Das Chunchosdorf bestand aus sechs langen und halbwegs gut gebauten

Hütten aus Chontaholz, in denen fast hundert Männer, Weiber und Kinder

lebten. Die Wohnungen lagen auf einem steilen Hügel, der gegen den

mittleren Perené zu abfiel, und waren jenen der Kaschibos und Konibos

am Ucayali turmhoch überlegen. An manchen zeigten sich vorspringende,

durch Baumstämme gestützte Dächer, und einige waren sogar mit roh

zubehauenen Brettern teilweise verkleidet. Auf der Seite des Hügels

befanden sich kleine Anpflanzungen von Mais, Yukka und Bananen.

Merkwürdig war das völlige Fehlen von Kanus. Augenscheinlich benützt

dieser Stamm als Beförderungsmittel ausschließlich die Balsa. Keiner

der Stämme des äquatorialen Amerika züchtet Maultiere, Pferde oder

Vieh, wenn sie nicht von ihren weißen Herren dazu angehalten werden.

Die Chunchos wandern meilenweit durchs Dickicht und über die steilen

Hügelhänge, um Wild aufzuspüren. Auf ihren Balsas unternehmen sie

weite Flußreisen oft über mehr als 150 Kilometer. Aber sie sind sehr

abergläubisch.

Eine merkwürdige Gewohnheit dieser Indianer, deren Zeuge ich in der

ersten Nacht in ihrem Dorf wurde, war, sich in ihren Hütten oder auch

im Freien zusammenzudrängen, sobald die kurze Dämmerung vorbei war.

In mondlosen oder sehr dunkeln Nächten sind sie nicht dazuzubringen,

das Lager zu verlassen. Zuerst war mir das ein Rätsel, und ich dachte,

es wäre einfach ihrer Faulheit zuzuschreiben. Aber eine nähere

Untersuchung zeigte, daß alle Indianer dieser wichtigen Gruppe sich

davor fürchten, in völliger Finsternis allein zu sein. Sie glauben,

daß in jedem Schatten sich böse Geister umhertreiben, und selbst in

mondhellen Nächten weichen sie jedem dunkeln Fleck aus, wenn sie im

Dorf umhergehen oder durch die Wälder wandern. Der einzige Stamm, bei

dem ich ähnliche Formen des Aberglaubens beobachtet hatte, war der der

Apiacás am obern Tapajóz, die, wie man sich erinnern wird, die Schatten

mit ihren Speeren bei den Mondtänzen durchbohrten.

Je länger ich bei den Chunchos verweilte, desto klarer stellte sich

heraus, daß sie keine wirkliche Religion haben außer einer Reihe von

abergläubischen Vorstellungen, die mit den Mächten des Lichts und der

Finsternis zusammenhängen. Die Toten begraben sie unter dem Lehmboden

ihrer Hütten ohne Rücksicht weder auf die darin lebenden Anverwandten

der Verstorbenen noch auf die andern Familien. Zufällig war ich dabei,

wie ein Grab für einen alten Mann ausgeschaufelt wurde, der damals noch

so sehr am Leben war, daß er, sein Schicksal erratend, aus dem Bett

aufstand, in den Dschungel lief und verschwand. Das leere Grab war nur

wenig über ein Meter tief.

Die Chunchos schienen mir damals ein stilles, harmloses Völkchen zu

sein. Kürzlich traf ich aber im Amazonengebiet Mr. Miles Moß, den

bekannten Naturforscher, der vor einigen Jahren unter ihnen gelebt

hat und mir manches erzählte, was meine damalige Ansicht wankend

gemacht hat. Er führte aus, daß er die Chunchos für eine sanfte,

friedliche und intelligente Rasse halte, obwohl ihre Geschichte in

Dunkel gehüllt sei. Sie seien sehr geschickt und gewandt in dem, was

man Heimarbeiten nennen könnte, so begrenzt die auch in ihrer Art sein

möchten. Sie wären von eher kleiner Gestalt, aber glänzend gewachsen,

oft ganz hübsch und ausgezeichnete Schützen mit Bogen und Pfeil. Das

Wasser liebten sie und wären viel reinlicher in ihren Gewohnheiten

und Gepflogenheiten als die halbblütigen Serranos oder Bergindianer.

Diese persönlichen Beobachtungen, die mit meinen eigenen Ansichten

übereinstimmten, ergänzte er dann durch das Folgende, was ihm von

einem Mr. Furlong brieflich mitgeteilt worden war, dessen Zeugnis sich

auf einen dreizehnjährigen Aufenthalt in diesen Gegenden stützte.

Neben ihren guten Eigenschaften haben diese Chunchos auch schlimme

Charakterzüge, für die sie allerdings kaum verantwortlich gemacht

werden können, wenn man ihre Unwissenheit in Betracht zieht und das

völlige Fehlen einer Religion, die über eine bloße abergläubische

Furcht vor dem Unbekannten nicht hinausgehe. Elternliebe zählt nicht

zu ihren tieferliegenden Instinkten, das menschliche Leben wird wenig

geachtet, und so kommt es, daß ein Mord so gut wie gar nichts gilt.

Verheiratet sich eine Witwe mit kleinen Kindern wieder, so beseitigt

nach allgemeinem Brauch der zweite Gatte die Kinder auf solche Weise.

Mr. Furlong hat nicht selten derartigen Unglücklichen eine Zuflucht in

seinem Lager gegeben. Auf seinen Reisen im entlegenen Innern machte

er einmal die Bekanntschaft eines alten deutschen Ehepaares, das nach

und nach zu Pflegeeltern von nicht weniger als 24 Chunchosmädchen und

-jungen geworden war. Sonst wären alle diese Kinder umgebracht worden.

Es ist ganz allgemein Sitte, daß der Sohn seine Eltern in den Fluß

wirft, wenn das Leben infolge der Gebrechlichkeit des Alters zu einer

Last für sie wird oder für die, welche für sie zu sorgen haben. Bei

einer Gelegenheit hatte Mr. Furlong die größten Schwierigkeiten, einen

Chuncho zurückzuhalten, einen Mann, der an einem schlimmen Abszeß litt,

in den Perené zu werfen, und es scheint, daß alle Fälle vermeintlich

unheilbarer Krankheiten auf ähnliche Weise behandelt werden.

Die Geschichte der Chunchos ist ein verschlossenes Buch. Außer einigen

merkwürdigen und noch unentzifferten Inschriften auf einem riesigen

Felsblock im Bett des Paucartamboflusses und einer Anzahl von Stein-

und Kupferäxten, die am Hügel von San Juan gefunden wurden, ist wenig

oder nichts über den Ursprung dieses großen Indianervolkes bekannt.

Am fünften Tag meines Aufenthalts in dem Chunchosdorf begleitete ich

den Huary oder Häuptling auf einem Besuch, den er auf der Balsa zu

einem abgelegeneren Dorf desselben Stammes weiter flußabwärts am Perené

machte. An diesem Ort waren die Hütten sehr ärmlich und bestanden

lediglich aus einem Palmstrohdach auf vier Stützen ohne Seitenwände.

Die Leute kamen dem Weißen mit größerem Argwohn entgegen, und ich

hatte große Schwierigkeiten, einige Halsketten aus merkwürdigen grünen

Steinen mit Affenzähnen dazwischen auch nur zu beaugenscheinigen.

Die Eingeborenen trugen auch hier Kopfbänder aus Papageienfedern,

und ihre Gesichter waren durch Streifen von Vermillon entstellt,

eine Farbe, die aus den Samen des Achiote gewonnen wird. Der

Busch wächst wild in den Dschungeln und bringt hübsche Blüten und

kastanienbraungrüne Samenkapseln hervor, aus denen man die Farbe

bereitet, die von allen wilden Stämmen des Amazonengebiets viel

gebraucht wird.

Der Unterhäuptling dieses Dorfes mit Frau, Sohn und Tochter verwahrte

sich aufs energischste dagegen, daß er auf irgendeiner Photographie

nicht „drauf“ wäre, die in seinem Hoheitsbereich aufgenommen wurde.

Das war der erste Fall, daß ich unter den unzivilisierten Indianern

des Amazonengebiets ungestraft mit der Kamera arbeiten durfte, die

Caripunas am Madeira und die Ocainas am Rio Putumayo vielleicht

ausgenommen.

Ich blieb die Nacht über in diesem zweiten Chunchosdorf, um meine

Lagerausrüstung auf einer Balsa holen zu lassen, und es glückte mir,

zwei Chunchos und ein Floß zu bekommen, das mich zu der Vereinigung

der Flüsse Perené und Ené mit dem Rio Tambo bringen sollte. In den

tieferliegenden und dichteren tropischen Waldgebieten leben mehrere

Stämme der großen Kampasfamilie, bekannt unter dem Namen „Ungoninos“.

Sie sind den Weißen feindlich gesinnt wegen der schlechten Behandlung,

die sie von halbblütigen Kautschuksammlern erfahren haben.

Der Serrano, der mich vom Tambo an der Via Centrale hierher begleitet

hatte, weigerte sich, in das Gebiet der Ungoninos mitzukommen, und

das zwang mich zu sehr kostspieligen und umständlichen Verhandlungen

mit den Chunchos, bis sie versprachen, ihn gesund und heil bei seiner

ungewaschenen Familie wieder abzuliefern, von der er jetzt 78 Kilometer

entfernt war.

Das unangenehmste bei dieser Reise in die wenig bekannte untere Montaña

war, daß ich niemanden hatte, der auch nur den leisesten Schimmer vom

Kochen in europäischem Sinn besaß. Der eine zivilisierte und die zwei

unzivilisierten Chunchos, die auf der morschen Balsa bei mir waren,

verstanden weder das Lager aufzuschlagen noch irgendeine Sprache außer

ein paar Worten Spanisch. So schienen mir die beiden Tage und Nächte

endlos, bis wir uns zur Vereinigung der drei Flüsse hinabgestakt

hatten. Stunden vergingen ohne ein Wort oder einen andern Laut als

das Glucksen des Flusses oder den Schrei eines Vogels. Am Abend des

dritten Tags lagerten wir etwa 16 Kilometer oberhalb der Mündung des

Rio Tambo, und von da an hatte ich zu all meinen andern Obliegenheiten

auch noch die Nachtwache zu halten. Ich nahm mir vor, tagsüber soviel

als möglich zu schlafen, während wir auf der Balsa mitten im Fluß in

verhältnismäßiger Sicherheit waren.

20. Im verbotenen Land der Ungoninos.

Während wir um eine Flußwindung bogen, sahen wir uns plötzlich den

Ungoninos gegenüber. Ein Kanu und ein großes Floß, beide voll von

Menschen, sowie mehrere Gruppen am rechten Ufer versperrten uns

den Weiterweg. Ein paar Minuten lang sah die Sache nichts weniger

als gemütlich aus, da die Balsa keinen Schutz vor Pfeilen gewährt

hätte. Diesmal war die Friedensvermittlung nicht mir überlassen. Die

Chunchos, die augenscheinlich die gleiche oder eine ähnliche Sprache

sprechen, führten die Unterhandlungen, während die Flöße einander

immer näher kamen. Schließlich erklärte der Boy, den ich vom Tambo

an der Via Centrale mitgebracht hatte, durch Zeichen und die paar

spanischen Worte, die uns beiden verständlich waren, daß die „großen“

Ungoninos mir gestatten wollten, sie auf dem Ufer zu besuchen, da

sich meine Freundschaft in den Chunchosdörfern erprobt habe; daß ich

aber sicherlich umgebracht würde, falls ich auf einer Weiterfahrt den

verbotenen Fluß hinauf bestände. Ich wußte von andern Reisenden, daß

der Wasserweg nach Iquitos durch den kriegerischen Stamm gesperrt

und daß es daher nur die Wahrheit war, die der Chunchosboy mir aufs

eindrücklichste klarzumachen versuchte. Deshalb beeilte ich mich

zu antworten, ich hätte keinerlei Absichten, durch das Gebiet der

Ungoninos zu reisen, sondern möchte sie nur als Freund besuchen.

Nachdem also diese Frage befriedigend gelöst war, fuhren beide Kanus

und Balsas gemeinschaftlich einen kleinen Bach zwischen hochstämmigem

dunkeln Wald hinauf. Etwa zwei Kilometer hatten wir auf dem braunen,

öligen Wasser im grünen Zwielicht zurückgelegt, als auf dem hohen Ufer

einige sehr primitive Strohhütten in Sicht kamen. Vor ihnen stand eine

buntscheckige Gesellschaft nackter und halbnackter gelber, zwergartiger

menschlicher Geschöpfe umher. Die Landung war nicht einfach und ging

mir ein wenig auf die Nerven. Alle die kleingewachsenen Wilden trugen

mit Widerhaken versehene Speere, außer einigen, die mit Bogen oder fast

3 Meter langen Blasrohren bewaffnet waren, zu deren Pfeilen sie das

Gift in Kürbissen bei sich führten. Weder die Männer noch die Weiber

und nicht einmal die Kinder versuchten ihren wilden Haß gegen den

Weißen zu verbergen, als ich ans Land stieg.

Nur die Unerschrockenheit der unzivilisierten Chunchos rettete mich vor

sofortigem Tod. Sie standen offenbar auf gutem Fuß mit diesen Nachbarn,

da sie wohl für die Ungoninos die Handelsgeschäfte in den Ansiedlungen

besorgen. Niemals früher hatte ich einen derartigen Haß gefunden wie in

diesem Dorf an einem Nebenfluß des Tambo. Auf Mißtrauen, Argwohn und

selbst Widerwillen kann man ja gefaßt sein, die gewöhnlich von Neugier

und Verwunderung ein wenig zurückgedrängt werden. Hier aber fand ich

unverhüllten Haß in jedem Blick und jeder Gebärde. Der Wunsch zu töten

ward weder durch Neugierde noch die Hoffnung auf Geschenke gehemmt. Ich

hielt ihnen als Friedensgabe mehrere Schnüre farbiger Perlen hin, aber

niemand machte eine Bewegung, sie zu nehmen. Nachdem ich eine oder zwei

peinliche Minuten gewartet hatte, gab ich sie den beiden Chunchos zur

Verteilung, aber auch sie hatten keinen Erfolg, da keiner der Ungoninos

das Geschenk annehmen wollte.

In diesem Dilemma war ich im Begriff, wieder in die Balsa zu steigen

und abzuwarten, ob man mich in Güte abziehen lassen würde, als ein

halbnackter Wilder mit einem Federkopfschmuck und einem mörderisch

aussehenden Widerhakenspeer sich dicht vor mir aufpflanzte. Haß blitzte

aus seinen gelblich schwarzen Augen.

„~Kittamorori schambari ni kahmetta!~“ zischte er in einem seltsam

gutturalen Ton. Ich verstand ihn jedoch nicht, und so standen wir uns

auf etwa 3 Meter mehrere Sekunden lang gegenüber. Der Chunchosboy

vom Tambo kam mir zu Hilfe und erklärte in schlechtem Spanisch, der

Häuptling habe gesagt: „Weißer Mann nicht gut!“

Auf den Chacras (Pflanzungen) längs der Via Centrale war es allgemein

bekannt, daß die Ungoninos furchtbar unter den gewissenlosen und

morallosen Mischlingen gelitten hatten, bis die peruanische Regierung

den Greueln Einhalt geboten hatte, die in allen abgelegenen Gebieten

dieses Wunderlandes ungestraft verübt worden waren. Man hatte den

Wilden ihre Mädchen geraubt und die Männer, Weiber und sogar Kinder

gefoltert, wenn sie sich weigerten, den kostbaren Kautschuksaft

zu sammeln. In jenen Zeiten, die unter dem Zeichen des ersten

Kautschukfiebers standen, galt es für nichts, ein paar Indianer

niederzuknallen. Es war eine kurzsichtige und unmenschliche Politik,

durch die die Arbeitskräfte im Amazonengebiet um ungezählte Tausende

vermindert wurden und die die Arbeit der Forscher, der Offiziere des

Indianeramts und der Kolonisten mit ihren weitausschauenden Plänen

außerordentlich schwierig und gefährlich machte.

Da ich das alles wußte, konnte ich nichts tun als zu erklären

versuchen, daß ich lediglich gekommen war, um die Ungoninos zu sehen

und mit ihnen zu reden, und nicht um Kautschuk einzuhandeln. Nachdem

ich das durch Zeichen und mit Hilfe des Chunchosboys zu verstehen

gegeben hatte, schienen sie sich etwas zu beruhigen, und der Haß

in den Gesichtszügen des Häuptlings wandelte sich zu einem mürrischen

Ausdruck von Mißtrauen.

[Illustration: Chunchosmädchen.

Die Gesichtsbemalung bezeichnet ihre Stammeszugehörigkeit.]

[Illustration: Eingeborenenfloß auf dem oberen Amazonenstrom.

Die Familien hausen wochenlang in den primitiven Strohhütten, während

das Floß Hunderte von Kilometern mit der Flut zurücklegt.]

Ich ging nun im Dorf herum, um es mir anzuschauen, aber zwei Krieger

mit lanzenähnlichen Speeren folgten jedem meiner Schritte. Zu den

Kampas oder Antis, wie sie zuweilen genannt werden, gehört eine sehr

große Anzahl von Stämmen, die die Wälder am Fuß der peruanischen Anden

bewohnen. Ihre Hautfarbe ist gelblich und ihr Aussehen entschieden

asiatisch. Einige junge Mädchen waren keineswegs häßlich. Die Männer

zeichnen sich als Jäger und Schiffer aus. Viele trugen ein Kopfband

(Nahmatteri) aus Blumen um ihr langes, schwarzes Haar. Dieser

Kopfschmuck wird bei der Verehrung des Sonnengottes „Pahua“ stets

getragen. Jede atmosphärische Störung wie Donner, Blitz, Regen, Wind

und Tau wird dem ewigen Krieg zwischen Gut und Böse zugeschrieben. Die

langen Hosen, die den Europäerjungen, wenigstens in seiner eigenen

Wertschätzung, zu einem jungen Mann machen, sind hier dadurch ersetzt,

daß ein wirklich wildes Tier mit dem eigenen Bogen oder Speer erledigt

wird oder gewisse körperliche Martern schweigend ertragen werden.

An den beiden ersten Tagen ereignete sich nichts Bemerkenswertes.

Am dritten Tag aber bemerkte ich, daß sich der ganze Stamm auf der

kleinen Lichtung zwischen den Hütten versammelt hatte. Einige jüngere

Männer suchten mich durch Drohungen vom Näherkommen abzuhalten, aber

vernünftige Vorstellungen beim Häuptling, von einem Pfund Tabak

begleitet, verschafften mir einen Sperrsitz zunächst der Königsloge.

Die Zeremonie, die nun folgte, war eine der grausamsten, der ich je

beigewohnt habe, und zeitweise mußte ich mir alle Mühe geben, mein

Temperament im Zaum zu halten.

Erreicht ein Mädchen das Pubertätsalter, so wird sie bei den Ungoninos

sofort allein in eine der seltsam gestalteten Hütten eingesperrt,

wo sie täglich nur ein wenig Kassawa und Wasser erhält. Mittlerweile

werden alle heiratsfähigen jungen Männer des Stammes zusammengerufen,

und das Mädchen wird dem zugesprochen, der dem Häuptling und den Eltern

die wertvollsten Geschenke an Wild, Fischen, Gift, Hängematten oder

andern Waren macht. Ist der Bräutigam endgültig gewählt, so wird das

Mädchen aus ihrem Gefängnis herausgeführt, in Gegenwart des ganzen

Stammes nackt an einen Baum gebunden und mit Geißeln aus Grasschnüren

gepeitscht, in die scharfe Steine eingeflochten sind.

Dies barbarische Verfahren wird vom Blasen auf Muscheln und dem

Schlagen auf hohle Bäume mit Stöcken begleitet. Dann befiehlt der

Zauberdoktor dem vermeintlichen bösen Geist, das Mädchen zu verlassen

und in den Baumstumpf einzufahren, an den sie gebunden ist, während

er gleichzeitig die Riemen durchschneidet, die den blutenden Körper

aufrecht halten. Die Indianer brechen in ein wildes Geschrei aus, wenn

das Mädchen ohnmächtig umfällt, was als gutes Zeichen betrachtet wird.

Denn nachdem der Dämon durch die Geißelung ausgetrieben wurde, braucht

der neue Geist der Fügsamkeit einige Zeit, ehe er in sein Heim, nun für

Lebenszeit, eingeht.

Das unglückliche Opferlamm wird weggetragen, ihre Wunden werden

ausgewaschen, und man teilt dem Bräutigam mit, daß seine Braut jetzt

vom Bösen geläutert ist. Die Weiber tanzen um den Marterpfahl, um den

Zweige aufgehäuft werden, bis der Bräutigam, etwa eine Stunde später,

mit einer brennenden Fackel wieder erscheint. Nachdem er eine Ansprache

an den Dämon gehalten hat, der seiner Erwählten hatte Übles zufügen

wollen, legt er Feuer an die trockenen Zweige und verbrennt so Dämon

und Marterpfahl unter Begleitung wilder Tänze, Muschelgeblase, dem

Rasseln einer Art von Tamtam und gelegentlichem leisen Schmerzgestöhn

des gemarterten Mädchens.

Auf diese grausame Zeremonie folgte ein mehrere Stunden langes

Schmausen und Trinken und dann eine richtige Tanzvorstellung, bei

der sich die jungen Krieger den Körper mit Messern zerfetzten. Gegen

Abend wurden die Mädchen, die sich dem Heiratsalter nähern, auf den

Boden gelegt und ihrer Augenbrauen mit einem Stück gespaltenen Rohrs

beraubt, worauf man ihnen blauschwarze Linien über die Augen malte. Die

ganze Nacht ging das Essen und Trinken weiter. Bei Männern und Weibern

ist es üblich, ein starkes Brechmittel einzunehmen und dann zum Mahl

zurückzukehren.

Im Charakter der Ungoninos finden sich, im Gegensatz zu den Ocainas

und Itogapuks, keinerlei liebenswürdige Züge. Sie sind wild, grausam,

verräterisch und in beständigem Streit mit ihren Nachbarn. Ihr Gebiet

erstreckt sich vom Tambo und oberen Ucayali zum Madre-de-Dios-Fluß.

Ihre Hütten ähneln den Wohnungen der Chunchos, die auch zu der

Kampasfamilie zu gehören scheinen. Sie nähren sich alle hauptsächlich

von Fischen, Yukka und Früchten, wozu noch Wild aller Art kommt, das

sie in den Wäldern erlegen. Bei der Jagd liegen sie flach auf den

Balsas, die in das hohe Ufergras hineingestoßen werden. So schießen

sie bequem mit vergifteten Pfeilen das Großwild, das an den Fluß zur

Tränke zieht, und mit an dünnen Leinen angebrachten Harpunenpfeilen die

großen Fische, die wie der „Paiche“ an die Oberfläche kommen oder ihre

Gegenwart durch Luftblasen verraten.

Die Leinen, die aus Därmen gedreht werden, sind an der abnehmbaren

Pfeilspitze befestigt. Dringt der Pfeil ein, so löst sich die mit

Widerhaken versehene Spitze und bleibt im Fleisch stecken, während der

Schaft abfällt und davonschwimmt. Der Bogen, von dem solche Pfeile

abgeschossen werden, wird mit den Füßen bedient. Der Fang wird mit der

Leine dicht ans Ufer gezogen, aber oft ist der Fischer genötigt, ins

Wasser zu steigen, um die großen, haiähnlichen Fische endgültig zu

überwältigen, die in diesen Flüssen leben. Dabei kommt es nicht selten

vor, daß Fischfänger von den Kaimans gefressen werden, die sich in

der Sonne rösten oder wie halbuntergegangene Baumstämme faul von der

Strömung treiben lassen.

Die Alten und Gebrechlichen werden bei diesem Stamm auf ihre eigene

Bitte lebendig begraben. Ein tiefes Loch wird in die Erde gegraben, und

nach einem letzten Mahl, an dem der ganze Stamm teilnimmt, hilft man

dem Opfer in die Grube. Der Unglückliche bleibt, mit dem Gesicht gegen

das Dorf zu, stehen, während die Erde langsam aufgefüllt wird. Die

Tiefe ist so bemessen, daß die Augen noch über dem gewachsenen Boden

bleiben. Nach dem Tod wird dann der Kopf mit einem kleinen Erdhügel

überdeckt.

Die Ungoninos kauen Koka, rauchen Tabak, den sie in die Außendecken

von Blättern wie Zigaretten einrollen, und trinken große Mengen

eines höchst berauschenden Getränks aus gegorenem Fruchtsaft. Viele

ihrer grausamen Zeremonien vollziehen sich, während sie unter dessen

Einfluß stehen. Die jungen Mädchen werden so vor der barbarischen

Heiratszeremonie gewöhnlich in einen fast besinnungslosen Zustand

gebracht. Anscheinend vergessen die guten Leute, daß die lähmenden

Wirkungen ihres Gebräus unter solchen Qualen bald wieder verfliegen.

Bei andern Kampasstämmen tragen die Männer lange Kusmas, aber die

Ungoninos gehen fast völlig nackt und schmücken sich nur mit Halsketten

aus den Zähnen des Alligators, Jaguars, menschlicher Geschöpfe und

kleiner Nagetiere. In mancher Hinsicht haben sie mehr Ähnlichkeit mit

den Kaschibos als mit der großen Kampasfamilie. Zweifellos sind sie ein

recht gemischter Stamm.

Die untere peruanische Montaña könnte man auch das Land der

Morgennebel nennen. Weiße Nebelballen ziehen durch die düstern

Baumwölbungen und hängen bis lange nach Sonnenaufgang um die

Uferbänke. Fast das ganze Jahr hindurch treten furchtbare tropische

Gewitter auf, aber das Klima ist nicht so ungesund wie das vieler

anderer amazonischer Flußtäler. Weiter östlich jedoch, in den dichten

tropischen Dschungeln an den Flüssen Madre-de-Dios und Beni, gibt

es buchstäblich Täler des Todes, wie das Tal Mapiri, wo seltsame

malariaähnliche Fieber dermaßen herrschen, daß kein Europäer hinkommen

kann, ohne ihnen fast augenblicklich zu verfallen. Die Ursache ist noch

ebenso unbekannt wie die Art der Fieber selbst.

Velasco nimmt an, daß die Kampasstämme Nachkommen der Inkas der

andinen Hochebenen sind. Mit dieser Ansicht bin ich jedoch keineswegs

einverstanden. Ich bin unter den Aymaras (Inkas) und Cholos

(Mischlinge) der großen andinen Hochebenen gereist und kann keine

Übereinstimmung zwischen den Bergbewohnern und den Waldindianern

finden. Einige Stämme am Fuß der Anden stehen wohl auf einer etwas

höheren Kulturstufe als jene im Herzen der großen Urwälder des

Amazonengebiets. Aber das kommt daher, daß sie sich näher der

Zivilisation der spanischen Verwaltung befanden; und andere Stämme

gehören zu den wildesten des ganzen Kontinents, was man nicht vergessen

darf. Man hat den Umstand zu ihren Gunsten ins Treffen geführt, daß

sie im allgemeinen irgendeine Kleidung tragen. Aber auch das ist sehr

irreführend, denn viele, die das Kusma tragen, solange sie mit der

Zivilisation in Berührung stehen, legen es wieder ab, wenn sie in ihre

Waldheimat zurückkehren. Diejenigen aber, die dieses Kleidungsstück

auch in ihren Dörfern tragen, wie die Chunchos, tun es hauptsächlich,

weil sie nahe den Bergen wohnen, von woher nach Anbruch der Nacht kühle

Winde wehen.

Unter Wilden am Amazonas · 第 18 / 19 段