Und singen's Tanzlied: »Wende, wende
Dich her zu mir, und auf und ab.
Zieh' die Kreise, zart und leise,
Sing' die alte Wunderweise,
Wie die Blumenfee sie gab.
In den Blüten schläft das Kind --
Küsse, küsse es geschwind,
Daß es eins der unsern werde;
Daß es blumenduftig schwebe,
Daß es waldesselig lebe
Auf der hellen, grünen Erde.«
Da ist klein Hilde aufgewacht,
Und hat die Aeuglein aufgemacht:
Und all die Sonnenpracht umher!
Und all das Duften, süß und schwer!
Und sieh' -- die Blumen neigen sich,
Umkreisen sie gar seltsamlich --
Sie trägt ein rosenfarben Kleid,
Das strahlet hell von Taugeschmeid'.
Und Rosen trägt sie in dem Haar,
Und Rosen in den Händen gar.
Die Blumen knieen vor ihr hin:
Heil unsrer Rosenkönigin!
Und eh' sie weiß, wie ihr geschah,
So ruhet sie auf Rosen da;
Und allgewärtig ihren Winken
Die Blumen stehn zur Rechten und Linken,
Und Hilde grüßt nach allen Seiten
Huldvoll, wie sie vorüberschreiten.
Aus Blumen trinkt sie den Blütenwein
Und nascht den goldnen Honigseim.
Die Sonne wirkt ihr die goldne Kron'
Und die glänzenden Flitter für den Königsthron.
Die Schmetterlinge tanzen vor ihr,
Die Grillen spielen auf dafür.
So ruhet sie an Baches Rand
Als Königin übers ganze Land.
Da -- horch! was rauscht es ihr zu Füßen?
Und welch ein Nicken, Winken, Grüßen
Von Blum' und Moos am Ufer dort?
Das Wasser schwillet fort und fort --
Und aus den grauen Nebelwogen,
Da kommt es zu ihr hergezogen
So wunderselig. Aus dem Fluß
Erhebet sich mit süßem Gruß
Der Nix in silbernem Gewand
Und hält die Harfe in der Hand
Die gibt gar traurig hellen Ton --
Ob's Glück mit Thränen gemischt sei schon.
Er breitet die Arme aus nach ihr:
»O Rosenkönigin, komm' zu mir!
Ich will in meinem Arm Dich hegen,
Ich will Dich schaukeln auf der Flut;
Die zarten Glieder sollst Du legen
Auf Wasserrosen, -- da ruht sich's gut.
Mit meinen Fischlein sollst Du spielen,
Ein neckisch Haschen, her und hin --
Die kleinen, weißen Füßchen kühlen
In klaren Silberwellen drin.
Es ist so einsam in der Tiefe,
Im Wasserhaus so kalt für mich --.
Und kämst Du wohl, wenn ich Dich riefe?
O Königin, ich hole Dich!«
Da wird Klein Hilde das Herz so weh --
Es ruft in ihr: O geh', o geh'!
Wie wird es ihr so seltsam kalt?
Was zieht es sie mit solcher Gewalt?
Wie schwillt das Wasser immer mehr --
Da kommt der Nix gar zu ihr her,
Und faßt sie mit feuchten Armen an --
Klein Hilde sich kaum noch regen kann.
Vor Angst, vor Glück? -- Sie weiß es nicht,
Es küßt der Nix ihr blasses Gesicht;
Er wieget sie in seinem Arm,
Es wird ihm -- ach -- so wohlig warm;
Er will sich rauben das junge Blut
In tiefe, rauschende Silberflut.
Klein Hilde schaudert -- an seine Brust
Zieht er sie eng mit sehnender Lust --
Schon netzt das Wasser ihr Gewand,
Er zieht sie hin mit zwingender Hand --
Nun sinkt Klein Hilde sacht hinab
In des Nixen stilles Wassergrab. --
Und horch! wie's um sie rauscht und singt!
Wie's brausend durch die Lüfte klingt!
Klein Hilde, wache auf geschwind,
Sonst weht der wilde Brausewind
Dich wirklich in das Bächlein dort --
Zum Schlafen einen bösen Ort
Hast Du Dir eben ausersehn.
Und dann mußt Du nach Hause gehn:
Die Schule ist schon lange aus,
Und alle Kinder schon zu Haus.
Da hat Klein Hilde sich erhoben
Und schaut verwundert hin nach oben,
Wo Wolken ziehen kreuz und quer,
Gar über die liebe Sonne her.
Wie war doch alles das geschehn?
Hat sie den Nixen nicht gesehn?
Ist nicht am Saum ihr Röckchen naß?
Das ist doch nicht vom feuchten Gras?
Wo ist ihr Rosenkleidchen hin?
War sie denn nicht die Königin?
Die Bäume neigen sich um sie her,
Das kommt vom Wind, der wehet sehr,
Der pfeifet ängstlich durch den Tann;
Klein Hilde hält den Atem an --
Es wird ihr plötzlich so beklommen
Da hat sie hurtig aufgenommen
Die Blumen alle nebendran,
Und springt davon so schnell sie kann.
Jetzt ist sie auf der kleinen Brücke,
Da rauscht es unter ihr voll Tücke:
»Da, Wassermann,« ruft sie geschwind,
»Da, nimm das bunte Blumenkind!«
Und wirft ein schönes Blümelein
In Wassermannes Haus hinein.
Mit weißer Hand greift der es an,
Und strudelnd sinkt's zur Tiefe dann.
Und als Klein Hilde kam nach Haus
Und hat gesagt, was sie gesehn,
Und hat erzählt, was ihr geschehn --
Da lachen sie Klein Hilde aus.
Und scheltend streng die Mutter spricht:
»Im Walde spielen sollst Du nicht!«
Und Hilde setzt ins Eckchen sich
Und weinet, weinet bitterlich.
Klein Hilde, werde wieder froh;
Uns Großen geht es ebenso:
Wenn wir im Walde etwas sehen,
Was all die andern nicht verstehen,
So lachen sie uns auch nur aus
In diesem weisen Weltenhaus.
Und Mutter Ordnung ernsthaft spricht:
»Der Phantasie bedarf man nicht!
Die Poesie -- die braucht man nicht!
Mehr sehn, wie andre, soll man nicht! --«
Das Märchen, das verloren gegangen war.
Das war, als ich einmal spazieren ging und tiefsinnige Gedanken hatte --
worüber? -- Sie waren zu tief, um das ergründen zu können. Vielleicht
war's, ob die Welt da um mich her mit ihren langen Straßen und engen
Häusern eine wirkliche Welt sei oder ob ich sie mir bloß einbilde, und
ob die Menschen, die mir begegnen, wirklich so blödgesichtig dreinschauen,
oder ob ich bloß Schwingungen in meinem Gehirn und Augen habe, die mir
das alles so erscheinen lassen -- ja, vielleicht war's das, worüber ich
nachdachte. Und neben mir her trippelte ein feines Etwas mit großen Augen,
und das kicherte und plapperte mit einem leisen murmelnden Stimmchen wie
ein kleiner Bach; und weil mich das in meinem tiefsinnigen Denken störte,
sagte ich:
»Ei, so sei doch ruhig und stör' mich nicht!«
Da schwieg das feine Etwas erschrocken still. Aber als das liebliche
Gemurmel nicht mehr neben mir einherging, konnte ich erst recht nicht
denken, und als ich mich ungeduldig umwandte, da hatte ich das Märchen
verloren. Nun war mir's ganz ungemütlich zu Mut. Ich ging gleich wieder
zurück, blickte rechts und links, hinter jeden Baum, und unter die
trockenen Blätter, die darunter lagen, aber nirgends leuchteten die
Zauberaugen meines Märchens.
Da fragte ich die Uhr, die vor mir hoch oben in einem langen, spitzen
Kirchturm saß:
»Du wohnst so hoch und hast einen weiten Ausblick -- hast du mein Märchen
nicht gesehen?«
Aber die Uhr sagte nur: Tick-tack-tick-tack! Und als sie schnarrend zu
einer Antwort einsetzte, da sagte sie mit rasselnder Stimme eine ganze
Menge Zahlen her -- als ob Zahlen etwas mit einem Märchen zu thun hätten!
Nun fragte ich die Leute auf der Straße:
»Ihr seid so klein, und guckt immer auf die Erde -- habt Ihr mein Märchen
nicht gesehen?«
Aber die antworteten: »Eine solche Person kennen wir nicht. Und wenn sie
Dir gehört und weggelaufen ist, so zeige es doch bei der Polizei an«
-- -- als ob eine blauröckige Polizei mit einem Knüppel ein Märchen
einfangen könnte!
Nun fragte ich die Bäume im Park, an dem ich vorüberging. Aber die
standen ganz still und regten sich nicht und ließen nur zwei, drei gelbe
Blätter vor mir niedersinken. Da merkte ich, daß es Stadtbäume waren und
zu gebildet zum Antworten auf eine Märchenfrage, und weil ich nun durchaus
mein Märchen, das ich so leichtsinnig verloren hatte, wieder haben mußte,
so ging ich auf Reisen, ihm nach.
Ich kam an ein großes Wasser, das lag friedlich da, wie eine
grünsammetene Wiese, auf der kleine Grabhügel sich wölben, über und
über bedeckt von weißen Maßliebchen. Mir war es, als ob mein Märchen
sein goldenes Haupt lächelnd aus diesen Grabhügeln strecke, und als ob
es kichere: »Nicht in Gräbern findest Du mich -- ich bin das Leben!« --
Aber da kam ein zarter, grauer Nebel und deckte die grüne Sammetwiese und
die Maßliebchenhügel zu, und nur ganz in der Ferne sah ich es aufblitzen
wie weiße Mövenflügel.
Ich kam an eine Insel, darüber flutete ein warmes Abendrot, und ein
Rauschen, ein bedeutsames Raunen zog durch die Wipfel der hohen, stillen
Bäume, als spräche mein Märchen zu mir aus tausend Zungen. Bunte Blumen
standen auf der Insel, die sie die »Schöne« nannten, und sahen mit
stillen Augen zu den Sternen auf, die ganz zart und licht am Abendhimmel
aufleuchteten, wie die ersten Liebesgedanken in einer weichen
Mädchenseele. Leise glucksten kleine lustige Wellchen gegen das Ufer, als
lachten sie über die Wassernixen, die mit ihren weißen Entenfüßchen das
Ufer heranklimmen wollten und immer wieder ins laue Wasser plumpsten. Wie
nah', wie nah' war mir mein Märchen! Ich fühlte es mich umwehn -- aber
als ich danach haschte, sah es mich mit tiefen Augen spottend an, und ich
griff in die Luft.
Danach sah ich mein Märchen wieder in einem Krankenzimmer; da saß es tief
verborgen in dem großen weißen Kelch einer Lilie. Aus deren sammetigen,
weißen Blütenblättern lagen rote Tropfen, als habe das Märchen blutige
Thränen geweint, und es sah mit himmlisch klaren Augen in die Weite. Wie
ein Hauch flog es durch das Gemach: »Hier kannst Du mich nicht halten,
da würde ich vergehen vor Traurigkeit« -- -- und husch! wie ein
Flügelschlag -- da war's aus dem Fenster, und die Menschen um mich sahen
sich fragend an: Was war das?
Eines Morgens, ganz, ganz früh, als die Nacht auf ihrem Lager flehend die
Arme hob, den leuchtenden, ihr entfliehenden Tag zu halten, da erwachte ich
und sah etwas Weißes, Flüchtiges von meiner Seite davonschweben. Und es
umgab mich ein leises Klingen, und Worte tönten -- war's in mir? war's um
mich? -- Horch:
Die Nacht, als ich geschlafen hab',
Da lag das Glück bei mir;
Im Morgenschimmer sah ich nur
Entfliehn die weiße Zier.
Es lächelt, nickt und winkt mir zu:
»Du hast es nicht gewußt,
Daß schlummernd ich mein Köpfchen hab'
Gelegt auf Deine Brust;
Wärst Du erwacht, hätt'st mich gefaßt,
So wär's um mich geschehn --
Nur leis, nur heimlich darf das Glück
An Deiner Seite gehn.«
Nun hatten es viele gute Menschen gehört, daß ich mein Märchen nicht
wieder finden könnte, und weil sie ein verloren gegangenes Märchen für
etwas sehr Trauriges hielten -- ganz anders als die in der Philisterstadt,
die gar nicht recht wußten, was ein Märchen war -- da wollten sie
mir alle suchen helfen. Aber sie thaten es mit so viel Bewußtsein und
Ueberlegung, daß das Märchen sich immer tiefer versteckte; und selbst
der rauschige Weinduft, der ausgesandt wurde, nach ihm zu forschen, kehrte
statt mit meinem lieblich plappernden Märchenkinde mit einem wolligen,
miauenden Kätzchen zurück, das gar scharfe Krallen zeigte.
Da ging ich in die Einsamkeit. Ich kam an wildes, weites Wasser, das
rauscht und brodelt und donnert, als wolle es eine Welt vernichten -- oder
emporheben. Und eine Brücke führt über die weiße Gischt, die ging ich
hinüber. Da war ich auf einer Insel mit hohen, wiegenden Bäumen;
die hielten Felsblöcke mit ihren Wurzeln umklammert wie mit riesigen
Greifenklauen. Und da war noch eine Insel, und noch eine, und noch eine.
Zwischen ihnen drängte sich überall das weiße Wasser hindurch; es war
so klar, daß man die kleinen Mooswälder auf dem Gestein unter ihm
sehen konnte, und die Höhlen, dunkelblau und tiefgolden, in denen die
Wasserkobolde wohnen. Wie ich nun an der äußersten Spitze der letzten
kleinen Insel angekommen bin und hinsehe über das weite, schäumende
Wasser, da sitzt dicht vor mir, nahe am brausenden Wasserabsturz,
mein Märchen auf einem Felsblock. Es hat seine nackten Beinchen hoch
heraufgezogen, damit sie nicht naß werden, und umschlingt die Kniee mit
den weißen Armen; das Haar rollt silberglänzend um die kleine Gestalt,
wie der sonnendurchleuchtete Kamm einer Woge, und die meergrünen
Zauberaugen sehen zwingend zu mir hinüber. So sitzen wir beide und
lächeln uns an, so froh, daß wir uns wieder haben, und dann erzählt das
Märchen:
Weit droben im großen See tief auf dem Grund, da steht das Schloß des
alten Wasserkönigs. Von grünem, strahlendem Krystall ist es erbaut, und
die Wände sind so klar, daß der Wasserkönig mit seinen seegrünen Augen
hindurchschauen kann und alles sieht, was in seinem Reiche vorgeht. Wenn
die Fische rebellieren wollen, dann weiß er es schon, noch ehe sie den
revolutionären Gedanken gefaßt haben, und der Kopf wird ihnen abgebissen,
ehe sie wissen, wo er ihnen eigentlich sitzt. Ja, der König führt ein
strenges Regiment, sogar unter den weiblichen Unterthanen, und manch
hübschem Nixlein bebt das goldschillernde Schwänzchen, wenn der König
musternd die Reihen durchschreitet; denn manch Nixlein hat ein böses
Gewissen, und -- ach, die königlichen Zwillingssöhne sind gar so
herzliebe Gesellen.
Da berief der König eines Tages seinen Hofstaat um sich. Er saß auf
einem Thron von goldglänzendem Kiesel, auf dem weißen Haupte trug er die
Seekrone von Smaragden, und in den langen silbernen Bartwellen funkelten
die Schaumperlen. Ringsum harrte das Gesinde in ehrfürchtigem Schweigen,
kaum, daß die beweglichen Schwänzchen hin und her zuckten. Vor ihm
aber standen die Zwillinge und warteten des königlichen Vaters Befehle.
Schöne, schlanke Burschen sind's, mit festen Gliedern und kühnen Augen.
Die des einen mit der gedankenvollen Stirn hingen an den Lippen des Vaters;
die des andern, Rastlosen, Trotzigen, flogen lächelnd und kosend über die
Schar der Nixlein, durch deren Reihen eine plötzliche schillernde Bewegung
ging. Der Wasserkönig aber sprach:
»Prinzen, Ihr habt gelernt, wie man im Wasser lebt, herrscht und richtet.
Es ist Zeit, daß Ihr Euch die Wasserfläche draußen anseht. Bahnt Euch
eine Straße, zerschmettert, was Euch im Wege ist, und erobert Euch Euer
Reich. Ziehet hin in Frieden und beherrschet künftig Eure Unterthanen mit
Zucht und Strenge.«
Unwillkürlich ruckten die Fische mit ihren Köpfen bei dieser Rede, ob sie
auch noch festsäßen, und die Nixen und Wassermänner zupften sich an den
Flossen, ob sie die auch noch hätten. -- Die schönen Zwillingsbrüder
aber schwammen Hand in Hand in die Welt hinaus. Zuerst waren sie
sehr übermütig, schlugen Purzelbäume, daß die Wellen in die
Höhe klatschten, und neckten die Fische, die pfeilschnell an ihnen
vorüberflohen. Dann wurden sie stiller und träumerisch, wiegten sich Hand
in Hand an der spiegelglatten Oberfläche des Wassers und sprachen von den
Heldenthaten, die sie verrichten wollten. Der mit der hohen Stirn und den
schwärmerischen Augen lispelte von der hohen, der herrlichen Welt, die
er sich erträume und die er besitzen müsse, koste es, was es wolle. Der
Trotzige aber lachte dazu: »Leben will ich -- und lieben und genießen!«
rief er und schüttelte übermütig eine ganze Welle voll Flußsand über
des Bruders schönem Haupte aus, daß der prustete und sich schüttelte wie
ein nasses Menschenkind. -- Nun kamen sie an einen hohen, grünen Wald, der
lag mitten in ihrem Weg und machte auch keine Miene, ihnen auszuweichen.
»Zerschmettert, was im Wege steht!« wiederholte der mit der hohen Stirn.
»Komm, laß uns die Bäume niederreißen, und die Felsen zerbröckeln.«
»Pah,« lachte der Wilde, »wozu die Arbeit, die eine Ewigkeit dauert? --
Weiter, weiter will ich, ins Leben hinein! -- Hör', laß uns den Bäumen
aus dem Wege gehen, Du dort herum, und ich hier, und dann wollen wir sehen,
wer zuerst ankommt, zuerst sein Ziel erreicht -- Du oder ich!«
Das reizte den Zwillingsbruder; wußte er doch, daß er natürlich der
Erste sein würde. Ein flüchtiges Lebewohl nur, und er brauste dahin,
ungestüm, hier ein Stück Fels wegreißend, dort einen Baumstamm mit sich
zerrend. Er sah nicht die Welt um ihn; er sah nur in die Ferne, wo seine
Welt liegen mußte, die er erträumt, die er besitzen, beherrschen wollte.
Nur immer weiter, weiter, dahin, wo der zarte Dunst aufsteigt, wo ein
erster Sonnenstrahl glitzert wie auf Türmen -- die seines neuen Reiches
-- und in wilden Sprüngen, brausend und jauchzend, setzt er der Traumwelt
nach, bis er schwankt und schwankt und ihm schwindelt, und er den Boden
unter den Füßen verliert, und er in den Abgrund stürzt, in den Abgrund
von erträumter Leidenschaft. Es war ein jäher Sturz. In ihm zerschellen
alle seine Träume, alle seine erhabenen Gedanken. Voll Grausen blickt er
hinauf zu der schwindelnden Höhe, auf der er einst geweilt hatte: so groß
und erhaben hatte er sich das Leben gedacht, nichts hatte er haben wollen,
keine Freude, keine Liebe, nur Größe und immer mehr Größe. Nun trieb
er dahin in einem breiten, gemächlichen Strombett, immer mehr wiegend,
erschlaffend, duselnd -- und nur wie weißer, kreisender Schaum trieb die
Erinnerung auf seinen langsam sich wälzenden Fluten. Einmal schaute er
sich um nach seinem Bruder: eine brausende, dampfende Gischt in der Ferne
verhüllte alles hinter ihm.
Der trotzige, lächelnde, genußsüchtige Zwillingsbruder aber war gar
gemütlich seines Weges gezogen, hatte die Bäume auf der schwimmenden
Insel neckisch an den Zweigen gezupft, wie die unnützen Buben die
schmollenden Schulmädchen an den Zöpfen, hatte seine neugierigen,
geschwätzigen Fluten durch jeden kleinen Felsengang geschickt, bis er
mitten durch die Insel hindurchlugen konnte, und da sah er etwas sehr
Liebliches. Nicht eine Insel war es nämlich, sondern neben der großen,
die das Königreich einer vornehmen alten Waldnymphe war, wie die
Wasserboten berichteten, lagen noch drei kleinere, und jede von ihnen hatte
ein Töchterlein der Waldkönigin zur Herrin, und sie lebten da in eitel
Freude und Lustbarkeit. Keinen Gebieter wollten sie über sich erkennen und
frei wie die Luft leben, so lange die Welt steht. Da kam jetzt der schöne
Flußheld geschwommen, ganz nahe an die Insel der ersten Schwester heran,
siehe, da steht ein wunderschön Jungfräulein, mit Guirlanden von Blumen
umwunden und ein fröhlich Liedchen summend. Und horch! wie die Antwort zu
ihr aufsteigt aus den weißen Wassern, die plötzlich aus dem Dunkel der
Felsen hervorbrechen und sie erschrecken, daß sie schreiend davonläuft.
Er aber schwimmt ihr nach, rund um die Insel, siehe -- da sitzt auf einem
Felsblock der zweiten kleinen Insel ein noch viel schöneres Jungfräulein,
die schüttelt ihr lockiges Haar, als sie die weißen, starken Arme des
Flußhelden sieht, die er nach ihr ausstreckt. Und sie lacht höhnisch und
nimmt spitzes Gestein und wirft es nach ihm, daß ihn die scharfen Kanten
ritzen. Da wird er zornig und will aufwallen -- doch ach, drüben auf
der letzten, kleinsten Insel, da sitzt am Ufer, mit den Füßen die neuen
Wellen patschend, das dritte Prinzeßchen; und sie hat langes, güldenes
Haar, und die meerblauen Augen sehen neugierig zu ihm hinüber, und die
schönen Glieder wiegen sich mit den Wellen. Da schwimmt er ganz nahe zu
ihr, legt seine große Männerhand um ihr weißes, weiches Füßchen,
und sie lächelt nur -- da zieht er sie hinab in seine schaukelnde, weite
Wasserwiege. Wie eine Wehklage braust es durch die Waldwipfel; aber sein
Jubelruf übertönt die Klage, und weit enteilt er, seine Beute bergend vor
Fels und Abgründen. Regungslos liegt die Schlanke, Weiße in seinen Armen.
Sie kann ja nicht sprechen im Wasser, nur die meerblauen Augen sehen
ihn an, und tief drin liegt eine stille Klage: Warum hast du mich in ein
fremdes Element gezogen? Warum dich zum Herrn gemacht über ein freies
Geschöpf?
Nun wußte er eine Grotte, darin sollte die stille, weiße Geliebte wohnen.
Tiefgrün war es darin von lauter Smaragden, und das Edelgestein leuchtete
und funkelte wie von tausend Lampen. Der trotzige Held aber webt und webt,
und webt mit seinen Wasserfäden den schönsten Brautschleier von kostbaren
Spitzen, und er hängt das duftige zarte Gewebe, so hoch, so fein, rund im
Halbkreis vor das smaragdene Wasserschloß, daß niemand seine Heimlichkeit
störe, keiner seine weiße Braut, zu deren Füßen er ruht, ihm rauben
könne. Sie aber spielt in seinen langen Haaren, küßt seinen roten Mund,
legt ihr Köpfchen an seine breite Brust -- aber immer wieder fragt sie: Wo
ist die Sonne? die goldene Sonne?
Und eines Tages, als er fern ist, da wird die Sehnsucht nach dem Licht so
mächtig in ihr, daß sie der Wasserkobolde und neckischen Nixen vergißt,
die draußen ihr Wesen treiben und die Spitzenschleier immer wieder
erneuern und verdichten. Ganz nahe tritt sie heran an die zauberischen
Vorhänge -- wie hell, wie licht es da ist; sie rückt ein wenig daran, sie
lüpft ein zartes Eckchen. -- Siehe, da über den wogenden Wasserdünsten
steht die Sonne, ihre Sonne in strahlender Pracht -- und die Arme
sehnsüchtig ihr entgegenbreitend, sinkt das Waldkind, eingehüllt in
die Brautschleier, zur tosenden, unbarmherzigen Tiefe nieder. Wie ein
leuchtender Strahl fliegt es an dem Trotzigen vorbei, der seine starken
Glieder im wildesten Flutengetos kühlt, und da vor ihm, da im Strudel
treibt der weiße, weiche Leib seiner stillen Waldlilie. -- Es überkommt
ihn ein großer Zorn. Brüllend vor Schmerz und Wut, daß es wie Donner
grollt, wirft er die Wasser gen Himmel, damit ihr Schaum, ihr wilder Gischt
die Sonne, die verhaßte, verdecke. So steht er im Strudel und rast und
trotzt gen Himmel. Er sendet seine Fluten auf zu der Insel, wo seine
Waldlilie wuchs; sie zerren und wühlen an dem Gestein, ein Stück nach
dem andern sinkt in die Tiefe und ein höhnender Schrei gellt von Welle
zu Welle, wenn ein Baum mit hinabgerissen wird und hülflos in den Fluten
treibt. Oben in den Wipfeln der Bäume aber rauscht eine wehmütige Klage
um die Waldlilie, die an der Sonnensehnsucht verging.
Doch die wundersamen Spitzenschleier, die das Brautgemach bargen, wallen
immer noch nieder vor dem smaragdenen Schloß und verhüllen in zarter
Weiße seine erbarmungslose Leere. Die goldene Sonne aber taucht ihre
Strahlen tief in das Wassergebrodel, läßt sie niedergleiten an den
Schleiern, als suche sie die, die aus Sehnsucht nach dem Lichte gestorben
ist; und die Strahlen bauen von Tag zu Tag eine wunderleuchtende Brücke
hinauf, hinauf zur Sonne.
Da endete das Märchen und es breitete seine Arme aus nach den fallenden
Wassern. Ein leises, wehmütiges Klingen zog herüber von den Inseln der
drei Schwestern.
Das Märchen erhob sich, flog mit breiten, weißen Mövenflügeln hin über
die Fluten, die wild aufschäumten und es haschen wollten. Aber sie netzten
nur seine Füße. Und mit leisem Gekicher kreiste es über meinem Haupte --
mein verlorenes und wiedergefundenes Märchen -- an den fallenden Wassern
des Niagara.
In der Gosse.
»Hei! Der hat's eilig!« sagten die trockenen Blätter, als der Wind
sie packte und die glatte Straße hinunterwirbelte, daß sie den Atem
anhielten.
»Nein, ich will nicht!« raschelte das eine ganz große Blatt, das, trotz
seiner verkrümpelten Gestalt, noch einen grünlichen Schimmer auf sich
hatte und sogar noch einen ordentlichen Stiel besaß. Und es hob sich
erst von der einen Seite, und dann von der andern -- wie ein ungeschickter
Bauernbursche, der zum Tanze antritt; aber es half ihm nichts: der Wind
blies die Backen auf, und heidi! da sauste es davon, so viel es auch
versuchte, an allen Steinchen und Schmutzhaufen hängen zu bleiben. Wütend
sprang es schließlich noch toller wie die andern und legte sich oben
auf die kleinen Blätter, um sie festzuhalten. -- Da plötzlich -- an
der Straßenecke stieß der Westwind laut jubelnd den Nordwind an -- so
spielten sie immer, die beiden wilden Gesellen, und wollten sich dann
schier totlachen, wenn sie alles Lebendige mit in ihren tollen Reigen
hineinzerrten. -- Und nun wirbelten sie zusammen die trockenen Blätter
in die Höhe, daß sie den Bäumen entgegenflogen, die sehnsüchtig die
leeren, nackten Arme nach ihnen ausstreckten. Aber da lagen sie schon
wieder auf der Erde, küselten verwirrt umeinander und schleiften,
schlürften, raschelten über die glatten Steine hinab in die Gosse.
Da lagen sie nun und dachten nach. Und dachten, wie sie -- es war schon
lange, lange her -- die braunen Köpfchen einst vorsichtig aus der
Baumrinde hervorgestreckt hatten, und in die Welt hinein geguckt, wie sie
dann groß und grün und schön geworden waren, wie die Spatzen in
ihnen gehuscht, wie der Mond zwischen ihnen hindurchgelugt, und wie
die Menschenkinder in ihrem Schatten sich geküßt hatten. Dann war der
Herbstwind gekommen und hatte sie selber geküßt, und sie waren gestorben
an seinen eisigen Küssen -- hatten sich erst so herrlich geschmückt für
ihn, die armen Dinger, rot und gelb und violett und braun, und dann fielen
sie ohnmächtig aus seiner wilden Umarmung zur Erde nieder, wurden hin und
her gejagt von den Winden, und nun? Nun liegen sie in der Gosse und denken
nach.
Hei! Wie der Wind bläst! Die Kleider der schönen Frauen, welche die
Straße entlang gehen, schlägt er zur Seite, daß die schlanken Füße
sichtbar werden. Und die Blätter in der Gosse flüstern einander zu:
»Jetzt werden sie auch anfangen zu tanzen und rascheln und schleifen die
glatte Straße hinab in die Gosse!«