Nach den Professoren ein Wort über die +Studenten+ und ihr geselliges

Leben: Sehr viel Anregung bot mir der schon erwähnte „~cosmopolitan

Club~“. Ich verkenne nicht den Wert und das Erbgut der Nation und

habe mich erst recht drüben mit Stolz als Deutscher gefühlt und

Deutschlands Wert trotz allem in der Welt erfahren, aber doch

habe ich immer auch einen starken Zug in die Welt verspürt, mich

auch als „Mensch“ denn nur als Angehöriger einer festumgrenzten

Volksindividualität zu fühlen und mich mit Angehörigen auch einer

recht fernen Rasse in allem Menschlichen einig empfunden, ob es der

Negerstudent Mac Sterling war, der mich auch in sein Logis lud, oder

Freund Ashida, mein japanischer Studiengenosse, oder etliche Griechen,

Armenier oder Siamesen und was sonst alles in Harvard auftauchte.

Mehr Berührung mit einzelnen Angehörigen fremder Völker und die Lust

zu neuen furchtbaren Kriegen wird in der Menschheit sich mindern!

Im ~cosmopolitan Club~ sprachen die interessantesten Redner: Erst

der deutsche Historiker, dann war Präsident Eliot angezeigt, danach

ein belgischer Konsul über den Kongostaat und seine „rechtmäßige“

Erwerbung, danach ein Spanier von Geburt, Professor Santyana über

die zwei Hauptweltströmungen, die klerikal-monarchisch-konservative

und sozialistisch-freimaurerisch-revolutionäre. Darauf „talkte“ ein

juristischer Harvardprofessor, der damals so etwas wie Justizminister

des Königs von Siam war, über seinen gütigen Herrscher, dessen Bild im

Klubraum hing, schließlich der bekannte Franzose Professor Boutroux,

Präsident des „~institute de France~“ über den Philosophen Pascal, und

zuletzt fand eine Vorlesung eines japanischen Universitätspräsidenten

der kaiserlichen Universität in Kyoto statt. Er erschien mit all seinen

japanischen Orden. Also wahrhaftig eine respektable Galerie seltener

Köpfe! Andere Redner sprachen über die herrliche Hawai-Inselgruppe mit

Lichtbildern, ein zweiter über Wanderungen und Bärjagden in Alaska, so

daß mein wanderlustiges Herz im Anblick dieser herrlichen, einsamen,

fast noch nie betretenen Gegenden fast zersprang. Daß auch ich bald

noch recht weit fortreisen mußte, das stand mir seit jenem Abend

ganz fest! Gletscher, Schneewanderung, Zeltleben mit Eskimos und

Indianern, Fahrten in der einsamen Bai, Bärschießen und -abhäuten,

Kahnbau und Pelzfabrizieren -- da wäre ich gern einmal dabei gewesen!

Freund Moore stellte mir an jenem Abend noch allerlei Griechen vor,

und sie nahmen mich mit in ein echt griechisches Restaurant in Boston,

ein sogenanntes „Xenodocheion“. Ein andermal war sogenannter „~ladies

tea~“, den Mrs. M. in hohem lila wallenden Federhut präsidierte,

danach ein sogenannter „Nationalitätenabend“. Bei dem ersteren wurden

uns allerlei graziöse Bostoner Schönheiten vorgestellt, darunter

eine Ms. St., Freund R.s ganzer Schwarm, gekleidet, gepflegt und in

Haltung wie eine tadellose Schaufensterpuppe in wundervollem Kostüm,

dessen Farbe ich über ihren kirschroten Lippen, ihren wohlgepflegten

blendendweißen Zähnen und ihren schmalen feinen Händen, die gewiß

noch nie Kochtopf oder Scheuerlappen angefaßt hatten, nicht behalten

habe. Aber ob ich sie hätte haben mögen? Die Amerikaner lieben es

zwar, an Frau und Gattin nur eine Schönheit, ein Spielzeug, eine

heitere und lebensgewandte plaudernde Gesellschafterin zu haben, --

man sehe sich die entspr. Typen in den ~magazines~ an! -- die keine

Kinder bekommt und ihre Hausfrauenpflichten anderen überläßt, galante

„~receptions~“ hält, das Auto lenkt, öffentlich redet und angestaunt

wird. Da war mir aber doch die kleine schlichte Hobokenerin aus Baden

bei ihrem Onkel am Küchenherd tausendmal lieber ... An dem anderen, dem

„Nationalitätenabend“, war der Klubraum mit den Flaggen aller Völker

sinnvoll und malerisch drapiert. Brüderlich hing die unsere neben der

Trikolore, dem Union Jack und dem Sternenbanner. Jede Nationalität

hatte nun einen Toast in ihrer Landessprache auszubringen und eine

nationale Eigenheit ernst oder humorvoll den Anwesenden vorzuführen.

Germany wurde zuerst aufgerufen! Es sprach für Deutschland ein

ehemaliger deutscher Korpsstudent mit tüchtigen Schmissen auf der Backe

-- so recht etwas für amerikanische Herzen! -- und sang die „Wacht

am Rhein“, die viele Amerikaner begeistert mitsangen! Dann kamen

Frankreich, Spanien, Brasilien, Griechenland, Indien, China, Japan

und Rußland an die Reihe. Welch ein interessantes Ragout gab es da zu

hören und zu sehen: Japanische Tänze, chinesische Lieder in einer für

unser Ohr merkwürdig unmusikalischen Art, russische Bauerngesänge, ein

~Hindu-farewell~-Lied und ein japanisches Gaukelspiel. Ein spanischer

Student führte zuletzt naturgetreu eine Prügelstrafe aus einer

spanischen Dorfschule vor zum großen Gelächter der Amerikaner, die

körperliche Strafen im Schulleben nicht kennen!

Auch ein „deutscher Abend“ des „Deutschen Vereins“ fand statt.

In dem geräumigen Festsaal der Harvard-Union war eine große

Hufeisentafel aufgestellt -- in Amerika kennt man sonst nur Klubtische

oder Einzelsitze -- um eine deutsch-studentische „Kneiptafel“

vorzuführen. Rings an den Wänden lagen in großen Glasschränken die

siegreichen Fußbälle aufbewahrt, mit Datum versehen, mit denen die

Universitätsmannschaften in großen Wettkämpfen im Stadium gesiegt

hatten. Wie Totenschädel lagen sie da in Reih und Glied und schauten

verwundert auf das, was im Saale nun anhub. Nun wurde -- in dem

„trockenen“ Cambridge -- ein Faß deutsches Bier aufgelegt und

angesteckt, Neger servierten dabei, und die deutsche „Kneipe“ begann!

Auf diese Weise wurde wieder einmal in den amerikanischen Studenten die

Überzeugung befestigt, daß Deutscher und Biertrinker ungefähr dasselbe

ist. Wie oft bin ich selbst drüben gefragt worden, ob ich denn nicht

„mein Bier“ vermißte, während mir die in Memorialhall zu Lunch und

Dinner allgemein viel getrunkene Milch viel besser bekam und mundete.

Aber auch mancher +einzelne Student+ ist mir in der liebenswürdigsten

Weise nahegetreten. Wie oft hat mich mein Freund Arthur E. W. zum

schönen „~fresh-pond~“ begleitet, einem äußerst idyllisch gelegenen

Teich mit reizendem Ausblick auf die Landstädtchen Arlington und

Waverly. Wie manchmal saßen wir dort unter den dunkelen Bäumen,

während ein leichter Wind die Wellen des kleinen Sees kräuselte,

freundschaftlich auf einer Bank zusammen. Er lehrte mich Miltons

„~paradise lost~“[19] verstehen, ich dolmetschte ihm Goethes Faust,

so gut es ging. Wie schwer war es, dieses urdeutsche Ideenwerk

englisch verständlich zu machen! Wie mütterlich nahm sich meiner das

Studentenehepaar M. an. Er +und+ sie studierten, und zwar +beide+ auf

den philosophischen Doktor hin. Aber sie war noch klüger als er! Er kam

schon aus praktischer Arbeit und wollte sich nur auf der Universität

noch weiterbilden. Echt amerikanisch, da man eine Weile arbeitet und

verdient und dann wieder studiert. Ebenso echt amerikanisch, daß die

Frau mit dem Mann studierte! Daneben aber versorgte Frau M. noch

ausgezeichnet ihre kleine Küche in dem kleinen sauberen Logis, das sie

bewohnten, und wußte dann und wann noch mit einem freundlichen Mahl mir

aufzuwarten. Manchmal dachte ich es mir freilich ein bißchen peinlich

für den Mann, wenn die Frau bessere Abschlußzensuren heimbringt als er

selbst! Aber der Amerikaner ist an die Superiorität der Frau gewöhnt.

Wie gastfreundlich wurde ich in jenem kleinen und reizend gelegenen

Landstädtchen Littleton in Massachusetts aufgenommen, da mich einer der

Mitbewohner unserer Hall, Mr. Joseph H., einführte auf den Landsitz

seiner Mutter und seiner Brüder! Wie vornehm und weitläufig war dort

alles! Park, Tennisplätze, Veranden -- und dazu die köstliche Landluft!

Welch eine Stille hier nach dem immer noch recht belebten Boston

und Cambridge. Freund H. war damals gerade der Vater, Inhaber einer

größeren Gestühlfabrik, gestorben. Sofort brach der Sohn pietätvoll

sein Studium ab und erfüllte den letzten Wunsch des Heimgegangenen,

das väterliche Geschäft zu übernehmen. Bei dem ebenfalls verheirateten

Mr. C. und seiner liebenswürdigen Gattin sah ich mich zum ersten

Male genötigt, mit einem sechsjährigen Kinde englisch zu reden, das

sich nicht denken konnte, daß es Leute gebe, die nicht von Geburt

an englisch redeten! Ob ich immer die Worte für das wußte, wofür es

sich gerade interessierte, das kümmerte es nicht. Es fühlte sich auf

meinem Schoße trotzdem wohl. Ein sonst delikates Huhn reichte hier

nach amerikanischer Einteilung für -- sieben Personen! Zur Erledigung

dieser Portionen war ich, da es eine Abendmahlzeit war, ahnungslos im

Frack erschienen. Aber wieder einmal falsch, denn es sollte ein ganz

informelles studentisches Essen sein; und ich hatte die Gastgeberin

ehren wollen, und saß nun als einziger den ganzen Abend in steifster

Toilette! Was mag die Hausfrau -- übrigens auch Studentin -- für

einen Schrecken bekommen haben, als sie mich in meinem ~dinner-dress~

erblickte!

Ja überhaupt dieser „~full dress~“ -- bis man das richtig heraus

hatte, wo er angebracht war und wo nicht! Ich hatte schon einmal vor,

eine Humoreske zu verfassen, betitelt „Die Geschichte meines Fracks“.

Lieber Leser, höre, ich habe es fast immer falsch gemacht! Nur vor den

allergrößten Dummheiten ~in puncto~ „Frack“ haben mich wohlmeinende

Freunde glücklich bewahrt. Bei Professor L. war ich z. B. Sonntags

mittags eingeladen gewesen -- und kam natürlich +abends+ sechs Uhr,

weil ich annahm, jedes ~dinner~ sei abends sechs Uhr; aber Sonntags

ißt man es gerade mittags! Dazu erschien ich natürlich abends im

Frack, während man Sonntags gerade im Gehrock kommt, da man annimmt,

daß man am Vormittag den Gottesdienst besucht hat. Schwarzer Rock ist

aber der Kirchenrock, dazu gehört graugestreifte Hose und hoher Hut

mit etwa braunen Glacés. So hatte ich es einmal bei Professor James

Sonntags mittags gefunden und gedacht: Sieh, wie unformell benimmt

sich der wahrhaft große Mann! Da sieht man es, dachte ich, wie sich

der Philosoph über Sitte und Mode hinwegsetzt; und dabei hatte er sie

gerade peinlichst eingehalten! Und ich war es, der es wieder falsch

gemacht! Also merke, lieber Leser: Wochentags vor 6 Uhr macht man

Besuche im „~Prince-Albert~“, nach sechs Uhr nur in „~full dress~“

oder, wenn inoffiziell, im „~smoking~“. Sonntags aber ist es ganz

anders. Da ist das ~dinner~ um 2 Uhr und der Anzug Gehrock. Bei dem

Dekan machte ich am ersten Tage gar Besuch im Kollegröcklein, wie

mir mein Freund W. geraten -- und sicher war das als offizieller

Antrittsbesuch auch wieder falsch gewesen. Auch fiel mir auf, daß ich

bei den amerikanischen Damen wenig Eroberungen zu machen schien --

nur die Ende 60er stehende Gattin des trefflichen Predigers Rev. G.

bemühte sich sehr um mich! Mein in solchen Dingen äußerst bewanderter

Freund R., der Philologe und Anwärter des ~A. M.~, hat es mir erklärt:

Herren mit Schnurr- oder gar einem Vollbart seien bei Amerikanerinnen

von vornherein unmöglich! Zu spät sah ich tiefbetrübt ein, was ich

mir hatte entgehen lassen! Gar manches Brieflein von ehemaligen

amerikanischen Studienfreunden erreichte mich später noch, doch nie

ein rosa Billetchen von zarter Hand! Nur die Sekretärin der Fakultät,

der ich durch meinen erworbenen Universitätsgrad angehörte, sendet

mir unentwegt alle Prospekte und Einladungen zu Harvard-Banketts und

Vorträgen -- meist, wenn sie schon vorüber sind. Aber so will es ihre

+amtliche+ Pflicht!

Unter den vielen Einladenden war eines Tages auch der brave Hausmann

unserer Hall, Mr. M. Ich stieg an dem betreffenden Abend freundlich

zu ihm in seine Souterrainwohnung hinab. Denn ich war immer sozial

gesinnt. Amerikanische Arbeiter verdienen im allgemeinen mehr und

leben besser als die deutschen. Schon vor dem Krieg unterschied sich

der Arbeiter drüben in Kleidung und äußerem Gebaren fast in nichts

von dem bessergestellten Bürger. Und siehe, bei Mr. M. war es auch

recht gemütlich. Hübsche Möbel, dazu ein Schrank voller Bücher! Das

gehörte notwendig zum Inventar eines Universitätshausmanns. Seine Frau

war übrigens eine geborene Schwedin aus Stockholm! Auch bei ihm gab

es Früchte, Cakes und Tee und ~ice-cream~ wie bei einer offiziellen

„Rezeption“, wenn auch ohne Diener und weiße Handschuhe. -- -- --

In wie schöner Erinnerung stehen mir +die Ausflüge+ mit den

amerikanischen Freunden an so manchem sonnigverträumten Tag des

„~indian summer~“. Es war immer aufs neue reizend, an den ländlichen

Seen zu sitzen. Die Möwen wiegten sich auf dem blauen See. Im

Sonnendunst grüßten die ~Arlington Heights~ herüber ...

Wie wiegen die Möwen sich leicht auf der Flut

Und tauchen und netzen den Flügel!

Wie ein mildes himmlisches Auge ruht

Der blaue See unterm Hügel.

Warm scheint die Sonne aufs südliche Feld --

Ein Traumduft webt durch die Lande!

Vielleicht stand einst hier Indianergezelt

An schimmerndem Wasserrande.

Hier fischt’ er und rudert’ im leichten Boot

Die wellende Flut zum Gestade;

Hier labt’ er die Glieder so braun und rot

Im freien, erquickenden Bade.

Hier hallte einst Kriegsruf und Mördergeschrei,

Als die Weißen kamen und siegten,

Jetzt ruht der Himmel friedlich und frei,

Wo seit alters die Möwen sich wiegten ...

Wie oft pilgerte ich auch allein die Massachussets-Avenue nach

+Arlington+ hinaus. Nach über einstündiger Wanderung auf der Landstraße

stieg ich links die Höhen hinauf. Pfad- und weglos -- Amerika kennt

kaum Fußwege -- strich ich über die mit hübschen Landhäusern übersäten

Hügel. Von oben ergoß sich ein herrlicher Blick über die parkartigen

und waldigen Höhen und Talgründe mit ihren vielen kleinen blauen

Teichen. In der Ferne lag das rauchende Boston mit seiner weithin

leuchtenden vergoldeten Kapitolskuppel. Oder ich stieg rechts empor

und war bald -- nur eine Stunde weg von der Millionenstadt! --

zwischen Steinen, Dornen, zerfallenen Bäumen und verlassenen Feldern

in einem wahren Urwalde, wo vor Gestrüpp und Buschwerk fast gar

nicht weiterzukommen war, und hatte Mühe, wieder einen Weg durch das

prächtige Herbstlaub an den Farmhäusern einfacher Leute vorüber, wo

Kühe weideten und Kinder spielten, nach der Landstraße zu finden ...

Fast noch prächtiger aber war es weiter nördlich in den sog. ~Middlesex

fells~, einem herrlichen Naturpark mit wundervollem Aussichtsturm

jenseits Medford und des Mystic River. Ich hatte wohl noch nie in

meinem Leben solch prächtige Herbstfärbungen gesehen. Dazu das tiefe,

glühende Rot des Laubes im Unterholz! Welcher Blick bot sich von oben

bis nach dem Dichtersitz Concord, nach Cambridge und zum Meer! Und

allerwärts eine Fülle der malerischen Landhäuser. Auch Amerikaner haben

Natursinn! Nur ist nicht jedem vergönnt, hier draußen zu wohnen. Im

ganzen scheint mir drüben der Wohlstand und der Wohnungskomfort höher

zu sein als bei uns. Auch der kleine Mann hat hier sein eigen Häuschen

und Garten und vor allem seinen „~bathroom~“[20], denn Waschtische sind

in den Schlafräumen unbekannt. Die ~bathrooms~ haben nur den Nachteil,

daß ein Familienmitglied beim Ankleiden auf das andere oft recht lange

warten muß. Bei Damen kann das eine Stunde währen, bis der ~bathroom~

wieder frei wird! Und da er zugleich auch noch anderen Zwecken

dient, ist die Polonäse vor dem ~bathroom~ oft recht ergötzlich bzw.

hochpeinlich ...!

Je mehr ich Bostons und Cambridges Umgebung kennenlernte, um so mehr

erschien sie mir wie eine ungeheure, wenn auch regellose Villenkolonie.

Welch ein Kulturfortschritt! Heil den Glücklichen, die da draußen

wohnen dürfen! Wie voll sind aber auch die Abendzüge dort hinaus! Wie

stehen, hängen, hocken sie in fröhlicher Seelengeduld, sich stets ins

Unvermeidliche schickend, auf Plattformen und Trittbrettern, Zustände,

bei denen es dem biederen Deutschen graute oder er nur zu schimpfen

wüßte. Auf den vollbesetzten Straßenbahnen sah ich die Fahrgäste

manchmal nur noch mit zwei Fingern an einer Längsstange angeklammert,

in vollbesetzten Lokalzügen womöglich vorn auf der Lokomotive hängen

oder stehen!

Auch längs der Ozeanküste und der weiträumigen Bostonbai dehnten wir

unsere Exkursionen aus. So ging es einmal mit der Beachbahn nach dem

alten Salem und nach dem romantischen Marblehead hinaus. +Salem+

ist eine der ältesten Ansiedlungen noch aus der Zeit der Puritaner

(1630), heute eine kleine stille Stadt mit einigen wenigen ganz alten

Häusern an der Massachussets-Bai. Aber nach Lamprechts begeisterter

Schilderung erwartete ich viel mehr dort. Marblehead ist Seebad der

Bostoner. Es war schön, wieder einmal voll dem rauschenden Ozean ins

Angesicht sehen zu können. Dumpf dröhnend spritzte der Gischt am

steinigen Strand auf. Auf der einsamen Felseninsel Nahant kletterten

wir in den öden, zerrissenen Felsen umher, bis uns der Schaum der in

der Flut heranstürzenden Wogen zurücktrieb. Tausende von angeschwemmten

Muscheln lagen umher, deren ich mir eine Sammlung mit nach Hause nahm.

Lange noch zierten die schönsten Stücke mein Kamingesims. Und welche

Abendstimmung erlebte ich hier draußen! Purpurrot tauchte die Sonne

die fernen Fabrikschornsteine Bostons wie in Feuerglut, die weißen

Villen am Strand erglühten wie Bergspitzen in den Alpen, das Meerwasser

ward erst bronzen, dann silbern, bis am Strande die Lichterreihen der

Straßen kleiner Städte und Vororte aufblitzten ...

Auch den historischen „+Bunker Hill+“ habe ich erstiegen in der

Vorstadt Charleston, die an sich düster und rauchig ist. Auf Bunker

Hill hielt zum erstenmal in den Unabhängigkeitskämpfen die junge

amerikanische Miliz den englischen Truppen tapfer stand (am 17. Juni

1775). Im Anfang des 19. Jahrhunderts wurde zur Erinnerung daran ein

62 ~m~ hoher sehr aussichtsreicher Obelisk errichtet, der weithin mit

seiner weißen Steinspitzsäule die Vorstädte Bostons überragt ...

Ebenso flogen wir gern nach Osten und Süden aus: Die interessanteste,

etwas weiter abgelegene Stadt war unstreitig „Concord“, das

amerikanische Weimar, der Wohnsitz Emersons, Hawthorns, Thoreaus

u. a. Poeten und Dichterphilosophen. Ringsum schönes, stilles

hügeliges Farmland mit Wäldern und Viehherden. Concord ist wirklich

ein Idyll, dazu vom Hauch großer geistesgeschichtlicher Vergangenheit

umweht. Die Geister der Großen gehen hier noch um wie bei uns in

Weimar. Wie schlicht und anheimelnd, wie das Goethehäuschen an

der Ilm, sind ihre Landsitze! Dazwischen überall Denksteine in

Erinnerung an die Unabhängigkeitskämpfe, die um Concord und Lexington

begannen. In Concord steht auch das bekannte ansprechende Denkmal

des „~minute-man~“, der „jede Minute“ bereit den ersten Schuß im

Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer abfeuerte, „den man in der

ganzen Welt hörte“.

In Waltham fuhren wir auf den kleinen Seen des Charles River mit

echten ~canoes~ umher. Ganz entzückend ziehen sich die Seen unter

tiefbelaubten Bäumen hin. Wie leicht und sanft glitt das spitze,

schwanke Boot übers Wasser! Zwei amerikanische Freunde ruderten,

während ich bequem in den Kissen des Damensitzes liegen durfte und

das Steuern besorgen sollte. Ein junger Nationalökonom führte mich

eines Nachmittags in das idyllische Waverly, ein äußerst malerisches

Ineinander von Hügeln, Parks, Villen und Teichen. Er war sehr

beschlagen in Deutschlands politischer Geschichte, so daß ich ihm nicht

immer auf alle seine Fragen eine präzise Auskunft geben konnte ...

Dieselben ausgedehnten Parkanlagen fand ich am Südrande Bostons

in „Jamaica plain“, und von den Blue Hills, die wir mit

eineinhalbstündiger Fahrt auf der Elektrischen erreichten, bot sich von

Süden eine ähnlich herrliche Aussicht wie von den Middlesex-fells im

Norden. Der Aussichtsturm ließ uns über die Wälder der Blue Hills, den

Ozean und die ferne Stadt samt einem gut Teil des Staates Massachusetts

schauen! Mächtig kam es mir oben zum Bewußtsein: Es ist ein Stück

schönsten amerikanischen Landes, das du hier oben überschauen darfst.

Könnte ich jetzt noch einmal dort stehen! So haben wir studiert und

innen und außen uns umgeschaut ...

Fußnoten:

[Footnote 15: Nicht zu verwechseln mit dem +englischen+ Cambridge!]

[Footnote 16: Im Keller befand sich die Küche!]

[Footnote 17: „Gymnasium“.]

[Footnote 18: Unerreicht von den Lebenden!]

[Footnote 19: „Das verlorene Paradies“.]

[Footnote 20: Badezimmer mit Wasserklosett und warmem Wasserzufluß.]

Ein Fußballspiel. Weihnachten „drüben“.

Jedes Volk hat seine Heiligtümer. Auch das amerikanische. Zu seinen

Heiligtümern zählt die Bundesverfassung, sein Freiheits- und

Selbständigkeitsgefühl, sein Weltbewußtsein, gleich England eine Art

auserwähltes Volk zu sein, und endlich der -- Fußball. An den großen

Fußballspielen nehmen viele Zehntausende teil. Extrazüge fahren aus

allen Richtungen. Die Zeitungen geben wie bei den Wahlen sofort an

der Stirnleiste das Ergebnis bekannt. Und so erwartete ich mit großer

Spannung das große Wettspiel zwischen den beiden alten Universitäten

Harvard und Yale. Es gibt Jahre, wo in der Union an die dreißig junge

Leute in den heißen Fußballkämpfen ihr Leben einbüßen!

Noch summt mir das wilde, tosende Rufen der Harvard- und

Yale-„undergraduates“ in den Ohren, noch flimmern mir die

vierzigtausend wogenden Köpfe in dem gewaltigen Rund des

Harvard-Stadiums vor den Augen ... wie ein brausendes, tobendes Meer.

Es war ein Tag, so heiß wie eine Schlacht und mit einer Spannung

erwartet und verfolgt wie eine Schlacht. Weit vom Norden und Süden

und vom mittleren Westen waren sie zusammengeströmt mit Automobil und

im Sonderzug, die vierzigtausend, das Harvard-Yale-game zu sehen, das

die Fußballsaison abschließende Spiel zwischen den beiden größten,

ältesten und bedeutendsten Universitäten in den Vereinigten Staaten von

Amerika. Jedes ~college~, ja jede ~high school~ hat ihr ~Footballteam~

und ihr „Stadium“. Im Herbst jedes Jahres messen sie einander. Schon

hatte dieses Jahr Yale über Wesleyan, Syracuse, Springfield, Holy

Croß, West Point, Colgate, Amherst und Princeton gesiegt und Harvard

über Bates, Williams, Maine, West Point, Cornel und Dartmouth; und

nun sah alle Welt, die neunzig Millionen der Vereinigten Staaten, auf

das letzte große Spiel zwischen den ehrwürdigen Meisteruniversitäten

Yale und Harvard. Welche ungeheure Bedeutung dieses Spiel einnimmt,

das zeigt wohl am besten der Umstand, daß für zwei Tickets in letzter

Stunde 60, 80, 100, ja 200 Dollars an Spekulanten gezahlt worden

sind, während Zehntausende keins mehr bekommen konnten; daß ferner

während des Spiels Tausende die Redaktionen der großen Zeitungen in

Boston umlagerten und die Anschläge der Drahtnachrichten und so aus

der Ferne das heiße Spiel Zug um Zug verfolgten; daß in den Theatern

des Landes in den Zwischenakten die Punkte der streitenden Parteien

als Transparente erscheinen und natürlich Extrablätter von allen

Zeitungen verausgabt werden. Der Sport ist in den Vereinigten Staaten

eine öffentliche, nationale Angelegenheit. Ein Blick in die Zeitungen

genügt, um das in aller Deutlichkeit zu erkennen. Jede Zeitungsnummer

bringt täglich spalten- und seitenlange Einzelberichte über die großen

Teams des Landes, über die Spieler im einzelnen, über ihre Herkunft,

ihren Lebenslauf, ihr Alter, ihre Geschicklichkeit, ihre Größe, ja

ihr Gewicht, ihre besten Kicks, Abbildungen der einzelnen Züge und

wichtigsten Momente des Spiels usw. Diese Sportsnachrichten nehmen

oft mehr Raum ein als die politischen Artikel; an Umfang können sich

höchstens mit ihnen noch die Ehescheidungsberichte, Automobilunfälle

und Theatergrößen messen ...!

Nun war also der große Tag herangekommen. Man mochte ein eisigkaltes

Wetter erwarten. Tags zuvor blies es bitterkalt vom Norden her. Aber

merkwürdig, der 20. November war fast lau und mild, und doch mußte

sich jeder wohl vorsehen, in dieser Jahreszeit zwei oder drei Stunden

im Freien auf kalten Steinen zu sitzen. Bereits zwischen 12 und 1 Uhr

mittags nach dem Lunch wälzten sich Hunderte vom „Harvard Square“ in

Cambridge die Bolystonstreet hinunter hinaus aufs „Soldiers field“ zum

„Stadium“. Jeder bekannte sich durch ein entsprechendes Abzeichen als

Harvard- oder Yaleman: hochrote und tiefblaue Kravatten, Armbinden,

Fähnchen, Federn bis zu den blauen und roten Hüten und Jacketts der

Damen. Hie rot und Harvard -- hie blau und Yale! Heiser priesen

die Verkäufer ihre Harvard-Yale-Ansichtskarten und die Bilder der

Spieler an. Von der entgegengesetzten Seite rollten unaufhörlich die

Automobile heran, eins hinter dem andern, tutend, heulend, surrend,

schnaubend, rasselnd. Die Straßenbahnen fuhren Wagen hinter Wagen, bis

auf die Trittbretter besetzt, auf denen noch fast ebenso viele Plätze

fanden wie im Wagen; hier hing einer nur noch mit +einem+ Fuß auf dem

Trittbrett, dort klammerte sich ein anderer nur noch mit den Fingern

an eine Längsstange; die Mäntel flogen im Wind, die Hüte drohten

fortgerissen zu werden.

Am Stadium, dem gewaltigen, imposanten, elliptischen, halboffenen

Amphitheater aus weißgrauem Beton, das nahezu vierzigtausend Personen

faßt, stauen sich die Massen und schwellen an zu einem wirren

Menschengewoge; aber niemand drängt und drückt oder schilt und

schimpft, jeder wartet und ist geduldig, selbstlos und demokratisch.

Bald war die eine breite Straße, die von Cambridge über eine alte,

schlechte Holzbrücke über den Charles River zum Soldiers field führt,

nur noch ein Menschenknäuel mit viel tausend Köpfen. Ringsumher auf

den Zufahrtsstraßen und am Charles River entlang sammelten sich die

Automobile zu ganzen Wagenparks. Wohl noch keine Automobilausstellung

der Welt hat deren eine solche Menge und Verschiedenheit der Marken

zusammengebracht. Wer nicht zu Automobil kommt, kommt mit einem der

vielen Eisenbahnsonderzüge, die aus allen Richtungen an diesem Tage

Boston zustreben.

Das weite Rund des Stadiums mit seinen vieltausend Steinsitzen, seinen

gewaltigen Substruktionen und seinen schönen Kolonnaden über den

höchsten Sitzreihen lag still und gemessen da und wartete der Menge,

die sich von allen Seiten über seine Treppen und Steingänge ergoß und

es trotz ihrer ungeheuren Zahl nur langsam zu füllen vermochte. Ich

hatte einen Sitz hoch oben über den Kolonnaden bekommen, wo sich nicht

nur ein ausgezeichneter Überblick hinunter in die gewaltige halboffene

Ellipse auf das Spielfeld bot, sondern auch hinaus ins offene Land. Ich

fühlte mich fast nach Rom in das gleich gewaltige Kolosseum versetzt.

Gleich dem Tiber wand sich hier der breite Charles River an Cambridge

hin; mäßige Hügel säumten gleich Rom auch hier rings den Horizont;

in der Ferne schimmerte die goldene Kuppel des Kapitols von Boston

auf dem Beacon hill, der schöne Frührenaissanceturm der New old South

Church grüßte aus dem feinen blauen Herbstdunst herüber, der über

der großen Stadt lagerte. Wie hier das Menschengewimmel, so mochte

es einst vor zwei Jahrtausenden zu Zeiten des Titus und Domitian im

römischen Amphitheater ausgesehen haben, wenn die vierzigtausend das

Spiel erwarteten. Nur statt der glattrasierten Römer hier glattrasierte

Amerikaner, statt der Toga und Tunika Automobilpelz und Wintermantel,

schwarze steife Hüte und graue Reisemützen, statt der Löwen und

Gladiatoren harmlose Fußbälle und junge Studenten ...

Wie Ameisen krabbelten die Menschen auf den Steinsitzen hin und her

und suchten ihre Plätze. Schwärzer und schwärzer wurden die runden

Steinreihen. Bald bewegten sich da unten vierzigtausend Köpfe hin

und her, vierzigtausend schwarze Männerhüte und graue Reisemützen

und rote und blaue Damenhüte; dazwischen flatterten lustig die

hochroten Harvard- und die tiefblauen Yalefähnchen mit dem stolzen

H. und Y. Harvard war recht siegesgewiß. Sein Captain Fish, einer

der trefflichsten Fußballspieler, hatte zwar im letzten Spiel gegen

Dartmouth eine Verletzung davongetragen, aber er war wieder munter

und war fest entschlossen mitzuspielen und hatte, wie die Zeitungen

berichteten, geäußert, nur der Tod allein könne ihn von diesem Spiel

abhalten. Captain Coy von Yale aber war ein ebensowenig zu verachtender

Gegner, ein weitgefürchteter „Kicker“. Freilich hatte Harvard in den

letzten zwei Jahrzehnten nur viermal Yale besiegt, aber der Sieg des

letzten Jahres über Yale und Captain Fish machte Harvard im voraus

siegesgewiß.

So ward es zwei Uhr. Auf ein Zeichen sprang eine Schar junger Menschen

mit weiten flatternden roten Tüchern, fast wie Stierkämpfer gekleidet,

in das Stadium, von tosendem Beifall begrüßt, Captain Fish und die

Harvardspieler. Bald darauf stürmte ein zweiter Haufe in wehenden

blauen Tüchern herein -- die Yalespieler. Die Tücher wurden abgeworfen,

ein schwarzes Überwams ausgezogen -- dann standen die roten und

blauen Kämpen einander gegenüber. Jeder angetan wie ein Fechter,

wohlgepolstert an Schultern und Knien und teilweise mit Kopfhauben

gegen Fußtritte und Schädelbrüche geschützt, in weiten zerschlissenen

dunkelgelben Hosen und rotem oder blauem Wams. Schon erhoben die

Harvard- und Yale-„undergraduates“, die auf je einem Haufen auf beiden

Seiten dicht zusammensaßen, ihr Schlachtgeschrei, und aus vielhundert

Kehlen, den Schalltrichter vor dem Munde, schallte es: „Har--vard,

Har--vard, Har--vard, ra--ra--ra--ra--ra--ra, ra ra ra ra ...“ Und von

drüben antwortete es ebenso siegesgewiß und drohend: „Yale--Yale--Yale,

ra--ra--ra--ra--ra--ra, ra ra ra ...“ Jede Partei suchte die andere

mit Schreien und Lärmen zu überbieten. Das Schreien ging fort

und wuchs, von Vormännern ganz methodisch und systematisch unter

Kommando und gewaltigen Armbewegungen dirigiert: „eins--zwei--drei:

ra--ra--ra--ra--ra--ra, ra ra ra ...“

Indessen ertönte ein Pfeifchen. Die Spieler traten an die Mittellinie

des Feldes, das in viele weiße Karrees geteilt war, ähnlich einem

großen Tennisplan, gebückt mit den Händen am Boden, den Kopf tief

gesenkt, zum Fang und Sprung bereit. Harvard begann. Hoch und weit

wirbelte der Ball, von einem Harvardman gewaltig emporgekickt durch

die Luft ... ein Yaleman fängt ihn auf, die Harvardleute fallen über

ihn her ... der Yaleman stürzt rücklings auf den Hinterkopf zu Boden,

... ein wilder Knäuel um ihn, zweiundzwanzig Menschen wälzen sich

übereinander und raufen sich um den Ball, ... indessen sehe ich andere

mit Wasser und Tüchern herbeispringen. Ein Yaleman ist schwer verletzt,

halb bewußtlos liegt er am Boden; einen Augenblick stoppt das Spiel.

Der Verletzte wird zur Seite getragen, ein anderer tritt für ihn ein --

und das Spiel geht weiter. Jedes Jahr sind es ja mehrere, die nicht nur

Arm oder Bein, sondern das Leben auf dem Fußballspielplatz lassen.

Hin und her wirbelt der Ball, bald ist Harvard einige Yards voraus,

bald Yale; hier und da stürzen die Spieler übereinander, wälzen sich

als Knäuel am Boden ... dazwischen Rufen und Jauchzen und Klatschen und

Winken der Zuschauer, immer lauter und frohlockender, bald Harvard,

bald Yale. Wie ein Meer toben die Vierzigtausend da unten. Bald wirbeln

die blauen Yalefähnchen durch die Luft, bald die roten Harvardflaggen,

bald erheben sich hier auf der Seite Tausende in der Erregung von den

Sitzen und beugen sich vor, um besser zu sehen, bald dort: Fortwährende

Rufe und Schreie. Dazwischen das laute Zählen der Spielführer, die

Pfeifchen der Spielmeister und das wilde „ra--ra--ra--ra“ der Harvard-

und Yaleundergraduates, wohl kommandiert und dirigiert. So wogt das

Spiel bei zwei Stunden hin und her.

Währenddessen eilen die Photographen mit ihren Apparaten und Stativen

unablässig von einem Ende des Spielfeldes zum andern, um ja keinen

Zug zu verpassen, die Reporter registrieren genau jede Wendung,

und Punkt für Punkt wird augenblicklich in alle Windrichtungen

telegraphiert. Als es Yale zweimal gelingt, den Ball über die letzte

Harvardlinie hinauszuschleudern, und so der Sieg für Yale immer mehr

an Wahrscheinlichkeit gewinnt, da kann ein ganzer Haufen Yalestudenten

nicht mehr an sich halten; im Enthusiasmus springen sie von den Sitzen

und aus den Reihen aufs Spielfeld hinaus, werfen Hüte, Mützen und

Mäntel in die Luft, umarmen sich und tanzen vor Freude, und einige

Schutzleute haben Mühe, sie zurückzudrängen, damit die Bahn für das

Spiel frei bleibt. Indessen notiert das Bulletinboard am inneren Ende

des Stadiums für die Zuschauer Zug um Zug, Punkt für Punkt und Linie um

Linie. Draußen am Charles River stehen viele Hunderte, die kein Ticket

haben erlangen können, die aber wenigstens mit dem Glas die Zahlen am

Bulletinboard von ferne zu erhaschen suchen. Mehr und mehr neigt sich

das Glück Yale zu. Die Yalegirls werden immer enthusiastischer, immer

schneller wirbeln die blauen Fähnchen in den Händen der Girls durch

die Luft. Das fortwährende kommandierte heisere „ra--ra--ra--ra“ der

Harvardmen hilft ihren Kampfgenossen nicht auf.

Ja, in der Tat, das Unerwartete geschieht. Yale gewinnt! Es ist vier

Uhr. „Yale 8 Punkte, Harvard 0.“ Wilder Siegestaumel ergreift die

Yalestudenten. Sie stürzen wieder von den Sitzreihen ins Feld herunter,

gruppieren sich geschwind hinter ihrer blauen Musikkapelle, -- und

nun geht es in wilden Sprüngen und wildem Tanzen unter Siegessang und

Freudengeschrei im Feld des Stadiums hin und her. Mächtig schallen

die Yalelieder durch das Rund. Hüte und Mützen fliegen vor Vergnügen

aufs neue hoch in die Luft und werden beim Umzug über die Balken der

siegreichen Goals geschleudert. Kläglich und wütend schreien die

Harvardmen ihr „ra--ra--ra--rarara“ dazwischen. Yale hat gesiegt. Die

heiße Schlacht ist aus ...

Die Massen der Tausende auf dem Steinrund sind wieder in Bewegung.

Der gewaltige Automobilpark löst sich auf. Die Straßen beginnen sich

wieder zu füllen; die Straßenbahnen fahren wieder davon, eine hinter

der anderen mit den vielen auf den Trittbrettern hängenden Menschen.

Nur der Charles River fließt ruhig und gemessen im weiten Bogen nach

dem dunstigen Boston hinunter und wundert sich über die Tausende,

die seine alte Holzbrücke passieren, voll Jubel, Enthusiasmus und --

Enttäuschung. Über den Hügeln von Newton und Brookline taucht die Sonne

purpurrot unter, und ihr glutroter Schein spiegelt sich in den Fenstern

Cambridges. Ruhig und verlassen liegen unter den blätterlosen alten

Ulmen die Dormitories und die Collegehalls der Harvarduniversität.

Memorialhall reckt seinen charakteristischen Vierungsturm empor und

öffnet sein Tor den vielen fremden Yalemenschen, die sich jetzt in

seiner weiten gastlichen Halle, wo die großen Ahnen Harvards ehrwürdig

von den Wänden schauen, zum Dinner niederlassen. Über dem sich

leerenden, weiß im Abendlicht schimmernden Stadium aber schwebt wie ein

Aeroplan gemächlich und still eine riesige Flagge: -- „Ponds Extrakt“!

Es gibt in Amerika keinen schönen und berühmten oder poetischen Ort,

den die Reklame nicht meinte noch verschönern zu müssen. Wie eine

Siegesfahne winkt sie hinüber zur goldenen Kuppel des Kapitols in

Boston im Abenddunst ...

Kaum haben wir unseren Fuß aus dem Stadium gesetzt, da laufen uns

schon die Zeitungsboys entgegen mit den Extrablättern, die in riesigen

Lettern verkünden: „Yale Wins. Final score: Yale 8, Harvard 0“, während

der Draht längst den Sieg Yales in alle Lande trägt. Der siegreiche

Fußball aber wandert in den „~trophee-room~“ der Yaleuniversität,

wo ihn die kommenden Geschlechter mit Ehrfurcht und Staunen hinter

Schrein und Glas beschauen, wie wir wohl vor den Schädeln der Großen

und Heiligen in der Geschichte mit Ehrfurcht stehen ... Der Ruhm

der Yalespieler aber ist gesichert für alle Zeiten, weit mehr denn

eines berühmten Yaleprofessors, der dicke Bände geschrieben und die

amerikanische Wissenschaft ein gut Stück weitergebracht hat ...

Griechenland hatte seine Amphitheater und Tragödien, Rom seine

Kollosseen und Gladiatoren, das Mittelalter seine Turniere und

Ritterspiele, Spanien seine Stiergefechte, die moderne Gesellschaft in

Deutschland hat ihre Pferderennen und ihre Mensuren, Amerika hat sein

Fußballspiel ... Kraft und Jugendheldenmut sucht sein Feld; glücklich

die Nation, die sich am Heroischen begeistert wie ein Mann. Aber ist

nicht ein Unterschied, wo wir das Heroische suchen ...? -- -- --

Nach diesem Kennenlernen der akademischen Fußballjugend trieb es mich

ein andermal die in der englisch-amerikanischen Welt großartig in der

sog. ~Young men’s christian association~ weltumspannend organisierte

Jugend kennenzulernen. Ich begnügte mich, einer Einladung des

Zweigvereins, des sog. Y. M. C. A. in Cambridge, zu folgen.

Es war ein geräumiges Vereinshaus, natürlich ein eigenes, an der

Hauptgeschäftsstraße, der Massachusetts Avenue in Cambridge, in das

ich eintrat. Als ich die schöne Freitreppe hinanstieg, gelangte ich

auf dem ersten Stock zu dem Bureau, wo der Sekretär den Fremden

freundlich empfängt, dann in einen weiten offenen Empfangsraum mit

feinen Teppichen, elektrischem Licht wohl ausgestattet, und zu den

anschließenden gemütlichen Lesesälen, wo etwa 30 Zeitungen, die besten

Tageszeitungen, Wochenschriften aller Art, religiösen, belehrenden

und künstlerischen Inhalts, auflagen. Auch ein Billard und andere

Geselligkeitsspiele fehlten nicht und werden allabendlich eifrig

benutzt. Die Treppen führten mich weiter empor zu den mannigfachsten

Klubräumen in den verschiedensten Größen für kleinere und größere

Zusammenkünfte der Jugendlichen. Der Verein in der Großstadt umfaßt

meist mehrere hundert Mitglieder, die an Einzelbestrebungen und Alter

so verschieden und zahlreich wie möglich sind, so daß sie geteilt

sich in kleinen Zirkeln zusammenfinden. Und hier herrscht nun die

bunteste Mannigfaltigkeit, zunächst was das Alter betrifft: Ich sah

kleine Knirpse, die wohl kaum zehn Jahre alt sein mochten, die noch die

Volksschule besuchen, aber eifrig schon „im Verein“ verkehrten. Das

amerikanische Leben drängt im ganzen ja weit mehr und weit früher auf

die Öffentlichkeit hin als das unsere. So ist auch das Clubleben weit

mehr ausgebildet. In jeder Schule von den Kleinsten angefangen bestehen

oft schon Schülerklubs, die sich selbst regieren, ihre Präsidenten und

Beamten wählen und so im kleinen die große Demokratie des ganzen Volkes

abbilden und auf das politische Leben, an dem jeder Bürger Anteil

nehmen soll, vorbereiten. Neben diesen Kleinen gab es genug derer in

den Zwanzigern und Dreißigern. Neben den Volksschülern die Männer,

Arbeiter und Angestellten +aller+ Berufszweige! Dazwischen Realschüler

von fünfzehn und sechzehn, Lehrlinge, junge Kaufleute und Handwerker

von noch nicht zwanzig. Jedes Alter und jeder Berufszweig bildete einen

eigenen Kreis und eine eigene „Klasse“.

Ebenso bunt wie das Alter waren die Bestrebungen, die sich da

zusammenfinden. Der Y. M. C. A. in Cambridge bietet neben den

Bibelstunden, die alle als Grundlage vereinen, Unterricht in Sprachen,

Mathematik, Zeichnen, Singen, Buchhaltung, Schreibmaschinenschreiben,

Stenographie -- und vor allem Turnen und Sport. Dazu kennzeichnen noch

zwei Dinge jedes amerikanische Klubleben: Gymnastik und politische

Debatten. Jedermann vom Schuljungen bis zum Studenten und verheirateten

Mann übt täglich seine Spiele, es sei Fußball, Base-ball, Basket-ball,

Tennis oder Laufen, Springen und Geräteturnen ... So muß jedes

Vereinshaus des Y. M. C. A. vor allem eine eigene vollständig mit allen

modernsten Geräten und Spielen wohlausgerüstete Turnhalle besitzen.

An ihrer Größe und Ausstattung kann man das Florieren des Vereins

kontrollieren. Aber nicht nur das, ein amerikanisches Vereinshaus, das

auf der Höhe sein will, muß möglichst auch ein eigenes Schwimmbassin

haben oder allerwenigstens, wenn es nicht als veraltet und rückständig

gelten will, einen eigenen großen Baderaum mit vielen Brausen und

Duschen. Was gibt es auch schöneres als Spiel und Sport, erst zu

turnen und zu springen und zu schwingen und zu schwitzen und dann zu

baden und zu duschen, zu spritzen und im Wasser zu planschen! Das

hatte ich selbst in der akademischen Turnhalle öfters ausprobiert. Der

Verein muß sogar Gelegenheit geben, sich von einem zuständigen Arzt

auf körperliche Gesundheit und Tauglichkeit untersuchen zu lassen!

Und wie oft kontrolliert der junge Amerikaner mit Stolz zunehmendes

Maß, Gewicht und Stärke ... So ist denn auch der professionelle,

wohlgelernte, mit gutem Gehalt angestellte Turnmeister eine der

wichtigsten Personen unter allen Vereinsbeamten. Und mit welcher

prächtigen Grazie und Gewandtheit weiß er alle Übungen vorzumachen!

Dazu tritt das andere, was jedem Amerikaner über alles geht, Reden

(~addresses~) hören und debattieren. Man kann jeden Abend zwei, drei

und mehr Redner hören. Man ist einfach für alles interessiert, für den

Nordpol, den Mars, für Luftschiffe, für babylonische Ausgrabungen,

neueste elektrische Erfindungen ... jeder Redner und jeder „~speech~“

ist willkommen. Es muß möglichst jeden Abend oder jede Woche einmal

etwas Großes im Verein „los“ sein. Und wie offen erfolgt die

Aussprache! Da werden Fragen gestellt, der Redner unterbrochen;

keiner fürchtet sich, den Mund aufzutun. In Amerika findet man immer

und überall fragende, lernbegierige, empfängliche und für geistige

Darbietungen dankbare Menschen. Selten wird kritisiert, immer bewundert

und gelobt!

In den obersten Stockwerken des Vereinshauses -- ich kletterte mit

meinem Führer bis aufs Dach hinauf, wo man den Turm der City Hall

gerade vor sich hatte und durch die Nacht bis zu dem lichtschimmernden

Boston hinüberblicken konnte -- fand ich auch Zimmer zum Logieren für

durchreisende Mitglieder von Zweigvereinen, für den Sekretär und die

ständig fungierenden bezahlten Beamten des Vereins.

An jenem Abend, an dem ich im Verein weilte, hatte ich Gelegenheit,

einem Schauturnen beiwohnen zu können, das drüben den seltsamen Namen

„Karnival“ trägt. Ich wurde erst durch die Baderäume geführt, wo sich

Kleine und Große in hellen Haufen tummelten und ihre Turnkleidung

anlegten. Dann bekam ich das „Gymnasium“ (die Turnhalle) zu sehen, mit

der kaum die besten unserer Turnhallen es hätten aufnehmen können.

Eine große Zuschauerschaft war schon versammelt, Eltern, Väter und

Mütter, Brüder und Schwestern. Alles wartete gespannt auf das Öffnen

der Flügeltüren und das Einmarschieren der Turner. Und dann kamen sie,

nacheinander, die Riegen der kleinen Knirpse, die so wohl über den

Bock zu springen und allerlei lustige Purzelbäume zu schlagen wußten,

dann die älteren Schüler mit ihren exakten Stab- und Hantelübungen,

und endlich die in den Zwanzigern, meist sehnige, straffe, frische

junge Menschen mit ihren geschwellten Armmuskeln und strammen Waden.

Neu waren für mich eine ganze Reihe wohl ausgeführter Reigentänze, die

mit ihren wilden und doch taktmäßigen Sprüngen mich an Indianer- und

Negertänze erinnerten. Eine Riege erschien als „Farmer und Trapper“

verkleidet, eine andere mit brennenden Holzkeulen, die im Dunkeln

geschwungen einen faszinierenden Eindruck hinterließen. Mancher der

Turner hatte ein großes „C“[21] auf dem Rücken als Ehrenzeichen, daß

er eine Reihe vorgeschriebener ausgesucht schwerer Übungen vollendet

ausführen kann. Auch einige farbige junge Männer waren als Turner

darunter, was mich besonders freute.

In den Vereinigten Staaten bestehen etwa 2000 solcher

Y. M. C. A.-Vereine, die 681 eigene Häuser haben mit einer

Gesamtmitgliederzahl von über 450000 Personen und einem Gesamtvermögen

von ungefähr 50 Millionen Dollars! Und wieviel wird für sie gegeben!

Der Bostoner Verein, dessen Haus kürzlich in der Nacht in Flammen

aufging, sammelte binnen 14 Tagen 500000 Dollars für ein neues

größeres! Der Cambridger Verein plant, seine Mitgliederzahl von

200 auf 2000 zu erhöhen und man wird das in einer „Kampagne“ auch

fertigbringen. Die Stadt wird gleichsam für wenige Wochen bestürmt und

erobert: Energie, Zielbewußtsein, Begeisterung, „Rekord“ -- die leben

nirgends mehr denn in Amerika. Die Tätigkeit der Y. M. C. A.-Vereine

ist im ganzen Land von jedermann anerkannt, vom Präsidenten, der sie

öffentlich gelobt hat, angefangen. Sie schaffen anerkanntermaßen

Charaktere, treffliche gebildete Bürger, gesunde frische Menschen,

allem Gemeinen, Trägen und Genußsüchtigen abhold. -- -- --

Mittlerweile war langsam Weihnachten herangekommen. Wie würde es

mir im fremden Erdteil am Heiligen Abend ergehen und zumute sein?

Hatte ich bis jetzt unter den vielen neuen Eindrücken, deren Kette

für mich gar nicht abriß, nie an Heimweh auch nur gedacht, sondern

lebte fortgesetzt in einer Art Erobererstimmung, ein ganzes Land in

seiner eigenen neuen Art, seiner Sitten, Anschauungen und Gebräuchen

mir geistig zu eigen zu machen, so würden mich vielleicht die stillen

Weihnachtstage doch auf einmal „kleinkriegen“! Das fürchtete ich ...

Man feiert Weihnachten drüben doch recht anders als bei uns. Die

zentrale Stellung, die das Weihnachtsfest im deutschen Volks- und

Gemütsleben hat, hat es drüben lange nicht, ja wohl in keinem Volk

sonst. Schon das Sinnbild des deutschen Weihnachten fehlt, der

Christbaum, wenn auch nicht überall ...

Weihnachten voraus geht in Amerika der nationale „~Thanksgiving day~“

am 27. November. Zwei nationale Feiertage hat die Union, an denen sich

das ganze Volk ohne Unterschied zusammenfindet, das ist der „~Fourth of

July~“ (4. Juli), der Verfassungstag, der mit allem Pomp und Aufsehen

und höchstem Stolz vom ganzen Volk von der Küste des Atlantik bis zum

Stillen Ozean und von den großen Seen bis zum Golf von Mexiko begangen

wird; man halte dagegen den Streit und die Zerrissenheit unseres Volkes

in Sachen eines Verfassungstags! Und daneben religiöser betont als

der 4. Juli der „Danksagungstag“, wenn die ersten Schneestürme die

nördlicheren Staaten durchfegen und man sich um den traditionellen

Truthahn sammelt, wie wir um die Martins- oder Weihnachtsgans.

An diesem Tage gedenkt das amerikanische Volk in allen Kirchen

aller Denominationen mit Dank des Reichtums, der Sicherheit, des

Fortschritts, des Glücks und Ansehens, das es in der Welt genießt

und auch des Sieges, den es im Weltkrieg „der Gnade des Höchsten“ zu

verdanken hatte. Und es läßt sich gern die Verpflichtung vorhalten, nun

auch seinerseits sein Wort und seinen Willen kräftiger als bisher zur

Beglückung und Befriedung der Völker trotz der Monroedoktrin in die

Wagschale der Welt zu werfen, Kriege in der Welt zu verhüten (!), daß

jedem, auch dem kleinsten Volk in der Welt -- darum auch Tschechen,

Polen, Südslawen und Serben, Juden -- ihr Selbstbestimmungsrecht

werde, besonders allen Unterdrückten wie einst dem amerikanischen

Volk selbst, als es „der Herr aus seinem Diensthause führte“. Zu

diesem feierlichen ~Thanksgivings day~ hatte ich nicht weniger als

fünf Einladungen erhalten zu drei Professoren, zu dem befreundeten

liebenswürdigen Studentenehepaar und zu den Eltern meines Freundes

Arthur E. W. Leider konnte ich nur +einen+ Truthahn verspeisen, da der

Thanksgiving leider nicht fünf Tage hintereinander gefeiert wird. Ich

nahm des letzteren freundliche Einladung an, da sie zuerst gekommen

war, und mußte die anderen nicht leichten Herzens ausschlagen. W.s

Eltern wohnten in der freundlichen und schöngebauten Vorstadt Bostons

Dorchester. Ich hatte dort Gelegenheit, auch einmal in amerikanisches

Familienleben des kaufmännischen Mittelstandes hineinzuschauen. Der

Familienvater war zwar ertaubt, aber um so intensiver belesen in aller

schönen Weltliteratur. Und kein Laut der Klage kam wegen seines Leidens

über seine Lippen ...!

* * * * *

So kam Weihnachten näher.

Dienstag vor Heiligabend las der Rhetor der Universität in „Appleton

Chapel“ aus den „Christmas Carols“ von Dickens. Dazwischen wurden

englische Weihnachtslieder mit frischer Melodie gesungen, darunter

auch das Lied von der „heiligen Nacht“ in Übersetzung. Wie seltsam das

in Amerika berührte! Denn kein Lied ist deutscher als dieses. Ebenso

seltsam klang mir immer die Übersetzung unseres Lutherliedes: „Ein

feste Burg ...“ als englischer Choral in den Ohren:

„~A mighty fortress is our God,

A bulwark never failing,

Our helper he amid the flood

Of mortals ills prevailing.

For still our ancient foe

Doth seek to work us woe,

His craft and power are great

And armed with eternal hate;

On earth is not his equal usw.~“

Dann schlossen die Vorlesungen auf zehn Tage. Zehn goldene Tage

war ich einmal die vorgeschriebene Zwangslektüre los und konnte im

Lande der „Freiheit“ einmal wieder meiner geistigen Selbstbestimmung

leben! Freitag war heiliger Abend. Aber ich sah in Cambridge keinen

Christbaum, noch weniger einen Weihnachtsjahrmarkt. In Neuengland

herrschen noch ganz die alten +englischen+ Weihnachtssitten. An den

Fenstern der Läden und Häuser hingen einige grüne Kränze -- das war

alles. Nicht einmal rechte Weihnachtsgottesdienste, wie wir sie gewöhnt

sind, gab es, nichts von Metten und Vespern. Das Fest wird auch bloß

mit +einem+ Feiertag begangen!

So hatte ich mir selbst am heiligen Abend -- den sie übrigens drüben

auch gar nicht feiern! -- einen kleinen Weihnachtstisch zurechtgebaut

und schenkte mir selbst ein paar blitzende amerikanische Schlittschuhe,

zündete mir einige Kerzen auf dem Kamin an, steckte hinter meine

Bilder ein paar Tannenreiser, schichtete ein paar rotwangige Äpfel

auf und feierte so still für mich heiligen Abend in der neuen Welt.

Als ich die Kerzen angezündet und ihr Schein auf die paar mageren

Zweiglein fiel, fiel, glaube ich, auch ein kleines, warmes Tränlein

mit darauf. Jetzt wäre ich doch fürs Leben gern die zehn Ferientage

einmal schnell zu Hause gewesen und hätte soviel zu erzählen gehabt

-- aber das Weltmeer mit seinen 4000 Meilen lag dazwischen! Ich fing

nun manchmal schon heimlich die Wochen an zu zählen, wann es wieder

heimgehen würde. Bei Wachsduft und Kerzenschein kamen auf einmal alle

die Weihnachtsfeste der Kindheit leise zu mir in mein amerikanisches

Studierzimmer hereingeschritten, frohe und ernste, und stellten sich

wie unsichtbare Engel an den Wänden meines „~furnished room~“ auf und

hatten wohl alle auch ein kleines, warmes Tränlein an den Wimpern ...

Damit mir es nun aber in meinem Zimmer nicht gar zu einsam werde,

holte ich mir einige Kameraden aus unserer Hall herein, von denen die

meisten aus dem eigenen Lande auch nicht heimfahren konnten, weil

viele weither aus dem Süden oder dem „mittleren Westen“ waren. So kam

zu meiner „Weihnachtsfeier“ mein lieber japanischer Freund Ashida,

Mr. Moore und der Heidelberger Philologe. Wir lasen deutsche und

englische Weihnachtsgedichte zusammen und sangen dann alle miteinander

auf +deutsch+ „Stille Nacht, heilige Nacht“, bis die Kerzen langsam

herabbrannten. Der Japaner, der Amerikaner und wir zwei Deutschen!

Als sie wieder gegangen waren, packte ich die heimatlichen

Weihnachtspakete aus, die vor einigen Tagen angelangt waren; das wollte

ich gern ganz allein tun. Da kamen noch allerlei -- aber jetzt echte

deutsche -- Tannenzweiglein und duftende rotwangige deutsche Äpfel,

Weihnachtskerzen, warme Sachen und vor allem Weihnachtsbrieflein zum

Vorschein. Und wie war das alles mit soviel Liebe und weiser Berechnung

zeitig aus der Heimat abgegangen ...! Und wie wirkte das alles hier so

traulich und wehmütig zugleich! -- --

Der Abend schloß für mich nicht so ganz still und die Nacht nicht so

ganz heilig insofern, als sich -- wohl nach einer zugezogenen Erkältung

-- in der Nacht Fieber einstellte und ich das Bett hüten und nicht mehr

zu Präsident Lowell gehen konnte, der alle Harvardstudenten, die nicht

heimfahren konnten, zu einem offenen Weihnachtsabend zu sich eingeladen

hatte. Das war schön von ihm! Ich lag derweilen allein fiebrig in der

Weihnachtsnacht ... In derselben Nacht gab es auch noch einen riesigen

Wasserröhrenbruch in der Stadt, so daß das Wasser in hellen Strömen

durch alle Straßen schoß. Da man ein böses Einfrieren befürchten mußte,

griffen noch in derselben Nacht die Studenten mit zu, als sie gerade

vom Präsidenten kamen, um noch größeres Unglück zu verhüten.

Andern Tags hatte mich Freund W. wieder zu seinen Eltern zusammen

mit seinem Stubengenossen R. nach Dorchester zum „Christmas-Dinner“

eingeladen. Wir hatten daselbst wieder „~a very good time~“ (viel

Spaß), wie man drüben sagt, und sangen allerlei wehmütige Negergesänge,

die ich einige Tage zuvor in einer baptistischen Negerkirche gehört

und gelernt hatte. Dort war, als ich eintrat, alles ganz „schwarz“

gewesen, nur die weißen Zähne und Augen ließen erkennen, daß Menschen

anwesend waren!! Süßlich-sentimental erklangen die Lieder, aber der

Prediger fuchtelte dafür um so gewaltiger mit seinen Armen auf dem

Pult. Ein laut schreiendes Kind und ein bellender Hund begleiteten in

dieser Negerkirche die Predigt auf ihre Weise! Und überall duftete es

eigentümlich ...

Gegen Abend machte mein Freund mit uns noch einen Weihnachtsbesuch in

einem sehr reichen Hause im Franklinpark, wo eine sehr wohlhabende

Dame, die einst mit ihm -- glückliches Land der Koedukation! -- in

die „~high School~“ in Dorchester gegangen war, auf ihrem ländlichen

Schlosse wohnte. Wir schritten die tiefverschneiten Parkwege entlang

und traten ein. Ein riesiger prächtiger Christbaum stand hier auf

spiegelblankem Parkett in der Empfangshalle. Er reichte vom Fußboden

bis an die Decke und war über und über mit Hunderten von Kerzen

besteckt. So sah ich doch noch einen Christbaum! Feine Herren und Damen

verteilten unter ihm an eine Anzahl von all der strahlenden Pracht wie

geblendet dastehende arme Kinder der Vorstadtviertel Weihnachtsgaben.

Die Dame des Hauses selbst sang am glänzend polierten Flügel allerlei

süßtönende Lieder ... Aber trotz allem, dies Weihnachten gefiel mir

auch nicht recht. Es war mir zu fein.

Dieselbe Nacht noch vom ersten zum zweiten Feiertag wütete in ganz

Neuengland ein furchtbarer Schneesturm, wie man ihn lange nicht

erlebt hatte. Die schwersten Äste der alten Harvardulmen lagen am

Morgen zerschmettert am Boden. Die Vorstadt Chelsea stand infolge der

Sturmflut unter Wasser; viele Schiffe waren gestrandet, Neger wurden

erfroren in den Straßen aufgefunden, denen es immer noch schwer fällt,

den nördlichen Winter durchzumachen; Seeleute wurden zahlreich vermißt.

Auch das kein schönes „Weihnachten“! Und am Morgen lagen, als man

erwachte, Schneemassen in den Straßen Cambridges, daß niemand von den

Studenten, die früh zu ihrem „~job~“ als Organist oder Prediger aufs

Land hinauswollten, auch nur vor die Tür kam!

[Illustration: ~BOSTON~

~Ralph Waldo Emerson’s Haus in Concord (Mass.)~]

[Illustration: ~NIAGARAFÄLLE~

~Links: Der amerikanische Fall~

~Rechts: Der kanadische (Hufeisen-)Fall~]

Als guter deutscher Tourist zog ich trotzalledem nachmittags dicke

feste Stiefel an, hing einen tüchtigen deutschen Lodenmantel um und

stapfte nach Mount Auburn hinaus, besah mir die einzigartig schöne

Winterlandschaft und arbeitete mich bei blendendem Sonnenschein vier

Stunden durch den hohen weichen Schnee von Concord nach Belmont durch

und fühlte mich bei dieser Wanderung wie in den Schwarzwald oder auf

den hohen Westerwald versetzt. Ja, ich hatte Lust, in diesen Tagen nach

Kanada zu reisen, wo der Winter meist noch dreimal so dick ist als in

Neuengland, aber ich ließ glücklicherweise den Plan einstweilen wieder

fallen, denn wer weiß, wo ich in Schnee und Eis stecken geblieben

wäre ...

Am letzten Abend des Jahres hatte ich noch Gelegenheit, noch einen

Weihnachtsunterhaltungsabend in einem „+~settlement-house~+“ in Boston

mitzumachen. In den sogenannten „Settlements“ werden Knaben und Mädchen

der ärmsten Viertel von sozialgesinnten Studenten zu Klubs, Spiel,

Sport und Vorträgen gesammelt, um geistiges Leben in ihnen zu wecken,

Sinn für Anstand, Sitte und charaktervolles Leben in ihnen zu pflegen,

ja ihnen nach Möglichkeit alles das zu ersetzen, was sie in ihren

elenden und traurigen Verhältnissen daheim entbehren müssen. Also

eine Arbeit ähnlich der in den Hamburger Volksheimen, die sich die

~settlement~-Bewegung in England und Amerika in der Tat zum Vorbild

genommen haben. Die ~settlement~-Arbeiter oder „Siedler“ wohnen meist

-- ein großes Opfer ihres Lebens! -- selbst im Klubhaus mitten in der

übelsten Umgebung (dem sogenannten „~slum~“), um daselbst als Salz

und Licht ihrer Umgebung zu wirken. Reiche Freunde unterstützen die

Arbeit und erstatten den Unterhalt der Siedlung. Nach einer feudalen

Schlittenfahrt im „Franklinpark“ dinierten wir mit den feinen Damen

der Bostoner Gesellschaft, soweit sie zum Vorstand des Settlements

gehörten, und dann ging es -- ein mir nicht gerade angenehmer Kontrast!

-- zu den Vorführungen des armen Jugendklubs. Die Knaben und Mädchen

boten allerlei hübsche theatralische Aufführungen in niedlichen,

selbstgefertigten Kostümen; zum anderen Teil unterhielt die Kinder

ein professioneller Komiker, der sprechend allerlei Tiere und

Maschinengeräusche nachzuahmen wußte und zuletzt noch als Bauchredner

auftrat. Nicht endenwollender Beifall der Kinder lohnte ihn. Zum

Schluß gab es das in Amerika immer unvermeidliche „~ice-cream~“ mit

Cakes! Ein derber Junge konnte es sich aber nicht versagen -- der

Komiker hatte es ihm wohl angetan! -- einem anderen eine Portion des

schönen „~ice-cream~“ in den Nacken zu gießen. Mein Freund setzte ihn

dafür flugs und energisch an die Luft. Meist waren es Kinder armer

eingewanderter Italiener, Iren, Juden und Slawen.

So ging das alte Jahr für mich drüben zu Ende. Am Silvesterabend

zündete ich noch einmal meine Kerzen auf dem Kaminsims an und machte

schon Pläne zu meiner baldigen großen Fahrt durch die Union, die mich

bis zum Stillen Ozean führen sollte ...

Fußnoten:

[Footnote 21: = Cambridge!]

Über den Niagara nach Chikago.

Aber wie zum Stillen Ozean gelangen? Ein reicher Allerweltsreiseonkel

war ich ja nicht. Mein mir verliehenes amerikanisches Stipendium

reichte kaum für das Studienjahr. Und einen wirklich einträglichen

„~job~“ hatte ich nicht, seit jener „Freshman“ behauptete, mein

Deutsch striche sein Professor als Fehler an! Da kam eine ernst-frohe

Nachricht für mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es bewahrheitete

sich wieder einmal: Was dem einen sein Tod ist, ist dem andern sein

Brot. Hatte ich hier in Amerika einem Onkel das Leben wiedergegeben,

so starb derweilen mir eine liebe, gute, ferne Tante im Schwabenland,

die mich einst als Tübinger Studenten freundlich beherbergt und an

mir beifällig zu rühmen wußte, daß ich trotz all meiner ernsthaften

Neigungen mit Recht „auch e bissele weltlich“ geblieben sei. Sie

hatte mir nun -- dafür sei ihr im Grab noch gedankt! -- eine kleine

Erbschaft hinterlassen, die zu einer Fahrt, wenn man es wohl einteilte,

an den Stillen Ozean hin und her reichen mochte! So stand ich vor dem

Entweder-Oder: Entweder das Geld zu den Wechslern zu tragen und dann

mein Pfund einst mit Zinsen wieder heimzunehmen, oder es auf sehr

ehrenwerte und anständige Weise hier im Lande Amerika durchzubringen,

d. h. die Erbschaft in Geist und unwiedereinbringliche Erlebnisse zu

verwandeln. Ich wählte das letztere und habe es noch nie bereut. Wer

weiß, ob sie nicht sonst die Inflation verschlungen hätte. So beschloß

ich, die Erbschaft zu „verreisen“. Ohne dich, liebe gute Tante, hätte

ich wohl nie den Stillen Ozean und das Felsengebirge gesehen!

Nun fing ich alle Tage zu rechnen an, -- aber es wollte nicht recht

reichen! Denn die Fahrkarte allein nach San Franzisko und zurück

kostete wohl bald dreimal so viel wie die von Hamburg zur See nach

Neuyork! Denn von Boston nach San Franzisko +und zurück+ ist ungefähr

so weit wie von Berlin in gerader Linie bis nach Kapstadt oder beinahe

bis nach Wladiwostock!! Ja, ich überlegte schon, ob es am Ende nicht

gar gescheiter sei, von San Franzisko gleich über den Stillen Ozean,

durch Japan und auf der sibirischen Bahn heimzufahren. Aber diese

Route wäre noch um zwei Drittel Weg weiter gewesen. Freilich hätte

ich dann einen „~trip round the world~“ vollendet und auch von dem

Felsengebirge, dem Niagara und dem Grand Canyon erzählen können.

Mit diesen rechnerischen Gedanken gehe ich eines Tages durch die

„Washingtonstreet“ in Boston und sehe in einem Reisebureau günstige

Fahrgelegenheiten für Auswanderer nach Kalifornien in Gestalt von

ermäßigten Rundreisescheinen „Chikago-Los Angeles-Frisko-Chikago“

aushängen -- zum halben Preis! Das war etwas für mich! Ich war ja nun

zwar kein Auswanderer, aber vielleicht konnte auch ich ein solches

Billett kriegen. Dazu kam noch die 20stündige Reise Boston-Chikago und

wieder zurück. Aber die konnte allein auch kein Vermögen kosten. So

war es. Ich behielt dabei immer noch die Hälfte meines Erbes für den

Tagesunterhalt. Lebte ich recht sparsam, so mochte es wohl bis nach

San Franzisko reichen. Wieviel konnte ich sehen, wenn ich so die ganze

Union in ihrer vollen Breite +zweimal+ durchfuhr! Leuchtend stieg die

große Reise vor meiner Phantasie auf! Fuhr ich öfters des Nachts, so

blieben die Tage um so freier zu Besichtigungen. Vor meinem geistigen

Auge tauchten schon die Niagarafälle, Chikago, die Indianerprärien,

der Mississippi, das Felsengebirge, die Wüsten Arizonas und Nevadas,

der Grand Cañon des Koloradoflusses, von dem ich schon geradezu

faszinierende Bilder gesehen hatte, das paradiesische Kalifornien,

der Pazifik, das vom Erdbeben zerstörte San Franzisko selbst, die

Mormonenstadt, der Große Salzsee und wer weiß was alles auf! Ohne

Zögern schritt ich tapfer in das Reisebureau hinein und erstand das

preiswerte „Auswandererbillett“, einen richtigen übermeterlangen

Fahrschein mit allen möglichen und unmöglichen Bahnstationen darauf

und der Berechtigung auf etwa 12000 ~km~ Eisenbahnfahrt! Mein Herz

hüpfte und zersprang fast vor Freuden: Einen ganzen Erdteil sollte

ich zweimal durchfahren! Wie viele in der Welt kamen mir gleich? In

Harvard staunten sie über meinen kühnen Entschluß. Denn es gab nicht

viele Amerikaner in Neuengland, die schon einmal bis nach Kalifornien

gekommen waren! Denn wer von uns Deutschen war am Kaukasus oder am

oberen Nil?

Mittlerweile war es langsam Frühling geworden. Vom Eise und Schnee

befreit waren Ströme und Bäche, als ich zur „Northstation“ in Boston

hinausfuhr in Richtung „Buffalo“! Der weitgereiste Freund Moore hatte

mir noch viele gute Ratschläge gegeben, Adressen und Reiserouten

empfohlen, mein japanischer Freund Mr. Ashida hatte noch einmal in

Boston mit mir zu Abend gegessen und gab mir das Geleit bis an den

Zug, dann war ich allein, ganz allein und fuhr dem „wilden Westen“ zu!

Beide Freunde konnten sich wohl am ehesten in meine Seelenverfassung

hineinversetzen, der eine durch seine weiten Fahrten als Dolmetscher

und Führer mit Cook bis nach Italien, Griechenland und Konstantinopel,

der andere kannte selbst den weiten Weg von Japan über den Stillen

Ozean, das Felsengebirge und die Mississippiebene nach Boston

herüber ...

Als wir fuhren, schaute ich mich zunächst in dem fürstlich

ausgestatteten Pullmannwagen um. Die Decke war wie in einem Salon.

Plüsch auf den Sitzen, auf die man zum Ausruhen die Beine legte (soweit

hatte ich mich auch schon amerikanisiert!). Hinter jedem Sitz brannte

zum bequemen Lesen eine besondere Glühbirne. Der Zug war gar nicht

besetzt. Wenige gelangweilte Zeitungsleser saßen auf einigen anderen

Plätzen in den Ecken und ließen bald ihre „~papers~“ zu Boden gleiten,

um selig zu entschlummern, Kaufleute, Geschäftsreisende, die gewiß wie

oft schon diese Strecke gefahren waren. Was ahnten die, was in meiner

Brust alles vorging und wie mir das Herz klopfte: „Nun hast du die

große Fahrt an den Stillen Ozean angetreten ...!“ An der Tür stand,

jedes Winks gewärtig, der Negerschaffner zur Bedienung. Ab und zu kam

der „~trainboy~“ und bot seine Postkarten, ein Dollaralbum für einen

halben Dollar an, Handschuhe, Süßigkeiten, Zeitschriften wie immer.

Langweilig konnte es mir auch ohne ihn nicht werden. Mir war alles

interessant, was ich sah; ich schaute gespannt hinaus, solange noch

etwas von der Landschaft zu erkennen war ...

Langsam senkte sich die Abenddämmerung nieder. Es war ein Nachtzug.

Wir fuhren durch historische Gefilde. Im Rauch der Großstadt und

ihrem unübersehbaren Häusermeer versank der schöne Frühlingstag.

Wir überquerten den Charles River und rasten zwischen dem langen

straßenreichen Sommerville, mit seinen unzähligen freundlichblickenden

weißgestrichenen Holzhäusern und ihren offenen Vorhallen und Veranden

dahin. Über die Dächer grüßte Fort Prospect Hill mit seinen steinernen

Zinnen und seinem wehenden Sternenbanner, ein stolzes Wahrzeichen aus

dem Unabhängigkeitskrieg. Der hohe weiße Obelisk auf Bunker Hill, wo

einst General Warren und Oberst Prescott vor anderthalbhundert Jahren

sich so lange siegreich gegen die Engländer behauptet hatten, blieb

zurück. Wir jagten an Arlington, den Arlington Heights und der Gegend

von Concord in seiner poetischen Einsamkeit vorüber. Sie waren mir

von meinen Fußreisen wohl bekannt. Im Rauch der Fabriken, Schiffe und

Bahnen der Boston-Bucht war inzwischen die Sonne hinabgesunken ...

Wir waren über Bostons nächste Umgebung hinaus. Hügel, Wälder und

Felder mit Obstbäumen, an denen sich schon das erste Grün hervorwagte,

wechselten miteinander. Aber so rechten Mut, hervorzukommen, hatte

das Grün an den Bäumen noch nicht. Denn wie oft bricht im April noch

Sturm und Schnee aus Kanada über Knospen und Blüten herein, die ebenso

schnell ein plötzlicher Sommer ablöst. Wie das Klima drüben die größten

Gegensätze aufweist, so sind auch die Menschen voller Kontraste. Das

hartwechselnde Klima hat sie rauh, aber auch energisch gemacht. Auch

hier machte das Land, wie einst zwischen Neuyork und Boston, vielfach

den Eindruck des Unfertigen. Wohlangebaute und wohlausgenutzte Felder

in unserem Sinn sah man selten. Wälder wechselten mit öder Steppe. Hier

und da tauchten Farmen auf, manchmal auch verlassene, wo die Ausbeute

sich nicht mehr lohnte. Aber man muß gerecht bleiben: Was in Europa

in einem Jahrtausend erreicht worden ist, dazu war ja hier nur ein

Jahrhundert Zeit zu Besiedlung und Urbarmachung eines Kontinents! So

sehen wir Europäer, die wir nur an kleine, wohlgeordnete Landschaften

gewöhnt sind, wo jeder Fußbreit jemandem gehört und seit Urväterzeiten

umgepflügt worden ist, leicht Unordnung, Schmutz, wüstliegendes Land,

Steine, verkohlte Baumstämme, unrationell abgeholzte Wälder, an deren

Wiederaufforstung man kaum denkt, und übersehen die vollbrachte

Leistung. Hier lag eine Mühle und da eine Faktorei, dort eine einzelne

Farm und drüben ein abgelegenes Landstädtchen. Der Zug hielt selten,

kaum alle dreiviertel Stunden oder alle Stunden einmal, manchmal noch

viel länger auch gar nicht ...

Wir fuhren mit etwa 50 Meilen Geschwindigkeit. Die Wagen sind so fest

und gutfedernd gebaut, daß man selbst bei langen Fahrten kaum etwas

vom Fahren merkt. Nur ein leichtes Rollen und ein leises Ächzen der

Wände verrät es. Das ist alles. Die Stationen enthalten zum Teil

allerlei Merkwürdiges. Namen: Amsterdam, Utica, Rome, Syrakuse, Genf,

Batavia! Alle diese Orte liegen im Staate „Neuyork“! An wundervollen

Gebirgsgegenden fuhren wir vorüber, Caatskill-Mountains und Berkshire

hills. Ach wer da überall wandern, die Aussichten sehen oder dort ein

Zelt für ein paar Wochen aufschlagen könnte! Aber dazu reichte meine

Zeit lange nicht. Da wären noch Pumas, schwarze Bären, Wildkatzen,

Rotwild, Füchse, Dachse, Adler, Wildenten, Reiher und Haselhühner zu

erlegen! Es ist die Gegend, wo einst die Mohawkindianer und Irokesen

dem vordringenden Trapper, der mühsam seinen schweren Karren mit seinen

Tieren durch die Täler trieb, hemmte, überfiel und erschlug, was ihm

der Weiße reichlich vergalt. Aber heute ist weder von Mohawks noch

Irokesen etwas zu sehen ... Nur einförmige Rauchwolken lagen über dem

Schienenstrang ...

Etwa um zehn Uhr fing der Schlafwagenschaffner, der Neger, in sehr

großer Gemächlichkeit und Seelenruhe an, unseren D-Wagen (die keine

Abteile haben, um etwaigen Überfällen leichter begegnen zu können!) in

einen Schlafwagen zu verwandeln. In äußerst praktischer Weise werden

dazu von oben und unten Betten heruntergeklappt und hervorgezogen,

und es wird Raum zum Schlaf für 32 Passagiere! Große grüne Vorhänge

werden vor die Betten gehängt, hinter denen man sich -- Männlein und

Weiblein -- ungeniert entkleidet. Ich klomm wie in der Schiffskabine

mittels einer kleinen Leiter wieder in eins der +oberen+ Betten empor.

Denn man hat da viel mehr Raum zum Auskleiden, was einem oben sogar

im Aufrechtsitzen gelingt. Unten dagegen geht es ohne Kopfanstoßen,

vergebliches Hüpfen, Lupfen, Ziehen und Zerren nicht ab. Auch glaubte

ich mich oben gegen etwaiges Bestohlenwerden im Schlafe sicherer. Die

Wertsachen, Uhr und Scheckbuch, barg ich unter meinem Kopfkissen oder

am Fenster ... und legte mich dann ruhig aufs Ohr schlafen.

Bald verrieten rings überall regelmäßige Atemzüge, daß die meisten

schon entschlummert waren. Die Glühlampen waren bis auf wenige

ausgelöscht ... Einsam rollte unser Zug aufwärts durch die Nacht. Nur

hier und dort blinkte ein Lichtlein ... mit Dampf und Gekeuch ging es

das Mohawktal hinauf. Mit ziemlicher Gewalt trommelte dabei die aus

der schwer arbeitenden Lokomotive geschleuderte körnige Asche auf das

Wagendach und ließ noch nicht so bald ruhigen Schlaf aufkommen ... Ich

hörte, wie wir in der Hauptstadt des +Staates+ Neuyork, in Albany,

hielten am oberen einzig schönen Hudson. Auch hier mußte ich es mir

versagen, auszusteigen. Immerfort ging es in die Nacht hinaus! Wie

verschieden die Menschen doch zu Zeiten gereist sind! Zu Fuß, zu Pferd,

auf dem Esel, in der Sänfte, in der alten rumpelnden Postkutsche, auf

dem Segel- und Dampfschiff, und nun im Schlafwagen oder im eigenen

Ford-Auto. Es war schön, so ruhend und schlafend durch eine fremde Welt

gerollt zu werden! Es war ein eigenartiges Bewußtsein für mich: Da

draußen kennt dich kein Mensch, und du da drinnen kennst auch keinen!

Wie anders reist der Spekulant, der Geschäftsmann, der Landaufkäufer,

der Farmer, der Hochstapler, der Tourist, der Novellist, der Student!

Wie schön, mit frohem Gewissen und geschwellter Brust und klopfendem

Herzen zu reisen, immer neuer Eindrücke gewärtig ... Um Mitternacht

fielen mir endlich doch die Augen zu ...

Als ich wieder erwachte, war es schon heller schöner Morgen. Ich hatte

ganz gut eine Reihe von Stunden geschlafen. Nebel wallten im Mohawktal.

Wir fuhren jetzt abwärts. Ringsum frühlinghaftes Land und Sonnenschein.

Aber im Schlafwagen hatte sich eine recht stickige Luft gesammelt.

Einige erhoben sich schon und wandelten mit struppigem Haar oder -- je

nachdem -- in langen Zöpfen halb angekleidet zu den Waschräumen am Ende

des Wagens, wo einer nach dem anderen recht ungeniert im fahrenden Zug

Toilette machte, ähnlich den Polonäsen vor den ~bath-rooms~. Dörfer

flogen währenddem draußen vorüber, aber meist wahllos, ordnungslos

gebaut. Man sah Holzhäuser, nirgends Backsteinbauten. Auch die Schienen

liefen über feste Holzbohlen. Was mußten hier die Wälder einmal alles

hergegeben haben! Dürftige Holzgatter hielten das Vieh zusammen. Kleine

Tümpel, Wäldchen; kleine äußerst einfache Holzkirchen mit goldenem

Kreuz oder Knauf. Häßliche Reklameschilder an den Scheunen ...!

Wir näherten uns Buffalo am Lake Erie, einem jener großen Seen oder

besser Binnenmeere, die unserer Ostsee gleichen. 440 Meilen, also

etwa die Entfernung Frankfurt-Hamburg, hatte ich schon in der Nacht

durchfahren. Gegen acht Uhr früh dampften wir langsam über eine Brücke,

deren Einsturz bald erwartet wurde! Die Bahn ist versichert -- das

genügte der Bahngesellschaft! Früher hat man Brücken über Schluchten

zuweilen einfach auf gekappte Bäume gebaut, solange sie hielten ...

Ich war in der „Büffelstadt“, in der 1901 Präsident McKinley ermordet

wurde. Viele Deutsche wohnen in ihr. Nicht ganz ausgeruht, aber froh

der allmählich unerträglichen Luft des Schlafwagens entronnen zu sein,

verließ ich den Pullmann und reckte die steifen Glieder ...

Buffalo machte auf den ersten Anblick einen etwas düsteren Eindruck.

Ich entdeckte nichts Besonderes in ihm. Wer aus dem lärmenden Neuyork

und dem gebildeten Boston mit seinem „~fascinating~“ Harvard College,

wie mir eine alte weißhaarige Dame, die Mutter eines Privatdozenten in

Harvard, begeistert rühmte, kommt, dem haben mittlere Großstädte, wie

Buffalo, die reine Geschäftsstädte sind, nicht viel zu sagen.

Kühn kann man behaupten, man mag einen unversehens in eine

Geschäftsstraße in Neuyork, Chikago, San Franzisko, Buffalo oder St.

Louis stellen -- und er wird kaum zu sagen wissen, wo er sich befindet.

Eine ungeheure Gleichförmigkeit liegt über allen amerikanischen

Großstädten. Völlig gerade und geradlinig einander schneidende, oft für

den Fußgänger schier endlose Straßen, gleich abgezirkelte Häuserblocks

mit ihren Warenhäusern und Wolkenkratzern, deren wenigstens ein

paar sich in jeder großen Stadt finden, machen jedes Stadtbild zum

Schema. Man findet keine individuellen Straßennamen, das macht die

Charakterlosigkeit des Städteeindrucks vollkommen. In der Mitte der

Stadt liegt stets irgendwo die „City Hall“, das Rathaus, oder auf einer

Anhöhe das Staatskapitol mit einer meist stattlichen Kuppel; dazu

irgendwo ein größerer Park; in der Stadt selbst sind außer wenigen

„Squares“ meist keine größeren öffentlichen Plätze vorhanden, die die

Architektur der öffentlichen Gebäude zu voller Wirkung kommen ließen.

Die Theater sehen von außen auch oft wenig imponierend aus und sind

wie die meisten Kirchen in die Häuserfronten hineingebaut, damit das

Riesenschachbrett der Häuserblocks ja nicht irgendeine malerische

Unterbrechung erfährt. Fast in allen Hauptstraßen fahren wie bei uns

elektrische Straßenbahnen, deren Wagen aber meist länger und schwerer

sind als bei uns; irgendwo rasselt auch eine Hochbahn ohrenbetäubend

auf ihren Eisengerüsten daher und nimmt das letzte Licht, das die

Wolkenkratzer noch in den Straßen gelassen haben, hinweg, oder in

unterirdischen Tunneln braust ein ~subway~, der hier und da wie ein

geheimnisvoller Maulwurf seine Hügel in den Straßen in Gestalt kleiner

gläserner Eintrittshallen zu den unterirdischen Stationen aufgeworfen

hat. Zeitungsjungen laufen die Straßen entlang und schreien ihre

~papers~ aus, die in riesigen roten Lettern irgendeinen Streik, ein

Schiffsunglück oder einen Mordprozeß ankündigen, meist mit viel

Übertreibung. Sind irgendwo ein paar Arbeiter ausständig, so heißt

es in der Zeitung „~big strike and riot~“. Ehescheidungsprozesse,

Sensationen, Brände, Gesellschaften der Society-Leute,

Gerichtsverhandlungen und Sportnachrichten nehmen fast allen Raum ein.

Das Politische kommt oft recht zu kurz oder ist in kleine persönliche

Geschichtchen zerstückelt. Automobile tuten an allen Ecken, Schutzleute

mit Pfeifchen dirigieren den Verkehr an den Straßenkreuzungen. Das ist

so der äußere Eindruck der amerikanischen Großstadt, auch Buffalos.

Darüber hinaus weiß ich von Buffalo nicht viel Individuelles zu

erzählen. Alles Historische fehlt ja in Amerika, zumal wenn man

den Osten verläßt. Dann steht man überall auf allerjüngstem Boden.

Man kann in Amerika nirgends nach alten Schlössern und malerischen

Stadtumwallungen, nach zackigen Türmen oder gotischen Kathedralen,

nach historischen Gebäuden und alten Rathäusern, selbst nicht überall

nach Kunstgalerien und weltberühmten Museen forschen. Alles das fehlt!

All der historische und geistig kulturelle Zauber, wie ihn eine

tausendjährige Geschichte über die Städte Europas gebreitet hat, fehlt:

Hier ist weder ein Florenz noch Rom, weder Straßburg noch Nürnberg,

weder Paris noch London. Eins ist hier allbeherrschend, das ist der

„~Busineß~-Geist“. Hier ist Pionierland und immer noch quantitative

Anfangskultur. Die amerikanischen Großstädte, vielleicht eine einzige,

Washington ausgenommen, sind Geschäftsstädte.

So war in Buffalo selbst nicht viel, was mich anzog. Ungeheuer

schnell ist es in wenigen Jahrzehnten emporgewachsen. Vor dreißig

Jahren sind noch viele Deutsche hier eingewandert. McKinley wurde,

wie gesagt, hier ermordet, und ein Indianerhäuptling hat hier ein

Denkmal in einem Friedhof der Stadt. Das ist seine Geschichte. Ich

nahm deshalb am Bahnhof sofort die Straßenbahn, um hinaus zu den

+Niagarafällen+ zu fahren. Einkehr hielt ich nahe den Fällen in einem

schlichten deutschen Pastorat, wo deutsche Familiengemütlichkeit mich

wundersam in der amerikanischen Umgebung umfing. All das Unruhige

der reklameschreierischen Großstadt, alle die Läden und Banken,

Trust-Compagnies und Warenhäuser samt den Alleen der Vorstädte und

ihren oft hübschen Wohnsitzen blieben hinter mir, und ich suchte

meine Zuflucht für einige Stunden wieder einmal auf einem Fleckchen

Deutschland, wo ein deutscher Professorensohn und eine deutsche

Professorentochter als deutscher Pfarrer und Pfarrfrau neben ihrer

netten, aber doch bescheidenen Holzkirche hausten ...

Die beiden Pfarrersleute sind auf eine merkwürdige Weise dahingekommen.

Er hatte nie in Deutschland richtig sein Abitur gemacht, sondern

war nach seiner Ausbildung auf einem Seminar (um zuerst Missionar

zu werden) „hinüber“ gegangen samt seiner Braut, der einzigen

Tochter eines bekannten Nationalökonomen in einer Universitätsstadt

Mitteldeutschlands, so wie er auch der Sohn eines bekannten

Universitätstheologen derselben Stadt war. Sie hatten von Jugend auf in

derselben Straße miteinander gespielt und sich früh kennen und lieben

gelernt. Die Eltern wollten die Verbindung beider erst nicht recht

zugeben. Auch daß der Heidenmissionar zum smarten Amerikaner wurde,

paßte ihnen gar nicht. Aber allemal ist der Wille der Kinder ja stärker

als der der Eltern. So fuhren sie ohne große Mittel und ohne zu wissen,

wohin und wo bleiben, übers große Wasser und fanden wie alle drüben

ihren Platz. Erst wurde er Pastor einer deutschen Gemeinde in Illinois,

dann in Iowa mit nur etwa 250 Dollar Jahresgehalt. Und nun hier am

Niagarafall. Eine solche kleinere Gemeinde setzt echt amerikanisch

voraus, daß ihr trotz seiner kleinen Gemeinde viel beschäftigter Pastor

noch allerlei Nebenerwerb betreibt, mit dem er das Fehlende seines

Gehalts selbst dazu verdient, wobei kein Arbeitszweig schändet.

Traulich war es wieder einmal an einem deutschen Familientisch zu

sitzen und wieder einmal deutsch zu reden. Freilich die in Amerika

geborenen Kinder des Pastors empfanden ganz amerikanisch und sprachen

untereinander nur englisch; nur den Eltern antworteten sie noch aus

schuldiger Rücksicht deutsch. Aber auch der Hausfrau entschlüpften dann

und wann in ihrer deutschen Unterhaltung die englischen Fachausdrücke:

„Bitte, kommen Sie in den ~parlor~!“ (Empfangszimmer). -- „Hier hat

uns der Maler die Stube gepaintet“ (~paint~ malen). -- „Wünschen Sie

noch etwas ~jam~?“ (Gelee). -- „Nicht wahr, in Buffalo ist auf den

Straßen immer ein mächtiges ~crowd~?“ (Gedränge). In diesem Stil ging

es fort. Aber wie erfreut waren sie doch, daß ich, obwohl so ganz

unangemeldet, zu ihnen kam! Ich kannte des Hausherrn Schriften und

konnte ihm erzählen, daß ich noch bei seinem Vater an der Universität

Vorlesungen gehört hatte! Dann tauschten wir gemeinsame Erinnerungen

an Saalefahrten, deutsche Studentenverbindungen, und über Deutschland

im allgemeinen aus. Er wußte nicht genug die Treue und Anhänglichkeit

seiner Gemeindeglieder, die alle aus einfachem Stande waren, deutsche

Holzarbeiter, Zimmerleute, Straßenbahner usw., zu rühmen, etwa 150

Familien, die die ganze Kirche samt Pastor unterhielten. So hatte ich

auch in dem Schaffner der Straßenbahn, die mich hinausführte, einen

alten Württemberger entdeckt. Aber keiner von ihnen allen wollte wieder

in die alte Heimat zurückkehren!

Als ich mit dem deutschen Pastor in seiner kleinen hölzernen Kirche

stand, wie rührend überkam mich da die Schlichtheit, die mich umfing!

Die einfachen Bänke und die Kanzel und der Sonntagsschulsaal und

die bescheidenen Gemeinderäume ...! Sogar eine große Küche war

hinten angebaut, wo allmonatlich eines Abends für Arme eine eigene

„patentierte“ dicke Suppe gekocht wurde, die außen an der Kirche

durch ein aushängendes Schild der Gemeinde und den Umwohnenden

angezeigt wurde. Sie war außerordentlich beliebt und wurde gern

gegessen und gekauft. Aus diesem Suppenabend sprang dann meist noch

ein beträchtlicher Gewinn für die Gemeindekasse heraus! Die Gemeinden

drüben fühlen sich viel mehr als Familie als bei uns. Man kennt

einander genau. Man pflegt aber auch öfter die Kirche zu wechseln.

Die Kirche ist oft der einzige Zusammenschluß, den man hat; sie

vertritt die Gesellschaft. Nun ist aber die Erhaltung speziell der

deutschen Kirchen ein großes Problem. Die zweite und dritte Generation

ist ja fast immer schon völlig amerikanisiert und versteht oft kaum

noch Deutsch. Die „deutschen“ Kirchen können auf die Dauer daher nur

als Missions- und Übergangskirchen für die Einwandernden angesehen

werden. Denn alle Nationalitäten amerikanisieren sich hier über kurz

oder lang völlig. Der deutsche Charakter, Gemüt und Tüchtigkeit mag

sich auch unter der englischen Zunge erhalten oder ein Ferment in dem

sich bildenden amerikanischen Nationaltypus sein. Aber ausgeprägtes

Deutschtum als solches und als Bestandteil für sich hat auf die Dauer

im amerikanischen Volkskörper wenig Zukunft. Nicht anders ergeht es dem

Irischen, Italienischen oder Griechischen drüben.

Am Nachmittag machte mein Gastgeber sich mit mir auf den Weg, mir eines

der imposantesten Naturschauspiele der Erde zu zeigen, die es gibt, den

+Niagarafall+. Der Niagara selbst ist ein breiter, nur einige Meilen

langer Flußkanal, der den Eriesee mit dem Ontariosee verbindet. Auf

halbem Wege stürzt dabei der imposante Fluß über eine fast anderthalb

Kilometer breite und 50-60 Meter hohe Felsenwand hinab in zwei durch

eine breite Insel geschiedenen nebeneinanderliegenden Fällen. Seit

meiner Jugend klang mir das alte indianische Wort „Niagara“ wie ein

Zauber im Ohr. „Niagara“, Donner der Gewässer, ist nicht das einzige

indianische Wort, das sich erhalten hat.

Wie würde der Niagara wohl aussehen? Ich erinnere mich wohl, Bilder

von ihm in früheren Jahren gesehen zu haben, aber sie waren mir doch

nicht mehr ganz deutlich in Erinnerung. Nun sollte ich ihn selbst in

Wirklichkeit sehen. Sagenumwoben sind seine „donnernden Gewässer“;

jährlich verschlingen sie zwei Opfer nach der indianischen Sage, und

jährlich muß nach altem Glauben ein reines Mädchen im gebrechlichen

Kanoe den Fall hinuntergesandt werden, aus dem sie nimmer lebend

entrinnt, um die Geister des Stromes günstig zu stimmen! Jährlich

-- aber das ist die rauhe Wirklichkeit -- verschlingt der Niagara

mehrere Menschen, die in ihm verzweifelt den Tod suchen und von seiner

schauerlichen Macht magisch sich angezogen fühlen. Die Geliebte eines

modernen deutschen Dichters und Dramatikers stand am Rand des Falls

und war so in seine brausende Gewalt versunken, daß man sie mit Gewalt

davor bewahren mußte, sich nicht auf der Stelle in ihm den Tod zu

geben. Andere fühlten sich zu den tollsten Wagnissen gereizt; auf

Drahtseilen haben Seiltänzer die Fälle überschritten, in einem Faß hat

sich einer die Stromschnellen hinabtreiben lassen und ist mit dem Leben

davongekommen, und hat fortan seinen Lebensunterhalt damit verdient,

daß er sich mit seinem Faß für Geld sehen ließ!

Wir hatten uns erst durch die Stadt „Niagara Falls“, die sich dicht

an den Fällen angebaut hat, samt all ihren Hotels, Basaren, Ständen,

Droschken, Autos, Führern und Händlern durchzuwinden, -- ach, daß in

aller Welt Händler und Marktleute die gewaltigen Naturschönheiten

gerade als ihren besonderen Raub betrachten und, während man sich von

dem „Donner der Gewässer“ betäuben lassen möchte, einem unaufhörlich

mit Donnerstimme ihre oft unschönen Ansichtskarten anpreisen und einem

als Führer fast den Weg versperren! -- bis wir auf einmal wunderbar

frische Luft atmeten, ein feiner Wasserstaub herübersprühte, ein

ungeheures Donnern, das mit jedem Schritt zunahm, sich hörbar machte,

-- wir waren in den Anlagen dicht an den Fällen! Noch ein paar

Schritte, und links bot sich der erste Blick auf den amerikanischen

kleineren Fall. Von oben gesehen übt er nicht seine volle Wirkung.

Geht man aber tief bis auf das Niveau seines unteren Endes hinunter,

so spürt man erst die erdrückende Gewalt der herniederdonnernden

Wassermassen.

Nun bot sich uns bei unserem Besuch noch ein besonders eigenartiges

Schauspiel. Es war Anfang April. Die Sonne schien freundlich warm.

Rings sproßte es in tiefem, frischem Grün an Baum und Strauch: Weite

Wiesenflächen zwischen Baumgruppen in entzückendem Grün -- aber im

Niagarastrom war noch Eis und Schnee. Wie ein mächtiger Gletscher

türmten sich die Schnee- und Eisschollen vom noch weithin zugefrorenen

Flußbett den donnernden, schäumenden Wassern entgegen. Man konnte sich

auf dem Eis am Ufer ein Stück weit auf den Fluß hinauswagen und trotz

der warmen Frühlingssonne eine Schnee- und Gletscherpartie unternehmen,

Schneehügel emporklimmen und sich von den Wolken voll Wasserstaub

überschütten lassen und von unten hinaufsehen zu den unablässig

herniederstürzenden und wieder aufschäumenden Wogen. Es gibt viele

großartige Wasserfälle in der Welt, in der Schweiz und in Italien; aber

der Niagara übertrifft sie doch alle weit mit der ungeheuren Masse

seines Wassers. Den überwältigendsten Eindruck macht der kanadische

Fall, der noch dreimal so breit als der amerikanische und von ihm durch

die breite Felseninsel völlig geschieden ist.

Aus der Gletscherregion stiegen wir wieder empor in die

Frühlingssonnenwärme und zu den frischen grünen Wiesen hinan -- ein

Kontrast, wie man ihn nur an einzelnen Punkten in den Alpen erleben

kann, wo ziemlich plötzlich der letzte Schnee den grünen Matten Platz

macht. Wir nahmen unseren Weg nun hinüber auf die breite, waldige,

jetzt wohlgepflegte Insel „Goat Island“, die die beiden Fälle

voneinander scheidet. Auf sanften Wegen kann man hier sich jetzt zu Fuß

und Wagen ergehen. Aber wie muß es einst hier gewesen sein! Als noch

keine Eisenbahnbrücke den Strom überspannte, noch keine Geschäftsstadt

sich am Fall angebaut hatte, noch keine Fabriken ihre rauchigen

Schornsteine über die Felsen reckten, gierig, die unausschöpfbaren

Urkräfte zu nutzen, als dichter, schier undurchdringlicher Urwald die

Ufer und diese Insel säumte, die wohl vermutlich nie ein menschlicher

Fuß betrat, als nur hin und wieder ein Indianer scheu das Dickicht

durchbrach und mit Entsetzen diese donnernden Gewässer erschaute und

zitternd die Kunde ins Dorf und zu dem Stamm brachte und man dann in

Haufen aufbrach, die Wunder der Götter und Geister zu schauen und

den Donner ihrer Stimme zu vernehmen, und der Häuptling, am Fluß

angekommen, in vollem Schmuck die Zweige auseinanderbog und der

Majestät der Natur ins Auge schaute ...

Das obere Ende dieser „Ziegeninsel“, der vier kleine Felsinselchen

vorgelagert sind mit den poetischen Namen „~Three Sisters and little

Brother~“, eröffnet einen ganz unerwarteten Blick auf den riesig

breiten Niagarafluß oberhalb der Fälle, wo er mehrere Kilometer breit

mit seinen schäumenden, rauschenden Stromschnellen und seinen darüber

kreisenden Möwen fast den Eindruck eines wogenden Meeres macht. Rollend

und brausend rauscht der gewaltige Strom, mit Eisschollen bedeckt, die

in den Fällen an den Felsen zerschellen, daher, ein tobendes Gewässer.

Nur noch wenige hundert Meter -- und die Wasser neigen sich über die

Felskanten hinab im tosenden Fall ...

[Illustration: ~NIAGARA~

~Der amerikanische Fall, vereist~]

[Illustration: ~CHICAGO~

~Chicago’s Wasserfront am Michigansee~]

Den Niagarafluß, oder besser gesagt die Niagaraschlucht, unterhalb

der Fälle entlang hat man auf beiden Seiten eine elektrische Ringbahn

gebaut, die auf gefährlichem Pfad, dicht zwischen dem tosenden Fluß

und den steil abstürzenden Felsrändern hinführt und den besten Blick

auf die Stromschnellen unterhalb der Fälle gewährt. Der oben mehrere

Kilometer breite Strom wird unterhalb der Fälle in eine enge, noch

nicht hundert Meter breite Felsschlucht zusammengezwängt, in der

er eine furchtbare Tiefe annimmt und in der sich die Wasser mit

unablässigem Schäumen und vielen mächtigen wilden Strudeln fast konvex

zusammentürmen und -zwängen, bis sie in einen fast kreisrunden Teich

gelangen, den sogenannten „Whirlpool“, wo sie ans Land spülen, was

sie in ihrer tollen Fahrt über die Fälle mit heruntergerissen haben,

es seien Baumstämme oder Menschenkörper. Auf leichtbeschwingter

Brücke -- es führen deren einige in mehr oder weniger vollendeter

Eisenkonstruktion über die Felsschlucht -- setzt die Gürtelbahn über

den Strom und führt durch schöne Haine von hohen Lebensbäumen, aus

denen sich ein entzückender Rückblick auf den sich wieder in sanfterem

Hügelland verbreiternden Fluß und die in duftigem Dunst leise sich

andeutenden Uferlinien des Ontariosees ergibt, hinauf zu der stolzen

Denksäule des im amerikanischen Krieg 1812 gefallenen englischen

Generals Brockes. Auf der wohlangelegten, von der amerikanischen

wohl abstechenden kanadischen Seite geht es dann durch gut gepflegte

Parkanlagen, die noch manchen reizvollen Blick hinunter auf die

Stromstrudel und hinüber auf die amerikanischen Felsen mit ihren wie

Hephästus’ Werkstätten rauchenden und feuerspeienden Eisenwerken

bietet, zurück zum kanadischen Fall. Je näher ich ihm wieder kam,

bis ich seine ganze ungeheure, an einen Kilometer fast fassende

Breitseite, die mit immer neu aufsteigenden, fast undurchdringlichen

Wasserstaubwolken geheimnisvoll verhüllt ist, vor mir hatte -- da war

ich von der Macht der brausenden, mit ihrem verhaltenen gebrochenen,

wie von Bergsprengungen herrührenden Donner doch überwältigt. Was

ich beim amerikanischen Fall noch vermißte, das fand ich hier alles.

Diese ungeheuren Gewalten, die sich hier entfalten, lassen sich nicht

beschreiben. Unausstehlich war nur das Gehämmer der Bohrarbeiter in

der Nähe an den Felsen herum, ihre schrillen Pfiffe, das Surren der

Maschinenräder, fortgesetztes Hämmern und Klopfen. Aber was bedeutet

all dies menschliche Kratzen und Pochen an dem Urgestein gegenüber der

Macht, die da drüben seit Jahrtausenden täglich sich frei auswirkt?

Man kann auch in die Felshöhlen unter dem amerikanischen Fall mit

Führer auf schwankenden Treppen und Stegen gelangen, wobei die

Teilnehmer ganz in Gummi gehüllt sich -- soweit schwindelfrei -- an den

Händen fassen. Aber erstens war zu meiner Zeit noch alles vereist, und

zweitens hätte ich mir doch überlegt, ob ich meine Nerven riskieren

soll. --

So fuhren wir wieder heim ins Pastorat. Auf der Elektrischen traf ich

am Bahnhof einen Westpreußen aus Elbing. Er fragte mich, wie mir die

Fälle gefallen hätten? Aber diese Frage war immer noch verständiger

als die andere, ob man in Deutschland auch schon Dampfheizung oder

elektrisches Licht und Straßenbahnen und Automobile habe, ob auch hohe

Häuser und große Läden da seien, und wie schnell die Bahnen führen, ob

sie so gut und bequem seien wie in Amerika, und ob man im Winter auch

wirklich warme Zimmer habe! Die ausgewanderten Deutschen kennen oft nur

noch ihr Deutschland von vor fünfzig Jahren, da man bald noch mit der

Post fuhr und Petroleumlampen brannte, und nun meinen sie, das gelobte

Land Amerika allein besitze Technik und Kultur in der Welt!

Die nächste Nacht schlief ich wieder einmal in einem weißüberzogenen

Bett bei den gastfreien gütigen Landsleuten. Mit dem Frühesten

ging es wieder nach Buffalo hinein, wo gegen acht Uhr der Zug

nach Chikago abging, der über Detroit dort abends um elf Uhr (!)

eintreffen sollte! Diesmal bestieg ich nicht den Pullmann, wo man Bad,

Schreibtisch, Telephon, Barbiersalon usw. benutzen kann, sondern einen

Auswandererzug der billigeren Wabashlinie, deren große D-Wagen mit

auszieh- und drehbaren plüschbezogenen Lehnstühlen auch noch bequem

genug ausgestattet waren. Auch in ihm konnte man nach Belieben sitzen,

liegen, essen und schlummern. Die Fahrt war dementsprechend billiger,

zwar auch dafür ein klein wenig langsamer. Aber ich hatte ja Zeit.

Also in fünfzehn Stunden von Buffalo nach Chikago! Die Mitreisenden

waren aus einfacheren aber mir interessanten Ständen: Einige handfeste

Schweden mit Familien saßen im Wagen. Den großen starken Menschen

hing zwar -- wenig amerikanisch! -- hinten das Blusenhemd aus dem

Hosengürtel. Das kümmerte mich aber wenig. Neben mir aßen sie

faustdicke Brotscheiben mit fingerdickem Käse darauf. Das kümmerte

mich schon ein wenig mehr! Obwohl Amerika vom schönsten Obst förmlich

birst, kosteten doch zwei Äpfel im Zuge beim ~trainboy~ 10 Cent (50

Pf.)! An jeder Wegkreuzung prustete die Lokomotive keuchhustenartig

ihr Warnungssignal in die Ferne. Auch dieser Zug hielt selten, die

Stationsbahnhöfe -- natürlich Detroit ausgenommen -- waren merkwürdig

primitiv.

Die donnernden Gewässer des Niagara lagen hinter mir. Langsam rollten

wir über die lange Brücke, die den Strom überspannt, ins englische

Kanada hinein. Von einer Zollrevision merkte man fast nichts. Dann

gings durch unendliche Ebenen, die sich nun ohne Unterbrechung

Tausende von Meilen weit bis an die Rocky Mountains erstrecken. Diese

unendlichen Ebenen des Mississippistromgebietes sind die Quellen

von Amerikas Reichtum. An den Seen gibt es Kohle, Eisen, Kupfer und

Blei, in den „Weizenstaaten“ vermag soviel Korn zu wachsen, um die

ganze Menschheit zu ernähren. Farmland an Farmland. Hier besitzt man

nicht zwei, drei Äcker, sondern 500 bis 1000 „~acres~“, deren jeder

einen halben Hektar ausmacht. Wie muß sich hier der deutsche Bauer

fühlen, der aus den engen Grenzen seiner alten Heimat kommt! Eins

ist es hier vor allem, das jeden Fremdling in Erstaunen setzt, die

Ungeheuerlichkeit des Landes; wohl an zwanzig Deutschland gehen ja auf

den Flächenraum der Vereinigten Staaten, die eher mit einem Kontinent

denn mit einem einzigen Land verglichen werden müssen. Der Staat

Texas allein übertrifft unser Deutsches Reich an Größe, und viele

der großen westlichen Staaten kommen ihm an Größe fast gleich. Reist

man bei uns Stunden, um das halbe Land zu durchqueren, so hier Tage.

Und doch zählt die Union erst hundert Millionen Einwohner. Welche

Zukunft und welches Bevölkerungswachstum mag ihr noch bevorstehen! So

wächst hier der Unternehmungsgeist und die Energie ins Fabelhafte.

Ungeahnte Möglichkeiten und Chancen tun sich überall auf. Alles das

ist faszinierend für den Auswanderer, der sich hier ein neues Leben

und sein Glück sucht. Die alten Brücken zur Heimat werden zunächst

abgebrochen. Der Anfang ist zwar schwer, bis man sich in die neuen

Verhältnisse und die neue fremde Sprache eingelebt hat, aber dann, nach

fünf, zehn Jahren beginnt man Boden unter den Füßen zu fühlen. Stolz

sucht man jetzt von dem Erfolg in die Heimat zu berichten, die alten

Fäden wieder anzuknüpfen. Bald geht man ein-, zweimal selbst wieder

übers Meer, die alten Verwandten wieder zu sehen, und ihre eisernen

Öfen, die harten Holzbänke in der langsamen Eisenbahn und das Fehlen

des Badezimmers mit warmem und kaltem Wasser zu verspotten und sich

zu freuen, wenn man wieder in den blauen Hafen Neuyorks einfährt, die

Wolkenkratzer ihre Konturen am Himmel abzeichnen, die Freiheitsstatue

ihre Fackel über die Bai reckt und man den Fuß wieder in das gelobte

Land des Dollars setzen kann.

Das amerikanische Leben ist ja auch ungeheuer beweglich. Der Vater war

vielleicht noch deutsch und ein rechter Bauer, der Sohn geht schon

aufs Kollege, ist Amerikaner und siedelt sich in der Großstadt an oder

geht weiter westwärts. Typisch ist dieser Zug für Amerika „westwärts“

zu gehen. Von Anbeginn ging man „westwärts“, erst den Hudson hinauf,

dann über die Berge an die Seen, dann bis Chikago, dann schritt man

über den Mississippi, und dann wagte man sich in die Rockies, und

schließlich faßte man Fuß in Kalifornien. Scherzweise hat man gesagt,

der Amerikaner will in keinen Himmel kommen, wo man nicht weiter

„westwärts“ gehen kann. Das 18. Jahrhundert lebte im wesentlichen

noch im Osten in den dreizehn alten Staaten, das neunzehnte faßte Fuß

in den ungeheuren Mississippiebenen, das zwanzigste wird den Westen

kultivieren. In Ägypten schauen vergangene Jahrtausende von den

Pyramiden auf ein starres Land herab, in Amerika schauen +kommende+

Jahrtausende von den Wolkenkratzern auf ein ungeheuer bewegliches

und vielgestaltiges Leben. Hier ist alles anders als in den alten

Ländern. Hier genoß kein König und Kaiser Ehrerbietung, hier war

keine Kirche, die vom Staat ihre Steuern eintreiben läßt, hier waren

keine Stände mit besonderen Vorrechten, keine Orden, die den Beamten

schmücken. Frei war das Volk, frei der Mann in seiner Selbstachtung

und der Achtung anderer, völlig auf sich selbst und seine Arbeit

angewiesen und darauf, wieviel er selbst aus sich machen kann ohne

Pension und Altersversorgung. Daher auch die Jagd nach dem Geld. Selbst

die Politik und die öffentlichen Ämter sind oft ein Spielball in der

Hand derer, die möglichst viel für die eigene Tasche herauszuschlagen

suchen. Ungeheurer Reichtum überall. Schnellste Lebenskarrieren, vom

Straßenjungen, der Zeitungen verkauft, auf zum Inhaber der größten

Zeitung in einer Großstadt, vom Farmerkind zum Professor in Harvard.

War nicht Roosevelts Karriere eine der typischsten? Kaum vom Kollege

graduiert, ist er schon Magistrat in Neuyork; wenige Jahre später ohne

jede militärische Laufbahn Reiteroberst und Sekretär der Marine und

bald darauf Präsident des Landes! Man wechselt und wandert, wie es die

Gelegenheit gibt, heute Student, morgen Professor, heute ~clerk~ und

morgen ~trustee~, bald im Osten, bald im Westen. So hat sich in den

Vereinigten Staaten kein Provinzialismus und wenig Gauindividualität

entwickeln können, und Dialektunterschiede existieren fast nicht oder

sind wenigstens mit den ausgeprägten in den europäischen Ländern gar

nicht zu vergleichen. Die ganze Union spricht +eine+ Sprache.

Indessen fuhren wir durch die sich überall ungeheuer gleichenden

Ebenen Stunden für Stunden. Eine Abwechslung bot nur der kleinere Lake

St. Clair mit seinen gelbbraunen, sich ins Uferlose erstreckenden

Wasserflächen, über denen schwere Regenwolken hingen. Ein paar

Fischerhütten am Strand, eine kleine Steinkirche zeigte sich; unter

grünen Pappeln ein steinernes Häuschen. Am Strand ein altes Kanoe und

ein paar Männer, die ihre Netze ausgeworfen hatten. Auf dem Flurland

dicht neben der Bahn ein Farmer mit seinem Pflug. Die Pferde bäumten

sich wild auf, als der Zug vorbeibrauste. Indessen turnte der schwarze

Kellner aus dem Speisewagen den Mittelgang der Wagen entlang und rief

monoton sein ~first call for „luncheon“~ aus. So kamen wir um Mittag

nach Detroit. Die amerikanischen Zolloffiziere gingen durch den Zug.

Auf einem Trajekt setzten wir über den Endzipfel des Sees. Dann ging

es wieder weiter durch endlose Strecken Michigans und Indianas gen

Chikago, wieder auf amerikanischem Boden.

Hie und da lag eine einsame Station, alle halbe oder ganze Stunden.

Überall war fruchtbares Ackerland, das wohlgepflegter aussah, als um

Buffalo. Es wohnen hier viele Deutsche. Hie und da an der schlechten

Landstraße, die neben der Bahn herlief, ein Blechpostkasten einer

entfernten Farm, der als Briefablage und -aufgabe zugleich dient.

Kleine Haine, übel zugerichtet. Hier existiert ja keine Forstpolizei,

und erst neuerdings gibt es Staatsschutz für den Wald.

So wurde es Mittag und Nachmittag und Abend, und noch immer dieselbe

Landschaft. Fast alles noch braun und dürr, weil es noch früh in der

Jahreszeit war. Hie und da ein blühendes Bäumchen auf der Flur wie

ein Kuß Gottes auf die Frühlingserde. So wurde es Abend und Nacht. Am

Himmel standen hell und klar die Sterne, dieselben Sterne, die jetzt

auch über Deutschland standen. Im Wagen schliefen schon die meisten;

die bequemen Chairs gestatten es, sich weit zurückzulehnen. Und als

wir uns endlich nach fünfzehnstündiger Fahrt Chikago näherten, war es

fast Mitternacht geworden. Viele hellerleuchtete Vororte flogen an

uns vorüber. Elektrische Lampen erhellten die Bahnhöfe, Straßen und

Fabrikviertel -- und ein brennendes Haus, in das die Feuerspritzen ihre

Wasserstrahlen sandten, leuchtete wie eine Riesenfackel schaurig durch

die Nacht. So tüchtig und ausgezeichnet die amerikanischen Feuerwehren

sind, so oft brennt es hier; manchmal sind schon halbe Städte einer

Feuersbrunst zum Opfer gefallen, so Chikago 1872.

Und nun kam ich wirklich in die Stadt, deren Namen eine so eigenartige

Nuance des typischsten unbegrenztmöglichen Amerikanertums für unser Ohr

bekommen hat. Chikago zählte 1831 noch hundert Einwohner! Einst war es

ein Fort gegen die Indianer, und heute ist es mit bald vier Millionen

die viertgrößte Stadt der Welt, an Flächenraum viermal größer als

Berlin, mit einer Wasserfront von 35 Kilometern Länge am See Michigan,

der uferlos wie das Meer aussieht. 40 Sprachen werden in Chikago

gesprochen. Etwa 600000 Deutsche leben in der Stadt, und vielleicht nur

ein Zehntel ist in Chikago selbst geboren.

Ich war in Chikago! Wachte oder träumte ich? Auf dem Schiff hatten

sie manchmal begeistert ein Lied Chikagos zu Ehren im Chor gesungen,

das ich aber damals nicht recht behalten habe. Zum Schluß jeder

Strophe kam immer wieder als Refrain von wildem Beifallsgetrampel und

-händeklatschen begleitet: „O Chikago, o Chikago ...!“ Und dann ging es

so weiter, daß ihm in der Welt nichts gleich sei! Ich war in Chikago,

der Stadt mit den meisten einlaufenden Eisenbahnzügen, wo zirka 500

Personen im Jahr durch Autos ihr Leben verlieren, wo 40000 Schutzleute

den Verkehr dirigieren, wo in einem einzigen der großen Warenhäuser

¼ Million Kunden ein- und ausgehen, wo neben 10000 Angestellten

allein über 500 Feuerwehrleute ständig Wachtdienst tun, wo täglich

Hunderttausende Stück Vieh ihr Leben lassen und zu Konservenfleisch und

Wurst verarbeitet werden, wo man einen ganzen Fluß, den Chikago-River,

gezwungen hat, in seinem Lauf wieder umzukehren und seine verdorbenen

Wasser statt in den See zu ergießen, dem Mississippi zuzuführen und so

Typhus und Cholera fast verbannt hat! Nun kam ich wirklich in diese

merkwürdige Stadt ...

Einer meiner beiden Chikagovettern empfing mich liebenswürdig in der

„Illinois Central Station“ mit ihrem verwirrenden ohrenbetäubenden

Getriebe. Ach, wie reckte ich die Glieder nach der fünfzehnstündigen

ununterbrochenen Bahnfahrt, die mich trotz des bequemen „~reclining

chair~“ recht steif gemacht hatte. Immerhin war es eine gute Vorübung

für die noch dreimal längeren Bahnfahrten, die mir hinter Chikago

bevorstanden!

Jetzt war ich in Chikago bereits 1000 ~km~ vom Atlantischen Ozean

entfernt, aber immer noch 3000 ~km~ vom Stillen! Wie angenehm empfand

man das freundliche Empfangenwerden durch liebe Verwandte zumal in so

später Nachtstunde in der riesigen Weltstadt, freilich durch Verwandte,

die ich noch nie im Leben gesehen hatte, die ich nur vom Hörensagen

kannte. Sie alle hatten ihren typisch-amerikanischen Entwicklungsgang

durchgemacht, aber sich alle auch zu angesehenen Stellungen selbst

emporgearbeitet. War es in Neuyork die Musik, in Boston die Medizin,

so waren es in Chikago Juwelen und das unvermeidliche Auto, das ihnen

Wohlstand und Brot gegeben.

So fuhr ich denn mit meinem neugefundenen Vetter zunächst mit der

Hochbahn aus der City und ihrem Trubel, ihrer blendenden Lichtreklame,

durch dunkle, schmutzige Viertel, an zahlreichen Wolkenkratzern

vorüber -- die freilich noch nicht die wahnsinnige Höhe der Neuyorker

erreichten -- schöne Alleen hinaus in den freundlichen Villenvorort

Oakpark, wo mein Vetter mit seiner Familie ein gutausgestattetes

Landhaus bewohnte mit dem typisch-amerikanischen Meublement, das stets

das gleiche ist, ob man in Neuyork einkehrt oder in San Franzisko,

in Chikago oder St. Louis. Amerika bleibt eben überall das gleiche

Amerika. Die alles nivellierende Fabrikware hat hier ihren völligen

Sieg erfochten.

Bald hatte ich die Ehre und Freude, auch wieder eine neue Cousine

kennenzulernen, eine geborene Amerikanerin, die kaum ein Wort Deutsch

verstand ...

Andern Tages ging es gleich wieder an meine „Arbeit“ des Besichtigens,

in möglichst kurzer Frist viele wichtige Eindrücke in mich aufzunehmen.

Also fuhr ich andern Tags sogleich nach dem Frühstück, mit Reiseführer

und Karte in der Hand, mit der „~elevated~“ hinein in Chikagos

Großstadtgewühl! Und es übertrifft an manchen Stellen noch dasjenige

Neuyorks! Über, unter, neben dem Kopf rollt, rast, saust, klingelt,

tutet, pfeift es überall. Alles ein ununterbrochenes Gelaufe und

Gerenne! Es dampfen die Wolkenkratzer. Die Warenhäuser speien ständig

Hunderte und Tausende von Menschen aus, um andere ebensoviele wieder

einzusaugen. Die Amerikaner kommen aus dem Felsengebirge, ja aus

Seattle in Alaska und aus San Franzisko, um in Chikago bei „Siegel u.

Cooper“ oder „Marshall Field u. Co.“ einzukaufen! Dies „~shopping~“ ist

ein Hauptvergnügen amerikanischer Damen.

Welchen Eindruck machte Chikago auf mich, das Neuyork des mittleren

Westens? Eine ungeheure, etwas düstere Großstadt mit Hochbahngerassel

und Automobilgetute, Wolkenkratzern, die die Geschäftsstraßen

zu Schluchten verengen, mit Bank an Bank, Geschäft an Geschäft,

~lunchroom~ an ~lunchroom~, „~moving pictures~“ an „~moving

pictures~“. Das ist die City. Auch hier wie überall. Bei Tage ein

ungeheuer lebendiges Treiben von den höchsten Stockwerken der

„~office-buildings~“, zu denen sieben bis zehn Aufzüge gleichzeitig

auf- und niederfahren, bis herunter auf die Straße und ihr Gewimmel.

Nachts und Sonntags ist die City eine ausgestorbene Stadt, in der kein

Kirchturm offen emporragt, und nur Nachtwächter und Schließer ihr

Logis haben. Die Geschäftsleute wohnen draußen in den Vorstädten, die

man mit einstündiger Fahrt mit der Hochbahn erreicht, draußen bei den

großen Parks, die sich um die Stadt ziehen. Zwischen der City aber und

den Parkvorstädten liegen die unabsehbaren Viertel der kleinen Leute,

voll Italiener und Neger, dazwischen noch vielfach unbebaute Strecken,

auf denen Knaben ihren Baseball spielen. Hier weiß niemand vom anderen.

Hier sind Städte in einer Stadt, und Stunden dauert es, um vom Norden

nach dem Süden oder zum Westen zu kommen.

Ich stand auf dem Turm des „Auditoriums“, eines großen Theaters, und

sah über die rauchenden Wolkenkratzer und in die ~offices~ hinein

mit ihren Bureaus, wo Tausende von jungen Mädchen ihren Beruf darin

gefunden haben, von morgens bis abends auf der Schreibmaschine zu

klappern und sich dabei ungeheuer frei und selbständig vorkommen. Ich

sah über die Riesenwarenhäuser von „Siegel u. Cooper“ und „Marshall

Field u. Co.“, wo einfach alles in der Welt zu haben ist, Warenhäuser,

die ganze Straßenblocks einnehmen. Mit Staunen schreitet man durch

die Säulenhallen, sieht die Aufzüge in allen Ecken mit Menschen auf-

und niedersausen und schaut die Schätze aller Erdteile vor sich

ausgebreitet. Die Boys an den Eingangstüren führen umfangreiche

Kataloge bei sich, um den Käufer sofort zu der richtigen Abteilung

leiten zu können. Weiter blickte ich über den weiten Michigansee,

der die lange Front der Stadt bespült und im Sturm seine gelbbraunen

Wogen gischtschäumend ans Ufer peitscht, Handelsschiffe als Wrack ans

Land wirft, ein Binnenmeer Nordamerikas; weiter über die wunderschöne

Hauptpost, die leider zwischen die Blocks so eingekeilt ist, daß sie

unmöglich ihre architektonische Schönheit entfalten kann, und über die

ganz flache, niedrige, im Renaissancestil gebaute Kunstgalerie, die wie

ein kleines Kind unter Riesen steht ...

Um Mittag warf ich einen Blick hinein in die „First Nationalbank“

mit ihren prachtvollen Marmorvestibülen und in die Börse, wo ein

wilder Tumult herrschte. In drei Haufen standen die Makler zusammen

und schrien gegeneinander. Nur mit Fingerzeichen verständigten sie

sich. Von den Bureaus flogen die Telegramme hin und her, an den

Bulletinboards notierten die Schreiber mit Kreide die Kurse, die ihnen

klappernde Telegraphen zuraunten, alles in allem ein wildes Geschrei,

dessen Sinn ich kaum verstand.

Quer durch Amerika · 第 7 / 12 题