Aber nein, die kleinen Füße schreiten fest und sicher weiter, der Wind

kann ihnen nichts anhaben -- aber der andere, der im Herzen weht, durch das

Leben stürmt, ob der die schlanken Frauenfüße wohl nicht vom glatten Weg

hinabwirbelt -- in die Gosse?

Davon freilich wußten die trockenen Blätter nichts: sie lagen in der

Gosse und dachten nach; und der Wind strich jauchzend über sie hin. Es

wäre ihm ein Leichtes gewesen, die ganze Gesellschaft aus dem Rinnstein

hinauszuwirbeln, über alle Welt zu jagen. Doch er that es nicht; lauernd

hing er über ihnen und sang sein Lied:

»Jetzt schirre ich meine Wolkenrosse und stürme dahin und brause

über die Stadt und über das Land in den Wald. Eure Schwestern will

ich besuchen, die glührot an den Bäumen hängen. Und ich hause in den

Zweigen, und ich brause über die Wipfel, und ich schüttle die bunte

Pracht. -- Seht Ihr den bunten Blätterregen?

Und seht Ihr die Trauerweiden, wie sie den Waldteich bewachen, düster,

schwermut-geheimnisvoll? Ich peitsche ihre niederhängenden Haare, daß sie

wie graue Schlangen zischeln und züngeln. Ich wühle die schwarzen Fluten

des Waldteichs auf, daß die Wellen schäumen und sich kräuseln und mit

nassen, starken Armen die Wasserrosen hinabziehen in das dunkle, dunkle

Grab. --

Nur die Königin -- sieh', da ruht sie auf schwarzgrünen Blättern, und

sehnsüchtig leuchtet ihr weißes Blumengesicht mir entgegen. Ich fliege zu

ihr, und ich reiße sie an mich in wilder Lust, kosend schaukle ich sie hin

und her, ich sauge wollüstig den Duft aus ihrem weißen Kelche, ich küsse

sie mit zärtlich stürmischen Küssen -- sie stirbt an diesen Küssen --

und ich trage ihre Blumenblätter hin über den schwarzen Waldesteich,

hin über die Welt -- -- Ist es süß, zu sterben an den Küssen des

Gewaltigen? -- --

Heiho! -- Ihr Wolkenrosse -- graue, schwarze! senkt Euch tiefer, daß

ich Euch besteige, daß ich Euch zügle hin über die Erde -- der ich

Vernichtung bringe -- --«

Raschelnd flogen die trockenen Blätter ihm nach, aber nur eine Spanne

hoch, dann fielen sie wieder herunter in den Rinnstein. Und da lagen sie

wieder mit ihren Gedanken.

Es hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft in der Gosse

zusammengefunden. Da waren Blätter von allen Größen und jedes sah ganz

anders aus. Sie gehörten zwar alle entweder zu der großen Familie »Derer

von Baum« oder zu der »Von dem Busche« -- aber eine rechte Einigkeit

konnte nicht erzielt werden, da sich die vom Baum viel vornehmer dünkten,

als die von dem Busche, und daher wurde so viel von Stammbäumen,

Wappenschildern und dem Gothaer geredet, den die Firma Frühling, Sommer

u. Co. herausgab, daß die übrige Gesellschaft im Rinnstein, die nicht

von so hoher Abkunft war, in tiefster Ergebenheit erstarb. Darin waren sie

sich jedoch alle einig, daß sie nur durch unverschuldetes Unglück, durch

widrige Winde und plötzliche Regengüsse so heruntergekommen waren, daß

sie sich nun in der Gosse befanden.

Da stak mitten unter dem Blätterhaufen ein langer, schlanker Strohhalm,

hineingeflogen wie ein Pfeil -- die Blätter hatten ihn immer für etwas

ganz Unbedeutendes gehalten -- der that jetzt den Mund auf und begann zu

erzählen: »Ich bin sehr vornehm,« sagte er, »ich bin ein Prinz. Ich

bin Oberst gewesen in Ihrer Majestät der Frau Königin Erde Weizenfeld,

Allerfeinste-Mehlsorte No. I. Ich trug eine gelbe Uniform und einen

prächtigen Raupenhelm auf dem Kopfe. -- Ihr hättet es sehen sollen, unser

Regiment! Wie wir in Reih' und Glied standen -- fest wie eine Mauer! Wie

wir exercierten -- hierhin, dorthin, auf und nieder, wenn unser Kommandant,

Generalissimus Wind, seine brausende Stimme erschallen ließ. Hei! das

war eine Freude, uns anzuschauen! -- Und dann kam der Krieg, das war ein

schneidiger Krieg! Erbarmungslos mähte der Feind, jenes uncivilisierte

raubgierige Gesindel, das sie Menschen nennen, uns nieder, und wir fielen

ebenso schön in Reih' und Glied, wie wir gestanden hatten. -- Aber tot

waren wir nicht -- bewahre! (denn sonst könnte ich es Euch ja

nicht erzählen). Wir gerieten nur in Gefangenschaft, und in bittere

Gefangenschaft. Sie banden uns zusammen, wie die Indianer, und schleppten

uns fort und steckten uns in die Folter, bis sie all den Reichtum, den wir

in unserm Raupenhelm trugen, herausgequetscht hatten, und dann, ja dann

sollten wir erniedrigt werden, den Pferden Dienste zu leisten, den Pferden

unserer Feinde. Die wollten auf uns herumtrampeln, die wollten uns als

Lager benutzen, die wollten -- mit einem Wort -- Mist sollten wir werden!

-- Ich, Prinz von Halm-Halm -- auf Aehre -- Oberst in Ihrer Majestät der

Königin Erde Regiment Weizenfeld-Allerfeinste-Mehlsorte No. I.

Da, als wir gefesselt, geknebelt, aufeinandergepackt, in dem

Transport-Wagen lagen -- da habe ich zum erstenmal in meinem Leben die

Subordination vergessen -- ich, dem die Subordination alles war, und bin

ausgerissen.

Und die Folge davon? -- Ich liege in der Gosse -- --

Ja, Subordination muß sein!« sagte der Strohhalm, grub sich mit seiner

leeren Kornähre, seiner Raupe, in den Gossenschlamm und philosophierte

über die Gefahren der Unbotmäßigkeit. -- »Siehst Du, Prinz Halm-Halm:

Schmieg' Dich dem Schicksal an, so kriegst Du einen warmen Pferdestall --

lehn' Dich dagegen auf und Du fällst in die Gosse -- auf Aehre! -- Burrrr

-- brumm!« schnarrte es neben ihm. Ein richtiger, bunter Brummkreisel war

es, der auf irgend eine Weise in die Gosse geraten, unter die Blätter, und

von den Kindern vergessen worden war.

»Subordination. -- Ich brumme was auf die Subordination! Wer wie ich

zeitlebens von allen unnützen Buben auf den Straßen herumgepeitscht

worden ist -- zuweilen waren ein halbes Dutzend hinter mir, und dann mußte

ich tanzen und brummen, bis mir der Atem ausging -- der ist froh, wenn er

auskratzen kann und sein Leben gemütlich in der Gosse beschließen darf.

Wie habe ich mich gesträubt und gewehrt, all' mein Leben lang! Ich habe

den Bindfaden, der an mir saß, so fest um mich herumgewickelt, daß er

beinahe mit keiner Macht der Erde wieder loszumachen war; ich habe mich mit

meinem einzigen spitzen Bein in die Ritzen der Steine geklemmt, daß sie

mich beinahe nicht wieder herauskriegen konnten; ich bin allen Jungen und

Mädchen zwischen die Füße gefahren, daß sie stolperten, und habe dabei

gebrummt, daß mir selber angst und bange wurde. Aber es half mir nichts.

Ich mußte tanzen und schnurren und Kapriolen machen mit der bittersten

Empörung in meinem Brummkreiselherzen. Sie hatten die Peitsche und

folglich auch die Macht und ich mußte tanzen, bis ich eines schönen Tages

in der Gosse lag -- -- -- Brrrrr -- brumm!« sagte der Kreisel, als der

Wind über ihn hinfuhr und ihn zwang, sich um sich selbst zu drehen.

»Ja, mein lieber Herr Kreisel,« sprach da salbungsvoll ein weißes,

bedrucktes Stück Papier, das die Schulkinder aus einem ihrer Bücher

verloren hatten. Die Blätter wollten es nicht für voll anerkennen -- es

war zwar auch ein Blatt und auch trocken, aber es gehörte zu einer ganz

andern Familie -- sie waren gar nicht verwandt. Es hielt sich deshalb ein

wenig abseits und sprach in gebildetem Tone:

»Sehen Sie, mein lieber Herr Kreisel,« sagte es, »das ist von alters her

so gewesen -- ich muß das wissen, denn ich bin aus einem Geschichtsbuche

-- die Starken hatten die Macht und, wie Sie so sehr richtig bemerkten,

folglich auch die Peitsche, mit der sie sehr energisch umzugehen wußten,

und die Schwachen -- nun, die wurden gepeitscht. Da hilft kein Auflehnen

gegen den Willen von oben und gegen die Peitsche der Straßenjungen; die

Kreisel wie alle Armen und Schwachen müssen tanzen -- so ist es immer

gewesen, so ist es heute noch, und so wird es bleiben. Wir haben uns einmal

daran gewöhnt, und wir Gebildeten sehen auch ein, daß es nicht anders

sein kann und daß es so am besten ist.«

Da fuhr aber der Kreisel auf:

»Daran gewöhnt? Fällt uns gar nicht ein! Denken gar nicht daran! Und

wenn wir uns einmal alle zusammenrotteten -- die Bäume und die Büsche und

die Strohhalme, und alles, was so herumliegt, und wir Kreisel und -- und so

weiter -- und wir machten 'mal so eine kleine, lustige Revolu-- --«

Hui! Da faßte ihn der Wind und schüttelte ihn, und da duckte er sich und

sagte: »Brumm!« --

»Ach,« jammerte da ein feines, zärtliches Stimmchen, »was ist das alles

gegen den Kummer, den ich erlebt habe?«

Das war ein Stückchen Papier, lachsfarben, gepreßt, mit Tinte beschrieben

-- man sah, es war etwas Feines. Der Wind hatte es eben erst in wilder Jagd

die Straße hinuntergepustet, und atemlos war es mit einem Purzelbaum in

der Gosse gelandet.

»Ich war rein und hellblank, und ich duftete stärker wie die Veilchen

in der Vase, die vor dem Fenster stand; und ich lag auf einem zierlichen

Schreibtisch und ein reizender, goldener Federhalter kritzelte über

mich hin. -- Ach, dieser Federhalter! Etwas Glänzenderes, Schlankeres,

Zierlicheres habe ich nie gesehen. Und alle die süßen, zärtlichen

Worte, die er mir ins Ohr flüsterte -- war es ein Wunder, daß ich

seinen Schwüren glaubte, daß ich ihn liebte mit all der Glut, deren mein

papierenes Herz fähig war? -- Ach, wie war das Leben schön!

Aber da kritzelte er mir eines Tages mit einem großen dicken Tintenstrich

etwas ganz Unheimliches, Unverständliches zu, so daß ich erschrak, und

dann ergriffen mich plötzlich kleine, weiße Fingerchen, und ich knickte

vor Angst in der Mitte durch, und sie sperrten mich in einen dunklen

Behälter, der wurde fest zugemacht, und eine glockenhelle Stimme trillerte

dazu:

Such' ich mir 'nen andern Schatz --

juhu -- andern Schatz --

und dann reiste ich fort, weit fort, und mein schlanker, goldener Geliebter

blieb zurück, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Ach, ich war wie in

einer Betäubung und kam erst wieder zur Besinnung, als mein Gefängnis

sich öffnete und ich herausgeholt wurde -- und da -- da geschah etwas

Schreckliches: ich hörte eine wuterstickte Stimme, die mich fürchterlich

ausschalt, und große, rauhe Finger nahmen mich und rissen mich mitten

durch, nicht nur einmal, nein, in lauter kleine Fetzen, und wir flatterten

zur Erde nieder und der Wind kam und nahm uns mit sich fort. -- Ach, und

wenn nun mein Federhalter mich sucht, dann erkennt er in diesem kleinen,

schmutzigen Flecken seine schöne lachsfarbene Geliebte nicht wieder.

-- -- -- Ach, was sind alle Leiden und Kümmernisse der Welt gegen die

Schmerzen unglücklicher Liebe!«

Als das traurige Papierchen geendet hatte, entstand eine tiefe Stille in

dem Rinnstein. Sie waren alle gerührt und kämpften mit den Thränen --

»Denn eigenes Unglück und eigener Kummer machen das Herz empfänglich

für die Leiden anderer!« sagte das Blatt aus dem Geschichtsbuche für die

Jugend gebildeter Stände. Nur das große Blatt mit dem Stiel, eines

der vornehmsten aus dem Hause derer vom Baume, murmelte etwas von

»plebejischer Gefühlsduselei!« und der Brummkreisel sagte: »Bitte,

meine Herrschaften, werden Sie nicht sentimental -- das ist veraltet --

und von Liebe halten wir heutzutage nicht viel, die Wissenschaft hat

diesen geheimnisvollen Vorgang in unserem Innern mit grausamer Deutlichkeit

aufgeklärt -- brrrr--brumm!« Da aber gab es einen großen Disput, wie

in einer politischen Sitzung, und wie sie noch im besten Zanken waren,

öffnete sich in dem nächsten Hause eine Thür und ein junges Mädchen

trat heraus mit einem Besen in der Hand, denn es war Sonnabend, und die

Straße sollte gekehrt werden. Mit kleinen lustigen Schritten trippelte sie

daher und die braunen Augen sahen zuversichtlich in die Welt hinein. Sie

begann mit kräftigen Bewegungen den Rinnstein auszukehren und summte

halblaut dazu:

Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt',

Wo mein Schatzerl ist --

Ist wohl in die weite Welt --

juhu -- weite Welt --

Ist wohl fortgezogen!

Wenn ich wüßt', wenn ich wüßt',

Wo mein Schatzerl ist --

Wär' ich in die weite Welt --

juhu -- weite Welt --

Wär' ihm nachgezogen!

Da er mir nun nichts gesagt,

Warte ich wohl über Nacht --

Such' mir dann ein andern Bub --

juhu -- andern Bub' --

Muß mich nit verlassen!« -- --

Und nun purzelte alles durcheinander: die Blätter und der Strohhalm und

das Papier und der Kreisel. Das Mädchen kehrte sie zusammen auf einen

großen Haufen, und jubelnd kamen die Kinder herbei und zündeten das

trockene Laub an -- --

»Burrr!« sagte der Kreisel, »mein revolutionäres Feuer schmilzt mich

auf!«

Und knisternd flog die lachsfarbene Schönheit in die Höhe; denn der Wind

blies in den Scheiterhaufen, daß die Funken stoben, er trug sie mit sich

fort, wie die weißen Blätter der Wasserrosenkönigin, und streute sie

aus auf seinem Wege, daß ein Feuerregen niederfiel. Die braunen Augen des

Mädchens sahen ihnen nach, und sie sang:

»Ist wohl in die weite Welt -- juhu --

juhu -- weite Welt --

Ist wohl fortgezogen!«

Sonniger Winter.

Sie sagten, es sei Winter. Da ging ich hinaus, ihn zu begrüßen. Denn hier

drinnen in der engen Stadt hat er ein gar häßliches Aussehen, rauchig

und schmutzig, und er blickt dich an mit den Augen des Hungers. -- Draußen

aber lag der lachende Sonnenschein. War das der Winter? Er hat ja kein

weißes Kleid an. Die Bäume recken ihre nackten Zweige kraus und zackig

in den blauen Himmel hinein, und ihre Rinde schimmert rötlich, oder weiß,

oder stahlgrau in der schwimmenden, flockigen Luft. Ah, die Luft!

Das weitet die Brust -- wie du mit einem tiefen Atemzug alle den Wald

einhauchst, daß er die Stadt, die rauchige, schmutzige, in dir verzehrt!

-- Mein Fuß wühlt im langen, zottigen Gras. Wenn du nicht hinsiehst

im Park, wo die glatten Wege sind, wo die feinen Karossen fahren, wo die

Menschen auf ebenen Pfaden wandeln, dann meinst du im Wald zu sein -- still

ringsum, nur hohe Bäume, nur das Lispeln, das seltsame, traurige Lispeln

in den nackten Zweigen, die ohne Blätter nicht rauschen und raunen

können, wie sie im Sommer, im Herbst es thaten. Nur die Prärie vor dir,

durch die sich das geschäftige Bächlein im Sonnenschein dahinschlängelt.

Ein zaubrisch Bächlein -- wie es lockt und winkt, eilig über die blanken,

feuchten Steine kollert, und immer raunt und murmelt und erzählt -- was es

nur immer sagt? Ich klettere den Abhang hinunter, tiefgrün schimmert das

Wasser von den bemoosten Steinen herauf. Einzelne ragen draus hervor, sie

sehen mich lockend an -- soll ich hinüber klettern auf den Springsteinen,

zum andern Ufer des Bächleins, dorthin, wo stille, grüne Tannen stehen,

wo es ganz einsam ist? -- Da -- mitten drin -- du böser Nix, was hast du

an dem Stein zu rütteln? Das hält ja so ein tappig Menschenkind nicht

aus! Natürlich, da patsche ich mit den Füßen im Wasser -- und nun

schnell gesprungen, in den Sonnenschein, in das hohe Gras hinein, daß ich

wieder trocken werde. Böser Bach mit deinem Nixen. -- Aber was ist das?

War es Zauberwasser, das mich berührt hat? -- Der Wald ist lebendig

geworden, die Bäume fangen an zu reden, ich verstehe, was die Vöglein

zwitschern, die kleinen, grauen, die Waldvagabonden, die einzigen, die

geblieben sind. Piep! sagen sie, uns ist's einerlei, ob die Blumen blühen

und die Bäume Blätter haben. Dann bauen wir unser Nest in den kahlen

Zweigen, und zwitschern von den zukünftigen Blüten, und die Nahrung --

nun, die stehlen wir uns irgendwo -- nur Freiheit, Freiheit wollen wir

haben! -- Au! sagt das Gras unter meinen Füßen, warum trittst du mich?

-- Ich bin nicht tot. Da, sieh' einmal her -- Und wie ich dann die langen,

zerzausten Haare vorsichtig zur Seite schiebe, da lugt frischer, grüner

Klee schelmisch hervor. Der grüne, grüne Klee -- Weißt du noch, grüner

Klee, wie es war zur Sommerszeit?

Es war zur goldnen Sommerszeit,

Die Welt war groß und war so weit --

Und grüner, grüner Klee.

Der blühte still im Waldesthal

Wie Tropfen Blutes allzumal

Die Blüten stehn im Klee.

Und Falter spielen drüber hin.

Und wir? Wir lagern uns tiefdrin,

Im grünen, grünen Klee.

Dein Aug' ist wie der Falter blau,

Dein Mund rot wie die Blüt' im Tau,

Die Blüte rot im Klee.

Dein Haar ist wie das Sonnenlicht,

Das gleitet durch die Zweige dicht

Wohl über grünen Klee.

Dein lieber Hals, der luget leis,

Wie die Maßlieben wunderweiß,

Aus grünem, grünem Klee.

Da hab' ich mich geneigt zur Stund'

Und hab geküßt den roten Mund

Im grünen, grünen Klee.

Und nur ein Vöglein sah's mit an,

Das lockte süß aus dunklem Tann

Ganz nah beim grünen Klee.

Da war es, wo im Waldesthal

Ich fand zum allererstenmal

Der Blätter vier am Klee.

Merkt ihr, was das bedeuten soll?

Mein Lieb und ich -- wir wissen's wohl --

Ja -- und der grüne Klee. --

Hat mir das Bächlein das Lied gegluckst? Haben's die kleinen Waldtramps

gezwitschert? Hat es der Klee gelispelt -- oder hauchten es die

Sonnenstrahlen in die Welt hinein? Rings um mich singt es und klingt es.

Und plötzlich trottet eine kleine Schar neben mir, putzige Gesellen mit

feinen Gliederchen und lustigem Wesen. Sie laufen neben mir wie eine Schar

Hündchen, sie klettern die platten Baumstämme hinauf und wiegen sich

in dem weiten Geäst hurtig wie die Eichkätzchen, und sie tragen kleine

Narrenkappen auf den Krausköpfchen, damit klingeln sie: Gedanken!

Gedanken! Wir sind deine Gedanken. --

Aber, ihr flinken Gesellchen -- Gedanken? Ich meinte Gedanken, die hätten

schwere Köpfe, und Brillen auf der Nase, und gingen mit gewichtigen

Schritten in den Büchern auf und ab spazieren. Was wollt ihr im Wald mit

mir?

»Wir wollen hören, was er rauscht, was die Bäume sagen, und der Wind

weht. Wir wollen sehen, wo der Winter ist? -- Da, siehst du.« -- Mitten

auf der Wiese war das lange Gras fein säuberlich zur Seite gewachsen und

hatte einem grünen Moosteppich Platz gemacht, der sich glatt und fein

ausbreitete: »Sieh',« flüsterte mir ein Gedanke ins Ohr, »siehst du

die Elfen tanzen, und die Gnomen mit den weißen, zottigen Bärten und

den spitzen, haarigen Oehrlein? Wie die weißen Leiber der Winterelfen

schimmern, wie ihre flockigen Schleier wehen und wie die Lüfte aufspielen

zum Tanz. -- Horch! Wie Schneeknirschen klingt's, und wie die Eiszapfen,

wenn sie klirrend von den Bäumen brechen. Und siehst du, da mitten im

Gewirr den sonnigen Winter stehn? Seine Augen glänzen und er lacht, daß

die weißen Zähne aus dem feurigen Barte blitzen.« -- In den starken

Armen hält er die Winde; wie sie zappeln und die Backen aufblasen vor Wut,

daß sie nicht loskommen können -- da schlägt er den Nordwind und den

Westwind mit den Köpfen zusammen, die bösen Gesellen, und stößt sie

mitten unter das Elfengesindel, das sie jauchzend mit Tannenkränzen

umwindet und fesselt; oben auf des sonnigen Winters Schultern aber steht

der Südwind und stößt jubelnd ins Horn, daß es von den Bergen ringsum

widerklingt. Und jauchzend fallen die Gedanken um mich herum in das tolle

Treiben -- so daß ich mich ordentlich schäme für sie -- was sollen nur

die Menschen davon denken? »Ihr solltet auch nicht denken, ihr Menschen,«

lachten meine wilden Gesellchen -- »denn wenn ihr denkt, dann denkt ihr

immer was Dummes. Es wäre überhaupt viel besser, ihr dächtet gar nicht,

und überließet es uns, euch plötzlich mit etwas Gescheitem durch den

Kopf zu fahren -- wie ein Blitz.«

»Da sieh' hin, die zwei Bäumchen, die da angewackelt kommen,« sagte ein

spöttischer kleiner Gedanke und überschlug sich wie ein Kobold im Gras

vor Vergnügen. »Du denkst, es wären Fichten, aber schau sie einmal an:

sie kommen in kurzem Lauf, ein wenig vornüber, dahergetrottet, ihre Nadeln

stehen zierlich nach beiden Seiten, wie lauter gewichste Schnurrbärtchen,

die Kronen sind ihnen ins Gesicht gerutscht, so daß es aussieht, als wenn

sie die großen Hüte bis tief auf die Nase sitzen hätten, und da die

Zweige just ein bischen über dem Erdboden beginnen, scheint es, als

hätten sie sich die schloddrigen Hosen sorgfältig aufgekrempelt. --

»Ei! wie die Herrchen laufen,« höhnt der lustige Gedanke und zupfte an

ihren Nadeln, worauf sie sich wütend umdrehen und mit den jungen Birken,

die sie als Spazierstöcke mit sich schleppen, nach ihm schlagen -- »sie

thun, als wollten sie dem sonnigen Winter eine Referenz machen, und dabei

schielen sie doch nur nach den weißhäutigen Elfendirnen.«

Nun kommen sie von allen Seiten gewandert: die breitästigen Eichen, die

schlanken Birken im weißen Hemdchen, knorrige Burschen vom Geschlecht der

Baumriesen; und eine nackte Trauerweide tänzelt so lustig daher, daß die

langen, fast bis auf die Füße hängenden Haarsträhne im Winde flattern.

-- Ei, sieh', wen haben wir hier? -- Eine Prozession ehrbarer Herren in

dunkelgrünen Röcken, die bis zur Erde reichen; und aus den stachligen

Kapuzen schauen lustige Mönchsgesichter, und die Aeuglein blinzeln über

die feisten Wangen hinweg nach den schlanken, grünen Nönnchen, die ihre

Kiefernkleidchen gar züchtig geschürzt haben und sittsam kokett neben

der Tannenprozession einhertrippeln. Voran schreitet ein baumlanger

Tannenriese, stark wie Rabelais' Mönch Johann. »Halt da!« kommandiert

er, »hübsch paarweise antreten!« und er bombardiert die letzten in der

Reihe mit Tannenzapfen, damit sie ihn besser verständen -- »und wem's

nicht recht ist, hier im Wald, dem schlage ich die Knochen im Leibe

entzwei!«

Da faßt ein Mönch je ein Nönnchen bei der Hand, und, die grünen Röcke

ein wenig lüpfend, tänzeln sie im Menuettschritt über die Wiese hin zum

lachenden, sonnigen Winter und beginnen artig zu psalmodieren, daß es in

den Wald hineinschallt:

»Brave Mönche sind wir Tannen,

Brummeln unser Mönchsgebet --

Und wenn es zum Schlucken geht,

Laufen nimmer wir von dannen --

Eia, Hallelujah!

»Nönnchen sind wir, Nönnchen heiter,

Leben gottgefällig weiter,

Putzen unser grünes Kleid --

's Himmelreich ist auch nicht weit --

Eia, Hallelujah!

»Und so leben wir gar traulich,

Brüder, Schwestern, Hand in Hand --

-- Unsre Kutten sind verwandt --

Unser Trachten ist beschaulich --

Eia, Halleluja!«

»Ei, so hört auf zu plärren,« dröhnt Bruder Johanns mächtige Stimme

dazwischen --

»Kurze Worte dringen zum Himmel eh'r,

Lange Züge machen die Kanne leer --

Eia, Halleluja!«

Und mit tollem Jubel drehn sie sich mit im Elfenreigen, daß die grünen

Kutten im Winde wehn.

»Hast du nun den Winter gefunden?« flüstert mir ein Gedanke ins Ohr,

»sieh', wie die Sonne über ihm steht, lichtspendend, milde lächelnd,

als ob all das Weh in der Welt nur ein Wassertröpfchen wäre, das sie

lächelnd aufsaugt.«

»Sagtest du: Weh, kleiner Gedanke?« haucht es neben mir, »weißt du, was

das ist?«

Ich wandte mich; da steht unter den hohen Bäumen des sonnigen Winters der

allerhöchste und breitet seine mächtigen Zweige aus, als wolle er die

Welt an seine Brust ziehn. »Sieh',« sagt er und senkt das starke Haupt,

»meine Krone haben sie mir geraubt, der Sturm, als er hinzog mit seinen

weißen Jägern über mein Reich -- meine Aeste haben sie zerschlagen und

die Augen mir geblendet. Weißt du, was es heißt, leben, und die Sonne

nicht mehr sehn, nie mehr!«

Es geht ein Aechzen durch den zersplitterten Stamm, die Zweige bewegen sich

schwankend hin und her -- es ist, als wolle sich der Riese zur Erde neigen.

Aber noch ist er stark, noch steht er aufrecht, bis der Sturm wieder einmal

gegen ihn zu Felde zieht -- und nur wie ein »Weh -- das thut weh!« --

zittert es durch die Luft.

Mich fröstelte es, die Sonne sank tiefer, ich ging dem Heimweg zu.

Einzelne Gedanken blieben im Wald beim Tanz auf dem Elfenteppich, bei dem

sonnigen Winter, andere sprangen mir flüsternd, raunend, kichernd

zur Seite; bis zum Hügel hinauf, am Rand des Waldes, da waren sie

verschwunden. Einige waren den eleganten Karossen nachgelaufen und

guckten spöttisch grinsend in die Wagenfenster, andere hatten sich den

Heimatlosen, vagabondierenden Menschenkindern angeschlossen, die unter

den Büschen des sonnigen Winters ihr Nachtlager suchten. Nur Einer,

ein ernsthafter, blasser, kleiner Geselle stand neben mir, als ich mich

umwandte am Berg und mein Auge die Sonne suchte -- wie seltsam! Die Sonne,

die goldene, große, strahlende, hing herrlich am Himmel -- aber der Wald,

die Welt? Was eben noch leuchtete, schimmerte, in wunderbarsten Farben, das

lag tot und kalt und schwarz zu ihren Füßen.

Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt · 第 5 / 10 段