Da entdeckte er plötzlich die beiden kleinen Fremdlinge, die sich in ihren

weißen Schwanenpelzchen scheu in die Fensterbank gedrückt hielten.

»Das ist ja etwas sehr Niedliches!« Und der Lieutenant klemmte seine

Monocle ein und beeilte sich, mit allersteifsten Gardebeinen durch den Saal

zu marschieren.

»Premier-Lieutenant Knack von Mandelkern, I. Rrrment, Bleisoldaten

zu Fuß,« schnarrte er und schlug die Hacken aneinander, daß unsere

Schneeflöckchen erstaunt seine Füße anguckten. -- »Damen fremd hier? --

äh -- dürfte Ehre haben, Chaperoneur zu sein?«

»Ach,« sagten die Flöckchen schüchtern, »wir gehören hier eigentlich

gar nicht her -- wir sind nur hereingekommen -- wir wollten gern wissen --

können Sie uns vielleicht sagen, was Weihnacht ist?«

»Wa -- wa -- was -- Weihnachten?« Dem Herrn Gardelieutenant fiel vor

Erstaunen das Monocle weg, ohne daß er erst dazu eine Fratze zu schneiden

brauchte, und sein Nußknackermund blieb ihm offen stehen, worüber die

Flöckchen so erschraken, daß sie aufsprangen und von der Fensterbank auf

die Erde flogen.

»Weihnachten? -- Weihnachten ist Weihnachten,« brummte Lieutenant Knack

von Mandelkern entrüstet, nachdem er vorher seinen Mund wieder zugeklappt

hatte -- dann klemmte er das Glas wieder ein und sah den Flöckchen nach

-- »nette Pusselchen -- aber noch sehr jrün -- die reene Unschuld vom

Lande.« -- --

Die Schneeflöckchen aber waren geradewegs auf ein schönes Buch mit

Goldschnitt gesunken, das vom Tisch auf die Erde gefallen war -- auf dem

stand mit großen bunten Lettern als Titel gedruckt: Weihnacht und unsere

Vorfahren! Das sprach jetzt mit gewählten Worten: »Was Weihnachten ist,

wünschen Sie zu wissen, meine Lieben? -- Sehen Sie mich an.« Und dabei

schlug es sich auf und begann zu lesen: »Schon zur Zeit Winfrieds, des

hl. Bonifacius, des großen Heidenbekehrers, feierten unsere Altvordern,

beseelt von einem dunklen Drange, der sie zur Verehrung eines unbestimmten

Etwas antrieb, im Winter, unter Schnee und Eis, ein Fest.«

»Altes Buch, schweig' doch still! -- Hüh! Hoh! Wollt Ihr wohl laufen, Ihr

faulen Tierchen!« klang es da unter dem Tischdeckenzipfel hervor, und als

die Schneeflöckchen, die sich große Mühe gaben, die weisen Worte des

Buches zu verstehen, sich umschauten, kam pfeilgeschwind eine

drollige kleine Equipage herangesaust, schnurgerade über das gelehrte

Goldschnittbuch hinweg, das sich voller Entrüstung erhob und mit Würde

von dannen wandelte. -- In dem von sechs weißen Mäuschen gezogenen

Wägelchen stand ein kleiner nackter Junge, mit Flügeln an den Schultern

und einem Bogen in der Hand, und sang und jubelte in die Welt hinein. Der

hat auf einer schönen Dose gesessen, in der allerlei bunte, glänzende

Steine und Goldsachen blitzten, und als der alte Herr in der Uhr die

Geisterstunde verkündete, da ist er heruntergesprungen und hat sein

lustiges Wesen getrieben.

Ei, wie ihn die Rubinenaugen des Schlangenarmbandes anfunkelten, und so

viel die Schlange auch nach ihm mit dem Goldzünglein gezischelt, -- »ich

bin die Schlangenkönigin,« sagte sie, »ich ringele mich um weiße Arme,

weiße Nacken, ich ringele mich bis ins Herz hinein und bringe ihm den

Schlangenzauber, dem niemand wiedersteht,« -- es half ihr nichts: das

kecke Bürschchen schlang sie sich um die kleine weiße Brust, und die

Rubinenaugen funkelten ihm von der Schulter herunter.

»Pah!« lachte er, »mein Pfeilgift ist viel stärker als Deins, -- Du

kannst mir nichts anhaben.«

Nun setzte er sich in die große Walnußschale, die ihm der Nußknacker

geschenkt hatte dafür, daß er der niedlichen Rokokodame einen Pfeil ins

Sèvresherzchen geschossen.

Aber er hatte keine Pferde zum Vorspannen. Da war er auf den

Weihnachtstisch spaziert, wo die heilige Krippe aufgebaut war, und hatte

den hl. Joseph um das Oechslein und das Eselein gebeten, sein Wägelchen

zu ziehen; aber der hl. Joseph hatte die Hände über dem Kopf

zusammengeschlagen über solch ein Ansinnen, obgleich Mutter Maria mit dem

Kindlein auf dem Schoß ihre Freude an dem kecken Gesellen gehabt hatte.

Da war er den hl. Drei Königen aus dem Morgenlande entgegengegangen,

die gar bedächtig mit prächtigem Gefolge heranmarschiert kamen.

»Majestät,« sagte das Gesellchen höflich, »dürfte ich vielleicht

eines Ihrer Kamele für mein Wägelchen benutzen? -- Sie haben ja deren so

viele.«

Aber der schwarze Balthasar, der Mohrenkönig, fletschte ihm seine weißen

Zähne entgegen, und Kaspar und Melchior hielten ihm das Weihrauchfaß mit

Myrrhen unter die Nase, daß er niesen mußte -- da sprang er davon und bat

den Tannenbaum, und der schenkte ihm sechs kleine, weiße Zuckermäuse, die

an seinen Zweigen hingen.

Nun hielt er mit seinem flinken Gespann vor den Schneeflöckchen und

lachte: »Ach, was seid Ihr für herzige Dingerchen. -- Gleich möchte

ich mit meinem Goldpfeil durch Eure Schwanenpelzchen in die Herzchen

hineinschießen. Kommt, steigt ein -- wir fahren zum Weihnachtsball in

die Puppenstube; da tanzen Sie gravitätisch und mit Anstand ein würdiges

Menuett und sind brav und gesittet -- aber Ihr sollt 'mal sehen, was ich da

für einen Wirrwarr anrichte.«

Den Schnee-Engelchen gefiel zwar der kleine Bursche sehr gut, aber sie

schüttelten doch die Köpfe, daß die Pelzkapuzchen hin und her wackelten.

»Ach nein,« sagten sie, »hier können wir nicht tanzen -- hier ist es

uns viel zu warm. Wir sind auch nur hereingekommen, um zu lernen, was wohl

eigentlich Weihnacht ist.«

Da setzte sich das Gesellchen auf den Rand seiner Nußschale, schlug

ein Bein über das andere und legte simulierend den Finger an das kecke

Näschen:

»Ja, sehen Sie, meine kleinen Engelchen -- das ist eine kuriose

Geschichte. Da unter dem Weihnachtsbaum liegt ein kleines, nacktes Kindchen

in einer Krippe, dessen Geburtstag feiern sie, und sie sagen, er sei der

Gott der Liebe. -- Nun aber hat mir mein heidnischer Vater im Olymp -- ich

bin nämlich ein Heide, mein Name ist Amor -- immer gesagt, ich wäre der

Gott der Liebe, und ich wäre, trotz meiner Jugend, so alt wie der Olymp

und die Welt und das große, große Meer selber. -- Da muß also irgendwo

eine Verwechselung sein. -- Ich schlage vor, wir feiern das ganze Jahr

Weihnacht und halten mein Schwesterchen Freude, wenn sie davon fliegen

will, am Gewandzipfel fest. -- Ich kehre mich so wie so nicht viel an die

Jahreszeiten -- meine Pfeile fliegen das ganze Jahr durch, und die Küsse

sind immer am süßesten, wenn sie geküßt werden.« -- Und dabei breitete

der kleine Schlingel die Arme aus und wollte die hübschen Flöckchen

küssen; die aber faßten sich an die Hände und flogen ihm davon,

geradeswegs auf die Tanne zu und klammerten sich an ihre Zweige fest und

schaukelten sich und sangen:

Von den Bergen, wo der Wind,

Wo die Tannenschwestern sind,

Sind wir hergeflogen,

Sind wir hergezogen --

Sag' uns, was ist Weihnacht?

Da ging ein Leben durch die Zweige der Tanne, all' das Rauschegold, mit dem

sie geschmückt, knisterte und raschelte, die Krystallkugeln klirrten --

stärker denn je dufteten die Tannennadeln, und horch! mit dem Tannenduft

ziehen Sehnsuchtslaute durch den Saal:

»Ach, meine Flöckchen, wohl bin ich geschmückt, wohl trage ich

eine Krone, wohl habe ich geflammt in vieler Kerzen Schein -- für die

Weihnacht. -- Aber gebt mir die Wintersonnenwende wieder, laßt

mich umbrausen, umtosen vom Wind, laßt den ersten Sonnenstrahl mich

umschmeicheln und mir ins Herz hineinlachen. -- Nehmt mir Alles dafür hin!

Was die Weihnacht ist?

Kummer und Trübsal, und Haß und Neid und Mißgunst, und Heuchelei und

Geldstolz -- das ist Weihnacht unter den Menschen; und zum Hohn nennen

sie's das Fest der Liebe! Schneeflöckchen, wenn Ihr die Liebe sucht,

fliegt nimmer zu Thal. Und eines doch: Wenn das Kinderauge uns anlacht --

wenn wir in seinem reinen Glanz uns spiegeln, wenn die Kinderärmchen sich

nach uns ausstrecken, die Kinderstimme uns anjauchzt --«

Da öffnete sich leise, leise die Thür, und auf der Schwelle stand ein

Kindchen und blickte verschlafen um sich und strich sich die blonden

Härchen aus dem heißen Gesicht. -- Nicht schlafen konnte das Kind vor

Freude über Weihnacht, und es hatte ein Geraune und Geflüster gehört

neben dran und war aufgestanden, ganz leise, daß es die Eltern nicht

gestört, und schlich mit den bloßen Füßchen über den Teppich hin, und

stand mitten unter dem lustigen Volk. --

Aber da schnarrte die Uhr und das alte Männchen kam wieder herausspaziert

und sagte mit dumpfer Stimme: Eins! und nun war alles wieder still und

stumm und leblos, wie es vorher gewesen. Nur die Schnee-Engelchen konnten

nicht so schnell zum Fenster hinfliegen -- da erblickte sie das Kind:

»Das sind die Engelein vom Himmel,« jauchzte es, »Tanne, die hast du mir

mitgebracht!«

Und mit beiden Armen griff es nach den Flöckchen und preßte sie an sich

und drückte und herzte sie -- ach -- und da vergingen sie ihm unter den

Händen, und das Kind betrachtete verwundert seine leeren feuchten

Aermchen -- da schlich es betrübt in sein kleines Bett und weinte, weinte

bitterlich.

Aber die Tannennadeln, die sich in seinem Kraushaar gefangen hatten

beim Spielen, die neigten sich an des Kindes Ohr und erzählten ihm vom

Tannenwald und dem Wind und der Schneeflöckchen-Reise, das ganze Märlein,

da schliefs Kindchen ein.

Und wann es aufgewacht ist, und wieder und wieder aufgewacht, und größer

und älter geworden, wann die Wintersonnenwende ihm gekommen ist, da zieht

ihm, dem großen Kind, zu Weihnacht mit dem Tannenduft immer wieder

das Märchen durch die Seele -- das Märchen von den Schneeflocken, die

ausgezogen, die Liebe zu suchen, und an der Liebe gestorben sind.

Das Märchen von der weißen Stadt.

Es lag ein Mensch zu sterben. Der hatte all seine Gedanken, all seinen

Willen hergegeben, die eine große That seines Lebens zu vollenden. Aber

der Griffel entsank seiner Hand, und die Seele entfloh dem Leibe. Es hatte

dieser Mensch die Fluten sehr geliebt. Er konnte stundenlang am Ufer des

Sees sitzen und die blauen Wasser betrachten, wie sie kamen und gingen,

immerzu, immerzu; und aus den Wassern sahen ihn seine Gedanken an. Als

seine Seele nun ohne Körper umherirrte, da kamen die Luftgeister

und trugen die Menschenseele hin über den See. Aus ihren wehenden,

silbergrauen Gewändern troff es wie Nebel zum Wasser nieder, und ein

leiser Wind bewegte die Fluten, daß sie sich kräuselten. Oben auf

den Wogenkämmen schaukelten die weißen Leiber der Seejungfrauen; sie

streckten die Arme aus nach der Seele des Menschen und zogen sie hinab in

die weichen, wiegenden, schmeichelnden Gewässer. -- Drunten in der Tiefe

saß der Seekönig und hielt Hof. Er war ein kleiner Mann mit starken Armen

und langem, weißem Bart. Auf dem weißen Haupte trug er eine Krone von

hellroten Korallen; die hatte ihm sein Vetter, der Meerkaiser, geschickt,

aus Anerkennung, weil der kleine Seekönig manchmal seine Gewässer mit

den starken Armen so aufrührt, daß viele Schiffe und Menschen umkommen

müssen, gerade wie auf dem Meere. Denn die Meerleute mögen es gern, wenn

Menschenkinder zu ihnen hinuntersteigen müssen. Sie stellen die weißen

Körper in ihren wundersamen Meergärten auf, wie wir die Marmorstatuen.

Die Menschen können nicht leben bei ihnen; nur wenn einer die Fluten sehr

geliebt hat, dessen Seele gleitet des Nachts in den Wellen als weißer

Schaum. Kommt ihn aber die Sehnsucht an, den Tag zu sehen, und es berührt

ihn die Sonne, in deren Licht er geatmet, dann muß er für immer zur

Leiche werden. --

Der kleine Seekönig hielt also Hof. Sechs große Räte mit wunderlichen

Fischgesichtern saßen im Kreise um ein großes Blatt Papier, das ganz bunt

vor lauter Strichelchen und Pünktchen aussah; vier dicke Büffelfische

trugen es auf ihren Rücken, sie hielten es fischchenstill; nur zuweilen

zuckte einer mit dem beweglichen Schwanz oder pustete die Kiefern auf

und zu, als ob er Wasser rauche; und dann zupfte ihn der Herr Rat mit dem

Karauschengesicht mahnend an den Flossen, worauf er gehorsam still hielt.

Die Menschenseele, die als zarter, weißer Schaum auf der Schulter der

Seejungfrau lag, sah neugierig das weiße Papier an; es kam ihr so bekannt

vor. Das hatte sie schon gesehen, als sie noch Mensch war. Es war ihr,

als müsse sie eine Hand danach ausstrecken. -- »Still!« flüsterte die

Seejungfrau, »gleich wirst du hören.« -- Und dann sagte der Seekönig:

»Die Menschen da oben auf der Erde machen uns alles nach. Gerade wie wir

zuweilen Besuch bekommen von den Bewohnern anderer Seen und Meere, die dann

allerlei Kostbarkeiten mitbringen, um sie uns zu zeigen, so macht es das

Volk da oben auch. Nur sind sie sehr arm. Während wir alle die

fremden Seltenheiten und unsere eigenen dazu, einfach in unserem ewigen

Krystallpalast aufstellen, müssen die sich erst Häuser dazu bauen. Und

das Bauen -- welche Umständlichkeit! Erst kommt einer und denkt sichs aus

und zeichnet es auf, und dann geht es an viele Leute, die alle etwas zu

mäkeln und zu ändern haben. Schließlich soll es dann wirklich gebaut

werden, aber wie lange das alles dauert, dazu habe ich nicht Zeit genug,

das zu erzählen. Seht, da hat auch so ein armer Mensch mit kurzem

Gedächtnis seine Gedanken auf das Papier geschrieben; ein guter Mensch,

der uns sehr geliebt hat. Denn er hat gesagt: »Wenn ich meinen See nicht

hätte! Der muß das Beste thun.« Und dann hat er unsere Fluten überall

eindringen lassen in seine Pläne, damit wir seine Paläste wie mit

Silberarmen umschlingen und ihre Schönheit wiederspiegeln. -- Dann ist

er gestorben. -- Und jetzt werden andere kommen und seine Pläne zunichte

machen und uns vielleicht einengen und tyrannisieren. Wollen wir das

dulden? Nein!« rief der Seekönig und hob die starken Arme, daß oben

die Wellen klatschend gegen das Ufer schlugen. Und die Räte schüttelten

heftig ihre Fischköpfe. Die Seejungfrau lächelte der horchenden

Menschenseele zu. --

»Kommt herbei, ihr Seevolk, und hört, was ich euch sagen werde,« fuhr

der Seekönig fort: »Die Luftgeister, unsere Freunde, haben dieses Papier,

das der tote Mensch mit seinen Gedanken beschrieben und dem Großen Rat

da oben auf der Erde vorgelegt hat, aus seinen Händen weg und zu uns

herabgeweht. Schwimmt, ihr Fische, bis ans Meer, lasset die im Meere es

weitertragen zu den Geistern der Völker an der andern Seite des großen

Wassers, wie das Seevolk der Menschenseele Werk erfüllen will.« -- Da

schlugen die vier Büffelfische mit dem Schwanz unter das Papier, daß es

auf in die Wellen flog; die fischköpfigen Räte griffen entsetzt danach:

»Erst sehen, sehen!« Aber der kleine Seekönig lachte, daß es ein

Seebeben gab, und zerriß das Papier in tausend Fetzen: »Wir sehen nicht

-- wir bauen!« sagte er.

»Siehst du?« lächelte die Seejungfrau und neigte ihr Antlitz der

Menschenseele zu, »jetzt werden deine Gedanken, die du ins Wasser

hineingeträumt hast, doch wirklich. Ich habe dich oft gesehen, habe vor

dir geschaukelt, wenn du dachtest, es seien die weißen Wellenkämme. Ich

hätte dich mir geholt -- ach so gern! Jetzt bist du bei mir. Die Menschen

denken, sie haben dich begraben; aber ich halte dich in meinen Armen --

ewig. Du darfst nicht hinaufschwimmen und dein Werk beschauen, nicht so

lange die Sonne scheint. Dann würdest du zur Leiche. Ich will nicht, daß

dich die Schwestern in ihre Gärten stellen. Ich will dich behalten -- für

mich.« -- Dann glitt sie zum Seekönig hin und schmeichelte: »Väterchen,

mach' es recht schön!« -- Er aber streichelte ihr langes Haar, das

glänzte wie Sonnenstrahlen auf dem Wasser, und sagte ernsthaft: »Du

darfst die Menschenseele hüten, daß sie uns nicht entflieht; denn nur

durch sie können wir das Große vollenden.«

Nun beginnt die Arbeit. Ei, wie flink die Fischlein dabei sind, das blaue

Wasser zu kommandieren, daß es in langen, glänzenden Streifen zwischen

grünen Inseln sich durchzwängt, alles Land verschlingend, das ihm im

Wege ist, daß es unter wölbende Brücken sich duckt und schmeichelnd zu

Füßen schlanker Säulenhallen sich schmiegt. Und die Nixen kommen und

spielen mit den Fluten, daß sie in glitzernden, schillernden Farben zu den

Luftgeistern emporsprühen. Wie geschickt die Gnomen und Kobolde Stein auf

Stein, Bogen an Bogen zu fügen wissen, daß es sich erhebt aus der Tiefe

des Sees -- eine weiße, wundersame Wunschstadt. Da tauchen Türme auf mit

seltsam zackigen Verzierungen; ein kleiner Nix sitzt darauf und lehrt sie

allerlei alte Weisen mit seiner Glockenstimme, und nun singen die Türme

sie weiter. Hier schwimmt eine schneeweiße Rotunde mit lauter kleinen

Fensterchen rundum; und die Fische leiten das klare Wasser hinein und

tummeln sich darin. Und still und groß und schön wächst es und wächst

es, schier in die Ewigkeit hinein. -- In einer großen Muschel, davor

sechs buntscheckige Forellen geschirrt sind, durchzieht der Seekönig die

Wasserkanäle, mit scharfen Augen Umschau haltend. Hier zwickt er ein paar

faulen Weißfischen aufmunternd die platten Schwänzchen; dort schilt

er zwei streitlustige Hechte, die beide denselben Riesenpalast errichten

wollen und ihn dabei unsanft hinfallen lassen. Ein energisches Nixlein ruft

er herbei als Oberaufseher, und das lenkt mit seinen weißen Fäustchen die

störrischen Gesellen wie ein paar gutmütige Oechslein. -- -- Als

aber der Seekönig sieht, wie alles gut ist, taucht er unter in seine

Schatzkammer, füllt seine Muschel mit Gold, so viel sie tragen kann,

schüttet es am Ufer aus und befiehlt: »Da -- krönt das Ganze damit! daß

die Kuppel weithin leuchte wie eine Sonne!«

In der Tiefe des Sees ruht die Seejungfrau, regungslos, daß sie die zarten

Fäden nicht zerreiße, die von dem weißen Schaum an ihrer schönen

Brust aufsteigen zu dem Werk da oben. Und die Menschenseele harret der

Vollendung.

Da wallt ein Zug daher über das Wasser. Nebelschleier spinnen ihn ein,

daß er wie eine Wolke über dem See schwebt, und er zieht eine Bahn,

silbern wie der Mond auf dem Wasser liegt. Schweigend klimmt er das Ufer

hinan, wo droben der Seekönig seiner harrt, und über ihm schwebt

die goldene Kuppel wie eine große Krone. -- Nachts, wenn die Menschen

schlafen, ergeht sich das Wasservolk oftmals am Ufer und pflegt Zwiesprache

mit Mond und Sternen. -- Voran im Zuge schreiten Patres mit fahlen

Gesichtern in schwarzer, spanischer Mönchstracht. Sie tragen gewaltige

Lasten auf ihren Schultern: Türme und Türmchen, spitze und runde,

Mauern so dick wie Gefängnismauern mit tiefen Kreuzgängen und

schweren Wölbungen. Sie keuchen unter ihrer Last; ein lustiges, weißes

Elfengesindel kommt neckisch gesprungen und weist ihnen den Weg unter

hohen Bäumen, und hilft ihnen, das wunderliche Ding, das einem spanischen

Kloster ähnelt, von den gebeugten Rücken abzuladen. Da richten sich

die schwarzen Geister der Patres zufrieden auf, und sie bauen mit dem

geschmeidigen Nixenvolk, dessen Listen sie wohl gewachsen sind, vergnügt

weiter.

Eine mächtige Gestalt schreitet auf dem Wasser; ein Gewand von Gold

umstarrt sie; sie trägt einen goldenen Helm; golden leuchtet ihr strenges

Antlitz daraus hervor. Siegesgewiß, siegesbewußt geht sie mit großen

Schritten an dem Seekönig vorüber, ihm herablassend huldvoll zuwinkend.

Der lächelt fein ihr nach, wie sie sich gravitätisch aufpflanzt inmitten

all des Schönen -- ein wenig zimperlich, ein wenig ungelenk. »Laßt sie

nur dastehen,« nickt er, »man wird schon sehen, daß es nicht unsere

wirkliche Athene ist -- nur eine große, große, goldene, emancipierte

Alte-Kunst-Jungfer.« -- Und dann streckt er freudig seine Hände

den schlanken Gestalten entgegen, die aus dem Nebel sich loslösen,

einherwallen in faltigen Gewändern, die sich feucht um die herrlichen

Glieder schmiegen; und sie tragen auf den stolzen Häuptern die weißen,

strahlenden, wundervollen Trümmer der Heimat. »Du Land der Sehnsucht!«

flüstert der Seekönig. Sie lächeln ihm zu mit den schönen, traurigen

Gesichtern. Sie pflanzen Säulen in die Erde, rein und schön, wie sie

selber, sie breiten die Hände aus, und eine erhabene Harmonie lagert sich

über der Wunschstadt. Sie erheben die kraftvollen Arme und sprechen: »Du

lässest uns, o Vater Zeus, die Schönheit schauen, nicht zertrümmert,

nicht zerschlagen, nein, in ihrer ganzen siegenden Gewalt.« -- Und

demütig neigen die Karyatiden die stolzen Häupter unter der Last der

Schönheit, die sie tragen.

Wunderlich Volk zieht im Zuge einher, der übers Wasser wallt. Ein kleiner,

nackter Bub, der nur einen Frack und Cylinderhut trägt für seine

Blöße, bietet zierlich einer Rokokodame den Arm, die gar stattlich in

Hackenschuhen und Reifrock mit einer Trikolore auf dem hochfrisierten

Köpfchen einherstolziert: »Wir sind barock, nicht wahr?« nickte der

kleine Schelm dem alten Seekönig zu. -- »Wir, Puck Amor und Dame la

France!« -- In einem muschelförmigen Wagen, schimmernd von Gold und

Edelgestein, kommt ein ernsthafter Mann. Er hat ein braunes Gesicht, aus

dem seltsam überirdische Augen schauen, trägt nur einen schlichten,

weißen Kaftan um die Hüften gegürtet, und doch neigt Seekönig sich

tief vor ihm, und eine zarte, braune Elfe, schön wie des Gottes Bajadere,

geheimnisvoll wie die Wunder Indiens, gleitet vor ihm her, ihm seinen

Wohnort zeigend. --

Und so kommen sie alle, die Geister der Völker, die der Seekönig

entboten hat. Plumpe nordische Burschen tragen Paläste von plumper Pracht.

Ernsthafte, blondköpfige Gesellen bringen ein seltsam Häuschen mit

spitzragendem Turm, mit schönen Gewölben, durch deren bunte Glasfenster

es lieblich leuchtet, wie eine Geistessonne. Zierliche, dunkeläugige

Mädchen kommen im Tanz geflogen: ihre Gewänder flattern im Wind, sie

streuen Rosen aus, duftende Rosen der Anmut. -- Seltsame Fahrzeuge gleiten

im Nebel im Geisterzug. Unbeholfen, schwankend die einen. Schwarze,

düsterblickende Gesellen stehen darin und blicken drohend hinüber zu dem

schlanken Schiffchen, das, seinen Drachenkopf vorgestreckt, wie ein Renner

durch die Fluten schießt, pfeilgeschwind, die andern weit hinter sich

lassend. Wie nur das Schifflein die Hünengestalten seiner Mannschaft, die

mit sehnigen Armen die Ruder führen, birgt in dem schlanken Rumpf?! Hoch

richten sich die Gestalten auf, sie wachsen und wachsen, daß ihre Leiber

dunkle Schatten werfen weithin über den See. Und sieh' nur -- wie

die geisterhaften Schwarzen in den schweren Kreuzesschiffen zum Himmel

hinaufragen, fanatisch glühen ihre Augen durch den Nebel -- der beginnt

wunderlich zu leben, wogt und zerrt her und hin, bis er die Riesengestalten

verschlungen hat. Dann gleiten Karavelen und Vikinger in glatte Buchten,

gezogen von muntern Fischlein, gesteuert von weißarmigen Wassernixen.

Da bebt der See. Hoch sprühen die Wasser auf. In den schäumenden,

singenden Strudel steigt der Seekönig hinab in sein Reich, gefolgt von

seinem fleißigen Volke. Drunten in der Tiefe ruht die Menschenseele.

»Wann wird es vollendet sein?« fragt sie sehnsüchtig. »Es ist

vollendet,« sagt der Seekönig. »Sobald der erste Sonnenstrahl die

goldene Kuppel trifft, wird es den Augen der Menschen sichtbar sein.«

»Und sichtbar bleiben? Immer?« fragt die Menschenseele. »Nur eine kurze

Spanne Zeit hat das Wasservolk Macht über die Erde. Nur bis die Sonne

in die Fluten sinkt und die Zauberwelt, die wir gebaut haben, mit sich

hinabreißt. Aber wenn dein Seelenauge dein Werk erschaut, ehe die Sonne

die goldene Krone bestrahlt hat -- dann wird es ewig sein. Dann aber wirst

du sterben und dein Name wird vergessen werden unter den Menschen.« -- Die

Menschenseele lächelte. Eng schmiegte sie sich an die atmende Brust der

Seejungfrau.

Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt · 第 7 / 10 段