jetzt deutlich erblickte, war eine Schar Gedanken-Geister aufgetaucht, die
sich mit Mäulern, Fäusten und Füßen ingrimmig bearbeiteten: die einen
suchten die nächsten unter sich zu ducken, zerrend, heulend, schimpfend;
die zarten Gestalten aus demselben Rauchfang, die über ihnen schwebten,
rangen traurig die Hände; die Bestien aus dem Marmorkamin sahen behaglich
zu, und die kleinen Weinkameraden ritten auf ihrem Rauchgekräusel herzu,
jauchzten und lachten, schütteten duftenden Rheinwein über sie aus,
wie man über die beißenden Hunde Wasser gießt, und trieben allerhand
Allotria.
Die hungrige, bleiche, verzweifelte Schreckensschar aber stieg immerfort,
stetig auf; auf aus den Tausenden von Schlöten und verzehrte sich im
Nebel, immerzu, regelmäßig, wie ein grauenhaftes Uhrwerk.
»Bande, Bande!« knurrte der neben dem Gesellchen. »Wann kommt's? -- Wann
kommt's und schlägt den Kram in Fetzen? -- Ist ein lustig Leben, kleines
Wurm, so hoch über ihnen, was? -- Und doch mitten drunter. Die da tief
drunten, alle, glauben, sie kennen, sie haben mich, und ahnen nicht,
daß ich es bin, der ihre Gedanken hier oben spuken läßt zur eigenen
Verlustierung, wie Nero einst Rom in Brand setzte! _Nicht_ sie mich --
_ich_ hab' _sie_! -- Hoho -- aber da -- da, meine Braven!«
Da schlug aus einem mächtigen Rauchfang eine hohe Feuersäule auf,
glührot, wie aus einer Schmiede-Esse, und darauf schwebte, nein, stampfte
eine gewichtige Schar, die zog den Ambos und dröhnte die Schmiedehämmer
nieder, daß es durch die Lüfte klang. Riesengestalten mit mächtigen
Köpfen und lustigen Augen. Bei jedem Hammerschlag von ihren Fäusten
stoben die Funken, und in jedem Funken sang es:
»Mir sein die Hammerschmiedsgsölln, Hammerschmiedsgsölln,
Mir könn' dableiben, mir könn' furtgeh'n,
Mir könn' dhun, was mer wöll'n, dhun, was mer wöll'n!«
Schritt vor Schritt weitergreifend, die rußigen Gesichter umglüht
vom Flammenschein, stampften sie alles unter ihre Füße, Bestien und
Mitleidsgedanken und Elendsgestalten, was ihnen in den Weg kam, trieben
die Rauchwolken zur Seite und machten Bahn frei -- bis endlich, nach langem
Kampf, auch sie der große Nebel verschlang.
Aber dort, wo sie verschwunden waren, da lag in lichter Ferne -- das
Gesellchen sah es ganz deutlich, und der Mann breitete seine Arme aus --
der silberne See, der hob und senkte sich leise. -- Möven flogen
drüber hin, die tauchten mit der weißen Brust ein in die Silberflut und
schüttelten die leuchtenden Tropfen von den Flügeln.
Wo sie das Wasser berührten, tauchte ein Wunderwesen nach dem andern
auf; diese reihten sich aneinander, und bald wimmelte der See von zarten,
lieblichen, von starken, gewaltigen Wesen. Auf ihren ausgestreckten Armen
kamen zwei wunderselige Frauengestalten einhergeschwebt, ein leiser,
flüchtiger Gesang zog ihnen voran:
»Wir geleiten hohe Frauen,
Die den Wassern sind entstiegen,
Die sich auf den Nebeln wiegen,
Und die Wellen stets durchwallen,
Unerkannt von allen, allen,
Denn von zwei'n ist eine keine:
Diese Hehre, Hohe, Reine,
Jene, die da gleißt im Scheine --
Nur zusammen kannst sie schauen.
Wie die Sonne aus dem Meere
Ihre Strahlen weiter sendet,
So zieh'n im Gedankenheere
Sie, bis ihre Bahn vollendet.
Sinken in die Wasser nieder,
Kommen mit der Sonne wieder.«
So schwebten sie hin über das Häusermeer der Riesenstadt. Die schönen
Frauen glichen sich eine der andern so, daß man sie nicht unterscheiden
konnte, und das Gesellchen hätte gar zu gern gewußt, wer sie seien.
Der Mann sah mit verschränkten Armen den Zug an sich vorüber wallen,
musterte mit kritischen Augen die weißen Nixenglieder, lächelte
vertraulich dem schönen Frauenpaar zu. -- Da war es dem Gesellen, als habe
die eine listig gewinkt, die andere nur milde gelächelt. Aus dem Nebel,
der sie umwogte, aber tönte das Lied der Hammerschmiedsgesellen:
»Mir könn' dhun, mir könn' treiben, mir könn' loss'n, was mer
wöll'n!«
»Ja, ja,« nickte der Mann, »wenn's alle Hammerschmiedsgesellen wären!
Aber doch, kleines Wurm, wissen auch sie nicht genau, gerade wie du
und alle die andern es gar nicht wissen, wer von den beiden lieben
Frauenzimmerchen da -- die Wahrheit und welches die Lüge ist.«
Als er das sagte und der kleine Schmiedsgeselle flehend die Arme hob, da
schauten die beiden herrlichen Frauen zurück -- die eine milde lächelnd:
»_Du_ bist die Wahrheit!« jauchzte der Geselle.
Da hob die andere sachte und ernst den Finger an den Mund. --
Und der Geselle barg das Gesicht in die Hände und weinte.
Als er wieder aufschaute, sah er den Mann vor dem Champagnerkorken stehen
und Zwiesprache halten mit einem nackten, kleinen Schlingel, der rittlings
auf dem einen goldenen Pfropfen saß, Bogen und Köcher umgehängt hatte
und blutrote Pfeile nach allen Richtungen verschoß; sein Krauskopf
glänzte voll goldener Locken und trotz der Lachgrübchen saßen ein paar
bitterernste Augen in dem jungen Gesicht.
»Ich bin echt!« sagte er und zielte auf den Gesellen, und dem wurde es
plötzlich ganz leicht um's Herz. Da lachte der kleine, nackte Bub ein
tolles, befreiendes Lachen, und der Mann fiel ein, und das Gesellchen
mußte mitlachen, bis ihm die Thränen aus den Augen liefen.
Dicht hing der Nebel herunter. Die Wolken rieben sich die Fußsohlen an den
Champagnerkorken. Rauch, schwerer, schwarzer, lichter, semmelblonder stieg
auf aus allen Schlöten. In der Ferne sah der Geselle einen silbernen
Streifen, auf dem ein Mövenflügel blitzte. Ein dumpfes Gegroll wogte zu
ihnen herüber. Ein Amboßschlag dröhnte.
Fest mit den Füßen aufstampfend, ging der wunderliche Mann mit dem
kleinen Schmiedegesellen viele Stufen hinab, und es klang, als ob jede
Stufe knurrte:
»Hammerschmiedsg'söll'n -- dhun, was mer wöll'n!«
Unten angekommen, sah der Mann wieder aus wie ein gewöhnlicher
Europäer, und die Stube, in die sie eintraten, wie eine ganz gewöhnliche
Kaufmannsstube.
»Hör',« sagte der Mann zu einem andern, der da saß und schrieb, »wir
müssen die Champagnerpropfen da oben an dem Dach neu vergolden, die hat
der Nebel ganz blind gemacht.«
Der andere nickte und schrieb weiter.
Der Mann aber sah den kleinen Schmiedegesellen an und zupfte sich an den
spitzen Oehrchen. Und dann lachten sie.
Druckfehler.
Seite 24, Zeile 4 von oben, lies: ~hant~ statt ~hante~.
" 68, " 3 " " " : Silberflut statt Silberglut.
" 97, " 15 " " " : Weh _in der_ Welt.
" 118, " 8 " " " : _ni_mmer statt immer.
" 122, " 26 " " " : aus _seinen_ Händen.
" 129, " 10 " " " : _sein_ leuchtendes Auge.
" 155, " 23 " " " : _drauf_ ritten.
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[ Hinweise zur Transkription
Der Schmutztitel wurde entfernt.
Im Originalbuch tragen die Kapitel jeweils am Anfang ornamentalen und am
Ende floralen Schmuck, auf den in dieser Transkription verzichtet wurde.
Die im Buch enthaltene Verlagswerbung wurde von der Rückseite des vorderen
Einbanddeckels an das Buchende verschoben.
Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Antiqua~, #fett#.
Der Text des Originalbuchs wurde grundsätzlich beibehalten,
einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Apollo"
-- "Appollo", "Bacchus" -- "Bacchos", "Höckerweib" -- "Hökerweib",
"Schmiedegeselle" -- "Schmiedgeselle", "Sonntagkind" -- "Sonntagskind",
mit folgenden Ausnahmen,
entsprechend dem Korrekturverzeichnis des Originalbuchs
Seite 24:
im Original "ich hete in mîne hante gesmogen"
geändert in "ich hete in mîne hant gesmogen"
Seite 68:
im Original "In tiefe, rauschende Silberglut"
geändert in "In tiefe, rauschende Silberflut"
Seite 97:
im Original "als ob all das Weh in Welt"
geändert in "als ob all das Weh in der Welt"
Seite 118:
im Original "wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt immer zu Thal"
geändert in "wenn Ihr die Liebe sucht, fliegt nimmer zu Thal"
Seite 122:
im Original "aus ihren Händen weg und zu uns"
geändert in "aus seinen Händen weg und zu uns"
Seite 129:
im Original "und ein leuchtendes Auge weilt"
geändert in "und sein leuchtendes Auge weilt"
Seite 155:
im Original "die Gedanken, die draus ritten"
geändert in "die Gedanken, die drauf ritten"
und außerdem
Seite 13:
im Original "wo wollen die vielen Menschen hin die dort"
geändert in "wo wollen die vielen Menschen hin, die dort"
Seite 25:
im Original "Flüstern durch den Saal und und ein Beben"
geändert in "Flüstern durch den Saal und ein Beben"
Seite 39:
im Original "Weise Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf"
geändert in "Weiße Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf"
Seite 40:
im Original "wenn ihr die zackigen Blätter"
geändert in "wenn Ihr die zackigen Blätter"
Seite 45:
im Original "Cochenille -- Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger"
geändert in "Cochenille-Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger"
Seite 49:
im Original "Wohl süß ist es zu singen"
geändert in "»Wohl süß ist es zu singen"
Seite 56:
im Original "sieh', doch, da ist das Märchen!"
geändert in "sieh' doch, da ist das Märchen!"
Seite 56:
im Original "die Kinder faßten sich bei deu Händen"
geändert in "die Kinder faßten sich bei den Händen"
Seite 76:
im Original "den Bäuuen aus dem Wege gehen"
geändert in "den Bäumen aus dem Wege gehen"
Seite 85:
im Original "Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. 1"
geändert in "Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I"
Seite 108:
im Original "deren heißes Menschenherz langsam, zu"
geändert in "deren heißes Menschenherz langsam zu"
Seite 135:
im Original "wie zart, geschickt die Fäden verknüpft!«"
geändert in "wie zart, geschickt die Fäden verknüpft!"
Seite 139:
im Original "Mannes dunkles Haar ziehen sich Silderfäden"
geändert in "Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden"
Seite 140:
im Original "dekorierten Flügel und fliegt von dannen"
geändert in "dekorierten Flügel und fliegt von dannen."
Seite 146:
im Original "Seele verwandelte sich einen"
geändert in "Seele verwandelte sich in einen"
Seite 155:
im Original "finster, beklemmend, Bleiche Gestalten"
geändert in "finster, beklemmend. Bleiche Gestalten"
Seite 157:
im Original "Aus dem lichten, ragenden, Schornstein"
geändert in "Aus dem lichten, ragenden Schornstein"
in der Verlagswerbung:
im Original "Rosenberg. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr. = 1 Fr."
geändert in "Rosenberg. -- 1 Mk. 60 Pf. = 2 Fr." ]