Schule ging. Und er lernte alles, was in den Büchern stand und wurde ein
berühmter Mann. Von weit, weit her kamen die Menschen nach dem kleinen
Häuschen der Frau Sehnsucht und wollten von dem jungen Gesellen Antwort
haben auf ihre neugierigen Fragen, und er sagte ihnen alles. Aber insgeheim
glaubte er selber nicht an das, was er ihnen so gelehrt auseinandersetzte;
hatte er doch in keinem Buche Bescheid auf seine einzige Frage erhalten:
Wie er es anfangen könne, ein Sonntagskind zu werden? -- Als nun eines
Tages wieder einmal ein paar kluge Professoren kamen, die aber doch nicht
so klug waren, wie er, und die spitzigen Zeigefinger an die spitzigen Nasen
legten, und ihm die wichtige Frage stellten: Wie kommt es, daß der
Mensch die Nase mitten im Gesicht hat? -- da fielen dem Gesellen seine
Riesenkräfte ein. Er warf die Professoren mitsamt der ganzen Universität
zur Thür hinaus, reckte und streckte sich einmal, that einen tüchtigen
Jauchzer und sagte zur Frau Sehnsucht:
»Mutter, jetzt ziehe ich in die Welt hinaus, dem Sonntag nach, und komme
nicht eher wieder, bis ich ihn eingeholt habe.«
Frau Sehnsucht legte ihre weißen Hände auf sein lockiges Haupt und
küßte ihn. Dann schloß sie die schönen, traurigen Augen für immer.
Der Geselle aber zog in die Welt hinaus. Er sah die goldene Sonne am Himmel
stehen und er sagte: »O Sonne, güldene Sonne du -- ich suche, suche immer
zu. Zeig mir den Weg, wohin ich geh', o Sonne, güldene Sonne du!« Aber
die Sonne lachte ihn aus und antwortete nicht und ging weiter, immer
weiter, bis er sie zuletzt gar nicht mehr sehen konnte. Da kam er in einen
großen Wald, darin reichten die Bäume bis in den Himmel, seltsam große
Blumen standen am Wege und sahen ihn an, und bunte Vögel flogen sprechend
von einem Ast zum andern.
»Sagt mir's, ihr Bäume, duftet, Blumen, rauscht mir's, ihr Winde,
murmelt, ihr Quellen -- wie fange ich es an, daß ich ein Sonntagskind
werde?« rief der Geselle.
Da kicherte und lachte es an allen Ecken und Enden. Schelmische
Mädchengesichter tauchten aus den Kelchen der seltsamen Blumen empor und
nickten ihm lächelnd zu. An den Schlinggewächsen turnten winzige nackte
Engelsbübchen, die warfen mit duftenden Blütenblättern nach ihm, und
ein Rauschen und Raunen zog durch den ganzen Wald, daß der Geselle gewiß
alles erfahren hätte, was er wissen wollte, wenn er nur eine Viertelstunde
später auf die Welt gekommen wäre. Zuweilen war es ihm wieder, als
verstände er ein paar Worte, und horch! klang's nicht im Windesrauschen,
wie: Bis an's Ende der Welt? Kopfschüttelnd ging der Geselle weiter.
Da wurde mit einemmal der Wald hell und licht; das kam von einem schönen
Stern, der fiel vom Himmel nieder, und sieh' -- der Stern nahm Gestalt
an, so schön und sanft wie die Mutter ausgesehen hatte, und seine Augen
strahlten still und traurig, wie die der Frau Sehnsucht. Die schöne
Sternenfrau aber sprach: »Ich will dir Antwort auf deine Frage geben. Gehe
weiter, immer weiter, bis du ans Ende der Welt kommst. Dort wirst du den
Baum der Erkenntnis finden. Wenn du von diesem ein Blatt brichst, dann
wirst du erfahren, was du wissen willst. Aber spute dich! der Weg ist
weit.«
Der Stern stieg langsam auf gen Himmel, es wurde immer lichter, der Wald
verschwand und der Geselle stand ganz allein auf einer großen Heide, über
die der Wind pfiff.
»Bis ans Ende der Welt? -- da kann ich meine Füße in die Hand nehmen,
wenn ich noch ankommen will,« sagte er und wanderte fürbaß. Weil's ihm
aber einsam am Wege war, sang er sich das Liedel von dem andern Gesellen:
»Ein fahrender Geselle durchzog die weite Welt,
Zu suchen nach der Stelle, wo's immer ihm gefällt.
Doch nimmer mocht er rasten, und nirgend fand er Ruh,
Ihn trieb's zum Weiterhasten, nur weiter! immer zu!
Er hatte durchstudieret den ganzen Bücherwust,
Mit Wissen ausstaffieret das Herz in seiner Brust --
Da fluchte er dem Buche, sah an es nimmermehr:
Das ist's nicht, was ich suche! Das Glück, das Glück gebt her!
Und kommt er in das Städtchen und winkt ihm aus dem Thor
Das liebe braune Mädchen mit Schelmenaug' hervor --
Laß küssen dich, du Feine! -- Schaut ihr ins Angesicht;
Du bist's nicht, die ich meine! -- er da voll Trauer spricht.
Da ward aus dem Scholaren ein flotter Kriegersmann,
Auch lernt er mit den Jahren, daß man sich bücken kann,
Und fromme Verse schmieden von Freiheit und von Blut,
Und vor dem Bürgerfrieden voll Ehrfurcht zieh'n den Hut.
Doch alles wollt nicht frommen, was er sich auch erdacht.
Das Glück wollt ihm nicht kommen -- hörst, wie's von Ferne lacht?
Da ward aus ihm ein Zecher, der zecht' von früh bis spat,
Bis ihm der leere Becher vom Munde sinken that.
Lag denn das Glück im Weine? -- Der heilte allen Gram.
Doch weh -- auch nur zum Scheine, nur bis der Morgen kam;
In seinem grauen Schimmer, wie lag so leer die Welt! --
Die Nacht verheißt uns immer, was nie der Morgen hält.«
Als der Geselle sein Liedlein ausgepfiffen hatte, da führte ihn der Weg an
einem Königreich vorbei, und weil die Thür bloß eingeklinkt war, ging er
hinein. Die alte Reichsmauer wackelte hin und her, als er eintrat, und das
Thürschloß behielt er gar in der Hand, so morsch war der Griff. In dem
Königreich saß der König auf einem Throne, der wackelte, und hatte eine
Krone auf dem alten, wackligen Haupt, die wackelte auch. Die Räte um ihn
her hatten kleine Zöpfchen im Nacken, die wackelten, und die Räte selber
wackelten, und das ganze Königreich wackelte. Und weil nun alles so
wacklig war, da nahm der Geselle sein Bein und gab der ganzen Wackelei
einen Tritt; da fiel alles um, und der Geselle sah lachend zu, wie der
König und die Krone und die Räte mit ihren Zöpfen und das ganze morsche
Königreich durcheinander purzelten. Des Königs schöne Tochter aber fing
er in seinen Armen auf; doch als er sie küssen wollte, da welkte sie hin
und lag tot an seiner Brust. Ihre Seele verwandelte sich in einen schönen
weißen Vogel, der kreiste über des Gesellen Haupt und sang ihm zu:
»Weil' nicht am Wege,
Er ist noch weit;
Noch ist die neue, die selige Zeit,
Noch ist sie nimmer geboren.«
Als der Geselle nun weiter ging, kam er an eine große, große Stadt,
darin war eitel Freude und Lustigkeit, das ganze Volk tanzte und sprang
und geberdete sich wie toll. In den Moscheen, Kirchen, Freiheitstempeln
läuteten die Glocken und große Götzen saßen darin, die machten mit
schrecklichen Grimassen die Mäuler auf, und dann warf das Volk alles
Schöne und Gute den Götzen in den Schlund, und das Häßliche und Gemeine
stand grinsend auf den Schultern der Götzen, und das Volk jubelte ihm zu.
-- Da faßte den Gesellen ein grimmer Zorn, er hob sein gutes Schwert und
schlug zu, und schlug den Götzen die Köpfe ab. Aus den Rümpfen stieg ein
starker, grauer Dunst auf, wie eine Weihrauchwolke, der lagerte sich hin
über die Stadt und erstickte all das lärmende Volk, daß es tot dalag.
Ueber der Nebelwolke aber schwebte ein neuer, schöner, weißer Vogel und
gesellte sich dem andern zu; sie umkreisten den Gesellen und sangen ihm zu:
»Weil' nicht am Wege,
Er ist noch weit;
Noch ist die neue, die selige Zeit,
Noch ist sie nimmer geboren.«
Als der Geselle nun weiter ging, kam er an einen hohen, hohen Berg, darauf
wimmelte es von Menschen. »Ist hier das Ende der Welt?« fragte er.
»Was?« riefen sie ihm von der Spitze des Berges zu, »das Ende der
Welt? Bewahre! Hier fängt die Welt erst an!« -- Als nun der Geselle oben
angekommen war, sah er, daß all' die Menschen ihr eigenes Ich genommen und
es vor sich hingestellt hatten; und nun drehten sich die Körper um das Ich
in der Runde und sangen feierliche Weisen und beteten es an. »Siehst du,«
riefen sie ihm zu, »das ist es, was du suchst. Wir sind die Welt, wir sind
das All, wir, unser eigenstes Ich. Wir wissen alles, wir können alles, wir
lieben uns, wir beten uns an.« -- Voll Verwunderung stand der Geselle und
sah dem seltsamen Treiben zu. »Aber wie könnt ihr denn leben, wenn ihr
euer eigenes Ich aus euch herausgenommen habt?« -- »Wir zehren von seinem
Anblick, er ist uns Nahrung, Luft und Licht. Wenn wir unser Ich ansehen,
werden wir so von seiner Größe und Erhabenheit durchdrungen, daß wir
unsere körperlichen Beine aufheben und tanzen müssen, und dann schreien
wir von diesem hohen Berge das Heil des Ichs in die Welt unter uns hinaus,
damit auch sie daran glaube und selig werde.«
Da faßte den Gesellen, als er ihre seelenlosen Köpfe und verdrehten
Glieder sah, ein ungeheurer Ekel. Er nahm seine starken Fäuste und
schleuderte einen der tanzenden Körper nach dem andern in die Tiefe, und
wenn sie gegen die Felsblöcke, die am Fuße des Berges lagen, anprallten,
dann platzten sie mit einem Knall, wie ein aufgeblasener Pilz im Walde, auf
den du unversehens trittst. »Jetzt spiele ich Kegel mit den Püstern!«
sagte der Geselle. -- Dann nahm er alle die angebeteten Ichs, die entseelt
zu Boden gesunken waren, schichtete sie aufeinander, wie einen Holzstoß,
und zündete sie an, daß die rote Lohe weithin in die Welt schien. Aus den
Flammen aber flog wieder ein schöner, weißer Vogel -- denn aus allem, was
zu Grunde geht, wächst doch noch ein Schönes -- und er gesellte sich
zu den andern, und sie umkreisten ihn. Aber sie sangen nicht mehr, ihr
Flügelschlag wurde immer lautloser. Und doch war es dem Gesellen, als
trieben diese weichen Flügel ihn weiter, hin über trotzige Felsblöcke,
an denen sich seine Füße blutig stießen, über weite gefrorene Seen,
über denen er hinglitt wie über einen Spiegel. Er wußte nicht mehr,
ob er schon lange gewandert sei oder eben erst die schlanke, kühle Hand
seiner Mutter, der Frau Sehnsucht, auf seiner Stirn gefühlt hatte. Er
wußte nur noch, daß er weiter, immer weiter getrieben wurde. Endlich sank
er erschöpft zu Boden. Als er die Augen öffnete, lag er auf einer weiten
Ebene. Schöne Tiere traten an ihn heran und betrachteten ihn mit stillen,
klaren Augen; aber sie waren stumm. Vögel schwebten über ihn hin; aber
sie sangen nicht. Blumen blühten an glänzenden Bächen, aber das Wasser
murmelte nicht; der Wind, der durch die Zweige strich, rauschte nicht --
es war tiefe, tiefe Stille. Lautlos flogen die drei weißen Vögel vor
dem Gesellen her. -- In der Ferne, am Ende der Ebene, schwebte eine weiße
Wolke. Als der Geselle näher kam, sah er, daß es tausend und aber tausend
von ebensolchen großen, weißen Vögeln waren, wie die, die ihn begleitet
hatten, und er dachte daran, wie viele Menschen wohl gleich ihm denselben
Weg gemacht hatten, wie viel erst zertrümmert werden mußte, damit diese
Wolke sich hatte bilden können. Die weißen Vögel umkreisten leise, leise
einen starken, grünen Baum, dessen viele Zweige gingen auf und nieder
zwischen Erd' und Himmel. Der Baum blühte nicht und trug keine Früchte,
er hatte nur unzählige grüne, kraftstrotzende Blätter. Die drei weißen
Vögel aber, die den Gesellen begleitet hatten, mischten sich unter die
andern, die in den Zweigen des Baumes nisteten, so daß er sie nicht mehr
unterscheiden konnte. Und wie er so in der weißen Wolke stand, und der
weiche Flügelschlag der schönen Vögel seine Stirn fächelte, da war es
ihm, als höre er die Worte:
»Weil' nicht am Wege,
Nicht ist er mehr weit.
Wir kreisen und hüten die kommende Zeit,
Wir weben ihr reines, ihr glänzendes Kleid --
Im Baum schläft sie sicher geborgen.«
Da streckte der Geselle die Hand aus und brach eines der saftgrünen
Blätter. Es fiel ein Tropfen, rot wie Blut, in seine Hand. Da zog sein
ganzes Leben an ihm vorüber: er sah sich, wie er immer dem Sonntag
nachgejagt war, alles andere darüber vergessend; er sah, wie er nicht die
Welt und sie nicht ihn verstanden hatte, denn er war ja eine Viertelstunde
zu früh geboren. Wie er auf das Blatt in seiner Hand hinschaute, lange,
lange, da bleichte sein Haar, seine Stirn begann sich zu runzeln, sein
starker Körper bog sich zur Erde. Aus dem Manne ward ein Greis, und nun
wußte er, wann er den Sonntag einholen würde. -- Er sah auf und sah die
weißen Vögel, die mit ihren stillen, großen Flügeln einen starken Wind
erhoben; der wehte ihn fort, weit fort, den Weg zurück, den er gekommen
war. Auf dem Berge glühte noch das Feuer, über der Stadt lag der Dunst,
das zerfallene Königreich bröckelte am Wege -- er schaute nicht um
danach. Er ging durch den dunklen Wald, darin die Bäume regungslos
standen. Er ging und ging, bis er in das Stübchen kam, in dem Frau
Sehnsucht die schönen, traurigen Augen für immer geschlossen hatte.
Da setzte sich der greise Geselle ans Fenster und schaute in den Garten
hinein.
Auf dem Apfelbaum saß die braune Drossel und erzählte den Spatzen: »Es
ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine
Blütenkrone auf dem lachenden Haupte, und die Blumen bringen ihm ihre
Düfte, und die Winde tragen den Duft hin über die Stirnen der Kinder, die
heute geboren werden.«
Da nickte der Greis am Fenster und lächelte. Er schloß die Augen, und
seine Seele zog vor des Sonntags Thron, damit sie als Duft auf die Stirn
eines neugeborenen Sonntagkindes gelegt werde. -- Im Tode war der Geselle
ein Sonntagskind geworden.
»Es ist Sonntag!« sang die Drossel. »Das ist etwas ganz Alltägliches,«
piepsten die Spatzen, »das passiert jede Woche einmal.«
Rauch.
Es war einmal ein kleiner Schmiedegeselle, der war es müde, immer am
Amboß zu stehen und Gedanken zu hämmern. Er hätte gar zu gern gesehen,
wie sich die Gedanken ausnahmen, noch ehe sie zum Schmiedematerial
zusammengegossen waren. Eines Tages hatte er mit heller Lust ein paar
kräftige Gedanken, die im Feuer glührot und geschmeidig geworden waren,
zu ein paar starken Hufeisen zusammengeschweißt; die Funken sprühten,
wenn man damit auf einen Stein schlug. Da klopfte ihm der große Meister
auf die Schulter und sagte:
»Geselle, geh' auf die Wanderschaft.«
Und da zog er aus. -- Als er wegging, schien die Sonne hell, obwohl es
mitten im Winter war; der Himmel hatte überall blaue Batzen auf die
Wolkenlöcher gesetzt, und der Wind hatte dazu gefiedelt:
Die Erde hat sich schlafen gelegt,
Mit weißem Lailach zugedeckt,
Der rasche Wind den Himmel fegt,
Bis er die Sonne hat erweckt.
Nun scheint sie hinunter auf den Schnee
Und lacht hinweg ihn nach und nach:
Wenn auch die Welt sich duckt in Weh;
Sie wird doch einmal wieder wach.
Dann jauchzt sie auf in grüner Lust,
Hüllt sich in lauter Liebe ein --
Und ahnend klingt's in deiner Brust:
Im Winter ist es auch gut sein! --
Als aber der kleine Schmiedegeselle ein Stücklein Wegs gegangen war, da
sah er eine schwere dunkle Wolke in der Ferne schweben, und je näher er
kam, desto trüber wurde es um ihn her, bis schließlich Himmel und
Erde und die ganze Welt schmutzig aussah; und er sah, daß es ein ganzes
Sammelsurium von Häusern war, das alles so finster machte. Die Häuser
waren so hoch, daß sie die Wolken an den Fußsohlen kitzeln konnten.
Der kleine Schmiedgeselle stand und guckte an so einem hohen Kasten in die
Höhe:
»Könnt ihr da oben durch die Wolken sehen?« fragte er, »und die Sonne
auf der andern Seite scheinen sehen? -- Eia, das muß schön sein!«
»Da, komm nur mit in das Loch hinein, kleiner Wurm,« sagte ein Mann neben
ihm, schob ihn vor sich her, und schwupp! flogen sie in einem viereckigen
kleinen Kasten so schnell himmelan, daß es dem Gesellen ganz übel wurde.
Der Mann lachte spöttisch aus ein paar klugen Augen.
»Ja früher,« sagte er, »wenn der Teufel einen armen Handwerksgesellen
holte, da flogen sie miteinander auf schwarzen Gespensterflügeln in die
Tiefe hinab. Wir machen das jetzt per Elektricität und fliegen himmelan.«
Erschrocken sah das Gesellchen zur Seite, erblickte aber nur einen ganz
einfachen Menschen, der ein ganz klein wenig hinkte. Nur seine Ohren waren
so sonderbar lang und schmal; wenn er lachte, schienen sie sich zu spitzen,
und er lachte so, daß der Schmiedegeselle mitlachen mußte, und das Ding,
in dem sie saßen, vor Vergnügen in die Höhe sprang.
Dann waren sie oben. Das war ein großes, flaches Dach mit Kieselsteinchen
bedeckt, als ob sie drauf geregnet wären. Allerlei Verzierungen sprangen
an den Ecken auf und auf zwei kleinen Säulchen saßen vergoldete Zierate,
die sahen aus wie Champagnerpfropfen.
»I, da schlag' doch der Teufel den Herrgott tot!« rief der Mann mit einem
vergnügten Grinsen, »da hab' ich doch gedacht, ich könnte dem kleinen
Wurm das ganze Riesentreibhaus auf einmal zeigen, und nebendran das
große Wasser, in dem man eigentlich die nichtsnutzige Brut gleich wieder
ersäufen sollte, nachdem man sie hervorgebracht hat -- und da -- nichts,
aber auch rein gar nichts, als das wüste Gebrodel, das mein Vetter, der
große Nebel, so erstaunlich schön herauszukriegen versteht. Er ist ein
ganz gelungener Kerl, sage ich dir, und dabei ein Phantast, trotz seiner
Schwere. Und unbeständig ist er, nirgends zu fassen. Der geht in einer
Minute alle Ideen der Welt durch, um schließlich mit seinem grauen
Einerlei platt über die ganze Erde hinzufallen, daß man drunter ersticken
sollte. Uff! wie schwer er schon wieder herunterhängt. -- Und siehst du,
mit einemmal reißt er sein langes Hemd in Fetzen entzwei und tanzt herum
wie ein toller Bacchant. Zum Verzweifeln für einen feierlichen Kerl!«
Dabei nahm er einen gespreizten Ton an, schob die linke Hand zwischen die
Brustknöpfe seines Rockes und hob das Haupt mit einem idealischen Schwung.
Als das Gesellchen ihn entsetzt ansah, schnitt er plötzlich allerlei
Grimassen, liebkoste ein paar kleine, niedliche Bockshörnchen, die
zwischen dem Kraushaar über der Stirn hervorwuchsen, und spitzte seine
Faunsohren nach dem Wind. Nachdem er den kleinen Schmiedegesellen genügend
verwirrt hatte, fing er an, ihm ernsthaft allerlei Erklärungen zu geben.
»Sieh',« sagte er, »das ist der große Hexenkessel, Höllengebrodel, da
werden alle die Gedanken ausgekocht von dem Menschenpack, das tief unten
mit Beinen, Händen, Köpfen oder Magen schuftet; und die nehmen dann
Gestalt an, und paß einmal auf, da aus den Tausenden von Schlöten fahren
sie hinaus in den Nebel, der verschlingt sie, wird groß und stark daran,
wächst und wächst bis einmal die Welt ein großer Gedanken-Nebel geworden
ist. Dann kommt die Zeit für uns Faune, uns Satanskerle, Teufelsstricke,
und wir ziehen gegen den Nebel zu Felde, gegen meinen großen Vetter --
da kämpfen wir, das ewige, blühende, lachende Leben gegen die blassen,
umnebelten und vernebelten Gedanken. -- Sieh', da fliegen sie --«
Der kleine Schmiedegeselle hatte derweilen stumm in das graue Meer
geschaut, drin es wogte und zerrte, drin die Schornsteine und Schlöte der
vielen, vielen Häuser hineinragten und schwere Dampfwolken entsendeten,
schwarze, dicke, schmierige, lichte, flinke, weiße oder rötlich
scheinende, von den Flammen tief drunten, die zuweilen bis zum Kamin
herausschlugen. Es sah aus, als ob die himmelhohen Häuser der Riesenstadt
eigentlich ganz klein hoch in der Luft ständen, nur mit den großen
Schlöten daran; als ob da unten auf der Straße eine ganz andere Welt sei,
und nur ganz fern, fern, wie das Bienengesummse an einem Sommermittag am
Kornfeld, drang das Getrappel, Gerolle, Getose herauf zu dem Dach, wo die
Wolken mit ihren schweren Fittichen des kleinen Gesellen Haupt streiften.
Der stand und schaute. Der wunderliche Mann saß neben ihm, deckte ein Bein
mit dem andern und deutete mit dem langen, ausgestreckten Zeigefinger bald
auf diesen, bald auf jenen Schornstein, und er grinste spöttisch dazu,
oder lachte ingrimmig, oder seine Augen leuchteten, wie in stiller Wonne.
So jetzt eben wieder.
Da stieg aus einem schlanken Rauchfang ein silberweißes Rauchsäulchen
auf, kräuselte sich lustig, ehe es im Nebel zerging, und auf dem
schaumigen Gezausel tanzten putzige kleine Kerle mit runden Bäuchlein
und weinroten Gesichtern, sie hatten Weinreben sich umwunden und lallten
allerlei tolles Zeug und schrieen dem lächelnden Manne, Faun, Mephisto,
was immer er sich nannte, ein jauchzendes ~Evoë Bacche!~
Und sobald die einen im Nebel vergangen waren, wurden neue aus den Ringeln
der Rauchsäule geboren, schöne und drollige, große und kleine, Männlein
und Fräulein, und ob auch aus den Augen eines Alten ein ernstes Denken
sprach, ob die weichen Glieder einer jungen Bacchantin im Wirbel sich
drehten -- gleichsam aus ihnen heraus über die ganze Erde hin leuchtete,
strahlte eine selige, mutige, weinduftende Begeisterung.
Jetzt lachte der Geselle laut auf. Da hatten ein paar trunkene kleine
Satyrn die Nebelfetzen zusammengeballt wie Schneebälle, schnitten wütende
Gesichter nach einem andern Schlot hin, streckten denen, die da oben
aufstiegen, die Zunge heraus, und begannen sie zu bombardieren. Es war
ein weiter Kamin, nicht sehr hoch, der Rauch, der da herauskam, hatte eine
eklige, semmelblonde Farbe, die Gedanken, die drauf ritten, auch, und
sie waren feist und schwammig. Sie versuchten, recht forsch und protzig
aufzutreten, aber sie krümmten sich dabei, als wenn sie Bauchgrimmen
hätten, und sie streckten flehentlich die Arme aus, so gut es eben ging,
nach einem andern Schornstein und stöhnten:
»Gebt uns was ab! Gebt uns was ab!«
Das war ein mächtiger, weiter Schlot, und der Rauch und Qualm, der ihm
entquoll, schwarz, finster, beklemmend. Bleiche Gestalten stiegen drauf
zur Höhe, hohlwangig wie eine durchwachte Nacht, finster wie eine
Gewitterwolke. Immer mehr, Millionen von ihnen tauchten auf aus dem
Dunkel, nicht aus einem, nein, aus hundert Schlöten, ganze Heere von
Elendsgestalten, ganze Heere von drohenden Fäusten, von rachedurstenden
Augen, von verzweifelten Gesichtern.
Und der kleine Geselle drückte sich scheu an den Mann, der ingrimmig
hohnlachte.
»Wo kommen die her, alle, alle, ohne Ende?« fragte der Geselle bebend.
»Aus den Fabriken, aus den Werkstätten, aus den Mietskasernen, aus den
Spelunken da unten,« knurrte der mit den Bockshörnchen. »Bande, elendes
Pack, warum drücken sie die andern nicht tot, schaffen sich Platz in der
Welt, so viele, wie sie sind! Aber sie haben Furcht, gerade so viel Furcht,
wie die da drüben -- sieh' -- da aus dem himmelhohen Rauchfang, der
so kerzengerade aufwächst -- Mitleid haben. Prrr -- Puah -- Mitleid,
Mitgefühl, Menschenliebe, Gleichheit, Brüderlichkeit -- sieh', wie sie da
alle schweben, die schönen Gedanken! Schau einmal genau hin! Glaubst du,
sie kämen alle aus demselben hohen, ragenden, lichten, freundlichen Kamin?
Ist schön gebaut, der Rauchfang! Aber schließ' dein Auge ab von all dem
andern, indem du die Hand krümmst wie ein Fernrohr davor -- das gibt mehr
Perspektive. Siehst du nun wohl, daß jeder der schönen Gedanken
seinen Privatschlot hat, der nur an den andern sich anlehnt? -- Und die
Rauchsäulchen, -- recht fein hell anzusehen -- dürfen sich mit keinen
von den andern vermischen, beileibe nicht, und der Kamin muß immer mit
demselben Heizmaterial gefüttert werden, und jedes Rauchwölkchen hat
seinen Parteinebel, in den es sich auflöst.«
Aber immer und immer wieder stieg das bleiche, finstere Heer auf, auf,
stetig, unverdrossen.
»Da, sieh' her, du kleiner Wurm, der du die Gedanken nackt und
unverarbeitet in der Welt herumlaufen sehen wolltest,« schrie der
Mann-Faun-Mephisto, »siehst du jene dort drüben aus dem Marmorkamin sich
entwirren? -- Wohlgenährte Gestalten sind drunter mit schwimmenden Augen,
magere Kerle mit Beil-Gesichtern, und alle mit so einem Air um sich herum,
als wollten sie auf alles andere spucken. Kapitalsbestien nennt man sie mit
dem Kunstausdruck, d. h. die Kapitäler sind ihnen jetzt da oben im Rauch
abhanden gekommen, und nur die Bestien sind übrig geblieben. Und nun
schau die guten, mitleidigen, allesliebenden, weltbeglückenden
Fanatikergedanken, die eigene kleine Weltbegriffe auf Silberrauchsäulchen
ausdünsten -- schau auch alle die winzigen Nebengedanken, die von der
Silbersäule abspringen, ihre Nachbarn zerren und stoßen, zu Boden
schlagen, ins Gesicht treten -- kommt es dir nicht schließlich vor, als
wäre der eine wie der andere: Fanatiker seines eigenen Ichs? Und sie
verteidigen dieses ihr Besitztum, die einen mit nackter Brutalität, die
andern mit alles überwältigendem Mitleid für die Menschheit. Ist recht,
ist ja recht so. Nur sollen sie nicht das Du-Geschrei erheben, wenn sie das
Ich meinen. Aber guck einmal da!« --