erhielten sie ihren Namen (Großohren). Sie haben die Farbe heller
Bronze, sehr flache Gesichter, zurückgehende Stirnen, dicke Lippen,
grobes schwarzes Haar, das über den Rücken herabhängt, und tragen
keinerlei Bekleidung. Die jungen Mädchen und Kinder sehen lange
nicht so häßlich, ungesund und abschreckend aus wie die Männer
und alten Weiber. Wahrscheinlich kommt das von den Wirkungen des
beständigen Genusses von Koka, Yagé und Tabaksaft. Für ihre Pfeile
gebrauchen sie verschiedene Gifte, hauptsächlich Kurare, außer beim
Fischen und der Jagd auf kleine Eidechsen und Frösche, die sie
in unglaublichen Mengen verzehren. Ihre Hütten sind die üblichen
Gemeinschaftswohnungen aus Chontaholz und Palmstroh, haben aber keine
Eingänge. Um hinein- oder herauszukommen, heben sie einen beweglichen
Teil des Daches ab. Gelegentlich trifft man einen Carijona, dessen
Ohren durch Ringe mit daranhängenden schweren Gewichten fast bis zu
den Schultern herabgezerrt werden. So entstellte Leute sind fast
immer Stammesunterhäuptlinge oder Zauberdoktoren. Sie verstehen es,
prächtige Hängematten aus Fasern und Federn zu verfertigen, die sie
entweder durch andere, friedfertigere Indianerstämme gegen Lebensmittel
verhandeln lassen oder selbst an wandernde Caboclohändler am Oberlauf
des Caquetáflusses verkaufen. Ihre Sprache ist rauh und guttural und
scheint sich auf wenige, ähnlich klingende Wörter zu beschränken. Hört
man allerdings einen Eingeborenendialekt zum erstenmal, so hat man fast
stets diesen Eindruck, so daß wohl erst genauere Untersuchungen zu
einem endgültigen Ergebnis führen dürften.
Obwohl es im Caquetá-Putumayo-Napo-Gebiet mehrere Hunderte von
kleinen Unterstämmen mit verschiedenen Namen gibt, die aus wenigen
Familien bestehen, stammen sie doch alle von sechs großen Stämmen ab.
Diese sind: die Uitotos am Igara-Paraná und Putumayo; die Ocainas
am Igara-Paraná, die bei weitem intelligentesten unter ihnen; die
menschenfressenden Carijonas am Caquetá; die Andokes des obern
Igara-Paraná und die Boras am untern Caquetá. 1903 führten die
wilden Andokes, von denen die Nonuyas ein Zweig sind, einen derart
mörderischen Krieg gegen die wenigen kolumbianischen Kautschuksammler,
daß diese sich um Hilfe nach Iquitos wenden mußten.
In diesem Gebiet fand der französische Forscher Emile Robuchon den
Tod unter Umständen, die niemals aufgeklärt wurden. Er war von
der Regierung beauftragt worden, die allgemeinen Verhältnisse am
Putumayo zu untersuchen und hatte sich längere Zeit am Igara-Paraná
aufgehalten. Er hatte ein Uitotomädchen geheiratet und schien nach
hinterlassenen Photographien mit einer Anzahl von Stämmen auf bestem
Fuß zu stehen. Das Buch, an dem er schrieb, wurde nie beendigt und
später von einem peruanischen Konsul in Manáos herausgegeben. Er soll
von menschenfressenden Indianern ermordet worden sein. Wie dem auch
sein mag, jedenfalls erzählt man sich abenteuerliche Geschichten an
den Lagerfeuern dieses Grenzgebiets. Alles, was von Robuchon in der
Putumayoregion zurückblieb, ist eine Hunderasse, die seiner eigenen
treuen dänischen Dogge gleicht.
17. Die Konibosindianer am Ucayali.
Man soll die menschenfressenden Indianer in den Wäldern des obern
Amazonenstroms nicht schlechthin als Kannibalen bezeichnen können, da
ihre Mahlzeiten von Menschenfleisch dem Wunsch zuzuschreiben sind, der
Vorzüge ihrer Opfer teilhaftig zu werden, indem sie sie verzehren, und
nicht einer besonderen Vorliebe für diese Art der Nahrung. Die Frage
wird aber verwickelt, wenn etwa ein menschenfressender Südseeinsulaner
seine Leidenschaft für Menschenfleisch nicht viel anders erklärt als
ein Bewohner von Clapham oder Hoboken seine Leidenschaft für Roastbeef,
nämlich damit, daß es ihm Kraft verleiht. Und dazu kommt nun noch ein
Kaschibo-Indianer mit der Behauptung, wenn er einen Feind verzehre,
gehe die Körperkraft des Toten in ihn über.
Ich bin mir wohlbewußt, daß da noch andere Unterschiede vorliegen,
aber sie sind so geringfügig, daß man besser daran täte, für
alle praktischen Zwecke jeden als Kannibalen zu bezeichnen, der
Menschenfleisch ißt, ohne die Beweggründe zu beachten, die ihn
leiten. Der Grund einer Verworfenheit und deren Grad sollten für
eine allgemeine Klassifikation nicht ausschlaggebend sein, da sonst
vieles, was über das Fehlen des Kannibalismus im Amazonengebiet
geschrieben wurde, gänzlich irreführend sein würde. Viele Tausende von
Geviertmeilen der Wälder sind noch von Indianern bewohnt, die zu diesem
Hang neigen, und an erster Stelle unter ihnen stehen die Kaschibos- und
Nonuyasstämme.
Nach einem längeren Aufenthalt in Iquitos bot sich endlich eine
Gelegenheit, in das Gebiet dieser Wilden vorzudringen, das westlich
von den Flußläufen des Ucayali und Pachitea mitten in den Dschungeln
liegt. Um diese Flüsse zu erreichen, bedarf es einer Reise von einigen
Tagen in der Barkasse von Iquitos aus, da sie die Wasserstraßen
zwischen dem Amazonenstrom, den Anden und dem Pazifischen Ozean bilden.
Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen erst bei der Einfahrt in
die beiden Flüsse, wo sich die schweigenden, verfilzten Urwälder
über Hunderte von Meilen nach jeder Richtung bis zum unerforschten,
nebelerfüllten Horizont hin ausbreiten.
So undurchdringlich sind die Wälder, daß ein Vorstoß von beispielsweise
300 Kilometer jede Zeit bis zu einem Jahr beanspruchen mag, wobei eine
Anzahl Weghauer und Träger Voraussetzung sind. Der Ruf der Stämme, die
diese Gebiete bewohnen, ist so schlimm, daß es schwierig, wo nicht
unmöglich wäre, in den halbzivilisierten Indianerniederlassungen längs
der Ufer der Hauptflüsse irgendeine Hilfeleistung zu erlangen. Die
dichten Urwälder allein zu betreten, würde sichern Tod bedeuten. Ein
deutscher Naturforscher, der es versuchte, ist niemals zurückgekehrt.
Die Gebeine eines Kautschuksammlers von Mashishea wurden erst kürzlich
neben einer Feuerstelle in den Waldebenen von Sacramento gefunden.
Mr. Whaley aus San Juan wurde von den Indianern ermordet, weil er
trotz wiederholter Warnungen in ihr Gebiet eindrang, und der Deutsche
Kroehle, der unter den Kaschibos lebte und sie photographierte, starb
schließlich an den Wunden, die er durch ihre Pfeile erhalten hatte. Die
Geschichte der Versuche, dieses Gebiet zu erschließen, berichtet noch
viele ähnliche Tragödien. Weiter im Süden, wo die Flüsse Perené und Ené
sich zum Tambo vereinigen, widersetzen sich die Ungoninos, ein Zweig
des großen Kampasvolkes, dem Durchqueren ihres Gebietes durch Weiße.
Obwohl sie keine Menschenfresser sind, müssen doch die Maultierzüge
und Kanus, die auf dem Weg von den Anden nach Iquitos die Wälder
berühren, um ihr Gebiet einen Umweg machen. Jeder Versuch, es zu
durchqueren, würde unweigerlich ins Verderben führen. Diese kurzen
Angaben mögen die Schwierigkeiten veranschaulichen, einen Weg in die
abgelegeneren Wälder abseits von den Hauptflüssen zu finden.
[Illustration: Zwergindianer von Matto Grosso mit einem hellfarbigen
Caripunasmädchen.]
[Illustration: Gruppe von Riesen-Kaschibos oder Vampirindianern.
Der Häuptling trägt einen Kopfschmuck, ist der größte Mann des Stammes
und mißt fast 2½ Meter. Die Speere haben eine Länge von über 3 Meter.]
Der Ucayali ist ein breiter Fluß mit glasigem, grünlichgrauem Wasser,
einer schnellen Strömung und vielen gefährlichen Strudeln zwischen weit
auseinanderliegenden, nebelverhüllten, mit niedrigem Gestrüpp bedeckten
Ufern. So stark ist die Strömung, daß Barkassen und andere Fahrzeuge
bei der Bergfahrt sich stets nach Möglichkeit am dschungelbedeckten
Ufer herumdrücken. Hin und wieder trifft man auf Stellen mit
frischgrünem Sumpfgras, aus dem weißgefiederte Reiher und rot und
schwarze „Soldados“ in Scharen aufsteigen.
Die Sonnenuntergänge auf diesem breiten Fluß können an Großartigkeit
nur mit denen auf dem Madeira verglichen werden. Rote und violette
Wolkenballen, aus denen feurige Strahlen himmelwärts emporschießen,
spiegeln sich in jeder Einzelheit auf der glasigen Oberfläche des
Flusses. So lebhaft sind solche Lichteindrücke, daß der Wald sich
dagegen in braune und schwarze Töne verwandelt.
Von Zeit zu Zeit fährt man an einem kleinen Kanu vorüber, in
dem ein Cocama-Indianer mit erhobener Lanze steht, bereit, den
Pirarucúfisch aufzuspießen, wie er in Peru genannt wird. Er ist der
größte Süßwasserfisch der Welt und erreicht oft ein Gewicht von über
100 Kilogramm und eine Länge von fast 2 Meter. Das Fleisch wird
auf ähnliche Weise gepökelt und eingesalzen wie das des Kabeljaus
und bildet für alle Flußanwohner ein wichtiges Nahrungsmittel. Die
getrocknete Zunge gleicht einer Feile und wird von den Eingeborenen
des Amazonengebiets zum Feilen benutzt. Unter andern Fischen, die von
den Indianern gefangen werden, ist der Tucanaré und die Piranha oder
Flußhai. Auf einigen der Sandbänke weiter flußabwärts findet sich die
amazonische Schildkröte (~Podocnemis expansa~), eine Abart, die aber
meistens von der gewöhnlichen Schildkröte nicht unterschieden wird.
Die Indianer verfolgen sie erbarmungslos, nicht nur ihres Fleisches,
sondern auch der Eier wegen. Sie ist eins der größten Geschöpfe ihrer
Art auf der Welt und bildet für alle Flußanwohner, Europäer wie
Eingeborene, ein marktgängiges Nahrungsmittel. In gewissen Flüssen
kommt sie noch zu Tausenden vor und liefert neben der Nahrung ihre
Schale, die als Gefäß für den Hausgebrauch dient. Die Schildkröten
legen ihre Eier in den weichen, heißen Sandbänken ab, sobald sie
nach den großen jährlichen Überschwemmungen wieder aus dem Wasser
auftauchen. Da die Eingeborenen das genau wissen, liegen sie beständig
auf Wache, und kaum ist das Legegeschäft beendigt, reißen sie die Eier
aus den Löchern, die von der Schildkröte als Nest gemacht werden. Im
Ucayali kommt aber der Flußdelphin häufiger vor als die Schildkröte.
Auch Alligatoren gibt es in Menge. Sie werden ihres Fettes wegen
getötet, das zu einer merkwürdigen Art Massage bei vielen Leiden,
besonders Rheumatismus, gebraucht wird.
In der Umgegend der kleinen Niederlassung von Sarayacu, am Westufer
des Ucayali, liegen mehrere Konibosdörfer. Eines von ihnen, am Ufer,
ist von halbzivilisierten Indianern bewohnt, die sich als Kanuführer
auszeichnen. In andern, weiter ins Land hinein, hausen noch wilde, aber
dem Weißen nicht mehr offen feindlich gesinnte Stämme.
Ich verließ die Barkasse mit meinen beiden Cocamaboys, denselben, die
mich den Chimbiri-Yacu hinauf begleitet hatten, und mietete ein Kanu
von einer alten Missionsstation. Dann ging’s in einen kleinen Fluß,
der die Lokalbezeichnung Rio Sarayacu trägt und viele Meilen weit ins
Land hineinführt gegen eine niedere Hügelkette zu, über die nicht viel
bekannt ist. In der Nähe von Sarayacu zweigt er vom Ucayali ab.
Es würde wohl sehr schwierig gewesen sein, die Lage der Hütten der
weiter flußaufwärts wohnenden Konibos zu bestimmen und hinzukommen,
wäre es mir nicht gelungen, einen Führer des gleichen Stammes, der
in dem halbzivilisierten Dorf am Ucayali lebte, zu überreden, mit
uns zu kommen. Den „zahmen“ Indianer dazuzubringen, einen Weißen
zu seinen wilden Stammesbrüdern zu geleiten, ist außerordentlich
schwierig und hat nur Erfolg, wenn man sich an einen Vermittler wendet,
der das Vertrauen beider besitzt. In meinem Fall war das der alte
Pater in Sarayacu, der sich der Leiber der wilden und der Seelen der
halbzivilisierten Indianer annimmt.
Nach zwei Tagen auf diesem verseuchten kleinen Fluß, dessen
dichtbewaldete Ufer dem Sonnenlicht kaum Zutritt gewährten, schlugen
wir am frühen Nachmittag schon das Lager auf und ließen den
Führer mit dem Kanu vorausfahren, um den Indianern unsere Ankunft
anzuzeigen und ihnen zu erklären, daß wir Freunde wären und Geschenke
mitbrächten. Diese Nacht wurde eine der schlimmsten, die ich je im
Amazonengebiet zugebracht hatte. Zu den Moskitos gesellte sich die
Qual von Hitzbläschen auf dem ganzen Körper, so daß ich keine fünf
Minuten stillzuliegen vermochte. Aber glücklicherweise sind in diesem
Sonnenland die Stunden der Finsternis nur kurz. Nach dem Frühstück
kehrte der Führer zurück und eröffnete uns, daß wir zu dem Dorf fahren
dürften, das nur etwa 3 Kilometer weiter den seichten Fluß hinauf zu
liegen schien.
Das Dorf der Konibos bestand aus vier Rohrhütten ohne Seitenwände,
die auf rohen Plattformen erbaut waren. Jede Hütte gab ungefähr 15
Leuten Obdach. Ungleich andern Wilden an den entlegenen Flüssen dieses
Riesengebiets drängten sich die Konibos nicht zusammen, als wir
landeten, sondern standen unbeholfen umher und betrachteten uns mit
unverhülltem Mißtrauen. Doch tauten sie ein wenig auf, als ich eine
Handvoll Taschenmesser aus meinem Rucksack hervorholte, und damit hatte
ich Gelegenheit, sie mir etwas genauer anzusehen.
Die zahllosen Kinder waren gänzlich unbekleidet, Männer und Weiber
aber trugen ein grobes, braunes „Kusma“, d. h. ein aus einem Stück
bestehendes Gewand mit einem Loch für Kopf und Hals. Sie hatten die
Farbe dunkler Bronze und ihre Gesichter waren mit roten und schwarzen
Streifen bemalt, was einen höchst abscheulichen Anblick bot. Die
jüngern Kinder aber, die nicht auf solche Weise bemalt waren, sahen
ganz anständig aus. Das Haar der Männer und Weiber war lang und
wurde durch ein Rohrband um den Kopf festgehalten. Einer der Männer,
anscheinend ein Häuptling, trug einen Metallring durch die Nase und
eine Vogelfeder im Haar.
In auffallendem Gegensatz zu der glatten Haut der Ocainas war die
dieses Stammes mit Pickeln, Bläschen und Geschwüren wie übersät. Ob
das von den Stichen der Moskitos und „Piums“ herrührte, kann ich nicht
sagen. Auch die Körper der Kinder waren in diesem Zustand und wie mit
einer trockenen Flechte bedeckt. Außer dem Einsammeln von Sarsaparille,
das in den umliegenden Wäldern wild wächst, scheinen sie mit Arbeit
sich nicht viel abzugeben. Die kleinen Pflanzungen dicht beim Dorf
waren in trauriger Verfassung und ließen sich vom Busch zuerst kaum
unterscheiden.
Die Konibos sprechen die „Pana“sprache fast aller Stämme der
peruanischen Montaña. Der Ruf ihres verräterischen und blutdürstigen
Charakters geht auf das Jahr 1695 zurück, als sie einen
Franziskanermissionar, namens Rieter, ermordeten. Seitdem wurden immer
wieder von Zeit zu Zeit Versuche gemacht, sie zu zivilisieren, aber
fast in jedem Fall endigten sie mit Mord. Die am Ucayali Wohnenden
nennen sich Christen, doch deckt nur ein dünner Firnis die Instinkte
des Wilden.
Bei diesem Stamm ist es Sitte, die Alten und Schwachen umzubringen.
Den Sohn dünkt es eine Wohltat, seinen Vater oder seine Mutter zu
ertränken, zu erwürgen oder zu vergiften, wenn sie nicht mehr imstande
sind zu fischen, zu jagen oder die Nahrung zu bereiten. Ein altes Weib
fiel mir auf, das darauf bedacht schien, besondere Geschäftigkeit an
den Tag zu legen, so daß ich mich des Lachens nicht hätte enthalten
können, wäre sie nicht mit solchem Ernst bei der Sache gewesen. Als
ich mit dem Pater in Sarayacu darüber sprach, erzählte er mir von
dem grausamen Brauch, und nun wurde mir der Grund der komischen
Geschäftigkeit klar. Kinder mit einem Abszeß am Fuß wurden in den Fluß
geworfen, weil sie für den Augenblick nicht gehen konnten. Als wir das
Dorf der Konibos verließen, versteifte sich das alte, ausgedörrte, nur
aus Haut und Knochen bestehende Weib darauf, fast bis zum Bauch ins
Wasser zu waten, um unserm Kanu einen letzten Stoß zu versetzen. Ich
freute mich, als ich später von dem schrecklichen Brauch hörte, daß sie
die meistbegehrte Gabe erhalten hatte: eine Schachtel mit Steck- und
Nähnadeln, Nägeln und Angelhaken. Vielleicht wird sie sich damit noch
die paar Jahre ihres Daseins erkaufen können, an dem sie so sehr zu
hängen schien.
Nach der Rückkehr nach Sarayacu kaufte ich das Kanu und erreichte bei
dem Mestizen-Kapitän der Barkasse, die am folgenden Tag den Ucayali
hinauffuhr, daß er mich ins Schlepptau zu nehmen versprach. Meine
Absicht war, das Dampfboot vor Bocca Pachitea, einige Meilen oberhalb
der kleinen Niederlassung von Mashishea, zu verlassen. Es sollte
flußaufwärts fahren, solange die Tiefe des Wassers es erlaubte, um
vier weitere in allen Farbennuancen spielende Passagiere am nächsten
Punkt zu dem Andenübergang nach dem Pazifischen Ozean abzusetzen.
Am Westufer des Ucayali zieht sich eine besonders wilde Gürtelzone
entlang, die von den Kaschibos oder Vampirindianern bewohnt wird. Um in
dieses Gebiet einzudringen, bedurfte ich eines Kanus, und da es nicht
viele Niederlassungen am Ucayali gibt, mußte ich eins mitnehmen.
Nur wenig Bemerkenswertes ereignete sich während der Reise den Ucayali
hinauf, der die gewöhnliche Route zwischen dem Amazonenstrom und dem
Pazifischen Ozean bildet. Die einzigen Ansiedlungen längs dieses 800
Kilometer langen Flusses und seines halb erforschten Gebiets sind:
Contamana, ein hübscher, kleiner Ort am Ufer, und Mashishea, wo sich
eine drahtlose Station befindet. Einige Meilen unterhalb mündet der
Rio Aquaitia in den Ucayali. Von hier aus sind sowohl nach Westen wie
nach Osten die Wälder völlig unerforscht, wo mehrere wilde Stämme,
darunter die menschenfressenden Kaschibos, ihre Wohnsitze haben. Das
Wort „Kaschibo“ bedeutet in der Panasprache „Vampir“, und die Indianer
verdanken diesen Namen ihren blutdürstigen Neigungen.
An einem Punkt auf dem Westufer, auf 8° südlicher Breite, vertauschte
ich die Barkasse mit dem Kanu, das bis dahin recht bequem im Schlepptau
mitgeführt worden war. Nachdem ich aber die Vorräte und meine beiden
Cocamaboys hinübergebracht hatte, ging es leider so tief, daß ich zu
meinem Bedauern gezwungen war, dem Mestizen-Kapitän eine beträchtliche
Menge jener „Extras“ anzuvertrauen, die abseits der Zivilisation soviel
bedeuten. Aber es ging nun einmal nicht anders, und so winkten wir dem
kleinen Dampfer ein Lebewohl zu und paddelten einer Öffnung im niedern
Dschungel der übelberüchtigten Pampas Sacramento entgegen, wo der
kleine Aquaitiafluß in den Ucayali mündet.
Dieser Fluß hat weiter keine Bedeutung. Er ist der letzte kleine
westliche Nebenfluß, ehe die Bocca Pachitea erreicht wird, und
liegt nach Angabe der ausgezeichneten Karten des peruanischen
Innenministeriums auf 8° südlicher Breite. Etwa 30 Kilometer lang
windet sich der Aquaitia gegen Südsüdwesten durch eine sehr flache,
tiefliegende, mit Palmdschungeln bedeckte Gegend. Während des ersten
Tags und der folgenden Nacht waren die Moskitos so blutdürstig, daß
selbst die Kleider keinen Schutz vor ihnen gewährten. Hätte ich
nicht ein Kopfnetz und Stulphandschuhe bei mir gehabt, so wäre ich
schimpflich wieder nach dem offenen Ucayali umgekehrt. Auf keiner
meiner Reisen in verschiedenen Weltteilen hatte ich solche Qualen zu
überstehen wie diesmal durch diese kleinen, teuflischen Geschöpfe.
Hand- und Fußgelenke, Arme, Hals und Gesicht waren so zerstochen und
verschwollen, daß ich kaum die Kleider anzubehalten vermochte und
Schwierigkeiten hatte, nicht durch beständiges Kratzen mich der Gefahr
einer Blutvergiftung auszusetzen. Während dieser fürchterlichen 24
Stunden schliefen wir im Kanu, über dessen ganzen Innenraum wir das
Moskitonetz gezogen hatten. Auch meine beiden Cocamas litten unter
der Moskitoseuche, wenn auch weit weniger als ich selbst. Jedenfalls
schienen sie froh, bei Anbruch der Nacht unter das schmutzige, weiße
Netz kriechen zu dürfen.
Das Schlafen mit Moskitonetz und Stulphandschuhen machte die Hitze noch
unerträglicher. Gegen den Abend des zweiten Tags wurde die Luft aber
etwas freier, und das wahnsinnig machende Gesumme ließ beträchtlich
nach. Der seichte Fluß wurde nun noch seichter und verbreiterte sich
zu einem Miniatursee, der nicht ohne Schwierigkeit zu befahren war. In
dieser Nacht schlugen wir das Lager auf, aber ein richtiges Ausruhen
war ausgeschlossen wegen der Gefahren, die von den wilden Stämmen
drohten, deren Gebiet wir jetzt betreten hatten.
18. Unter den Vampirindianern der Pampas Sacramento.
Als wir am nächsten Morgen am Ufer des seichten Sees entlang fuhren,
erhielten wir die erste Andeutung, daß es hier Indianer gab. Ein Pfeil
zischte in einiger Entfernung vor dem Kanu ins Wasser. Es war ein
bedenklicher Augenblick, und selbst in den Augen meiner beiden Boys
zeigte sich die Nervenanspannung. Ob es sich um eine Warnung handelte
oder um einen Pfeil, der auf der Fischjagd abgeschossen worden war und
die Anwesenheit von Indianern verriet, spielte dabei keine Rolle. Ehe
eine Art Freundschaft hergestellt oder wenigstens eine Form passiver
Duldung von den Indianern erreicht war, die sich offenbar in den
umliegenden Wäldern befanden, schien ein Vormarsch ebenso unmöglich
als der Rückzug. Ähnliches hatte ich schon oft erlebt, aber bei dieser
Gelegenheit fühlte ich mich zum erstenmal wirklich ungemütlich. Der
Hauptfaktor der Sicherheit, eine gute Rückzugslinie, fehlte, und
alles hing nun vom guten Willen eines unbekannten Stammes in einer
übelberüchtigten Gegend ab.
Irgend etwas mußte geschehen, aber was sollte ich tun? Auf den
niedern dschungelbedeckten Ufern war kein Zeichen zu erblicken weder
von den Indianern noch ihren Behausungen. Wir ruderten auf eine
sandige Landzunge zu, die in den seichten See vorsprang. Das Kanu
saß bald fest, und so wateten wir, bis zu den Knöcheln im Wasser,
auf die Sandbank. Nachdem wir uns versichert hatten, daß sie bei dem
natürlichen Steigen des Flusses während der Nacht nicht überschwemmt
würde, beschloß ich, hier das Lager aufzuschlagen, weil niemand weder
vom See noch vom Ufer her sich nähern konnte, ohne das Stück offenen
Strandes zu überschreiten.
Die Nacht über wachte ich, bis mich die Dämmerung erlöste und ich
mich für eine oder zwei Stunden niederlegen wollte. Ich war jedoch
kaum eingeschlafen, als schon einer der Boys ins Zelt trat und mir
durch Zeichen bedeutete, ihm zu folgen. Weniger als 50 Meter vom Lager
entfernt steckten vier Stöcke mit vier kürzeren Stöcken quer darüber
gebunden im Boden, und daneben lag ein Pfeil auf der Erde, der nach der
Richtung wies, von wo wir gekommen waren. Der Cocama schüttelte den
Kopf und murmelte etwas.
Da ich von ähnlichen Zeichen bei den Nambiquaras des Matto Grosso
gehört hatte, zermarterte ich mein Gehirn nach einer Erklärung.
Wahrscheinlich bedeuteten die vier langen Stöcke ebenso viele
Indianer, und der Pfeil, der flußabwärts wies, gab eine Richtung an.
Sollte er eine Warnung sein, daß wir dahin zurückzukehren hatten,
von wo wir gekommen waren? Wenn so, was sollten dann die vier
Querstöcke ausdrücken? Keine Erklärung, außer einem unheilverkündenden
Kopfschütteln, kam vom Cocama. Anderseits mochten die Stöcke anzeigen,
daß die gleiche Anzahl von Indianern in der Richtung des Pfeiles
lagerte.
Nachdem ich mir einige Zeit fruchtlos den Kopf zerbrochen hatte,
entschloß ich mich, Geschenke bei den Stöcken niederzulegen, alles
wieder ins Kanu zurückzuschaffen, das Zelt aber stehenzulassen und
den Saum des Dschungels dort zu untersuchen, wohin der Pfeil deutete.
Während der drückenden Hitze des ganzen tropischen Tages ruderten und
suchten wir ohne Ergebnis umher, aber bei der Rückkehr zu der Sandbank
am Abend sahen wir, daß die Geschenke verschwunden waren. Das Zelt und
die geheimnisvollen Stöcke waren jedoch nicht berührt worden. Ehe die
Nacht anbrach, legte ich meinen Rasierspiegel als weitere Gabe hin
und band eine rohe Skizze daran, die einen Indianer und einen Weißen
darstellte, die sich gegenüberstanden, die Waffen auf den Boden gelegt
hatten und die Arme über die Köpfe hielten.
Wieder saß ich die ganze Nacht neben dem Kanu, da ich zur Wachsamkeit
der beiden Cocamas kein Zutrauen hatte. Als das Licht des kommenden
Tags endlich ausreichte, die Umgebung zu unterscheiden, ging ich zu
den Stöcken. Der Rasierspiegel und die Zeichnung waren fort, und auf
dem Sande zeigten sich die Spuren mehrerer nackter Füße. Sie kamen vom
seichten Wasser des Sees und führten wieder zurück, ein Beweis, daß die
Indianer ein Kanu benutzt hatten.
Diesmal erneuerte ich die Geschenke nicht, sondern ließ nur eine neue
Zeichnung zurück, auf der ein Weißer abgebildet war, der einem neben
dem Zelt stehenden Indianer eine Schnur Perlen überreicht. In der
folgenden Nacht verschwand auch dieses Blatt, und ich hörte, wie das
Kanu der Indianer von der Sandbank abgestoßen wurde, indem ich das Ohr
dicht an die Oberfläche des stillen Seespiegels hielt.