peitschen lediglich, um ihre Fähigkeiten in Ausdauer zu prüfen und
zu verstärken. Aus demselben Grund werden auch junge Mädchen über
einem qualmenden Feuer in einer Hängematte aufgehängt, um die bösen
Geister aus ihnen auszutreiben und ihre Kraft beim Aushalten von Qualen
zu steigern, ehe sie im Haushalt des Gatten ihren Platz einnehmen.
Vor jedem Festmahl nehmen alle Stammesmitglieder starke Brechmittel
zu sich, damit sie sich der bevorstehenden Orgie mit größerer
Ungebundenheit hingeben können. Die Weiber entfernen alle überflüssigen
Haare, indem sie sie um einen kleinen Rohrsplitter winden. Die Geburt
machen sie durch schon den Kindern auferlegte Übungen schmerz- und
gefahrlos. Sehr dünnes und zerbrechliches Töpferzeug wird von den
Weibern in großer Zahl verfertigt ohne andere Hilfsmittel als ein wie
eine Mörserkeule geformtes Stück Holz.
Nachdem ich einige Zeit bei den Huambisa zugebracht hatte, hielt ich
es für ratsam, wieder nach Iquitos zurückzukehren. Ein Weißer wird
mit verhältnismäßiger Sicherheit in freundschaftliche Berührung mit
fast jedem wilden Indianerstamm kommen und sich einige Tage bei ihm
aufhalten können, vorausgesetzt, daß er über Takt und Unerschrockenheit
verfügt. Aber traut er der gastfreundlichen Stimmung und dem Eindruck
des Neuen, den sein Erscheinen mit sich gebracht hat, zu lange, so
bedeutet das beinahe sicher seinen Tod durch Pfeil, Speer oder Gift.
Während der ersten paar Tage bei einem wirklich wilden Stamm bieten
die natürliche Neugierde des amazonischen Indianers und sein Argwohn
vor jedem menschlichen Wesen einen ziemlich sichern Schutz. Indem er
aus seinem eigenen beschränkten Dasein gewissermaßen Schlüsse zieht,
äußert er vor allem den Wunsch nach Geschenken und Kenntnissen, die
ihm Macht über den eigenen Stamm oder seine Feinde verschaffen. Dann
schließt er weiter, daß kein Mensch, der nicht seiner körperlichen
Überlegenheit oder magischer Kräfte sicher wäre, sich allein unter
einen unbekannten Stamm wagen würde. So ermöglichen diese beiden
Hauptcharaktereigenschaften des wirklichen Wilden dem Forscher und
Wissenschaftler Untersuchungen anzustellen, die sonst undurchführbar
sein würden. Das ist die wahre psychologische Erklärung mancher
berühmten von weißen Reisenden vollführten Heldentaten unter den wilden
Rassen der Menschheit.
Über die Rückreise nach Iquitos brauche ich nur zu sagen, daß ich
sehr früh, noch vor Tag, vom Huambisadorf abfuhr und genug Geschenke
zurückließ, um einen verräterischen Versuch zu verhindern, meiner
kleinen Expedition flußabwärts zu folgen.
[Illustration: Carijonasindianer mit schweren Ohrpflöckchen.]
[Illustration: Konibosindianer im Kusma.]
[Illustration: Landungsstelle am oberen Madeira.
Die Ballen sind Rohgummi.]
16. Unheimliche Bräuche im Land der Uitotosindianer.
Man stelle sich einen Fluß vor, dessen Wasser wie flüssiges Erz
aussehen, mit glatter, öliger Oberfläche, der schweigend und
erbarmungslos zwischen den beiden Wänden eines üppigen, faulenden
Waldes dahingleitet in der schläfrigen Dampfatmosphäre des tropischen
Tags, und man hat den Beginn meiner sechsten langen amazonischen Reise
von Iquitos flußaufwärts gegen den Oberlauf des Putumayo.
Solange jede Palmstrohhütte, jedes sonnenflimmernde Herumplätschern
eines spielenden Delphins, jede schnatternde Affenkolonie, jeder
baumstammähnliche Alligator, das wachsende Dröhnen der Regengüsse, das
Rollen des Donners und Zucken der Blitze am dunkelvioletten Himmel noch
etwas Neues, Seltsames und Aufregendes bedeuten und die Eintönigkeit
der Landschaft sich noch nicht unauslöschlich dem Gedächtnis eingeprägt
hat, mag die Schweißschicht, in die man Tag und Nacht gebadet ist,
zeitweise vergessen werden. Bald aber beginnen die Hitze und Stille des
Mittags auf die ermüdeten Sinne zu drücken. Das blendende Sonnenlicht
legt sich schmerzend auf Augen und Gehirn. Dann kommt die Zeit, da die
Seele des Reisenden erschlafft und da er sich nach der belebenden Luft
der offenen Flächen sehnt.
In solch einem unerfreulichen Zustand befand ich mich, nachdem ich
mich 48 Stunden lang mit Wolken von Stechmücken auf dem Unterlauf des
Putumayo herumgeschlagen hatte. So schrecklich ist diese geflügelte
Seuche, daß die kleinen Grenzgarnisonen in Tarapaca, Tacna und Cotuhé
fast beständig mit Kopfnetzen und Stulphandschuhen zu leben genötigt
sind. Das Wasser dieses schönen Flusses ist klar und weiß, die Strömung
beträgt fünf Kilometer, und die Schiffahrt findet verhältnismäßig
wenig Schwierigkeiten. Der Putumayo hat eine Länge von etwa 1600
Kilometer, aber sein Oberlauf ist von einigen Wasserfällen und
Stromschnellen gesperrt. Durch den Rio Yaguas gelangt man nach der
kleinen Niederlassung von Pebas am Amazonenstrom. Jenseits der Mündung
des Yaguas wird die Fahrt auf dem Putumayo durch viele kleine Inseln
erschwert, und dann kommt die Mündung des wenig bekannten Pupuna, eines
kohlschwarzen Flusses, der zwischen Mauern dunkler, abschreckender
Wälder dahinströmt.
Der Putumayo vereinigt sich etwa 650 Kilometer oberhalb seiner
Mündung in den Amazonenstrom, auf 1° 4′ südlicher Breite und 71° 53′
westlicher Länge, mit einem Nebenfluß namens Igara-Paraná. Er spielt
in den Berichten der Kommission eine große Rolle, die die in der
Kautschukregion begangenen Greueltaten zu untersuchen hatte. Diesem
weltentlegenen Fluß in den Tiefen der Urwälder Guayanas steuerte ich
langsam und mühselig entgegen mit der Absicht, etwas von den Uitotos-
und Ocainasindianern zu sehen, die dieses Gebiet bewohnen.
An der Mündung der beiden Flüsse vertauschte ich das
Iquitos-Putumayo-Boot mit einer Privatbarkasse, die zu den
Gummipflanzungen weiter flußaufwärts gehörte. Man steigt bei der
kleinen Niederlassung Retiro um, wo der Fluß eine breite Fläche bildet.
Einige Kilometer weiter, hinter der kleinen Station Arica, wird der
Hauptfluß verlassen, und die Barkasse nimmt nun ernstlich die Fahrt den
von dunkeln Wäldern umsäumten Igara-Paraná, 350 Kilometer hinauf, in
Angriff.
[Illustration: Skizze des Gebiets des Igara Paraná.]
Im Bericht der Kommission heißt es, daß dieses Gebiet etwa 25000
Geviertkilometer groß ist und sich zwischen dem 72. und 74. Längengrad
und dem Äquator und dem 2. südlichen Breitengrad erstreckt. Vor den
Greueln wurde die Bevölkerung von den peruanischen Behörden auf
40-50000 Köpfe geschätzt. Die Mehrzahl dieses primitiven Volkes wohnte
längs des Igara-Paraná. Der Fluß hat eine Länge von mehr als 600
Kilometer und ist für Fahrzeuge von 100 Tonnen und darüber von seiner
Vereinigung mit dem Putumayo bis zur Station La Chorrera schiffbar,
etwa 350 Kilometer von der Mündung.
Den Fluß entlang liegen zahlreiche kleine Ansiedlungen und Barracas,
die zur Hauptkautschukstation in La Chorrera gehören. Sowohl die
wilden als die halbzivilisierten Stämme, die in dieser ausgedehnten
Waldenklave wohnen, sind zum größten Teil mit dem Einsammeln des
kostbaren Saftes beschäftigt, den sie für Handelswaren an einer oder
der andern der vorgeschobenen Niederlassungen verkaufen. Über die
furchtbaren Greuel, die vor Jahren von gewissenlosen Halbblutagenten
der großen Konzessionen begangen wurden, ist seinerzeit so viel
geschrieben worden, daß es unnötig scheint, hier Geschichten zu
wiederholen, die der ganzen zivilisierten Welt bekannt sind.
Die öffentliche Aufmerksamkeit war für kurze Zeit auf diesen
verhältnismäßig kleinen Fleck Erde in den großen Wäldern des Putumayo
gerichtet mit dem Ergebnis, daß schnell Abhilfe geschaffen wurde. Für
alle, die diese fernen, düstern und geheimnisvollen Gegenden kennen,
lag das Erstaunliche der Sache nur darin, daß sich die Aufmerksamkeit
lediglich auf dies eine Gebiet erstreckte, da es doch zahllose andere
gab, wo die Verhältnisse bekanntlich ebenso schlimm, wenn nicht
schlimmer lagen.
Die noch überlebenden wilden Stämme werden jetzt verhältnismäßig
gut behandelt, obwohl die Moralverhältnisse hier wie anderswo im
Amazonengebiet noch immer sehr viel zu wünschen übriglassen, sollen
nicht die Eingeborenen in eine Mischlingsrasse verwandelt werden, die
die Laster des niedrigstehenden Weißen und des verderbten Indianers
ohne irgendeinen ihrer Vorzüge besitzt. Die Indianer hier haben die
schauerliche Vergangenheit weder vergessen noch vergeben und betrachten
jeden Weißen als Feind, der zu fürchten ist. Die Furcht allein
verhindert an vielen Plätzen ein Blutbad.
La Chorrera ist eine kleine Ansiedlung von Palmholzhäusern und
Strohhütten und liegt an einer wunderschönen Bucht des Flusses.
In Mitte der Lichtung erheben sich die Verwaltungsgebäude der
Kautschukgesellschaft, deren Konzessionen viele Tausende von
Geviertmeilen umfassen. Hier hört die eigentliche Schiffahrt mit
Barkassen auf; jenseits folgen die Stromschnellen von Chorrera. Von
der kleinen Handelsniederlassung aus führen durch den Wald geschlagene
Pfade zu Außenstationen, und noch weiter in den Wäldern zurück
liegen die Dörfer des Uitotovolkes. Das Wort Uitoto bedeutet in der
Eingeborenensprache Moskito. Man nennt diesen großen Indianerstamm
so der dünnen, mißgebildeten Glieder und seltsam fetten Leiber
seiner Angehörigen wegen. Doch ist diese Regel nicht ohne Ausnahmen.
Die Ocainasindianer, die die Wälder längs des Igara-Paraná, etwa
80 Kilometer unterhalb La Chorrera, bewohnen, gehören zu den
wohlgebildetsten und hellfarbigsten Rassen des Amazonengebiets.
Allerdings ist es höchst zweifelhaft, ob dieser Stamm zu der
Uitoto-Gruppe zu rechnen ist. Die Indianerrassen sind so vermischt,
daß es unmöglich sein dürfte, in diesem und vielen ähnlichen Fällen zu
einer sicheren Entscheidung zu kommen.
Bald nach meiner Ankunft in La Chorrera erfuhr ich, daß in einem der
Ocainas-Walddörfer eine große Stammes-Tanzfestlichkeit stattfinden
sollte. Eine Barkasse brachte mich flußabwärts zu der kleinen, gegen
Angriffe wohlgeschützten Handelsfaktorei und dann eine kurze Wanderung
durch den Wald zu den riesigen Strohhütten des merkwürdigen Stammes.
Die Vorbereitungen zu dem großen Tanz, der am nächsten Tag abgehalten
werden sollte, waren schon in vollem Gang. Völlig nackte Mädchen
und Kinder wurden eben mit aus Pflanzen gewonnenen, lebhaften
Farben sorgfältig bemalt, und einige schienen über das vorzeitige
Erscheinen eines Weißen nichts weniger als entzückt. So wandte ich
denn meine Aufmerksamkeit den riesigen, glänzend ausgeführten Hütten
dieses Stammes zu. Doch konnte ich nicht umhin, mich von der schönen
Körperbildung der Ocainas im Vergleich mit der anderer Stämme des
Waldes zu überzeugen.
Die Gemeinschaftshäuser der Ocainas sind sehr große, mit Palmstroh
gedeckte, zeltförmige Hütten, deren Bau außerordentliche Mühe gemacht
haben muß. Ihre Höhe beträgt wenigstens 7½ Meter, bei 10 Meter Breite
und über 30 Meter Länge; der Eingang ist fast 2 Meter hoch und
anderthalb Meter breit. Die Dachsparren dieser Familienwohnstätten
reichen bis auf den Boden. Im Innern herrscht überall Halbdunkel, nur
erhellt von der düstern Glut schwelender Feuerstellen; und bis sich
die Augen daran gewöhnt haben, setzt es einige Beulen und Stürze ab.
Nackte Gestalten huschen gleichgültig vorüber. Auf dem harten Lehmboden
stehen irdene Töpfe und Tiegel umher, die, wie ich bemerkte, mit
Henkeln versehen und mit eigenartigen Zeichnungen geschmückt sind.
Außerdem sieht man Weidenkörbe voll von Früchten, Mörser, um Farinha
zu zerstoßen, und kleine Fächer aus Palmblättern. Von Betten aber war
außer einigen Haufen trockener Blätter, auf denen Kinder schliefen,
nichts zu merken.
Am folgenden Morgen verließ ich schon früh das Lager und begab mich
auf den kleinen Platz vor den Hütten, um die letzten Vorbereitungen
nicht zu versäumen. Einige Männer trugen Jacken und Hosen, andere
schienen eine kleine Schürze in jeder Hinsicht für ausreichend zu
halten. Die älteren Weiber waren in ein loses, weißes Gewand gekleidet,
aber die jüngeren Mädchen erschienen vollständig nackt, während die
Alten noch die letzte Hand an ihre kunstvollen Körperbemalungen
legten. Die meisten waren verhältnismäßig wohlgebildet und hatten
jedes überflüssige Haar von ihrem Körper entfernt. In der Hautfarbe
waren alle Töne von dunkler Bronze zu fast reinem Weiß zu finden.
Ein Kind, das als einzige Bekleidung eine merkwürdige Halskette aus
weißen Steinscheiben trug, war heller als alle Indianer, die ich auf
meinen bisherigen Reisen im Amazonengebiet angetroffen hatte. Die
Ocainasweiber tragen das Haar entweder kurz geschnitten oder lang über
die Schultern herabhängend. Bei allen Männern und Kindern ist es kurz
geschnitten.
Die phantastischen Bemalungen, hauptsächlich auf Leib und Beinen,
müssen stundenlange Arbeit erfordert haben und ließen sich wohl nicht
so leicht wieder entfernen. Mehrere ältere Mädchen trugen merkwürdige
Beinbekleidungen mit Quasten, andere wieder Fußringe und einige wenige
breite Gürtel aus gefärbtem Stroh in der Art von losen Miedern.
Augenscheinlich waren die Beine einiger Mädchen mit dem klebrigen Saft
des Kautschukbaumes bestrichen und dann in den Blütenstaub einer Palme
getaucht worden. Die Männer hielten in jeder Hand einen Tanzstock. Das
ganze Schauspiel machte den Eindruck eines Bacchanals.
Der Tanz fing an mit einer schwingenden Linie farbenfreudig bemalter,
aber sonst ungeschmückter Mädchen, die auf der kleinen palmenumsäumten
Lichtung langsam vor- und zurückgingen. Die Männer verschränkten die
Arme und rückten so unter wildem Geschrei auf die Lichtung vor. Die
Paare faßten sich nun bei den Händen und begannen auf ungeschlachte
Weise seltsam gleichförmige Körperverdrehungen auszuführen. Jene, die
Tanzstöcke hatten, stampften mit den Füßen wie auch mit ihren langen
Stangen auf den Boden, und alle sangen und schrien, während die älteren
Weiber auf der Erde sitzend eine Art von Tamtam dazu schlugen. Als
alles zu Ende war, bewegten sich die Mädchen in ihrem Staat umher ohne
die geringste Verlegenheit, aber von irgendwelcher Unschicklichkeit
oder Roheit war nicht das mindeste zu bemerken. In letzter Zeit ist
dieser Tanz von dem brasilianischen Forscher und Filmoperateur Silverio
Santos photographisch aufgenommen worden. Seiner Liebenswürdigkeit
verdanke ich die Bilder neben Seite 192/193.
Dieser Ocainatanz machte einen mehr bacchanalischen als barbarischen
Eindruck und glich nicht im geringsten den unheimlichen Bräuchen, deren
Zeuge ich 1600 Kilometer weiter südlich in den monderhellten Wäldern
gewesen war. Der Stamm ist jetzt verhältnismäßig friedlich, wenn
auch gänzlich unzivilisiert. Die meisten seiner Angehörigen sind als
Kautschuksammler in den wilden Wäldern dieses Riesengebiets angestellt.
Die Ocainas glauben an einen guten Geist „Usinamwe“ und einen bösen
Geist „Taipenu“ und verehren außerdem „Itoma“, die Sonne, und „Fuey“,
den Mond. Stirbt ein Häuptling, so wird er unter dem Boden seiner
Hütte begraben; andere werden mit all ihrer irdischen Habe in einiger
Entfernung vom Dorf beigesetzt. Die Macanas oder Holzschwerter,
Blasrohre und Tanzstöcke gelten als Symbole der Herrschaft und werden
daher nicht mit dem jeweiligen Inhaber begraben, sondern vererben
sich von Generation zu Generation. Das Hauptnahrungsmittel ist eine
Art Kuchen, der aus der zerstoßenen Wurzel des Kassave bereitet wird.
Nachdem das Gift abgeschieden wurde, macht man daraus einen Teig und
bäckt ihn auf flachen, irdenen Platten. Der Geschmack ist bitter und
teigig.
Vielleicht der interessanteste Brauch bei diesem Stamm besteht darin,
die Körper nach reichlichem Schwitzen mit gewissen Blättern abzureiben,
um alle Hautunreinigkeiten zu entfernen. Ob darin der Grund für ihre
helle Hautfarbe liegt, ist schwer zu sagen. Von allen amazonischen
Stämmen, mit denen ich in Berührung kam, haben die Ocainas bei
weitem die schönste Gestalt und reinste Haut. Sie badeten täglich im
Fluß, und da sie keine alten und gewöhnlich muffigen Kleider tragen,
hatten sie nicht den ekelhaften Geruch an sich, der so häufig den
halbzivilisierten Indianer kennzeichnet.
Vom Dorf der Ocainas aus begab ich mich nach Norden durch die Wälder
und im Kanu auf dem Igara-Paraná jenseits der Stromschnellen in das
Gebiet der Nonuyas, eines Zweiges der Andokesindianer. Sie sind
Kannibalen und ihre Hütten liegen im Herzen des Dschungels, etwa 50
Kilometer vom Fluß und einem Punkt namens Ultimo Retiro entfernt.
Obwohl der Stamm den Weißen nicht mehr offen feindlich entgegentritt,
haben sich doch einige kannibalische Gebräuche erhalten. Werden bei
den fast beständigen mörderischen Kriegen Gefangene von benachbarten
Stämmen eingebracht, so mästet man sie sorgfältig, gibt ihnen Weiber
und schlachtet sie dann bei großen Festlichkeiten. Verzehrt werden
nur gewisse Körperteile, so das Gehirn, um Weisheit und Schlauheit zu
erlangen, das Herz zur Übertragung von Mut und der rechte Arm, um der
Stärke teilhaftig zu werden. Derartige Orgien finden nur nachts in den
Tiefen der Wälder statt, nachdem das Zeichen zur Versammlung der Stämme
durch die „Manguaré“ gegeben wurde.
In ihrer äußern Erscheinung sind die Nonuyas abschreckend häßlich. Ihre
Hautfarbe ist ein oft merkwürdig fleckiges und scheckiges Gelbbraun.
Die Männer tragen das übliche Lendentuch, aber die Weiber gehen völlig
nackt. Als Schmuck tragen sie Halsketten aus Menschenzähnen und
Vogelfedern, die sie ins Haar stecken. Ihre Bewaffnung besteht aus
einer Art Holzschwertern, Blasrohren und Lanzen. Der Dialekt dieser
Stämme scheint allen Anforderungen an eine richtige Sprache zu genügen
und klingt keineswegs rauh oder guttural. Sie verehren Sonne und Mond.
Mehrere Stämme dieses Gebiets, einschließlich der Nonuyas, kauen
Kokapflanzen und Tabak. Aus den Blättern der Koka gewinnen sie Kokain,
das sie befähigt, Ermüdung, Schmerz und Hunger in bemerkenswertem Grad
auszuhalten; aber sie altern dabei sehr rasch. Sie ähneln in dieser
Hinsicht den Aymara-Indianer der bolivianischen Hochebenen, nur ist
die Art und Weise des Kokakauens bei ihnen verschieden. Die Bergstämme
kauen das frische Blatt zusammen mit ein wenig gewöhnlichem Kalk oder
Pottasche, während die Waldstämme das Blatt der Kokapflanze rösten,
es mit Holzasche zusammen zu Pulver reiben und dann erst das Gemisch
kauen. Der Speichel löst dann das Kokain. Sowohl die Nonuyas wie
andere Stämme am obern Igara-Paraná durchbohren die Nasenscheidewand
und setzen ein Stück Rohr ein. Die Weiber entfernen alle überflüssigen
Haare vom Körper, aber ihre Glieder sind so mißgestaltet und
verkrüppelt, daß ihr Anblick nichts weniger als erfreulich wirkt.
Bei den wenig bekannten Carijonasindianern des Caquetágebiets von
Kolumbien, das an das Putumayogebiet angrenzt, wird ein merkwürdiges
Getränk aus einer Pflanze namens Yagé bereitet, die wild in großen
Massen in den dichten und ungesunden Wäldern vorkommt. Yagépräparate
haben sich in Fällen von Beri-Beri als heilkräftig erwiesen, eine
Krankheit, die, wie man jetzt weiß, durch einen hohen Grad von
Blutarmut verursacht wird. Außerdem aber haben sie auch die seltsame
Wirkung auf den Einnehmenden, ihn in einen Zustand zu versetzen, in dem
das volle Bewußtsein schwindet und das Unterbewußtsein somit frei wird,
telepathische Mitteilungen entgegenzunehmen!
Das mag unglaublich klingen, aber für die Wahrheit liegt beträchtliches
Beweismaterial vor. Die erste Entdeckung wurde 1912 durch ~Dr.~ R. Z.
Bayon gemacht, der in dieses schwierige Gebiet eindrang und tatsächlich
die Yagémixtur bereitete, wie sie bei den wilden Carijonasindianern und
ihren Medizinmännern in Gebrauch ist. Er machte damit Versuche an sich
selbst und an Eingeborenen, die an der Beri-Beri-Krankheit litten und
die er alle heilte. Um die telepathischen Wirkungen auszuprobieren,
erklärte sich Oberst C. Morales, der Kommandant einer Militärabteilung
in der Nähe, zu einem Versuch bereit. ~Dr.~ Bayon hat öffentlich
berichtet, daß der Patient sofort sich des Todes seines Vaters und
der Krankheit seiner Schwester bewußt wurde, die in einem andern
Teil Kolumbiens lebten, durch Hunderte von Meilen undurchdringlicher
Wälder getrennt. Der Arzt fügt hinzu, daß Oberst Morales damals
infolge Mangels an richtiger Nahrung sehr schwach, daß er aber sonst
ein nerviger und intelligenter Mann war. Einen Monat später traf ein
Kurier in der Außenstation ein, wo der Versuch stattgefunden hatte,
mit Briefen, die die Nachricht vom Tod und der Krankheit enthielten,
wie sie Oberst Morales gleichzeitig in seinem unterbewußten Zustand
geschildert hatte. ~Dr.~ Bayon nennt das rohe Präparat, das damals
angewandt wurde, „Telepatina“ und empfiehlt die geheimnisvolle Pflanze
der Aufmerksamkeit der Forscher und Wissenschaftler in diesem Gebiet.
Einige der Carijonasindianer, deren ungefähre Anzahl auf 50000
angegeben wird, überschreiten den Caquetá zum Trans-Putumayo und
geben zu, daß sie eine Art Getränk mit bläulicher Färbung aus einer
Kletterpflanze herstellen, die sie als Yagé bezeichnen. Es scheint
von ihr vier Arten zu geben, die alle ähnliche Wirkungen haben. Durch
Verdunstung gewinnen die Medizinmänner stark konzentrierte Lösungen.
Obwohl man diese Indianer mit dem Gattungsnamen „Carijonas“ bezeichnet,
gehören sie doch zu vielen verschiedenen Stämmen, die alle eigene
Dialekte sprechen. Aber mehrere, die man befragte, stimmten in ihren
Aussagen über Gebrauch und mentale Wirkungen des geheimnisvollen
Trankes überein.
Zuerst trübt sich das Seh- und Empfindungsvermögen. Darauf scheint
Wahnsinn einzutreten, aber ob schon nach der ersten Dosis oder erst
nach fortgesetztem Gebrauch, konnte noch nicht festgestellt werden. In
diesem Geisteszustand bilden sich die Leute ein, wilde Tiere zu sein,
ziehen sich oft tagelang ins dickste Dickicht zurück und zerreißen
jeden, der sich ihnen nähert. Solche Wirkungen auf das Gehirn eines
Wilden scheinen ganz gut vorstellbar. In späteren Stadien wird der
Patient halb kataleptisch, ist aber fähig, Vorgänge zu schildern, von
denen er bei vollem Bewußtsein weder etwas gesehen noch gehört haben
kann. Europäische Städte, Musik und gleichzeitige Ereignisse sind so in
allen Einzelheiten beschrieben worden, für die der spärliche Wortschatz
der Eingeborenensprache nicht ausreichte, so daß rohe Zeichnungen als
einzig mögliches Verständigungsmittel zu Hilfe genommen werden mußten.
Unter den halbblütigen Kautschuksammlern, die in diesen entlegenen
Gebieten leben, sind mehrere dem Gebrauch des merkwürdigen Mittels
ergeben. Einesteils, weil es ihre Empfindlichkeit gegen Schmerz, Hunger
und Ermüdung abstumpft und die Beri-Beri-Krankheit heilt, aber auch
wegen seiner seltsamen Wirkungen, die es ihnen nach ihrer Aussage
ermöglichen, „weit weg von den düstern und ungesunden Wäldern zu leben“.
In einem kleinen Eingeborenendorf am obern Caquetá führt ein Weißer
das Leben eines Wilden. Er ist zum Sklaven dieser geheimnisvollen
Eingeborenentränke geworden und jetzt Cacique oder Häuptling einer
Unterfamilie der Andokes. In Europa erzogen, kam er vor 25 Jahren in
diese Gegend und nimmt heute teil an den schauerlichen Orgien der
Wilden. So unglaublich diese Geschichte von dem geheimnisvollen
„Yagé“ auch jenen klingen mag, die mit den seltsamen Giften der großen
Wälder des Amazonengebiets nicht vertraut sind, sollte man doch nicht
vergessen, daß die Kokapflanze, deren Gebrauch bei den Aymara-Indianern
seit ungezählten Jahrhunderten bekannt ist, erst jetzt der Wissenschaft
und dem zivilisierten Laster den „weißen Schnee“ liefert, und daß
die Zauberdoktoren und Cabocloheiler jener Wälder bei zahlreichen
gewöhnlichen Leiden mit weit stärkeren Medizinen operieren, als der
wissenschaftlichen Welt bekannt sind oder von ihr angewendet werden.