Wahrheit suchen mit eurem Verstand und eurer Tüftelei, so seht ihr in die
Sonne mit der Brille der kalten Berechnung auf der Nase -- ja die Sonne
steht dort am Firmament, strahlend, so himmlisch leuchtend, daß euer
blödes Auge sie nicht ertragen kann, und die Welt, über die ihr die
Wahrheit ergründen wollt, liegt schwarz und tot da. Aber schau dich um,
schau mit der Sonne, schau dahin, wo nur die Strahlen der Sonne hindringen,
wohin die Wahrheit ihr goldenes Licht wirft -- siehst du nun, wie herrlich
die Welt daliegt, in Farbe, in Glut gehüllt, verklärt? Fühle nur die
weiche, flimmernde, golddurchglühte Luft, die dich mit linden Armen
umfängt -- schaue die jauchzende, die lebende, lichte Welt! --
Und weißt du nun, was Poesie ist?« flüsterte der ernsthafte, kleine
Gedanke mir ins Ohr.
Ein Weihnachtsmärchen.
Weit, weit hinter den Wolkenbergen, da, wo der Sonne Heimat ist, die zu
verlassen ihr so schwer fällt, daß sie Tauthränen weinen muß, da, wo
gut sein, fromm sein ist, und die Religion die Liebe, da, wo es keinen
Neid, keine Polizei und keine Geldnöten gibt, da ist das Reich der
Träume, das Wunderland, wo die schöne Frau Phantasie als Königin
herrscht. Da sitzt sie auf ihrem goldenen Sonnenthron, umgeben von all' dem
lustigen und luftigen Volk, den Elfen, Nixen und Kobolden, die durch das
Christentum und das Geld aus der Welt vertrieben wurden, und hält Hof, und
die Blümelein sind ihre Vasallen und die Bäume ihre Schildwachen, und
die Vögelein jubilieren und konzertieren, und die Mücken und Grillen und
Heimchen tanzen Ballett; und der Wind, der säuselnde, sanfte, der starke,
stürmische, immer gewaltige Sänger, ist zum Hofpoeten ernannt. Aber die
mitleidige Königin, so gut sie es auch in ihrem wonnigen Traumland hat --
sie ist nimmer zufrieden damit. --
Sie gedenkt ihres Sorgenkindes, der Welt, die ihr schon manch' bitteres Weh
bereitet hat, sie hüllt sich in ihren blauen Himmelsmantel, mit goldenen
Sternlein besäet, und fliegt mit geheimnisvoll leisem Flügelschlag
über die Erde, und wenn sie sieht, daß ihr Sorgenkind immer noch so
verdrießlich und wetterwendisch und eigensinnig-dumm und boshaft und
lieblos ist, dann fließen Thränen der Wehmut und des Zornes und des
Mitleids aus ihren schönen Augen, vermischt mit Hoffnungsbalsam und
Sehnsuchtslauten nach ihrem Traumland, und diese kostbaren Thränen fallen
zur Erde hinunter in die Herzen ahnungsvoller Menschen, die von Liebe
entbrennen zur herrlichen Göttin Phantasie; sie singen dann, was ihr Herz
bewegt, und die Welt nennt sie Dichter.
Aber Frau Phantasie verhüllt sich mit ihrem blauen Himmelsmantel, so
daß nur die kleinen nackten Füßchen wie zartrosa Wölkchen darunter
hervorgucken, der Wind nimmt sie auf seine Flügel und trägt sie in ihr
Königreich, und dann geht die Sonne auf.
Lange schon ist es her, daß die Königin ihre letzte Reise unternommen
hat; sie hat über den Wolken gethront im Traumland; aber Wehegeschrei und
Kanonendonner sind bis zu ihr hinaufgedrungen und Zornesrufe nach Freiheit
und Fluchworte gegen Lüge und Heuchelei, und dann wurde es ruhig, ganz
ruhig unter ihr -- da erhob sie sich von ihrem Thron, legte die weiße
Hand gegen das rosige Ohr, lauschte in die Ferne, und sie sprach zu ihrem
versammelten Volke:
»Horch, so friedlich ist's da drunten! Sollte wohl jetzt die Zeit gekommen
sein, wo ich meine Lieblinge hinaussenden kann, auf daß sie der Welt
Erlösung bringen? Meine Kinder, meine weißen, süßen, unschuldigen
Kinder: Wahrheit und Liebe, die ich mit dem Sonnengott, dem ewigen Licht,
gezeugt; sie schlummern unter Blumen nun seit vielen tausend Jahren und
immer wollte ich sie wecken und immer noch war es zu früh; immer begann es
wieder zu lärmen auf der Welt, wenn ich gerade mich niederbeugen wollte,
um sie wachzuküssen -- die beiden Zwillingsrosen. Nun aber ist's Zeit.
Geschwinde, Ihr lustiges Volk, geschwinde, Ihr meine Treuen -- kommt,
kommt, laßt sie uns wecken!«
Und da huscht es, und haucht es und weht und faucht es über sie hin, um
sie her, und da singt es und saust es und klingt es und braust es, und die
Blümlein duften süß und die Zweige neigen sich flüsternd und leise.
-- Da stehen zwei holde Kinder mitten unter ihnen, ein Knabe und ein
Mägdelein -- sein Antlitz ist ernst und klar und trotzig und sonnig, in
ihrem rosigen Gesichtchen lacht der Frühling, und doch thront auf der
Stirn eine leise Schwermut und in den Augen wohnt die Sehnsucht. Und die
Königin zieht ihre holden Lieblinge an ihr Herz und weint Glücksthränen
auf ihre jungen Häupter, und all ihr Volk steht erwartungsvoll schweigend
um sie her. Da spricht sie:
»Ihr meine jungen Helden, mein ernster Knabe, mein lachend Mägdelein --
steigt nieder zur Erde, zieht hin über die Welt und verkündet ihr das
neue Evangelium, bringt ihr die Liebe, lehrt sie die Wahrheit. Ach, sie
ist arm, arm an Glück und Liebe -- lehrt sie, daß nur durch Liebe die
Seligkeit zu erringen ist, von der sie so viel gehört und die sie nicht
verstanden hat.
Laßt Euch nicht abschrecken durch rauhe Worte, durch herzlose That --
predigt immer wieder, ruft in die Welt, in ihre Herzen hinein, jubelt ihr
entgegen das Evangelium von der Liebe, ohne die nichts ist, hier nicht, wie
auf Erden.
O meine Kinder, vor allem trennt Euch nicht, faltet Eure Händchen
zusammen, verlaßt Euch nicht, denn die Wahrheit ist nicht ohne die Liebe,
und die Liebe tot ohne die Wahrheit. --
Allein seid Ihr nichts, vereint alles!«
Da gab man ihnen Oelzweige in die Hände, Mutter Phantasie nahm die Kinder
in ihren Himmelsmantel und trug sie zur Erde nieder, und die Elfchen und
Nixchen und Kobolde huschten um sie her, die Vöglein zogen mit ihnen und
sangen und alles war voll Freude.
Aber der alte, weltweise, vernünftige Uhu saß in dem Eichbaum, unter
welchem Wahrheit und Liebe, von duftenden Blumen zugedeckt, viele tausend
Jahre geschlummert hatten, klappte seine großen Augen auf und zu und
seufzte, daß es in den Klüften und Schluchten wiederhallte:
»Zu früh, viel zu früh, ach, es ist zu früh!«
Hand in Hand irrte nun das Zwillingspaar durch die Lande, über Berg und
Thal, über Fluß und Steg, an all den vielen Städten und Burgen vorüber,
mit ihren vielen tausend Bewohnern, aber keiner wollte so recht etwas
von ihnen wissen. Da waren wohl viele, die sagten: »Ach, wie schön seid
Ihr!« Das waren lauter junge Leute, die Kopf und Herz noch voll herrlicher
Gedanken und beseligender Empfindungen trugen, aber sie hielten sich doch
in scheuer Entfernung, denn sie kannten die Kinder nicht. Da waren Andere,
die tätschelten sie gönnerhaft auf die lockigen Häupter und sagten:
»Ja, recht schön, aber unpraktisch!« Das waren alte, weißhaarige
Männer und Frauen. Da waren noch Andere, die wollten mit lustigen,
bunten, lügnerischen Lappen die schöne, reine Nacktheit der beiden Kinder
bedecken, aber da eilten diese angstvoll von dannen und hinter ihnen her
gellte höhnisches Gelächter.
So kamen sie eines Tages durch einen schönen großen Wald, darin
zwitscherte es gar lieblich von Vogelgesang und duftete es süß von
Blumenduft, die Bäume neigten ihre Zweige vor ihnen, und der Vater, der
Sonnengott, liebkoste sie mit seinen warmen Armen.
Die Tiere des Waldes kamen, die scheuen Rehe, die flinken Füchse, die
leichtfüßigen Eichhörnchen, sie sahen sie mit klugen Augen an, und
plötzlich klang's von fern und nah, in allen Zweigen, in allen Lüften:
»Bleibt hier, o bleibt hier! Bei uns ist's gut sein, aber draußen ist's
Winter; die kalte, böse Welt, sie thut Euch weh und treibt Euch fort, und
dann müßt Ihr leiden!«
Aber ein kleines, grünes Tannenbäumchen neigte sich zu ihnen hin und
sprach: »Jetzt bin ich allein; eine schöne Tanne stand bis gestern noch
neben mir; die haben die Menschen geholt, denn Weihnacht ist draußen,
sagen sie, das Fest der Liebe, und da ist die Tanne gern mit ihnen
gegangen, denn dann wird sie geschmückt, geputzt und geliebt. Nun stehe
ich allein und möchte wissen, wohin sie gegangen ist.«
Da blickten die Kinder zu ihrem Sonnenvater hinauf -- der nickte lächelnd,
und sie zogen weiter.
Draußen, jenseits des Waldes, war Schnee und Eis und die Bäume senkten
matt ihre dürren Aeste unter der Last, die ihnen aufgebürdet war; kein
grünes Hälmchen sah unter der Schneedecke hervor und die kleinen Spatzen
piepsten traurig auf der Hecke am Wege. Das liebe Zwillingspaar aber war
ganz warm und der Schnee that ihren nackten Füßchen nicht weh, denn
des Vaters Sonnenstrahlen hüpften um sie her und schützten sie vor der
Kälte.
Nun kamen sie an ein großes, hohes Schloß, das blitzte, funkelte
und strahlte von lauter Gold und von Edelgestein, und wie sie die hohe
Marmortreppe hinaufstiegen, da kamen sie in einen großen Saal, darin stand
ein wunderschöner Tannenbaum mit vielen, vielen Lichtern, und um ihn
her sprangen und lachten und scherzten fröhliche Kinder und freundliche
Menschen -- ach, da ging ihnen das Herz auf und sie traten dicht vor den
stattlichen Mann hin, der eine schöne Frau am Arme führte, und öffneten
ihre lieblichen Lippen:
»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium
wollen wir verkündigen, daß es weit hinschalle über alle Welt!«
Da schüttelte der stattliche Mann den Kopf und die schöne Frau wich
ängstlich zurück und rief ihre Kinder zu sich, daß sie nicht den kleinen
Fremdlingen zu nahe kämen.
»Ein neues Evangelium! Damit seid Ihr nicht am rechten Platz. Nur keine
Neuerungen! Festhalten am Alten, Hergebrachten, das ist eines Edelmannes
würdig. Und Wahrheit und Liebe? Gewiß! aber streng nach den Regeln der
Etikette müssen sie sein.«
»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe Wahrheit zur Liebe, »hier ist
nicht gut sein.«
Und sie gingen weiter. -- Da kamen sie in eine große Stadt. Da waren so
viele Häuser und so viele Menschen, daß sie gar nicht wußten, wohin sie
gehen und an wen sie sich wenden sollten.
So schritten sie kühn in ein vornehmes Haus hinein, darin war es gar warm
und behaglich, und sie stiegen die teppichbedeckten Stufen hinan und kamen
in ein schönes Gemach, das war reich und bunt ausgestattet, und in der
Mitte auf einem Tisch stand ein großer Weihnachtsbaum, der leuchtete
von vielen, vielen Lichtern, lauter geputzte Leute standen um ihn und
bewunderten die kostbaren Sachen, die darunter lagen. Das Zwillingspaar
hielt sich fest an den Händen, und sie traten zu dem Herrn des Hauses,
der neben einer schönen Dame im Sofa saß, und öffneten ihre lieblichen
Lippen:
»Wahrheit und Liebe heißen wir,« sagten sie, »das neue Evangelium
wollen wir verkünden, auf daß es Lüge und Unglück aus der Welt von
hinnen treibe.«
Da wollte sich der Herr des reichen Hauses schier von Sinnen lachen:
»Wahrheit,« sagte er, »mein Junge, damit kann man nicht handeln« und
»Liebe,« lachte die schöne Dame neben ihm, »~quelle idée!~ Die ist gar
so unbequem und aufreibend --!«
»Komm, Schwesterchen,« sagte der Knabe und sah trotzig um sich, »hier
ist nicht gut sein.«
Die Kleine schmiegte sich dicht an seine warme Seite und sie zogen weiter.
Nun kamen sie in ein ganz kleines, unscheinbares Häuschen, da brannte auch
ein Tannenbäumchen, aber nur ein ganz winziges, mit zwei kleinen Lichtchen
und ein paar Aepfeln und Nüssen daran.
Neben dem Baum saß eine junge blasse Frau mit zwei Kinderchen im Arm
und am Fenster ein finsterer Mann, der brütete vor sich hin und sah das
Weihnachtsbäumchen kaum.
Und das Zwillingspaar trat ein und lächelte dem anderen Pärchen zu:
»Weihnachten ist heute, das Fest der Liebe. Vom Traumhimmel sind wir
gesandt, die neue Religion zu verkündigen, das Evangelium der Liebe und
Wahrheit.«
Aber die angeredeten Kinderchen wandten sich verschüchtert zur Seite, und
der blassen Frau liefen die Thränen über die schmalen Wangen.
»Liebe,« schluchzte sie, »Liebe ist nur vom Uebel, denn sie hängt
schwer an Einem, und von Liebe kann man nicht leben.«
»Und Wahrheit?« fragte der Mann mit bitterem Lachen, »wenn man die
Wahrheit sagt, wird man mit Hunden gehetzt. Geht weiter, Euer Evangelium
ist nicht für Arme.«
Da zogen sie traurig von dannen und irrten in den Straßen umher und wagten
nicht mehr in die Häuser einzutreten. Sie kamen an ein großes, großes
Haus, das hatte einen Turm, der ragte bis in den Himmel hinein und aus den
geöffneten Fenstern drang freundlicher Lichtschein von vielen Lichtern,
Orgelklang und Gesang von vielen frommen Stimmen; sie schlüpften hinein
und standen in einer Kirche voll frommer Menschen und vor dem Altare stand
eine Krippe, darin lag ein kleines Kindlein, nackt, wie sie selber, mit
einem goldenen Krönchen auf dem Haupte.
Und sie liefen hin und freuten sich und wandten sich zum Volk und
verkündeten mit lauter Stimme das neue Evangelium; denn sie dachten, hier
wäre es gut und fromm und hier würden die Menschen auf sie hören.
Kaum aber hatten die von einer neuen Religion vernommen, da erhob sich ein
böses Geschrei und wütendes Toben, und an der Spitze der Mann, der an der
Krippe des Jesukindes schöne Worte gesprochen hatte, und:
»Neuerer, Ketzer! steinigt sie, treibt sie hinaus!« -- riefen sie.
Ach, die armen Sonnenkinder, sie wußten nicht, wie ihnen geschah, als sie
plötzlich draußen vor der Kirchenthür sich befanden, die krachend hinter
ihnen zufiel.
»Ach wären wir im Traumland,« seufzten sie, »unter Blumen und
Vögelein, unter der Königin blauem Sternenmantel -- uns friert, ach so
sehr.«
Da, fern von der Stadt, begegneten ihnen zwei hohe, schlanke Gestalten, ein
Mann und ein Weib -- die hielten sich eng umschlungen und von ihren Stirnen
ging ein Leuchten aus, daß es die Kinder wundersam durchschauerte. Sie
faßten Mut und gingen jenen entgegen und fragten:
»Was thut Ihr hier draußen?«
»Wir feiern Weihnachten,« sagten jene beiden lächelnd.
»Ohne Baum und Menschen?«
»Für uns allein; in unserem Herzen, denn die Menschen haben uns von sich
gestoßen!«
»Was thatet Ihr?«
»Wir sprachen die Wahrheit und in unserem Herzem thronte die Liebe,«
sagten jene beiden und ihre Augen leuchteten. »Das aber kann die Welt
nicht dulden, es ist gegen ihr Gesetz, und darum haben sie uns von sich
gestoßen.«
Da sangen und jubelten die Kinder ihr neues Evangelium in alle Winde hinaus
und der Mann zog sein Weib in seine Arme und sie lauschten der Lehre
von der Wahrheit und der Liebe, die die Kinder der ewigen Sonne und der
Phantasie ihnen predigten.
Da aber kam der Wind und trug die Sonnenkinder über die Wolken ins Land
der Träume.
Und wie sie der schönen Mutter ihre Leiden, ihren Kummer und ihre
Seligkeit vertrauten, da weinte sie goldene Thränen und sie fielen in die
Herzen jener seligen Menschenkinder, die die Welt von sich gestoßen hatte.
Die Elfen und Gnomen und die Vöglein alle, das lustige, leichtlebige Volk,
tanzten und jubilierten, und nur der große Uhu saß im Eichbaum, unter
dem die Sonnenkinder wieder schliefen, unter Blumen zugedeckt, und knurrte
prophetisch:
»Zu früh, viel zu früh, die Welt ist noch nicht reif für das Evangelium
der Liebe und Wahrheit!«
Schneeflocken.
Die Schneeflocken haben Ball heute Abend. Hei! Wie sie sich schwingen in
tollem Reigen da oben auf den Bergen, wie sie durcheinander wirbeln und auf
und niederspringen, daß einem ganz schwindelig wird beim Hereinschauen.
Und der Wind spielt ihnen auf dazu; er saust durch die Tannenwipfel und
schüttelt die Kronen der alten Waldriesen, daß sie die Zweige pfeifend
gegen einander schlagen; er braust durch die Schluchten und gellt durch die
Felsenklüfte, daß es fast wie Hohngelächter klingt, er singt ihnen ein
Nordlandslied, wild wie sein Brausen und Toben. Er singt ihnen von den
eisigen Gletschern da oben im Norden, und von der Eisjungfrau, die da haust
mit Augen, klar und doch unergründlich, wie der Bergsee; er singt, wie sie
mit schrillem Lachen die weißen Arme ausbreitet und an den Schneewänden
ihres Eispalastes rüttelt -- dann stürzen die Lawinen krachend zu Thal
und begraben das Menschenvolk da unten. Von den lustigen Gesellen, den
Eisbären, erzählt er, seinen Freunden, wie sie im täppischen Tanz
umeinander sich drehen, fast wie riesengroße, weiße Schneeflocken,
daß es gar komisch anzusehen ist; und von den Schiffen, die zwischen den
Eisblöcken stecken, und den Menschen darauf, deren heißes Menschenherz
langsam zu starrem Eise wird; von den flimmernden, glitzernden,
funkelnden, kalten Sternen da oben am Himmel, die todesruhig lächelnd
herniederschauen; von dem Nordlicht, das aufflammt mit trotziger Glut und
der Eisjungfrau auf ihrem Gletscher einen rosigen Schleier überwirft,
aus dem sie herauslächelt, fast wie ein Menschenbild -- so lockt sie
die Menschen an, die kühnen Jäger, und sie steigen hinauf zu ihr, immer
höher und höher, und sie winkt ihnen und lächelt süß, verheißend --
und dann stürzt sie die thörichten Gesellen hinab, in die eisige Tiefe.
-- Hoiho! jauchzt der Wind, wild ist mein Nordlandslied! Wild, wie der
Eiskönigin Lachen, wie der Lawinendonner! Und hoch empor wirbelt er die
armen Flöckchen, bis sie sich ermattet an den Tannenzweigen festklammern.
Da ist's gut ruhen; sie schmiegen sich eng an die Nadeln hin -- die
flüstern und kosen mit ihnen, die wiegen sie hin und her und erzählen
ihnen Waldmärlein: von dem naseweisen Tannenbäumchen, das gar nicht
zufrieden gewesen damit, daß es im schönen grünen Wald gewohnt und die
Füßlein im weichen Moos gebettet hat; gelangweilt hat es sich auf seinem
heimatlichen Stückchen Erde und hat hinausgewollt in die weite, weite Welt
und gejammert und geschluchzt: O Wind, nimm mich mit! O Quell, rausch' mich
zu Thal!
Da hat mit einemmal die Waldfee vor ihm gestanden im grünen Gewand und
lockigen Haar, hat es mit den Blumenaugen angeschaut, mit den zarten
Händen berührt und gesagt: »Geh', mein Bäumchen, reise zu Thal. --
Sie werden Dir weh tun, Dich von Ort zu Ort schleppen, und doch bringst Du
ihnen von den Bergen herunter die Sehnsucht mit -- den Tannenduft, damit
sollst Du ihnen die Seele erfüllen, daß sie gut werden und sich freuen
wie die Kinder.«
Dann hat sie das Bäumchen geküßt und ist im Wald verschwunden. --
Danach sind eines Tages zwei Männer gekommen und haben sich das
Tannenbäumchen von allen Seiten angeguckt und zufrieden mit den Köpfen
genickt. Dann haben sie ihre Pelzkappen zurückgeschoben und sich die
Hände gerieben und die blanken Aexte genommen und haben die Füßchen der
Tanne geschlagen, daß es durch den Wald gedröhnt hat, haben sie zur
Erde geworfen, ihr einen Strick um den Leib gebunden und sie hinter
sich hergeschleift über Stock und Stein, durch Schnee und Eis. Und das
Tannenbäumchen hat leise vor sich hingeweint, und die großen Bäume auch;
aber die Männer haben das nicht gehört, die meinten: Horch -- wie der
Wind pfeift!
So ist die kleine Tanne zum Weihnachtsbäumchen geworden, wie die Waldfee
sagt -- denn da unten im Thal feiern sie Weihnacht -- --
»Was ist das?« fragten zwei neugierige kleine Schneeflocken, die sich
angefaßt hatten und mit ihren zarten, weißen Gliederchen auf den Zweigen
der alten Tanne auf und nieder wippten.
»Ja, was ist das!« sagte die alte Tanne, »Wintersonnenwende nennen
wir's, und die Waldfee sagt: Jetzt wacht die Sonne auf und nun beginnt tief
unten in der Erde das Keimen und Wachsen, bis es schließlich herauf dringt
zu uns und die ganze Welt erfüllt. Aber da unten im Thal nennen sie's
Weihnacht und sagen, die Liebe wäre ihnen geboren -- und dann schmücken
sie das Tannenbäumchen mit vielen, vielen Lichtern und zünden sie an,
daß man meint, der ganze Baum stände in Flammen, und läuten mit ihren
Glocken dazu -- da -- hört Ihr's?«
»Bim bam bum!« singen die kleinen Schneeflocken, »da möchten wir hin!«
und sie bitten den Wind: »Wind, fahr' uns hinab!« -- Der breitet seine
großen, weißen Schwingen aus, die beiden Flöckchen klammern sich mit
ihren vielen Fingerchen daran fest und nesteln sich in ihren Zottelpelzen
tief in die Fittige ein, und heidi! da ging's zu Thale.
»Grüßt mir das Tannenbäumchen!« rief die alte Tanne ihnen nach -- und
sie brummte in den Schneemantel hinein, der sich allgemach um ihre starken
Glieder gelegt hatte: »Komisches Volk, diese Menschen! Mußte ihnen die
Liebe erst geboren werden? Ist sie denn nicht so alt, wie die Welt steht?«
Und dann schüttelte sie ihre Nadeln, daß die Schneeflocken, die schon
darauf eingeschlafen waren, erschrocken in die Höhe fuhren.
Die beiden neugierigen Schnee-Engelchen aber flogen zu Thal, und der Wind
war bös und pfiff ihnen in die kleinen Ohren, daß es gellte: Puh -- da
unten ist's schlecht. Was wollt Ihr bei den Menschen? Entweder sie ballen
Euch zusammen und werfen sich mit Euch gegenseitig an die Köpfe, oder sie
kehren Euch auf einen Haufen, daß ihr ganz schmutzig werdet und die Sonne
Euch aufschmilzt -- umkommen thut Ihr jedenfalls!
Doch da waren sie schon im Thal angelangt, vor einem großen, schönen
Hause; das lag still und dunkel und allein. Nur aus einem Fenster
schimmerte ein roter Schein, dahin flog der Wind, und sieh'! von dem
Fenster her grüßte und winkte es den Flöckchen entgegen -- das waren
ihre Basen, die Eisblumen, die an den Glasscheiben in die Höhe wuchsen
und allerlei wunderliche Gestalten angenommen hatten, und die Flöckchen
setzten sich zu ihnen und guckten in's Haus hinein. Da drinnen ist's
prächtig: ein hohes, weites Gemach, und aus einem großen, weißen
Marmorkamin flutet der rote Feuerschein drüber hin, über den Tannenbaum,
der schön geschmückt und glänzend dasteht, über die vielen bunten
Spielsachen und all die kleinen Figürchen, die da unter'm Tannenbaum ihr
Wesen treiben.
Die Eisblumen erzählten, wie schön es gewesen sei, als das
Tannenbäumchen ganz in Flammen gestanden und die Kinder um es
herumgesprungen wären und gelacht und getollt und gejubelt hätten. Dann
haben sie die Lichter gelöscht und ein Duft ist durch das Zimmer
gezogen, so würzig, so zart, so wunderstark, noch riecht's in allen Ecken
darnach --
Die Schneeflöckchen vergingen fast vor Sehnsucht nach all dem Schönen.
Mitleidig verrieten ihnen die Eisblumen, daß ganz, ganz unten am Fenster
eine schmale Ritze offen wäre, da könnten sie noch besser hineingucken,
und vorsichtig kletterten die Flöckchen an den glatten Scheiben hinunter
und nun stehen sie vor der Fensterritze -- -- --
»Also, so sieht Weihnacht aus!« flüstern sie einander zu, »komm', wir
wollen uns an die Händchen fassen und hineingehen und den Weihnachtsduft
einatmen.«
»Thut das nicht,« antworteten die Eisblumen, »Ihr seid Kinder der Luft,
Ihr gehört nicht zu denen dadrinnen -- Ihr werdet hinsterben vor Sehnsucht
zu ihnen.«
Aber die Flöckchen hörten nicht auf die Erfahrenen; sie zogen sich
ihre kleinen Schneemützchen über die Ohren, damit sie auch hübsch kalt
blieben und schlüpften durch die Fensterritze. -- Da schlug's Zwölf.
Das kleine Männchen in der bunten Uhr, die auf dem Kaminsims stand,
kam zwölfmal herausspaziert und beim letzten Mal nahm es seinen kleinen
Dreimaster ab und verbeugte sich und sagte: »Meine Herrschaften, die
Geisterstunde hat geschlagen!« --
Dann verschwand es wieder in seinem Glashäuschen, und klirrend schlug die
Thür hinter ihm zu.
Nun begann ein wunderliches Wispern und Tustern in allen Ecken und Winkeln
-- alles im Zimmer wurde lebendig und es war plötzlich ein Stimmengewirr
wie beim Turmbau zu Babel. Alle die vielen Deckchen und Schleifen, die an
den Stühlen und Lehnen herumhingen, fingen an, eine der andern Vorwürfe
zu machen, daß sie sich immer den Menschen auf den Rücken setzten oder
auf der Erde herumtrieben, und wurden so heftig dabei, daß sie sich
schließlich gegenseitig mit sich selber bombardierten. -- Das Sofakissen
wurde elegisch und machte der Schlummerrolle eine Liebeserklärung. --
»Sie haben eine so schöne Gestalt!« sagte es, -- »von oben bis unten
egal!« Und die Feuerzange beim Ofen wollte die Schaufel umarmen und kniff
ihr dabei derb in die Nase. Die kleinen Sèvres-Figürchen auf dem Kamin
schürzten ihre Rokokokleidchen zum Tanz und der Nußknacker, der in der
Uniform eines Gardelieutenants auf dem Weihnachtstische stand, klemmte sein
Monocle ins Auge, näselte: »Charmant, auf Taille!« und klappte seine
Kinnladen mit einem gefährlichen Ruck wieder zu. Dieser Nußknacker war
überhaupt ein Don Juan; just hatte er der niedlichen kleinen Puppendame,
die in Balltoilette auf einem rotsammetenen Lehnstuhl saß, versichert,
sie sei seine erste und einzige Liebe, und nun warf er der porzellanenen
Schäferin da oben Kußhände zu und entschuldigte sich damit, daß es ja
Weihnachten sei.