlaf gewiegt. Kein Laut

noch Kindergeschrei störte hier die Stille. Die Auswandererfamilien

mit ihren Kindern waren der größeren Billigkeit halber in der

„~tourist-car~“ zurückgeblieben und hatten zwischen den ausgezogenen

Stühlen ihre Kissen und Decken ausgebreitet. Es war dort das reinste

„Nachtlager von Granada“. Ich hoffte wohlgestärkt am Morgen in einem

neuen Staate, Kolorado, von denen jeder allein etwa ein Drittel so groß

ist wie das Deutsche Reich, wieder aufzuwachen ...

Plötzlich, als ich wohl ein bis zwei Stunden geschlafen hatte, hält

mir mitten in der Nacht jemand eine Blendlaterne vors Gesicht, rüttelt

mich am Arm und zieht mir auch schon die Bettdecke weg -- eine recht

eigenartige Situation. War es ein Überfall? War der Zug von Räubern

angefallen? Nein. Der Neger bedeutete mir, ich müsse schleunigst aus

dem Bett heraus ... es sei noch ein Fahrgast eingestiegen, der auf

das Bett Anspruch habe! Wachte oder träumte ich? Es war leider kein

Zweifel an der betrübenden Wirklichkeit: Der Schlafwagenneger stand

grinsend mit seinem breiten, braunen Gesicht vor mir und packte schon,

ohne meine Antwort abzuwarten, meine Kleider über den Arm und schleppte

sie davon in die Ecke des Wagens und warf sie dort auf ein anderes

oberes Bett, das anscheinend noch frei war. Warum er mir das nicht von

Anfang an gegeben hatte? Ich ergriff die letzten Utensilien hinter ihm

drein, kaum daß ich Zeit hatte, wenigstens die Unaussprechlichen noch

anzuziehen. Aber es schlief ja alles im Wagen und sah meinen höchst

eigenartigen Umzug nicht. Nur der Neger und der neu eingestiegene

Fahrgast, der schon auf mein wohlgewärmtes Bett wartete! (Übrigens

pflegen echte Amerikaner nachts einen Schlafanzug anzuziehen, so daß

für sie ein solch plötzlicher Umzug nicht allzu genierend ausfällt.

Bei mir als echtem Deutschen war das anders.) Ich war so schlaftrunken

-- der erste Schlaf ist ja wohl immer der beste -- daß ich kaum

nachzusehen und nachzuzählen vermochte, ob der Neger auch alles richtig

herüberbugsiert hatte. Kurz, ich schlief bald wieder ein. Und der

Zug hielt ja wohl auch in der Nacht nicht mehr ... „Rumrumrum ...

rumrumrum“ hörte ich es wieder wie im Traum ...

Morgens wachte ich auf bei blendendem Sonnenschein. Ungeheure gelbe

kahle Ebenen dehnten sich zu beiden Seiten! Der Schlafwagen ward

lebendig; Männlein und Weiblein strebten nach den Waschtoiletten ...

Man kleidete sich an. Ich zählte: Alle meine Kleidungsstücke waren

vorhanden. Die Uhr knöpfte ich in die Weste -- da fühle ich zufällig in

die innere Rocktasche: wo war mein Scheckbuch? Nun war das Scheckbuch

weg! Das ganze Erbe der lieben Tante aus Schwaben! Und im Portemonnaie

waren nur einige Halbdollarstücke und einige Cents. Das reichte

vielleicht noch einen Tag! Und dann saß ich in Neumexiko, im Herzen

des nordamerikanischen Kontinents -- 40 Bahnstunden von den nächsten

Menschen, die mich kannten. Aber auch wenn ich sie telegraphisch um

Geld zur Rückkehr anging -- sollte nun die ganze Fahrt zu Wasser

werden? Wie furchtbar! Mir saß der Schreck in allen Gliedern. Wie doch

der Mensch ahnungslos aus allen Himmeln stürzen kann!

Was tun? Sollte ich mich einem der mir völlig unbekannten Reisenden

anvertrauen? Keiner würde mir Geld geben! „Selbst“ ist in Amerika

der Mann! „Steig aus und nimm irgendeine Arbeit an!“ hätte man mir

vielleicht auf amerikanisch geantwortet. Aber ich mußte ja doch auch

nach Harvard zurück! Hier konnte ich keinesfalls bleiben. Und wenn

nun gar jemand mein Scheckbuch gefunden und auf meinen Namen, der mit

Unterschrift vorne drin stand, mein ganzes Geld abhob! Wie gewonnen,

so zerronnen! Liegt auf geerbtem Geld kein Segen? „Was du ererbt von

deinen Vätern hast, +erwirb+ es, um es zu besitzen.“ Darüber hatten wir

einmal einen Aufsatz machen müssen. Galt das jetzt mir? So schossen mir

die Gedanken hin und her durch den Kopf. Ach, wenn ich doch sonst was

verloren hätte, nur nicht die Reisekasse selbst! Ich verwünschte schon

den Niagara und den Mississippi, daß sie mich überhaupt zu dieser

Reise verleitet hatten! Hätte ich doch nie in der Washingtonstreet in

Boston das Auswandererbillett gesehen! Was nutzte mir all das jetzt?

Und dabei fuhren wir immer weiter, immer weiter fort, für mich ins

Verderben ... immer tiefer in die Wildnis eines Erdteils ohne Geld!

Wenn der Zug doch bloß einmal zu ruhigem Überlegen gehalten hätte!

„Rumrumrum ... rumrumrum“, so schien mich der Zug selbst mit seinem

endlosen und monotonen Rhythmus zu verhöhnen.

[Illustration: ~CHICAGO~

~Lincoln, der Sklavenbefreier~]

[Illustration: ~CHICAGO~

~Das große Chicago-Fußballspiel (30000 Zuschauer)~]

Ich erkundigte mich, nichts verratend, nach der nächsten Station.

„Um halb acht Uhr sei Frühstück in Syrakuse, an der Grenze von

Kolorado“, hieß es. Also da hielt der Zug 25 Minuten, und im Wartesaal

war Gelegenheit, für 75 Cents warm und reichlich zu frühstücken:

Hammelkotelette, Huhn und andere schöne Sachen. Was scherte mich jetzt

das Frühstück? Ich mußte mein Scheckbuch haben. Wenn nur der Zug

endlich einmal halten wollte und ich Schritte tun konnte! Fuhr er bis

ans Ende der Welt? Aber wenn ich ausstieg, sollte ich vielleicht dann

da bleiben, in einem weltverlorenen Städtchen nur noch 200 ~km~ vom

Felsengebirge entfernt? Nein, mir kam ein besserer Gedanke: Bleiben

kostete Geld, was ich ja nicht hatte, Fahren kostete mich im Augenblick

kein Geld, denn mein Rundreisebillett, was bis Chikago zurücklautete

-- freilich über Kalifornien! -- war ja bezahlt und steckte in meiner

Tasche. Also weiterfahren und sehen, was dann kommt! Mein Plan war

gefaßt: In Syrakuse nur aussteigen, um in der Frühstückspause „Schritte

zu tun“! Ich wußte glücklicherweise die Nummern meiner Schecks genau;

die hatte ich mir vorsichtig mit Bleistift notiert. Und das Notizbuch

hatte ich noch! Also auf dem Bahnhof sofort an die Bankzentrale

depeschiert und die betreffenden Nummern sperren lassen! So war

vielleicht doch noch mein Erbe gerettet.

Als der Zug endlich hielt, handelte ich kurz entschlossen. Denn

gestohlen war das Scheckbuch auf jeden Fall! Ich depeschierte.

Dann trat ich nach Aufgabe meines Banktelegramms nach Boston an

den diensttuenden ~police-man~ auf dem Bahnsteig und forderte ihn

energisch auf, sämtliche Reisenden sofort zu durchsuchen oder etwa

den Schlafwagenschaffner einfach zu verhaften, bis heraus sei, wer

mein Scheckbuch gestohlen habe. Der ~police-man~, ein Hüne von Gestalt

und wohl Ire von Geburt, sah mich sehr groß an und an mir herunter

-- und rührte sich nicht von der Stelle! Erwartete er erst einmal

ein großes Trinkgeld? Das hatte ich ja nicht. Oder bedurfte er dazu

höheren Befehls? Wie sollte ich den in der Eile erwirken? Ich mußte

doch weiterfahren. Enttäuscht und niedergeschlagen wandte ich mich in

den Wartesaal, gab mein Scheckbuch verloren und setzte mich verzweifelt

an die „Frühstücks“tafel -- es waren noch 15 Minuten Zeit. Hunger

hatte ich, mechanisch schlang ich Hammelkotelette und etwas vom Huhn

hinunter. Aber was half’s? Meine Barschaft schmolz nur um so mehr. Sie

würde wohl kaum noch diesen Tag überleben. Was dann? So wollte ich

wenigstens noch einmal gut und vorsorgend gegessen haben. Sollte ich

mich dann in Los Angeles als Kuli verdingen? Wenn wir nur erst dort

wären! Bis dahin waren aber noch 48 Stunden mit der Bahn zu fahren!

Reichte die letzte Mahlzeit bis dorthin?

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte -- ich hatte mich nicht

entschließen können, in dem weltverlorenen Syrakuse zu bleiben; und

das war gut! -- stieg ich wieder ein, wie üblich, von dem kleinen

bereitgestellten Schemel hinauf auf das sehr hohe Trittbrett und

meldete jetzt dem Schlafwagenneger meinen Verlust. Grinsend hörte

er mich an. Ich bedeutete ihm, ich sei der Fahrgast, den er heute

Nacht aus dem Schlaf geweckt und in das andere Bett gewiesen. Er

nickte. Durch seine Schuld sei also das Scheckbuch verlorengegangen.

Er schüttelte. „No, Sir“ war seine Antwort, und er verschwand. Er

suchte offenbar den Schlafwagen ab, klappte die Betten zusammen --

und fand natürlich nichts! Mir war längst alles gänzlich vergällt.

Sah ich sonst mit begeistertem Interesse stets in die Landschaft

hinaus, so interessierte mich jetzt nichts mehr. Stumm sah ich vor

mich hin und brütete. Die letzte Hoffnung war dahin. Im Schlafwagen

nahmen auf den Sesseln die Reisenden wieder Platz. Ich teilte jetzt

auch anderen meinen Verlust mit und wurde allgemein bemitleidet. Ich

erwartete bloß noch, daß sie für mich eine freiwillige mildtätige

Sammlung veranstalteten, daß ich bis Los Angeles zu leben hätte. Aber

selbst das geschah nicht. Sah ich dazu zu wohlgekleidet aus? Ging sie

der „~German~“ nichts an? Dachten sie: „Mag er sich’s doch wieder

verdienen, jung genug ist er“? Ich weiß es nicht. Und wenn wir jetzt

über die romantischen Pässe des Felsengebirges gefahren wären, ich

hätte keine Notiz von ihnen genommen ...

So mochten wohl wieder dreiviertel Stunden vergangen sein, da kommt

der Neger grinsend wieder herein, tritt auf mich zu und hält in der

Hand triumphierend -- mein Scheckbuch!! Beinahe hätte ich es ihm aus

der Hand gerissen. Ich wußte nicht, sollte ich ihm um den Hals fallen

oder gar als vermeintlichem heuchlerischen Dieb eins auswischen. Ich

unterließ aber lieber beides. An Kraft war er mir sicher überlegen.

Er hielt das Buch wohlweislich sehr fest. „Ob das meins wäre?“ -- Nun

natürlich, wie konnte er nur fragen; ich nannte ihm genau die Nummern

aus dem Notizbuch. Da hielt er es mir näher, immer breiter grinsend

hin, aber gab es noch nicht frei! Ich griff instinktiv in die Tasche

und schüttete ihm meine noch übrige Barschaft in die braune Hand. Da

auf einmal wurde sein breiter Mund schmäler und -- er gab es mir!

Wie ein Paradiesesstrom floß es durch meine Seele! „~Well, Sir!~“ --

„Ja, ~well, Sir~, aber wo war es denn?“ Er behauptete: Eben hätten

es ihm zwei spielende Knaben aus dem Schlafwagen gebracht, die zum

Versteckspielen unter die Sitze gekrochen wären! Das war möglich; dann

war es also schon des Abends bei dem nächtlichen Umzug aus der Tasche

gefallen oder genommen und unter die Sitze gestoßen worden....! ~Well,

Sir~, alles möglich! Oder ob der gute Neger nicht alles so beabsichtigt

hatte? Ob er so ein gutes Trinkgeld verdienen wollte? Oder ob er gar

erst bare Dollarnoten darin vermutet hatte? Mir war’s gleich. Wie

interessant war sofort draußen wieder die Landschaft! An der nächsten

Station war ich der erste, der aus dem Zug sprang und wieder an die

Bank in Boston telegraphierte: „Scheckbuch gefunden, Sperre aufheben!“

Sie war wohl noch nicht ergangen ...

* * * * *

Unsere Fahrt ging durch Land wie durch die Wüste Gobi. Zum zweiten Male

mußte die Uhr eine Stunde, jetzt auf „Mountain-Time“ (Gebirgszeit)

zurückgestellt werden, wie in Detroit auf „Zentralzeit“. Der

geographische Mittelpunkt der Union war überschritten. Die Vereinigten

Staaten haben nämlich wegen ihrer Ausdehnung eine vierfache Zeit: In

Neuyork ist ~Atlantic time~, in Chikago ~Central time~, im Gebirge

~Mountain time~ und in Kalifornien „~Pacific time~“, denn dort geht die

Sonne vier Stunden später auf und unter als an der Küste des Atlantik.

Auf dem Meer hatten wir täglich die Uhr nur um 20 Minuten zurückstellen

müssen und auf der Rückfahrt später wieder vor! Da der Bahnzug etwa

dreimal so schnell fährt als das Schiff, so macht es zu Lande beinahe

jeden Tag eine Stunde aus, wenn man ständig westwärts fährt. -- -- --

Im Wagen herrschte jetzt wüstes Kindergeschrei, die Babys brüllten,

die Boys haschten einander. Alles das störte mich in meiner

Paradiesesfreude nicht. Der Boden des Wagens glich jetzt schon nicht

mehr einer menschlichen Wohnung, denn jeden Tag mehrten sich der Abfall

und die Speisereste beträchtlich. Mir gegenüber sog ein Kindchen an

der Mutterbrust ... es ahnte nicht, wo es ist und wem es entgegenfuhr.

Welch Pionier wird einmal aus ihm werden? Bei mir saß ein früherer

Seemann, der schon Australien, die Türkei und England befahren hatte.

Neben ihm und seinen Schilderungen kam ich mir sehr klein vor ... Staub

und Rauch nahmen auch ständig zu, dazu die Wärme, denn wir fuhren jetzt

bereits unter dem 37. Breitengrad, auf dem in Europa -- oder vielmehr

Afrika! -- die Nordküste von Tunis und Algier liegt.

Vor dem heranbrausenden Zug rasten etliche Pferdeherden in die Steppe

hinein. Alles war draußen gelb und baumlos. Man sah Zelte wie ein

Zigeunerlager aufgestellt. Neben der Bahn strich ein schlechter Fahrweg

mit dünnen und krummen Telephonstangen hin. So fest, gerade und glatt

wie bei uns sind sie drüben nur in kultivierten Gegenden. Hier und da

lag ein einsames Lehmblockhaus. Wir traten allmählich in ursprünglich

spanisches Kulturland und indianisches Siedlungsgebiet ein. Man sah

einige strohgedeckte Holzhütten. Die Leute ritten auf Maultieren durchs

Land wie die alten Trapper. Auf den weiten kahlen Steppendünen in der

Ferne einige dunkle Punkte, die man durchs Glas als weidendes Vieh

erkennt. Wenn nicht die Bahn die Blutader für diese Einsamkeiten wäre,

wären sie alle, Mensch und Vieh, hier von aller Welt abgeschlossen. Die

großen Pazifiklinien haben erst den Westen Amerikas erschlossen. Hier

war zuerst die Bahn, dann kamen die Menschen der Bahn nachgezogen. Bei

uns in Europa waren erst jahrhundertelang die Menschen und ihre Städte

da, dann erst verband sie die Bahn miteinander ...

Wo kriegen die Leute hier nur ihr Wasser her? fragte ich mich. Die

Wasserläufe schienen alle ausgetrocknet zu sein. Gelbe Wüste reiht

sich an die salzhaltige Steppe. Regen fällt hier ganz selten, höre

ich. Wie heiß mag es erst im Sommer sein? Wie grün und fruchtbar war

es dagegen im Mississippital! Die unentgeltlichen Wasserfässer am

Ende des Eisenbahnwagens finden immer stärkeren Zuspruch. Eine dünne

spinnewebfeine Eisenbahnbrücke führt uns über einen sandigen Fluß. In

Chikago Tausende von Kunstbauten; hier erweckt ein einziger von ihnen

großes Interesse in all seiner Dürftigkeit. Unter einem dürren Baum

liegen drei Rinder im Schatten. Im Fluß stehen andere, wie die Kühe im

Nil zu Pharaos Zeiten. Was könnte hier alles noch werden und wachsen,

wenn das Land einmal systematisch berieselt und besiedelt sein wird!

Nach Stunden wieder einmal eine weltverlorene Station. Drüben erheben

sich jetzt mäßig hohe felsige Hügelreihen. Verblichene Baumstämme

liegen umher und ein paar faulende Knochen. Ich schaue gespannt nach

dem Felsengebirge aus, aber sehe es immer noch nicht. Die Stationsnamen

werden immer spanischer. An der Bahnstrecke arbeiten Neger in hohen

spitzen Strohhüten wie bei uns die Pferde im heißen Sommer. Zwischen

den Schienen liegen Haufen Sand wie verwehte Dünen ...

In La Junta, einem wichtigen Bahnkreuzungspunkt, ist ~lunch~. Alles

stürzt hungrig hinaus. Da mein Bargeld am Ende ist und ich hier keinen

Scheck eingewechselt bekomme, nehme ich ein billiges Mittagessen in

einem Arbeiter-~saloon~ dicht beim Bahnhof. Warum soll ich nicht einmal

da essen, wo Arbeiter, Neger, Spanier oder Mexikaner essen? Das Besteck

und Tischtuch ist freilich nicht allzu appetitlich ... aber es schmeckt

auch ... Freilich sehen sie mich alle recht erstaunt an ...

Nach 25 Minuten dampfen wir weiter in nun fast genau südlicher Richtung

durch den Südostzipfel des Staates Kolorado. Hügeliges Tafelland

beginnt. So denke ich mir etwa Südafrika. Wilde Wasserfurchen zeichnen

sich im Sand ab. Ein wenig Föhrengestrüpp ist das einzige, was hier

wächst. Hier muß es, wenn es regnet, sehr heftig regnen. Man sieht es

an den verhärteten Furchen. Die Bahn steigt ständig. Wir sind schon

1000 ~m~ hoch! In der Richtung aufs Gebirge ist es leider wolkig und

umzogen, sonst sähe man jetzt das Felsengebirge. Man erblickt die Kette

der Rockies bei klarer Sicht über 250 Meilen weit! Meine Erregung

steigert sich. Wann werde ich die Berge zuerst wahrnehmen? Ich bin

gespannt wie einst, als wir als Studenten das erste Mal in die Alpen

fuhren ...

Mit einem Male sind wir auf eine weite hohe Ebene hinaufgeklommen, an

deren hinterem Rande jetzt stattliche hohe blaue Bergketten sichtbar

werden; hinter ihnen noch höhere, die aber nicht deutlich zu sehen

sind. Ein paar Pferdeherden im Vordergrund bilden die einzige Staffage

zu diesem grandiosen Bild. Sonst rings kein Baum und Strauch. Das

müssen die Ketten des Felsengebirges sein. Sie sind es! Ziemlich links

erhebt sich die Koloradokette mit etwas Schnee auf den Berghäuptern,

tiefblau, bis über 4000 ~m~ hoch. Man sieht jetzt die Bahnlinie eine

weite Strecke vorwärts an den langen Zeilen der Telephonstangen, die

wie eine Streichholzpallisade in der Erde stecken. Stracks fahren

wir auf die Berge zu. Es wird immer öder. Rechts drüben erhebt sich

gigantisch der berühmte Pikes Peak bei Denver, einer der höchsten und

am weitesten in die Mississippiebene vorgeschobenen Gipfel (4300 ~m~).

Wie leicht rollt der Zug über die Riesenebene! Wieder mächtige wilde

Wasserrinnen! Wie mag hier der Regen hausen! Aber mitten in der

einsamen Wüste auch ein -- Reklameschild an der Bahn: „Star-Tobacco!“

Die ersten Indianerpueblos[23] tauchen auf mit ihren fast fensterlosen

niedrigen Lehmhütten. Braune und schwarzhaarige Kinder spielen

davor. Ein Güterzug kommt uns auf der eingleisigen Strecke entgegen.

Die Züge verständigen sich schon aus der Ferne durch gegenseitiges

lautes Pfeifen darüber, wo man sich ausweicht. Jener hält lange an

der Ausweichstelle und wartet auf uns, bis wir vorüber sind. Aber

wie machen sie es im Nebel und bei Nacht? Der Güterzug rollt die

Schätze Kaliforniens nach Chikago. Die „Straße“ neben der Bahnlinie

ist jetzt nur noch eine einzige feine Räderfurche im Sand. Ruhig,

stolz und tiefblau schauen die Berge zu uns herüber. Wir halten an

Station Trinidad, 1800 ~m~ über dem Meere, einem altmexikanischen

Städtchen unter einer hohen Bergspitze, fast schon an der Grenze von

Neumexiko. Die kleinen Orte sind hier meist nicht viel mehr als ein

Haufen Lehmhütten wie im primitivsten Italien oder im Orient. Die

mexikanischen Häuser sind sehr niedrig, die Straßen breit. Alles hat

einen vollkommen südlichen Charakter. Die Männer (Mexikaner) tragen

einen breitrandigen Schlapphut, den Italienern ähnlich, und haben

feurige schwarze Augen.

Die Bahn steigt weiter steil an wie über den Apennin. Alles ringsumher

bleibt kahl und steinig. Kein grünes Hälmchen ist zu sehen. Alle

Frühlingspracht Missouris ist verschwunden. Wir fahren durch ein

schmales höchst malerisches Felsental, dann durch einen Tunnel auf

einer Paßhöhe von fast 2400 ~m~! (Die Gotthardbahn erreicht bei

Göschenen nur 1100 ~m~!) Jenseits des Tunnels senkt sich die Trasse

wieder beträchtlich. In Station Ratton stehen Sattelpferde an der Bahn,

ankommende Reisende abzuholen. Wir sind mitten im Gebirge. Ringsum ist

der Blick durch hohe malerische Bergketten eingeschränkt. Aber alles

ist noch viel weitläufiger und riesiger als in den Alpen. Inzwischen

umziehen sich die Berge, Wolken hüllen uns ein. Regenschauer prasseln

nieder. Aber draußen herrscht wunderbar frische, würzige Bergluft,

drinnen im Wagen aber ist die Luft zum Umkommen ...

Wir fahren wieder aufs neue über mächtige Hochebenen in beinahe 2000

~m~ Höhe, die von hohen bewaldeten Bergketten eingesäumt sind. Noch

einmal taucht die Abendsonne nach dem Regen über dem Schnee der Berge

empor, dann versinkt sie. Das Felsengebirge ist, wie ich jetzt schon

bemerkte, kein geschlossenes Gebirge wie die Alpen, sondern eine

Sammlung von hohen Randgebirgen, die in sich ungeheuerliche Hochebenen

einschließen. Das Gestein leuchtet bald rötlich, bald grünlich. Wem

gehört all dies Land? Auf drei Bahnstunden keine menschliche Wohnung!

Neumexiko hat bei einer Größe von 317000 ~qkm~ eine Bevölkerung von

nur 200000 Einwohnern, also eine Dichte von 0,6 auf 1 ~qkm~. Auf

eine Entfernung Frankfurt a. M.-Karlsruhe oder Dresden-Leipzig keine

nennenswerte Siedlung!

Während die Abenddämmerung einbricht, tauchen neue schneebedeckte

Bergketten unter den Wolken auf. Geheimnisvoll! Sind alle diese Berge

schon bestiegen? Wie lange Jahrtausende hausten hier die Indianer

allein? Beinahe um zehn Uhr Sonnabend abends bei stockdunkler Nacht

bin ich in Lamy Junction. Ich verlasse mit noch zwei Personen den Zug,

um nach Santa Fé, Neumexikos Hauptstadt, umzusteigen. Seit Freitag

früh hatte mich der Zug beherbergt. Er war einem wie zu einer Heimat

geworden. Ohne Unfall hatte er mich von den großen Seen des Nordens

quer durch die ganze Mississippiebene bis ins Herz des Felsengebirges

gefahren. Man empfand so etwas wie Dankbarkeit ihm gegenüber, als

man ihn verließ und er in die stockdunkle Nacht wieder auf- und

davondampfte.

Nun saß ich nachts zehn Uhr mit zwei anderen wildfremden Menschen,

einem Mann und einer Frau, auf dem kleinen Bahnhof dieses winzigen

und herzlich unbedeutenden Nestes, Lamy genannt, noch 1200 ~km~ vom

Stillen Ozean, beinahe 3000 ~km~ von Neuyork, über 6000 ~km~ von der

Heimat oder vier Monate Fußwanderung entfernt! Es dauerte eine volle

Stunde, bis der kleine Zug nach Santa Fé weiterging, der uns drei

Menschen beförderte. Rings war rabenschwarze Nacht. Kein Lichtsignal,

kein Anzeichen von menschlichen Wohnungen! Nach 18 Meilen Bahnfahrt

waren wir etwa um Mitternacht in Santa Fé, der etwa 5000 Einwohner

zählenden kleinen altmexikanischen Hauptstadt des jüngsten Staates

der Union, Neumexiko, beinahe unter dem 35. Breitengrad, also in Höhe

Maltas, Kretas und Zyperns gelegen. Aber von all seiner Schönheit und

Altertümlichkeit war in der stockfinstern Nacht vorerst gar nichts zu

sehen. Der Bahnhof lag ein wenig draußen. Ich sah mich um. Kein Mensch

war weit und breit. Ich ging wie die anderen beiden eine völlig dunkle

Straße stadtwärts, beziehungsweise in der Richtung, wo man sie etwa

vermuten konnte. Am kleinen Bahnhof wurden die Lichter ausgelöscht. Nun

war aber auch alles stockfinster. Meine Reisegenossen gingen einige

Schritte vor mir. Sie kannten anscheinend ihr Ziel.

Da kam uns ein einfacher Mann entgegen, soweit man erkennen konnte. Er

wechselte mit den beiden vor mir ein paar Worte. Die Frau ging weiter.

Der Mitreisende aber blieb stehen, mit einer einfachen Ledertasche in

der Hand. Jetzt kam der Fremde auch auf mich zu. Was wollte er? War

es Freund oder Feind? „Ob ich schon Nachtquartier hätte? Ich könnte

bei ihm billig schlafen.“ Da der andere schon zugesagt hatte, willigte

auch ich ein. Mitgegangen, mitgehangen! Ich wundere mich noch heute,

wie ich damals um Mitternacht in Santa Fé in völliger Finsternis einem

mir völlig unbekannten Mexikaner mit einem anderen, der mir ebenso

unbekannt war, in sein Haus folgen konnte. Wenn man mich hier etwa in

der Nacht aufgehoben hätte, so hätte wohl kaum jemand je erfahren, wo

und wie ich eigentlich von der Welt verschwunden wäre. Aber an diesem

Buche sieht der Leser, daß ich am Leben blieb. Ich wollte auch zunächst

die Schlafgelegenheit erst einmal „besichtigen“. „Es sollte nah sein,“

sagte der Fremde, „aber in die Stadt noch weit.“ So wollte ich einmal

das Abenteuer probieren. Hatte ich in einem sehr feinen Haus in

Neuyork unter ~bed-bugs~[24] leiden müssen, so brauchte ich mich gewiß

hier im Felsengebirge nicht über sie zu beklagen; aber vielleicht ging

es sogar ohne sie ab.

Wir kamen nach ein paar Minuten an einem kleinen Haus an. Alle Läden an

ihm waren geschlossen. Insofern machte es einen mystischen Eindruck.

Der Mexikaner öffnete und führte uns eine Treppe hinauf. Eine alte Frau

steckte in Nachtkleidung den Kopf aus einer halbgeöffneten Tür. Er

murmelte zu ihr ein paar mir unverständliche Worte auf spanisch; darauf

verschwand sie und erschien nachher notdürftig angekleidet mit einer

kleinen Wasserkanne und einem Ding, das wohl ein Handtuch vorstellen

sollte. Mein Begleiter bekam rechts ein Gemach, ich links. Das meine

war noch etwas vornehmer und größer, enthielt außer dem Bett sogar eine

Kommode und einen kleinen Waschtisch. Ich akzeptierte, der andere auch.

Was sollte ich jetzt in Santa Fé nach Mitternacht nach 39stündiger

Bahnfahrt noch lange nach einem Zimmer herumlaufen? Eine Räuberhöhle

oder Verbrecherfalle schien es ja nun auch nicht gerade zu sein.

Schließlich sind auch die Mexikaner Menschen wie wir, dachte ich, und

der andere war ja auch noch zur etwaigen Hilfeleistung und Verteidigung

da. Beim Schein einer Kerze, die ich dankend angenommen hatte, schaute

ich zuerst, als ich allein gelassen war, in meiner Kammer unters Bett,

ob keiner etwa drunter läge, der nachher, wenn ich schlief, hervorkäme

und mich vielleicht beraubte. Schließlich verrammelte ich noch zur

Sicherheit die Türen mit der Kommode und dem Waschtisch. Sollte also

ein nächtlicher Angriff von dorther geplant sein, so würden mich

mindestens die umstürzenden Möbel noch rechtzeitig aus dem Schlaf

wecken. Das Fenster schloß ich, erstens von wegen des Einsteigens --

was sich ja sogar einmal ein Bonsels geleistet hat! -- zweitens von

wegen der auf 2100 ~m~ Höhe trotz des 35. Breitengrades empfindlichen

Nachtkühle. Dann untersuchte ich das Bett auf kleine Schlafgenossen

hin, fand aber nichts Bedenkliches und legte mich zuletzt sorglos

hinein ... um nach prachtvollem Schlaf -- die 39 Bahnstunden saßen

mir doch recht in den Gliedern -- am anderen Morgen, einem Sonntag, um

sieben Uhr bei strahlendem Sonnenschein wohlgestärkt zu erwachen ...

Ich sah mich in dem hellen Zimmer um. Es war alles bescheiden und

einfach, aber ganz ordentlich. Das Fenster war noch geschlossen, es war

also niemand des Nachts eingestiegen. Die Kommode stand noch geduldig

hinter der Tür, also auch von dort hatte sich kein Feind genaht.

Scheckbuch und Uhr waren auch noch vorhanden! Was wollte ich mehr? Ich

sah aus dem Fenster und ließ die herrliche Morgenluft hereinströmen und

sagte zu mir selbst: Nun bist du wirklich in Neumexiko, und die Berge

dort drüben sind ein Stück Felsengebirge. Alles war wie ein Traum! --

-- --

Ich kleidete mich rasch an, um die Stadt zu besehen und möglichst auch

noch heute in die Berge zu kommen. Denn durchs Felsengebirge zweimal

quer hindurchzufahren und auf keinen Berg zu kommen, dünkte mir ein

Ding der Unmöglichkeit. Ich pilgerte bald in das Städtchen und fand

es nicht so weit vom Bahnhof, als ich vermutet hatte. Bald stand ich

auf seinem Marktplatz. Während man sonst in amerikanischen Städten

durch „Wolkenkratzerkañons“ zum Zentrum kommt, war man hier wie in

einer völlig anderen Welt. Eine belaubte und schattige, rechteckige

nicht allzugroße stille „~plaza~“ wie in einem süditalienischen

oder spanischen Landstädtchen öffnete sich als der Mittelpunkt des

„Verkehrs“. Ihn bestritten einige in der Sonne sitzende kleine

schwarzhaarige Mexikaner in ihren breiten Schlapphüten und hier und

da ein echtsüdlicher zweirädriger Eselskarren. Die eine Längsseite

der ~plaza~ säumte der alte dreihundertjährige „~governors palace~“,

ein einstöckiges flachgedecktes, etwas verfallen aussehendes

langgestrecktes Gebäude, das heute ein Museum birgt. Fast vornehm wie

eine versunkene Pracht wirkten seine Säulenkolonnaden. Einst war es

die „Residenz“ spanischer, mexikanischer und auch noch amerikanischer

Gouverneure. General Lewis Wallace, der 1879-82 Gouverneur von

Neumexiko war, schrieb hier seinen vielgelesenen Roman „Ben Hur“!

Wahrhaftig, hier herum hatte er auch das passendste Milieu dazu, denn

Neumexiko steht an Vegetation, Bergwelt, Bauweise und Klima in nichts

dem heiligen Lande nach. Still und ehrwürdig klangen die Glockenschläge

der nahen zweitürmigen, aber im ganzen einfachen romanischen

„Kathedrale“ des heiligen Franziskus, die zur Morgenmesse riefen

und auf die Mexikaner und katholische Indianer aus den umliegenden

Siedlungen zustrebten. Es war Sonntag. Auf altspanischem Boden

herrscht noch heute der Katholizismus. Santa Fé ist für amerikanische

Zeitverhältnisse uralt. Schon 1542 fanden hier die Spanier ein großes

Indianerpueblo vor, als selbst Neuengland noch kein Weißer betreten.

Und noch heute wohnen zahlreiche Indianer auch in der Stadt. Die

Sträßchen um die ~plaza~ lagen still und verlassen. Die schlichtesten

Lehmbauten, die Läden vor der schon am frühen Morgen recht warm

scheinenden Sonne herabgelassen, waren hier aneinandergereiht. Man

hätte auch in Assisi oder sonst wo in Mittelitalien in einem verlorenen

Bergstädtchen sein können!

Welch wohltuende Ruhe in diesem alten Städtchen! Hier einmal dem

Weltverkehr mit seinem Expreß, seinen Autos, Wolkenkratzern und

Millionenstädten vollständig entronnen zu sein, war ein Labsal! Hier

hätte ich am liebsten gleich vier Wochen zugebracht! Aber mich zog es

noch weiter in die Bergwelt, die ringsumher ihr Haupt hob ... Freilich

bis auf die Schneegipfel würde ich wohl nicht kommen, das war mir klar.

Aber vielleicht auf die in mittlerer Höhe vor ihnen? Santa Fé selbst

liegt schon 2147 ~m~ hoch. Die Gipfel, die seine mächtige Hochebene

säumen, mögen wohl 4000 ~m~ hoch sein, und das „Mittelgebirge“ vor

ihnen vielleicht gegen 3000 ~m~. Das war also mein Ziel.

Ich nahm gleich den nächsten Berg aufs Korn. Hinter der Stadt stiegen

einige wegähnliche Gebilde durch die Felder und Weinberge bergan.

Da mußte es emporgehen. Es war mir gleich wohin. Die Richtung nach

Santa Fé zurück würde ich schon immer wieder finden. Im letzten Laden

der Stadt verproviantierte ich mich ein wenig mit Brot, Konserven

und eingemachten Früchten. Das sollte oben mein Mittagessen sein.

Dann stieg ich wacker bergan ... Die Sonne schien heiß, obwohl es

noch zeitig am Morgen war. Immer noch kamen mir einzelne Mexikaner,

den ausgezogenen Rock den Italienern gleich frei über eine Schulter

gehängt, aus den umliegenden Orten, und auch vereinzelte Indianer in

bunten Decken, einen holzbeladenen Esel vor sich hertreibend, den

Hohlweg herab. Jedem von ihnen schaute ich nach und bestaunte sie:

Leibhaftige Mexikaner und Indianer! So klein, braun und schwarz wie

etwa bei uns die Zigeuner, mit denen sie als ursprüngliche Mongolen (?)

vielleicht auch rassemäßig zusammen gehören.

Von einer roten Farbe sah ich allerdings keine Spur. Vielleicht waren

die roten Indianer weiter im Norden und Osten. In schwarzen langen

Strähnen hing ihnen das Haar in den Nacken; es kamen nur Männer.

Frauen und Kinder blieben wohl daheim in ihren „~pueblos~“, den fast

fensterlosen und nur mit Leitern zu ersteigenden flachen Lehmhäusern.

Bald aber kam niemand mehr. Was sie wohl von mir dachten? Hier und

da sah einer dem Fremden nach. Ob schon je einer hier heraufstieg?

Wenn nun ein paar vielleicht von ihnen heimlich umkehrten und mir

etwa auflauerten? Mein kleines Taschenmesser wäre meine einzige Waffe

gewesen, aber auf wie lange? Mit Revolver und Büchse war ich noch nie

in die Wildnis gezogen ... In solche Rolle hätte ich mich auch nicht so

leicht finden können.

So stieg ich wohlgemut auf Schusters Rappen höher und höher. Den

Hohlweg hatte ich verlassen, der schien mir zu weit ab und zu wenig in

die Höhe zu führen. Rechts hinauf war noch eine Zeitlang so etwas wie

ein Jäger- oder Wildpfad, der zwischen dem fast mannshohen stachlichten

Gesträuch hinaufführte. Dann hörte auch der auf. Einige Fliegen folgten

mir summend, sonst war es völlig still. Die Sonne meinte es sehr gut.

Kein schattenspendender Baum war ringsum. Ein Wiesel huschte vor mir

über den Weg und verschwand scheu. Im Gebüsch raschelte es manchmal

wenig anheimelnd. Waren es Schlangen? Gar giftige? Ich mochte nicht

erst untersuchen, sondern setzte meinen Anstieg, der immer steiler

wurde, unentwegt fort. Hier lag ein gebleichter Ziegenschädel. Der Balg

des Tieres war verschwunden. Und dort ein zerzauster Vogel. Hatten

hier Kämpfe stattgefunden? Waren hier Raubtiere (Pumas?) in weidende

Herden auf den Bergen eingebrochen? Gab es hier sonst noch Gefahren?

Ich wußte es nicht und stieg bergan.

Kein Mensch war weit und breit. Santa Fé lag schon eine sehr gute

Strecke unter mir. Seine wohlgeformte Kapitolskuppel leuchtete in

der Sonne, sonst schrumpfte alles andere des Städtchens auf einen

ziemlich engen Raum zusammen. Ein Ruf wäre nicht mehr hinabgedrungen.

Gab es auch hier oben Indianer? Friedliche oder räuberische? Karl

Mays Indianergeschichten, einst in der Jugend verschlungen, tauchten

in meiner Erinnerung wieder auf. Ich sah rauchende warme Skalpe

am Gürtel hängen. Passierte das heute noch? Ich hatte noch nichts

dergleichen in den Zeitungen gelesen. Zugüberfälle und Lynchjustiz an

Negern, die weiße Mädchen überfielen, pflegten vorzukommen, aber auch

Pistolenschießereien und Eifersuchtsszenen in den Südstaaten, wo das

alte heiße und stolze Kreolenblut noch in den Adern rollt. Sollte ich

lieber umkehren, um nicht etwas zu riskieren? Aber wozu? Vielleicht war

ich hier oben sicherer als mitten in Chikago oder Neuyork. Sollte ich

mich nachher vor mir selber schämen? Ich stieg weiter empor ...

Nach einer Weile hielt ich eine kleine Rast und schnitt eine Büchse

mit in der Hitze besonders lieblich schmeckenden Aprikosen auf und aß

von meinem Brote. Dann stieg ich höher. Nur Stechpalmen und Kakteen

begleiteten mich noch. Vom Weg war schon lange keine Spur mehr. Nicht

einmal Tritte waren zu sehen. Jeder Schritt mußte jetzt erobert werden.

Dicht und dichter wurde das stachelichte Gebüsch. Aber die Schneegipfel

ringsum hoben sich auch immer höher und unersteiglicher. Ich nahm

mir einen Bergabsatz als Ziel, der mir noch erreichbar schien. Die

Sonne stieg auf Mittaghöhe und leuchtete unbarmherzig vom wolkenlosen

strahlend blauen Himmel. Endlich unter viel Schweißtropfen nach viel

Klettern und Kriechen war das Ziel erreicht. Meine Hände waren blutig

gerissen. Noch immer sah man Santa Fé, aber wie in einer tiefen Ebene

gelegen. Wie hoch mochte ich jetzt sein? Die Aussicht war überaus

großartig. Wie stumme Helden umlagerte mich die Kette der Schneegipfel.

Wie weltverloren zitterte dünn und fern der Pfiff einer Lokomotive

herauf. Durch die weite Hochebene wand sich eine winzig kleine schwarze

rauchende Schlange -- der Sonntagszug. Als ich die Reste meines

Proviants verzehrt hatte, schlief ich, ohne es zu merken und zu wollen,

hier oben müde von dem dornigen, steilen und heißen Anstieg ein. Auch

lag mir wohl noch die 39stündige Bahnfahrt von Chikago her in den

Gliedern ...

Als ich wieder gestärkt von der herrlichen Bergluft erwachte, schaute

ich mich verwundert um. Wo war ich? Ich merkte, daß ich geschlafen

haben mußte. Ach, da unten lag ja Santa Fé. Ich war in Neumexiko, und

diese Berge sind ja ein Stück Felsengebirge! Das ganz unbeschreiblich

Eigentümliche meiner weltverlassenen Situation wurde mir wieder klar.

Schlangen waren nicht gekommen, auch keine räuberischen Indianer

hatten mich angefallen. Keine Moskitos hatten mich gestochen ... Ich

zog die Uhr. Mittag war vorüber! Es war Zeit, schleunigst umzukehren,

wieder unter Menschen zu gehen, wenn ich noch mehr sehen wollte. Wie

gerne wäre ich weiter hinaus in die Bergwelt gestiegen, bis hin zu

den Indianerpueblos und -reservationen, aber ohne jede Begleitung und

besondere Ausrüstung war es doch wohl zu gewagt. Dazu gehörte vor allem

Reittier und Führer ...

Der Abstieg ging natürlich viel rascher vonstatten als der Anstieg.

In über einer guten Stunde war ich wieder in der Nähe der Stadt auf

Wegen. Ich hatte einen kleinen Bachkañon mit Maultierspuren gefunden,

wirkliche echte „Indianerpfade“, denen ich folgte. Denn alle Begriffe

von Wegweiser, Farbzeichen, gebauten Wegen und etwa gar Ruhebänken

wären im Felsengebirge eine bare Lächerlichkeit ...!

Als ich wieder auf die „~plaza~“ kam, saß da jetzt die ganze Stadt

unter den belaubten Bäumen versammelt. Wie bunt waren die Kleider der

Mexikanerinnen! Bei den Weisen einer konzertierenden Kapelle saß man,

plauderte, rauchte und sah in die Sonne ... ein genügsames Völkchen!

Trotz ungewöhnlicher Wärme -- es war noch Anfang April -- ging

ich am Nachmittag noch in anderer Richtung hinaus vor die Stadt,

eine +Indianerschule+ zu besuchen, die der Staat zur Ausbildung

und Erziehung tüchtiger indianischer Bürger eingerichtet hat. Die

Schule war eine Art Internat und großes Pensionat, ein umfänglicher

Gebäudekomplex mit Kapelle, Wirtschaftsgebäuden, Werkstätten, Wohn-,

Lehr- und Schlafräumen und großen Spielplätzen. Als ich die Schule

betrat, strömten die Indianerbuben, große und kleine, gerade aus der

Kapelle aus der Sonntagsschule, alle in blauen Uniformen mit blanken

Knöpfen, ihrer Schulkleidung. Dann stürmte alles hinaus aufs ~camp~

zum Spiel. Ich ließ mich zunächst beim Schulleiter, dem sogenannten

„Superintendent“, melden und bat um die Erlaubnis der Besichtigung,

was mir auch freundlichst gewährt wurde. Freilich auf eine lange

Unterhaltung mit mir ließ sich der Herr „Superintendent“ jetzt an

seinem freien Sonntagnachmittag nicht ein, denn er war gerade mit

seinem Freund, dem Arzt der Stadt, übrigens einem Herrn +deutscher+

Abstammung aus Michigan, beim Schachspiel. Das mochte er offenbar nicht

unterbrechen. Er war zwar gemütlich und entgegenkommend, aber ein wenig

unhöflich, indem er vom Schachtisch nicht einmal aufstand, um mir nur

die Hand zu schütteln. Aber ich war es ja vielleicht auch, unangemeldet

Sonntag nachmittag um halb vier Uhr ihm ins Haus zu fallen. Er fragte,

ob ich nicht morgen wiederkommen könnte. Da wollte ich schon in die

1000 ~m~ tiefe Schlucht des Grand Cañon sehen ... Also das ging nicht.

Der Schulsuperintendent klingelte seinem Adjutanten, einem der

Lehrer der Anstalt, einem Mr. G. Der erhielt den Auftrag, mich zu

führen. Was er auch in der allerausführlichsten Weise tat. Mr. G.

war selbst Indianer(!), freilich in europäischer Kleidung wie alle

die Indianerjungen. Schade! Wieviel romantischer hätten sie in ihrer

Nationaltracht ausgesehen! Aber das nennt sich ja „Kultur“, alles

Bodenständige, Individuelle und Originelle möglichst auszurotten

und alles grau in grau zu nivellieren. So werden auch bald die

zivilisierten Indianerjünglinge ihr höchstes Ideal darin sehen,

Strohhut, Kravatte, Blusenhemd, Gürtel und Hosenfalten genau nach

Neuyorker Vorschrift zu tragen ... Mr. G. führte mich durch die weiten

Schlafsäle, in denen die Betten ebenso sauber und ordentlich in Reih

und Glied standen wie in einem deutschen Schulinternat, dann in die

Baderäume mit ihren Duschen. Waschgeschirr im Schlafzimmer kennt ja der

Amerikaner nicht. Hier muß es ein unterhaltendes Schauspiel sein, die

200 munteren braunen kleinen Kerle planschen und spritzen zu sehen.

Dann gingen wir durch die Schulzimmer, wo sie an einzelnen Tischchen

und auf Schemeln sitzen, in die Werkstätten, wo jeder irgendein

Handwerk lernt, in die Anstaltsgärten mit ihren wohlgepflegten Feldern

und Obstplantagen -- welche Freude, diesen südlichen Reichtum zu sehen!

-- und endlich zuletzt in die katholische Kapelle, wo Franziskanerinnen

die Sonntagsschule halten. Der „~disciplinarian~“ -- das war Mr. G.s

offizieller Titel -- machte mich auch aufmerksam auf die Unterschiede

an den Uniformen der Knaben, wer Kapitän, Adjutant, Leutnant u. dgl.

sei. Die Anstalt ist also nach dem Prinzip des amerikanischen ~self

governement~ der Schüler ein sich selbst regierender Schulstaat,

der der Jugend viel Spaß bereitet und mit großem Ernst von ihr bis

zum Schulgerichtshof gehandhabt wird. Zu allerletzt führte mich

Mr. G. in seine eigene Wohnung und stellte mich seiner Frau vor --

einer geborenen Mecklenburgerin! Diese Landsmännin war in Santa Fé,

Neumexiko, schon 18 Jahre mit einem Indianer verheiratet! ...

[Illustration: ~DIE SAN FRANCISCO-BERGE IN ARIZONA~]

Ich verabschiedete mich mit großem Dank von dem „~disciplinarian~“,

ließ mich dem Herrn Superintendenten empfehlen und begab mich noch

hinaus zu dem 20 Minuten abliegenden Spielplatz, wo die Indianerbuben

jetzt ihren Sonntagnachmittagsbaseball spielten. Von fern sahen sie

in ihren blanken Uniformen fast aus wie preußische Kadetten. Aber nun

konnte ich sie auch recht in der Nähe betrachten. Von 10-16 Jahren

waren alle Altersklassen vorhanden. Lauter braune stämmige Bürschchen

und Burschen mit starken Backenknochen, langem schwarzglänzenden

strähnigen Haar und einem leichten Anflug von Kupferröte auf den

braunen Backen! Wie merkwürdig! Da lernen nun die Kinder von

„Adlerfeder“ und „Falkenauge“ usw., einst der Schrecken der Weißen,

Englisch, Geographie und Geschichte, um einmal als Normalamerikaner in

Denver oder Chikago oder wo sonst eine kaufmännische oder staatliche

Stelle zu bekleiden und im Amerikanismus aufzugehen. Der Stammverband

löst sich, ihre Religionen sind gestorben, die Götzenbilder wandern in

die Museen, und der Medizinmann findet keinen Glauben mehr. Der Sinn

für Krieg und Jagd ist dahin; sie sollen „~good citizens~“ werden.

Reklameindianer bieten in ihren bunten Trachten auf den Bahnhöfen der

Santa Fé-Eisenbahn ihre Erzeugnisse, bunte Teppiche und Töpfe, feil

oder führen Nationaltänze in den Bars der großen Hotels auf. So endet

die alte Geschichte der Indianer in der Neuzeit! Freilich die alten

runzligen Weiber in ihren Perlschnüren und die am Feuer kauernden

Männer in ihren bunten Decken sind kein dauerndes Menschheitsideal.

Aber wehmütig war mir es doch, diese Indianerjungen beim Baseball

statt beim Pfeilschießen und Pferdereiten zu sehen ... Im Garten der

Anstalt saßen einige ihrer Väter mit braunen runzligen Gesichtern,

fransenbesetzten Lederhosen und einem turbanartigen Tuch um das

glänzend schwarze, langgeschorene Haar. Ein bißchen heroischer hätte

ich sie mir allerdings vorgestellt ...!

* * * * *

Am Abend zog nach dem heißen Aprilsonntag ein Gewitter auf. Stahlblau

sammelten sich die Wolken an den Bergen. Über den Schneehäuptern

zuckten gelbe Blitze. Sie spiegelten sich in den blendenden Fenstern

des adligen Kapitols, dessen Kuppel aus seinen üppigen Gärten mich zum

Abschied grüßte. Ich erreichte gerade noch vor dem Gewitterregen den

Bahnhof und bestieg wieder den Zug nach Lamy, wo sich heute am Sonntag

Abend am Bahnhof ganze Haufen von Indianern in voller Tracht tummelten.

Es war immer derselbe Eindruck: Tiefbraune Gestalten, schwarze,

langsträhnige Haare, bunte Umschlagetücher und befranste Hosen ... So

erwarteten sie den Kaliforniaexpreß und boten während des Aufenthalts

ihre ohne Tonscheibe geformten und mit der Hand schön bemalten Tonwaren

an.

Es war schon dunkel geworden, und ich war wieder im Schlafwagen. Leider

durchfuhren wir gerade jetzt in dieser Nacht eine sehr interessante

Gegend am breiten und reißenden Rio Grande entlang, der fast doppelt so

lang als der Rhein schließlich sich in den Golf von Mexiko ergießt. Wir

passierten Albuquerque, wo sich die Eisenbahn nach dem Zentrum Mexikos

abzweigt, nach El Paso, Chihuahua und Mexiko ... freilich eine Reise

von hier etwa noch zwei Tage weit. Dürr, eintönig und wenig bewässert

ist rings das Land. Yuccapalmen, oft vielemannshohe Kakteen und

Wermutsträucher sind die einzigen Steppenpflanzen, die hier fortkommen.

An den Berghängen gedeihen Föhren und Zedern ...

Als ich am Morgen erwachte, dehnten sich rechts und links der Bahn

wieder ungeheure Hochwüsten, kahle Felsen warfen scharfe Schatten; die

Luft war ganz trocken und rein. Sonniges Himmelblau spannte sich über

einem rötlich schimmernden Lehmboden. Hier und da sah man halbwilde

Rinderherden, die von Cowboys zu Pferde umstellt und umkreist,

eingefangen und zur Tränke oder zum Transport getrieben wurden.

Herden oft von mehreren hundert bis tausend Stück, ein wimmelndes,

buntbewegtes Schauspiel ...

In Winslow -- wir sind noch immer 1470 ~m~ hoch -- war

„Frühstücksstation“. Ja, wie das wohltut, einmal wieder aus dem

ewigfahrenden Eisenbahnwagen auf 25 Minuten aussteigen zu dürfen,

wieder nach einer durchfahrenen Nacht als Mensch auf dem Erdboden

sich in freier Luft und Sonne zu ergehen und die steifen Beine wieder

bewegen zu können! Alles stürmte aus dem wieder zur Heimat gewordenen

Wagen in den „Speisesaal“ der Station. Zum ersten Male bedienten hier

chinesische Kellner, ein Zeichen, daß wir uns Kalifornien näherten, das

sein Angesicht schon gen Asien wendet. Was man also in Amerika alles

antrifft! Das Bild wurde immer bunter: Neger, Indianer, Chinesen, dazu

die ganze Völkerkarte Europas ...

Wohlgestärkt fahren wir wieder ab. Mit zehn Pullmanns und zwei

Maschinen fauchen wir über die Hochebene. Nach etwa zweistündiger Fahrt

stoppt der Zug auf ein Flaggensignal mitten in der Wüste. Was ist los?

Ein Unglück? Sind wir an einer Station? Bahnwärter oder Bahnbeamte

u. dgl. sind nirgends sichtbar. Ein paar braune Gestalten kauern unter

einem Schuppen. Ein einziger Passagier „steigt“ tatsächlich „aus“,

d. h. er springt mit einem mächtigen Satz von dem sehr hohen Trittbrett

auf das freie Feld der Wüste. Sein Gepäck wirft man ihm kurzerhand

nach! Er dankt und winkt. Der Zug fährt weiter. Ob die braunen

Gestalten ihn erwartet haben? So sehen also zum Teil „Stationen“ des

Kaliforniaexpreß auf der Grenze von Neumexiko und Arizona aus! Hier

kann man sich denken, wie leicht es unter Umständen sein muß, Schienen

aufzureißen und Züge zum Halten zu bringen ...

Auf über 60 ~m~ hoher Brücke setzen wir über den berüchtigten „Diablo

Cañon“. Hier haben sich einst blutige Kämpfe mit den Apachen-Indianern

abgespielt. Am Horizont tauchen aufs neue hohe dunkelblaue Bergketten

auf. Heiß steht die Halbmittagssonne über den sandigen Hügeln. Die

kupfernen Drähte längs der Bahn blinken im hellen Sonnenlicht. In

der Ferne erheben sich die kraterartigen Gipfel höher und höher; es

sind die sogenannten „San Franzisko Mountains“, die aber von der

gleichnamigen Stadt noch über 1000 ~km~ Luftlinie entfernt sind! Welch

einen malerischen Kontrast bilden die gelbe unfruchtbare Wüste und

das Tiefblau der Berge! Die Wasserscheide zum Stillen Ozean haben

wir überschritten. Der Rio Grande war der letzte Fluß, der noch den

Atlantischen Ozean im mexikanischen Golf erreicht. Inzwischen sind

wir politisch auch schon in den Staat „Arizona“ eingetreten, der

halb so groß wie das Deutsche Reich, doch nur wenig mehr als 100000

Einwohner zählt. Denn gut ein Drittel von ihm ist Wüste und ein Drittel

Hochgebirge. Gemütlich liege ich im ~reclining-chair~ und schaue mir

unverwandt auch diese neue Welt rings um mich an. Es war schön, so

gemächlich durch Wüste, Wildnis und Hochgebirge gefahren zu werden.

Man kann auch einmal auf ein Halbstündchen die Augen schließen und

ein Schläfchen halten -- und versäumt dabei doch nichts Wichtiges.

Denn die Szenerie ändert sich sehr langsam, manchmal auf einen halben

Tag nicht. Jetzt sieht man draußen eine Zeitlang nur mächtige

wilde Lebensbäume als das einzige, das die großartige Monotonie der

Hochsteppe unterbricht. Das Leben im Zug ist inzwischen wieder wie das

einer Familie geworden. Man kennt sich allmählich gut. Kinder tollen

in den Gängen. Man tauscht Leid und Freud miteinander aus. Ab und

zu tut man mehr aus Langeweile als aus Bedürfnis einen Gang zu dem

Eiswasserfaß am Ende des Wagens. Schließlich wird man auch dazu zu

träge. Der „~trainboy~“ bietet unaufhörlich Postkarten und Obst an. Es

ist alles im Zuge vorhanden. Nur neueste Zeitungen fehlen; denn die aus

Los Angeles oder Denver sind schon zu alt und ausgelesen. Aber etwa,

während man durch Arizona fährt -- vielleicht nie wieder im Leben! --

irgendwelche Romane, es sei denn der berühmte Indianerroman „Ramona“,

oder sonst wissenbereichernde ~magazines~ zu lesen, hielte ich in

solcher Umgebung für ein Reiseverbrechen.

Auf einmal setzte wieder dichterer Baumbestand ein, je mehr wir uns den

majestätischen San Franzisko-Mountains nähern. Aber wie hat man auch

hier mit den Baumbeständen gewüstet! Man gab sich in Amerika ja nicht

immer die Mühe, regelrecht zu fällen und zu roden. Man brannte die

Wälder einfach nieder, um anbaufähiges Land zu gewinnen, ein Verfahren,

das vielleicht bei uns in und nach der Zeit der Völkerwanderung geübt

wurde. Ganze Reihen halbverkohlter, an- und ausgebrannter Baumstümpfe

bleiben einfach stehen und liegen, so daß die Wälder schauerlichen

Ruinenstätten gleichen. Teilweise aber sind die Baumruinen auch

furchtbare Zeugen ungeheurer Waldbrände, deren es in der Union

an 300000 im Jahre geben soll. Zu ihrer Auffindung verwendet man

neuerdings staatliche Forstbeamte mit Flugzeugen, die eine Beobachtung

auf große Entfernungen gestatten. Nun möchte man dem völligen Untergang

der riesigen Waldungen des riesigen Landes doch nach Kräften wehren ...

„Flagstaff“! Nach etwa 100 ~km~ Fahrt von Winslow halten wir wieder

einmal. Es ist halb zwölf Uhr mittags. Die herrlichste kühle Bergluft

strömt zu den geöffneten Fenstern herein. Wir sind jetzt dicht

unter den imposanten, mit Neuschnee halb herunter bedeckten San

Franzisko-Bergen. Die herrlichste Alpenlandschaft wie ein Berner

Oberland breitet sich vor uns aus! Indianer hocken um ein Feuer

gruppenweise in der Nähe der Station auf dem Waldboden. Einige weidende

Pferde um sie herum. Auf dem Bahnsteig treffe ich auch einen deutschen

Schlächter. Seine Eltern wohnen in Neuyork. Er ging „nach Westen“. Die

erste Frage, die übrigens der Biedermann an mich, den Stammesgenossen,

richtete, war: „Ob in Deutschland die Züge auch so schnell fahren und

so fein sind?“ Ich habe gleich Ja gesagt. Da schaute er mich spöttisch

und verächtlich an. Denn auch ihm ging schon nichts über Amerika. Es

war gut, daß man wieder einsteigen mußte. An den hohen Bergketten

selbst bauten sich reizende Holzhäuser im Stil der Schweizerhäuschen

empor. Wie kühl, frisch, rein war hier alles! Von den Bergen, auf deren

einem sich das Lowell-Observatorium befindet, wehte frische Schneeluft

herab. Hier müßte man bleiben können! Eine idealere „Sommerfrische“ als

hier, Tausende von Kilometern von aller Kultur entfernt, könnte ich mir

kaum denken. Indianer als Bahnarbeiter schleppten mächtige Balken zum

Verladen herbei. Der Holzhandel blüht ...

Nach weiteren 35 Meilen Fahrt sind wir am frühen Nachmittag in

„Williams“, der Umsteigestation nach dem „+Großen Cañon des

Colorado River+“, meinem nächsten Ziel, das an Großartigkeit noch

die Niagarafälle übertreffen sollte. Williams ist ein kleiner Ort,

dessen Bedeutung der Viehtransport und -handel ebenso ausmacht wie

der Transport der Reisenden nach dem einzigartigen Naturschauspiel

Amerikas ... Von Williams aber hatten wir nach der Grand-Cañon-Station

noch einmal beinahe drei Stunden auf einer Nebenlinie zu fahren,

obwohl es nur als ein „kleiner Abstecher“ von der Hauptlinie angesehen

wird. Täglich geht ein Zug im Anschluß an den Kaliforniaexpreß hin

und her. Die Kleinbahn fuhr langsamer als der Expreß über das weite

Koloradohochplateau, aber auch sie war recht komfortabel eingerichtet.

Drei Stunden lang durchfuhren wir dieselbe Gegend! Die San

Franzisko-Berge, durch die man früher den Weg zum Grand Cañon nahm,

blieben hinter uns. Kahle grasige Hochebene war jetzt das einzige.

Echte Gebirgssteppe rechts und links, bevölkert hier und da nur von

nach Tausenden zählenden Schafherden. Ein wenig war sie unserer wenn

auch tiefgelegenen Lüneburger Heide vergleichbar, aber im ganzen viel

öder, einsamer und unbewohnter.

Unterwegs an Station Willaha halten wir länger, damit die Reisenden in

der Nähe sich die gerade statthabende Schafschur, die hier maschinell

im Großbetrieb erfolgt, ansehen können. Etwa 5000 Schafe sind im

Pferch. Eins nach dem anderen wird wenig sanft gepackt, zu Boden

gedrückt, zwischen die Beine eines starken Mannes geklemmt und die

Schermaschine rasch über seinen Pelz weggeführt. Abgezogen wie eine

Rübe oder Kartoffel und oft aus vielen Schnittwunden blutend wird das

Tier dann nach wenigen Sekunden entlassen, um anderen Platz zu machen.

Aber mit der sprichwörtlichen Lammesgeduld, ohne auch nur einen Laut

von sich zu geben, ließen die Tiere alles über sich ergehen ...

Ein andermal halten wir bei einem kleinen, auf einem Stab angebrachten

Blechbriefkasten. „~U. S. mail~“ steht da. Sonst ist nichts weit

und breit zu sehen. Alles schaut aus dem Fenster dem interessanten

Schauspiel zu, das hier in der Wüste als wichtige Unterbrechung der

Fahrt vor sich geht. Die kleine Postblechbüchse wird nämlich geöffnet

und „geleert“! Und aus dem Zug werden einem herbeisprengenden Reiter

zwei Postkarten und einige Zeitungen übergeben. Mit diesen sprengt er

auf seinem dürren Gaul und in seinen schafpelzigen Hosen in die Steppe

zurück und verschwindet im Busch. Post für die Cowboys! Ich denke an

den Postverkehr der Millionenstädte. Welche ungeheuerlichen Gegensätze

in demselben Lande!

Draußen liegen einige trockene, wurzellos vom Sturm geknickte Föhren.

Sie faulen und verwittern. Vor Jahrtausenden sind sie versteinert und

heute zum Teil noch in allen Farben schillernd nach Form und Gestalt

erhalten. Ganze Wälder von Lebensbäumen treten auf. Die Vegetation

belebt sich. Ach könnte man bei den Cowboys einmal im Zelt schlafen

und mit ihnen reiten oder auf die San Franzisko-Berge steigen bis

an den Schnee! Im Zug preist der Hotelportier der großen Cañonhotels

immer aufdringlicher ihre unvergleichliche Unterkunft an, Wagenfahrten,

Reittiere, Indianertänze, Zeltreisen und wer weiß nicht was ... Wir

nähern uns also unserem Ziel.

* * * * *

Wir halten! „Grand Cañon-Station!“ Nur wenige Schritte, und wie beim

Niagara wird eins der größten Naturwunder der Erde sich vor mir auftun

...! Zuvor aber bestelle ich mir im Hotel „~Bright angel~“ ein Zimmer

und lege mein Gepäck ab. Dann will ich in aller Muße und Ruhe das

grandiose Naturschauspiel von hier oben genießen. Der Hotelportier

ist zur Abwechslung -- ein Schweizer! Ein prächtiger, urwüchsiger,

unverdorbener Bursche, der seinen volksechten Dialekt unter den

englischen Brocken noch nicht verlernt hat. Der Wirt war leider ein

etwas allzutypischer, sehr wohlbeleibter, damals oft dem Gläschen

am Büfett zusprechender Deutscher, der hier schon recht treffliche

Geschäfte gemacht hat. Freilich ist der „~Bright angel~“ nicht der

einzige, aber älteste und verhältnismäßig preiswerteste Gasthof, was

bei mir neben den Naturschönheiten immer etwas mit ins Gewicht fiel ...

Und dann trat ich an den Rand des Cañon! Er übertraf wirklich

alle Erwartungen! Man stand einen Augenblick wie starr vor dieser

märchenhaft-titanischen Naturszenerie, die sich da auftat. Ich war

noch nie von einem Naturschauspiel so wahrhaft im buchstäblichen

Sinne überwältigt wie hier. Selbst der Niagara -- unvergleichlich

in seiner Art -- tauchte daneben auf eine Weile in den Schatten der

Erinnerungen. Ich war in den Alpen gewesen, im Berner Oberland vor der

Jungfrau, im Allgäu, in Tirol, im Stubaier, im Ortlergebiet. Aber hier

übertrafen die Ausmaße und die grandiose Wucht des Ganzen alles bisher

Geschaute. Das konnten gleichsam nur götterhafte Riesen der Vorzeit

aufeinandergetürmt haben. So empfand man. Ich stand und schaute ... Wie

klein war man dieser Urwelt gegenüber! ... Was ist der Mensch, diese

Eintagsfliege auf seinem uralten und urmächtigen Planeten ...?

Eine wahrhaft ungeheuerliche mit Felstürmen, Plattformen, Nebencañons

in allen Farben vom Violett und vollem Rot bis zum satten Dunkelgrün,

Gelb und Weiß des Jurakalks schimmernde, unfaßlich weite, nach unten

in gewaltigen Terrassen sich stark verengende Riesenschlucht tat sich

auf. Mehr einem steinernen Zaubergarten, in dem sich heimlich Riesen

ergehen, oder verwunschenen Riesenschlössern vorweltlicher Titanen und

Götter mit Zacken, Zinnen und Türmen vergleichbar denn einem Felsental

eines einzigen Stromes, das er in Jahrhunderttausenden ausgewaschen und

eingefurcht hat.

Oben steht man auf einem völlig flachen und platten, etwa 2000 ~m~

über Seehöhe befindlichen Steppenplateau, nur von winddurchwehten,

niedrigen, knorrigen Föhren bewachsen, die sich da und dort zu

Wäldern verdichten, und dann stürzt es dicht vor einem hinunter in

wahrhaft gigantischen Stockwerken von jedesmal mehreren 100 ~m~ bis

zur Fußsohle, die wieder in einer besonders scharf eingeschnittenen

Felsenschlucht anderthalbtausend Meter unsichtbar unter dem Beschauer

in der Tiefe des Cañons liegt. Gerade weil der Urheber des Cañons,

der Koloradofluß, der in den kalifornischen Golf sich ergießt,

völlig unsichtbar bleibt und doch wie Hephästus ständig in der Tiefe

arbeitet, rauscht und braust, schafft und weiter sich einfrißt und an

der Schlucht in alle Ewigkeit bohrt; wirkt das Ganze noch mystischer

und unfaßlicher ... Mitten aber in den steinernen gigantischen

Felsenöden erblickt man auf einmal bei schärferem Zusehen etwa 800

~m~ tief unten eine kleine grüne Oase mit einem menschlichen Haus

-- eine zerbrechliche Menschenhütte in der Welt der Titanen! -- das

sogenannte „~halfway-house~“ (Halbweg-Haus) in der Hälfte des Abstiegs

zum Koloradofluß. Man kann zu Fuß und auf Maultieren auf sehr steilem

steinigen Zickzackpfad in die schaurige Tiefe hinabgelangen ...

Ich konnte mich von diesem riesenhaften Anblick nicht so bald trennen.

Ich liebe es immer, auf hohen Bergen, an besonders großartigen Punkten

der Natur auf Erden stundenlang allein zu weilen, um die großen,

erhabenen Eindrücke und das feierliche Schweigen der immer grandiosen

Natur in mich recht hineinzusaugen. Das ist mir dann Lohn genug für

alle Anstrengungen, Mühen und Ausgaben der Fahrt. So lag ich schon

als Vierzehn- und Fünfzehnjähriger stundenlang auf den Höhen des

Schwarzwaldes, etwa dem Hochfirst über dem Titisee oder dem Feldberg

über dem Feldsee oder auf dem Sulzer Belchen oder Donon in den Vogesen,

als noch niemand daran dachte, sie könnten je wieder französisch

werden, und sog die ungeheuren Ausblicke über die Rheinebene, die

Gipfelwelt des Wasgaus, den Anblick der vielen kleinen Dörfer und

Städte in mich hinein. Wie in einem Tempel geweiht trat man dann den

Abstieg und Heimweg an. Es war die Seele gleichsam auf Jahre hinaus

geweitet. Alles menschliche Gezänke und Gejage erschien da oben so

erbärmlich! Man war eigentlich grundsätzlich von ihm erlöst. Streit

um Mode und Meinung, um Richtung und Partei zerfloß vor solchen

Erlebnissen wie eine Lächerlichkeit. Es war etwas vom Geiste des

Universums in das Individuum geströmt und hatte es frei gemacht. Wie

kindisch erschienen nach solchen Eindrücken auf hohen Bergen die

Menschen in den großen Städten, die den Hals so lang recken und den

Kopf so hoch tragen, da einer auf den anderen herabsieht, weil der eine

einen anderen Rock trägt als der andere oder dieser einen geringeren

Beruf hat als jener. O über die erbärmlichen und kleinlichen Menschen!

Stunden der inneren Erlösung werden am Rande des Cañon geschenkt --

wenn nur nicht zwei Minuten hinter mir sich schon die „Kultur“ in

Gestalt der Gasthöfe erhoben hätte samt den typischen Reisenden mit

ihrem unnützen Geplauder und Gewäsche. Auf den Bänken am Rande des

Cañon müßte etwa angeschrieben stehen: „Alles laute und oberflächliche

Schwatzen und Lachen ist angesichts der großen Natur strengstens

untersagt.“ Ich saß da, bis es dunkelte, und konnte mich nicht satt

sehen. O das wunderbare Rot! Dieses strahlende Feuer des Gesteins um

die Zeit des Sonnenuntergangs! Diese Riesenbauten, immer aufs neue

großartig in ihrer schweigsamen Pracht! Letzte Sonnenstrahlen ließen

jede Wand, jeden Sandfleck noch einmal rot, blau, violett, tiefgelb

erstrahlen. Das Farbenspiel an den Wänden des Cañon war fast ebenso

wundersam wie seine Größe. Dazu der Kontrast der obersten weißen

Juraformation mit den roten und braunen Gesteinsbändern. Hier versagen

alle Beschreibungen. Wie ein aufgeschlagenes lebendiges Museum hat

hier die Erdoberfläche alle ihre geologischen Geheimnisse enthüllt und

ihr Inneres offen und furchtlos aufgedeckt. Man sah wie die letzten

Sonnenstrahlen langsam aufwärts glitten. Was für Gründe und Schlünde!

Wände wie flüssiges Feuer! Jetzt wurde die rote Schlucht von der

Abendsonne nicht mehr erreicht. Aber der gelblichweiße Kalk leuchtete

noch lange! Langsam erstarben auch diese Lichter. Der Abend kam. Die

kühnen Riesenschlösser verdunkelten ...

Aus dem nahen Föhrenwald ritt eine Gruppe Indianer heraus. Eine

bessere Staffage konnte ich mir zuletzt gar nicht wünschen. Unter

ihnen ein Bursche mit zwei feuerroten Pferden, als seien sie dem Cañon

entstiegen. Jetzt halten sie am Rande der Riesenschlucht. Auch für sie

scheint er, obwohl gewohnt, ein immer neues unfaßliches Schauspiel.

Quer durch Amerika · 第 8 / 12 题