richtig ein Kanu, in dem vier Indianer saßen, die langsam ruderten. Ich
rief sie an und bekam eine Antwort. Dann hörten sie auf zu rudern, und
das Kanu hielt etwa 180 Meter vom Ufer an. Sich auf diese Entfernung
pantomimisch zu verständigen, war unmöglich. Daher winkte ich den
Indianern zu, näher zu kommen, legte meine Flinte auf den Boden und
ging im seichten Wasser auf sie zu, während ich eine Schnur Perlen
ihnen entgegenhielt.
[Illustration: Skizze der Peruanischen Montaña.]
Einige Minuten saßen sie unbeweglich und paddelten dann vorsichtig
vorwärts bis auf etwa zehn Meter an die Stelle, wo ich bis zu
den Knöcheln im Wasser stand. Ich bedeutete ihnen durch Zeichen,
daß ich ein Freund wäre und mit ihnen zu sprechen wünschte. So oft
ich vorzugehen versuchte, ruderten sie hastig zurück, und dieses
lächerliche Hin und Her ging länger als eine halbe Stunde so fort, bis
ich endlich zum Zelt zurückwatete, wo ich mich niedersetzte und wartete.
Allmählich faßten sie Mut, ruderten zuerst das Ufer entlang zum Zelt,
stiegen dann ins Wasser und wateten auf mich zu. Ich stand auf und
hob die Hände über den Kopf, um zu zeigen, daß ich unbewaffnet wäre.
Drei von ihnen ahmten das nach, während sie sehr mißtrauisch den
Strand heraufkamen. Langsam ließ ich die ausgestreckten Hände sinken
und begann, ihnen durch Zeichen anzudeuten, daß ich Geschenke für sie
hätte. Einige Stücke wohlriechender Seife wurden auf den Sand gelegt,
nach denen einer der Indianer gierig griff, während die andern meine
Bewegungen beobachteten. Daran schloß sich ein lebhaftes Gespräch, das
durch Zeichnungen im Sand geführt wurde. Nun kam heraus, daß die Stöcke
mit den Querhölzern Hütten bedeuteten und daß der Pfeil nicht nach
ihnen hin, sondern von ihnen her wies.
Ihrem Äußern nach waren die Indianer von Mittelgröße und einer sehr
blassen Hautfarbe von gelber Bronze. Im Sonnenschein sehen sie wie
Chinesen aus. Alle vier waren in lange dunkelbraune Kusmas aus grobem
Eingeborenenstoff gekleidet. Ihre Köpfe waren zum Teil geschoren, und
um den Hals trugen sie einen merkwürdigen Schmuck aus Flügeldecken von
Käfern, der vorn mit dem Kopf einer Fledermaus abschloß. Ihr Haar war
kohlschwarz und dicht um den Kopf durch ein Rohrband zusammengehalten,
das mit Vogelfedern verziert war. Nur einer hatte einen langen, dünnen
Speer aus dem Kanu mitgebracht.
Nach langen Bemühungen, durch Zeichen und ein paar Panaworte, die ich
in Sarayacu gelernt hatte, meine Absichten kundzutun, war endlich
eine etwas freundschaftlichere Atmosphäre hergestellt. Ich benützte
sie um anzudeuten, daß zwar ich meine Waffe abgelegt hätte, einer
der Indianer aber noch immer einen Speer trüge. Es bedurfte mehrerer
Zeichnungen im Sand, um diesen Umstand klarzumachen, aber sobald ihn
die beschränkte Intelligenz der Wilden begriffen hatte, wurde der
Speer auf den Boden gelegt. Doch war der Besitzer nicht zu bewegen,
sich von der Stelle zu entfernen. Nachdem ich meinen Zweck erreicht
hatte, einen Zustand gegenseitigen Vertrauens zu schaffen, hätte es
keinen Sinn gehabt, die Sache noch weiterzutreiben. Die nächste Aufgabe
war, die kleine Indianerschar, die sich offenbar auf einem Jagd- oder
Fischzug befand, dazu zu veranlassen, uns nach ihrem Dorf zu führen und
gleichzeitig alles Menschenmögliche zu tun, um unsere eigene Sicherheit
zu gewährleisten.
Es ist nicht ratsam, gänzlich wilden Indianern zu viel Geschenke
zu geben, ehe man seinen Zweck in ihrer Mitte erreicht hat. Sie
gleich am Anfang mit Gaben zu überhäufen, heißt sich später einer
gefährlichen Unzufriedenheit aussetzen, wenn die Quelle erst
spärlicher zu fließen beginnt, was bald eintritt, falls nicht
unbegrenzte Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Die frühe
Erforschungsgeschichte unter den Eskimos beweist zur Genüge, daß man
nur mit Vorbedacht diese Form der Bestechung anwenden sollte.
Nachdem ich den Indianern meinen Wunsch, ihr Dorf zu besuchen,
kundgetan und zugleich meine Bereitwilligkeit ausgedrückt hatte,
ihnen für ihre spätere Unterstützung bei der Rückkehr an den Ucayali
Geschenke zu machen, drehte ich ihnen absichtlich den Rücken und ging
in mein Zelt. Anscheinend, um etwas zu holen, aber in Wirklichkeit, um
zu prüfen, wie weit ihre Freundschaft ging, wenn wir uns nicht mehr
unmittelbar gegenüberstanden. Nach einigen Minuten kam ich wieder mit
ein paar Biskuits, von denen ich eins selbst verzehrte und die andern
den Indianern anbot. Da sie augenscheinlich hungrig waren, schlangen
sie sie hinab, ohne erst wie üblich nach dem ersten Bissen zu warten,
ob sich nicht schlimme Wirkungen einstellten.
Es gab noch ein langes Gespräch zwischen ihnen, aber schließlich
deuteten sie mir an, unser Kanu zu besteigen. Das Abbrechen des Lagers
dauerte eine halbe Stunde, während der ich mich mit sehr wenig Erfolg
bemühte, unsere freundschaftlichen Beziehungen noch zu vertiefen.
Gerade vor dem Aufbruch zog ich meinen Tabaksbeutel aus der Tasche,
und als ich ihre gierigen Blicke bemerkte, verteilte ich genug von dem
wertvollen Kraut, um mehrere Pfeifen zu stopfen, was größeren Eindruck
zu machen schien als alle vorhergehenden Annäherungsversuche.
Wir paddelten über den seichten See und wandten uns dann nördlich
gegen einige niedere, bewaldete Hügel. Schon erschienen die Hütten
auf einem offenen Fleck von grauem, aschenartigem Sand zwischen dem
niedern Dschungel. Sofort nach der Landung kam mir die Gefahr der Lage
zum Bewußtsein. Die vier Jäger, die zu uns ins Lager gekommen waren,
trugen Kleider und hatten offenbar schon früher mit der Zivilisation
in Berührung gestanden; die Dorfinsassen aber waren völlig nackt und
nahmen eine beinahe feindliche Haltung ein. Als wir landeten, war
keiner der Indianer bewaffnet, aber schon nach einer Viertelstunde
starrte alles von Speeren, Bogen und mörderisch aussehenden
Kriegskeulen.
Die Geschichte der Kaschibos erzählt von beständigen, erbarmungslosen
Kämpfen gegen den Weißen und die benachbarten Stämme der
Schipibosindianer. Von 1651 bis 1714 sollen nicht weniger als
siebenundzwanzig Priester von ihnen ermordet und aufgefressen worden
sein, die von den Spaniern geschickt wurden, um sie zum Christentum zu
bekehren. Etwa 40 Jahre später überfielen sie die Missionsstationen von
Cerro de la Sal und zerstörten sie alle. Bis in neuere Zeit waren sie
sehr selten von Forschern aufgesucht worden, und Leutnant Smyth, R. N.
(1832), Leutnant Herndon (1852), Gabriel Sala (1899) und Juan Sotomayor
(1900) sind die einzigen, soweit es zur allgemeinen Kenntnis gelangte,
denen wir Berichte über diesen wilden Stamm verdanken.
Diese Geschichten fielen mir ein, während ich mich entschloß, sofort
zu handeln. Ich wandte mich zu den Führern, verlangte vor den Huary,
den Häuptling, gebracht zu werden und wurde nach einer der großen, aber
kläglich gebauten Palmstrohhütten gewiesen, die als Gemeinschaftshäuser
dienen und hier „Tambos“ heißen. Ein alter Kaschibo mit Bart, Kusma und
geschorenem Kopf war gerade damit beschäftigt, ein offenes Geschwür an
seinem Vorderarm sorgfältig auszusaugen. Als ich eintrat, hörte er mit
dieser Arbeit auf, die ihn ganz in Anspruch zu nehmen schien, erhob
sich und stolperte auf die Stelle zu, wo ich ihn erwartete.
Nachdem ich die üblichen Geschenke überreicht hatte, erklärte ich kurz
den Zweck meines Besuchs, zu dem er anscheinend seinen Segen erteilte.
Wenigstens erhielt ich ein seltsames Rohramulett mit merkwürdigen
eingeritzten Zeichnungen. Offenbar war ich nun frei, zu lagern und das
Dorf in Augenschein zu nehmen, aber die Speere und Keulen verschwanden
nicht aus den gelben Händen ihrer Besitzer.
Die Weiber scheinen, bis sie heiraten oder alt werden, ganz nackt zu
gehen, die Männer aber tragen ein einfaches Lendentuch oder ein langes,
braunes, ärmelloses Gewand. Als Beförderungsmittel ziehen die Kaschibos
augenscheinlich das Floß dem Kanu vor, denn obwohl mehrere Fahrzeuge
sich am Ufer, nahe dem Dorf, befanden, schien die Anzahl der Flöße der
der Bewohner zu entsprechen.
So häßlich und schmutzig wie die Männer sind die Weiber und Kinder
nicht. Ob das an dem Fehlen des ungewaschenen und stets übelriechenden
Kusma liegt, ist schwer zu sagen. Aber ich hatte den Eindruck, daß
einige dieser blaßfarbigen Weiber und Mädchen zu einem andern Stamm
gehörten, der viel kleiner von Statur war als die Kaschibos. Wie dem
auch sein mag, jedenfalls waren sie viel mitteilsamer und freundlicher
als die Männer, eine Haltung, die ich aus naheliegenden Gründen nicht
ermutigen durfte.
Am zweiten Tage unseres Aufenthalts fragte ich einen unsrer Führer,
wohin er nach seinem Tod zu kommen erwartete. Die Antwort brachte
mich ein wenig außer Fassung. Er deutete auf einen Vogel, der eben
die Überreste meiner Mahlzeit aufpickte. Jeder Versuch, weitere
Aufklärung zu erhalten, schien nutzlos, bis ich auf den Gedanken kam
nachzuforschen, ob sie einen allgemeinen Begräbnisplatz hätten. Nachdem
ich stundenlang erst einen, dann einen zweiten Indianer ausgefragt
hatte, erfuhr ich, daß die toten Kaschibos nicht beerdigt würden. Die
Alten bringt man um oder ißt sie auf, da es für besser gehalten wird,
von einem Freund als von wilden Tieren oder Raubvögeln verzehrt zu
werden. Ich ließ aber nicht locker und versuchte, zwischen der Seele
und dem Körper einen Unterschied zu machen, wobei freilich nichts
Endgültiges herauskam. Doch scheinen diese Eingeborenen zu glauben,
daß sie durch den Genuß des Herzens, des Gehirns, der Augen, Ohren
und Hände die Vorzüge, Kenntnisse und den Geist des Toten in sich
aufnehmen. Soweit ich das herausbringen konnte, werden Gefangene
von andern Stämmen nicht getötet, da sie ihre Nachbarn für in jeder
Beziehung minderwertig und daher zur Aufnahme in sich selbst für
unwürdig halten.
Das Wort „Christo“ kennen sie als den Namen des Gottes der Weißen,
aber weder mit den Missionen noch den Handelsstationen scheinen sie
viel in unmittelbare Berührung gekommen zu sein. Die Hügel- und
Dschungelgegend, die sie bewohnen, bringt so gut wie keinen Kautschuk
hervor, und folglich fühlt der Händler wenig Neigung, ein so
übelberüchtigtes Gebiet zu betreten. Dies erklärt auch wahrscheinlich
ihre Rückständigkeit verglichen mit den Verhältnissen bei andern das
Pana sprechenden Stämmen, die an den Ufern der schiffbaren Flüsse
wohnen.
[Illustration: Häuptling der Kampasindianer.]
[Illustration: Zwergindianer der Pampas Sacramento.]
[Illustration: Chunchosindianer am Perené.]
Einen ihrer widerwärtigsten Gebräuche bekam ich am dritten Tage zu
Gesicht. Mehrere Indianer waren auf einem der zahlreichen Flöße beim
Fischen mit Speeren draußen gewesen. Als sie mit einigen gespießten
Riesenfischen, anscheinend „Paiche“, zurückkamen, leckten zwei Kinder
das Blut auf, das aus den Speerwunden träufelte. Da mehrere Männer
und Weiber um das Floß herumstanden, ohne dem Tun ihrer Sprößlinge
irgendwelche Beachtung zu schenken, haben wir es hier offenbar mit
einem Brauch zu tun. Möglich, daß sich ihr ganzer Kannibalismus darauf
beschränkt und daß darin der Grund liegt, warum sie Vampire genannt
werden. Tatsächlich neige ich zu der Ansicht, trotz all ihrer Redereien
über das Auffressen von Verwandten und Freunden, daß es sich dabei
lediglich um einen religiösen Brauch handelt, der das Trinken einer
gewissen Menge Blutes, aber nicht das Verzehren menschlichen Fleisches
erfordert.
Die Begründung meiner Ansicht liegt hauptsächlich in der Tatsache, daß
fast alle Indianerstämme im Amazonengebiet ihren Stammesnamen von dem
Brauch erhalten, der sich am stärksten von den Sitten ihrer Nachbarn
unterscheidet. Dies sieht man, wie bereits erwähnt, deutlich bei den
Uaupés an den Nebenflüssen des obern Rio Negro. Und daß hier nicht etwa
nur eine Ausnahme in Frage kommt, beweist fast jede Stammesbezeichnung
in dem großen Waldgebiet. Ist diese Annahme richtig, so verdanken
die Vampirindianer oder Kaschibos ihren Namen und schlimmen Ruf
wahrscheinlich dem Brauch, menschliches und tierisches Blut zu trinken.
Ich blieb sechs Tage bei diesem interessanten Stamm; nachdem einmal
das natürliche Mißtrauen des Wilden zerstreut war, schien er nicht
wilder und unbändiger zu sein als viele andere Stämme, mit denen ich
in Brasilien zusammengetroffen war. Die Kaschibos sind stolz und
zurückhaltend und besitzen augenscheinlich keine scharf umschriebenen
religiösen oder moralischen Vorstellungen. Offensichtlich scheinen
sie gegen den Weißen eine Abneigung zu haben, wenn aber, was man
sich erzählt, nur zu einem kleinen Bruchteil auf Wahrheit beruht,
haben sie auch keinen Grund, ihn und sein Tun zu lieben oder ihm
Vertrauen zu schenken. Von den vielbefahrenen Flüssen halten sie
sich soweit als möglich zurück. Wie mir unsere Führer erzählten,
schicken sie nur zwei oder drei aus dem Dorf nach den abgelegenen
Handelsstationen, um ihre Sarsaparille zu verkaufen und die nötigsten
Vorräte dafür einzutauschen. Ich erhielt von dem Stamm mehrere Muster
von roher Sarsaparille und andern Medizinkräutern, von denen sie
eine erstaunliche Kenntnis zu besitzen scheinen. Auf der Jagd und
im Krieg tragen sie stets einen kleinen Sack mit Salz bei sich, um
vergiftete Wunden damit zu behandeln. Ihrer Ansicht nach ist das Salz
ein Hauptmittel gegen fast alle Krankheiten, und tatsächlich scheinen
sie viel mehr Kenntnisse zu haben, wozu Salz zu verwenden ist, als die
meisten zivilisierten Leute. Sie gewinnen es aus natürlichen Pfannen im
Innern der Pampas Sacramento.
Gegen meine Erwartung wurde mir die Abreise eher erleichtert als
erschwert. Nachdem ich die merkwürdige Moskitokolonie wieder durchquert
hatte und dermaßen zerstochen worden war, daß ich kaum noch aus den
verschwollenen Augen zu sehen vermochte, erreichten wir endlich wieder
das offene Wasser. Die leichte Brise, die von den weit entfernten,
schneebedeckten Anden her wehte und das kühlende Lüftchen auf dem
Dampfer, den ich in Mashishea bestieg, waren eine unbeschreibliche
Wohltat nach der Hitze und Insektenpest der Pampas Sacramento. Auf
der Reise den Ucayali flußaufwärts nach dem Gebiet der Kampasstämme
regnete, donnerte und blitzte es beinahe unaufhörlich. Als wir an der
Bocca Pachitea ankamen, wo der Fluß seine hauptsächlichen Nebenflüsse
aufnimmt, verzogen sich die Wolken gegen die ungeheueren äquatorialen
Wälder im Osten zu. Die Sonne strahlte mit tropischer Glut, und der
Fluß und die fernen Linien der niedern, dschungelbedeckten Vorberge der
Anden waren zum Teil in Dunst und Nebel gehüllt.
19. Die Chunchosindianer der Peruanischen Montaña.
Die Kampasstämme bewohnen die Vorberge der Anden und jenes Gebiet, das
unter dem Namen der Oberen Montaña von Peru bekannt ist. Den besten
Zugang in dieses Land bildet der Perenéfluß, auf 10° 5′ südlicher
Breite und 75° 15′ westlicher Länge. Die Kampas stellen einen von
den Wilden in den großen amazonischen Wäldern gänzlich verschiedenen
Typus dar und bieten als Indianerrasse viel Interessantes, obwohl sie
dort, wo sie mit der Grenzzivilisation in Berührung kommen, rapid
dahinschwinden. Aus dem breiten Pachitea lief der kleine Dampfer in den
schokoladenfarbenen Pichis ein und kam an einem schönen Fleck der Erde,
namens Puerto Bermudez, zu seinem letzten Halt. Von da an wird der Fluß
so seicht, daß der Rest der Reise zuerst auf dem Kanu und später auf
dem Rücken von Maultieren zurückgelegt werden muß. Man gelangt dann zum
Tambo oder Regierungsunterkunftshaus Nr. 71, das dicht am Perenéfluß
gelegen ist.
Die Landschaft in diesem Teil der oberen peruanischen Montaña ist
wirklich wundervoll. Bewaldete Hügel, strudelnde und schäumende
Flüsse, tropische Dschungel von federartigen Palmen und massigen
Baumwollbäumen, Haine von wilden Bananen und Kaffeeplantagen, prächtige
Schmetterlinge und Vögel -- das alles fließt in ein berauschendes
Farbenspiel zwischen dem Rot der Erde und dem Blau des Himmels
zusammen. In den Dschungeln hier herrscht nicht das düstere Zwielicht
der amazonischen Niederungen; über Felsen, Bächen und der tropischen
Vegetation liegt überall die Sonne in glänzenden teppichgleichen
Lichtinseln. Von den Baumästen hängen in roten und grünen Büscheln
Parasitenpflanzen herab, und der Himmel scheint nicht länger mehr ein
wie aus Metall gegossenes Gewölbe. Das Klima ist, außer während der
Regenzeit, höchst angenehm mit warmer Sonne und kühlenden Winden.
Ich hatte die Absicht gehabt, zu meinem zeitweiligen Standquartier
Tambo 71 zu machen, das an dem unter dem Lokalnamen der „Via Centrale“
bekannten Maultierpfad liegt, der von Puerto Bermudez nach Oroya und
dem Pazifischen Ozean führt. Aber der unerfreuliche Zustand dieses
„Dâk Bungalows“ veranlaßte mich, noch 30 Kilometer weiter in dem weit
reinlicheren Unterkunftshaus von Eneñas ein Obdach zu suchen. Von
hier aus wollte ich mir die Umgebung ansehen und dann auf gemieteten
Maultieren oder auf einem Floß in die Kampasregion vorstoßen. Nachdem
ich hier mehrere Tage geblieben war, um mich von den Moskitostichen
und einem schleichenden Fieber zu erholen, gelang es mir, einen
Serrano-Führer und einen Chunchosboy als Diener zu verpflichten.
Ersterer war ein schmutziger, aber energischer Bergindianer, der Boy
dagegen ein fauler, aber reinlicher Eingeborener der Montaña.
Mein erstes Lager nach dem Abschied vom Tambo bei Eneñas war am Ufer
des Perenéflusses, 16 Kilometer östlich von der kleinen Niederlassung.
Das Lagern in dieser Gegend hat zwei große Nachteile, die uns beide in
jener Nacht zu Gemüte geführt wurden. Bald nach einem prächtigen, aber
sehr stürmischen Sonnenuntergang setzte ein gleichmäßiger Regenguß ein,
der fast die ganze Nacht hindurch anhielt. Die tropfenden Blätter, das
Trommeln und Dröhnen auf dem Zelttuch und die Bächlein, die sich trotz
eines schnell ausgeführten seichten Grabens unter dem Bodenbelag einen
Weg suchten, machten die ersten Nachtstunden zu einer schlaflosen und
ungemütlichen Angelegenheit. Als dann die Zeltlampe erlosch, erhob
sich ein geheimnisvolles Flattergeräusch von vielen Flügeln. Zuerst
klang es, als hätten sich viele kleine Vögel im Zelt gefangen, aber ein
Strahl aus der elektrischen Taschenlampe enthüllte wenigstens sechs
Vampire, die zu unsern Häupten auf ihre Mahlzeit von menschlichem Blut
warteten.
Das Zelt von ihnen zu säubern war ganz nutzlos, so zahlreich sind die
ekelhaften Geschöpfe in dieser Gegend. Ist es ihnen einmal geglückt,
ihr greuliches Mahl zu beginnen, ohne den Schläfer aufzuwecken,
so tritt durch Blutverlust eine große Schwäche ein. Unter solchen
Umständen war, abgesehen vom Schutz durch das Moskitonetz, nichts zu
tun. Ehe man sich nicht an diese schauerlichen Besucher gewöhnt hat,
ist an Schlaf kaum zu denken.
Noch waren die ersten Streifen der Dämmerung im Osten nicht erschienen,
als ich jeden weiteren Versuch zu schlafen aufgab, zum Fluß hinabstieg
und hinausschwamm. Während ich mich abtrocknete und recht fror, da das
von den Anden kommende Schmelzwasser des Flusses ziemlich kalt war,
erschien ein Floß um die nächste Flußbiegung. Ich stand mit dem Rücken
dagegen, rieb mich eifrig aus allen Kräften ab und bemerkte es erst,
als es bis auf näher als 20 Meter herangekommen war.
Die Familie der Chunchosindianer starrte erstaunt auf die weiße
Gestalt, die im hellen Sonnenlicht des frühen Morgens auf dem steinigen
Strand stand. Ich wand eins der Handtücher als Schürze um meine Lenden,
trat an den Rand des Wassers und bedeutete dem Floß durch Zeichen, sich
zu nähern. Da ich die schöne Gelegenheit, die Lage eines Indianerdorfs
zu entdecken, nicht verpassen wollte, achtete ich weder auf die Kälte
noch auf meine unvollkommene Toilette. Später bereute ich heftig meine
Übereilung.
Auf dem langen, schmalen Floß, Balsa nach dem sehr leichten
gleichnamigen Holz benannt, befanden sich zwei Männer in langen Kusmas,
ein Weib und zwei halbnackte Kinder. Die Männer waren wohlgebaut,
obwohl nicht sehr hochgewachsen, und trugen um ihr langes, schwarzes
Haar ein Stirnband aus Blättern. Ihre Hautfarbe war sehr mattbronzen.
Die wild aussehenden Eingeborenen stießen die Balsa auf den steinigen
Strand und umringten mich neugierig. Für die Kinder bedeutete ich
offenbar eine neue und seltsame Art; während ich durch nachdrückliche
Zeichen ein Gespräch anzubahnen versuchte, belustigten sie sich damit,
mich in die Beine zu zwicken und sich höchst ungezogen zu benehmen.
Wie sich herausstellte, lag das nächste Dorf ein Stück flußabwärts.
Wie weit, konnte ich nicht herausbringen, weil die Indianer wie alle
wilden oder halbzivilisierten Eingeborenen nur sehr verschwommene
Vorstellungen von Zeit, Entfernung und Maß zu haben scheinen. Der Name
„Chuncho“ umgreift eine Gruppe von Stämmen, die in den Vorbergen der
peruanischen Montaña östlich von Cuzco und Tarma leben. Im allgemeinen
gleichen sie den Kampas der abgelegeneren Waldgebiete, sind aber den
Weißen weniger feindlich gesinnt. Als ich später einige Zeit bei
ihnen zubrachte, überzeugte ich mich, daß sie einen Zweig des großen
Kampasvolkes bilden mußten in Anbetracht der Ähnlichkeit in Aussehen
und Gebräuchen der zwei angeblich verschiedenen Gruppen.
Nachdem ich die Lage ihres Dorfes und verschiedene Einzelheiten ihrer
Stammeszugehörigkeit festgestellt hatte, war es mir darum zu tun,
daß sie nicht eher wieder fortführen, bis ich mit meiner Toilette
einigermaßen zu Ende war. Ich versuchte ihnen begreiflich zu machen,
warum ich ihnen keine Geschenke anbieten könne, und deutete deshalb
in die Richtung des Lagers. Zu meinem äußersten Erstaunen hockten sie
sich bedächtig auf die Erde und schienen offenbar geduldig darauf zu
warten, bis ich mich angezogen hätte und sie zum Zelt begleiten könnte,
das etwa ein Kilometer vom Ufer entfernt war und zu dem der Weg durch
dichtes Unterholz führte. Die Sonnenstrahlen gewannen allmählich an
Kraft, und obwohl sie im Augenblick meine Glieder nur wieder aus ihrer
Erstarrung lösten, war doch zu befürchten, daß meine Haut bald mit
Blasen bedeckt sein würde. Dazu kam, daß die Moskitos Blut rochen und
um mich herumsummten, daß es zum Verrücktwerden war. Unangekleidet
durch den Busch bis zum Zelt zu gehen, hätte geradezu eine Einladung an
die Myriaden von Insekten bedeutet, ihr Frühstück auf meinem Körper zu
halten, und hätte mich wahrscheinlich für Tage ans Lager gefesselt.
So tat ich, als ob diese Waldnomaden nicht vorhanden wären, zog mich so
schnell als möglich an und begleitete sie zum Zelt, wo sie Geschenke
und ein Gratisfrühstück erhielten. Später am Tag veranlaßte ich das
Oberhaupt der Bronzefamilie, mich und meine beiden Diener auf der Balsa
flußabwärts zu dem Dorf des Stammes mitzunehmen. Da ich selbst weder
Maultiere noch ein Fahrzeug zu meiner Verfügung hatte, war mir diese
Aushilfe doppelt willkommen. Der Indianer trennte sich ohne Beschwer
von seinem Weib, den Kindern und seinem Begleiter, die am Ufer des
Perené ihr Lager aufschlugen, während er uns mit unserm Gepäck nach
dem Dorf schaffte. Offenbar war ich nicht der erste Weiße, mit dem er
zusammentraf, wie es ja auch in dieser Gegend ganz natürlich ist, die
zum Teil schon unter dem Einfluß der Zivilisation liegt. Er verlangte
30 Dollars für die Fahrt, und zwar im voraus, und dann stellte sich
heraus, daß das Dorf weniger als 24 Kilometer entfernt war! Aber
alle die unzivilisierten Indianer des Amazonenstromtals sind so
schrecklich arm, daß sie kaum überhaupt etwas besitzen. Es ist manchmal
zum Erbarmen. Die unbedeutendste Kleinigkeit wird für sie zu einer
unschätzbaren Gabe, und ihre Dankbarkeit ist oft rührend, wenn sie
auch am Anfang sich meistens hinter Mißtrauen verbirgt.