Eines Tages weinte ein kleiner Schwarzer in Tennessee,
Sein kleinesHerz schluchzte,
Weil er nicht weiß war.
Da küßte ihn seine liebe alte Mutter und sagte,
Und sagte zu ihm: Weine nicht, Kind,
Weine nicht, mein kleines Kind,
Und sie sang ihm ein Schlummerlied:
Trockne deine Tränen, meine kleine schwarze Rose, und weine nicht,
Schlaf ein und schließe die Lider.
Weine nicht, weil du schwarz bist.
Du bist eine Wolke mit silbernem Futter,
Wie jeder alte Rabe glaubt, sein Kind sei weiß wie Schnee,
So gut weiß deine alte Mutter, daß du eine Rose bist.
Und als die Engel dir diese schönen Locken gaben,
Mischten sie einen Strahl von Sonne mit hinein.
Deshalb, glaube ich, bist du schwarz,
Und dein Herz, Liebling, so weiß.
Also seufze nicht, weine nicht,
Du bist Mamas kleine schwarze Rose.
Nach diesem Empfang umtoste mich nun der Lärm der Weltvorstadt: Autos,
Omnibusse, Straßenbahnen, Droschken, Agenten, Schutzleute, Reisende
... alles lief, sprach, klingelte, schrie ... ein sinnverwirrendes
Durcheinander. Der gute Onkel geleitete mich sicher zum Tunnel der
Untergrundbahn, und mit ihr fuhren wir dröhnend und rasselnd in
prächtigen, hellerleuchteten, strohgepolsterten ~D~-Zug-ähnlichen
Wagen unter dem breiten Hudsonfluß nach dem eigentlichen Neuyork auf
die langgestreckte Insel Manhattan hinüber. Als wir drüben wieder ans
Tageslicht stiegen, waren wir mitten auf der Hauptgeschäftsstraße
Neuyorks, dem berühmten „Broadway“.
Ich mußte unwillkürlich an die Häuserwand treten, um erst einmal
einen ruhigen Standpunkt zu gewinnen. Da waren sie ja nun wirklich
dicht vor mir die Wolkenkratzer und erhoben sich mit ihren 24, 30, 40
usw. Stockwerken bis 100, 150 und mehr Meter Höhe! Der an sich breite
Broadway wand sich wie eine enge Schlucht zwischen ihnen hindurch.
Auf dem Asphalt aber ein unübersehbares Gewühl von Lastwagen, Autos,
Straßenbahnen, Hochbahnen auf mächtigen eisernen Gerüsten, und unter
uns in der Tiefe raste der „Subway“[5]. Auf den Gangbahnen aber eilten
die Menschen geschäftig und unablässig wie in Berlin und Hamburg
hin und her. Die Herren waren alle rasiert. Nirgends sah ich einen
Schnurr- oder gar Vollbart! Die Gesichter schienen mir etwas eigenartig
Scharfkantiges, ja fast etwas Rechteckiges an den Kieferknochen zu
haben; auch ihr Blick schien mir starrer und fester als bei uns.
Es prägte sich deutlich auf diesen Gesichtern eine noch größere
Arbeitsunrast als bei uns aus, ja wie eine Unfähigkeit zum gesunden
Genießen: „Taylorsystem!“ Bummelnde Amerikaner habe ich überhaupt
nicht gesehen. Selbst im Schaukelstuhl daheim schaukelt man wenigstens
noch, um nicht ganz untätig zu sein, und in der Straßenbahn kaut man
zur Unterhaltung und Beschäftigung „~Chewing gum~“. Infolgedessen
ringsherum auf dem Pflaster ein ständiges unappetitliches Ausspucken.
Das Pflaster der Gangbahnen des Broadway war von Hunderten kleiner
Spuckpfützchen übersät!!
Nach wenigen Schritten standen wir vor einem riesigen turmartigen
Gebäude der Metropolitan-Lebensversicherung und ihrem 48 Stockwerk
(über 200 Meter, höher als die höchsten Dome Europas!) hohen
„Metropolitan Tower“, den eine vergoldete Kuppel krönte. Den mußte ich
bald besteigen und von oben auf das Riesenbabel niederschauen! Das
stand mir jetzt schon fest. Aber das hatte noch ein bißchen Zeit. Ihn
überragt heute noch das 58 Stockwerk (228 Meter) hohe ~Woolworth
building~, dessen Platz allein 4½ Millionen Dollars kostete, wo also
jeder Quadratmeter etwa hunderttausend Mark wert war. Daneben ist der
Eiffelturm kein Riese mehr! Aber zunächst erst einmal heim zur Tante,
die uns gewiß sehnlichst erwartete ...
Wir saßen im ~Broadway subway~, in dem es in der Tiefe ab und zu einmal
furchtbare Unglücksfälle gibt; in dem stets aber eine wie im Bergwerk
atembeklemmende Luft herrscht! Er hat vier Schienenstränge, in der
Mitte für „Schnellzüge“, an den Seiten für „Personenzüge“. Neuyork ist
auf der Insel Manhattan an 19 Meilen lang. Zu Fuß würde man 4½ Stunden
zum Durchschreiten seiner Länge brauchen. Die Untergrundschnellbahn
aber, die nur ein paarmal hält, durchfährt die ganze Strecke in etwa
25 Minuten! Man steigt unterwegs um in den „Personenzug“, um am
richtigen Straßenblock aussteigen zu können. Ähnlich dem Betrieb in
der Horizontalrichtung in der Stadt ist der in der Vertikalrichtung
in den höchsten Wolkenkratzern! Auch hier fährt man erst mit einem
Schnellaufzug, der nur jeden 5. Stock hält, etwa bis zum 35., um von da
noch mit dem „Personenzug“ etwa bis zum gewünschten 39. Der „Expreß“
aber fährt meist gleich ganz in zwei Minuten bis zum Aussichtsbalkon
durch ...
An der 137. Straße stiegen wir aus. Querstraßen in den amerikanischen
Städten sind einfach (zwar praktisch, aber höchst prosaisch!) meist
nach Nummern benannt, die Längsstraßen werden vielfach als Avenuen
u. dgl. gezählt. Daher hat auch die berühmte „~Fifth avenue~“
der Multimillionäre in Neuyork ihren Namen. Die Straßen laufen
meist zueinander rechtwinklig, so daß jede große Stadt wie ein
Riesenschachbrett erscheint.
[Illustration: ~NEW YORK~
~The West-Street-Building, rechts der Turm des Singer-Gebäudes~]
[Illustration: ~NEW YORK~
~Trinity-Church, gegenüber Wall-Street~]
Tante empfing mich trotz ihrer vorgerückten Jahre, und obwohl wir uns
bis dahin im Leben erst einmal gesehen hatten, überaus herzlich und
hatte allerlei amerikanische und mir noch nicht geläufige Genüsse zur
Erquickung bereitgestellt: ~Grape fruit~, ~ice-cream-soda~, Bananen
in Sahne und Zucker aufgeschnitten u. dgl. In der „Halle“ des Hauses
unten empfing uns der Hausmann, ein Neger, und fuhr uns im Aufzug
ins „flat“ (Wohnung) nach oben. Zeitweilig hielt sich Tante auch ein
Negerdienstmädchen, aber .. sie hat es bald aus den erwähnten Gründen
wieder abgeschafft. Die Jalousien über den großen Schiebfenstern,
die man von unten nach oben öffnet, waren überall sorglich
heruntergelassen, denn Neuyork litt trotz der Septembermitte noch unter
einer sehr großen lästigen feuchtschwülen Hitze. Die Männer gingen
daher ohne Weste und Jacke, meist bloß im Faltenhemd mit Gürtel. Tantes
Wohnung glich wie die meisten der amerikanischen Damen einem kleinen
Museum oder einer großen niedlichen Puppenstube, als sei sie stets nur
zum Ansehen gewesen. Altbremische Sauberkeit und amerikanische Freude
an schönen Sachen hatten hier einen Bund geschlossen.
Welch eine Erquickung war es, sich nun des Abends wieder in ein
richtiges Bett legen zu dürfen und nicht nur in ein Oberbett der
Kabine. Es erscholl kein in Angst versetzendes Nebelhorn mehr, noch
stieg die Kabine in den Wänden ächzend langsam auf und nieder oder
rollte von einer Seite auf die andere. Und auch am Tisch saß man wieder
ganz fest und sicher ... Und nun ging’s ans Erzählen ...
Lange litt es mich nicht im Hause. Anderen Tag schon begann ich meine
Wanderungen durch ~New York~, nur mit Reiseführer, Karte und meinen
bescheidenen englischen Kenntnissen ausgerüstet. Ich fuhr zuerst mit
der Straßenbahn und der Hochbahn, die vor dem Subway den Vorzug der
mannigfaltigen Aussicht hatten, wenn sie auch dem Subway sehr an
Schnelligkeit nachstehen, zurück ins Stadtinnere, also „~downtown!~“,
wie der Neuyorker sagt. An der +City Hall+, dem alten Rathaus Neuyorks,
stieg ich zuerst aus. Äußerst bescheiden und klein unter den Riesen
steht das Rathaus dieser Riesenstadt mit seinem feinen, weißen Marmor
am City Hall Park, einer anmutigen grünen Oase mitten in dem tollen
Geschäftstrubel, ein geschichtliches Denkmal dafür, wie es in Neuyork
noch im Beginn des 19. Jahrhunderts aussah, als der heute verschwindend
kleine zierliche Rathausturm alle anderen Häuser noch stolz überragte
und keine Dollarburg ihm das Sonnenlicht verdunkelte. Als Napoleon
I. nach Rußland zog, wurde City Hall eingeweiht. Im Empfangssaal des
Governors steht noch das Pult, auf welchem Washington einst seine erste
Botschaft an den damals in Neuyork tagenden Kongreß geschrieben hat,
und auch der Stuhl, der George Washington bei seiner Inauguration zum
ersten Präsidenten als Sitz gedient hat ..! Heute wirkt das alles wie
ein schlichtvornehmer Gruß aus längst vergangenen Zeiten.
Von der City Hall wanderte ich den Broadway, die einzigartige
asphaltierte Wolkenkratzerschlucht, zu Fuß weiter hinunter bis
zur Südspitze der Insel Manhattan, also an den südlichsten
weitvorgeschobensten Punkt der Stadt, bis zur sog. „+Battery+“. Mich
zog es zum geliebten Meer hin. Ich mußte einmal wieder Seeluft in
die Nase ziehen. Dabei kam ich an der alten und ehrwürdigen Trinity
Church vorüber, die auf ihrem alten Kirchhof mitten zwischen den
höchsten Wolkenkratzern steht und zwischen ihnen trotz ihres über 80
Meter hohen Turmes heute völlig verschwindet! Ein höchst instruktives
Bild der Stadtentwicklung. ~Trinity church~ stammt mit ihrer Parochie
noch aus der holländischen Zeit der Stadt vor über zweihundert
Jahren. Die erste Kirche der zweitältesten und reichsten Gemeinde
der Stadt wurde hier schon 1697 errichtet! Sie ist also „~old, old,
very old~“! Einst gehörte ihr fast das gesamte Areal des umliegenden
Hauptgeschäftsviertels! Welche unausdenkbaren Werte! Auf dem Kirchhof
-- merkwürdigerweise genau gegenüber dem Eingang zu Wallstreet, als
wollte er symbolisch andeuten, daß auch alle Goldjagd zuletzt der Tod
endet! -- sind noch Grabdenkmäler zu sehen, die bis ins 17. Jahrhundert
zurückreichen! Das will in Amerika sehr viel besagen, denn dort ist
schon sehr „alt“, was aus der Zeit Washingtons vor hundert Jahren
stammt. Die Union hat ja kaum 1½ Jahrhundert Geschichte hinter sich,
und jedes Jahr+zehnt+ drüben bedeutet bald soviel wie ein Jahr+hundert+
in Europa, was die Schnelligkeit der durchlaufenen Entwicklungsstufen
angeht.
An der Battery -- der Name stammt noch von den ersten holländischen
Befestigungswerken aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts -- und ihren
„Batterien“ steht man sowohl auf einem historisch als auch geographisch
einzigartigen Grunde. Einst war hier an dieser Stelle in der Zeit der
englischen Herrschaft vor den Freiheitskämpfen der Mittelpunkt des
Neuyorker geschäftlichen Lebens! Heute liegt der weite Platz fast
völlig still. Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Anfang des 17.
Jahrhunderts fuhr hier ein Henry Hudson, der Entdecker des Neuyorker
Hafens, im Auftrag der holländischen Ostindienkompagnie auf seinem
kleinen Boot dem „Halve Maan“ (Halbmond) unter holländischer Flagge
den Hudson hinauf, um die sog. „nordwestliche Durchfahrt“ zu finden.
Aber unverrichteter Sache mußte er umkehren. Drei Jahre später wurden
hier auf dem Südende von Manhattan die ersten holländischen Blockhütten
errichtet und Handel mit den damals noch umwohnenden Mohawkindianern
begonnen. Die +ganze Manhattaninsel+, die heute Neuyork mit 2½
Millionen Einwohnern trägt, wurde zu jener Zeit den Indianern für
Glasperlen und Knöpfe, im Werte von etwa 60 Gulden (!!) abgekauft und
danach noch gratis ein furchtbares Gemetzel unter ihnen veranstaltet!
Die neue Siedlung erhielt alsdann zuerst den Namen „Neu-+Amsterdam+“.
Noch am Ende des 30jährigen Krieges wohnten hier nicht mehr als 100
Weiße! Erst 1667 wurde die Halbinsel von den Holländern an England
abgetreten und erhielt jetzt den Namen +Neuyork+. Am 9. Juli 1776 wurde
wiederum die Herrschaft Englands abgeschüttelt und als Zeichen dafür
die Reiterstatue Königs Georgs VII. von England von den „Söhnen der
Freiheit“ in Neuyork niedergerissen. Am 25. November 1783 mußten die
Engländer endgültig Neuyork verlassen. Der erste amerikanische Kongreß
trat in der Stadt zusammen und wählte General Washington zu seinem
Präsidenten. An der Battery steht noch heute ein hoher Flaggenmast
an der Stelle, da die Engländer vor ihrem Abzug zum letztenmal ihre
Flagge hißten. Den Fahnenmast schmierten sie dabei so ein, daß es den
„Söhnen der Freiheit“ nicht leicht werden sollte, sie herunterzuholen,
was auch nur mit sehr großer Mühe gelang. Und so wird heute noch immer
zur Erinnerung daran am 25. November hier feierlich das Sternenbanner
gehißt. So hat auch die Neue Welt ihre Geschichte! Nur wissen wir meist
sehr wenig von ihr.
Noch großartiger als die eigentümlichen geschichtlichen Erinnerungen
an dieser Stelle ist von hier der Blick über die gesamte ~upper bay~.
Hoch reckt draußen die Freiheitsstatue im Hafen ihre Fackel empor,
einer Welt entgegen. ~Ferry-boats~ eilen heulend draußen hin und her
und speien alle Augenblicke Hunderte von Menschen samt Wagen und
Autos auf einmal an Land oder verschlucken sie wie nichts in ihren
doppelstockwerkigen, gewaltigen Leib. Hinter der Freiheitsstatue,
die übrigens etwas an die Figur der Germania auf dem Niederwald oder
die Bavaria in München erinnert, dehnen sich in der Ferne die grünen
villenübersäten Hügelreihen von Staten Island, und weiter hinaus bis an
den Horizont glitzert der offene weite Atlantische Ozean ...
Ich begab mich nach diesem wohltuenden und wunderbar erhebenden Blick
auf das Wasser und die ~upper bay~ weiter in das Gewühl der Stadt
zurück. Geschäftshaus an Geschäftshaus, Bank an Bank, Wolkenkratzer
an Wolkenkratzer! Rasselnd sausten die Hochbahnen ihre hochgelegenen
Schienenwege entlang. Lustig flatterten aus ihren Fenstern die
gelesenen Zeitungen der Fahrgäste auf die Straße hernieder, die viele
einfach aus dem Straßenbahnfenster werfen! Die amerikanischen Straßen
sind überhaupt im allgemeinen schmutziger und ungepflegter als bei
uns. Papierabfälle liegen überall umher. Aber schon durcheilten neue
Zeitungsboys, die neuesten Ereignisse laut ausschreiend, mit neuen
„~papers~“, die die Hauptereignisse mit wahren Riesenlettern an der
Stirn tragen -- u. U. als wichtigstes auch den Sieg einer berühmten
Fußballmannschaft samt ihren Bildnissen! -- durch die Straßen. Man
abonniert die Zeitungen nicht, sondern kauft sie einzeln auf der
Straße. Die Zeitung selbst erscheint dem ruhigen Europäer wie ein
wildes und fast kindliches Durcheinander und buntes Allerlei einzelner
außen- und innenpolitischer, sportlicher und privater Einzelnotizen
in der marktschreieristischen Aufmachung und mit Augenblicksbildern
übersät. Das Format ist riesengroß, großmäulig wie alles drüben,
voller Interviews der Tagesgrößen auf allen Gebieten in direkter und
persönlicher Rede und Gegenwart, alles auf den Augenblick und zu
augenblicklichem starken Eindruck berechnet, denn binnen fünf Minuten
wirbelt sie erledigt schon wieder aufs Straßenpflaster. Auch die
Zeitung spiegelt die allgemeine Hast, Aufgeregtheit und Reklamesucht
des amerikanischen Lebens. Reklame und wieder Reklame, wohin man
sieht: Auf allen Dächern blitzt es abends in unerhörter Lichtfülle und
Buntheit auf und erlischt, in allen Bahnwagen und an allen Haltestellen
schreit dich dasselbe Ding, Fleischextrakt oder Mundwasser oder Keks
tausendfach an, so daß zuweilen kaum der Stationsname für den Fremden
noch zu entdecken ist. An jedem freien Flecke einer großen Hauswand
steht es wieder in Riesenlettern, was du kaufen, essen, sehen, wie du
kochen, schlafen, reisen sollst.
Lichtreklame[6].
Hört!
+Ich bin Amerika.+
Ich komme durch die Nacht.
Ich brenne und jage die Dunkelheit fort.
Elektrizität bin ich,
Wie Blitze die Himmel,
Setz ich die Straßen in Feuer.
Ob ihr wollt oder nicht,
Ihr müßt mich sehn. --
Volk kommt in Scharen zu mir,
Reichste und Ärmste -- fröhliche Verbrüderung.
Um mich stößt sich die Menge,
+Ich bin Broadway+.
Ob ihr es braucht oder nicht,
Ihr müßt von mir kaufen.
Ich verkaufe meinem Lande alle Produkte,
Vielformige, zahlreiche, fein erfundene Dinge;
Aus meiner Erde, meinen Gebirgen,
Aus meinen Seen, meinen Flüssen,
Von meinen Sternen, meinen Himmeln.
Mein Nachbar dort verkauft dasselbe,
Das Beste auf dem Globus -- nach meinem.
Rivalen sind wir derselben Ader
Pulsenden Lebens.
Geboren bin ich in Amerika --
Gemacht ward ich in Amerika --
Und werfe mich in die Schutthaufen Amerikas
Platz zu machen einem größern Amerikaner.
Prahle ich?
Sensitiver, kultivierter, höflicher Fremder,
Warum sollte ich nicht? --
Ich bin das Ich der „Neuen Welt“,
Afrika -- Asien -- Europa --
Die Alte Welt ist tot, ich bin die Neue!
Hört, hört,
Ich komme durchs Dunkel --
Zweifelnder Fremder, horch meiner Prahlerei --
Gestern ist schon Geschichte --
Eine neue Seite schlagt auf:
Morgen sieht mich Europa.
Alfred Kreymborg.
Auf den Straßen überfällt einen die Menge der Obstverkäufer, der
Jungen, die dir, ob man will oder nicht, die Schuhe putzen und dir
dazu einfach den Fuß festhalten! Jedermann läßt sich die Schuhe stets
auf der Straße oder in einem Laden putzen, wie man bei uns etwa täglich
rasieren geht. Billig ißt man in den „~lunchrooms~“ (Frühstücksräumen)
und „~dairies~“ (Milchwirtschaften), in den Restaurants zum
Selbstbedienen mit und ohne Musik u. dgl. In „Wallstreet“[7] war um
zwölf Uhr vor der Baumwollbörse eine riesige Menschenmenge angestaut.
In den offenen Fenstern der großen Firmen saßen die Handelsvertreter
und tauschten heftig gestikulierend die neuen Kurse aus. Börse wird
hier zum Teil noch offen auf der Straße gemacht!
Als ich mich etwas mehr auf die Ostseite der Stadt begab, kam ich
in die ärmeren Viertel, wo mehr Italiener als in Mailand, mehr
ostgalizische Juden als in Lemberg und sogar haufenweise Chinesen
wohnen. Da hausen zuweilen zwei kinderreiche Familien in einem einzigen
Zimmer! Auf den eisernen Balkons hängt die Wäsche, liegen die roten,
unüberzogenen Betten aus. Hier wohnen die Armen, die in der schwülen
Sommerhitze es vorziehen, lieber am Strand oder in Parks zu nächtigen
als in jenen menschenüberfüllten Straßen, von denen die eine genau
aussieht wie die andere. Dazwischen finden sich auch noch unbebaute
Plätze, wo gehämmert und geklopft wird, wo auf mächtigen Gerüsten
sich gewaltige Krane drehen. Aber wie Felsen in der Brandung stehen
mitten im größten Gewühl und Verkehr die stattlichen „~police-men~“
meist irischer Herkunft, mit einem tropenartigen Helm, den starken,
weißbehandschuhten Händen und dem praktischen Gummiknüppel. Sonst
Häuser an Häuser, Blocks an Blocks, Straße an Straße, ein höllisches
Straßen- und Menschenschachbrett ... Mir brummte der Schädel und
brannten die Füße, als ich nach dem ersten erlebnisreichen Tage
heimkam, und noch abends, als ich Schlaf suchte, flimmerten mir
Menschen und Häuser vor der erregten Phantasie .....
Am zweiten Tag regnete es und zwang mich wohltätig, daheimzubleiben.
Am dritten begann ich meine Stadtwanderungen aufs neue. Der Subway
brachte mich zunächst zum Washingtonsquare (Washingtonplatz). Der
in römischem Stil erbaute Washingtonbogen auf dem Platz trägt die
Inschrift: „~Let us raise a standard to which the wise and honest
man can repair. The event is in the hand of God~“. Praktisch und
fromm zugleich! Die englisch-amerikanische Frömmigkeit versteckt sich
nicht und ist immer aufs praktische Handeln gerichtet, daher weniger
spekulativ wie die deutsche. Ein rechtes Leben steht dem Amerikaner
über dem frömmsten Glauben. An dem Bogen konstatierte ich auch, wie
doch die klassischen Bauformen bis nach Amerika gedrungen sind! Gerade
die Zeit der Gründung und des ersten Ausbaus der amerikanischen Union
war die Hochblüte klassizistischer Baukunst. Oder zog es auch die junge
Republik bewußt zu den Formen des Vorbildes aller Republiken, dem alten
Rom? So ist auch General Grants imposantes Totenmal im „Riverside-Park“
am Hudson eine getreue Nachbildung der römischen Kaisergräber, erinnert
an die Engelsburg und die Rotunde der Caecilia Metella in Rom an der
Appischen Straße ...
Dann fuhr ich -- einer Sehnsucht seit Tagen -- zum Metropolitan
Tower hinauf, um einen vollen Überblick über die Stadt in Ruhe von
oben zu genießen. Es war ein blendend schöner Nachmittag, als ich
da oben als im Augenblick einziger Besuch eine unvergeßliche Stunde
erlebte. Wohl in zwei Minuten war ich bis zum Aussichtsbalkon im 45.
Stockwerk(!) emporgefahren und trat nun, etwa 200 Meter hoch über
dem Straßenniveau, hinaus auf den Balkon dicht unter den Uhrglocken
und der vergoldeten Kuppel. Man stand damit so hoch, daß man sich
dem Verkehr der Riesenstadt vollständig entrückt fühlte, als ginge
einen das da unten gar nichts mehr an. Auch recht hohe Häuser
wie das bekannte spitzwinklige, einem „Bügeleisen“ gleichsehende
„~flat-iron-building~“ erschienen von hier oben nur klein.
Ein ungeheures Häusermeer, bald hoch, bald niedriger, ohne Stil und
Plan, erstreckte sich gen Nord und Süd. Im Süden stieg die Hauptmasse
der Wolkenkratzer drohend und rauchend auf, mit dem Singergebäude
ungefähr in seiner Mitte wie einem Festungsturm. Dahinter glitzerte
die ~upper bay~ mit der Freiheitsstatue. Drüben im Osten reckten sich
die gewaltigen Brücken über den Meeresarm des „East River“ nach der
dunstigen Millionenstadt Brooklyn hinüber. Das offene Meer sah man
dort nicht deutlich, aber hell beleuchtet lag Long Island mit seinen
einladenden Siedlungen da. Im Norden verschwamm das Stadtbild am Ende
des Zentralparks in der Gegend der St. Johns Kathedrale. Im Westen
säumte der breite Hudson, von vielen kleinen Dampfern belebt, das
grandiose Stadtbild. Aus seinen vielen Piers an seinen Ufern schauten
die Schornsteine der Ozeandampfer aller Herren Länder hervor. Ganz
drüben lag in Rauch und Dunst gehüllt Hoboken, weiter nördlich grün und
felsig die sog. „Palisaden“ am Hudsonfluß.
Aus der Vogelschau dehnte sich die Sechsmillionenstadt so tief zu
meinen Füßen, als wenn Ameisen in ihr umherliefen. Kaum drang ein
deutlicher Laut herauf, sondern nur ein allgemeines Summen, Surren,
Klingeln, Hämmern, Pochen und Tuten. Welch ein Millionengetriebe da
unten! Was haben doch Menschen in hundert Jahren da unten alles gebaut!
Wie alle diese Menschenhirne da unten täglich sinnen, planen, hoffen,
sorgen, grübeln, arbeiten. Für was? Um das bißchen täglich Brot auf
Erden! Nirgends regiert so das Geld und die Arbeitshetze die Welt wie
da unten! Ein paar hundert Menschen werden da unten täglich geboren
oder sterben. Wer weiß es oder kümmert sich viel darum? In gut einem
halben Jahrhundert ist von all den Millionen Menschenameisen da unten,
die jetzt um Verdienst täglich rennen, kaum einer noch da! Aber das
gefräßige Ungeheuer selbst, die Millionenstadt, wird weiter rauchen und
fauchen und schaffen, sich recken und dehnen ruhelos Tag und Nacht!
Welch eine Unsumme menschlicher Arbeitskraft, menschlichen
Arbeitswillens und -fleißes ist da unten aufgehäuft, aber auch
ebenso sehr Schmutz, Not, Krankheit, Schande und zerbrochenes Glück
...! Wer das mit einem Male alles sehen könnte! Ob er es ertrüge?
Und doch hat alles seinen Gang, seinen Weg und seine Ordnung. Jeder
weiß, wohin er gehört und wo sein Platz ist, was er will und was er
zu erreichen gedenkt! Man möchte sich hier oben angesichts dieses
Menschenmillionenhaufens die Posaune eines Erzengels wünschen,
um einmal in das Geldbabel die Botschaft vom Wert der geistigen
Menschenseele hineinzurufen. Wie viele würden sie hören und verstehen?
... Können Menschen in solcher Atmosphäre wie da unten je eine andere
Lebensanschauung gewinnen als die, daß Geld und Verdienen einziges Ziel
und Bestimmung unseres Lebens ist?
Ich habe auf manchem hohen Turm in Deutschland gestanden und bin auf
manchen hohen Berg gestiegen, aber selten hat mich die Frage nach dem
Sinne des großstädtischen Menschenlebens der Gegenwart so gepackt
wie in der einsamen Stunde an jenem sonnigen Septembernachmittag
allein zweihundert Meter über Neuyork, der Metropole des gesamten
amerikanischen Kontinentes.
Dann trieb es mich aus dieser grotesken Einsamkeit mitten unter und
über Millionen Menschen über der Stadt in eine ganz andere idyllische
Einsamkeit mitten +in+ ihr. Im Zentrum Neuyorks liegt, ähnlich wie in
der Sechsmillionenstadt London der Hydepark, der lang hingestreckte
„Zentralpark“, eine prachtvolle, stundenweit ausgedehnte riesige
grüne Oase, ein Eldorado von alten Bäumen, feinen Spazierwegen,
wohlgepflegten Rasenflächen, gleichsam mitten aus dem tosenden Verkehr
herausgeschnitten, von entzückenden und erquickenden kleinen Teichen
und ihren leise hingleitenden Booten unterbrochen. Wir kennen solche
ausgesucht schönen Parke auch im Berliner Tiergarten, dem Dresdner
Großen Garten und etwa auch dem Bremer Bürgerpark, aber mitten in
Neuyork empfindet man den Zentralpark doppelt und dreifach wie ein
Paradies, weil man plötzlich aus dem Weltverkehr ruhig auf einer
stillen Bank sitzend die Eindrücke sammeln und seine Nerven erholen
kann. Hätten mich nicht die einfachen Inschriften auf englisch,
deutsch, italienisch und hebräisch (!)[8] daran erinnert, ich hätte
unter den alten Eichen vergessen können, in Neuyork zu sein.
Auch die geistigen Schätze der Weltstadt ließ ich mir nicht
entgehen. Hat zwar die Union bis heute noch keine eigentlich
bodenständige geistige Kultur hervorgebracht, sondern noch immer
im wesentlichen von den geistigen Brocken gelebt, die von Europas
überreichem Tisch fielen, besonders in Malerei und Musik, so ist
doch das Amerikanisch-Geschichtliche und -Geographische trefflich
zusammengefaßt im „~Museum of natural history~“, und Teile der Schätze
Europas, bald als Original, bald als Nachbildungen, finden sich neben
einzelnem amerikanischen Gut im „~Museum of art~“. In dem Mittelraum
des letzteren standen die Hauptwerke aus Italien und Nürnberg in
Nachbildungen eigenartig durcheinander: Notre Dame, Parthenon, das
Sebaldusgrab, der Gattamelata, alles einträchtig nebeneinander.
Im Obergeschoß fesselten mich neuere amerikanische Gemälde. Heiße
Sehnsucht erweckte in mir, wie ich mich noch deutlich entsinne, ein
großes Gemälde aus dem Felsengebirge mit Schneegipfeln bis in die
Wolken und im Tal Indianerzelte! Wer dahin könnte! Und ich sollte
noch hingelangen! Imponierend fand ich auch das Kolossalgemälde
von Washingtons entscheidendem Übergang über den Delaware, dessen
Darstellung ein wenig an den Blüchers bei Kaub erinnert. Ebenso
fesselte mich wegen seines historischen Inhalts das Bild: Kolumbus’
Landung; Schwert und Kreuz zum Himmel erhoben setzen Kolumbus und
seine Mannschaft ihren Fuß auf das Land des Urwaldes und der Indianer.
Aber auch gute echte Niederländer waren da, und wie manche Schätze
sind erst seit der Inflationszeit hinübergewandert! Dazu war die ganze
griechische Kunst im Abguß vorhanden, allerlei feine Vasen und Steine,
Musikinstrumente, Gold- und Silberarbeiten u. dgl.
In dem fast noch interessanteren, weit originelleren „~Museum of
natural history~“ war die gesamte amerikanische Baum- und Tierwelt
zu schauen samt der Eskimo- und Indianerkultur. Und das alles
ausgezeichnet praktisch und höchst geschmackvoll und anziehend
zusammengestellt und angeordnet und durch ausführliche Karten und
Beschreibungen erklärt. Da sah man gewaltige Mammutgerippe, Wale,
Eisbären und ausgestopfte Elche, springende Delphine in den Wellen,
Eskimos und Indianer am Herde im Zelte, bei ihrer Arbeit, samt ihren
Waffen und Booten. Frappiert hat mich dabei manche Indianermaske mit
ihrer scharfen Nase und dem charaktervoll geschnittenen Kinn, die
mich stark an den echt amerikanischen, früher beschriebenen Typ im
Straßenbild erinnerten.
Welche Geschichte hat sich doch auf diesem Kontinent abgespielt! Von
den Sauriern und den 30 Meter im Umfange messenden Urwaldriesen, durch
die bequem ein Wagen hindurchfahren könnte und die sechs Männer nicht
zu umspannen vermögen, bis zu Henry Fords Autos und den Subways in
Neuyork! Welches Völkergemisch ist hier zusammengekommen und geht
in der Riesenretorte des amerikanischen Bürgertums fast restlos
auf: Holländer, Engländer, Deutsche, Franzosen, Iren, Schweden,
Italiener, Polen, Juden, Armenier und nicht zuletzt die Neger. Seit
zwei Jahrhunderten hat sich die abendländische Kultur hier Eingang
verschafft, hat alles Quantitative maßlos gesteigert, und von der Art
der Pioniere hat das Angesicht Amerikas das Kühne, Vorwärtsdrängende,
Schaffensfrohe übernommen. Freilich, der rote Mann ist dabei fast
ganz der Raublust und Profitgier, dem Betrug und dem Mordgeist
der Waldläufer und Goldsucher zum Opfer gefallen, und was von ihm
übrigblieb, ist der geistigen Überlegenheit der abendländischen
Einwanderer vollständig erlegen, aber aus der Retorte der Völker,
Rassen und Religionen ist hier -- mit Ausnahme der Neger -- doch ein
neuer, eigenartig geschlossener Menschentypus emporgestiegen, der
„Amerikaner“ .....
Nach dem Besuche der Museen bin ich in den nächsten Tagen einmal aus
der Stadt hinausgefahren, um Neuyork auch an seinen äußeren Punkten
kennenzulernen. So ging und fuhr ich zunächst über die mehr als
kilometerlange riesige Brooklynbrücke, die ein deutscher Ingenieur
(John A. Roebling) erdacht hat[9] und die so hoch (etwa 40 Meter) den
Meeresarm des East River überspannt, daß die höchsten Masten darunter
hinwegfahren können. Dann ging es durch das etwas düstere, dunstige
Brooklyn, das für sich allein über eine Million Menschen beherbergt.
Einzigartig ist von der Brücke der Blick rückwärts auf das dampfende
Wolkenkratzerviertel. Sonst ist Brooklyn und das anschließende
Williamsburg mit seinem wimmelnden Menschen- und Geschäftsverkehr das
getreue Abbild der größeren Mutter. Weiter hinaus geht es auch in
stille Wohn- und Villenviertel über, bis man endlich auf langen Alleen
zuletzt den tollen Vergnügungspark „+Coney Island+“ am Strande des
Atlantischen Ozeans erreicht.
Man denke sich alle Jahrmärkte, Juxplätze, Vogelwiesen, Oktoberfeste
usw. bei uns auf +einem+ Haufen samt all ihren Achterbahnen, Kinos,
Singspielhallen, Berg- und Rutschbahnen, Geheimkabinetten, Schaukeln
und Karussells, kleinen Theatern, Musikkapellen, Drehorgeln und
Varietés samt all der dazugehörigen, aber noch verzehnfachten
ohrenbetäubenden Musik in allen Tonarten und das noch einmal vielfach
vergrößert durcheinander, dazwischen aber auch noch allen Auswurf,
Mob, Hefe, Faulenzer und Tage- und andere Diebe Neuyorks in einem
Haufen zusammen -- dann hat man „Coney Island“, das Paradies unzähliger
vergnügungslüsterner Neuyorker! Coney Island ekelte mich bald an; ich
vermochte kaum noch eine halbe Stunde dort zu verweilen, dann zog es
mich wieder an das geliebte rauschende Meer. Ein frischer Wind fegte
über leicht schäumende Wellen, die weißkämmig zum Strande heranrollten.
Einige Badeschönen, die hier in echt amerikanischer Prüderie in
vollständigem Badekostüm, d. h. mit mehreren (!) Baderöcken, -blusen,
-strümpfen, -schuhen und Badesonnenschirmen sich ergingen, störten
freilich das Bild. Dort feiert der Abschaum des Unrats, hier der
Gegenpol der prüden Unnatur seine Triumphe! Da lobe ich mir doch lieber
unsere nordgermanischen Vettern und ihre unbekümmerte und unberührte
und ungeschminkte volle Natürlichkeit.
Auch dem Süden der Stadt stattete ich einen Ausflug ab. Für 5 Cent
fährt man von der Battery mit dem Ferry in einer halben Stunde nach
dem grünen „Staten Island“ hinüber und ist auch hier Neuyork auf eine
Weile völlig entrückt. Dicht an der Freiheitsstatue fährt man vorbei,
die immer aufs neue stolz und imponierend ihre Fackel hochschwingt.
Mit Recht hat sie unser wackerer ~Z III~ bei seiner ruhmvollen
Erstlingsfahrt gebührend gegrüßt und umflogen. Sie verkörpert weithin
sichtbar alle amerikanischen Ideale und Aspirationen. Mit dem Sockel
ist das Denkmal etwa 100 Meter hoch! Im Innern der bronzenen Figur
führt eine Treppe bis in den Kopf wie bei der Bavaria in München.
Aus ihren Augen kann man heraussehen. Bei Nacht ist die Fackel, die
die Freiheitsfigur in der Hand hält, weithin strahlend elektrisch
erleuchtet. Die Figur selbst hat einst dem sie schenkenden Frankreich
eine Million Franks gekostet. Links liegen blieb Ellis Island, die
Wehmutsinsel der Auswanderer. Rechts passierten wir eine Reihe
englischer Schulschiffe, die gerade in der ~upper bay~ festgemacht
hatten. Wie Möwen saßen die Seekadetten in ihren weißen Anzügen
aufgereiht in den Raen der Masten und sahen nach Neuyork hinüber.
Diesen Weg fuhr einst auch unser wackeres Handelsunterseeboot
„Deutschland“ mit Kapitän König herein, dem die Engländer bei seiner
kühnen Wiederausfahrt vergeblich auflauerten. Auf Staten Island
angekommen stieg ich zur Anhöhe hinauf und genoß von dort oben wieder
einen einzigartig bezaubernden Blick über Bucht, Hafen und Stadt ...
Dann flog ich ein andermal über den Hudson westwärts aus. Ich hatte
ja beim Abschied vom Dampfer dem munteren Badenser Fräulein, das zu
seinem Onkel fahren und ihm die Wirtschaft führen wollte, versprochen,
es einmal in Hoboken zu besuchen. Das Versprechen mußte ich dem
lieben Geschöpfchen doch auch einlösen, das gewiß schon auf meine
Ankunft sehnlichst wartete. Ich meldete mich wohlweislich nicht an.
Vermutlich war dann der Onkel nicht zu Hause! Denn der interessierte
mich weniger. So riskierte ich einen unerwarteten Besuch. Aber Strafe
folgt der Missetat oft auf dem Fuße! Ich verfehlte zwar „sie“ nicht,
aber gründlich zunächst die Palisade Avenue in Hoboken, wo sie wohnte.
Als ich nämlich glücklich über dem Hudson drüben war, fuhr ich mit
der „~car~“[10] fröhlich nördlich fast eine Stunde gen Englewood ins
frische grüne Land hinaus statt südwärts nach Hoboken, bis ich auf
einmal Verdacht schöpfte und mich erkundigte. Da mußte ich zu meinem
Schrecken hören, daß ich von meinem Ziel etwa zwölf Meilen entfernt
war, aber derselben Avenue in Englewood recht nahe. So mußte ich den
ganzen langen Weg wieder rückwärts nach Hoboken reisen, und kostbare
Stunden des Nachmittags waren verstrichen. Aber es schadete nichts;
ich hatte eine schöne Fahrt gemacht, an reizenden Landsitzen und
leuchtenden Sommervillen hatte ich ein Stück „~country~“ gesehen. Wenn
„sie“ nur da war! Und sie war es!
Ich traf sie sehr hausfraulich in der Küche. Allein! Ihr Onkel hatte
ihr zwar streng verboten, einen Fremden hereinzulassen. War ich ein
Fremder? Sie bereitete dem gestrengen Herrn Onkel das Dinner, wenn er
von der City mit dem „~ferry~“ heimkäme. Das mußte allerdings bald
sein. Aber er kam glücklicherweise noch nicht so bald. Arglos und
fröhlich, wie es ihre Art war, zeigte sie mir unterdessen die ganze
Villa des Onkels von außen und von innen, von oben und von unten,
während ich stets ein bißchen ängstlich lauschte, ob man schon die
Tritte des Herrn Onkels höre. Als wir nach der Hausbesichtigung wieder
in der Küche angelangt waren -- schon damit auch der Braten ja nicht
anbrenne -- und noch eine gute Weile geplaudert hatten, hielt ich
es für diesmal geraten, mich zu entfernen. Wer konnte wissen, wann
der Herr Onkel erschien und was er sagen würde, und würde nicht auch
+meine+ Tante zürnen, wenn +ich+ zu spät zum Essen zu ihr kam? Und mit
ihr durfte ich es doch, solange ich in Neuyork weilte, keinesfalls
verderben. Als ich schied, brachte sie mich bis ans Gartenpförtchen.
Wollte sie sehen, ob der Onkel schon kam? Oder ... Das gute Geschöpf
hatte von Neuyork noch gar nichts zu sehen bekommen, und wie hatte sie
aufhorchend meinen Schilderungen und Erlebnissen gelauscht! Aber der
Onkel hatte gesagt, Neuyork wäre nichts für junge Mädchen! Sie sah mir
lange nach. Ich glaube gar, ein kleines Tränchen hing in ihrem Auge
... Sie sollte sich ja in Amerika gut verheiraten, hatte ihre Mutter
gesagt. Gewiß hat sie einen viel besseren als mich bekommen! --
Auch den Norden der Stadt durchwanderte ich in der Richtung nach Bronx,
an den Harlem River und auf seine Höhen. Der Harlem River verbindet
den East River mit dem Hudson, so daß strenggenommen der Hauptteil
Neuyorks auf einer langgestreckten Insel liegt. Ganz im Norden fand ich
noch Reste ursprünglichen Waldgebietes mit einer geradezu subtropisch
üppigen Vegetation. Man darf ja nicht übersehen, daß Neuyork auf der
geographischen Breite von Neapel (!) liegt, wenn auch sein Klima
im ganzen kühler ist als das Süditaliens. Am Fort George, das ich
nach mehrstündiger Fußwanderung erreichte, war ich erstaunt über die
sonnigen dichtbewachsenen grünen Hügelreihen, die trotz des zu Ende
gehenden September noch viel üppigeres und frischeres Laub zeigten
als bei uns in der gleichen Jahreszeit. Von den „Washington Heights“
hatte man einen geradezu herrlichen Blick auf die „Palisaden“, d. h.
die felsigen Ufer des waldumsäumten breiten Hudsonflusses, der an
manchen Stellen mit unserem Rhein an Schönheit wohl wetteifern kann.
Freilich fehlen ihm die malerischen Burgruinen und des Rheins ganze
romantisch-geschichtliche Vergangenheit.
[Illustration: ~NEW YORK~
~Das „Palisaden“-Ufer am Hudsonfluß~]
[Illustration: ~NEW YORK~
~City hall (Rathaus)~]
Neben der Natur zog mich auch immer der Stadt volles Leben an, so auch
die Theater! Ich sah den „Parsifal“ im ~Metropolitan opera house~
deutsch. Ich saß in Kinos und kleinen Theatern der Italiener und Juden.
Höchst volkstümlich und derb! Wieviel wäre zu erzählen vom Sport,
von städtischer Verwaltung und Verfassung, vom Militär, zu dessen
Eintritt auf vielen verlockenden Plakaten ständig geworben wird, von
der Polizei, von der berühmten Neuyorker Feuerwehr, von den Schulen,
den glänzend ausgestatteten, öffentlichen Bibliotheken und den 1100
(!) Kirchen der verschiedensten Denominationen in der Riesenstadt, den
Hospitälern und Friedhöfen. Aber ich bin kein wandelnder Reiseführer.
So habe ich auch keineswegs alle die einzelnen großen Banken und
Börsen, alle die staatlichen Ämter, die großen Plätze und Denkmäler
aufgesucht, noch will ich sie alle beschreiben. Ich habe nicht die
Absicht, mit meinem persönlichen Reisetagebuch Bädeker, Führer und
Karten überflüssig zu machen. Einiges davon hole ich bei anderer
Gelegenheit nach.
Aber ehe ich von Neuyork weiterreiste, erlebte ich noch den Anfang
einer phänomenalen Jahrhundertfeier in Erinnerung an Hudsons und
Fultons erste Fahrten. Alle Bekannten und Verwandten in Neuyork hatten
mich schon immer beschworen, die müsse ich unbedingt noch mitmachen,
sie sei das „Ereignis“ dieses Jahres. Also war ich aufs äußerste
gespannt und lief sogar Gefahr, das andere „phänomenale Ereignis“
in Boston zu versäumen, das ich auch unbedingt mitmachen mußte,
nämlich die feierliche Einführung des auf Lebenszeit neugewählten
Universitätspräsidenten von Harvard, eine Feier, der man in manchen
Kreisen mehr Bedeutung beimaß als dem Einsatz des Unionspräsidenten in
Washington! So war ich auch darauf aufs äußerste gespannt, denn mein
akademisches Fühlen war trotz meiner fortgeschrittenen Semester noch
sehr lebendig.
Am letzten Sonnabend des September begannen die
Jahrhundertfestlichkeiten und dauerten vierzehn Tage bis in den
Oktober. Alles zur Erinnerung der beiden großen Seehelden, des Henrik
Hudson, der vor 300 Jahren den Hudson auf seinem „~Half-moon~“[11]
entdeckte, und des Robert Fulton, der ihn mit dem ersten +Dampfschiff+
„Clermont“ befuhr. Vorgesehen waren Gottesdienste -- die in Amerika
bei öffentlichen Feiern nie fehlen! --, Flottenparaden aller Länder,
Riesenfeuerwerk, fünf Denkmalsenthüllungen, Opernvorstellungen,
Parkeröffnungen, große Sportveranstaltungen, glänzende Bankette,
Truppenparaden, Kinderfeste, wetturnerische Vorführungen, „Karnival“
genannt (!), Massenausflüge den Hudson hinauf u. dgl. Also ein
Heidenrummel!
Tatsächlich strömte schon am ersten Festsonntag eine wahrhaft
ungeheure, nach Hunderttausenden zählende Menschenmenge auf dem
Riverside-Drive am Hudsonufer zusammen. Herrlicher blendender
Sonnenschein lag auf Stadt und Strom. Tausende von Ansichtskarten-,
Album-, Bild- und Fähnchenhändlern bearbeiteten das Publikum ständig
mit allen Mitteln ihrer Rhetorik. Nur +zwei+ Worte schwirrten noch
in tausendfacher Variation an allen Orten, in allen Tonlagen und
Stimmungen, anpreisend, schreiend, rufend, schnarrend ans Ohr bei drei-
bis vierstündigem Stehen auf einem Fleck, zwischen Menschenmauern
eingekeilt: „Hudson-Fulton, Hudson-Fulton, Hudson-Fulton“!
Alle Nationen der Welt hatten Kriegsschiffe zur Feier abgeordnet.
Auf dem Hudson lagen sie in langer Reihe friedlich nebeneinander,
die braunschwarzen Dreadnoughts und Kreuzer Englands, Frankreichs,
Deutschlands, Italiens, Japans usw. Wie Lämmer bei Löwen und
Tigern. Was sind doch alle internationalen Höflichkeitsbesuche
und Vereinigungen anders als Schein und Heuchelei? Zwischen den
großen schossen kleine Boote hin und her, die Ferries heulten und
tuteten unablässig. Von halb elf Uhr ab -- um elf Uhr sollten die
Feierlichkeiten beginnen -- hatte ich wartend und völlig eingekeilt
mit hungrigem Magen bis halb vier Uhr nachmittags auf demselben Fleck
gestanden, ohne mich auch nur einen Fußbreit vor-, rück- oder seitwärts
bewegen zu können. Endlich um drei Uhr nachmittags begann der Auftakt
der Flottenparade. Ich dachte, nun würde sich wohl die ganze stolze
internationale Kriegsflotte rauchend und fauchend in Bewegung setzen
und allerlei erstaunliche Manöverbewegungen auf dem Hudson ausführen,
aber sie blieben alle unbeweglich und wie angenagelt auf ihrem Flecke
liegen und fingen nur alle miteinander an, greulich zu schießen und zu
donnern, daß man jedesmal nur so zusammenfuhr, wenn ein Feuerstrom, den
man zuerst sah, aus ihren Mündungen gerade auf uns herüber zuschoß ...
Dann hallte der Donner lange nach. Schließlich erschien aus Rauch und
ohrenbetäubendem Gedröhn eine nicht sehr imponierende Festflottille
von kleineren und einigen größeren Booten, die die neuerbauten
Nachahmungstypen des alten Hudsonseglers „Halfmoon“ mit seinen hohen
Schnäbeln und das noch kleinere Fultondampfschiff „Clermont“ mit
seinen hohen Schaufelrädern und seiner wie ein Gänsehals hohen und
unförmigen Esse feierlich geleiteten. Die Hunderttausende am Ufer
brachen in einen nicht endenwollenden Jubel aus, als die rührend
kleinen und reichlich unbeholfenen Schiffchen an den dröhnenden und
feuerspeienden Riesen der fremden Kriegsschiffe vorüberglitten ... In
der Tat, in einem Jahrhundert welche Entwicklung seit Fulton bis zu
den modernen Ozeandampfern von 55000 Tonnen und gar bis zum ~Z. R.
III~ und seinem Siegesflug! Und seit Hudson, der mit den Indianern
über den Kauf Manhattans verhandelte, welche Geschichte in diesem
Lande! Als die Schiffchen vorübergeglitten waren, verlief sich die
nach Hunderttausenden zählende Menge, denn wohl nicht nur mein Magen
und meine Füße revoltierten energisch. Man war richtig steckesteif
geworden. Gehen war ein Genuß.
Abends wurde dann noch ein riesiges Feuerwerk abgebrannt. Von
den Palisaden herüber warfen mächtige Scheinwerfer ihre riesigen
Lichtstrahlen über die Stadt. Und nach einem Kanonenschuß erglühten
die Konturen sämtlicher Kriegsschiffe auf dem Hudson bis an die Masten
und Schornsteine mit Tausenden von elektrischen Birnen -- wirklich ein
märchenhafter Anblick. Aber das Abendrot des nächsten Sonnenunterganges
dünkte mich doch noch großartiger ... Das war mein Abschied von der
Riesenweltstadt .....
Fußnoten:
[Footnote 3: Transportgesellschaft.]
[Footnote 4: Aus: Die Neue Welt, eine Anthologie jüngster
amerikanischer Lyrik, herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag,
Berlin. 1921. S. 75.]
[Footnote 5: Untergrundbahn.]
[Footnote 6: Aus: Neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer
Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921,
S. 30.]
[Footnote 7: Sie hat wohl ihren Namen daher, daß einst nur bis dahin
von der Battery sich die Stadt erstreckte, ¹⁄₁₀₀ ihrer heutigen Länge!]
[Footnote 8: Neuyork zählt ja auch mehrere Hunderttausende Juden!]
[Footnote 9: Erbaut 1870-83.]
[Footnote 10: Straßenbahn.]
[Footnote 11: Halbmond.]
Boston.
Am nächsten Morgen schon führte mich vom „Grand-Zentral-Depot“ der
Expreß nach Nordosten. Aber vorher gab es erst noch einen kleinen
Anstand, denn das Reisen, erst recht in fremden Ländern, hat nun
einmal seine Tücken. Obwohl 14 Tage seit meiner Landung in Hoboken
vergangen waren, hatte die Transfer-Company, der ich vertrauensvoll
meinen Gepäckschein übergeben hatte, mir noch immer nicht meinen großen
grünen Koffer, der doch mit soviel gelehrten Büchern vollgeladen war
und in den Gepäckhallen der Hapag in Hamburg mich so kameradschaftlich
getröstet hatte, von Hoboken herübergebracht. So blieb mir nichts
anderes übrig, als das schwer fortbewegliche und vollgefüllte und immer
mit Zerfall und schnellem Abgang drohende Ungetüm selbst zu holen.
Vielleicht wartete es auf diesen Freundschaftsdienst. Was das nach
Gewicht und bei entsprechender Sommerhitze aber für mich bedeutete,
mag sich der Leser selbst etwas ausmalen. Aber „selbst ist der Mann!“
ist ja gerade echt amerikanischer Grundsatz. Danach handelte ich
entschlossen ...
Um acht Uhr früh ging mein Zug. In äußerst praktischer Weise
bevorzugen nämlich die amerikanischen Bahnen fast stets glatte, runde
Abgangszeiten, also 8, 8³⁰, 9, 9¹⁵ Uhr usw. Krumme und ungerade
Minutenzahlen trifft man selten. Auf der Bahn machte ich wieder
allerlei neue Beobachtungen. Die Bahnhöfe sind praktisch, aber nicht
immer groß. Eigentliche große Warteräume mit Restaurationsbetrieb
existieren fast gar nicht, sondern nur offene Wartehallen mit einem
besonders abgeschlossenen „~ladies-~“ und „~smoking-room~“, der recht
primitiv sein kann. Die Bahnsteige sind schmal, die Fahrkarten oft
winzig, meist ohne Angabe des Fahrpreises! Der Einfachheit halber
steckt man die Karte in das Hutband an den Hut, von wo sie der den
Zug kontrollierende Schaffner abnimmt und während der Fahrt mehrfach
kupiert. Bahnsteigsperre gibt es nicht. Der Bahnkilometer ist drüben
wie vieles teurer als bei uns, er kostet etwa 7½ Pfennig! Fast nach
jedem größeren Haltepunkte geht der Schaffner aufs neue durch die
~D~-Wagen und knipst +sämtliche+ Fahrkarten, so daß sie zuletzt mehr
Löcher als Papier haben!
Demokratisch wie die Straßenbahn ist auch die Eisenbahn; sie kennt nur
+eine+ (gepolsterte) Klasse in ~D~-Zugform, aber ohne Abteileinteilung.
Der Ausstattung nach ist sie etwa wie bei uns II. Klasse, aber oft
ebenso schmutzig wie es die Bahn noch bis vor kurzem in Italien war.
Papier, Obstschalen, Zeitungen wird alles einfach wie aus der Hochbahn
an den Boden geworfen! Die Bahnen sind sämtlich Privatbesitz und
machen sich gegenseitig tüchtig Konkurrenz. Oft fahren zwei Linien,
die von verschiedenen Gesellschaften gebaut sind und betrieben werden,
dicht nebeneinander vom selben Ort zum selben Ziel! Sie suchen sich
gegenseitig durch größere oder mindere Schnelligkeit und Zugsicherheit
(aber ohne kostspielige Bahnwärter und Schranken!), Ausstattung
der Wagen u. ä. den Rang abzulaufen. Der sich entwickelnde Ruß und
die umherfliegende Asche der Lokomotiven ist höchst unangenehm. Die
Wagenfenster sind daher kaum zu öffnen. An Wegkreuzungen ertönen
Signale der Maschine. Die Landstraße hat nur ein Warnungsschild: „~Look
out for the engine!~“[12] Jeder hat also auf sich selbst aufzupassen,
daß er nicht überfahren wird; niemand wird sein Leben garantiert. Die
Schnelligkeit ist im allgemeinen gut, die Wagen sind sehr fest aus
Eisen gebaut und auf Zusammenstöße eingerichtet, aber der Unglücksfälle
sind es wegen mangelnder Aufsicht und beschränktem Personal auch
dreimal soviele als bei uns! Was macht das? Leben gilt nichts. Ohne
Umstand fährt der Zug ein und aus nach dem Rufe: „~All aboard!~“ Jeder
hat selbst dafür zu sorgen, daß er richtig in den Zug hineinkommt und
das Abfahren nicht verpaßt, sintemal das Trittbrett sehr hoch ist.
Schilder ihrer Bestimmung tragen die Wagen nicht. Glücklicherweise saß
ich nicht in einem Wagen, der unterwegs abgehängt wurde ...!
Also fuhr ich zum ersten Male in einem amerikanischen Eisenbahnzug.
Lange noch ging es durch die Häuserblocks Neuyorks. Noch einmal
hielten wir an der 125. Straße, dann erschienen rechts die Wälder
des Bronxparkes über dem Harlem River. Reizende Blicke öffneten sich
rechts nach dem Long-Island-Sund mit seinen blauen Linien des Ozeans
am Horizont. Das Land war rings übersät von zierlichen, luftigen
Holzvillen der amerikanischen Bauart, dazwischen gab es aber auch
wüste, unangebaute Strecken, kleine schlechte Fahrwege, viel Unordnung.
Das Land erscheint, wie Lamprecht bemerkt hat, immer noch reichlich
unfertig. Alles erweckt den Eindruck schneller und planloser Bebauung
ohne Überblick und Zusammenhang. Hier baute sich eben jeder an, wo es
ihm gerade beliebte, und rodete soviel als er vermochte. Das andere
blieb, wie es war. Wie würde es erst im Westen aussehen, wenn schon der
kultivierte Osten so ungeordnet und wild aussah?
Am Long-Island-Sund liegen große Industrieorte, wie Bridgeport
und Newhaven. Im letzteren ist der Sitz der altberühmten
„Yale-Universität“, der alten gefeierten Konkurrentin Harvards. Golden
strahlte aus der Stadt die Kuppel des Stadtkapitols, da alle an Größe
und Stil gern mit dem großen „Kapitol“ in Washington eifern möchten.
Von Newhaven ging es nordwärts nach dem rauchigen Hartford.
Obwohl wir hier durch dichtbesiedelte Gegenden fuhren, reicht die
Bevölkerungsdichte auch nicht entfernt an die unserer europäischen
Industriebezirke an der Ruhr, in Belgien, um Chemnitz oder Manchester
heran. Nach den beiden letzten Städten nennt sich die Eisenbahnlinie,
mit der ich fuhr: „~New York, New Haven and Hartford Railroad~.“
Hinter Hartford lenkten wir östlich in die prächtige hügelige und
romantische Landschaft Connecticuts: Wälder, Berge, Sümpfe, kleine
Teiche, pfadloses Gestrüpp, wohin man sah. Hier wäre ich gern einmal
ausgestiegen und planlos gewandert. Aber der Zug fuhr unentwegt weiter
und hatte für solche unnützen Landbummler keine Haltestelle. Das
Wandern durch die Natur und das Steigen auf die Berge ist überhaupt in
Amerika noch wenig üblich. Dazu sind die Entfernungen auch meist zu
groß, der Wege zu wenig, die Sonntage zu heilig und ein Rucksack drüben
-- zu lächerlich! Die Farmen Connecticuts, an denen wir vorbeisausten,
waren eingebettet in den prächtigsten Herbstschmuck. Hin und wieder sah
ich äußerst anheimelnde Landhäuser und gemütvoll weidende Rinderherden.
Sonst nur weglose und ungepflegte Wälder. Üppig und ungehemmt schießt
und sprießt es überall aus dem noch nie gepflügten oder gerodeten
Boden. Wie kahl und arm sind dagegen oft unsere allzu wohlgeordneten
Waldungen.
Einige Male hielten wir auf kleineren Stationen (Willimantic, Pomfret,
Putnam) in fast unbewohnter Gegend. Seit Hartford hatte sich überdies
unser Zug recht geleert. So saß man gemütlich auf den Polstern, und
es ermüdete mich nicht im geringsten, stundenlang unverwandt das Land
des neuen Erdteiles in mich aufzunehmen. Und hätte man Langweile
gehabt, so hätte sie einem der ~boy~ vertrieben, der ständig in jedem
Zug alle möglichen und die unmöglichsten Dinge anzubieten pflegt:
Glacéhandschuhe, Bilder, Karten, Schokolade, Reiseführer, Zeitungen,
Bücher u. dgl.
Gegen zwei Uhr nachmittags nach fast sechsstündiger Schnellzugsfahrt
(man vergleiche aber die kurze Entfernung auf einer Karte der ganzen
Union!) näherten wir uns Boston, dem altenglischen Kulturzentrum,
der Stadt, in der die geistig feinsten und aristokratischsten Leute
Amerikas wohnen, wie man allgemein in Amerika zugesteht. Boston ist der
Sitz der feinen Bildung und Sitte. Sogar die Aussprache ist dort nicht
ganz so dumpf wie sonst, sondern sucht sich der helltönenderen der
Engländer anzupassen.
Seit Blackstone rasten wir ungehemmt durch die Ebene. Dann ging es
durch die Vorstädte Bostons. „Black Bay Station“ -- und nach wenigen
Minuten waren wir in der breiten rußigen „South Union Station“. Trotz
ihrer 16 Einfahrtsgleise hatte sie nichts Imponierendes.