+Vorwort+ 4
1. +Wie ich dazu kam.+ Was ich drüben wollte. Der
wanderlustige Großvater. Lehrjahre, Wanderjahre. Wohin in
die Welt? Auf nach Amerika! Aber woher das Geld? So etwas
wie Austauschstudent. Englischlernen und Kofferpacken.
Die Fahrt nach Hamburg 7
2. +Die Abreise.+ In Hamburg. Die Hapag. Im Hafen. St.
Pauli. Beim Rathaus. Auf der Alster. Im „Rauhen Haus“ und
im Volksheim. Letzter Tag in Deutschland. Blankenese. Mit
dem Sonderzug nach Kuxhaven. Zum erstenmal auf Deck des
Ozeandampfers. Die Abfahrt 17
3. +Auf dem Atlantischen Ozean.+ Bordleben. In der
Kabine. Morgen und Abend auf See. Allerlei wohlgemeinte
Ratschläge! Vor Boulogne-sur-mer. Eddystone und die
Scilly-Inseln. Bordspiele. Kulturgeschichte des Meeres.
Sozialismus auf dem Meer. In Erwartung der Landung. In
der „~upper bay~“. In Hoboken. In den Zollhallen 28
4. +Neuyork.+ Auf dem Broadway. Im „~subway~“. Die
Yankees. An der Battery. Gründungsgeschichtliches.
„Wallstreet.“ In Ostneuyork. Auf dem Metropolitan-Tower.
In den Museen und dem Zentralpark. Coney Island, der
größte Vergnügungspark der Welt. Auf Staten Island, in
Hoboken, in Bronx. Die Jahrhundertfeiern auf dem Hudson 45
5. +Boston.+ Die Eisenbahnen. Durch Connecticut. Bostons
Geschichte im Freiheitskampf. Bostons Bildung. Die
religiösen Denominationen. Ein amerikanischer Sonntag.
Im Tempel der „Christian Science“. „Testmeetings.“
Amerikanisches und deutsches Kirchentum. Der große Neger
Booker T. Washington. Ein wunderbar wiederentdeckter Onkel 67
6. +An der Harvard-Universität in Cambridge
(Mass.).+ Unter den Ulmen Harvards. Mein „~furnished
room~“. In der Studentenspeisehalle am Klubtisch.
Der neue Universitätspräsident. Amerikanischer
Universitätsbetrieb. Fackelzug im Stadium. Im
amerikanischen Kolleg. ~Vivant professores!~ Im
kosmopolitischen Klub. Deutsches Kneipen und
amerikanische Studenten. Die Geschichte meines Fracks.
Allerlei Herbst- und Winterspaziergänge: Salem, Bunker
Hill usw. Concord, das amerikanische Weimar 102
7. +Ein Fußballspiel und Weihnachten drüben.+ Das große
Harvard-Yale-Spiel im Harvardstadium. Harvard unterliegt!
Im Vereinshaus des Y. M. C. A. Thanksgivingday.
Heiligabend allein. Weihnachten im Bürgerhaus, bei den
Reichen, im Settlement. Silvesterabend 128
8. +Über den Niagara nach Chikago.+ Geld zur Weltreise?
Im Pullmann. Die erste nächtliche Fahrt. Am Lake Erie.
In Buffalo. Im deutschen Pfarrhaus zu North-Tonawanda.
Ausflug zum Niagara. Vereist! Eindrücke des Falls. Auf
der amerikanischen und kanadischen Seite. Über Detroit
nach Chikago. Im Auswandererzug. „Der Zug westwärts.“
In Chikagos Wolkenkratzerschluchten. Nationalitäten.
Verkehr. Im Zirkus und im „~Hull-house~“. Bei den
Spiritualisten. Geistererscheinungen? Wahrsagerei 146
9. +Über den Mississippi ins Felsengebirge.+ Das grüne
Land in Illinois. Über den Mississippi und Missouri. Die
Prärie. Kansas City. Ein Reiseschreck! „Mountain-Time.“
In altspanischem Siedlungsgebiet. In den „Rockies“. Santa
Fé. Auf Indianerpfaden. In der Indianerschule. Unter den
San Franzisko-Bergen. Am Grand Cañon des Colorado River.
Abstieg in den Cañon. „Schwarz Amsels“ Tod 182
10. +Nach Kalifornien.+ Durch die Wüsten Arizonas,
das Land der schönen Sonnenuntergänge. Im Italien
Amerikas. Los Angeles, ein Paradies. Nach San Pedro.
Auf dem Stillen Ozean. Auf Santa Catalina, dem
kalifornischen Capri. Im Theater. „Die City.“ Mit
der „Linie der 1000 Wunder“. An der kalifornischen
Riviera. St. Barbara. Die spanische Gründung. An der
Montereybucht. Auf dem 17-Meilenweg. Im Sand des Stillen
Ozeans. Die Riesenbäume. Das Lick-Observatorium. Die
Stanford-Junior-Universität. In San Francisco, der Stadt
des Erdbebens. Am „Golden Gate“. Über die Bai nach
Oakland. Auf dem Telegraphenhügel. Das Chinesenviertel 227
11. +Am Großen Salzsee und in Kolorado.+ Über die
Schneepässe der Sierra Nevada. Durch die Wüsten Nevadas.
Reno und seine Ehescheidungen. Die Frau in Amerika. In
Utah. Über den Salzsee. Ogden. Das mormonische Zion. Im
Tempelblock. Der „Prophet“ J. Smith. Aus der Geschichte
des Mormonismus. Die Mormonenbibel. Nach Kolorado. Durch
alpine Kañons und Pässe. Entlang dem Arkansas. Die „Royal
Gorge“. Colorado Springs. Aufstieg zum Pikes Peak. Der
Göttergarten. Manitou. Wieder 36 Stunden durch die
Mississippiebenen. Wieder in Chikago im Schneetreiben! 257
12. +Über Pittsburgh nach Washington.+ In Ohio. Im
Kohlen- und Eisendistrikt. Das rauchende Pittsburgh.
Beim alten Prediger. Durch die Alleghenies ins Tal des
Monongahela. Harpers Ferry. Ankunft in Washington. Eine
adlige Stadt. Das Kapitol und „Weiße Haus“, die Institute
des Staats. Ausflug nach Mount Vernon. An Washingtons Grab 295
13. +Baltimore, Philadelphia.+ Baltimores Gründung und
heutige Bedeutung. Die Geschichte der Quäkerstadt.
William Penn und Benjamin Franklin. Germantown.
Pennsylvanien. Auf dem Turm der City Hall. John Hopkins.
Über den Delaware nach Newark und Hoboken. In der
deutschen Kirche in Neuyork. Zurück nach Harvard 312
14. +Kanada.+ Ein französisches Kolonialland.
Unermeßlichkeit. Die Landschaft der Nordstaaten. In
Montreal. Ankunft und Abfahrt. Auf dem St. Lorenz. An
Quebek vorbei. Die nördliche Route an Labrador. Eisberge.
In fünf Tagen nach Schottland. In Glasgow gelandet 321
Wie ich dazu kam.
Ich bin nicht nach Amerika gegangen, weil ich etwa in Deutschland
etwas „ausgefressen“ hatte oder hier nicht mehr guttat oder weil es
mir bei uns nicht mehr gefiel. Ich wollte auch weder Goldsucher noch
Farmer werden noch mich gar drüben reich verheiraten. Sondern daß ich
hinüberging, das kam so:
Einst kramte ich als dreizehnjähriger Junge auf unsrer Bodenkammer.
Da fand ich zwischen dem Kaufmannsladen, dem Prachtstück aller
Weihnachtserwartungen in unsrer Kindheit, der ehrwürdigen Puppenstube
meiner Mutter, auf die mein Bruder ein schönes zweites Stockwerk
aufgesetzt hatte, so daß nun unten im Erdgeschoß Empfangszimmer,
Wohnstube und Damensalon, im ersten aber die Küche mit gelbschwarzen
Fliesen und die Schlafzimmer angeordnet waren, einer mit sechs Türmen
bewehrten trutzigen Festungsburg, in deren Innerem ganze Regimenter
Soldaten verstaut werden konnten und deren dicke Mauern den stärksten
Kanonen trotzten, zwischen einem alten wohlabgebrauchten Kinderwagen,
dessen Radgestell allein noch intakt war, mehreren Reihen verstaubter
Einmachgläser, überzähligen Bettdecken und Federbetten, einem Knäuel
Wäscheleinen und dgl. auch einen Kasten voller alter Papiere und
vergilbter Karten. Ich war allzeit wißbegierig. Die Papiere waren
in vergilbten Umschlägen wohlsortiert, wohlgefaltet und ein wenig
wurmstichig, aber in haarfeiner sauberster Schrift geschrieben und
alle mit einem seltsamen „Ich“ gezeichnet. Die gelblichen Karten waren
sauber auf Leinwand gezogen und wohlnummeriert.
„Ich“ war, wie ich erfuhr, das Signum meines Großvaters
mütterlicherseits, Johann Carl H., mit dem er alle seine Schriftstücke,
selbstverfaßte Gedichte und Briefschaften an Familienangehörige
und nächste liebe Verwandte zu unterzeichnen pflegte. Diesen meinen
Großvater habe ich nun zwar selbst nie gekannt. Elf Jahre vor meiner
Geburt ist er gestorben. In dem nationalen Unglücksjahr Deutschlands
1806 war er geboren. Als bedächtiger Mann von 42 Jahren hat er meine
Großmutter geehelicht, also gerade im Revolutionsjahr 1848, und zwar
dazu in der Stadt der Paulskirche und des Parlaments, der er als eines
ehrsamen Bürgers Sohn entstammte; aber gespürt habe ich ihn in meinem
Fühlen, Reisen und Wandern immer.
Lange Jahre war er auf Wanderschaft in der Welt draußen gewesen. Daher
stammten die vielen Karten. Er muß ein sehr genauer und auch recht
ästhetisch empfindender Mann gewesen sein, denn haargenau war seine
Handschrift, wohlabgezirkelt und klar. Und wohlaufbewahrt sind alle
seine Gedichte nach Geburtstagen wohldatiert, nach Weihnachtsfesten
und Jubiläen in der Verwandtschaft. Und so wanderte er auch, genau
und akkurat in allem, nie ohne Karte -- schon vor hundert Jahren!
Heute läuft jeder Fünfzehnjährige draußen mit einer Generalstabskarte
im Kartenhalter auf der Brust herum, aber damals in der Zeit, wo man
noch mit der Postkutsche fuhr und die allerersten Eisenbahnen sich
schüchtern hervorwagten, war es ein Zeichen selbständiger Akribie und
Bildung.
So hat mein Großvater Bayern, Oberitalien, Nordfrankreich und Belgien
durchwandert. Wie anders lagen damals noch die Grenzen Europas. Da
gab es noch kein Deutsches Reich! Preußen und Bayern lagen noch wie
auf zwei verschiedenen Halbkugeln der Erde. Und die freie Reichsstadt
Frankfurt a. M. lag stolz und selbständig mitten innen, und ihr
weißer Adler auf rotem Grunde regte noch seine eigenen Schwingen!
Das habsburgische Österreich aber reichte weit und mächtig gebietend
bis tief nach Oberitalien hinein. Mailand und Venedig waren Habsburg
untertan. Als ein letzter Rest von jenem Reich Karls V., in dem
die Sonne nicht unterging! Belgien war noch kein blutiger Feind
für das deutsche Volk, sondern Brüssel ein klein Paris, zu dem
der lernbegierige und nach Bildung und feiner Form strebende junge
Frankfurter der Biedermeierzeit bewundernd aufsah.
Blut soll ja dicker als Wasser sein. Blut der Vorfahren rollt in
unseren Adern, mehr als wir ahnen, und bestimmt uns vielleicht öfter,
als wir es uns vorzustellen wagen. Denn wir kommen uns doch immer
so frei und selbständig vor! Je mehr wir aber die Eigenart unsrer
Ahnen studieren, um so mehr verstehen wir uns selbst und um so mehr
erkennen wir, wieviel wir von ihnen ererbt haben. Es war derselbe
Großvater, der nach seinem Dienst auf dem freien Frankfurter „Römer“
mit seinen Kindern fast täglich nachmittags in den Stadtwald ging und
sie des Abends auf die Waldwiese leitete, wenn das Wild heraustrat zu
äsen, der mit ihnen des Sonnabends und Sonntags zu Fuß in das nahe
Taunusgebirge zog, als noch keine überfüllten Bahnzüge leicht und
schnell Zehntausende dahinführten. Es war derselbe Großvater, der
eine echte Schwäbin heimführte, und deren Tochter wieder aus ganz
andrer Ecke Deutschlands von der Wasserkante aus altem friesischen
Bauerngeschlecht. So wurde in mir Süd, Nord und Mitte Deutschlands
wohlverbunden, noch ehe ich auf die Welt kam.
Was Wunder, daß es mich nun in meiner Jugend in alle Gaue Deutschlands
zog, daß ich in der Schwabenheimat mich zu Hause fühlte wie kaum wo
sonst und daselbst anfing zu studieren! Und daß ich durchaus an der
Wasserkante mein erstes Amt versah! Was wunder, daß Schwarzwald und
Nordsee mich gleicherweise beglückten und ich aber auch gleich dem
Großvater nicht ruhte, bis ich alle Gebirge Deutschlands schon in der
Jugend durchwandert hatte. Wir Jungen standen als Obersekundaner auf
dem Donon und dem Sulzer Belchen, als die Welt noch an keinen Weltkrieg
dachte, auf dem Brocken und dem Kickelhahn, auf der schwäbischen Alb
und dem fränkischen Jura als Studenten. Waren das nicht immer noch die
Karten des Großvaters, die in mir rumorten?
Merkwürdig, als ich noch in Quarta war, da war, wie meine Zensurbücher
ausweisen, mein allerbestes Fach natürlich die Geographie, wo ich sehr
oft eine blanke Eins bekam. Die Städte an der +Elbe+ konnte ich damals
besonders gut und rasch bei unserm Geographielehrer -- von dem ich noch
nicht ahnen konnte, daß er nach beinahe zwanzig Jahren ganz woanders
zum Oheim meiner künftigen Frau werden würde! -- herunterschnurren, als
noch niemand mir zu prophezeien wagte, daß ich ausgerechnet in einer
unter ihnen, dem unvergleichlichen Dresden, mein Domizil aufschlagen
und von einer andern aus in die neue Welt fahren würde. Es liegen
anscheinend mehr Weissagungen schon in unsrer Jugend verborgen, als wir
oft auch nur zu ahnen wagen würden.
So kam für mich die Zeit, da es in Deutschland anscheinend nichts mehr
zu durchwandern gab. Nun mußte man eben als guter Deutscher ins Ausland
gehen. Denn das Ausland gilt dem rechten Deutschen immer mehr als die
Heimat! War es uns nicht auch, auch wenn nicht schon die Abstammung
dahingewiesen hätte, immer in der Schule an den Großen eingeprägt
worden, was sie nicht erlernt, das hätten sie +erwandert+?! Und beim
Wandern lerne man mehr als in der besten Lehre! Sollen nicht in guter
Reihenfolge in jedes rechtschaffenen Menschen Lauf auf Lehrjahre
Wanderjahre folgen? Auch schon darum durfte ich von dieser Regel nicht
abgehen.
Aber wohin ins Ausland? Meine Examina waren gemacht, der Eintritt
in den Beruf stand bevor. Dazwischen hinein ließ sich noch das
Ausland einschieben, selbst auf die Gefahr hin, daß man ein oder zwei
Dienstjahre später einrückte. Die Jugend hat Idealismus! Nur nicht zu
pedantisch! Was kümmern zwei Jahre? Der Trott in den wohlausgefahrenen
Dienstgeleisen konnte noch bald und lange genug kommen! Also hielt mich
nichts! „Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir erblüht!“ Dem jungen
Menschen steht die ganze Welt offen. Der Alpdruck der Prüfungen war
überwunden; die Tore der neuen Lebenszwingburgen hatten sich noch nicht
aufgetan. Zum letztenmal war man noch ungebunden und jung. Also hinaus
in die Welt!
So war es mir fast zur Selbstverständlichkeit geworden: Ich gehe ins
Ausland. Gleich, wohin! Nur einmal hinaus! Einer meiner Ahnen ist als
württembergischer Gefolgsmann Napoleons I. in Rußland geblieben. Aber
an Rußland -- war es zu bolschewistisch? -- dachte ich gar nicht.
Südwärts oder westwärts konnte es gehen, in die alte oder in die neue
Welt!
Den humanistisch einst wohlgebildeten Gymnasiasten lockte Italien
und Griechenland, das heilige Land oder Ägypten! Nun waren wir als
Oberprimaner schon einmal bis zum Gardasee vorgedrungen und hatten
-- ich weiß es noch gut -- als gute Deutsche vom Gardasee die erste,
natürlich italienisch geschriebene Postkarte nach Hause gesandt.
Als Studenten waren wir bis ans römische Forum und bis zu St. Peter
gekommen, tasteten uns durch die Kallistkatakomben und besichtigten
eingehend alle heiligen sieben Mutterkirchen Roms. Jetzt hätte es
heißen müssen: Athen oder Jerusalem! Das wäre ein folgerichtiger
Bildungsgang gewesen. Aber so folgerichtig geht’s nicht immer im
Leben. Das Leben enthält vielmehr Zufälle und Sprünge -- und hinterher
scheinen sie auch ganz folgerichtig zu sein! Wer weiß, ob mir nicht
+die neue Welt+ beschieden war!
Ich arbeitete damals gerade an den Schriften eines bedeutenden
amerikanischen Psychologen, um auf echte deutsche Art ihn zu einer
Doktordissertation zu „verarbeiten“. Aber nicht bloß der Geist,
auch das Blut drängte nach Amerika. Zwei Schwestern meines Vaters
waren schon früh in ihrem Leben nach Neuyork übergesiedelt und waren
„Bindestrich-Amerikaner“ geworden, wie Wilson die Deutschamerikaner im
Weltkriege so geschmackvoll zu definieren beliebt hat. Beide hatten
sich mit ihren Männern und Familien der Musik verschrieben, die eine
schrieb allerlei in Zeitungen und Romanen.
+Aber wie nach Amerika kommen?+ Ebenso wie zum Kriege gehört zum
Reisen Geld und nochmals Geld und zum dritten Male Geld. Erst recht
ins Land des Dollars. Aber daran fehlt’s gewöhnlich gerade denen, die
es ganz ideal zu verwenden am ehrlichsten geloben könnten. Sollte ich
als blinder Passagier hinüberfahren? Aber das war zu unsicher und mir
auch nicht „ehrlich“ genug. Und wie hätte das drüben weitergehen
sollen? Oder vielleicht als Kohlenschipper? Dazu fehlten mir Muskeln
und Übung. Eine studierte Schreiberseele führt schlecht die Schaufel.
Auch sieht man bei dieser nützlichen, wenn auch rußigen Tätigkeit zu
wenig vom Meer und seinen Schönheiten. Aber vielleicht als Steward?
Nicht, daß mich ein falscher Standeshochmut abgeschreckt hätte. Ist
doch heute dem Werkstudenten alles recht und billig und hatte ich auch
eine liebe und treffliche entfernte Verwandte, die fast neunzigjährig
starb, mit fünfundzwanzigjährigem Fahren auf einem großen Lloyddampfer
ein kleines Vermögen für ihre alten Tage verdient, das sie bis ans Ende
ehrlich ernährte. Aber ob ich bei tüchtigem Seegang nicht alle Tassen
und Teller hinwerfen würde? Dafür konnte ich keine Garantie übernehmen.
Davor hätte auch kein Studium der Philosophie oder was sonst mich
bewahrt, wenn ich auch als kleiner Junge daheim zeitweilig mit Vorliebe
den Tisch gedeckt und gleich meinem Ältesten heute mit Vorliebe in der
Mutter Puppenstube die Möbel umgeräumt habe und noch heute am liebsten
immer selbst angebe, wie und wo die Möbel stehen sollen. Also etwas
Anlage zum Steward lag vielleicht auch in mir, aber ob sie reichte?
Ich fing es lieber doch so an, wie es zunächst meiner Lehre entsprach,
und hielt es mit dem Sprichwort: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“
Vielleicht glückte es irgendwo in amerikanischen Wüsten oder Küsten im
Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Hauslehrer in einer wohlhabenderen
deutschen Familie zu werden? Die würden dann schon das Reisegeld
schicken.
Ich war damals dabei, wie gesagt, meinen Doktor rechtschaffen mit dem
amerikanischen Psychologen zu bauen. Während ich morgens über Spinoza,
Kant und Hegel nachdachte, mein Hirn mit den Problemen der „Kritik der
reinen Vernunft“ strapazierte, hielt ich es des Nachmittags ein wenig
mehr mit der „praktischen Vernunft“ und schrieb Briefe und Bewerbungen
in alle Welt hinaus, wo nur ein Privatlehrer, Erzieher, Lehrer oder wer
weiß was gesucht wurde; wo es war, war mir gleich, mochte es Kairo oder
Konstantinopel, Chikago oder Tokio sein. Nur wurde in entfernteren
Ländern meist eine mehrjährige Verpflichtung verlangt! So ernst wollte
ich es aber gar nicht mit dem Auswandern nehmen. Etwa auf fünf Jahre
mich zu verpflichten, schien mir sehr gewagt und viel zu lang. Wie lang
erscheinen fünf Jahre der Jugend! Die Auslandsfahrt sollte mehr nur so
ein recht großer Ausflug zwischen Examen und Berufsbeginn sein, so ein
bißchen Globetrotter auf Zeit ...
Da lese ich eines Tages in einer unsrer Zeitschriften ein großes
amerikanisches Stipendium gerade der Universität ausgeschrieben, an der
mein Doktorthema noch als lebendiger Mensch und angesehener Professor
lebte und lehrte. Es war mir sofort so, wie wenn jemand zu mir gesagt
hätte: „Das ist für dich, schreib nur hin -- du kriegst das.“ Man soll
doch manchmal ruhig etwas auf vernünftige Ahndungen und Eingebungen
halten!
Ich schrieb also hübsch sauber, wie sich das in solchen Fällen wohl
gehört, auf einen blanken Foliobogen meinen Lebenslauf und auf andere
meine Zeugnisse, ließ einige Bittbriefe an hohe und gelehrte Herren
in Deutschland, die mir trauten und drüben etwas galten, aus dem
stillen idyllischen Universitätsstädtlein, in dem ich saß, in die Welt
hinausflattern. Und die hohen und gelehrten Herren hatten alle ein
gutes und wohlwollendes Herz und stimmten offenbar dem Willen zu den
„Wanderjahren“ in mir aufrichtig zu und müssen mich wohl recht dem
hohen amerikanischen Universitätskuratorium empfohlen haben ... denn
nach einigen Wochen kriegte ich es wirklich, wie ich es gleich in mir
gefühlt hatte. Ein Telegramm hatte es mir vorher per Kabel -- ~NB~:
jedes Wort kostete eine Mark! -- angezeigt. Aber auch ohne das wußte
ich es innerlich schon längst, seit ich die Ausschreibung gelesen
hatte. So also kam es, daß ich nach Amerika hinüberging, obwohl mir das
nötige Reisegeld durchaus dazu fehlte. Ein bißchen Glück gehört eben
auch zum Leben immer dazu.
Als ich meinem besten Freunde die Entscheidung mitteilte, da sagte
er bloß trocken: „Nun mußt du hin!“ Ja, nun mußte ich hin! Da fühlte
ich zum erstenmal, daß es doch ein Entschluß war, als junger Mensch
allein in die neue Welt zu fahren. Was würde ich alles sehen? Was alles
erleben? Ich freute mich unbändig.
* * * * *
Viele sagen, das Schönste am Verreisen sei das Plänemachen. Da ist
auch sicher etwas daran. Die Vorfreude auf Weihnachten ist ja oft
schöner als nachher Weihnachten selbst. Wie manchmal stieg es bei den
Vorbereitungen heiß in mir herauf: „Jetzt wird es ernst!“ Alle die
fremden Menschen und Städte, die fremde Sprache tauchten wie flimmernde
Bilder vor der Seele auf, und mitten hinein rauschte schon das
gewaltige Meer ...
Meinem Vater war es nicht ganz recht. Er hielt es mehr mit dem weisen
Wort: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“ Es wäre ja nun auch
an der Zeit gewesen, selbst daheim Geld zu verdienen, statt neues
auszugeben. Aber da er selbst an der Wasserkante aufgewachsen war,
steckte auch in ihm genug Hanseatengeist, um sich schnell damit
abzufinden.
Vor allem lernte ich zunächst fleißig wieder Englisch, denn der
rechte Deutsche setzt doch seinen Stolz darein, firm in der fremden
Sprache an den fremden Strand zu treten. Die englischen Schulbücher
wurden wieder hervorgeholt und emsig Vokabeln und unregelmäßige Verba
gepaukt: „~think -- thought -- thought~, ~fall -- fell -- fallen~
usw.“. Dazu las ich englische Schriftsteller der Schulzeit noch
einmal: Kipling und Irving, ein bißchen Walter Scott und Shakespeare,
den mir ein alter lieber Professor, der von den Hugenotten stammte,
auslieh, und zum Überfluß ging ich als großer Mensch noch einmal in
eine Sprachprivatschule, um nicht nur Wörter und Sätze zu verstehen,
sondern auch sprechen zu können und eine gute Aussprache zu haben.
Wie begeistert war einst mein Bruder aus ihr heimgekommen, daß dort
der Lehrer gleich englisch angefangen hatte und kein Wort deutsch
sprach: ~„This is a pencil. What is this? A pencil~ usw.“, indem er
belehrend seinen Bleistift zur allgemeinen Ansicht in die Höhe hielt
und sich nur durch Zeichen mit seinen Schülern verständigte. Wir in
der Schule hatten bieder Deutsch und Englisch durcheinandergeredet
und brav erst Vokabeln und Grammatik gelernt. Aber trotz allem -- o
weh -- wie ging es mir zuerst drüben! Ich las zwar ganz flott Bücher
und Zeitungen, aber das Verstehen fiel mir doch schwer. Sie redeten
drüben nachher alle so schnell! Wie der Wind war es um die Ecke, was
sie gesagt hatten! Das Ohr war noch nicht an die fremden Laute gewöhnt.
Und mit dem Antworten war es auch nicht so ganz einfach, denn die
alleralltäglichsten Redensarten hatte man doch noch nicht gleich fertig
auf der Zunge liegen.
Zu Hause wurde währenddem viel für mich genäht; eine ganze Woche war
die Näherin, die schon Jahrzehnte in der Familie erlebt, allein für
mich da. Dann sollte auch noch ein Reiseanzug herbei, natürlich in
Schnitt und Falten etwas „englisch“, desgleichen der Mantel und die
Reisemütze. Sie flog mir allerdings gleich am ersten Nachmittag auf
See bei einem kräftigen Windstoß an der Ecke des Decks ins Meer, gewiß
weil sie zu sehr englisch war. Dahin war dahin, sie ruht nun wohl schon
manches Jahr auf dem Grund des Ozeans, wenn sie nicht der Golfstrom wer
weiß wohin entführt hat. Aber da ja in der Welt nichts an Stoff und
Energie verlorengehen kann, sondern sich höchstens in andere Formen
verwandelt, so existiert meine Mütze ganz gewiß auch noch. Nur weiß man
nicht, wo und wie. Vielleicht dient sie heute einem Haifischgroßpapa
als Kopfkissen beim Mittagsschläfchen oder wem sonst ...
Mein Schiffsbillett hatte ich auch schon bestellt. I. Kajüte war
natürlich für mich bescheidenen Nichtsverdiener zu teuer. Blieb
Zwischendeck oder „Zweiter“? Es hätte nur verhältnismäßig wenig -- ich
glaube fünfzig Mark -- Unterschied gemacht, wenn ich Zwischendecker
geworden wäre. In der Zweiten fuhr man menschlich, sogar mehr wie
menschlich, für meine Erstlingsansprüche recht feudal. Ich habe es
auch nicht bereut, als ich später das Menschengewürfel von Italienern,
Slowaken, Russen und Griechen im Zwischendeck und ihr gegenseitiges
Zusammenleben sah!
So gingen die Wochen der Vorbereitung hin. Eines Frühmorgens hieß es
um vier Uhr aufstehen. Die Koffer waren längst sorglich gepackt. Ein
großer ehrwürdiger Familienkoffer, mit dem schon meine Eltern mit uns
Kindern allen vor vielen Jahren an die See gereist waren, für den
Gepäckraum, und ein flacherer neuer für unter das Bett zu schieben,
wie es die Hapag verlangte. Dann ging es an den Bahnhof, ein letzter
Kuß und Händedruck ... Wann und wie würde man sich wiedersehen ...?
Eigenartige Gefühle überkommen einen. Man schluckt etwas hinunter ...
Ich fuhr durch das freundliche hessische Land, wie schon so manches
Mal. Die so malerisch gelegene hessische Universitätsstadt Marburg
grüßte mit ihrem alten Landgrafenschloß und der feinen Kirche der
heiligen Elisabeth mich noch einmal als Marburger. Dort oben bei der
hohen Pfarrkirche hatte ich in aussichtsreicher Studentenbude gewohnt.
Da drüben hatten wir in den alten gotischen Kreuzgewölben zu Füßen
unsrer akademischen Lehrer gesessen, und hier oben am Waldsaum waren
wir gar manchmal zum Kaffee zum „Hansenhaus“ hinaufgestiegen. Vor
Kassel türmte sich hoch oben auf dem Habichtswald der mächtige Herkules
über Schloß Wilhelmshöhe ... In Göttingen kreuzte uns der Gegenzug. Ich
kannte die Strecke. Als neunjähriger Junge war ich sie zum erstenmal
gefahren, als es zur Hochzeit ins große Hamburg ging. Es war damals
ein Freitag, weiß ich noch. Sonntags sollte Hochzeit sein. Und am
Sonnabend entgleiste derselbe Zug, mit dem wir tags zuvor fuhren, in
der Lüneburger Heide, da ein von einem Güterzug gefallener Querbaum
die Geleise verbogen hatte. Ein Freitag soll ja immer ein Glückstag
oder ein Unglückstag sein. Und mich hatte es nicht getroffen. Diesmal
rasten wir ohne Unfall durch die Lüneburger Heide. Sand, Kiefern, Moore
... Blauäugige, blondhaarige Menschen und rotgedeckte Ziegelhäuser
flogen an uns vorüber. Dann donnerten wir über die großen Harburger
Elbbrücken. In Rauch und Dunst lag Hamburg da. Hoch überragte der
schlanke gotische Turm der Nikolaikirche die mächtige Stadt. Links
fauchten auf der breiten Elbe die Ostafrikadampfer der Woermann- und
der Levantelinie. Ich stellte mir im stillen ihre Maße vor und wünschte
mir unser Schiff noch etwas größer. Alles rauchte, fauchte und tutete,
die Sirenen heulten. Kleine Boote und Dampfer schossen hin und her ...
Der Hafen war ein Gewirre von Masten und Schornsteinen, großen
und kleinen Booten, Ozeandampfern und Elbschiffen, Schleppern und
Passagierdampfern. An dem langen Uferkai Lagerhäuser an Lagerhäuser,
Brücken, Krane, Kraftwagen ... Welch mächtiger Verkehr! Dann waren wir
in die riesige Halle des neuen Hamburger Hauptbahnhofes eingefahren.
Nun gab es kein Zurück mehr. In zwei Tagen ging es über den
Atlantischen Ozean ...
Die Abreise.
Wer bei uns einen Vorschmack vom Weltverkehr haben und Luft von Übersee
einmal in die Nase ziehen will, muß wenigstens ein paar Stunden in
Hamburg herumlaufen ...
Ich trat aus dem Hauptbahnhof und nahm zuerst meinen Weg über die
breite Lombardbrücke, die die Innen- von der Außenalster scheidet.
Immer aufs neue von hier war der Blick prächtig über die weite von
flinken Dampferchen belebte schimmernde Seefläche. Was wäre Hamburg
ohne seine Alster und ohne seinen „Jungfernstieg“, die Promenade
der feinen Welt an dem kleineren Becken der Innenalster, mit seinen
kostbaren Läden und „fashionablen“ Cafés!
Ich suchte mir zunächst Quartier, freilich nicht in einem der großen
internationalen Hotels, sondern in einem bescheidenen, sauberen Heim,
wo ich mit Stewards, Kellnern aller Art und allerlei anständigen jungen
Seeleuten zusammentraf. Es war alles im Hause sauber und gut ...
Ich setzte mich des Abends zu den andern Gästen an den Tisch und
ließ mir von ihren Reisen erzählen, von Quebek und Brasilien, von
Petersburg und Neuyork! Wo die schon alles in ihren jungen Jahren in
der Welt herumgekommen waren! Sie erzählten vom Leben an Bord, von
hartem Dienst, von Scherz und Spiel, von Sturm und heiterer Fahrt, von
seekranken Damen und trinkgeldgeizigen Herren, von ordentlichen und
unordentlichen Kameraden, die ihren Lohn drüben in wenigen Stunden
verliedert und verludert hatten, die mit keinem Cent in der Tasche
wieder an Bord gingen, ja ihre Uhr als letzten Besitz noch als Pfand
dalassen mußten. Zum Schluß setzte sich einer von ihnen ans Klavier
und in trefflichem Ton sangen alle die flachsblonden, blauäugigen,
hochgewachsenen friesischen jungen Menschen: „Schleswig-Holstein,
meerumschlungen ...“, daß es nur so eine Art hatte. Was für ein
Unterschied war doch zwischen den Schwarzwälder oder oberbayrischen
Bauernburschen und diesen blonden Holsteinern!
Am andern Morgen war mein erster Gang in das mächtige Geschäftsgebäude
der Hapag, mein Schiffsbillett zu holen, um dann an den Hafen zu den
Gepäckhallen zu gehen und nachzusehen, ob auch mein großer grüner
Koffer mit den vielen Büchern wohl angekommen und bereit sei, mit mir
nach Amerika zu fahren. Welch ein Getriebe überfiel mich am Hafen!
Hatte ich ihn tags zuvor nur flüchtig und aus der Eisenbahn von oben
überschaut, so nahm er sich jetzt von unten, wenn man mitten drin war,
noch ganz anders aus! Die vielen Boote, Kanäle und Brücken, Krane und
Frachtwagen, die himmelhohen Lagerhäuser! Welch ein Durcheinander
von Pfeifen, Signalen, Schreien, Rufen, Schelten, Fahren, Rasseln
der Ketten ... und über allem dicker Dunst, Rauch und Teergeruch.
Wahre Kompanien von Schauerleuten und Lademannschaften und dahinter
die Kontore, Bureaus, Magazine und Ladehallen mit einem Heer von
Angestellten, Schreibern, Zollbeamten ... Da sah und horchte die
Landratte auf: Das war Hamburg! Das war Weltverkehr!
Ich hatte mich glücklich bis zu der richtigen Lagerhalle durchgefunden
und durchgefragt. Berge von Koffern türmten sich vor mir auf; es sah
aus, als wollte ganz Deutschland mit einem Male auswandern ... Und
wirklich -- richtig, da drüben zwischen hundert andern stak auch
mein großer grüner mit dem gewölbten Deckel, auf dem die nächsten
etwas unsicher balancierten, und lachte mich wie ein guter Kamerad
freundschaftlich an. Trotz all seiner Vielbenutztheit und seinem
Abgeschabtsein -- er hätte getrost singen können: „Schier dreißig
Jahre bist du alt“ -- hätte ich ihm jetzt um den Hals fallen mögen:
„Da bist du ja, guter Freund, hab Dank, daß du mich nicht im Stich
gelassen hast ... nun wollen wir auch weiter treulich zusammen übers
Meer fahren und drüben zusammenhalten ... und gebe Gott, auch beide
wieder gesund heimkommen ... vor allem aber, alter Freund, krach’ mir
ja nicht unterwegs, der du den Bauch voll vieler schwerer Bücher hast,
auseinander!“ --
... „Nein, nein, was du nur von mir denkst, so alt bin ich denn doch
noch nicht, hab immer noch Kräfte genug zusammenzuhalten“, schmunzelte
er behäbig zurück. „Du kannst dich auf mich verlassen!“ Und er hat
seinen Schwur gehalten! Es sei ihm heute noch gedankt. Als ich so
beruhigt und vollkommen getröstet aus der Halle wieder hinausging,
scholl hinter mir ein erschütterndes Gelächter her. Tiefe Baßstimmen
von den schwersten Reisekörben bis zu den hellen hochmütigen Stimmen
der feinen Damenkoffer. Oder war es eine Gruppe von Schauerleuten? Was
lag mir daran ...
Ich bestieg einen der flinken Hafenrunddampfer von Käses berühmter
Hafenrundfahrt und ließ mich ¾ Stunden lang für einen einzigen
Groschen in allen Richtungen im Hafen herüber und hinüber, an allen
Molen und Landestellen, auf allen Hafenarmen und auch auf der freien
Elbe umherfahren. Die Elbe warf dabei oft recht stattliche Wellen.
Das kleine hochbordige wackere Dampfboot stieg auf und nieder; aber
manchmal brach auch ein tüchtiger Guß über den Bug herauf aufs
Vorderdeck und überschüttete die allzuweit Vornanstehenden mit einem
nicht gerade immer willkommenen Bade.
An den St.-Pauli-Landebrücken stieg ich aus und klomm zur Seewarte
empor und in ihr bis auf das aussichtsreiche Dach. Welch ein
majestätischer Rundblick sich von oben bot! Drunten die breiten im
Sonnenschein herrlich glitzernden breiten Elbarme mit ihren Hunderten
von hin und her schießenden Booten, weiter hinaus die Docks und
Werften, die rauchenden Schlote bis hin zu den sanften Linien des
grünen Hinterlandes. Über der Stadt selbst der übliche Rauch und Qualm
-- darin tut’s Hamburg London gleich --, aus dem richtunggebend hoch
und schlank der Nikolaiturm emporstieg. Eindrucksvoll präsentierte
sich von hier oben Lederers fast zyklopisches Bismarckdenkmal auf
der Elbhöhe, ein unübertreffliches Symbol deutscher Kraft, deutschen
schaffenden Willens und hoffnungsfreudigen Blickens in eine neue
Zukunft: Deutschland kann seine Söhne allein nicht mehr ernähren, wenn
es nicht wieder mit der ganzen Welt handelt und für sie arbeitet. Ist
auch das Werk des Alten im Sachsenwalde eingerissen worden, aber sein
Geist lebt fort und wird wieder auferstehen.
Ich schlenderte durch St. Pauli, die berüchtigte Schiffer- und
Arbeitervorstadt Hamburgs, übel berühmt durch ihr loses und
leichtfertiges Vergnügungsleben. Hier will der von schwerer Seefahrt
heimgekehrte und entlohnte Matrose sich „erholen“, d. h. austoben und
ausleben, nachdem ihn wochenlang harter Dienst und strammes Kommando
in Fesseln gehalten hat. Und wie verführerisch lockt des Abends die
lichterfüllte, überall orgelnde, tönende, schreiende „Reeperbahn“, an
der Kino an Kino, Varieté an Varieté sich reiht mit all ihren dunklen
Gassen seitabwärts ...
Aus diesem St. Pauli ging es zurück durch die Stadt und ihre breiten
und belebten Geschäftsstraßen, wie sie nun nach gewaltigen Durchbrüchen
am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Ich warf einen Blick in
die ehrwürdige Nikolaikirche. Vom hohen Turm von St. Nikolai klang um
Mittag das melodische Glockenspiel, das bis vor kurzem ein hoch in den
siebziger Jahren stehender Onkel von mir zu spielen hatte, der täglich
durch Jahrzehnte hindurch die 400 Turmstufen emporstieg, um auf seiner
Spielbank da oben im luftigen Reiche Platz zu nehmen. Und er behauptete
immer, sooft man ihn begleitete, diese tägliche Turnübung allein habe
ihn bis in sein hohes Alter so gesund erhalten ...!
Die herrlichen Säle des Rathauses mit ihren kostbaren Gemälden sah ich
gern einmal wieder. So machts doch der gute Deutsche: Wenn er einen
einzigen Tag in einer fremden Stadt zubringt, besieht er sich emsig und
umsichtig, ein ausführliches und gelehrtes Reisehandbuch in der Hand,
alle Sehenswürdigkeiten, und es schmerzt ihn nachher sehr, irgend
etwas Wichtiges und Berühmtes vielleicht doch übersehen zu haben. Aber
in der Geburtsstadt kann es einem passieren, daß man -- wie mir selbst
-- zum +ersten Male+ in Goethes Geburtshaus hineinkommt, wenn man es
von auswärts zugereisten Verwandten zu zeigen hat!
Sooft ich in Hamburg war, konnte ich es mir auch nicht versagen,
wenigstens einmal über die Alster zu fahren. Eine Alsterfahrt gehört
immer zu den idyllischsten Erinnerungen. Die Alster ist immer schön,
am strahlenden Sommertag und ebenso im herbstlich früh einbrechenden
Abenddunkel, wenn die Alsterboote mit ihren Lichtern wie Leuchtkäfer im
Nebel hin und her flitzten. In trauter Erinnerung stand bei mir seit
den Kindertagen auch das Uhlenhorster Fährhaus, von dessen herrlicher
Terrasse man einen solch entzückenden Blick über das weite Alsterbecken
bis hin zu den vielen fern und schlank aufragenden Türmen Hamburgs
genießt.
Hinter Uhlenhorst liegt der Vorort Horn. Er war mir auch seit meiner
Kindheit bekannt, seit in seiner kleinen Kirche einst mein ältester
Bruder getraut worden war ... Ich sehe noch immer die nach Althamburger
Sitte lange Wagenreihe vor mir, die da mit der großen Verwandten- und
Bekanntenschaft hinausstrebte. Und ich durfte damals als kleiner viel
verhätschelter Junge mitten zwischen den Brautjungfern sitzen! Und dann
defilierten wir durch die vielen neugierig an der Eingangstür wartenden
Vorstadtkinder ... und oben auf der Orgel intonierte der siebzigjährige
Onkel L., dessentwegen das kleine Kirchlein zur Trauung gewählt worden
war, derselbe, der täglich zum Glockenspiel auf den Nikolaiturm
hinaufstieg.
In Horn steht bekanntlich auch Wicherns berühmtes „Rauhes Haus“,
darin einst der Kandidat Wichern und seine Mutter Wohnung nahmen, um
selbstlos arme verwahrloste Knaben zu erziehen. Jetzt sind es mächtige
ausgedehnte Erziehungshäuser der „Inneren Mission“. Die Anstalt erfüllt
heute einen gar weiten Komplex, in dem sich aus freundlichem Grün die
einzelnen Häusergruppen familiär und traulich erheben. Als „Familien“,
von Brüdern und Helfern betreut, leben hier die Zöglinge zusammen. Wie
mancher mag hier fürs Leben wirklich „gerettet“ worden sein, so daß die
Anstalten mit Recht ihren Namen tragen.
Für soziale Arbeit habe ich mich schon früh immer stark interessiert.
Gerade in Hamburgs Straßen blickte ich manchem hungrigen Straßenhändler
oder armen streichhölzerverkaufenden elternlosen Kinde in die
Augen ... Ich weilte in des gottbegnadeten Pastor Clemens Schulz’
Lehrlingsverein, der dem alten Herrn die Familie ersetzte, und sah mich
um in den sozialen „Volksheimen“ und fühlte mich jedem Eckensteher und
„Halbstarken“ ein bißchen verwandt. Waren sie nicht alle auch Menschen
und Brüder? Was können sie für das Elend, in dem sie aufgewachsen sind,
für Not und Irrtum, die sie in Schuld getrieben? Zeitweilig hatte ich
einmal ernstlich die Absicht, mich ganz der verwahrlosten Jugend in St.
Pauli zu widmen ...
So strich ich damals von Horn aus in Rothenburgsort und Hammerbrook
umher. Vor 30 Jahren war hier noch grünes Marschland. Jetzt reihen sich
grauschwarz und schmutzigberußt die langen traurig-öden Straßenzeilen
mit ihren Mietskasernen, ihren dunklen Höfen und düstern Hinterhäusern
aneinander. Hier wohnen die Menschen so dicht, daß oft ein einziger
Straßenblock 4000 Menschen mit etwa 1700 Kindern, genug für eine
32-(!)klassige Volksschule, beherbergt. Hier wächst eine Jugend auf,
deren Spielplatz die Straße, deren Hauptbildner das Kino ist, die
von blauem Himmel, grüner Marsch und singenden Vögeln nur wie von
Sagen und Märchen hören. Ihre Ahnen waren einst selbständige wackere
Holsteiner Bauern, Handwerker und Fischer; jetzt zerreibt und zermahlt
sie die Großstadt zwischen Schloten und Maschinen, zwischen seelenloser
Fabrikarbeit und brutalsinnlichen Vergnügungen zu einer einförmigen,
grauen Masse, „Proletariat“ genannt, oft ohne jeden Glauben an
Innerlichkeit. Denn im Rauch, Getöse und Herdendasein der Großstadt
stirbt das Persönliche. Und mit ihm stirbt Lebensfreude und -glück.
Aber im „Volksheim“, da suchte man wieder den Menschen zu wecken.
Da turnten fröhlich die Knaben, da wurde gutes Theater gespielt;
naturwissenschaftliches Kränzchen und Billardklub, Rezitation und
Bücherei, Bastel- und Schnitzabend, Schachspiel und Schlagball blühten
und gediehen friedlich und fröhlich miteinander. Zeigt nicht ähnliche
Zustände die Großstadt überall, sei es Berlin oder Hamburg, Neuyork
oder Chikago? Die Großstadt ist am allermeisten und im bösesten Sinne
„international“. Überall frißt sie das Land und die Seele der Menschen
zugleich.
In die innere Stadt zurückgekehrt, umflutete mich wieder das Leben der
großen Geschäftsstadt, die Warenhäuser mit ihren wimmelnden ein- und
ausströmenden Menschen, die fliegenden Straßenhändler, die klingelnden
Straßenbahnen und tutenden Autos, die Laufjungen und Portiers, all
die vielen kleinen Theater und Spielhallen, die Ewerführer auf dem
Kohlenkahn die düstern Fleets entlang, die Wirte der Hafendestillen,
die Fuhrleute und Packer, die Börsenmänner und Geldleute und endlich
im Alsterpavillon die schlemmenden gelangweilten feinen „Damen“. Welch
eine gegensätzliche Welt! Welch eine Sachenkultur! Elend und Reichtum,
Verdorbenheit und Selbstsucht dicht beieinander.
Aus der stickigen Großstadtluft trieb es mich am Nachmittag mächtig
hinaus nach dem Land. Ich fuhr daher nach dem so reizvollen Blankenese
an der unteren Elbe, Hamburgs Perle, hinaus. Aus den dunkeln, dumpfigen
Winkeln und Kellern, Straßen und Hinterhöfen voll pestilenzialischer
Gerüche und verbrauchter Luft ging es zu Schiff hinaus in die frische
freie Luft des breiten Stroms und des saftgrünen Landes, dahin, wo
einem schon Salzluft der Nordsee entgegenweht. Am alten Michel vorbei,
St. Pauli vorüber, entlang den Reihen der vornehmen Landhäuser der
Großkaufherren in Kleinflottbeck ... Am Strande des Flusses lagen
vergnügte und sorglose Menschen in ihren hellen Kleidern im weißen
Sande; Kinder plantschten im Wasser und ließen ihre kleinen Segelboote
schaukeln ... In der Sonne gebräunt-leuchtende, badende Jungen,
schwammen hinter dem Dampfer her und tauchten fröhlich in seinen
spritzenden Wellen ... und drüben lag behäbig und unentwegt das satte,
saftige grüne Marschland, und draußen wartete auf uns das blaue Meer.
Oben vom Süllberg aber und seiner weitblickenden Aussicht konnte man
sich kaum trennen. Eine Musikkapelle spielte lustige Weisen. Es war
prächtig, da oben zu sitzen und über den weiten meerarmartigen Strom
und das weite grüne Land zu schauen. Die Musik war die Auslöserin der
rechten Abschiedsgefühle. Deutsche Lieder würden wohl sobald nicht mehr
an mein Ohr klingen ... Langsam spülte die Flut herein. Allerlei flache
Inseln und Sandbänke im Strome tauchten unter. Mit Sonnenuntergang
versank für mich auf lange ein letzter Tag auf deutschem Boden ...
* * * * *
Ebenso strahlend brach dann der Augustsonntag an, der mich der
alten Welt entführen sollte. Auf dem Hamburger Hauptbahnhof war ein
furchtbares Gewühl von Menschen, wie an schönen Sommertagen auf allen
deutschen Großstadtbahnhöfen. Tausende von Ausflüglern flohen aus
der heißen Großstadt in die Lüneburger Heide, in den Sachsenwald,
ins Holsteinische. Dazwischen wimmelten noch die Ozeanpassagiere zu
Hunderten. Unser Sonderzug dampfte punkt sieben Uhr zunächst mit den
Passagieren der zweiten Kajüte aus der Halle, bis zum letzten Platz
besetzt ...
Im hellen Sonnenschein ging es durch die grüne Marsch der Elbe entlang
-- doch war sie selbst selten sichtbar -- über Stade nach Kuxhaven.
Im Wagen redete alles bereits deutsch und englisch durcheinander. Die
echten Deutschamerikaner redeten ihr Deutschamerikanisch: „~Well,
think~, wir gehn nach vorn“ u. ä. Deutsche Kinder antworteten ihren
deutschredenden Eltern prompt auf englisch. Übrigens war mein letztes
deutsches Erlebnis gewesen, daß der Gepäckträger mir schnell noch vor
der Abfahrt zu wenig herausgab! Immer noch besser als jenes erste
deutsche Erlebnis des Japaners Utschimura, dem auf dem Hamburger
Hauptbahnhof gleich sein ganzes Portemonnaie nebst wohlgefülltem Inhalt
gestohlen wurde ...!
Nach zweistündiger flotter ~D~-Zug-Fahrt lenkten wir plötzlich wieder
der Elbe zu. Die grüne Marsch, die grasenden Rinderherden entwichen
... Dort drüben dicht vor uns strahlend gelb und weiß im hellen
Sonnenglanz lag unser Schiff, und hinter ihm dehnte sich bis an den
Horizont tiefblau die Nordsee ...
Schon liefen wir in die Bahnhofshalle von Kuxhaven ein. Ich faßte mein
Handgepäck. Blaugekleidete Stewards mit goldenen Knöpfen und weißen
Handschuhen sprangen uns gar artig bis auf den Bahnsteig entgegen
und nahmen uns das Handgepäck ab. Ich hielt aber in übertriebener
Vorsicht das meine ziemlich fest in der Hand und schleppte es lieber
im Schweiße meines Angesichts und meines Reisemantels am warmen
Hochsommersonntagmorgen selbst bis zum Schiff hinauf. Einige Schritte
ging es noch durch die langen Zollhallen, dann von der Halle bis
an die Kaimauer ... zuletzt an einer Reihe Schutzleute vorüber die
Schiffstreppe hinauf: für die Landratte ein eigenartiger Moment! Weil
alle es so machten, machte man es auch so. Noch einmal wurde der
Fahrschein kontrolliert ... oben an der Schiffstreppe standen die
Schiffsoffiziere in weißen Handschuhen, die Hand grüßend an der Mütze.
Von der Kommandobrücke sah der Kapitän, eine Menge goldener Streifen
um den Arm, prüfend herab ... Hinter einem Seile auf dem Vorderdeck
wie Vieh eingesponnen und zusammengedrängt standen die Zwischendecker,
darunter Physiognomien wie aus einer Verbrecherkolonie, Russen, Polen,
Italiener, Griechen, Juden aller Herren Länder ... Sie waren mit dem
Gepäck schon in Hamburg eingeschifft worden.
Durch merkwürdig schmale Gänge wurde man auf dem Schiffe selbst in
die Kabine gewiesen. Unser Kabinensteward war ein freundlicher,
hilfsbereiter junger Mensch. Die Kabine fand ich recht geräumig;
sie enthielt je vier Betten, zwei übereinander, und einen hübschen
Waschtisch mit zwei Becken. Man legte schnell ab. Ein Mitpassagier,
ein wohlbeleibter Schauspieler aus Philadelphia, Deutscher von Geburt,
wurde zunächst mein Berater. Als dritter Kabinengenosse gesellte sich
ein stockamerikanischer „Coiffeur“ aus Chikago hinzu, der kein Wort
Deutsch verstand. Der vierte war, wie sich nachher zeigte, ein alter
Wiener Jude, der seine Tochter, eine Sängerin, in „Neffiorck“, wie er
aussprach, besuchen wollte. Um etwaigen üblen Explosionen vorzubeugen,
wählte ich ein oberes Bett, das auf einer kleinen Leiter zu ersteigen
war.
Wir gingen schnell, nachdem wir abgelegt, wieder nach oben, um ja den
reizvollen Augenblick der Abfahrt nicht zu versäumen. Mehr und mehr
sammelten sich die Passagiere auf dem Promenadendeck, um sich noch von
oben mit ihren Angehörigen auf dem Kai, soweit sie bis nach Kuxhaven
mitgekommen waren, möglichst lange zu unterhalten. Jetzt wurde in
gewaltigen Netzen unser Gepäck vom Land aufs Schiff balanciert. Dann
lief der zweite Sonderzug von Hamburg mit den Passagieren der ersten
Kajüte ein. (Vornehme Leute kommen bekanntlich in der Welt immer
zuletzt oder sogar, wenn sie besonders vornehm sind, zu spät!) Auch
diese dreihundert waren, schnell von hilfreichen Stewards geleitet, an
Bord gebracht. Mittlerweile war es ¾12 Uhr geworden!
Immer strahlender schien die Sonne wie mit Festglanz vom Himmel
herab. Tiefblau war Himmel und Meer. Nun ertönte ein Kommando; die
Haltetaue wurden losgewunden. Die Musik setzte ein: „Muß i denn, muß
i denn zum Städtle hinaus“ ... Langsam drehte das gewaltige Schiff
ein wenig vom Kai ab. Die am Ufer begannen zu winken, Taschentücher
flatterten bald hundertfältig oben und unten, herüber und hinüber
... einige Damen schluchzten auf ... da und dort sah man rotgeweinte
Augen ... auch ich biß ein wenig die Zähne zusammen, aber das Fehlen
von Angehörigen machte den Abschied mir nicht so schwer. Auch war
meine Brust geschwellt von all dem Neuen, was da kommen sollte. Immer
breiter wurde schon der Wassergraben zwischen Kai und Schiff. Die
Schraube arbeitete spürbar, der ganze Schiffsrumpf erbebte unter ihren
Drehungen, die Maschinen stampften, durch den ganzen Schiffskörper ging
ein leises Zittern ... So löste sich das Schiff langsam vom Lande ...
Zehn ... zwanzig Meter rückte es vom Ufer ab ... Alles rief, schrie,
winkte, weinte ...! Dann wurden es fünfzig, hundert Meter! Die Menschen
wurden immer kleiner ... Kreischend umflogen uns Schwärme von Möwen ...
Zuletzt waren Kuxhavens Türme klein wie Spielzeug. Die Musik hatte
aufgehört zu spielen ... Alles strömte in die Speisesäle, um sich vom
Obersteward einen Tischplatz anweisen zu lassen ...
Ich wählte lieber den „zweiten Tisch“, wie mir der spätaufstehende
Schauspieler aus Philadelphia riet, und mußte nun zwölf Tage lang
zweimal täglich anderthalb Stunden zusehen, wie bereits der „erste
Tisch“ fröhlich speiste. (Bei voller Belegung des Schiffes reichen
nämlich die Speisesäle nicht zugleich für sämtliche Passagiere.) Das
war bei dem besonderen Appetit auf See und der Langeweile, die am
schönsten von den Mahlzeiten unterbrochen wird, jedesmal eine Leistung.
Auch sonst war mein wohlbeleibter Berater wie ein böser Dämon neben
mir, der für die Rührung der Abschiedsszenen nur Spott hatte und auch
schon am ersten Tage mir von Amerika und den Amerikanern fortgesetzt
nur Ungünstiges zu erzählen wußte: „Dollarjagd und Bigotterie sei
drüben alles. Der Freiheitsstatue hätte man lieber eine Dollarnote
statt einer Fackel in die Hand geben sollen u. ä.“, während ich in
vollstem Jugendidealismus wie ein kleiner Kolumbus mir eine neue ideale
Welt erobern wollte ...
Als man endlich aus den Speisesälen und Schiffsgängen wieder hinaufkam
-- schon prägte man sich etwas die Topographie des Ganzen ein -- da
schwammen wir bereits mitten auf der weiten, klaren, blauen Nordsee.
Von Land war nirgends mehr eine Spur. Aber eine breitaufgewühlte Furche
zog das Schiff wie eine Wasserlandstraße hinter sich her, die den
zurückgelegten Weg deutlich und lange anzeigte ... Immer noch folgten
uns kreischende Möwenschwärme tauchend und elegant die zugeworfenen
Brocken auffangend ...
Das Essen mit seinen vielen und reichlichen Gängen mundete stets
vorzüglich. Die frische Seeluft tat das ihrige dazu. Vom Schwanken des
Schiffs war keine Spur zu merken, obwohl am Nachmittag eine frische
Brise eingesetzt hatte und der Wellengang stärker wurde. Gemütlich
lag man auf Deck auf seinem gemieteten Deckstuhl wie auf der Veranda
eines aussichtsreichen komfortablen Hotels und sah auf die nie
ermüdende unendliche Wasserfläche hinaus und fühlte sich glücklich als
Weltpassagier ...
Auf dem Atlantischen Ozean.
Es begann das regelmäßige Leben an Bord.
Am Mittag war das Meer tiefblau, am Abend nach Sonnenuntergang
aber wurde es tiefgrün. Der aufkommende Wind rüttelte an Tauen und
Segeltüchern. Purpurrot war die Sonne im Westen versunken ...
Silberne Streifen warf bald der Mond über das Wasser. Rings ein
chaotisches Wasserrund. Welche Fluten erfüllen doch die Erde! Von fern
her blitzten die Leuchtfeuer von den deutschen Inseln ...
Wir waren jetzt etwa auf der Höhe von Borkum. Helgoland war zu weit ab
und nicht sichtbar. Das Schiff ging noch immer sicher und ruhig, obwohl
ringsum schon weiße Kämme aufspritzten. Viele, die bereits mehrmals
herüber und hinüber gefahren waren, rühmten unsern „alten Kasten“ sehr,
er fahre zwar nicht so rasch wie die großen Schnelldampfer, aber dafür
ruhiger und sicherer, zumal wenn er wie diesmal voll und schwer geladen
sei ...
Es trompetete zum Abendessen. Nach der salzigen Seeluft schmeckte
das Essen jedesmal vorzüglich. Die Stewardbordkapelle spielte dazu
flotte Weisen im Speisesaal. Die Stewards erwiesen sich überhaupt
als recht vielseitige Burschen. Erst traten sie als galante Pagen
und Kofferträger auf, dann waren sie Zimmermädel in Hosen und
servierende Kellner, für jeden Wunsch und jede Laune dienstfertig
bereit, und zuletzt talentvolle Musikanten. Alle Achtung vor solcher
Vielseitigkeit! Aber welche Versuchung zur Unzufriedenheit für sie,
während ihrer Arbeit um sich ständig nur nichtstuende, schmausende,
scherzende, geldverzehrende und vergnügungssüchtige Menschen zu sehen!
Denn daß wir Passagiere vor und nach unsrer Seefahrt auch etwas
Rechtschaffenes arbeiteten, das sahen sie ja nicht, und vielleicht
glaubten sie es auch nicht. In ihren Augen waren wir alle „reiche“ und
nichtstuende Leute.
Als man vom Abendkonzert vor Schlafengehen noch einmal auf Deck kam,
rauschte rings um uns ein tiefschwarzes Meer. Man hatte in den
erleuchteten Gängen und Sälen fast vergessen, daß man auf dem weiten
Meere schwamm ...
Es kam die erste Nacht. Ich konnte mich gar nicht genug wundern, wie
seelenruhig man sich in sein Bett legte. Freilich sah man einmal der
Ordnung wegen nach, wo die Rettungsgurten lagen. Ganz Ängstliche
haben sie wohl auch einmal heimlich, wenn sonst niemand in der Kabine
war, „für alle Fälle“ anprobiert. Der schreckliche Untergang der
„Titanik“ oder die Torpedierung der „Lusitania“ mit ihren etwa 1500
im Wasser versinkenden Menschen hat uns Bilder genug des Schreckens
vor Augen gemalt! Ich wußte mich auch aus meiner Kindheit eines
schweren Zusammenstoßes eines Bremer Lloyddampfers mit einem englischen
Kohlendampfer im Nebel des Kanals sehr wohl zu entsinnen. Der Engländer
hatte von der Seite kommend und mit Kurs nach Frankreich den im Kanal
längsfahrenden Lloyddampfer mitten entzweigeschnitten. Eine einzige
Dame, eine Bremerin, dazu noch eine gute Bekannte unsrer Familie, war
damals gerettet worden.
Rechtzeitig pflegte ich immer mein Oberbett zu erklimmen, denn das
lange Spielen, Trinken und Rauchen der Herren liebte ich gar nicht.
Mit mir ging gewöhnlich der kleine ältliche Wiener schlafen, der
ja seine Tochter besuchen wollte und der nachher noch sehr unter
der Seekrankheit litt. Er pflegte sich aus Vorsicht gar nicht ganz
auszukleiden. Gut, daß er unten und ich oben schlief, denn die See
hatte es ihm bald angetan! Der Chikagoer, der kein Deutsch verstand,
sondern nur „~good morning~“ und „~good night~“ sagte, kam gewöhnlich
erst ein oder zwei Stunden später herein, und zu allerletzt und oft
wohlgeladen wie unser getreues Schiff, aber doch nicht so ruhigen
Kurses wie es, kam der deutsche Philadelphier, der glücklicherweise
nicht nach oben zu klimmen hatte. Er hatte seine Wahl recht getroffen.
Mit einem mächtigen Plumps fiel er auf seine Lagerstatt. So schlief man
nicht eher ein, bis alle Mann an Bord der Kabine waren. Zudem leuchtete
über der offenen Türluke der helle Schein der Ganglampen herein, so
daß es in der Kabine nie recht finster wurde. Außerdem lag neben
unsrer Kabine, die freilich mittschiffs nicht weit vom Maschinenraum
am wenigsten die Bewegungen des Schiffs verspüren ließ, einer der
Schlafräume der Stewards, die abends nach ihrem Dienst und früh vor
ihrem Aufstehen einen Heidenlärm machten. Da wurde gelacht, getanzt,
gescherzt, Mundharmonika gespielt und fröhlich gesungen. Ich gönnte
ihnen ihre Lustigkeit und Munterkeit von Herzen und wollte mich auch
nicht griesgrämig beschweren; nur beförderte ihr Treiben gerade den
ersehnten Schlaf nicht. So lag ich oft noch manche Stunde wach und sah
gleichsam zum Lohn dadurch auf einmal, wie -- ich traute meinen Augen
nicht -- gemächlich vom Gang herein oben durch die breite Türluke
eine große, feiste Ratte in unsre Kabine hereinspaziert kam, an den
Holzleisten der Wandverschalung gemächlich entlanglief und dann auf
demselben Wege wieder verschwand. Nach andern Nächten fand ich sogar
ihre Grüße und Spuren auf meiner weißen Bettdecke, die ihr vielleicht
bei leerer Kabine als Ruheplatz diente. Sie hatte also, nach den Spuren
zu schließen, während wir von den Wellen gewiegt selig schliefen,
uns sehr nahe Besuche abgestattet. Nach dieser Entdeckung hielt
ich es für ratsam, abends beim Emporklimmen in die „~upper berth~“
wenigstens einen Pantoffel mitzunehmen und ihn als schußbereite Waffe
in der Hand haltend einzuschlummern und hatte so das sichere Gefühl,
gegen etwaige noch nähere Besuche der nächtlichen Freundin notdürftig
gewappnet zu sein. Als ich meine Entdeckung erstaunt am andern Morgen
dem Kammersteward mitteilte, meinte er lakonisch: „Ratten gibt’s
auf jedem Schiff.“ Und erfahrene Seereisende trösteten mich mit der
Weisheit: „Nur ein sinkendes Schiff verlassen die Ratten.“ Zum runden
Kammerfenster aber wehte die ganze Nacht erfrischend luftiger Nordwest
herein, so daß man immer Seeluft genoß. Mußten freilich die Luken wegen
hohen Wellengangs einmal geschlossen werden, dann entwickelte sich bald
eine recht dumpfe Atmosphäre, untermischt mit allerlei Küchen- und
andern Dünsten.
Früh halb sechs verließ ich meist als erster schon unsre Kabine, oft
drei bis vier Stunden vor dem gutgeladenen Philadelphier. Kam man
aufs Deck hinauf, so war da oben gewöhnlich noch groß Reinemachen.
Das Schiff schwamm nicht bloß von unten her, sondern auch in Strömen
von oben. Matrosen barfuß, in hochgekrempelten Hosen, spritzten und
gossen mit Eimern und Schläuchen, wuschen und scheuerten, daß es nur
so eine Art hatte ... Sie sahen es auch gar nicht gern, wenn man gar
zu früh schon ihre Arbeit inspizierte. Aber gerade die Morgenstunden
waren besonders schön auf Deck. Die Sonne und das Meer glänzten noch
heller und frischer als sonst. Frei und unbehindert durch die vielen
Mitreisenden konnte man sich überall ergehen vom Hinterdeck an, wo
gelotet wurde, wieviel Faden wir liefen, bis zum Bug, wo man wie auf
scharfkantiger Bastion das hochaufspritzende Wasser durchschnitt, das
unwillig dem hochbordigen Schiff sich entgegenwarf.
Wir fuhren jetzt in Höhe von Holland. Der Wellengang hatte zugenommen.
Das Schiff stieg hinten und vorn recht erheblich auf und nieder. Schon
fehlten einige der Bekannten am Frühstückstisch; andere schlichen mit
ängstlichen und bleichen Gesichtern umher, drückten sich möglichst in
der Nähe der Schornsteine auf ihrem Deckstuhl in die Ecke oder eilten
ein ums andre Mal verstohlen an die Reeling, um Poseidon zu opfern
... Wir andern machten tapfer unsre Runde, zwanzig Deckrunden, um --
wie ein munteres Fräulein neben mir spottete -- „uns die Seekrankheit
auszulaufen“.
In der Tat läßt sich, glaube ich, mit ein bißchen festem Willen viel
gegen die Seekrankheit machen. Viele werden zweifellos bloß aus Angst
oder vom Sehen seekrank. Es ist wohl auch ein Stück Anlage, ob man
ihr leicht erliegt oder nicht. Es soll ja sogar alte Kapitäne geben,
die sie bei jeder halbwegs unruhigen Fahrt immer wieder packt. Gar
spaßig waren die weisen Unterhaltungen und mancherlei Ratschläge
darüber zu hören. So rieten die einen: „Immer tüchtig essen, aber ja
nichts trinken!“ Die andern mit scheinbar einfacher Logik: „Den Magen
ganz leer lassen, dann hat er kein Material zum ...!“ Wieder andere
mit medizinischer Kennermiene: „Nur einen Kognak trinken, aber sonst
nichts genießen!“ Die vierten meinten besonders ängstlichen Damen
gegenüber: „Ruhig hinlegen und die Augen fest schließen und an etwas
Schönes denken, das hilft!“ Wieder andere: „Hinlegen, aber die Augen
gen +Himmel+ richten und nur nicht aufs Wasser sehen!“ Auch ein Rat aus
der Praxis! Die sechsten aber mahnten zum Gegenteil: „Immer tüchtig
herumlaufen, viel lachen und spielen!“ Die siebenten ergänzten gar
dazu: „Nur nicht hinuntergehen in die dumpfe Kabinenluft, da kriegt man
es gleich!“ Und noch andere: „Recht lange im Bett liegen bleiben, da
spürt man das Stampfen und Rollen nicht so sehr!“ Endlich die letzten
orakelten: „Man muß einfach weder davon reden noch daran denken“ -- und
doch sprachen bald alle davon, von dem einen Thema, die einen offen,
die andern verstohlen. Und wer nicht davon sprach, der dachte daran.
Jeder versah sich auf seine Weise „für alle Fälle“ mit einem guten
Rat. So spotteten die einen und lachten, die andern verkrochen und
fürchteten sich. Ich selbst philosophierte über die Möglichkeit einer
seekranklosen Lage und fand sie in einer kardanisch, d. h. von oben
zentral wie eine Hängelampe aufgehängten Hängematte, die sofort vermöge
des Gewichts des darin liegenden Menschen alle Schwankungen des Schiffs
korrigierte und darum stets in der richtigen, zum Erdmittelpunkt
zentripetalen Lage bleibt! Leider bin ich nur bis heute noch nicht zur
Patentierung meiner Erfindung gekommen ... Möchte auch jeden Leser vor
ihrer vorzeitigen Ausbeutung warnen!
Gegen 11 Uhr fuhren wir auf der Höhe von Dover. Deutlich zeichneten
sich rechter Hand die weißen Kreidefelsen der englischen Küste ab.
Wer noch ungebrochener Gesundheit war, schrieb eifrig im Speisesaal,
Rauchsalon oder Spielzimmer Briefe und Karten an die Lieben daheim,
denn in Boulogne-sur-mer wurde von einem französischen Tender Post
abgenommen. Ich konnte noch immer unter anderem stolz berichten: „Nicht
seekrank!“ Und ich habe mit festem Willen und einer ungeänderten
Lebensweise bis zuletzt auch gut „durchgehalten.“
So näherten wir uns langsam von Albions stolzer Küste hinüber dem Land
der uns so sehr liebenden Franzosen. Bald erkannte man durchs Glas
Wiesen und weidende Rinderherden ...! Eine eigentümliche Sehnsucht nach
Land entstand in mir. Die reichlich vierundzwanzig Stunden, die wir
jetzt unterwegs waren, dünkten mich wegen der vielen neuen Eindrücke
ebensoviel Tage zu sein.
Um Mittag hielten wir weit draußen auf der Reede von Boulogne. Unsre
Sirenen heulten mehrmals laut hinüber, daß wir da wären. Still stand
der weithin sichtbare Leuchtturm auf seiner stolzen Höhe, aber der
Tender mit den Parisern ließ noch eine ganze Weile auf sich warten.
Fast zwei Stunden zu früh waren wir angekommen. So rasch war unser
alter Kasten gefahren! Während wir still lagen, ließ sich drüben
der französische Strand mit seinen großen Hotels, seinen vielen
Strandkarren und die Kuppel der katholischen Kathedrale gut durchs
Glas erkennen. Endlich kam auch tüchtig auf und nieder tanzend der
französische Tender herübergedampft.
Es war ein kleines Kunststück, die Passagiere heil zu übernehmen. „Halb
zog sie ihn, halb sank er hin.“ Nach dieser Weise kamen sie alle zu
uns herauf. Die Matrosen hatten dabei allerlei Arbeit. Zuletzt wurden
wiederum die Koffer im Krannetz hoch über dem freien Wasser schaukelnd
herüberbalanciert. Dann flogen unsre Postsäcke hinüber -- und der
Franzose drehte wieder um ...
Es war 4 Uhr nachmittags geworden, als wir uns wieder der englischen
Küste näherten. Abends winkten uns die langen Lichterreihen von
Southampton, der paradiesischen Insel Wight und dem Kriegshafen
Plymouth, der so groß ist, daß er die ganze englische Kriegsflotte
in sich aufnehmen kann. Wie „fliegende Holländer“ glitten im Dunkel
bald näher, bald ferner kleinere Küstendampfer mit grünen und roten
Signallichtern an uns vorüber. Am Himmel aber standen ruhig und
feierlich die blitzenden Sterne ...
Mit Anbruch des nächsten Tages passierten wir den letzten Punkt
Europas, die felsigen Szillyinseln. Der Leuchtturm Eddystone, an dem
hoch die schäumende Gischt emporbrandete, entbot den allerletzten
Scheidegruß Europas. Nun würden wir kein Land mehr sehen bis zur Küste
der Neuen Welt. Wir fuhren jetzt erst in den offenen Atlantik hinein.
Länger und höher wurden die Wellenzüge. Bis zur halben Schiffslänge
tauchte unser Schiff in die Wellentäler, um dann gehorsam vom nächsten
Wellenberg wieder aufzusteigen. Ein ewiger, erhabener Rhythmus. Wir
hatten unsre Deckstühle ziemlich weit hinten und sausten dabei manchmal
recht tüchtig und plötzlich mit ihnen in die Tiefe. Das Rundengehen
war aufgegeben, denn man mußte zu oft einhalten und sich festklammern.
Man lag lieber und las, so gut es ging. Das muntere spottende Fräulein
lag dicht neben mir. Nicht lange -- so entpuppte sie sich als Kusine
einer meiner liebsten Studienfreunde, als eine muntere Badenserin
aus dem schönen Freiburg im Breisgau. In Neuyork wollte sie ihren
unverheirateten Onkel aufsuchen, ihm den Haushalt führen und, wenn
möglich, sich drüben gut verheiraten. Gewiß hat sie es inzwischen auch
getan.
Wir haben auf der ganzen Reise zusammen viel Spaß gehabt. Sie gab
mir ihre Bücher zum Lesen und ich ihr die meinigen. Dann tauschten
wir unsre Urteile ungehemmt aus. Vielleicht hat unser gegenseitiges
helles Lachen und Fröhlichsein auch als Medizin gegen die ~seasickness~
gewirkt, der immer mehr Passagiere erlagen. Immer leerer wurden die
Decks und Speisesäle, immer lauter das Seufzen der Seekranken. Auch uns
hob es manchmal so ganz eigentümlich von unten herauf ... Ich las jetzt
mit viel Interesse aus der Schiffsbibliothek die trefflichen Werke von
Professor Hötzsch, Lamprecht und Münsterberg über „Amerika und die
Amerikaner“ und wurde so auf meine Studienfahrt durch die Union aufs
beste und zugleich geistvollste vorbereitet.
Mehr und mehr Schiffsreisende hatte man kennengelernt. Alle Schichten
waren dabei vertreten: Farmer, Schauspieler, Sänger, Zirkusleute,
Familien mit Kind und Kegel, die schon lange drüben waren und nur
vom Verwandtenbesuchen heimkehrten, und einzelne, die zum erstenmal
hinüberwollten, wie meine Partnerin, Deutsche und Stockamerikaner
bunt durcheinander. Ebenso sprachlich gemischt war am Tisch meist die
Unterhaltung, aber das Deutsche herrschte doch noch entschieden vor.
Jeden Tag war das Meer anders. Bald bewegt, bald glatt wie ein
Spiegel, aus dem lustig Delphine in hohem Bogen emporsprangen. Manche
wünschten sich prahlerisch „mal so einen richtigen Sturm“ zu erleben!
Aber es kam keiner. Dazu war es noch zu sommerlich in der Jahreszeit.
Eines Morgens ½7 überholte uns eins der schönsten deutschen Schiffe,
die „Kronprinzessin Cecilie“. Rauschend wie eine Königin fuhr sie an
uns vorüber, eine mächtige Schleppe quirlender Wasser hinter sich
lassend. War das ein Grüßen, Winken, Rufen und Jubeln hinüber und
herüber! Aber so schnell wie sie gekommen, war sie auch wieder vor
uns verschwunden. Mehr als doppelt so groß wie wir war sie und auch
fast doppelt so schnell fuhr sie. Später rückte von rückwärts her
die „Adriatic“ von der White-Star-Linie an unsre Seite, um geraume
Zeit vor uns in Neuyork einzutreffen. Aber uns kümmerte das nicht.
Im Gegenteil, je länger auf dem Meer, desto schöner. Ich hatte ja
nichts zu versäumen. Allerlei Spiele -- solange man nicht aß, lief,
las, lag oder saß -- vertrieben schnell die Zeit. Auf Deck spielten
sie „~shuffle-board~“, eine Art Deckkegelspiel, Ringwerfen, richtigen
Nachlauf und „Kriegen“. Eine Gruppe handfester norddeutscher Burschen
übte sogar „Schinkenkloppen“ zur größten Heiterkeit aller eifrig
Spalier bildenden deutschen und amerikanischen Dämchen. Je tüchtiger es
auf den gestrammten Hosen klappte und je seltener einer den Missetäter
herausfand, desto lauter wurde das Vergnügen. Im Rauchzimmer saßen die
ganz unentwegten Skatdrescher, von denen einer kurz vor der Ankunft in
Neuyork mit den bezeichnenden Worten aufs Deck trat: „Jetzt muß ich mir
schnell noch einmal das Meer ansehen.“ Tabaksqualm und ein Schoppen
frisch Angestecktes ging doch über alles ...
Zweimal war auch abends Bordfest. Die Decks waren mit Segeltüchern
geschützt und alles mit Glühbirnen, Wimpeln und Flaggen umzogen. Und
zu den fröhlichen Weisen der Bordkapelle drehten sich bis Mitternacht
tanzlustig die Paare ...
Keinen Tag fehlte auch die Bordzeitung, die täglich neu in der
Borddruckerei mit den neuesten drahtlosen Depeschen aus aller Welt
gedruckt wurde. Die Bordzeitung brachte auch Bilder und einen
fortlaufenden Roman! Großes Interesse erregte auch jedesmal die
Bekanntgabe der täglich zurückgelegten Meilenzahl, die gewöhnlich nach
dem Mittagessen erfolgte: Meist liefen wir pro Tag zwischen 320 und
340 Seemeilen, legten also etwa eine Entfernung wie von Dresden nach
Hamburg täglich zurück, die freilich der Schnellzug in einem Drittel
der Zeit meisterte. In künftigen Zeiten wird man mit dem Zeppelin etwa
vier- bis fünfmal so schnell nach Amerika fliegen, als unser alter
Kasten lief. Aber Kolumbus hätte schon unsre 11 Tage Überfahrt als
unerhörten Rekord empfunden. Es ist ja alles in der Welt nur relativ!
Ehe die Bouillon zum zweiten Frühstück auf Deck gereicht wurde,
pflegten der Kapitän, der Erste Offizier und der Schiffsarzt ihre Runde
zu machen und mit jedem Passagier ein kurzes freundliches Wort zu
wechseln ...
Sonst passierte nichts von Bedeutung. Nur einem Unglücksraben unter
den Mitreisenden wurde seine gesamte Barschaft von elfhundert Mark
gestohlen. Tags zuvor hatte er erzählt, daß er davon drüben eine kleine
Farm kaufen wolle. Wie sollte man den Dieb ausfindig machen? Was wurde
nun aus dem Armen und seinen Plänen?
Regelmäßig verlief unser Leben. Aus Abend und Morgen wurde stets ein
andrer Tag geboren. Die Tage hatten ihre Stunden, unter denen die
Mahlzeiten immer die wichtigsten und frohbegrüßten festen Punkte waren.
Mit Essen, Schlafen, Spielen, Lesen und Unterhalten ging die Zeit hin.
Aber das Meer selbst wurde man nie müde:
Der Sturm singt mir das Schlummerlied,
Die Woge wiegt mich ein;
Das Schiff sanft seine Bahnen zieht
Im Ozean allein.
Wie braust der Wind in Mast und Tau,
Wie rauscht es in den Wänden!
Und droben ruht des Himmels Blau
In friedlichen Geländen.
Weiß spritzt die Gischt und quirlt und schäumt,
Ein rollend wallend Brüllen; --
Das Aug’ in Weltenferne träumt,
Wo Nebel Zukunft hüllen ...
Der Ozean mit seiner unergründlichen Weite und unbezwinglichen Majestät
regte immer zu neuen und großen Gedanken an. Aber dazu mußte man auf
ihm auch Stunden allein verbringen können, nicht wie die Skatdrescher
und Schinkenklopper. Gegen Abend, wenn die Sonne in die Goldbronze des
Meers tauchte, dann wurde es mir immer besonders feierlich zumute.
Noch glühte der Abendhimmel wie von einem Weltbrand erleuchtet. Auf
den Wellen spielte Silber und Gold, eine märchenhafte Pracht. Jede
Woge war wie ein heranrollendes Gebirge, jeder Wellenberg wie eine
Farbensymphonie. Aus dem langsam blauschwarz verdunkelnden Himmel aber
blitzten die ersten Sterne auf. Rötlich stieg langsam der Mars empor
und warf eine matte Lichtstraße über das Wasser. Zuletzt leuchtete das
Siebengestirn des großen Wagens in voller Majestät. Welche Abendpracht
über der Wasserwüste!
Eine wahrhaft grandiose Einsamkeit sprach zu einem, wie man sie ähnlich
nur auf den Schneehäuptern des Hochgebirges erleben kann. Wie dort
hoch oben über den letzten Hütten der Menschen und weit fort von den
tiefeingeschnittenen, in Schatten getauchten Tälern, so war man hier
Tage entfernt von der Alten und Tage von der Neuen Welt.
Wasser, Wasser, so weit man sah, Wasser und Himmel -- und die ewigen
Sterne! Noch heute rast hier das Chaos, noch heute blitzt hier Jupiter
und zürnt Poseidon. Und Kastor und Pollux geleiten freundlich den
Schiffer, der ihnen vertraut.
Graus und Schrecken war das Meer einst, Dienst und Treue ist es
heute. Aber drunten liegen die bleichenden Gebeine vieler mutiger
Helden und die Masten ihrer geborstenen Schiffe. Wer war es, der den
+ersten+ Baumstamm höhlte und +zuerst+ sich aufs Meer wagte? Welcher
Held schnitzte das erste Ruder und spannte das erste Segel auf? Wer
strandete in all den Jahrtausenden auf der Sandbank und zerschellte am
Riff, wo heute Feuerschiffe und Leuchttürme warnen?
Sie alle lebten, sannen, kämpften, wagten und unterlagen für uns heute,
damit wir heute in schwimmenden Palästen sicher durch alle Ozeane
gleiten. Wo am wildumhertreibenden Mast sich einst der Schiffbrüchige
angstvoll klammerte, sind wir heute bei Spiel und Tanz festlich in
hellerleuchteten Sälen versammelt. Salons erstrahlen in Lichterfülle,
ausgesuchteste Mahlzeiten sind bereitet ...
Aber in welch unmeßbaren Zeitläuften wurde solche „Kultur“ errungen!
Welche Zeitperioden schritten auch über das Meer! In welchen gewaltigen
Zeitstufen wurde die Gegenwart der Schiffahrt errungen: Das Kanoe, die
Galeere, der Schoner, der Schraubendampfer! Wie lang dauerte jedesmal
ihre Herrschaft! Fischfang, Seeraub, Kolonialzeit, Weltverkehr lösten
einander ab. Jahrhunderte tauschten über den Ozean ihre Güter von den
Glasperlen der Neger und den Pelzen der Eskimos bis zu unsern Maschinen
und Büchern. Aber wie schnell vergessen wir, was wir vergangenen
Geschlechtern verdankten!
Und wie schließen wir auch auf dem uns bedräuenden Meer uns in Kasten
voneinander ab! Droben in den glänzenden Salons Ball und Konzert bei
strahlenden Toiletten und einem Meer von Licht, blitzende Edelsteine
und rauschende Seide. Drunten im Zwischendeck abgearbeitete Männer
in zerschlissenem Rock und abgezehrte Mütter, die kaum mit dem
Lebensnotwendigsten versehen mühselig eine neue Heimat suchen. Und
doch werden die da drunten Wälder roden, Kohlen schaufeln und Farmen
gründen, Erze fördern, ohne die da droben nicht handeln, spekulieren,
verdienen und leben können. Den Kaffee und Reis auf unserm Tisch werden
+sie+ pflanzen, den Mastbaum haben +ihre+ Väter gefällt, unser Fleisch
stammt aus +ihren+ Herden und von ihrer Schafe Wolle unsre Kleider. Und
was bieten wir ihnen? Auch eine Meerfahrt kann uns zu sozialem Denken
erziehen!
Sicher und unentwegt zog derweilen unser gutes Schiff seine Bahn. Das
Abendlicht verglomm. Schwarze Nacht war es geworden. Venus strahlte
hell voran. Westwärts ging unser Kurs. Westwärts geht überhaupt
der Kurs der Menschheit, von Indien nach Babylon, von Babylon nach
Griechenland und Rom, von Rom nach Deutschland, Holland und England.
Von England nach Amerika ... Und von da wieder zum fernen Osten zurück.
Dann ist der Kreis der Erde ausgemessen.
Abendlich purpurnes Heer,
Goldbronzenes Weltenmeer, --
Dort, wo die Wolke steht,
Dort, wo der Wind herweht,
Dorthin mein Weg!
So zogen Völker aus,
Hinweg von Hof und Haus
Kühn auf dem schwanken Schiff,
Scheuten nicht Sand noch Riff,
Noch Sturmesnot.
Leuchte, mein Abendstern,
Westwärts, dir folg’ ich gern, --
Stampfe voran, mein Bug,
Voran der Möwen Flug!
Schau rechter Hand: Land!
Die Kunde verbreitete sich geschwind: „Morgen, Donnerstag, den 9.
September, einen Tag früher als erwartet, kommen wir an.“ Alles geriet
in Unruhe. Die schönen genußreichen Tage, da man sich so recht und
behaglich hatte „ausfaulenzen“ können, gingen zu Ende. Die Fähnchen auf
der ausgehängten Seekarte waren dem amerikanischen Festland bedrohlich
nahegerückt.
Es war auch immer wärmer geworden, je mehr wir uns „drüben“ näherten.
Der Reisemantel war längst abgelegt. Der wohlbeleibte Philadelphier
hatte wenigstens mit der einen Hälfte seiner Prophezeiungen recht
behalten: Entweder Sturm im Kanal oder Nebel bei den Neufundlandinseln.
Richtig, es kam noch anderthalb Tage lang ganz dicker Nebel, daß man
auf dem Schiff von hinten nicht bis nach vorne sah. Höchst unheimlich!
Das Schiff wurde wegen etwaiger Zusammenstöße auf halbe Fahrt
gesetzt. In regelmäßigen Abständen heulte unaufhörlich das Nebelhorn
und lauschte auf Antwort. Aber es kam keine. Auch nachts -- noch
schauriger -- ertönte dasselbe Tuten; noch im Traum vernahm man es,
bis der Nebel wich und im Sonnenglanz bald wieder eine spiegelglatte
See vor uns lag. Drüben rechts sah man schon die ersten amerikanischen
Feuerschiffe ...
Am letzten Morgen, an dem wir noch in der Frühe landen sollten, war
alles unerwartet zeitig auf den Beinen, und zwar die meisten in sehr
verändertem Habit. Die Reisemützen der Herren waren verschwunden --
meine schwamm ja sowieso in der Nordsee oder im Golfstrom -- weiche
oder steife Filzhüte für die Weiterreise zu Lande waren an ihre Stelle
getreten. Die Schiffsanzüge waren von Straßenkostümen verdrängt, und
manchen der Reisegenossen kannte man zuerst in dem ungewohnten Gewand
kaum wieder.
Währenddem glitten wir in der Morgendämmerung schon an der
hellbeleuchteten Küstenlinie von Long Island entlang -- wir waren also
dicht vor dem Ziel! Amerika! Seltsames Gefühl!
Das Lotsenboot nahte und brachte den Lotsen an Bord, der nun das Schiff
durch die „Narrows“[1] und die Neuyork-Bai in den Hudson steuern
sollte. Links blitzten die Leuchtfeuer von Sandy Hook übers Wasser. Bis
hierher gerechnet sind es von Southampton 3100 Seemeilen, von Hamburg
3500.
Der Morgen graute. Der Morgennebel nahm zu, aber doch so, daß man
etliche Schiffslängen bequem voraus sehen konnte. Aber leider verhüllte
er uns doch den bezaubernden Gesamteindruck der Hafeneinfahrt von
Neuyork.
Wir fuhren jetzt sehr langsam. Bald glitten wir sacht vorwärts, bald
stoppten wir ganz. Rechts zeichneten sich die Umrisse des weltberühmten
Vergnügungsortes bei Neuyork, Coney Island, ab, links näherten wir
uns dem reizend frisch grünen mit Landhäusern und Villen der Reichen
übersäeten Staten Island, auf das die ~ferry boats~,[2] die heulend
wie ungetüme Wassertanks aus dem Nebel tauchten, die Neuyorker in 20
Minuten bringen ...
Der Nebel wich etwas. Die Sonne machte Anstrengungen, aus dem Dunst
emporzutauchen. Das letzte Frühstück wurde gereicht ... Wir lagen jetzt
vor Staten Island und erwarteten „den Doktor“ auf dem Quarantäneboot,
den allmächtigen Mann, der bei 12500 Dollar Jahresgehalt entscheidet,
wer in das gelobte Land Amerika hereindarf und wer postwendend auf
Kosten der Schiffahrtsgesellschaft, die ihn herüberbrachte, wieder
heimgeschickt wird! Vor uns lag die „Adriatik“, die uns kürzlich
überholt hatte und wurde gerade „bedoktert“, dann legte sich uns ein
Regierungsdampfer längsseit.
Alles hatte sich an Deck gedrängt. Die Koffer waren zu Bergen
geschichtet. Die ganze Nacht hatte es gerollt, gedröhnt und gerasselt,
bis alles Gepäck oben war ...
Wir fuhren wieder ein Stück. Der Nebel nahm wieder zu. Wir glitten
jetzt nach Passieren der „Narrows“, die mit ihren schweren
Befestigungen leicht den Eingang nach Neuyork sperren können, in die
innere Bucht, die sog. „Upper-Bay“, hinein. Links erschienen die
Umrisse eines riesigen Kolosses auf einer kleinen Insel. Es war die
berühmte „Freiheitsstatue“, die mit ihrer Fackel in der Hand die Welt
mit der „Freiheit“ erleuchtet, ein Geschenk Frankreichs an die älteste
republikanische Schwester. Jedenfalls ein recht imponierendes Denkmal
an einer einzigartigen Stelle der Welt, denn fast alles, was nach
Amerika hereinwill, passiert hier die „~statue of liberty~“. Rechts
tauchten auch schon die Umrisse der andern ebenso berühmten Wahrzeichen
Neuyorks auf, der „Wolkenkratzer“. Wirklich von märchenhafter Größe
und Gewalt trotz der riesigen Breite des Hudsonflusses, der in die
Upper-Bay mündet, und im Morgennebel von fast trutzigem Aussehen ...
Es war gegen halb acht Uhr geworden. Wir dampften langsam noch ein
kleines Stück den breiten, meeresarmartigen Hudson hinauf, um dann
links auf der Neujerseyer Seite in Hoboken anzulegen. Nun waren wir
also wirklich „drüben“! Immer noch unfaßlich! Wirklich in der Neuen
Welt! Und ein Ozean trennte mich von der Heimat!
Heulend schossen vollbesetzte, schwere, breite Ferryboote vor uns und
hinter uns vorüber. Links stieg der Turm der Pennsylvania-Railroad
auf. Nicht weit davon liegen die deutschen Piers (Landebrücken). Von
den Anlegebrücken winkten schon viele Tücher. Vom Balkon desselben
aus dirigierte ein Beamter der Hapag die Landung. Ein ganz winziger
Dampfer, wie ein Knirps anzusehen, zog die Riesenschwester in das Dock
hinein.
Alles, was auf der Landebrücke und an Bord stand, rief, schrie, winkte,
lachte und weinte vor Freuden des Wiedersehens und der glücklichen
Ankunft. Ich suchte auch meinerseits, wie alle ihre Verwandten, meinen
Onkel, der mich abholen wollte und hielt eine ganze Weile einen älteren
weißhaarigen Herrn dafür, bis ich auf einmal mit großer Enttäuschung
meines Fehlschlusses gewahr wurde. Wie, wenn nun niemand da war --?
Die Musik spielte, wie wir in Kuxhaven abfuhren. Mit Tauen wurde jetzt
das große Schiff festgemacht. Nun schlugen sie auch die große Brücke
hinunter. Die zweite Klasse durfte an Land gehen ... Ich war unter den
Ersten.
Eben wollte ich den Fuß auf amerikanischen Boden in die große Zollhalle
setzen, als ich auch schon angehalten und zurückgeschickt wurde!! O
weh, was hatte ich denn verbrochen? Ich war mir gar keiner Schuld
bewußt! Sollte ich etwa wieder unverrichteter Sache heimgeschickt
werden? Das wäre ja furchtbar gewesen! Diese Blamage daheim, wenn
ich überall gefragt wurde, wie es in Amerika war und wie es mir
dort gefallen hätte!! Oder sollte ich etwa vier Wochen mit den
Zwischendeckern und Einwanderern nach dem berüchtigten Ellis Island
geschickt werden? Ich war doch weder krank noch ein Verbrecher! Mein
Onkel war ein unbescholtener ~American citizen~, ich selbst ein
wißbegieriger Weltreisender und ein mehrmals akademisch geprüfter
Deutscher, vor dem die Amerikaner doch sonst einige Achtung zu haben
pflegen! Meine Papiere waren in Ordnung. Ich hatte weder mit dem
Kapitän einen Zusammenstoß gehabt noch war ich etwa der Dieb des
unglücklichen Mitreisenden. Ich kam auch nicht ganz mittellos, wenn
auch gar nicht vermögend. Mein Reisebillett war auch richtig bezahlt
... Was es nur war? So schossen mir blitzschnell hundert Möglichkeiten
durchs Hirn, und schon war ich im Begriff, dem kaltherzigen Beamten
eine lange Rede zu halten und zu bedeuten, wen er vor sich habe.
Freilich, ob mein Englisch in diesem Fall der inneren Aufregung schon
zugereicht hätte? Da hörte ich seine Erklärung: Ich sei weder vor dem
Doktor noch vor dem Regierungskommissar gewesen, deren Stempel auf
meiner Karte fehlten!!
Tausend und Doria, wahrhaftig, ich hatte von Deck aus so genau alle
Einzelheiten der Landung und der Einfahrt beobachtet -- damit mir für
mein Reisetagebuch ja nichts entgehe -- daß ich es ganz übersehen
und überhört haben muß, wann und wo man sich den beiden hohen Herren
vorzustellen hatte. Und aus Deutschland hätte ich doch wahrhaftig an
Ordnung und Gehorsam gegen die hohe Obrigkeit gewöhnt sein können!
Wirklich, die Neue Welt hatte auch ihre Gesetze und Rechte und ließ sie
nicht ungestraft übertreten!
So mußte ich zurück -- und wäre doch so gern der erste bei der Landung
gewesen! -- durch Gänge und Treppen, davon viele jetzt verschlossen
waren, wo man sonst ein- und ausging, bis ich endlich den Arzt und den
Regierungsbeamten im Speisesaal fand, noch von einer dichten Menge
Passagiere umlagert. Erst wurde hier vom „Doktor“ jedem in die Augen
geschaut, ob man auch gesund war. Gottlob, ich war es! Dann fragte die
Einwanderungskommission nach Name, Stand, Herkunft, Reiseziel, sogar
wieviel Geld man bei sich führe und dergleichen. Wer nicht wenigstens
25 Dollar bar vorzuzeigen hatte -- die Verpflegung für die ersten Tage
-- wurde gar nicht ins Land hereingelassen, ebensowenig wer etwa mit
einer Frauensperson reiste, die weder seine nahe Verwandte noch seine
Frau war. Auch alleinreisende Mädchen kamen nur nach Amerika herein,
wenn sie drüben Verwandte besaßen. Glücklicherweise konnte ich auf
alle Fragen der Kommission eine befriedigende Antwort geben -- ich
radebrechte zum erstenmal kühn auf englisch drauflos -- ich war weder
ein alleinreisendes Mädchen noch hatte ich kranke Augen. Ich hatte
auch ein bestimmtes Reiseziel, besaß mehrere ~American citizens~ als
Verwandte und konnte sogar den letzten Trumpf ausspielen, daß ich 25
Dollars in bar vorzuweisen vermochte. Andernfalls hätte ich wohl noch
einige Tage auf Ellis Island sitzen und über die Nützlichkeit und
gerechte Weisheit der amerikanischen Einwanderungsgesetze nachdenken
können, die unangenehme Gäste aus der Alten Welt und insonderheit aus
Osteuropa dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten am liebsten jetzt
ganz fernhalten wollen. Kurz, ich kam heil aus dem Fegfeuer, kriegte
den ersehnten Stempel und durfte die ersehnte Brücke zum Festland
überschreiten und den Boden des gelobten Landes -- zunächst in Gestalt
riesiger Zollhallen -- betreten!
Vor den Preis haben die Götter nun einmal den Schweiß -- und auch die
Geduld gesetzt. Ich, der ich am liebsten gleich über den Hudson nach
Neuyork hineingestürmt wäre, sah von Amerika in den Zollhallen zunächst
noch gar nichts weiter als Berge von Koffern meiner Mitreisenden,
Hunderte von wartenden Menschen und einige völlig rasierte gum-kauende
amerikanische Zollbeamte in Zivil. Am Strohhut die Regierungskokarde
war ihr einziges Abzeichen! Jeder Ankömmling hatte sich zunächst bei
seinem Buchstaben aufzustellen, die in Riesengröße von den Wänden
hingen und dort auf das Heranbringen seiner Koffer geduldig zu warten.
Waren sie alle angelangt, so hatte man sich zur „~office~“ zu begeben,
sich in sehr langer Polonäse daselbst anzustellen und zu warten, bis
man seinen Zollzettel und seinen Zollbeamten kriegte. Der nahm dann
genau und gemächlich die Revision vor. Alles, was daheim mit soviel
Liebe und Akuratesse zusammengepackt war, flog jetzt gleichgültig
durcheinander, die Hemden aus den Falten, die Anzüge zum Teil in den
Staub des Hallenfußbodens. Auch war es nachher eine wahre Kunst, alles
wieder einigermaßen richtig hineinzupacken und den Deckel wieder
richtig zuzukriegen. Zu Hause war das mit vereinten Kräften und in Ruhe
erfolgt. Hier mußte alles schnell und allein geschehen. Wie mancher sah
sich da hilfesuchend nach mitleidigen Seelen um! Zollpflichtiges wurde
bei mir nicht gefunden, ich hatte weder Seide noch Perlen noch Zigarren.
Aber was nun? Manche weinten schon, weil ihre Angehörigen aus
Chikago oder wo sonst her noch nicht da waren und sie kein Wort der
fremden Sprache verstanden! Wir waren ja einen ganzen Tag zu früh
eingetroffen!! Und die Freude darüber verkehrte sich bei vielen jetzt
schnell in weinende Wehmut. Als ich gerade darüber nachdachte, was ich
nun wohl in dem fremden Erdteil mutterseelenallein in einer mir völlig
fremden Sechsmillionenstadt zuerst anfangen würde, entdeckte ich am
Eingang einen liebenswürdigen alten Herrn mit goldener Brille, der
jemand eifrig zu suchen schien. Ich hätte ihm gleich vor allen Leuten
um den Hals fallen mögen. Es war ja Onkel, mein Retter!
Jetzt brauchte ich nicht mehr alle meine englischen Vokabeln und
Phrasen zusammenzukramen -- ich konnte erst noch einmal ein paar Tage
meinem Herzen auf deutsch Luft machen und alle meine Eindrücke deutsch
verstauen und verdauen. Mein Onkel hatte mich auch erst am nächsten
Tag abholen wollen -- da las aber zufällig sein Enkel diesen Morgen in
der Zeitung, unser Schiff werde wahrscheinlich schon diesen Vormittag
docken, läuft zum Onkel, teilt es ihm mit; der stürzt zum „~subway~“
(Untergrundbahn) und versucht mich noch in Hoboken zu erwischen. Und er
kam noch gerade recht.
Wir schüttelten uns herzlich und lange die Hände. Die Fremde war mit
einem Schlag Heimat geworden! Wie gut, daß ich so lange bei dem Doktor,
bei den Koffern und beim Zoll warten mußte, sonst hätte mich Onkel in
Hoboken gesucht und ich ihn derweilen in Neuyork! Man sieht wieder,
„wozu das Mißgeschick gut war“!
Fußnoten:
[Footnote 1: Engen.]
[Footnote 2: Fähren.]
Neuyork.
Das erste, was mir, als wir nun endlich nach Übergabe meines
Gepäckscheins an eine „~Transfer-Company~“[3] die Tore der Zollhalle
verlassen konnten, auf dem amerikanischen Pflaster Hobokens auffiel,
war -- ein Neger. Bald sah ich sie überall, die man bei uns vielleicht
nur einmal in Zoologischen Gärten bestaunt, als Portiers, Gepäckträger,
Droschkenkutscher, Handwerker, Hilfsschaffner und dergleichen. Und
eine der großen Nationalfragen der Union tauchte schon am Zolltor
Hobokens vor mir auf: die Negerfrage. Mitten durch die demokratische
Union zieht sich wie ein Riß die Farbenlinie zwischen Schwarz und Weiß.
14 Millionen Schwarze und Farbige gibt es heute in der Union, im Süden
noch weit mehr als im Norden. Der große Bürgerkrieg in den sechziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts war um ihretwillen entbrannt. Ich sah
auch bald, wie sich Weiße und „~colored people~“ ängstlich scheiden,
wie die Schwarzen vielfach ihre eigenen Bahnabteile, Restaurants,
Theater, Varietés -- ja Kirchen haben! ... Und ich sah sie bald, vom
Negerbaby mit seinem reizenden schwarzen Stumpfnäschen in seinen
blendend weißen Kißchen bis zur behäbigen schwarzen Amme oder dem
ergrauten niederen Handwerker, vom tiefsten Tintenschwarz, aus dem nur
die Zähne und die Augen hervorleuchten, bis zum häßlichsten hellen
Braungelb, je nach der Blutmischung. Ich gedenke aber heute auch noch
gern zweier persönlicher Negerfreunde. Der eine war unser getreuer
„Jack“ in der großen Universitätsspeisehalle in Cambridge, der uns alle
unsere Lieblingsgerichte auf besonderen Wunsch in doppelten Portionen
brachte -- die gute Seele! -- und der andere war ein strebsamer
Negerstudent, mit dem ich mich manchmal an den Ufern des Charles River
in Boston in freien Stunden erging ... Nur ihr Rassenduft war manchmal
nicht gerade erwünschteste Beigabe ...