schwarzen Schleier schleppend hinter sich her, über den Himmel. Da ward
es Licht auf der Erde. -- Es war aber alles noch den Augen der Menschen
verborgen; denn die Menschen sind ein blödsichtig Geschlecht, und sie
sehen nur, was ihre Augen ihnen zeigen. Aber die Tiere öffneten
ihre klugen Augen. Die Vöglein in der Luft flatterten hin über
die Wunschstadt, setzten sich neugierig auf die zackigen Türme und
zwitscherten hernieder von den Stangen der bunten Fahnen. Die klugen
kleinen Enten schwammen in den Wasserkanälen und erzählten schnatternd
von dem Schloß der Wasserfrauen, das sich zur Nacht aus Busch und Schilf
erhoben hatte. -- Verwundert blickte der Ackersmann, der mit seinem Gaul
dahergeschritten kam, Furche auf Furche durch die wilde Erde zu ziehen,
zu den Vöglein auf: wie konnten sie nur mit geschlossenen Flügeln in der
Luft schweben, als ob sie auf Bäumen säßen? -- Und die zwei Reiter, die
dort hintereinander über die Prärie jagten, sahen die Entlein auf dem
hohen Präriegras schwimmen wie im Wasser. Aber sie haben nicht Zeit, sich
lange zu verwundern -- da -- der gelbe Rücken des Puma taucht auf, den
sie gejagt -- der Schuß kracht aus der Büchse des Trappers -- der Pfeil
schnellt von dem Bogen des roten Mannes: gilt er dem König seines eigenen
Landes? gilt er dem weißen Fremdling da vor ihm? -- Hoch richtet er sich
im Sattel auf, daß die Adlerfedern in seinem schwarzen Schopfe nicken.
Was ist das? -- da -- glitt nicht der Puma hinab in blaues, kräuselndes
Wasser? Was ringt sich los aus den Nebeln? Das Roß des Trappers bäumt
sich, geblendet schützt der Indianer die Augen mit der Hand, und späht
und späht. -- Still lehnt der Ackersmann an seinem Gaul, sein Blick
sucht die Erde, seine Erde, die er bebauen muß. Und sie schauen, wie es
herauswächst aus dem Morgengrauen, weiß und still; wie es emporstrebt zum
Himmel, eine wundersame, andere Welt, die sie mit erhabenen Augen anschaut,
sie mit weißen Armen umfängt, sich wie weiße, stille, reine Gedanken in
ihre Seele senkt. Wie sie stehen und schauen, umweht es sie lind und kühl
-- ein Hauch der Ewigkeit.
Ein klein lustig Elflein aber zerrt den Puma, der verdutzt da kauert in
der Wunderwelt, an den Ohren zu einem Marmorsockel hin. »Da lieg', du
Wilder!« lacht es, und der Tiere König läßt willig sich in die Fesseln
der Schönheit schlagen. --
Horch! Es geht ein Brausen durch die Lüfte, ein Singen, Klingen, lieblich
Geläute: aus dem Morgengrauen erhebt sich der junge Tag, und sein
leuchtendes Auge weilt liebend auf dem weißen Wunder.
Auf den blauen Fluten des Sees trieb ein zarter weißer Schaum. Ein
Sonnenstrahl irrte zu ihm hin und küßte ihn bebend. Da ward er zur
Leiche. Die Menschenseele war aufgestiegen aus den geliebten Wassern, um
zu sterben. Der See bebt, als sei er in seinen Tiefen erschüttert. In den
sprühenden Wogen aber taucht die Seejungfrau auf, an deren weißer Brust
des Toten Seele geruht hat. Ihr goldenes Haar glitzert auf den Fluten.
Klagend schlingt sie die weißen Arme um ihn, sein schönes, bleiches
Antlitz über Wasser haltend. So gleiten sie dahin über die murmelnde,
singende Fläche -- weit, weit hin, den weißen Tempeln zu. Und das Licht,
das die Seele getötet, liegt liebkosend auf der stolzen Stirn. -- -- --
Es kamen die Menschen und nahmen Besitz von der Wunschstadt in der neuen
Welt.
Welt-Ausstellung im Walde.
Draußen im Wald flüstern die bunten Bäume miteinander und streuen gelbe
und rote Blätter auf die braun sich färbende Erde, wie der Frühling
Rosen streut; der Herbstwind rauscht und raunt in den Zweigen, und eine
milde Herbstsonne glüht auf die Weinblätter am Eichenstamm, daß sie
tiefrot schimmern, wie lauter Blutstropfen.
Am träge über Kiesel und trockene Aeste dahin murmelnden Bächlein nickt
ein grüner Zweig -- da leuchtet etwas Blaues auf, dann tönt ein Lockruf,
sanft, zärtlich, dringend -- jetzt die Antwort -- noch etwas Blaues -- --
Zwei Vöglein sind's: blaue Flügel schwirren durch die Luft, und zartgrau
glänzt der Leib.
»Was nur heute los ist!« sagte der eine Blauvogel zum andern, »keine
Fliege, kein Käferchen läßt sich sehen, alle ziehen dort hinein in's
Tannendickicht, und selbst die Mücken machen ganz ernsthafte Gesichter!«
»Guten Abend, guten Abend, meine Herrschaften,« schnarrt es über ihnen.
Da hängt am Baumstamm ein goldgelbes Vögelchen. Zu welcher Klasse es
gehört, das weiß ich nicht (schlagt einmal in Nehrling's amerikanischem
Vogelbuch nach), aber es hämmert in die harte Baumrinde, daß es durch den
ganzen Wald schallt, und so wollen wir es kühn »Gelbspecht« titulieren.
»Ja, ja, Sie haben Recht, es muß etwas im Walde sein bei dem kleinen
Getier,« sagt der Specht, »ich habe schon dieselben Beobachtungen
gemacht. Aber sehen Sie einmal da -- die Spinne!« An einem trockenen
Zweiglein hängt eine große Spinne, eifrig beschäftigt, silberglänzende
Fäden zu einem kunstvollen Netz zu verweben.
»Was machen Sie denn da, Verehrteste?« fragt der Specht, als der
Zudringlichste; denn die Blauvögelein haben etwas Schüchternes, sie
mischen sich nicht gern in anderer Leute Angelegenheiten und sind nicht
weltgewandt wie der Herr Gelbspecht.
»Ich spinne,« sagt die Spinne ernsthaft.
»Ja, das sehen wir,« entgegnete der Specht, »aber, meine Gnädigste, was
spinnen Sie?«
»Ein Netz,« sagt die Spinne.
Die Blauvögel stoßen ein leises, glucksendes Lachen aus, und der Specht
hämmert entrüstet gegen den Baum.
Jetzt schlingt die Spinne einen letzten Knoten und krabbelt langbeinig
davon: »Es muß fertig werden zur Ausstellung, die wird heute Abend
eröffnet,« ruft sie zurück.
»Ausstellung?« fragen die poetisch-unwissenden Blauvögel und schlagen
verwundert mit den Flügeln. »Von was? Wozu? Davon haben wir noch nie
etwas gehört.«
»Ja, das glaube ich,« lächelt der Specht mitleidig, »Ihr schwebt
ja immer in den Lüften und schwärmt für Sonnenuntergänge, düstere
Waldpartien mit Lichteffekten und dergleichen Humbug. Ich weiß wohl, das
Getier da unten auf der Erde hält eine Weltausstellung --«
»O, da laßt uns hingehen,« jubeln die Blauvögel. »Aber wo ist sie
denn?«
In der Nähe erhebt sich plötzlich ein nimmer endenwollendes Geschrei,
Gekrächze, Gejohle --
Der Specht wiegt überlegend sein gelbes Köpfchen: »Wißt Ihr was? Wir
wollen die Schwarzvögel fragen -- die wissen alles! Hört, wie sie
reden und schnattern? Die haben wieder Kaffeegesellschaft oder Loge oder
Gesangverein -- die ganze Eiche dort ist ja schwarz von lauter Staarherren
und Damen, und wenn ihre Sitzungen vorüber sind, wissen sie alles, was im
ganzen Walde passiert ist: wie viele Kinder die Madame Maus das letzte Mal
zur Welt gebracht hat, und wie es auf dem Grashüpferball hergegangen ist,
daß sie im Eichhörnchenturnverein sich fast geprügelt haben bei der
Sprecherwahl und daß der Gesangverein der Locusts sich geeinigt -- --«
»Gibt's nicht, gibt's nicht! Nee, so blau,« piepst ein unverschämter
Spatz und fliegt dem Specht dicht vor dem Schnabel her in den nächsten
Baum.
Der aber beachtet den naseweisen Gesellen gar nicht und spricht ruhig
weiter.
»Ach, hören Sie auf, bitte, Herr Specht,« rufen die Blauvögel, »das
ist ja wie ein ›Eingesandt‹ in der Zeitung!«
»Aber Kaffernreligion,« lacht der Specht.
»Seht, da kommt Ihr Bruder -- »Ober-Edel-Erz« angeflogen! Halt, den
wollen wir uns kaufen!«
»Oh, Herr Staar, wollen Sie nicht die Güte haben, sich hier ein wenig auf
diesen bequemen Baum zu bemühen?«
»Man muß immer höflich sein mit den Leuten, wenn man etwas von ihnen
will,« flüstert der Schlaue den simplen Blauvögelchen zu, die vor
Erstaunen den Schnabel aufsperren.
Der Staar krächzt freundlich der Bitte Gewährung, läßt sich auf einem
Ast etwas erhöht über den andern Vögeln nieder, wirft den Kopf in
den Nacken und dreht und wendet sich, daß seine roten und gelben
Logenabzeichen auf den Schultern in der Sonne schillern. Nachdem die
Vorstellung glücklich vorübergegangen ist, bei der der Herr Staar
herablassend den spitzen Schnabel gesenkt und die Blauvögelchen verlegen
die niedlichen Köpfchen geduckt haben, erkundigt sich der Gelbspecht in
den gewähltesten Ausdrücken nach der internationalen Ausstellung.
»Jawohl, jawohl,« entgegnete Herr Staar würdevoll, »heute Abend ist
Eröffnung. Es soll ja etwas Großartiges werden.
Sehen Sie, meine verehrten Zuhörer, es geht ein neuer Zug durch den
ganzen, alten Schlendrian, namentlich was Kunst anbelangt. Ich bin
ein weitgereister Mann, ich höre und sehe mancherlei. Ein krankhaftes
Verlangen nach etwas Neuem, Sensationellem, ein Hunger nach Aufregung, nach
Vernichtung des Alten, Hergebrachten, zieht durch die ganze Welt. Und wenn
sie auch auf Abwege geraten, in Irrtümer verfallen, das Falsche dem
Wahren vorziehen -- es ist doch alles nur der durch Jahrtausende immer
wiederkehrende und immer bleibende, große, unersättliche Durst nach
-- Freiheit, der Angstschrei der Völker, der zum stillen, hohen Himmel
dringt. Und das macht sich auch in der Kunst bemerkbar -- -- ob zu ihrem
Nutzen und Frommen? Und in der Musik, ja, in der Musik --« hier räuspert
sich der Staar und blickt gen Himmel -- »ja, auch in der Musik gellt und
dröhnt und paukt und trompetet jener Freiheitsschrei in die Lüfte, die
Ohren der Zuhörer mächtig mit sich fortreißend. -- Nein, das geht
ja nicht. Ich -- ich -- ich lasse mich immer so von meinen Gefühlen
überwältigen, meine Lieben -- und« -- Ja, da bleibt der gebildete Staar
stecken. Mit Gesichtern voll Ehrfurcht und inniger Verständnislosigkeit
haben unsere Blauvögel die lange Rede angehört, während der Gelbspecht
mit philosophischer Gelassenheit äußert: »Das mag alles recht schön und
ersprießlich sein, verehrter Redner, aber so lange wie es genug Mücken
und Fliegen in der Luft gibt und wie ich nach Herzenslust an den Bäumen
herumhämmern kann, ist mir die ganze Wirtschaft furchtbar egal und um den
allgemeinen Freiheitsdrang kümmere sich der Kuckuck!
Vorläufig wollen wir aber einmal diese merkwürdige Ausstellung ansehen,
wenn Sie, verehrter Herr Staar, uns gütigst führen wollen.«
»Ja, ja,« rufen die Blauvögel und schlagen mit den Flügeln, und
»Hier hinein, ins Tannendickicht, liebe Leute,« belehrt sie der Staar.
Und dann fliegen alle vier davon. Der Zweig über'm Bächlein nickt
gedankenverloren auf und ab, und das Bächlein murmelt und kichert dazu.
Drinnen im Tannendickicht herrscht schon reges Leben, die Ausstellung
scheint im vollen Gange zu sein. Ein geschniegeltes Mäuseherrchen, den
Schnurrbart gewichst, die Oehrlein gespitzt, steht am Eingang als Portier.
Der Eintritt ist frei -- wie nach Bellamy im Jahre 2000 bei den Menschen,
gibt es im Tierstaate kein Geld -- und unsere vier Vögel flattern in das
Dickicht.
»Ah, guten Tag, Herr Mäuserich,« sagt der Staar, der alle Welt zu kennen
scheint, »was macht die Frau Gemahlin? Hat sie sich vom letzten Wochenbett
erholt?«
»Schönen Dank, bester Herr Staar,« entgegnete der glückliche
Mäusepapa, »alle zwölf wohlauf, aber es ist 'ne Last, die lieben
Kinderchen großzuziehen.«
»Können Sie denn das nicht per Elektricität besorgen lassen? Heutzutage
sollte doch alles möglich sein -- Eier ausbrüten -- Kleinigkeit!
Warum nicht auch Kinderfüttern, Kinderprügeln, Kinderkriegen etc.?«
Mittlerweile hüpften sie weiter durch die verschlungenen Wege des
Tannendickichts. Zwar sind die Plätze einiger Nachzügler noch unbesetzt,
Vieles ist nicht ganz vollendet, wie ein halbfertiger Maulwurfshaufen
z. B., ein Sprungbrett, eine angefangene Wendeltreppe für Eichhörnchen,
ein prachtvoller Bau mit geheimnisvollen, unterirdischen Gängen, in
welchen Kaninchen noch eifrig beschäftigt sind, zu graben, und dergl.
mehr, aber im Ganzen scheint die Sache recht gelungen zu sein.
Zwei wohlgenährte, etwas verschwiemelt aussehende Ratten, kleine Knüppel
in der Hand, Mützchen von im Wald gefundenem blauem Butterbrotspapier
über den dicken Nasen, eine weiße Sternblume auf der Brust befestigt,
marschieren würdevoll und bedächtig als heilige Wächter der Ordnung oder
Wächter der heiligen Ordnung umher. Und es ist auch nötig: das schwirrt
und summt und brummt durcheinander, und hüpft und tanzt und zirpt, daß
es wahrhaftig einer energischen Rattenpolizei bedarf, um das leichtfüßige
Gesindel in Ordnung zu halten. Doch vor unserer Vogelgesellschaft bezeigen
die Tierlein großen Respekt; sie halten sich in gewisser Entfernung
und verneigen sich achtungsvoll, sobald ein Blick aus Vogelaugen auf sie
fällt. Nur ein großer Hirschkäfer mit stattlichem Geweih nähert sich
mit höflich-gemessener Verbeugung und bietet sich den hohen Herrschaften
als Führer an, was mit Dank angenommen wird.
»Sehen Sie, meine Hochverehrten, hier unser Kunstdepartement. Alles neu,
noch nie dagewesen. Sehen Sie, dies Spinnengewebe« -- die langbeinige
Spinne, die es vorhin so eilig hatte, steht daneben und begrüßt sie
mit einem Auskratzen ihrer langen Spinnenbeine -- »wie fein, wie zart,
geschickt die Fäden verknüpft! Und die fette, zappelnde Fliege darin,
jeden Tag wird eine frische gefangen und hineingesetzt -- das nenne ich
Naturalismus.
»Schrecken der Hinterlist« ist es betitelt.
Hier die noch lebende, schwer am Licht verbrannte Motte -- »Schrecken der
Aufklärungssucht«.
Jener Schmetterling, dem eine rauhe Menschenhand den Duft von den zarten
Flügeln gewischt, nun kann er nicht mehr fliegen -- »Schrecken des
Freiheitsdranges«. Ach, und noch so vieles Traurig-Schauderhaft-Schöne!
Sehen Sie, die von Ameisen abgenagte Drosselleiche« -- die Vögel
schütteln sich und machen unangenehme Gesichter -- »und der glänzend
reine Katzenschädel« -- die Vögel nicken befriedigt mit den Köpfen, und
der Gelbspecht macht eine Bewegung, als wolle er die leeren Augenhöhlen
auspicken -- »wirklich eine recht sinnige Zusammenstellung.
Bitte, blicken Sie hierher -- lauter Raritäten -- da, das so natürliche
Loch in der Erde, hier eine kleine Blätterhütte, ein Einsiedler-Heimchen
wohnt darin und zirpt bescheiden für sich allein, dort jene sorgfältig
getrockneten Heuschreckenleichen, eine Reminiscenz aus dem großen
Heuschrecken-Grashüpferkrieg. -- Und hier, bitte, sehen Sie einmal durch
dies Loch im Tannendickicht -- nicht wahr, ein reizendes Panorama: im
Hintergrund die Wolken als Schneeberge, davor ein einsamer, schwebender
Rabe -- großartig, nicht wahr?«
»Aeußerst großartig,« meint der Specht, »aber was stellt es vor?«
»Es ist auch ein Kriegsbild: Eine vergessene Heuschreckenleiche!« (Frei
nach Wereschagin.)
Die Vögel sehen sich erstaunt unter einander an, suchen die Leiche und
erklären, nun einmal etwas Anderes sehen zu wollen. Das gibt es ja auch
in Hülle und Fülle für jede Geschmacksrichtung. Hier, ein Eiffelturm
aus Eicheln, ein Eichhörnchen sitzt oben drauf, zeigt auf Kommando sein
buschiges Schwänzchen und knackt Nüsse zur allgemeinen Belustigung,
dazu marschieren allerliebste kleine Nagetierchen kauend durch die
Zuschauermenge und bieten goldgelben Harz-Chewing-Gum als Erfrischung
an. Da ist eine Grotte aus kleinen Tropfsteinen und Tannenzapfen,
geheimnisvolles Dämmerlicht; einige Glühlichtwürmchen leuchten dazu,
auf grauen, trockenen Blättern und Gräsern sind vorgestrige
Regentropfen gesammelt, die schimmern wie Wasserfluten, und ein schlankes
Grillenfräulein, die Grillenbeine mit Schleiern aus glänzendem,
flatterndem Altweibersommer bewickelt, als Fischschwanz, bewegt sich
rhythmisch hin und her und fährt mit den langen Vorderbeinen sich graziös
über den Kopf, als kämme sie sich.
»Was macht die da drinnen?« fragt der eine Blauvogel neugierig, während
der andere starr vor Erstaunen dasteht.
»Ich bin unten Melusine und oben Loreley,« sagt das Grillenfräulein,
»denn ich habe einen Fischschwanz und kämme dazu mein goldenes Haar.«
»Ja so,« sagt der Specht.
Dicht daneben tanzen ein paar Grashüpferdamen Ballett auf einer Schaukel
von Grashalmen, und springen so hoch, daß man sie kaum noch sehen kann,
während auf der andern Seite ein paar Mäusejünglinge in grauen Tricots
mit aus Nußschalen gedrechselten Bällen auf kunstgerechte Weise Baseball
spielen.
Dieser ganze Wirrwarr, der Lärm und das Getöse, dies Hin und Her,
wirkt ungeheuer ermüdend auf die Nerven ungeübter Zuschauer, und unsere
Blauvögel piepsen und flüstern miteinander, und fühlen sich recht
ungemütlich.
»Musik, meine Herrschaften, hören Sie unsere allermodernsten Vorträge,«
ruft jetzt der Hirschkäfer. Alles stürzt nach einem hübsch mit
Tannennadeln bestreuten freien Platz. Auf einem Tannenzapfen steht
erhobenen Armes eine große Locuste, so eifrig gestikulierend, daß ihr die
Augen vor den Kopf treten; und um sie her scharen sich allerlei musikalisch
beanlagte Tiere. Nun gibt der Herr Kapellmeister das Zeichen, indem er
seine Fühlhörner weit ausstreckt, und das Konzert braust durch das
Tannendickicht. Sämtliche Grillen des Waldes zirpen so laut sie können,
dazu schnarren die Locusts, pfeifen die Mücken, brummen die Käfer
aller Art; die Kaninchen gebrauchen kräftig ihre Trommelstöcke -- ein
Höllenlärm!
»Ist das nicht herrlich?« fragt der Hirschkäfer unsere Vögel.
»Sehr schön,« entgegnete der Gelbspecht, »nur etwas unverständlich.«
Der Staar macht ein sehr gebildetes Gesicht, und die Blauvögel meinen
schüchtern:
»Es ist aber recht eintönig, und immer so dudelig.«
»Das ist ja gerade das Schöne,« sagt stolz Kapellmeister Locuste,
»sehen Sie, wie gut Sie es verstanden haben? Es war unsere Nationalhymne
-- der Moskito-Doodle!«
Den Blauvögeln kam die Sache immer problematischer vor, und als vollends
der Herr Mistkäfer mit der ganzen Familie auf sie zukommt und sie
freundlich auch mit dem Nützlichen der Ausstellung bekannt machen will
-- die verschiedenen Blätterpräparate, wie Regenmäntel, Schirme und
schützende Laubdächer und Haushaltungsgegenstände aller Art; ferner
Delikatessen: Tauwein über Grashalme abgezogen, dazu Konfekt mit dem
kuriosen Namen Fliegendreck, Misthäufchen, Schneckengelee etc. -- da
fliegen unsere Blauvögel entsetzt kerzengerade in die Höhe und davon, und
auch der Herr Staar, trotz seiner Gleichheitsideen, meint: »es wäre doch
recht gemischte Gesellschaft, und überhaupt vertrüge sich die Heiterkeit
dieser Ausstellung nicht mit seiner ernsten Geistesrichtung,« während
Herr Gelbspecht übermütig erklärt:
»Nein, mir gefällt es hier famos! Ich will erst den ganzen Schwindel
sehen, und wenn mir die dicke, fette Fliege da morgen im Sonnenschein
begegnet, so fresse ich sie auf vor lauter Liebe.«
Hoch oben auf einer Berghöhe, von wo man weit über Baum und Strauch
hinüberblickt -- dahin haben sich die Blauvögelein geflüchtet, und der
Staar gesellt sich zu ihnen, weil er just nichts Besseres zu thun hat.
Außerdem hält er die Blauvögel für recht belehrungsbedürftige Wesen,
denen eine kleine Pauke über »die langsam sich vollziehende Umwälzung
der Weltordnung« gar nichts schaden kann.
Aber unsere blauen Waldvögelein werden hier oben in der Einsamkeit
selber so beredt, daß dem wohlmeinenden Staar nichts übrig bleibt, als
zuzuhören.
»Blick' um Dich,« singen sie, »das ist unsere Ausstellung, das ist
unsere Freude und die Freude der ganzen Welt. Sieh', wie die bunten
Blätter die Bäume schmücken, wie die glührote Weinranke die dunkle
Tanne zärtlich umfängt. Horch! _Unser_ Konzert! Wie das rauscht und
flüstert in den Zweigen, wie der stürmische Herbstwind in den Blättern
tost, und sieh', wie der schönfarbige Schmetterling die geliebten
Herbstblumen umgaukelt! Und blick' um Dich: die Sonne geht zur Rüste, sie
glüht und leuchtet noch einmal und dann sinkt sie in ihr zartes, graues
Wolkenbett und vergoldet es mit ihrem Schein, und ein strahlender Rand
zieht sich um die seltsamen Wolkengebilde. Ist das nicht schön? Ist das
nicht herrlich!
Und horch! da unter uns am Fuß des Baumes -- das sind Menschen! Ein
seltsam Geschlecht -- kluge Gedanken und weiche Herzen -- Ich liebe sie,
wenn sie zu Zweien im Walde wandern, wie diese hier. Hör', was sagen
sie?« -- Ja, es sind Menschen -- ein Mann und ein Weib. Und durch des
Mannes dunkles Haar ziehen sich Silberfäden, und auf des Weibes glatter
Stirn hat das Leben zarte Furchen gezogen. --
»Sieh', liebes Weib,« sagte der Mann, »diese frühen Herbstblätter
in dem grünen Wald erinnern mich an meine weißen Haare, an Deine ersten
Falten auf der Stirn. Ach, Kind, spät ist's schon im Leben, und jetzt erst
lernen wir das Glück kennen!«
»Liebster,« entgegnet sie, »sieh', wie die Sonne strahlend und
liebkosend über die Baumstämme gleitet, wie alles noch einmal in voller
Pracht glänzt, glüht und leuchtet -- zum letztenmal, ehe es Winter wird.
So freuen wir uns jetzt noch einmal des Glückes und der Liebe, ehe _unser_
Winter kommt. Liebster, wie schön ist die Welt und das Leben!«
Da zieht der Mann das holde, ernste Weib an sein Herz und küßt die Falten
auf der blassen Stirn, und das Gesicht des Weibes glüht und blüht nun,
wie die Rose in ihrem Lebensfrühling.
Sie sehen hinüber, bis die Sonne verlischt. -- Und die Vöglein lauschen,
und der Staar meint:
»Die verlangt's auch nicht nach Veränderung, und die denken auch, gerade
wie ihr dummen, kleinen Dinger, das Leben sei doch schön. Merkwürdig! Und
die Welt soll doch so schlecht sein, sagen sie im Verein für Freiheit und
sittlichen Umsturz. Was ist nun wahr? Darüber muß ich auf einem einsamen
Eichenwipfel etwas näher nachdenken.«
Er spreizt seine dekorierten Flügel und fliegt von dannen. Blauvöglein
aber locken in den Abend hinein und setzen sich dicht nebeneinander auf
einen Zweig und plustern sich und träumen. Die sanfte Nacht kommt gezogen
und breitet ihre schwarzen Fittiche lind über die müde Erde -- -- über
selige, herbstliche Menschenkinder, über plusternde Blauvögelein und
melancholische Staare -- ja, und über all das kriechende, sich duckende,
hochmütige, aberwitzige Volk und den weltklugen Gelbspecht in der
Weltausstellung im Tannendickicht. --
Das Märchen von Einem, der auszog, ein Sonntagskind zu werden.
Die braune Drossel saß auf einem hohen Baume im Garten und zwitscherte:
»Es ist Sonntag heute. Der Sonntag sitzt mitten im Frühling und hat eine
Krone von Blüten auf dem Haupte, und --«
Weiter konnte man nichts hören, denn die Sperlinge, denen die Drossel das
erzählte, piepsten und schrieen und zankten so durcheinander, daß die
Drossel auf und davon flog. Was ging es auch die Stadtspatzen an, was die
Walddrossel zu erzählen hatte!
Die bleiche Frau Sehnsucht aber stand am geöffneten Fenster ihres Hauses
und sah der Drossel nach. »Ach,« seufzte sie, »wer doch ein Sonntagskind
wäre und verstehen könnte, was die Vögel singen! Ach, und wenn nur das
Kind, das ich gebären werde, ein Sonntagskind würde, dann wollte ich gern
glücklich und zufrieden sein.«
Als aber ihre schwere Stunde kam, da war der lachende Sonntag noch nicht
aufgestanden, und der stille Sonnabend lehnte noch an der kleinen Wiege mit
großen, müden Augen. Er legte eine kühle Hand auf die Stirn des kleinen,
roten, zappelnden Dinges, das mit geballten Fäustchen unter dem Deckchen
herumarbeitete und mit Zornesfalten im Gesicht in die Welt hinausschrie.
»Nur eine Viertelstunde zu früh,« seufzte die blasse Frau Sehnsucht, und
zwei heiße Thränen fielen auf die geschlossenen Augen des Bübchens in
ihrem Arm.
Der kleine Bursche aber wuchs kräftig heran und wurde so stark, daß die
ungezogenen Buben in der Nachbarschaft ihm gern aus dem Wege schlichen.
Er stand an seiner Mutter Knie gelehnt und lauschte mit leuchtenden,
wundersamen Augen, wenn sie von den Sonntagskindern erzählte, wie sie gar
so klug sind und wissen, wie die Welt geht, und verstehen, was die Tiere
sprechen, und wie sie den Wolkenflug deuten können. -- »Warum kann ich
nicht jetzt noch ein Sonntagskind werden?« rief er zornig. Dann sprang er
hinaus in den Garten und legte das Ohr auf die Erde, ob er nicht das Gras
wachsen höre, wie ein richtiges Sonntagskind. Er hörte wohl ein zartes,
leises Murmeln, aber ob es nicht die kleinen Käfer und Ameisen waren, die
da raschelten, das wußte er nicht zu sagen. Er stand unter den Bäumen und
hörte zu, was die Vögel sangen; es war ihm, als verstände er einzelne
Worte, wie Sonnenschein, Glück, Blütenduft; aber er war doch nicht
sicher, ob es ihm nicht sein eigenes Herz zugeflüstert hatte. Und weinend
lief er hin zu seiner Mutter und trotzte: »Ich will doch ein Sonntagskind
werden!«
»Der Sonnabend leidet's nicht,« sagte Frau Sehnsucht traurig. »Und es
war doch nur eine Viertelstunde!«