Es regnete! -- -- --

Boston erscheint trotz seiner über eine halbe Million zählenden

Einwohner klein, wenn man aus Neuyork kommt. Ende des 18. Jahrhunderts,

zur Zeit der Unabhängigkeitskämpfe, war Boston die volkreichste

und auch die politisch führende Stadt der Union. Schon 1630 hatten

sich hier die ersten englischen Kolonisten im benachbarten kleinen

Salem angesiedelt, während Neuyork noch „Neu-Amsterdam“ hieß und

kaum 100 Holländer beherbergte (s. S. 51)! 1770 begannen hier die

Freiheitskämpfe mit dem sog. „Bostoner Blutbad“, in dem einige Bostoner

von britischen Soldaten, die sie herausgefordert hatten, getötet

wurden. Das war bei dem noch heute stehenden „Old State House“ mit

dem noch heute dort befindlichen britischen Löwen und Einhorn auf dem

Dach. 1773 warfen Bostoner, als Indianer verkleidet, eine englische

Teeladung, die trotz der „Nichteinfuhrakte“ importiert werden sollte,

kurzerhand ins Meer, nachdem man sich in der Old South Church, die

ebenfalls noch steht, versammelt hatte! Die Stelle dieser berühmten

„~Tea-party~“ ist am Kai bezeichnet. Britische Truppen besetzten nun

nach dieser Auflehnung die Stadt, aber General Washington überschritt

bald den Charles River, der an Boston breit wie ein Meeresarm

vorbeifließt, und befreite die Stadt 1776 aus den englischen Händen.

Diese ganze Gründungsgeschichte der Union hat sich hier in Boston

abgespielt! So ist es der historischste Boden des ganzen Landes und so

erinnert es mit seinen alten efeuumsponnenen Kirchen in der City und

der ehrwürdigen „Faneuil Hall“ und seinen krummen, engen Straßen in der

inneren Stadt noch am ehesten an Europa.

Boston ist aber auch das amerikanische „Athen“. Nicht weit von Boston,

in +Concord+ und Cambridge, lebten und wirkten ein Hawthorne, Emerson,

Longfellow, Lowell und Agassiz. Auch ein Benjamin Franklin, der

Erfinder des Blitzableiters, ist in Boston geboren und begraben. Und

dicht vor Bostons Toren, in Cambridge, liegt noch heute die älteste

und tüchtigste Universität Amerikas, das Harvard College. Bostons

Mittelpunkt ist der „Common“, ein zentral gelegener, sympathisch

wirkender, nicht allzu großer Stadtpark, der stattlich zum Hügel des

State House (Kapitol) mit seiner weithin leuchtenden vergoldeten

Kuppel emporsteigt. Das State House (Regierungsgebäude) enthält

prächtige Innenräume, vornehme Hallen, die in großen Wandgemälden die

geschichtlich wichtigen Augenblicke aus dem letzten Drittel des 18.

Jahrhunderts festhalten.

Der unstreitig prächtigste Platz der Stadt aber ist der dem Charles

River nahegelegene sog. „Copley Square“, den nicht weniger als vier

ansehnliche und bedeutsame Gebäude zieren: zwei der schönsten und

stilvollsten Kirchen des Landes, die romanische „Trinity Church“

der englischen Hochkirche und die in stilvoller italienischer

Frührenaissance erbaute „New Old South Church“ der Kongregationalisten.

Weiter säumt den Platz das ~Museum of fine arts~, in der Hauptsache

eine Gemäldegalerie. In ihr fand eine eigenartige Ausstellung statt,

die dartun sollte, was für Kultur- und Sozialprojekte in 5 Jahren in

der Welt und in Amerika im besonderen verwirklicht sein würden! Nur

vergaß die damalige rührige und prophetische Ausstellungsleitung zu

weissagen, daß die Welt vor allem das Kulturprojekt des Krieges aller

gegen alle verwirklichte und gerade das kulturfortschrittliche Amerika

zuletzt in diesem kulturfördernden Reigen sogar den Ausschlag geben

würde! Endlich steht dort am Copley Square, wie sie sich rühmt, die

größte Volksbibliothek der Welt, „~the public library~“, in weißem

Marmor mit unübertrefflich prächtigen Lesesälen -- auch einer besonders

für Kinder! -- und überraschenden Einrichtungen für schnellste

Herbeischaffung jedes gewünschten Buches binnen wenigen Minuten! Ich

habe dort allerdings den Eindruck gewonnen, daß der einfache Amerikaner

bildungs- und lesehungriger ist als der gleichgestellte Deutsche.

So ist auch die Zahl der trefflichen „~magazines~“, d. h. der guten

illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften, die vielmehr als die auf

den Augenblick berechneten Tageszeitungen den Leser wissenschaftlich

über alle wichtigen Dinge verständlich auf dem laufenden halten,

unübersehbar groß und reich.

Um die Innenstadt Bostons mit ihren belebten und -- verglichen mit

Neuyork -- zum Teil engen Geschäftsstraßen legen sich die feinen

Wohnviertel, so die „Commonwealth Avenue“ und „Boylston Street“ und

weiter hinaus umfangreiche Vorstädte, die sich zuletzt in reizende

Landhauskolonien auflösen. Weite Parkgebiete sind überall dazwischen

von der Bebauung freigelassen. In weitem Bogen umsäumen liebliche

und aussichtsreiche Hügelreihen die Stadt in der Ferne wie die „Blue

hills“, die „Arlington Heights“ u. a.

Am Bostoner Hafen ist’s freilich wie überall in Amerika düster und

schmutzig. Reizvolle Städtefronten am Wasser anzulegen, versteht der

Amerikaner offenbar noch nicht. Dazu ist der Sinn all die Jahrzehnte

hindurch viel zu sehr aufs rein Praktische und Kommerzielle gerichtet

gewesen. Wenn das Land auch, wie ich es einmal in einem Vortrag des

greisen Harvardpräsidenten ~Dr.~ Eliot treffend ausführen hörte,

über „politische Sicherheit, materiellen Reichtum und moralischen

Fortschritt“ verfügt, so aber nicht über den Sinn für Beschaulichkeit

und ästhetische Lebensgestaltung. Hier war noch nicht Kulturgeschichte,

hier will sie erst werden. Hier war bis jetzt, die Neuenglandstaaten

ausgenommen, im allgemeinen nur Geschichte des Handels und des

politischen Aufschwungs. Freilich fiel das Riesenland der einst jungen

und kleinen Union, die zuerst über nicht viel mehr als die schmalen

Randstaaten des Ostens am Atlantischen Ozean verfügte, ziemlich

mühelos in den Schoß, und unerschöpflich sind heute das Land, seine

Bodenschätze, seine Hilfsquellen und Entwicklungsmöglichkeiten. --

Da ich mich lange in Boston und dem nahen Cambridge aufgehalten habe,

hatte ich Muße genug, mich, soweit möglich, auch um das +geistige

Leben+ und die geistigen Fragen zu kümmern. So ging ich nach und

nach fast auch zu allen wichtigeren +kirchlichen+ Denominationen und

+religiösen+ Gemeinschaften, denn sie spielen in Amerika eine sehr

ausschlaggebende Rolle. Es sind ihrer wohl an 200, deren jede frei

ihrer Überzeugung lebt und ihr Bestes zu geben sucht. Vollkommene

religiöse Toleranz hat zuerst Amerika in der Welt praktisch

durchgeführt! Alle Religionsverfolgten Europas, von den englischen

Puritanern angefangen, die 1620 mit der „Mayflower“ hinüberkamen,

fanden hier eine gastliche Freistatt. Von Anfang an war hier Staat und

Kirche getrennt. Die Kirchen verwalteten als freie religiöse Vereine

und Genossenschaften sich stets vollkommen selbständig und hatten auch

für ihre Existenz und ihre Bedürfnisse allein aufzukommen. So lernte

der Amerikaner von Anfang an andere Überzeugungen achten und für die

eigenen opfern.

Ein +Sonntag+ in Amerika verläuft anders als bei uns. Am Sonntagmorgen

liegt über der großen, werktags so rastlosen Stadt mit ihren

Hochbahnen, Straßen- und Untergrundbahnen eine ungewohnte Stille.

Nur das nie ruhende Meer wirft seinen weißen Schaum wie immer an die

Uferdämme. Die wohlverankerten Boote schaukeln ein wenig hin und her,

aber die Kais sind menschenleer. Die Straßenbahnen fahren selten. Nur

die Schuhputzer haben wie immer zu tun. Hoch auf den Stiefelthronen

sitzt heute auch der einfachste Kunde, und der Italiener oder Grieche

fährt mit wohlgeübten Handgriffen mit mehreren Bürsten zugleich

über die Schuhe, bis sie blank sind, daß man sich fast darin sehen

kann. Alle großen Geschäfte, die menschenwimmelnden Warenhäuser, die

Banken, alle Theater und die meisten Restaurants, in denen in der

Woche Hunderte ihren Lunch einnehmen, sind geschlossen. Die großen

Geschäftsstraßen, in denen gestern Abend noch Tausende im Schimmer

der aufblitzenden und wieder erlöschenden Reklameschilder hin und her

eilten, sind wie ausgestorben. Es ist der „Sabbat des Herrn“, der Tag

absoluter Ruhe, an dem sogar auf manchen Eisenbahnstrecken kein Zug

fährt und manche Bahnhöfe einfach verschlossen sind!

Der Vormittag schreitet voran. Etwa um halb elf Uhr ertönen die ersten

Glockenschläge, leise, fein und melodisch in rhythmischen Pausen. Kein

weithin schallendes, ehern schwingendes Geläute ist es wie bei uns. Die

meisten Gottesdienste in den Kirchen beginnen erst um elf Uhr. Da und

dort sieht man Menschen den Kirchen zustreben, die meist weit kleiner

als bei uns sind, versteckt und efeuumsponnen mit zierlichem Turm sich

wenig oder gar nicht über die hohen, Geschäfts-, Wohn- und Logierhäuser

hervorheben, ja manchmal wie Old Trinity in Neuyork ganz zwischen

ihnen verschwinden. Wir studieren den sehr reichhaltigen und überaus

mannigfaltigen Kirchenzettel der großen Zeitungen, reichhaltig durch

die Unmenge der Denominationen, mannigfaltig auch durch die seltsamen

Anzeigen der Predigtthemen und der im Gottesdienst stattfindenden

Musikdarbietungen! Beides soll im besonderen Maße Hörer und Besucher

anlocken und etwa andere „Konkurrenz“-Kirchen ausstechen. Liest man die

lange Reihe durch: „Baptisten, Kongregationalisten, Christian Science,

Episkopalisten, Quäker, bischöfliche Methodisten, Swedenborgianer,

Spiritualisten, Presbyterianer, Unitarier, ~New thought~,

Theosophen, ‚~church of higher life~‘, Universalisten, Lutheraner,

Heilsarmee,“ so hat man die Wahl. Sie alle sind geschichtlich

begründet, manche, wie Christian Science, New thought u. a., sind

erst jüngeren und jüngsten Datums. Bald waren es Unterschiede der

Verfassung (Bischöfliche oder Episkopalisten, Presbyterianer oder

mit Ältestenverfassung, Kongregationalisten oder solche, die auf

Souveränität und Selbständigkeit der Einzelgemeinde pochen), bald

waren es solche des Glaubens: Der Baptismus verwirft die Kindertaufe,

der Methodismus fordert persönliche Bekehrung, die Quäker verwerfen

ein berufsmäßiges Predigtamt. Die Lutheraner sind meist Deutsche,

Schweden, Dänen oder Finnen. Die ~episcopal church~ ist der Rest der

einst hier herrschenden englischen Staatskirche, noch heute die Kirche

der vornehmen und vornehm sein wollenden Leute. Die „Unitarier“ sind im

Anfang des 19. Jahrhunderts als Protest gegen die Dreieinigkeitslehre

des Christentums entstanden. Die „~Christian Science~“ ist auch

in Deutschland als Sekte der „Gesundbeter“ bekannt geworden. Die

Swedenborgianer sind Anhänger des schwedischen mystisch-religiösen

Philosophen Emmanuel Swedenborg. Führend im religiösen Volksleben

scheinen im allgemeinen die Methodisten und Baptisten zu sein, in

Neu-England mehr die Kongregationalisten, dazu kommt die englische

Hochkirche unter den Reichen und unter den Deutschamerikanern die

Lutheraner. Aber auch die meisten von ihnen teilen sich wieder in

die verschiedensten Teilkirchen; auch die Baptisten und Methodisten

sind mehrfach gespalten. Doch geht im ganzen durch das amerikanische

Kirchenwesen heute durchaus ein Zug zur Einigung, vor allem auf

sozialem und sittlichem Gebiete. So haben die Kirchen erst jüngst den

Feldzug gegen den Alkohol gewonnen, wie sie einst ihr gewichtiges Wort

gegen die Sklaven erhoben haben. Den praktisch-ethischen Fragen des

Volkslebens mißt man drüben ein ganz anderes Gewicht in der Kirche bei

als bei uns, während in Deutschland in der Vergangenheit sich alles

in Glaubenskämpfen zerfleischte. Neben all diesen protestantischen

Denominationen steht und wächst dank der jüngsten romanischen und

östlichen Einwanderung immer machtvoller auch die römisch-katholische

Kirche. Ein Kardinal ist ein Amerikaner. Die katholische Kirche

übertrifft die größten protestantischen Kirchen noch an Bekennerzahl.

Und sie ist, wie überall, ganz einheitlich.

Welchen Gottesdienst man aber auch besucht, die äußere Art desselben

ist fast überall, abgesehen von den liturgisch reicheren Episkopalen

und Lutheranern, sehr ähnlich oder gleich, selbst Swedenborgianer,

Christian Science und Spiritualisten haben im allgemeinen denselben

gottesdienstlichen Rahmen mit Lied, Gebet, Ansprache usw. übernommen.

Außen an der Kirche gibt meist schon ein großes Plakat deutlich

Auskunft über Name und Art der Gemeinde, über ihre Veranstaltungen,

über Wohnung und Sprechstunden des Predigers u. dgl. In der Vorhalle

findet man oft eine kleine Auslage von Büchern und Schriften, von

denen die meisten unentgeltlich zur Verfügung stehen. Beim Eingang

empfängt uns einer der Ältesten oder ein sog. „~usher~“, ein jüngerer

Herr mit weißer Nelke im Knopfloch, der uns zu einem freien Sitzplatz

geleitet. Die Kirchenbänke sind mit Polstern belegt, aus bequemen

und wohlgeformten Holzwerk -- nicht wie unsere jahrhundertalten

steifen, harten Dorfkirchenbänke, von denen man oft mit Rückgrat-

und Kreuzschmerzen aufsteht. In der Bank findet man Gesangbuch,

Gebetbuch, ein Neues Testament, Schriften, ja wohl gar Fächer für

die Damen bereitliegen! Also man liebt auch in der Kirche den

Komfort und die Bequemlichkeit. Der Geistliche pflegt in einfachem

schwarzen Rock ohne Talar an ein Sprechpult zu treten. Eigentliche

Kanzeln haben nur die Katholiken, die Hochkirche und die Lutheraner.

Auch ein Altar ist nur dort vorhanden. An dem Pulte wird gelesen,

gebetet, gepredigt. Meist leitet guter Chorgesang den Gottesdienst

ein. Dann spricht der Geistliche ein freies, längeres Gebet. An das

Gebet schließt sich gewöhnlich eine Psalmenlesung, bei der Prediger

und Gemeinde abwechselnd laut vorlesen. Ja, es kommt auch vor, daß

ein Ältester oder sonst ein Laie die Schriftlesung hält. Danach erst

setzt der Gemeindegesang ein, zu dem sich die Singenden von den Sitzen

erheben! Frisch und rhythmisch, selten getragen, klingen die Choräle.

Das +ganze+ Lied wird abgesungen, nicht nur etwa drei langatmige

und langsam gespielte Strophen. Die Liedstrophen sind selbst kurz

und knapp und entstammen +neueren+ religiösen Dichtern. Dem Liede

folgt eine Solomusik und -- nicht zu vergessen -- das Kirchenopfer,

das auf +offenen+ Tellern eingesammelt und zur Danksagung nach

vorn an den Altartisch getragen wird. Ich sah auf den Opfertellern

meist nur Silberstücke oder Dollarscheine! Von den Kollekten und

Mitgliedsbeiträgen lebt ja die Gemeinde. Man weiß also rechnerisch,

was man zu geben hat. Das Auftreten der Solosängerinnen auf offener

Predigttribüne im Angesicht der Gemeinde wirkt allerdings theatralisch

und reichlich reklamehaft. Die kirchliche Predigt behandelt zeitgemäße

Themata. Man liest sie in der Zeitung oft absichtlich eigenartig

formuliert angezeigt: „Gott am Totenbett eines Sperlings.“ „Nach dem

Tode -- was dann?“ „Allein mit der Erinnerung.“ „Wie ein Mensch denkt.“

„Das Leben mit Flügeln.“ „Die Augen des Arztes.“ „Die Bergvision.“

„Christus und der Arbeiter.“ „Darwin und die Religion.“ „Das Göttliche

der Selbstüberwindung“ usw. Die Prediger bevorzugen eine lebendige

Sprechweise, anschauliche, aus dem Leben geschöpfte Darstellung voller

Beispiele und praktischer Anwendung. Der amerikanische Prediger will in

der Predigt packen, fesseln, werben und zur Tat veranlassen, weniger

belehren, denn der Amerikaner bleibt Realist auch im Gottesdienst

und läßt nie das wirkliche Leben aus dem Auge. So nehmen auch die

Predigten Stellung zu allen Tagesfragen, den sozialen, politischen,

gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ja sportlichen Ereignissen.

Kein Thema ist verpönt. Gewandte Prediger genießen auch ein großes

Ansehen. Teile ihrer Predigten drucken die Tageszeitungen ab und

bringen -- echt amerikanisch -- ihr Bild dazu! Wenn auch nicht alle

Amerikaner zu einer Kirche gehören, so doch alle, die irgendwie

etwas gelten wollen und etwas sind. Es scheint mir drüben weniger

Indifferenz und Abkehr von der Religion zu sein als in Europa trotz

der starken wirtschaftlichen Interessen. Öffentliche Gebäude tragen

sehr oft Bibelworte an der Stirnseite; keine öffentliche Feier beginnt

ohne Gebet! Von der kirchlichen Regsamkeit mögen folgende Zahlen ein

Bild geben: In Neuyork z. B. sind die Baptisten allein mit 51, die

Lutheraner mit 45, die Methodisten mit 63, die Presbyterianer mit 57,

die Hochkirche mit 93 (!), die katholische mit über 100, die jüdische

Religion mit 26 Synagogen vertreten, die kleineren Denominationen

ungerechnet. Man zählt in der Union etwa 200000 Kirchgemeinden mit

etwa 150000 Kirchen und etwa 50 Millionen Sitzen. Es könnte also jeder

Amerikaner einmal jeden Sonntag -- entweder morgens oder abends --

einen Sitz in einer Kirche finden! Deutsche Großstadtgemeinden haben

oft 20-30 mal soviel Mitglieder als sie Kirchenplätze haben! Und doch

sind die amerikanischen Kirchen eher besser besucht im Durchschnitt

als die deutschen. Etwa 160000 Geistliche -- zehnmal mehr als das

zwei Drittel so große Deutschland -- unterhalten die amerikanischen

Gemeinden nebst 200 eigenen theologischen Seminaren. Da die Kirchen

keine Verbindung mit dem Staate haben, so gibt es in den Schulen

keinen Religionsunterricht. Nach welcher Glaubensart sollte er auch

erteilt werden? Nur Andachten mit Gebet und Bibellektion +ohne+

Erklärung durch den Schulleiter sind daselbst gestattet. Den Ersatz

des Religionsunterrichts bilden die überaus rührigen amerikanischen

Sonntagsschulen, die über elf Millionen Kinder durch über eine Million

freiwillige Hilfslehrkräfte unterrichten! Ist der Gottesdienst aus,

so sieht man am Ausgang, in der Vorhalle, in den Gemeinderäumen die

Gemeindeglieder noch länger verweilen, sich begrüßen und wie eine

große Familie zusammenstehen und ihre Gedanken austauschen. An dem

allgemeinen „~shake-hands~“ beteiligt sich auch der Geistliche. Wie

oft ist nach einem Gottesdienst, den ich besuchte, der Prediger

auch auf mich zugeeilt, weil er in mir den Neuling erkannte und für

+seine+ Gemeinde zu gewinnen hoffte! Das kirchliche Gemeindeleben ist

allerorts mit seiner Geselligkeit und seinen Vortragsabenden, Vereinen

und Veranstaltungen sehr rege und vielseitig entwickelt. Es kommt

vor, daß Gemeinden eigene Turnhallen und Speiseräume, Lesezimmer, ja

Schwimmbäder für ihre Jugend besitzen!

Der Sonntagnachmittag verläuft ebenso still auch an den

schönsten Sommernachmittagen wie der Vormittag. Der ganze

deutsche Vergnügungsrummel samt Ausflugsverkehr, Tanzboden und

Im-Gasthaus-sitzen ist drüben unbekannt. Auch Fußball, Tennis,

~base-ball~, die sonst so leidenschaftlich gespielt werden, ruhen am

Sonntag. Die Theater spielen nicht; es herrscht „Sonntagsheiligung“ wie

bei uns kaum an Karfreitag oder Totensonntag. Fußwanderungen unternimmt

man auch nicht, höchstens ein ~auto-car-ride~. Man besucht sich,

schaukelt im Schaukelstuhl, liest die umfängliche Sonntagszeitung oder

in den ~magazines~ und geht womöglich des Abends nach dem ~supper~ um

sieben, halb acht oder acht Uhr noch einmal zum Gottesdienst oder zu

einem kirchlichen Vortrag.

Des Nachmittags findet man aber auch die Redner, religiöse und

politische, in den großen öffentlichen Parks am Werke. So erinnere

ich mich eines Novembernachmittags in Boston. Der Common lag

kalt und herbstlich mit seinen entlaubten Bäumen da. Das stolze

Freiheitsmonument schaute über den grünen Rasen. Es bildeten sich

einige Menschengruppen in dem Parke. Auf einer Bank stand ein

Sozialist; dreißig, vierzig Arbeiter um ihn herum. Mit volkstümlich

packenden Worten suchte er seine Hörer für die bald fälligen

Staatswahlen in Massachusetts zu gewinnen. „~Higher conditions,

better wages!~“[13] war seine Parole. Hier und da warf ihm einer der

Umstehenden eine Frage dazwischen. Der Redner wußte immer witzig und

treffend zu antworten. Ich ging zur nächsten Gruppe. Sie war kleiner.

Ein Heilsarmeesoldat stand dort in der Mitte, vor Kälte waren ihm

Hände und Nase rot. Er sang aus einem zerflederten Liederbuche den

Umstehenden vor, einige Gleichgesinnte begleiteten ihn, und zwar eine

alte verschrumpelte Negerfrau, drei bleiche Männer in armseliger

Kleidung, ein hungriger, an einer ~sweetpotato~ (Süßkartoffel) kauender

Junge und eine schwarzgekleidete feinere Dame, während ringsumher

andere lachten, rauchten und schwatzten. Die frommen Sänger taten

mir leid. Nun trat ein weißhaariger Herr auf und erzählte von seiner

„Bekehrung“ und seinem erfahrenen seelischen Glück. Man lauschte.

Die Heilsarmeeleute bekräftigten seine Worte ständig mit „Amen“

und „Hallelujah“! Nach einem weiteren dünngesungenen Liede trat

ein dritter, bleicher, untersetzter Mann auf und hielt die zweite

geistliche Ansprache. Das Publikum, das sich angesammelt hatte,

wandte sich zum Teil schon wieder zum Gehen. Aber der kleine Bleiche

schrie unentwegt aus Leibeskräften: „Das Geld macht nicht selig;

die Rockefeller und Vanderbilt fahren alle zur Hölle, wenn sie sich

nicht bekehren.“ Seine Augen funkelten dabei, aber man nahm ihn nicht

ernst. Als er geendet hatte, knieten die Heilsarmeeleute -- ein

peinlicher Anblick -- vor den Umstehenden nieder und beteten laut

für das Seelenheil aller Anwesenden, der Soldat mit dem zerflederten

Liederbuch, das alte verschrumpelte Negerweib, der hungrige kauende

Junge, die feine schwarze Dame, der weißhaarige geistliche Redner

und die drei bleichen arbeitslosen Männer. Unwillig wandten sich die

letzten weg; einige junge Burschen aber warfen sogar von hinten ihre

ausgerauchten Zigarettenstummel auf die Betenden! Nur zwei Damen traten

heran und drückten den vom Gebet Aufstehenden dankbar und anerkennend

die Hand und beteiligten sich an dem Schlußgesang. Ich ging fort. So

geht es der Religion auf der Straße. Mehr Achtung und Anerkennung

verdient schon das soziale Wirken der Heilsarmee.

[Illustration: ~BOSTON~

~Washington-Street -- Old South Church~]

[Illustration: ~BOSTON~

~Regierungspalast (State house)~]

Es war schwer, am Sonntag um Mittag eine „~dairy~“ oder einen

geöffneten „~lunchroom~“ zur Erquickung zu entdecken. In den Familien

saß man jetzt am offenen Kaminfeuer beim traulichen Mittagstisch.

Und als ich gar am Nachmittag den Versuch machte, in Ermangelung von

Fußwegen auf der Landstraße einen Nachmittagsspaziergang aufs Land

hinaus zu unternehmen, überschütteten mich die Autos dermaßen mit

Straßenstaub, daß ich grau und weiß wie ein Müllerbursche mit meinen

guten dunklen Sonntagskleidern wieder heimkam! Einmal, sagte ich mir,

und nie wieder! Für was mich wohl die Insassen der Autos gehalten haben

mögen? Gewiß für einen „armen dummen Deutschen“!

Boston mit seinen mancherlei geistigen und philosophisch-religiösen

Bewegungen ist auch der Ursprung für die in der Welt so viel von

sich reden machende Christian Science (christliche Wissenschaft),

die am schnellsten von allen Sekten gewachsen ist. So war ich denn

gespannt, auch sie in ihrer Heimat und am Orte ihrer Entstehung

kennenzulernen. An einem der nächsten Sonntage besuchte ich ihren

„Tempel“. Er ist unstreitig eine der schönsten und großartigsten

Kirchengebäude in Amerika. Im Unterschied von den meisten anderen

Kirchen ist es eine mächtige, imponierende, etwas an den Berliner

Dom erinnernde Kuppelkirche im Barockstil, die an 3000-4000 Menschen

faßt. Weißer Marmor verleiht dem Innern großartige Feierlichkeit.

Dreifache balkonartige Galerien, wie wir sie in unseren Opern gewöhnt

sind, laufen an drei Seiten der Rundung um. Die vierte Seite wird von

einer gewaltigen Orgel eingenommen, deren Marmorseiten in mächtigen

Lettern an der einen die Bibelstelle von dem Geist als dem Tröster und

an der anderen ein entsprechendes Wort der Gründerin der Sekte tragen.

Christus und die Gründerin der Sekte, Mrs. Mary Baker-Eddy, stehen in

gleichem kanonischen Ansehen, so wie aus der Bibel und dem von ihr

herausgegebenen „Textbuch“ stets unmittelbar neben- und nacheinander im

Gottesdienst vorgelesen wird.

Bereits einige Zeit vor Beginn füllte sich die mächtige Halle. Im

ganzen vorherrschend „die oberen Zehntausend“. Zylinderhut und

rauschende Seidentoiletten herrschten durchaus vor. Draußen fuhr

ununterbrochen ein Auto nach dem anderen und eine Equipage nach der

anderen vor, wie vor kaum einer anderen Kirche der Vornehmen. Als

schüchterner Fußgänger ging ich zwischen den Parfümduftenden und

Glacébehandschuhten auch hinein. In geräumigen Wandelhallen war

Gelegenheit, unentgeltlich wie im Konzertsaal oder im Theater die

Garderobe abzulegen. Innen führten feingekleidete Herren mit der

wie überall obligaten weißen Nelke im Knopfloch die Besucher zu den

mit bequemen Polstern belegten Sitzreihen. (Merkwürdig, daß man

ausgerechnet in den freien Kirchen des freien Amerika nirgends sich

seinen Sitzplatz selbst wählen darf!) Ich kam so links von einem der

Mittelgänge halbwegs nach vorn zu sitzen, von wo ich alles sehr gut

übersehen und hören konnte. Während die Orgel machtvoll einsetzte,

schritten der erste und zweite Vorleser, ein Herr und eine Dame (!) die

goldgeschnittenen Bücher (Bibel und „Textbuch“) feierlich unter dem

Arm, zu ihren Predigersesseln im Angesicht der Gemeinde auf einer sehr

geräumigen erhöhten Marmorbühne unter der Orgel. Auch eine Sängerin in

großer Toilette mit prachtvollem Blumenbukett in der Hand nahm dort

Platz. Die Feier begann dann mit gemeinsamem Gesang aus dem eigenen

Liederbuch der Christian Science, zu dem auch Mrs. Eddy selbst eine

Anzahl Gesänge beigesteuert hat. Dem gemeinsamen Gesange folgte,

wie überall, gemeinsames Gebet, dem sich das gemeinsam gesprochene

Vaterunser +in szientistischer Umbildung+ anschloß. Dieselbe lautet in

deutscher Übersetzung folgendermaßen:

„Unser Vater-Mutter Gott, +allharmonisch+

Und allein anbetungswürdig,

Dein Reich ist gekommen,

Gott ist allgegenwärtig und allmächtig.

Mach uns fähig zu erkennen -- wie im Himmel so auf Erden:

Gott ist alles in allem!

Gib uns auch heute deine +Gnade+,

zu nähren die hungernden Triebe.

Und göttliche Liebe strahlt zurück in Liebe.

Und Liebe läßt uns nicht in Versuchung

sondern befreit uns vom +Übel+: +Sünde, Krankheit und Tod+.

+Denn Gott ist alle Substanz der Welt+, Verstand,

Leben, Wahrheit und Liebe.“

Ich setze dies Gebet hierher, weil aus ihm recht deutlich die

Grundanschauungen der Christian Science erkennbar sind. Der Schwerpunkt

liegt in dem Schluß: Weil Gottes geistiges und vollkommenes Wesen

alles in allem ist, die alleserfüllende Weltsubstanz, so ist Sünde,

Krankheit und Tod nur +Schein+. Wer mit Gottes Liebe verbunden ist,

wird von allen Übeln +wirklich befreit+. So legen die Szientisten auch

in der Betrachtung des Lebens Christi weit größeren Nachdruck auf seine

+Heilungen+ als auf seine +Verkündigung+, z. B. Worte wie Matth. 10, 8:

„Machet die Kranken gesund, reiniget die Aussätzigen, wecket die Toten

auf, treibet die Teufel aus“ sind für sie geradezu ausschlaggebend.

Aber merkwürdig halten sie es nicht mit der unmittelbaren Fortsetzung:

„Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebet es auch. Ihr sollt nicht

Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben.“ Wie man hört, lassen

sich die Heiler ihre Kunst gut bezahlen, auch das „Textbuch“ ist

recht teuer! Von der Allmacht des geistigen Prinzips in der Welt und

im Menschen wird alles Heil, vor allem auch die körperliche Heilung

von allen Leiden ohne Anwendung medizinischer Mittel erwartet.

Darin ähnelt die Christian Science den in jüngster Zeit in Amerika

zahlreich erwachsenen Bewegungen der sog. „~mind-cure~“ (Gemütskur),

deren auch in Deutschland bekanntester Prophet Ralph Waldo Trine

ist. Nach der wechselweisen Vorlesung aus Bibel und „Textbuch“ erhob

sich die Sängerin in großer Toilette und sang mit mächtiger Stimme,

von den Tausenden bestaunt, in den weiten Dom hinein. Darauf kam,

wie überall, die „Predigt“, die aber nicht aus der freien Rede eines

religiösen Redners über ein selbstgewähltes Thema, sondern wiederum

nur aus einer etwa halbstündigen, auf den Fremden und Nichtgläubigen

eintönig wirkenden Vorlesung aus Bibel und „Textbuch“, Vorlesungen,

die für alle szientistischen Gemeinden der Welt autoritativ ausgewählt

sind, bestand. Sie sollen der Höhepunkt der Versenkung in das alles

Übel heilende geistige Weltprinzip sein. Die Lektionen sind nach

Themen geordnet und werden quartalweise im voraus publiziert, z. B.

1. „Nichtwirklichkeit“. 2. „Sind Sünde, Krankheit, Tod wirklich?“ 3.

„Die Lehre von der Versöhnung“. 4. „Ewige Verdammnis?“ 5. „Adam und

der gefallene Mensch“. 6. „Die Prüfung nach dem Tode“. 7. „Sterbliche

und Unsterbliche“. 8. „Seele und Leib“. 9. „Gott, die einzige Ursache

und der alleinige Schöpfer“. 10. „Ist das All atomistisch entstanden?“

usw. Alle diese Themen spiegeln eine durchaus optimistische und

idealistisch-religiöse Weltanschauung. Nach dieser „Predigt“ wurde

auch hier die Kollekte gesammelt. Schweigend wurden die offenen Teller

durch die Reihen gereicht, und ganze Bündel von Dollarscheinen sah

ich darauf niedergelegt! Dann strebten die Tellerträger mit ihnen

zur Marmorbühne, wo sie als „Opfer“ niedergesetzt wurden. Nach den

Schlußworten geriet die ganze große vornehme Menge wieder in Bewegung,

die Galerien leerten sich, die Treppen und Wandelhallen füllten sich;

aus den Sonntagsschulsälen strömten die jungen Leute. Draußen tuteten

die Automobile, und feine Equipagen fuhren mit Pferdegetrappel wieder

die Asphaltstraßen davon. Und das Sonntag für Sonntag mit erstaunlicher

Anziehungskraft!

Neben dieser Sonntagsfeier im Christian-Science-Tempel finden jeden

Mittwoch Abend sog. „~test-meetings~“ (Zeugnisversammlungen) statt, in

denen anstatt der Vorlesungen Gelegenheit zu offener Aussprache über

+erfahrene Heilungen+ gegeben wird. Schon in Neuyork hatte ich eine

solche Zeugnisversammlung besucht. Es war ein strahlend erleuchteter

prunkvoller Kirchensaal, der viele Hunderte faßte und bis auf den

letzten Platz gefüllt war, wiederum im besten Teil der Stadt gelegen

und von vornehmsten Kreisen besucht. Gesang, Gebet und Vorlesung

eröffneten auch hier den Abend. Dann folgten die „~tests~“, auf die ich

besonders gespannt war. Zuerst erstaunte mich der Freimut der Damen,

mit dem sie hier zumeist -- wie überhaupt auch sonst im amerikanischen

Leben -- das große Wort führten, ohne Zögern aufstanden und einige

Minuten fließend und überzeugend vor Hunderten von ihren Erfahrungen

sprachen, etwa zehn bis zwanzig Personen. Solche „Zeugnisse“ von

erlebten Heilungen ohne Anwendung medizinischer Mittel, nur durch

Glaube und Gebet, wie sie hier gegeben wurden, können in jeder Nummer

des Christian-Science-Journals nachgelesen werden. Viel eindrucksvoller

ist natürlich ihre +persönliche+ Wiedergabe in +öffentlicher+

Versammlung. Der Nachdruck lag, wie ich feststellen konnte, bei den

meisten auf geheilten Gemütsstörungen und nervösen Leiden, über die

schon unser alter weiser Kant geschrieben hat: „Von der Macht des

Gemüts, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden“[14]. Aber immer

wird auch von der Besserung und Heilung +akuter+ und +organischer

Leiden+ erzählt! Für reine Illusionen tritt gewiß niemand öffentlich

auf, mag auch noch soviel Suggestion und Selbsttäuschung manchmal

dabei die Hand im Spiele haben. In diesen persönlichen Zeugnissen

liegt jedenfalls eine ungewöhnliche Werbekraft. Freilich sind auch

Fälle erwiesen -- mir ist selbst ein solcher persönlich bekannt --,

wo das überspannte Verschmähen der berufsärztlichen Kunst den Tod

herbeigeführt oder mindestens beschleunigt hat. Da der Mensch von

genug Krankheiten und Übeln geplagt ist, die Gesundheit jedem über

alles geht und schon mancher auch umsonst viel Geld zum Doktor und

in die Apotheke getragen hat, so wirkt begreiflicherweise diese

Verheißung von geistiger Heilung wie ein unübertroffenes Evangelium.

Zweifellos sind auch Erfolge da. Besonders bemerkenswert war mir, in

wie vielen „~tests~“ betont wurde, daß die Sprecher erst durch die

Christian Science auch ein neues +inneres+ Glück, echte Lebensfreude,

ja Kraft, Daseinslust und eine neue inhaltvolle Lebensansicht gewonnen

hätten. Das sind gewiß noch die echtesten Zeugnisse früher religiös

unbefriedigter oder unangeregter Menschen. Viele suchten hier Heilung

des Körpers und fanden Frieden der Seele. Mit solchen Zeugnissen und

Erfolgen glaubt die Christian Science ihre spezielle Lehre gleichsam

experimentell bewiesen zu haben. Darum ist nach ihrer Ansicht allein

ihre religiöse Lehre „Wissenschaft“ (+science+). Krankheit, Sünde und

Tod sind Irrtum und Schein. Aber hat sie schon je vom Tode geheilt?

Ist nicht auch die hochbetagte Gründerin Mrs. Eddy schließlich

gestorben? Merkwürdigerweise hat die Sekte den Tod der Stifterin leicht

überstanden. So zählt sie heute etwa 1200 Gemeinden in Nordamerika,

England und Deutschland. Das „Textbuch“ hat seit seinem Erscheinen

im Jahre 1875 an die 200000 +Auflagen+ (!) erlebt. Die Gemeinden

sind straff organisiert und zentralisiert. Bis zu ihrem Tode hatte

die gewandte und energische Mrs. Eddy alle Zügel allein in der Hand.

Sie ist die Verfasserin des nicht allzu geistvollen „Textbuches“;

ein amerikanischer Geistlicher namens Quimby hat es entscheidend

redigiert. Es ist etwa so umfangreich wie ein Neues Testament. Seine

Ausführungen wiederholen sich endlos. Die Kapitelüberschriften (es

ist nur in englischer Ausgabe vorhanden!) lauten in Übersetzung: 1.

Wissenschaft, Theologie und Medizin; 2. Physiologie; 3. Fußstapfen

der Wahrheit; 4. Schöpfung; 5. Wissenschaft des Seins; 6. Christian

Science und der Spiritualismus; 7. Ehe; 8. Tierischer Magnetismus; 9.

Beantwortung einiger Einwürfe; 10. Gebet; 11. Versöhnung und Abendmahl;

12. Christian-Science-Praxis; 13. Das Lehren der Christian Science;

14. Zusammenfassung. Anhangsweise folgt noch ein „Schlüssel zur hl.

Schrift“, d. h. bezeichnenderweise nur zu dem mystisch-mythologisch

erklärten +ersten+ und +letzten+ Buch der Bibel!

So ist der Amerikaner zwar äußerlich kirchlich in eine Unzahl von

Kirchengemeinschaften und Sekten geschieden, aber praktisch in den

Lebenszielen unendlich viel einheitlicher. Mögen sie Baptisten,

Methodisten, Hochkirchliche, Heilsarmee, Quäker oder Presbyterianer

heißen, sie wollen alle +dasselbe sittlich-geistige Ideal+ in

das amerikanische Volk pflanzen. Sie predigen weder Dogmen noch

ethische Prinzipien, sondern gründeten lieber Liga auf Liga zur

Bekämpfung +sozialen+ Elends oder der Trunksucht, zur Förderung der

Sonntagsheiligung, der Ausbildung der Masse, der Ausbreitung der

Sonntagsschulen, der Einbürgerung der Fremdlinge aus dem fernsten

Osten ins amerikanische Volk, der Ausbreitung der Mission nach Afrika,

China und Japan u. ä. Und zwar genügen dem Amerikaner dabei nicht

Vereine mit wohlausgedachten Statuten und einem Häuflein Mitglieder,

sondern jedesmal muß es ein „~movement~“ werden, eine Bewegung, die

riesenschnell wächst, gleich den Wolkenkratzern ihr Haupt gigantisch

in die Höhe reckt und binnen kurzem Millionen Dollars an freiwilligen

Spenden flüssig macht. Die Tätigkeit der Gemeinden und Geistlichen

ist daher vielfach maßlos. Jeder Tag ist erfüllt mit Geselligkeiten,

Vereinigungen, Zusammenkünften und Klubs aller möglichen Altersgruppen.

Man ist immer tätig und immer beschäftigt, um des Sonntags auch desto

strenger zu feiern und zu ruhen. Über die Möglichkeit der Durchführung

solcher Bestrebungen wird auch nicht lange gegrübelt, sondern frisch

+probiert+. Glückt es, so ist die Sache „gut“ und in ihrer Wahrheit

„erwiesen“. Das und nichts anderes ist zugleich der Kern der modernen,

so echt amerikanischen Philosophie des „Pragmatismus“. Freilich ist die

Kehrseite dieser Art eine Verschwendung von Kräften. Jeder kann eine

Kirche bauen und eine Gemeinde gründen und einen Pastor berufen. Es

kann vorkommen, daß ein Städtchen von 1700 Einwohnern sage und schreibe

neun(!) verschiedene Gemeinden beherbergt und ernährt, daß an allen

vier Straßenecken je eine Kirche einer anderen Denomination steht,

so daß schon 50-100 Familien eine „Gemeinde“ bilden und zu ihrer

Erhaltung unendliche Opfer bringen müssen, aber auch bringen. Dafür

sind sie aber auch Sonntags womöglich zweimal in „+ihrer+“ Kirche. Die

Konkurrenz blüht, stachelt, treibt vorwärts und zerreibt zugleich.

Der Staat ist nicht berechtigt, irgend jemand nach seinem religiösen

Bekenntnis zu fragen. Die öffentliche Statistik ist auf die Angaben der

Kirchen selber angewiesen, obwohl auch kein Kongreß oder Senat ohne

Gebet eröffnet wird. Ein Spötter könnte kein wichtiges öffentliches Amt

bekleiden, so wenig wie in England.

So rastlos der Amerikaner arbeitet und Geschäfte treibt, so ernst

nimmt er es mit seiner Religion. Die Opferwilligkeit ist erstaunlich

groß, die Unzahl der Kirchen, Gemeinden und Pastoren kostet viel

Geld, wenn die Kirchen auch meist kleiner und schlichter gebaut sind

als die unseren, und der Missionseifer auch unter den Gebildeten ist

gleich groß wie auch in England. Nichts wäre unrechter, als einfach

von amerikanisch-religiöser „Heuchelei“ zu sprechen, jedenfalls ganz

unrecht von +bewußter+ Heuchelei. Die Moral des Geschäfts und der

Frömmigkeit gehen in der anglo-amerikanischen Welt nebeneinander

her und ineinander über. Der Anglo-Amerikaner empfindet nicht die

Schwierigkeiten, die für uns hier verborgen liegen. Er theoretisiert

nicht, wie wir es tun. Er ist praktischer Geschäftsmann und ebenso

praktisch tätig in seiner Religion.

Hier können wir uns gegenseitig um unserer verschiedenen Wesensart

willen schwer verstehen. Ebenso wie uns die allzu rastlose

Betriebsamkeit und Überemsigkeit auf kirchlichem Gebiete schließlich

auf die Nerven fällt und uns zur Stille und Keuschheit wahrer

Frömmigkeit schlecht zu passen scheint, ist das Drängen auf

praktisches kirchlich-religiöses Handeln doch auch vorbildlich; und

doch mögen wir es nicht etwa für den Preis tiefgründigen deutschen

Weltanschauungsdenkens erkaufen. Daß die Kirche auf sozialem Gebiet oft

viel lauter als bisher bei uns in der Öffentlichkeit ihre Stimme hätte

erheben sollen, könnten wir von drüben lernen.

So ist es nicht ganz leicht, ein Wort über das innerste Wesen

amerikanischer und deutscher Frömmigkeit zu sagen. Der Amerikaner

ist froher, heller, tatenreicher. Ist er weniger ernst? Der

Erweckungsversammlungen und Gebetsallianzen sind viele, Missionsstudium

und Bibelkurse blühen. Und doch will es manchmal scheinen, als reiche

amerikanisch-englische Frömmigkeit nicht an den tiefer gehaltenen

Ernst derjenigen eines Martin Luther heran. Das Wesen der Frömmigkeit

ist schwer zu erlauschen. Die amerikanischen kirchlichen Lieder sind

frisch und heiter auch in der Melodie. Aber die ernstesten Gedanken

werden dadurch leicht auch zu Spiel und religiöser Unterhaltung. Wie

ich es einmal fand, daß man die Choräle mit Händeklatschen begleitete!

Das Gemisch von religiöser Erbauung und Geselligkeit im Kirchenleben

hat seine Gefahren. Religion gedeiht doch besser in alten Domen und

ehrwürdigen gotischen Kirchen als bei Limonade, Schwimmbassins,

Turnhallen, Empfangsräumen, Salons u. dgl. Die stets freien Gebete

wirken leicht unkeusch; der Bekehrungseifer stößt ab, die Predigten

sind oft zu sehr effekthaschend, wenn jedes größere Sportfest u. a.

auch sofort seine Resonanz in der Predigt findet. -- -- --

Ende November stand mir in Boston ein weiteres wichtiges geistiges

Erlebnis bevor. Der bekannte und große +Neger+führer Booker T.

Washington, der noch lebte, sollte in Boston sprechen. Den mußte ich

natürlich sehen und hören. Mit den gedrückten und ausgestoßenen Negern

hatte ich gleich bei meiner Ankunft in Hoboken Sympathie empfunden.

Diese geheime Freundschaft wollte ich ihnen auch bewahren.

Um acht Uhr abends sollte die Versammlung -- bezeichnend! -- in New

Old South +Church+ beginnen. Als ich um sieben Uhr auf dem Copley

Square ankam, war die weite Kirche schon gefüllt. Ganz hinten erwischte

ich gerade noch ein Stehplätzchen. Als die Versammlung begann,

geleiteten der Rektor der Kirche D. Gordon und Präsident Lowell von der

Harvard-Universität den großen Negerführer auf das Podium. Präsident

Lowell -- eine hohe Auszeichnung für den Negerredner -- führte Mr. B.

T. Washington, einen breitschulterigen, etwas ergrauten gelblichdunkeln

älteren Neger mit einem breiten untersetzten Kopf, der üblichen

unschönen Nase und den wulstigen Lippen, mit den Worten ein: „Der große

Erzieher, Rasseführer und Bürger!“ Echt amerikanisch! Einst war der

bedeutende Mann im Winkel geboren als Sohn eines unbekannten weißen

Mannes und einer verführten Negersklavin, Sklave unter Sklaven, nun war

er Führer einer ganzen Rasse, Volksbildner, Redner und Schriftsteller,

um den das ganze amerikanische Volk sich drängte, wenn er sprach. Ich

konnte gerade zwischen zwei riesigen Damenhüten, deren Träger sich mit

mir Schulter an Schulter hineingeschoben hatten, noch auf Booker T.

Washington hindurchsehen, wenn ich mich auf die Zehen stellte. Rings um

mich Kopf an Kopf, meist Weiße, aber auch Schwarze, die nicht in allen

Kirchen bei den Weißen gelitten sind. Hinter mir stand noch weiter Mann

an Mann bis auf die Straße hinaus.

Atemlose Stille herrschte, als B. T. Washington mit etwas heiserer,

aber starker Stimme begann, mit seinem trockenen Humor ein Redner von

Gottes Gnaden. Eine volle Stunde verbreitete er sich über die Erfolge

des von ihm geleiteten Negerbildungsinstitutes in Tuskegee, seiner

eigensten Schöpfung, die 1500 Studenten unter 167 „Instruktoren“

(Lehrern) zählt. Während er, der Neger, zu dem weißen gebildeten

Publikum der besterzogenen Stadt der Union redete, sprach seine ganze

Lebensgeschichte unbewußt mit, und die Zukunft einer ganzen Rasse

schien wie eine Siegeswolke um ihn zu lagern.

Der Sklave.

Sie setzten den Sklaven in Freiheit,

Streiften seine Ketten ab ...

Da war er noch ebenso sklavisch wie vorher.

Er war noch gekettet an Kriecherei,

Er war noch gefesselt an Unwissenheit und Faulheit,

Er war noch gebunden an Furcht und Aberglaube,

Durch Dummheit, Mißtrauen und Wildheit ...

Seine Sklaverei lag nicht in den Ketten,

War in ihm selbst ...

Man kann nur Freie in Freiheit setzen ...

Und das ist nicht nötig:

Freie Menschen machen sich selber frei.

James Oppenheim.

Aus „Neue Welt“. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik.

Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 50.

Einige Tage zuvor hatte ich B. T. Washingtons „Autobiographie“ und sein

Buch über die „Zukunft des amerikanischen Negers“ gelesen und war voll

Bewunderung und Enthusiasmus. Jetzt, da ich ihn selbst sah, tauchten

alle die anschaulichen Bilder wieder empor, die er gezeichnet hat.

Welches Elend hatte ihn doch noch in seiner Jugend in der Sklavenhütte

umgeben, welche harte Arbeit nach der Sklavenfreiheitsproklamation in

der Salzmine und der Kohlenzeche. Und wie hatte er sich ergreifend

danach gesehnt, eine Schule besuchen zu dürfen! Welch ein Reichtum

dünkte ihm die erste Mütze, die ihm seine Mutter aus einigen Fetzen

zusammennähte, oder das erste Büchergestell, das er sich aus einer

Kiste zimmerte! Und als er als kleiner Junge ein neues Hemd bekam, trug

es sein älterer Bruder für ihn erst eine Zeitlang, denn es war aus so

grobem Stoff, daß es seine zarte Haut wund gerieben hätte. Und als

er sich dann nach Jahren mit 50 Cents in der Tasche aufmachte, nach

Hampton zu gehen und die von General Armstrong geleitete Negerschule

zu besuchen, und auf der Straße schlafen mußte, weil das Hotel ihn als

Schwarzen nicht aufnahm, Schiffe ausladen half, um sich ein Frühstück

zu verdienen, und sein Schulgeld im Institut damit verdiente, daß

er Kohlen trug und die Zimmer fegte, in den Ferien seinen Mantel

verkaufte, um sich das Reisegeld nach Hause zu verschaffen und seine

Mutter wiederzusehen, da begann langsam die Zeit seines Emporsteigens

zu dämmern. General Armstrong schätzte ihn bald sehr hoch und empfahl

ihn nach seinen Prüfungen als Lehrer an eine Negerschule und dann

später das Negerinstitut in Tuskegee selbst einzurichten, eine Art

technische Hochschule für Farbige.

Inzwischen hatte Booker T. Washington seine Ideen zu entfalten

begonnen. Nur ein Wunsch beseelte ihn, seiner Rasse aufzuhelfen. Die

Tage der Sklaverei wären vergangen, die Freiheit sei da. Die Freiheit

aber stelle ungeahnte Aufgaben. Viele Neger betrachteten die Freiheit

nur als Erlaubnis zu tun, was sie wollten. Andere suchten es sofort den

Weißen in Wissenschaft und Technik gleichzutun, was meist mißlänge.

Die meisten seien nach dem Norden ausgewandert und suchten sich eine

einträgliche Stellung als Kellner, Portier, Chauffeur, Straßenkehrer

oder niederer Arbeiter und Handwerker zu verschaffen. Was sollte

geschehen? Booker T. Washington faßte den klugen und volksphilosophisch

richtigen Gedanken: Unsere Rasse ist jung und unentwickelt, mittellos

und wenig geachtet trotz ihrer Freiheit. Sie muß sich ihre Achtung

erst verdienen, sie muß sich ihre materielle Unabhängigkeit dadurch

erkämpfen, daß sie sich Eigentum und Handfertigkeit erwirbt, die den

Weißen in ihre relative Abhängigkeit bringt, m. a. W. sie muß anfangen,

den Weißen im Handwerk und in den technischen Berufen zu überflügeln.

Der Neger solle den Weißen nicht nur in der Krawatte und dem Schnitt

des Anzuges, den gelben Schuhen und dem steifen Kragen nachahmen,

sondern in seiner Tüchtigkeit. Washingtons Absehen ging deshalb allein

darauf, den Neger technisch zu trainieren und ihn in den Stand zu

setzen, sich vor allem eine ökonomisch und politisch geachtete Stellung

zu erwerben. Nie ist Washington -- ein besonders schöner Zug -- ein

Wort der Anklage gegen den Weißen entflohen, der lange genug den

Schwarzen als Sklaven auf seinen Pflanzungen in den elendesten, aller

Kultur und Bildung baren Verhältnissen gelassen hat. Er wollte allein

seine Rasse aufrufen, ihre Zukunft in ihre Hand zu nehmen, um sich

Achtung und Geltung selbst in der Welt zu erobern.

Augenblicklich liegen die Verhältnisse in dieser Hinsicht drüben noch

recht kompliziert; anders im Süden als im Norden. Der Norden, der Neger

nur in der Minderzahl enthält, hat die Sklavenbefreiung veranlaßt, er

liebt die Freiheit der Rasse, aber trotzdem gelingt es dem einzelnen

Neger selten, eine sozial wirklich geachtete Stellung einzunehmen.

Der Süden, der an Neger+über+völkerung leidet, hat eine völlig

soziale Trennung der Weißen und Schwarzen durchgeführt bzw. seit der

Negeremanzipation beibehalten. Der Neger hat dort seine besonderen

Straßenbahnwagen und besondere Eisenbahnabteils. Kein „weißes“ Hotel

nimmt einen Farbigen auf, sogar die Parks sind unter die Rassen

geteilt! Die untergeordneten beruflichen Stellungen, die der Neger

durchweg innehat, fördern das Gefühl und die Stimmung der Weißen,

eine Herrenrasse zu sein, und der Neger muß sich auf Grund seiner

ökonomischen und geistigen Abhängigkeit durchaus als Mensch zweiter

Klasse fühlen. Um sein Stimmrecht wird er im Süden meist betrogen;

politischer Einfluß ist für ihn ausgeschlossen. So sieht die Zukunft

trübe aus für beide Teile. Der Neger bleibt im amerikanischen Volke

ein Fremdkörper. Niemand sieht eine klare, glatte Lösung. Rückkehr

der Neger nach Afrika ist unmöglich; Absorption in die weiße Rasse

ist absolut nicht erwünscht und immer ein Unglück. So leben die 14

Millionen Neger wie ein unverdaulicher Fremdstoff unter den achtzig

Millionen Weißen in den Vereinigten Staaten.

Die Schuld der Sklaverei rächt sich heute. Keine geschichtliche Tat

geschieht ohne Sold. Und doch: Sollte die weiße Rasse nicht berufen

sein, Lehrmeister ihrer schwarzen Schwester, die sie solange mißhandelt

hat, zu sein? Keine günstigere Bedingung für die Neger, als in ein

vollkommen kultiviertes Land gesetzt zu sein, wo der tägliche Anblick

der Technik und aller entwickelten Lebensverhältnisse, einschließlich

der sittlichen und sozialen, ihr ständig das höhere Kulturziel

vor Augen hält, das sie erreichen soll. Sollte es wirklich eine

Menschenrasse auf Erden geben, die grundsätzlich für alle Zeit auf

einem niedrigen Niveau zu leben verdammt wäre? Und wenn man noch so

oft darauf hinzuweisen pflegt, daß die schwarze Rasse bis jetzt noch

nicht +einen+ bedeutenden Menschen, noch nicht +einen+ Shakespeare oder

Goethe hervorgebracht hat, so ist das dieselbe Art der Argumentation,

als wenn etwa Tacitus die Germanen ein Volk zweiten Grades hätte

schelten wollen, weil sie damals noch keinen Phidias oder Sophokles

zu seiner Zeit hervorgebracht hätten! Die Negerrasse hat noch keine

„Geschichte“ gehabt. Sie fängt eben an, die ersten Schritte in

der Kultur zu tun, warten wir, und wenn es auch Jahrhunderte oder

Jahrtausende dauern sollte! Der eine Booker T. Washington ist ein

Gegenzeuge, und seine Tuskegeezöglinge und die auf den fünf anderen

höheren Negerschulen samt den wenigen Negerstudenten sind schon ein

Gegenbeweis. Gleich Josephs Brüdern verkauften die Weißen den Neger in

die Sklaverei. Aber eben sein Gefängnis ist vielleicht dazu bestimmt,

der Ausgangspunkt einer neuen glänzenderen Zukunft für ihn zu werden.

Mir aber war es eine stille Freude, einen solchen Mann gesehen und

gehört zu haben, der große Linien der Geschichte prophetisch schaut,

mit kühnem Optimismus in die Zukunft seiner Rasse blickt und sein Leben

dafür eingesetzt hat, daran mitzuhelfen, sie zu ermöglichen.

Als Probe von B. T. Washingtons praktischen Gedanken und seiner

einfachen und anschaulichen Ausdrucksweise setze ich ein Stück aus

seinem trefflichen Buche: „Charakterbildung, Sonntagsansprachen an

die Zöglinge der Normal- und Gewerbeschule von Tuskegee, Berlin 1910“

hierher, und zwar das Kapitel: „Die Methode im häuslichen Leben“ (S.

65-69):

Der Wert der Methoden im häuslichen Leben.

„Die meisten von euch werden früher oder später von Tuskegee

ausgehen, um ihren Einfluß auf das häusliche Leben unseres Volkes

geltend zu machen. Dieser Einfluß wird sich erstrecken auf euer

eigenes +Heim+, auf das Hauswesen eurer Mütter und Väter oder auf

dasjenige eurer Verwandten. Wo ihr auch hingeht, in jedem Hause

werdet ihr einen guten oder einen schlechten Einfluß ausüben. Wie

man es anfängt, um die größte Summe von Glück in diese Heimstätten

hineinzutragen, das ist eine Frage, die einen jeden unter euch

angeht. Ich sage euch das, damit ihr euch klar macht, daß jeder

einzelne von euch berufen ist, auf andere einzuwirken. Versäumt ihr

es, diesen Einfluß zum besten anderer auszuüben, so habt ihr den

Zweck verfehlt, den diese Anstalt verfolgt.

Vor allen Dingen müßt ihr euren Einfluß auf den Gebieten geltend

machen, welche den besten +Erfolg+ versprechen; unter diesen ist

es wichtig, unserem Volk ein möglichst hohes +Ideal des häuslichen

Lebens+ vor Augen zu stellen. Sehr oft mache ich die Beobachtung --

und zwar um so mehr, je länger ich unter unserem Volk umherreise --

daß viele Personen sich vorstellen, sie könnten kein behagliches

Heim haben, ohne sehr reich zu sein. Nun sind einige der fröhlichsten

und behaglichsten Häuser, die ich kenne, solche von Leuten, die

durchaus nicht wohlhabend sind, ja, die man geradezu arm nennen

könnte. Aber es waltet darin ein Geist der Ordnung und Behaglichkeit,

der macht, daß man sich darin so wohl fühlt, als ob man sich in dem

Hause sehr reicher Leute befände.

Ich will mich deutlicher erklären. In erster Linie muß in allen

Dingen, die das Hauswesen angehen, +Pünktlichkeit+ herrschen.

Beispielsweise +bei den Mahlzeiten+. Es ist unmöglich einen Hausstand

ordentlich zu führen, wenn nicht eine bestimmte Zeit für jede

Mahlzeit angesetzt ist und auch streng eingehalten wird. Es gibt

Häuser, in denen einmal um sechs, einmal um acht, einmal vielleicht

gar um neun Uhr gefrühstückt wird; das Mittagsbrot findet bald um

zwölf, bald um eins oder zwei statt und das Abendbrot um fünf, sechs

oder sieben; selbst dann fehlt oft die Hälfte der Familie, wenn das

Essen angerichtet ist. Auf diese Weise vergeudet man Zeit und Kraft

und macht sich überflüssige Mühe. Dagegen spart man Zeit und sehr

viel Arbeit, wenn man ein für allemal eine bestimmte Stunde für die

Mahlzeiten festsetzt und alle Familienmitglieder dazu angehalten

werden, um diese Zeit zu erscheinen. Durch dieses Mittel wird der

Familie viel Verdruß erspart und man gewinnt kostbare Zeit, um zu

lesen oder sonst etwas Nützliches vorzunehmen.

Was nun ferner die Methode anbelangt; gleichviel wie ärmlich ein

Hausstand ist, gleichviel wie wenig Geld im Hause ist, es ist immer

möglich, die häuslichen Verrichtungen methodisch zu ordnen. Wie viele

Hausfrauen gibt es wohl, die in dunkelster Nacht in ihre Wohnung

kommen und ohne Mühe ein +Streichholz finden können+? Daran erkennt

man die gute Hausfrau. Kann sie es nicht, so geht Zeit verloren.

Man spart Zeit und auch Mühe, wenn man die Streichhölzer an einem

bestimmten Ort aufbewahrt und alle Familienmitglieder daran gewöhnt,

sie stets wieder dort hinzulegen. Oft findet man die Streichhölzer

auf dem Tisch oder auf einem Wandbrett in der Ecke. In vielen Häusern

gehen täglich fünf bis zehn Minuten verloren, nur weil die Hausfrau

diesen einen kleinen Punkt vernachlässigt.

Das gleiche gilt vom +Wischtuch+. Das Wischtuch soll einen bestimmten

Platz haben und täglich wieder dorthin gelegt werden. Wer keinen

bestimmten Platz hat, um seine Sachen aufzubewahren, der muß alle

fünf bis zehn Minuten, sobald er einen Gegenstand braucht, bald in,

bald außer dem Hause auf die Suche gehen. Beständig muß er fragen:

‚Hans‘, oder ‚Liese, wo ist dies oder jenes? Wo hast du es zuletzt

gehabt?‘ usw.

Ebenso verhält es sich mit dem +Besen+. Vor allen Dingen darf

in einem methodisch geordneten Hause der Besen nicht verkehrt

aufgestellt werden. Hoffentlich wißt ihr alle, welches das richtige

Ende eines Besens ist. In einem solchen Hause steht der Besen

niemals verkehrt und immer an seinem Platz. Wenn ein Gegenstand

verlegt ist und man danach suchen muß, so verbraucht man nicht bloß

Zeit, sondern auch Kraft, die nützlicher angewendet werden könnte.

Man muß einen +bestimmten+ Platz haben für seinen Mantel, für seinen

Hut, +kurz, für jedes Ding im Hause+.

Diejenigen Menschen, die für jedes Ding einen Platz haben, das sind

die Menschen, denen es nie an Zeit gebricht, zu lesen oder auch sich

zu erholen. Ihr wundert euch manchmal, daß die Leute in Neu-England

so viel Zeit übrig haben, um Bücher und Zeitungen zu lesen und doch

genug verdienen, um unserer Anstalt so viel Geld zuzuwenden, wie dies

geschieht. Diese Leute haben hinreichend Muße, sich geistig zu bilden

und mit allem, was in der Welt vorgeht, Fühlung zu behalten, weil in

ihren Häusern +alles so methodisch geordnet+ ist, daß sie die Zeit

erübrigen, die wir damit verlieren, uns mit Dingen abzugeben, die wir

eigentlich ganz genau wissen sollten.

Ich bin selten in eine von Schwarzen gehaltene Pension gekommen,

wo die +Lampe+ an ihrem Platze stand. Wenn man in ein solches Haus

kommt, muß nur zu häufig erst nach der Lampe gesucht werden; ist sie

schließlich gefunden, so ist sie leer; man hat vergessen, morgens

Petroleum aufzufüllen; dann fehlt es an einem Docht oder es muß ein

Zylinder geholt werden. Hat man endlich alles beisammen, so sind die

Streichhölzer verlegt!

Ich möchte wissen, wieviel Mädchen hier anwesend sind, die es

verstehen, ein Zimmer so herzurichten, daß ein Mensch darin

übernachten kann -- das heißt, es mit der richtigen Anzahl von

Handtüchern, mit Seife und Streichhölzern zu versehen und alles,

was ein Mensch zu seiner Bequemlichkeit braucht, zu beschaffen und

an seinen richtigen Platz zu stellen. Einige unter euch möchte ich

lieber nicht auf die Probe stellen. Diese Dinge müßt ihr lernen,

ehe ihr die Anstalt verlaßt, damit ihr anderen und euch selbst zum

Nutzen gereicht. Könnt ihr dies nicht, so bereitet ihr uns eine

Enttäuschung.“

Weit interessanter und packender ist B. T. Washingtons

Lebensbeschreibung, von ihm selbst verfaßt: „Vom Sklaven empor“

(~Up from slavery~), eine der erschütterndsten und lebenswahrsten

Biographien, die existieren. -- -- --

Hatte ich in dem berühmten Neger einen lebendigen Roman vor mir

gesehen, so bin ich ganz unvermutet und ungewollt in Boston eines Tages

zur Abwechslung Mittelpunkt eines Romans geworden.

[Illustration: ~BOSTON~

~Harvard-Brücke über den Charles-River~]

[Illustration: ~BOSTON~

~Christian Science-Tempel~

(~Im Vordergrund die ältere kleinere Kirche~)]

Ich wurde nämlich eines Tages wie ein Medium zum Wiedervereiniger

zweier sich seit Jahrzehnten suchender Brüder nicht allzu lange vor

ihrem Lebensabend! Ich erzähle dies persönliche Erlebnis an dieser

Stelle, weil es anschaulich zeigen kann, was alles in Amerika möglich

ist. Eines Tages besucht mich in Cambridge, der Vorstadt Bostons, einer

meiner Vettern aus Neuyork. Sein Vater forsche schon jahrelang nach

einem Halbbruder, der einst mit 14 Jahren aus Bremen fortgelaufen,

vermutlich in die weite Welt gewandert sei und von dem man niemals

wieder etwas gehört habe. Er vermute aber stark, daß derselbe, wenn

er überhaupt noch lebe, sich wahrscheinlich in der Union aufhalte.

Nun habe er aber schon so manches amerikanische Adreßbuch nach seinem

Namen durchgesehen, aber nicht gefunden. Aber hier -- so berichtete

der Vetter aus Neuyork -- in Boston habe er heute im Adreßbuch ihren

nicht häufigen Familiennamen -- den Namen eines Arztes in einer der

feinsten Villenstraßen -- entdeckt. Da der Name in der Union sehr

selten sei, bestehe stark die Möglichkeit, daß er am Ende wirklich

der gesuchte Onkel sei! Nun getraue er sich aber nicht recht, den

völlig fremden Herrn allein aufzusuchen. Wenn zwei gingen, so sei das

schon besser. Die ganze Sache kam mir recht mystisch, abenteuerlich

und nach europäischen Begriffen zwecklos vor. Und nun sollte ich,

der ich selbst erst Ankömmling war, einem reichen Bostoner Arzt ins

Haus fallen und ihn kurzerhand fragen, ob er etwa mein Onkel sei und

vor etwa einem halben Jahrhundert aus Bremen fortgelaufen sei?! Nach

europäischen Begriffen stellte ich mir die Wirkung solchen Fragens

vor: Er würde uns wohl sofort aus dem Hause weisen. Dafür war es ja

gut, daß wir dann wenigstens zwei waren. Trotz aller Bedenken ließ ich

mich bewegen mitzugehen, denn ein bißchen Abenteuer zu erleben lockte

mich. War nicht meine ganze Amerikareise auch ein bißchen Abenteuer?

Und wo es etwas ganz Neues zu erleben gab, da war ich gern dabei. Also

gingen bzw. fuhren wir mit der Elektrischen nach Boston. Wer aber

sollte reden? Das war noch nicht entschieden. Natürlich mein Vetter,

denn er sprach als langjähriger Amerikaner fließend englisch. Ich war

also Zeus, und er machte den Merkur. Höchst gespannt war ich, ob wir

überhaupt vorgelassen wurden! Was sollten wir denn eigentlich an der

Tür sagen, wenn geöffnet wurde, weshalb wir kämen? Nun, bei einem Arzt

mußte man ja vorgelassen werden. Aber nun war es Sonntag nachmittag,

da kamen doch wohl in der Regel keine Patienten. Immerhin konnten wir

zuerst so tun, als ob wir es wären ...

Wir standen vor dem Haus, einer stattlichen zweistöckigen Villa im

vornehmen Viertel Bostons, und zogen die Klingel. Richtig stand der

Name da: ~Dr. med. N.~, gleich dem Namen meines Neuyorker Onkels.

Der Name sah sehr heimatlich und familiär aus. Was für ein Geheimnis

mochte sich hinter ihm verbergen? Aber vor dem Familiennamen stand

noch ein Zwischenname, den es so leicht wohl in der ganzen Union nicht

wieder gab. Er hatte französischen Klang. Diesen Namen gab es gewiß in

unserer ganzen Verwandtschaft nirgends. So sank uns wieder der Mut und

die Hoffnung, eine freudige Entdeckung zu machen. Indessen hatte auf

unser Klingelzeichen ein Neger geöffnet. Wir stockten. Was sollten wir

sagen? Wir standen da wie zwei dumme Jungen, die einen dummen Streich

vorhatten. Wir sagten gar nichts. Und das war noch das Beste. So führte

uns der Neger die Treppe in der Vorhalle hinauf und einfach gleich

in das Wartezimmer und bat uns, Platz zu nehmen. Was wir taten. Das

Wartezimmer bewährte seinen Namen auch an uns. Es duftete nach Medizin,

und wir warteten geduldig etwa zwanzig Minuten und hatten alle Bilder

an den Wänden schon mehrmals besichtigt und reichlich in ausliegenden

Magazines geblättert. Man hörte, wie mit Teegeschirr geklappert

wurde. Dann ging die Tür auf; es kam der Doktor und Hausherr, ein

kleiner, untersetzter, schwarzer Herr mit goldenem Kneifer, der uns

gewohnheitsmäßig, ohne uns genau anzusehen, in sein etwas dunkles

Studierzimmer nötigte. Wir folgten und sahen uns beide an, und große

Enttäuschung und innere Heiterkeit malte sich auf unseren Gesichtern,

als wollten wir uns gegenseitig zu verstehen geben: Das soll unser

Onkel sein? Ausgeschlossen! Erstens keine Spur von Ähnlichkeit. Und

zweitens war der Mann vor uns wohl ein Mann Ende der Fünfzig, mein

Onkel in Neuyork aber bereits hoch in den Sechzig.

„~What can I do for you?~“ fragte der Hausherr uns höflich forschend,

wer wohl der Patient wäre, als wir immer noch nichts sagten und

doch beide offenbar recht gesund aussahen. Ja, was machten und

sagten wir nun? Mein Vetter faßte sich ein Herz und bat zunächst um

Entschuldigung, er sein kein Patient, er komme in einer persönlichen

Angelegenheit. Der kleine Doktor machte ein Gesicht, als wollte er

sagen: „Ich verstehe schon. Ihr wollt mich anpumpen, aber ich gebe

nichts!“ Aber mein Vetter fuhr, ohne sich beirren zu lassen, fort:

„Er selbst heiße auch wie der Herr Doktor, und ob der Herr Doktor

vielleicht einen Bruder gleichen Namens habe?“ „Nein!“ kam es sofort

prompt und bestimmt und recht erstaunt ob der persönlichen Anfrage

zurück. Da erhoben wir uns auch sofort und verabschiedeten uns

höflichst unter wiederholten Entschuldigungen, nicht ohne daß ich auch

meinen Namen noch und Wohnsitz nannte, mein Vetter desgleichen. „Ach,

ich dachte zuerst,“ sagte der Doktor, „die Herren wären vielleicht

Matrosen in Zivil, von denen ich manchmal Sonntag nachmittags

aufgesucht werde!“ Er verbeugte sich und schloß hinter uns die Tür. Der

Neger geleitete uns dienstfertig hinaus. „Wir -- Matrosen?“ Es war ja

zum Lachen.

Es war also nichts! Wir waren wieder draußen. Ich fuhr zuerst gegen

meinen Vetter los: „Auch keine Spur von Ähnlichkeit!“ Und mein Vetter:

„Und er hat ja gar keinen Bruder!“ Also war die Sache klar. Mein Vetter

überlegte, ob er noch heute wieder abreisen sollte, um seinem Vater

in Neuyork das erneute Mißgeschick mitzuteilen, um eine Enttäuschung

reicher. Armer Onkel! Aber wir beschlossen, den Abend doch noch

gemeinsam zu verbringen, und erst anderntags um Mittag wollte mein

Vetter nach Neuyork zurückfahren.

Als ich an diesem Abend schließlich in mein Logis zurückkomme, heißt

es, ein Fräulein aus Boston sei dagewesen von einem Herrn ~Dr.

med. N.~ und habe nach mir gefragt, sei aber, da ich nicht da war,

unverrichteter Sache wieder gegangen! Nach einer halben Stunde klingelt

auch schon das Telephon: Herr K. ~N.~ aus Boston! Er läßt die beiden

Herren bitten, wenn möglich, morgen Vormittag doch noch einmal bei

ihm vorzusprechen! -- Donnerwetter! Also doch etwa ein Onkel? Aber

es war ja unmöglich! Er hatte ja keinen Bruder! Und es war doch auch

keine Spur von Ähnlichkeit zu sehen .... Oder wollte er uns nur noch

einmal sprechen, da unsre Unterhaltung etwas reichlich kurz und schnell

gewesen war?

Ich konnte kaum den nächsten Vormittag erwarten. Dann fuhren wir wieder

hin, klingelten und wurden diesmal gleich in den Familiensalon geführt.

Das war sonderbar! Herr ~Dr. N.~ erschien, trat sofort auf mich zu

und sagte wörtlich: Mein lieber Herr B., Ihr Vater hieß mit Vornamen

soundso, ist im Jahre 18.. geboren, lebte in Bremen und hatte zwei

Schwestern, die hießen B. und A... Ich war sprachlos vor Staunen, als

hätte mich ein Donnerschlag gerührt. „Woher wissen Sie das?“ rief ich,

„sind Sie ein Wahrsager und Hellseher oder haben Sie telepathische

Fähigkeiten?“ „Nichts von alledem,“ gab der Doktor zurück, „aber als

Sie gestern aus meinem Hause gingen, sah ich Ihnen hinter den Gardinen

nach. Sie drehten sich noch einmal um. Ich sah jetzt erst deutlich

Ihr Gesicht. Ihr Gesicht, Ihr Gang, Ihre Art zusammen mit Ihrem Namen

stellten mir auf einmal wie eine Vision deutlich Ihren Vater vor bald

fünfzig Jahren in Bremen wieder vor Augen, der damals wohl etwa in

Ihrem Alter war und Ihnen auf ein Haar glich, und damit tauchten auf

einmal Welten der Erinnerung in mir auf, die längst in mir versunken

waren. Ich werde Ihnen das alles noch erklären. Erst lassen Sie mich

aber meine Frau hereinrufen.“ Er ging ins Nebenzimmer. Wir wußten uns

vor Staunen gar nicht zu fassen. Also, er war unser Onkel!! Dann trat

Frau ~Dr. N.~ herein, der wir uns vorstellten und die mit einem etwas

auffallenden Akzent englisch sprach -- deutsch war es jedenfalls nicht

-- und ihre „lieben Neffen“ herzlich begrüßte. Dann fuhr Doktor ~N.~,

sich an meinen Vetter wendend, fort: „Ihr Vater -- mein Bruder -- heißt

wohl mit Vornamen B .... Ich bin in der Tat der verschollen gewesene

Bruder, ich bin wirklich Ihr Onkel, den Sie noch nie gesehen haben und

von dessen Dasein Sie nichts wissen konnten, und Sie sind meine Neffen.

Seien Sie uns herzlich willkommen!“

Wir wußten beide noch immer nicht, ob wir träumten, im Kino saßen,

einen unglaublichen Roman hörten, in der Hypnose, Trance oder sonst was

lebten, oder ob es alles Wirklichkeit war. Aber er wußte ja die Namen

genau und die Daten. Es konnte gar kein Zweifel an der Echtheit des

Onkels sein. Glücklicher Onkel in Neuyork! Wenn er das erfuhr! Aber

wie war das alles nur möglich? Nun erzählte der neue Onkel weiter. Wir

hatten uns alle indessen am offenen Feuerplatz des Kamins in bequemen

Sesseln gemütlich niedergelassen und lauschten der unerhörten Mär:

„Ich bin in der Not vor beinahe fünfzig Jahren,“ begann der Doktor,

„aus Bremen fort aufs Schiff gegangen. Wir waren sehr viele Kinder.

Vater hatte nicht für uns alle Platz. Und eine Schuldummheit kostete

mir den weiteren Aufstieg. Ich schämte mich; Vater verstand mich auch

nicht recht, da kam die Weltsehnsucht und Abenteurerlust über mich,

wie es schon manchen Bremer und Hamburger Jungen gepackt hat. So ging

auch ich fort in die Welt mit dem Entschluß, nicht eher etwas von mir

hören zu lassen, bis ich etwas geworden wäre. Die Welt ist weit. Ich

landete nach manchen Irrfahrten in Le Havre in Frankreich. Von dort

kam ich nach Paris und trat als Schreiber bei einem Rechtsanwalt in

die Lehre. Dem guckte ich allerlei Juristerei ab, lernte des Abends

fleißig aus Büchern und faßte den Plan, wenn möglich, noch Jura zu

studieren. Aber woher dazu das Geld nehmen? Da war der Suezkanal neu

eröffnet. Das ist meine Chance, dachte ich, und ging nach Ägypten! Aber

dort packte mich bald das gelbe Fieber, wochenlang lag ich bewußtlos

zwischen Leben und Tod. Als ich wieder genas, kannte ich selbst mich

kaum wieder. Alle Erinnerung war in mir wie ausgelöscht. Ich kehrte

nach Frankreich zurück, trat wiederum bei einem Notar ein und wurde

nach einigen wohlgelungenen Arbeiten sein Bureauchef, ja Assozié. An

der Sorbonne legte ich juristische Prüfungen ab, heiratete meines

Chefs einzige Tochter, meine liebe Frau -- ich sah zu meiner neuen

Tante, die lächelte, hinüber, also eine Französin! -- und übernahm

nach seinem Tod seine Praxis. Aber nach dem 70er Krieg war es für

einen Deutschgeborenen schwer in Frankreich voran zu kommen. Ich

siedelte deshalb nach Amerika über. Von dem Erlös der verkauften Praxis

studierte ich hier in Boston an der Medical School Medizin und ließ

mich schon vor über zwanzig Jahren in Boston als Arzt nieder. Unser

Haus haben wir seit fünfzehn Jahren. Gestern, als ich Ihr Gesicht sah

und in Ihnen -- er meinte mich -- wieder Ihren Vater wie einst vor mir

sah, tauchte nach langer Zeit meine ganze Jugend wieder empor.“ Er

schwieg. Auch niemand von uns wagte zu sprechen. Wunderbare Lebensläufe

und Menschenschicksale! Tote schienen lebendig zu werden ...!

Nun wurden die Kinder hereingerufen, darunter ein artiges Fräulein trat

ein -- sie war es, die mich gestern in Cambridge zu treffen suchte

-- aber keiner von uns wußte zuerst, ob wir uns nun wirklich gleich

als Vetter und Base betrachten sollten. Und bald flogen Telegramme

nach Neuyork und nach Deutschland, und in wenigen Tagen lagen sich

totgeglaubte und verschollene Brüder wieder in den Armen! Und ich

mußte der Mittelsmann sein, von dem aus der Funke des Erkennens und

Wiederfindens übergesprungen war! Mit diesem einen Ereignis hatte sich

eigentlich schon meine ganze Amerikareise gerechtfertigt und gelohnt.

Wie rund ist die Welt und wie klein!

Fußnoten:

[Footnote 12: Gib acht auf die Maschine!]

[Footnote 13: Bessere Lage, größerer Lohn!]

[Footnote 14: Man vgl. auch Feuchtersleben, Diätetik der Seele.]

An der Harvard-Universität.

Eine meiner Hauptabsichten meiner Reise war, nicht einen verschollenen

Onkel wieder zu entdecken, sondern u. a. auch das amerikanische

Universitätsleben näher kennenzulernen und den damals noch lebenden

Professor William James zu einer deutschen Doktordissertation zu

„verarbeiten“.

So war ich also bald nach meiner Ankunft in Boston mit der

„Cambridge-car“ die prächtige Harvardbrücke über den breiten

Charles River hinüber nach der beinahe 100000 Einwohner zählenden

Universitätsvorstadt Cambridge gefahren, die in ihrem Mittelpunkt das

in der ganzen Union hoch angesehene, schon aus dem 17. Jahrhundert, der

Puritanerzeit, stammende Harvard College mit seinen Hochschulen birgt.

Cambridge[15] selbst machte zuerst keinen allzu erhebenden Eindruck.

Erstlich regnete es fürchterlich bei meiner Ankunft, und überall

starrte mir Schmutz entgegen. Aber auch an trockenen Tagen pflegten

wahre Wolken von Staub die Hauptverkehrsstraßen entlang zu fegen.

Auch schien die Stadt mir unansehnlich und recht unregelmäßig gebaut.

Boston selbst wirkte dreimal vornehmer. Aber je weiter man nach

Cambridge hinein kam, desto anziehender wurde es. Und als ich durch

die „Quincy Street“ in den prachtvollen Ulmenpark des Universitätshofs

eintrat, fand ich es geradezu reizend und anheimelnd. Eine angenehme

Stille lag über den vielen und zum Teil recht zerstreut liegenden

Universitätsgebäuden mit ihren Vorlesungshäusern, Instituten,

Seminaren, Speisehallen, Wohngebäuden der Studenten, die alle in den

sog. „~dormitories~“, einer Art freien Studentenpensionaten (aber

ohne Verpflegung) zusammenwohnen und auch in großen z. T. vornehm

ausgestatteten Speisehallen zusammenessen, ausgebreitet. In einer

sehr stillen Allee in einer der kleineren, älteren, aber äußerst

traulichen, efeuumsponnenen ~halls~, in der schon Emerson gelehrt hat,

fand ich meinen Wohnsitz. Der Hausmann (~janitor~) empfing mich auch

als „German“ sehr freundlich und geleitete mich zu meinem „~furnished

room~“ (möbl. Zimmer). Auch ein älterer hilfsbereiter Student, der mir

später ein lieber Freund wurde, Mr. Arthur E. W., instruierte mich über

alles zunächst für mich Notwendige. Gottlob aber, daß ich Englisch

verstand und sprach!

In meinem „~furnished room~“ fand ich alles zum Leben Notwendige

beisammen, einen großen behaglichen Kamin, den ich aber selbst zu

heizen hatte! In Amerika gilt ja überall: „Selbst ist der Mann! Da

tritt kein andrer für ihn ein, auf sich selber steht er da ganz

allein!“ Ich habe das Heizen des offenen Kamins auch redlich oft drei-

bis viermal versucht, die aufgeschichteten Holz- und Kohlenstöße

kunstgerecht zu entfachen und dann hübsch in Brand zu halten, aber der

ungewohnte amerikanische Kamin hatte seine Tücken und wollte sich

wahrscheinlich auch von so einem „~damned German~“ nicht ohne weiteres

anheizen lassen. Aber auch in der deutschen Universitätsstadt Tübingen

ging es zu meiner Zeit einem sehr gescheiten Stiftler ebenso, so daß er

schließlich dem dortigen Hausmann verzweifelt sein Leid klagte. Der kam

und sagte lakonisch: „Wenn i das Fujer’ wär’, i ging au aus!“ So kam

auch hier schließlich ein rettender Engel und half dem unpraktischen

Deutschen aus der kalten Hölle. Aber noch öfters saß ich ungeheizt,

natürlich gerade dann, wenn etwa einer der Herren Professoren mir

seinen liebenswürdigen Gegenbesuch machte, so daß mir noch heute der

alte weißhaarige, in Samaria eifrig ausgrabende Professor Lyon leid

tut, der so fröstelnd in meinem hohen strohgepolsterten Lehnstuhl saß

und sicher mit wissenschaftlicher Schärfe im Stillen die Ursache der

Kälte in der sonst warmen Hall zu ergründen suchte. Bei mir lagen eben

die mächtigen Holzklötze, die sonst in den offenen Kaminen schwelen,

meist nur angekohlt und fröhlich rauchend, aber ohne zu wärmen hinter

ihrem Gitter, obwohl ich nachher so ziemlich die höchste Rechnung für

Heizmaterial am Ende des Semesters zu begleichen hatte!! Wenn nicht

in dem Januarblizzard, der einen meterhohen Schneefall brachte und

-20° ~R~ ein anderer weit herumgekommener amerikanischer Freund, Mr.

Moore, der besonders für Konstantinopel, die Türken und die Griechen

schwärmte, sich meiner erbarmt oder mein japanischer Freund Mr.

Ashida, heute in Kyoto Dekan der Doshisha-Hochschule, mich in sein

wohlgewärmtes trauliches japanisches Zimmer mit hinübergenommen hätte,

wäre ich wohl eines Tages eines seligen Kältetodes gestorben ...

Weiter enthielt mein „~furnished room~“ einen sehr schönen Schreibtisch

mit jenem obenerwähnten strohgepolsterten Lehnstuhl, einem

Schaukelstuhl, zugleich Ehrensitz für hohen Besuch, zwei Bücherregale,

ein paar einfache Stühle und einen kleinen Alkoven, in dem das Bett

stand, und von dem aus ich den schönsten Blick in die malerischen

und träumerischen Universitätsanlagen hatte. Hier sah ich das letzte

goldene Herbstlaub des „~indian summer~“ zu Boden wirbeln, hier sah

ich den feuchten Novembernebel um die Bäume rieseln, hier sah ich

den Schnee in wilden Massen niederwirbeln und auf leisen Sohlen den

amerikanischen Frühling sich nahen ...

Mein großer grüner Koffer war zuerst noch nicht da. So legte ich

mich die ersten Nächte im Mantel zu Bett. Meine Photographien von

den Lieben und Freunden daheim stellte ich auf das Kamingesims mit

der merkwürdigen Empfindung, an 4000 Meilen von ihnen entfernt zu

sein. Einige deutsche Kunstwartbilder hing ich mir als Schmuck

an die Wand. Drüben und neben mir zogen in ähnlicher Weise meine

studentischen Nachbarn ein. Es entwickelte sich bald zwischen uns ein

recht freundschaftlicher Verkehr. So war ich wieder einmal Student.

An Semestern war ich wahrscheinlich der älteste im Hause, wenn auch

nicht an Jahren. Denn die amerikanischen Studenten haben oft schon

merkwürdige Lebensläufe hinter sich, ehe sie zu studieren anfangen.

Nach meiner Ankunft in Cambridge machte ich sogleich meinen

schuldigen Antrittsbesuch beim Herrn Dekan der Fakultät („~School~“),

einem äußerst liebenswürdigen älteren Herrn mit weißem englischen

Schnurrbärtchen, der mein zum Teil noch sehr fehlerhaftes Englisch

„~marvellous~“ nannte und bedankte mich für die gütige Einladung

nach Harvard. Überall fand ich eine sehr große Liebenswürdigkeit,

Höflichkeit, Gastfreundschaft und ein unbeschränktes Entgegenkommen,

obwohl ich selbst mit Kritik und recht freimütiger Beurteilung

amerikanischer Verhältnisse gar nicht zurückhielt, aber überall stieß

ich auch auf einen höchst ausgeprägten Nationalstolz. Davon könnten

wir mehr haben! Man war stets in allen Dingen moralisch, technisch,

politisch, wirtschaftlich wie selbstverständlich überzeugt, das Beste

und Größte „in der Welt“ zu besitzen. An +Quantität+ aller Verhältnisse

überragt ja auch in der Tat die Union alle Länder der Welt. Vor

Deutschlands Wissenschaft neigte sich drüben alles in Ehrfurcht!

Am anderen Tag begab ich mich zu den Mahlzeiten zum ersten Male nach

einer der gemeinsamen Universitätsspeisehallen. Studenten als Kellner

weiß gekleidet -- in Amerika gar nichts Ungewöhnliches! -- bedienten

selbst, nahmen die „~down-stairs-orders~“[16] entgegen, die man auf

kleine Kärtchen schrieb, und brachten binnen wenigen Minuten von

unten herauf alles Gewünschte. Längst vor dem Krieg war in Amerika

der „Werkstudent“ schon fast die Regel. Auch für den wohlhabenden

Studenten galt es schon immer drüben als unvornehm, sein Studiengeld

vom Vater zu fordern statt selbst zu beschaffen! So arbeitete in

der Universitätsdruckerei nachts als Setzer ein Millionärssohn!

Die meisten „arbeiteten“ in den langen akademischen Sommerferien,

die drüben etwa ein volles Vierteljahr umspannen, als Kellner in

den großen Sommerhotels auf dem Lande, oder als Sprachlehrer,

Bankangestellter, Straßenbahner, Organist, Hotelportier u. dgl. Ich

kannte einen Studenten, der tagsüber Vorlesungen hörte und nachts als

Nachtpförtner in seinem Bostoner Hotel seine griechische Grammatik

lernte! So wurde auch ich öfters gefragt, ob ich nicht einen „~job~“

(Arbeitsstelle) anzunehmen wünsche. Ich habe mir dann auch neben meiner

Universitätsarbeit mit deutschen Stunden u. a. noch etwas Taschengeld

verdient, bis einer der „~freshmen~“ (unterster Jahrgang im „College“),

den ich unterrichtete, mir eines Tages erklärte, „mein Deutsch sei

nicht richtig; was ich ihn gelehrt, habe ihm der amerikanische

Professor als Fehler angestrichen“!! Da habe ich diesem „Frechmän“

beinahe eine ... -- erklärt, daß er nicht wiederzukommen brauche! Und

verzichtete auf solchen „~job~“!

Am gemütlichsten und besten aß man in der prächtigen, gotischen

„Memorial Hall“, die mit ihrem hohen Glockenturm wie eine große Kirche

alle anderen Universitätsgebäude überragte. Dafür hielt ich sie zuerst

auch, bis ich über ihre wahre Bedeutung aufgeklärt wurde. Man saß

hier an kleinen Klubtischen zu vieren oder sechsen -- gegen tausend

Studenten aßen hier täglich! -- und konnte nach Herzenslust für einen

festen Wochenpreis von nur 5 Dollar bestellen und essen, besonders wenn

man sich mit dem Neger gut stellte (das war hier unser alter guter

Jackson), was und wieviel man begehrte. Und ich stellte mich daher

immer besonders gut mit ihm! Da reichte mir seine braungelbe Hand

unermüdlich hin, wonach das Herz verlangte. Was für fröhliche Stunden

haben wir in Memorial Hall verlebt! Mittags um zwölf Uhr zum „~lunch~“

und abends fünf oder halb sechs zum „~dinner~“, der Hauptmahlzeit. Da

fand sich an unserem Tisch ein deutscher Student der Philologie aus

Heidelberg ein, von dem man rühmte, daß seine englische Aussprache

besser sei als die der Eingeborenen! Mit dem Grad eines ~A. M.~

(~Master of arts~) kehrte er in die Heimat zurück. Weiter verkehrte

bei uns ein Privatdozent der Chemie aus Prag, der heute ordentlicher

Professor in München ist, dazu drei bis vier junge smarte Amerikaner,

ein Pflanzerssohn aus dem Südstaat Carolina, dessen Devise war: „Wenn

dir einer dumm kommt, box ihn nieder!“; ferner der gereifte Bruder

eines angesehenen Baptistenpredigers in Boston und endlich ein dritter

Schmächtiger auch aus dem Süden, der ungeheuer viel Pfeffer auf seine

Speisen warf und dazu unbändig rauchte und dessen Losung war: „Was

sich dir in den Weg stellt, schieß nieder!“ Typisch für die aus den

Pflanzer- und Südstaaten! Alle meine Bekehrungsversuche, seine Sitten

und Anschauungen zu mildern, scheiterten. Unsere Sprache untereinander

war nur englisch. Und das war gut. Nur der Prager Chemiker -- ein

echter Deutschösterreicher -- konnte es nicht lassen, wenn er den

Heidelberger und mich einmal allein am Tisch traf, doch mit seinem

urgemütlichen wienerischen Dialekt herauszurücken, was dort drüben

doppelt heimatlich klang ... Auch fand er, die amerikanischen Girls,

auf die er manchmal ein Auge warf, „fräßen einem richtig aus den

Händen“ ...

Ich gewöhnte mich schnell an die amerikanisch-akademische

Tageseinteilung. Früh acht Uhr besuchte ich gern der Sitte gemäß

die „~morning prayers~“ in Appleton Chapel, der traulichen

Universitätskapelle. Hier gab es -- echt amerikanisch --

„~five-minutes-addresses~“! (Ob wir Deutsche das auch fertig brächten?)

Dann sang ein kleiner melodischer Studentenchor. Von da ging man zum

Frühstück, das in Amerika mit Früchten beginnt und mit Koteletts

endigt. Von neun bis zwölf hörte man Vorlesungen. Punkt zwölf

erschien man wolfshungrig zum „~lunch~“, daran schloß sich ein kleiner

Spaziergang am Ufer des Charles River oder ein Tennisspiel. Von zwei

bis fünf Uhr war man wieder entweder im Colleg oder Seminar, übte oder

las in der Bibliothek, falls man nicht einen Klubvortrag besuchte.

Ehe man zum ~dinner~ ging, ging es in die akademische Turnhalle[17],

um rasch einige „~physical exercises~“ in der ganz vorzüglich mit

den raffiniertesten Geräten ausgestatteten Universitätsturnhalle

vorzunehmen. Danach nahm man allgemein ein sehr ungeniertes Bad, das

dem lateinischen Namen der Turnhalle voll entsprach. Nach solchen

wohlberechneten Vorbereitungen schmeckte das ~dinner~ in Memorial Hall

einzigartig prächtig. Um sieben Uhr rief die Hausglocke der ~hall~

zum „~evening-prayer~“ und danach war noch etwa drei bis vier Stunden

stille Arbeitszeit, um Bücher zu lesen, Referate anzufertigen u. dgl.

Ich bekam vor der Quantität geistiger Arbeit der amerikanischen

Studenten allen Respekt!

Gleich zu Anfang des Semesters fanden die großen offiziellen

Feierlichkeiten der +Einführung des neuen Universitätspräsidenten+

statt. Die „Registration“ (bei uns „Immatrikulation“) war hingegen sehr

einfach und unformell. Man wurde schnell mit seinen Personalien in ein

Buch geschrieben. Das war alles. Aber die Inauguration des Präsidenten

war höchst feierlich und großartig. Vierzig Jahre lang hatte der

ehrwürdige, wohl über achtzigjährige ~Dr.~ Eliot das Universitätszepter

geführt. (Die Universitätsrektoren amtieren drüben auf Lebenszeit!) Nun

galt es seinen Nachfolger auf Lebenszeit einzuführen, ~Dr.~ Lowell.

Über 200 Professoren aus dem ganzen Land waren dazu zusammengeströmt,

Harvard zu Ehren. Vor der Haupthalle der Universität, einem schlichten

hellen Gebäude im Universitätspark, war ein Podium aufgeschlagen, auf

dem alle die Ehrengäste und der eigene Lehrkörper in ihren feierlichen

Doktortalaren unter freiem Himmel Platz nahmen. Über der ganzen Feier

lag blendender Sonnenschein, und zu vielen Hunderten füllte die

akademische Jugend vom jüngsten „~freshman~“ bis zu den gereiften

„~graduates~“ den weiten Park. Unter den Gästen wurde besonders der

neuangekommene deutsche Austauschprofessor, ein berühmter Berliner

Historiker, geradezu überschwänglich begrüßt als „~not surpassed by

living men~“[18]. Der neue Präsident hielt eine lange Ansprache über

Aufgaben und Ziele der amerikanischen Universitätsbildung und trat ein

für freiere Wahl der Vorlesungen und bessere Vorbildung der Studenten

nach -- deutschem Muster!

Denn der amerikanische Lehrbetrieb ist in vielen Stücken ein sehr

anderer als bei uns. Im selben Alter, in dem wir in Deutschland in die

Schule eintreten, tritt zwar auch der Amerikaner in die Schule ein, und

zwar jeder, so will es die jegliche Klassenunterschiede verabscheuende

Demokratie, die auch in der Eisenbahn nur eine Klasse erlaubt, in die

Volksschule (~public~ oder ~grammar school~), die gewöhnlich sechs

Jahrgänge umfaßt. Freilich erlaubt es das amerikanische System den

Begabteren und Fleißigen, Klassen zu überspringen und so in wenigen

Jahren das Ziel zu erreichen, das zur nächsthöheren Schulgattung,

der Oberschule (~high school~), die etwa unserer Realschule oder

den mittleren Klassen des Gymnasiums entspricht, hinführt. Erst im

Alter von dreizehn, vierzehn Jahren beginnt der Amerikaner Sprachen

zu lernen. Bereits die ~High school~-Kurse sind „wahlfrei“, und so

steht die Wahl zwischen Deutsch, Französisch, Latein oder Griechisch

oder mehreren von diesen zusammen offen. Nach vierjährigem ~High

school~-Besuch wird der Amerikaner reif, die Aufnahmeprüfung zum

„~college~“ zu bestehen. Das ~college~ bildet den Grundstock der

Universität und kann eigentlich mit keiner deutschen Einrichtung

verglichen werden. Das „~college~“, englischen Ursprungs, dient

keineswegs dazu, auf die sogenannten „akademischen“ Berufe, wie

wir sagen, vorzubereiten, sondern den Amerikaner zum „Gebildeten“

und „~gentleman~“ in wissenschaftlicher und persönlicher Hinsicht

heranzubilden. Die Lehrgegenstände des ~college~ sind völlig

wahlfrei und entsprechen ihrem Gehalt nach ungefähr dem, was wir in

den Oberklassen des Gymnasiums und in den ersten Semestern auf der

Universität lernen. Nur darf nie vergessen werden, daß nirgends in

Amerika genau der gleiche Maßstab, dieselben Anforderungen und die

gleiche Güte vorherrscht. Die Teile des Riesenlandes sind so ungeheuer

voneinander verschieden, vor allem der Westen und Süden vom Osten,

den alten Neuenglandstaaten mit dem geistigen Zentrum Boston und der

Harvard-Universität, daß die qualitative Gleichheit der Schulen und

~colleges~ ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Ein kleines ~college~ des

Westens lehrt vielleicht nicht mehr, als was bei uns ein Tertianer oder

Untersekundaner lernt, während der ~college~-Student in Harvard Zutritt

zu Kursen hat, die keiner deutschen Universität Schande machten. Der

~college~-Student, der im gleichen Alter das ~college~ bezieht, wie wir

etwa die Universität, obwohl er noch nicht dieselbe wissenschaftliche

Höhe erreicht hat, kann, weil er völlig freie Hand in der Wahl

seiner Vorlesungen hat, schon auf dem ~college~ spezialisieren, wenn

er später in eine Fachschule (~Graduate school~), die am ehesten

unseren Fakultäten entspricht, einzutreten gedenkt. Die meisten aber

halten sich nur im ~college~ auf, um eine „~liberal education~“ zu

gewinnen, um ihre Allgemeinbildung zu vollenden, d. h. sie haben kein

spezielles wissenschaftliches Interesse, hören Literatur, Geschichte,

Philosophie und suchen nach vierjährigem Lehrgang den Grad eines ~B.

A.~ (~Bachelor of arts~) zu erhalten, der für eine bestimmte Anzahl (17

oder 18 dreistündiger) tüchtig durchgearbeiteter Vorlesungen verliehen

wird. Diejenigen, die den ~A. B.~ haben, sind die „Gebildeten“, in

welchem Beruf, Geschäft, Technik oder wo sonst sie sich auch später

befinden mögen. Diejenigen, die Rechte, Philologie, Theologie und

Medizin, Mathematik und Naturwissenschaft eingehend studieren wollen,

um Richter, Prediger, Professor u. dgl. zu werden, treten in die

„~graduate school~“ ein, die allein denen, die den ~degree~ des ~B.

A.~ besitzen, offen steht. In der ~graduate school~ (~Law School~,

~Medical and Divinity School~ und ~Faculty of Arts and Sciences~),

die unseren mittleren und letzten Semestern entspricht, wird etwa

drei bis vier Jahre gearbeitet und der Doktorgrad erreicht. Aber

das Studentenbild in der ~graduate school~ ist von dem unseren auch

wieder recht verschieden. Der ~college~-Student ist zwar in dem Alter

unserer Studenten, es fehlt ihm aber manchmal an dem eigentlichen

„wissenschaftlichen“ Interesse, dafür ist sein ganzes Gehaben

vielleicht ein ganz Teil jugendlicher als das unserer Studenten. Der

~graduate~-Student aber in der ~graduate school~ übertrifft meistens

unser Studentenalter beträchtlich; denn durchaus nicht alle treten

sofort nach Vollendung ihres ~college~-Studiums in eine Fakultät ein,

sondern viele arbeiten zuerst eine Zeitlang in einem praktischen

Berufe und verdienen sich das teure Studiengeld erst selber. So

kann das für uns merkwürdige Verhältnis eintreten, daß z. B. einer

bereits eine eigene Pfarrstelle auf dem Lande inne hat, die ihm

mit der sonntäglichen Predigt den Unterhalt für sein theologisches

Studium gibt, das er jetzt erst eigentlich beginnt (!!). Andere sind

in einem Geschäft gewesen oder haben an einer Schule bereits einige

Zeit +gelehrt+; andere sind während ihres Studiums noch in allerlei

Nebenberufen tätig. Ein „Instruktor“ in Nationalökonomie spielte gar in

einem Professorenhause den Hausmeister, versorgte morgens um sechs Uhr

im Winter die Dampfheizung des Hauses mit Kohlen; wieder ein anderer

war Organist in einer Kirche!

Es existierte nie Klassengeist; der Student bildete nie eine

soziale Sonderschicht. „Arbeit“ war drüben immer ein allgemeiner

sittlich-demokratischer Begriff, der für den Studenten sich keineswegs

auf wissenschaftliche allein beschränkte. Andererseits ist auch die

wissenschaftliche Arbeit nicht höher eingeschätzt als andere. Jede

Arbeit ist „~work~“, gleichgültig, was für eine; ausgenommen vielleicht

Stiefelputzen, das für den Amerikaner einen antidemokratischen Geruch

mit sich führt. Nur der, der arbeitet, ist geachtet. Die Achtung

bezieht sich aber fast allein auf die Quantität der geleisteten

Arbeit und die mit ihr verbundenen Einnahme, nicht so sehr auf

ihre qualitative Eigenart! Die Art des Studiums ist daher von der

unseren recht verschieden. Während wir kein höheres Ideal als das der

„akademischen Freiheit“ kennen, d. h. der völligen Selbstbestimmung

in wissenschaftlicher und persönlicher Hinsicht, ist dieser Begriff

der amerikanischen Universität, mit Ausnahme der Wahlfreiheit der

einzelnen Fächer, völlig fremd. Das ~college~ und die ~graduate school~

ist eine höhere und höchste Art „Schule“, nichts anderes. So hat der

einzelne Student seinen vorgeschriebenen (!) Platz im Kolleg, er hat

seine genau bis auf Stunde und Seite „vorgeschriebene“ Lektüre zu

jeder Vorlesung aufzuarbeiten; er hat oft wöchentliche, monatliche

oder mindestens halbjährliche Prüfungen zu bestehen, wöchentliche oder

monatliche schriftliche Referate und Aufsätze oder größere Arbeiten

einzuliefern, die vom Professor korrigiert und zensiert werden!

Fernbleiben vom Kolleg ist völlig unbekannt, Bummeln ausgeschlossen.

Der Student sucht nicht seinen eigenen Weg in der Wahl seiner

Lektüre, in seiner Privatarbeit und in seinen Spezialstudien, die

ihn vielleicht dieses Semester dahin und das nächste dorthin führen,

sondern mit der Wahl eines Kollegs ist sein Weg Schritt für Schritt

genau vorgezeichnet. Eine solche Fülle der Lektüre und Aufsätze

überschüttet ihn, daß kaum ein Quentchen Zeit für eigene Wege übrig

bleibt. So rechnet man konsequent sehr genau mit der Seitenzahl (!)

der Lektüre, die in diesem und jenem Kolleg vorgeschrieben ist; die

Aufsätze werden nach der Vielstelligkeit der Zahl ihrer Worte von den

Studenten taxiert und mit Mindestforderungen der Zahl der Seiten und

Worte abgegrenzt(!); das Interesse richtet sich auf die +Anzahl+ der

dreistündigen Vorlesungen, die einer bewältigt, die +Zensuren+, die

er für seine „~papers~“ davonträgt, und den „~degree~“ (akademischen

Grad), den er zu bestimmter Zeit mit der Aufarbeitung einer +Anzahl+

von Vorlesungen erlangen kann, und ~last not least~ -- das Einkommen

der Stelle, die er mit einem ~Harvard-degree~ zu erlangen hofft!

Ich will nicht zu schwarz malen. Aber dasselbe quantitative Urteil,

das hier von jedem neuen Gebäude oder kostbaren Gemälde vor allen

Dingen den Preis zu nennen weiß, das jede neue gute Institution mit

dem Titel „~the best and highest in the world~“ belegt, breitet

seine unheilvollen Schwingen auch über die Wissenschaft. Es war für

mich ein sehr eigentümlicher Eindruck, als ich zum erstenmal in

den Lesesaal der Universitätsbibliothek trat und die langen Reihen

Bücher sah, -- genau bezeichnet für jeden Kurs, keins weniger und

mehr als vorgeschrieben (!) -- und eine Fülle lesender Studenten --

aber nur in „vorgeschriebener“ Lektüre von Seite soundsoviel bis

Seite soundsoviel, kein Wort mehr oder weniger -- da ist der Geist

freier, ungebundener, eigener kritischer Wissenschaft erstickt im

Staub pedantischen Schulgeistes, der rechnet, statt wägt, ißt, aber

nicht selbst verdaut, „lernt“, aber nicht „studiert“, eine Menge

Bücher kennt und doch kein Forschungsfeld überschaut, der nichts ahnt

von der unendlichen Weite und Tiefe wirklich eigener selbständiger,

kritischer, wissenschaftlicher Arbeit; der nie recht wissenschaftlich

arbeiten lernt trotz mehrjährigen täglichen zehn- oder zwölfstündigen

Fleißes! Der ganze amerikanische Universitätsgeist leidet an seiner

Schulmäßigkeit: Auch die Dozenten müssen fast soviel Stunden in der

Woche wie unsere Schullehrer geben. Der Universitätsprofessor ist mehr

Lehrer als Gelehrter. Auch seine Bezahlung steht nicht im Verhältnis

zu dem Reichtum des Dollarlandes, und sein Ansehen ist nicht mit dem

eines deutschen akademischen Professors zu vergleichen. Alles dies soll

keineswegs in Abrede stellen, daß auch Amerika sehr tüchtige Gelehrte

und kritisch begabte Studenten hervorbringt, aber mehr trotz als

infolge seines Systems. Und doch ist es auffällig, in welcher Überfülle

die Übersetzungen deutscher wissenschaftlicher Bücher in Gebrauch sind,

und geradezu rührend ist es zu beobachten und zu hören, mit welch

aufrichtiger und uneingeschränkter Bewunderung der gebildete Amerikaner

immer wieder zu dem Land der Dichter und Denker hinaufschaut.

So hatte also auch ich meine liebe Not, genügend freie Zeit für meine

eigenen Studien zu behalten, Land und Leute kennenzulernen u. dgl.,

wenn auch ich mit einem „~degree~“ geschmückt Harvard wieder verlassen

wollte. Und ohne ~degree~ gilt man ja drüben in akademischen Kreisen

gar nichts. Und ohne ~degree~ zu scheiden, hätte mich in amerikanischen

Augen als Faulpelz gekennzeichnet ...

Die Inaugurationsfeier schloß mit dem üblichen Gebet, Musikchören

und dem Jubel der „~college-men~“. Anderntags war noch einmal große

Vorstellung aller fremden Gäste in der Repräsentationshalle der

Universität, in „Sanders Theatre“, das seinen Namen von seiner

theaterähnlichen Rundung hat. Der neue Universitätspräsident, vom

Stab seiner Dekane begleitet, begrüßte feierlich jeden fremden Gast,

indem er ihn mit allen seinen Titeln und Verdiensten ausführlich

der Studentenschaft vorstellte. Jedesmal antwortete wüstes

Beifallsgeschrei. Es waren auch zwei weibliche Professoren und die

Spitzen von Heer und Marine unter ihnen, die von den Studenten

besonders brüllend bejubelt wurden. Alle anderen wurden laut und immer

lauter beklatscht beinahe zwei Stunden lang. Langsam defilierten sie

auf dem Podium vorüber, zum Teil ehrwürdige Gestalten und noch junge

Doktoren aus der Nähe und der Ferne, ja sogar auch aus Kalifornien und

Texas, die geistige Elite der Union.

Abends brachten die „~fresh-men~“ dem neuen Präsidenten einen

Fackelzug im „Stadium“ dar. Das Stadium ist ein ungeheurer, etwa 40000

Personen fassender, elliptischer offen amphitheatralischer römischer

Zirkusbau, der den großen Universitätsfußballspielen dient. Heute lag

er im Dunkeln. Nach dem Einlaß kletterte alles affenähnlich über die

weiten und hohen Betonsitzreihen, die stumm dalagen und sich hell

vom klaren Nachthimmel abhoben, bis das schier unermeßliche Rund

doch nur zum kleinsten Teil mit Menschen gefüllt war. Dann nahten in

langem feierlichen Zug die ~fresh-men~ mit ihren Fackeln, d. h. sie

trugen auf Stangen kleine Töpfe mit brennendem Öl, an 1200 Mann zu

je zweien nebeneinander, ein wirkungsvoller Zug. Im Stadium führten

sie allerlei Reigen und Freiübungen aus, die sich mit den Lichtern im

Dunkeln außerordentlich eindrucksvoll ausnahmen. Den Schluß machte

ein Buntfeuerwerk, das zu allerletzt die Namen des Präsidenten und

des ~college~ zeigte. Der also gefeierte Präsident hielt eine kurze

Dankesansprache, die in dem großen Rund ausgezeichnet zu verstehen

war. Mit einem an Indianergeheul erinnernden vieltausendstimmigen

„Ra-Ra-Ra-Ra ...“, dem traditionellen studentischen Ruf, endete die

Feier. Die Zeitungen waren noch Tage und Spalten lang voll davon ...

„~Vivat academia, vivant professores~“ heißt es in dem alten deutschen

Studentenlied. So kommen nun nach der ~academia~ die Professoren

daran, mit denen ich drüben zusammen sein konnte. Ihr allzeit so

sehr gefälliges Entgegenkommen habe ich schon gerühmt und verdient

auch hier eigenen Dank. „~What can I do for you?~“ war die ständige

Redensart der höflichen Menschen drüben. Der erste, der mich freundlich

empfing, war der auch in Deutschland als erster Austauschprofessor

und durch seine Schriften bekanntgewordene Sozialethiker Francis G.

Peabody, ein Typus des hochgebildeten und vornehmen Neuengländers.

Er hatte ein prachtvolles und nach jeder Seite hin ausgezeichnetes

sozialethisches Seminar eingerichtet, wie drüben überhaupt alle

Seminare, Bibliotheken, Laboratorien an Reichtum der Mittel dank der

großen Stiftungen der Millionäre die unseren oft weit überragen.

So findet man drüben in den Bibliotheken nicht bloß die gesamte

amerikanische und englische Fachliteratur, sondern auch die deutsche,

französische und italienische, so daß ich meinen schweren grünen

Koffer mit den vielen Büchern hätte ruhig zu Hause lassen können und

mir manche Kosten und Ärger ersparen. Freilich Peabodys Vorlesung

enttäuschte mich. Gewiß ließ der Vorlesungsraum nichts zu wünschen

übrig. Auf was für vorsintflutlichen Bänken hatte man einst im Tübinger

Stift gesessen. Hier feine bequeme Subsellien, aufklappbare Halbtische,

so daß man bequem die Beine beim Schreiben noch übereinanderschlagen

konnte, wie es der Amerikaner liebt. Nur Gelegenheit, Hüte usw.

aufzuhängen, sah ich nicht. Die Studenten steckten ihre Mützen in

die Tasche oder brachten gar keine mit. Freilich die Beine +auf+ den

Tisch legte im Kollegraum niemand, wie ich das in den Klubzimmern

täglich und reichlich zu sehen Gelegenheit hatte. Als der Professor

eintrat, erhob sich niemand; niemand trampelte oder gab sonst ein

Zeichen studentischer Begrüßung, vielmehr wurde lustig weitergeschwatzt

und gelacht! Die erste Stunde bestand fast nur in Ankündigungen des

Semesterpensums, Aufgabe der „vorgeschriebenen“ Lektüre, Verteilung

von gedruckten Dispositionen, zwar alles klar und praktisch -- aber

eben auch reichlich schulmäßig. Ich empfand gar nicht, auf einer

Universität zu sein.

Mit dem deutschen Austauschprofessor trafen wir im „+~cosmopolitan

club~+“ zusammen, einer interessanten Vereinigung von etwa hundert

Studenten aus aller Herren Länder, Griechen, Siamesen, Chinesen,

Japanern, Brasilianern usf., denn Harvard hat Weltruf. Der Professor

nahm aber merkwürdigerweise von uns Deutschen recht wenig Notiz! Er

sprach fließend englisch, wenn auch mit deutschem Akzent, an jenem

Nachmittag ein für amerikanische Ohren wenig glückliches Thema,

nämlich über „deutsche -- Trinksitten“! Damals schon war Amerika zu

zwei Dritteln „trockengelegt“. Heute ist es es ganz. Cambridge war

schon immer eine völlig „abstinente“ Universitätsstadt. Der Erfolg

der Ansprache war, daß ulkige Studenten dem berühmten Gelehrten

beim Abschied zwei leere -- Bierflaschen in seine Rocktaschen

praktizierten!! Bei Professor +William James+, dem berühmten

Psychologen, einem Sohn eines swedenborgischen Predigers in Neuyork und

dem Bruder des bekannten Novellisten Henry James, durfte ich öfters

weilen. Bald konnte ich formlos mit ihm über seine neue pragmatistische

Philosophie plaudern, über die damals eifrigst diskutiert wurde,

bald durfte ich an seinem Tisch den „~Thanksgiving-turkey~“, d. h.

den traditionellen Truthahn an dem nationalen Danksagungstag am 27.

November mitverzehren. Er war der Meinung, daß Wahrheit nur in der

+Praxis+ des Lebens selbst +erlebt+, aber nicht im voraus von uns

theoretisch festgestellt werden kann. Das, was sich bewährt, das,

was „stimmt“, was uns weiterführt, was Erfolg verheißt, ist wahr.

M. a. W. die Wahrheit „bewahrheitet“, realisiert sich selbst. James

war immer ein Mensch von seltener Liebenswürdigkeit und Herzensgüte,

vornehmer Schlichtheit und einem feinen Humor. Nichts war ihm mehr

verhaßt als Fertig- und Abgeschlossensein. Er selbst blieb immer ein

Lernender. Auch war er für alles interessiert, denn alles war ihm ein

Stück Wirklichkeit in diesem großen wunderbaren Universum, zu dem

wir selbst, wie er von seinem voluntaristischen und aktivistischen

Standpunkt aus meinte, vielleicht den allerwichtigsten Beitrag

liefern. Dies Universum ist, meinte er, nicht fertig, sondern es wird

noch ständig; es wird vornehmlich zu dem, wozu wir es machen. Und

gute geheimnisvolle Mächte stehen uns dabei hilfreich zur Seite. So

interessierte er sich auch besonders zeitlebens für den Spiritismus

und Okkultismus als psychologisch-metaphysisches Problem und schloß

doch zuletzt ehrlich und behutsam mit einem ~non liquet~. Er soll vor

seinem Tode seiner Familie versprochen haben, sich, wenn möglich, mit

ihr aus der jenseitigen Welt zu verständigen, um ihr von ihr einen

Wirklichkeitsbeweis zu geben. Und seine Familie behauptete wohl auch

nach seinem Tode, von ihm Botschaften empfangen zu haben (!). Für James

war nichts zu bizarr und zu ungewöhnlich, daß er als Psycholog es nicht

untersucht hätte. So war er der Psycholog, der auch allem Wunderlichen

und Pathologischen nachspürte. Die Haupttypen der religiösen Menschen

führte er auf ihre verschiedene Nervenanlage zurück. Nach ihm gibt es

zartbesaitete (religiöse) und grobkörnige (unreligiöse) Menschen. Die

religiöse Seelenanlage im Menschen entbindet s. E. die wertvollsten

sittlichen Mächte im Menschen. Aber wir müssen im Leben abwechseln

zwischen der Haltung des sich selbst verleugnenden Frommen, wie

es Buddhismus und Christentum fordern, und dem Nietzschetypus des

sich selbst behauptenden und sich durchsetzenden Menschen. Diese

Jamessche Philosophie ist durch und durch amerikanisch, praktisch,

wirklichkeitsnah, systemlos, dem Willen und Handeln entsprechend,

tatenfroh und lehnt doch keine übersinnliche Wahrheit, wenn sie sich

bewährt, ab. Welches Glück, den bedeutenden Mann noch kennenlernen zu

dürfen!

Auch mit dem Universitätspräsidenten selbst traf ich bei einer

„~reception~“, einem Empfangsabend, bei unserem Dekan zusammen. Diese

Empfänge hatten freilich etwas sehr Förmliches und Steifes. Zuerst

stand man wortlos herum, unterhielt sich krampfhaft mit allen möglichen

fremden und unbekannten Gästen, eine Tasse Tee in der einen und einem

Gebäck in der anderen Hand (aber Vorsicht war nötig, die Tasse nicht

auf die feinen Teppiche oder das Parkett zu verschütten!), bis man

vom Mittelpunkt des Abends, dem Präsidenten, auch einmal ins Gespräch

gezogen wurde, der uns allen ein paar Minuten die Hand schüttelte.

Äußerst geschickt lenkte der Präsident bei mir, dem Deutschen, das

Gespräch sofort über auf 1870, die deutschen Gegensätze von 1866

und auf das bismarckische Deutschland -- aber stets mit vornehmer

Achtung, ja Bewunderung. Lebhaft und sprühend waren dabei im Gespräch

seine sonst etwas in der Ferne scheinbar ausdruckslosen Augen. Welche

Aufgabe aber für diesen Mann, täglich zu repräsentieren, Ansprache über

Ansprache zu halten, auch für den Fremdesten sofort ein Thema zu finden

... An Gewandtheit stand ihm nicht nach Prof. +E. C. Moore+, der selbst

lange in Deutschland studiert hatte und auf dessen Studiertisch ich

eine Menge deutscher wissenschaftlicher Zeitschriften sah. Ich war zum

Abendessen geladen. Bei uns ist man bei Einladungen größere Portionen

gewöhnt als in Amerika. Und das Getränk war -- echt amerikanisch

-- ein Glas frisches Wasser mit einem Stückchen Eis zur Kühlung!

Glücklicherweise hatte auch Freund R. mich noch rechtzeitig ermahnt,

„~full dress~“ anzulegen.

Sehr oft waren wir Deutsche auch bei dem deutschen, aber

amerikanisierten Professor der Psychologie +Münsterberg+ eingeladen.

Mit seinen trefflichen Büchern über „Amerika und die Amerikaner“ hat

er den ersten völlig sachgemäßen Vermittlerdienst zwischen Deutschland

und Amerika geleistet. Auch dort war „~reception~“, bei der allerlei

bedeutende Leute auftauchten: Eduard Meyer, Präsident Eliots ehrwürdige

greise Gestalt ... währenddem reichten Diener in großer Livree Eiskream

und Limonade herum. Eine der Töchter des Hausherrn wurde von meinem

Heidelberger Freund stark umworben ... Ein andermal war es bloß

„offener Nachmittag“ bei Frau Professor M., die sachgemäß hinter einem

riesigen Teekessel thronte, aber immer gastlich und fürsorglich. Bei

Professor F. stellte sich heraus, daß seine Frau eine nahe Verwandte

einer mir sehr bekannten Frankfurter Familie de Neufville war. Wie die

Welt rund und klein ist ...!

Quer durch Amerika · 第 6 / 12 题