als möglich flußaufwärts vorzustoßen, bis ich mit den Eingeborenen
dieser Gegend in Berührung käme. Sie waren als Kopfjäger bekannt und
gleichzeitig als Besitzer des Geheimnisses, menschliche Köpfe bis zur
Größe einer Orange zu verkleinern, ohne die Gesichtszüge zu zerstören.
Ich war mir der großen Schwierigkeiten meines Vorhabens bewußt und
zweifelte vom Anfang an an einem glücklichen Gelingen. Aber nichts ist
ohne Anstrengung zu erlangen, und die Stämme des Huambisavolkes sind
so wenig bekannt, daß selbst ein halber Erfolg schon Erkenntnisse von
wissenschaftlichem Wert eintragen mochte. Während ich so überlegte,
wußte ich jedoch noch nichts von der bösartigen Natur der betreffenden
Stämme noch von der Lage ihrer Dörfer.
Señor Ramon besaß eine Alligatorfarm am Unterlauf des Chimbiri-Yacu,
die vollständig von einem Mischling und einigen halbzivilisierten
Cocamas betrieben wurde. Bei Hochwasser während der Regenzeit pflegen
die riesigen Reptilien flußaufwärts zu ziehen. Kommen sie dann wieder
herab, wenn die Gewässer sich von neuem gegen den breiten Marañon zu
verlaufen, so werden sie gefangen. Man kann sich kaum vorstellen, wie
aufregend der Fang wilder Alligatoren ist. Viele Monate lang braucht
man gar nichts zu tun. Wenn dann die Gewässer zu fallen beginnen,
werden aus gigantischen Baumstämmen mit Seilen und Flaschenzügen
riesige Fallen quer über den Fluß errichtet.
Die Tiere müssen sich daher in einem kleinen, am Ufer ausgehobenen
Teich sammeln. Sind sie einmal darin, so gibt’s kein Entkommen
mehr. Die ausgewachsenen, vielleicht ein bis zwei Jahrhunderte alten
Saurier werden ihrer Häute wegen getötet. Da man sie nicht recht zu
gerben versteht, bleiben sie etwas steif und vermögen mit den Häuten
der Alligatorfarmen an den Küsten des Karibischen Meeres nicht in
Wettbewerb zu treten. Señor Ramon erklärte sich bereit, mir jährlich
5000 Häute zu 25 Schilling das Stück zu verkaufen. Würde man sie
durch besseres Gerben weich und geschmeidig machen, so wäre eine
Alligatorfarm am entlegenen Amazonenstrom eine äußerst gewinnbringende
Unternehmung, solange die Mode für Damenschuhe, Handtaschen und andere
Gegenstände aus Krokodilleder Bedarf hat.
Nach dem Abschied von Señor Ramon und der Alligatorfarm überstürzten
sich die Schwierigkeiten geradezu. Der Chimbiri-Yacu sieht freundlich
und ungefährlich aus, hat aber eine starke Strömung und ist sehr
seicht und voll Hindernissen, so daß die Arbeit, sich flußaufwärts zu
staken, nicht nur äußerst anstrengend, sondern auch von so geringen
Fortschritten begleitet war, daß wir in drei Tagen nur 35 Kilometer
von dem Punkt aus zurücklegten, wo wir die Barkasse verlassen hatten.
Der Wald war sehr dicht; rechts von uns erschienen verschwommene blaue
Hügel.
Am Abend entdeckten wir, daß wir nahe der Mündung eines kleinen Flusses
einen falschen Weg eingeschlagen hatten, der auf der Karte Perus den
Namen „Urama“ trägt. Es war der letzte Fluß oder Ort mit einem Namen;
jenseits liegt ~Terra incognita~. Zuerst bemerkte ich diesen wichtigen
Umstand am Nachlassen der Hauptströmung. Dadurch wurde es klar, daß wir
nicht nur unsern Fluß verlassen hatten, sondern überhaupt jeden Fluß,
der aus höher gelegenem Gelände herkam.
Mit einem Male verbreiterte sich der Fluß und wir sahen, daß wir
in einen großen, aber sehr seichten See eingefahren waren. Da wir
ihn auf keiner vorhandenen Karte finden konnten, benannte ich
diese weite Wasserfläche, die wenigstens 24 Kilometer lang und 8
Kilometer breit war, auf der beigegebenen Karte „See der Seekühe“.
Hier erblickte ich zum erstenmal diese unter dem Namen „Manati“ oder
Seekuh bekannten seltsamen Süßwasser-Säuger. Sie kommen in vielen
amazonischen Stauwasserbecken vor, werden aber von Reisenden, die
ihre Lieblingsschlupfwinkel nicht kennen, nur selten gesehen. Die
Brasilianer nennen die Seekuh auf portugiesisch „Peixe boi“, die
Peruaner auf spanisch „Vaca Marina“. Fast jeder Indianerstamm hat einen
eigenen Namen für diesen nützlichen Fisch, der sie mit Öl versorgt.
Der bläulichgraue, glatte Rücken der Seekuh ist oft äußerst schwer
von stagnierendem Wasser oder einem schwimmenden Baumstamm zu
unterscheiden. Kommt aber der Bauch nach oben, so entdeckt man das
Tier leicht an rosa Zeichnungen, die ihm das Aussehen eines Gummiballs
verleihen. Die gewöhnliche Länge eines ausgewachsenen Tieres beträgt
etwa zwei Meter; sein Maul, von dem es seinen „Familiennamen“ hat,
gleicht dem einer Kuh.
Sein Gesichts-, Geruchs- und Gehörsinn ist so fein entwickelt, daß die
Eingeborenen behaupten, zur Jagd keines Tieres bedürfe man größerer
Geschicklichkeit. Man fängt die Seekuh entweder mit der Harpune
oder in starken Netzen, die vor dem Eingang zu ihren Futterplätzen
aufgespannt werden. Das Fleisch gilt für recht gut und soll ähnlich
wie Schweinefleisch schmecken. Mir selbst jedoch war der Geschmack
zuwider. Das merkwürdige Tier hat Flossen, unter der Haut eine dicke
Speckschicht und liefert mehrere Gallonen (zu 4½ Liter) Öl, das die
Indianer zum Massieren bei verschiedenen krankhaften Schwächezuständen
mit anscheinend wunderbarem Erfolg verwenden.
Nachdem wir für die Untersuchung dieses großen Waldsees einen Tag
und eine Nacht geopfert hatten, suchten wir wieder den Hauptarm des
Chimbiri-Yacu auf und arbeiteten uns zwei Tage gegen die Strömung
flußaufwärts. Außer einer verlassenen Strohhütte bekamen wir nur
den Dschungel und in weiter Entfernung einige Hügel zu Gesicht. Da
wir die Unmöglichkeit einsahen, bei unserm langsamen Vorwärtskommen
das Quellgebiet des immer seichter werdenden Flusses in einer
vernünftigen Zeit zu erreichen, entschloß ich mich, in einen nicht so
schnell dahinströmenden Fluß einzufahren, der auf 4° 10′ südlicher
Breite vom Chimbiri-Yacu westlich abzweigt, denn wir waren von den
zehntägigen Anstrengungen in der Dampfbadatmosphäre und dem häufigen
Eingeweichtwerden von tropischen Regengüssen völlig erschöpft. Dieser
Nebenfluß war so seicht, daß das leichte Kanu öfter festsaß als auf dem
Wasser schwamm.
Am Morgen des zweiten Tages auf diesem namenlosen Fluß, den ich zu
Orientierungszwecken „Indianerflüßchen“ getauft habe, trafen wir auf
drei große Gemeinschaftshütten. Sie waren aus Chontapalmholz gebaut und
standen am Rande einer Lichtung in geringer Entfernung vom Ufer. Auf
dem Fluß lagen zwei Flöße oder Balsas, auf denen sechs Eingeborene mit
furchterweckend aussehenden Bogen und Pfeilen standen.
Nachdem wir unsere freundschaftliche Gesinnung durch Zeichen kundgetan
hatten, landeten wir bei der kleinen Lichtung. Sofort umgaben uns
zwanzig oder dreißig Wilde, die das Eindringen eines Weißen nicht übel
aufzunehmen schienen. Mehrere Freunde in Iquitos hatten mich aber vor
dem verräterischen Charakter der Indianer dieser Gegend gewarnt und
erzählt, wie einsame Prospektoren auf der Suche nach den sagenhaften
Schätzen des Amazonenlandes von ihnen behandelt worden waren. Daher
beschloß ich vorsichtig zu sein und das Lager unmittelbar am Ufer
aufzuschlagen statt in der Nähe der Hütten auf der Lichtung.
[Illustration: Skizze des Chimbiri-Yacu-Gebiets.]
Durch Zeichen gab ich zu verstehen, daß wir nur für die eine Nacht hier
lagern würden, verteilte einige Geschenke und tat so, als ob ich
mich nicht weiter um die Indianer kümmerte, die herumstanden und uns
beobachteten. Obwohl ich sehnlichst wünschte, mit ihnen ins Gespräch
zu kommen und ihr Dorf in Augenschein zu nehmen, hielt ich das doch
für gefährlich, ohne ihre Absichten erst erkundet zu haben. Wenn man
nur zwei halbzivilisierte Eingeborenenboys zu seiner Verteidigung
hat, trägt man kein Verlangen, sich in mehr Gefahren zu begeben als
unvermeidlich an sich mit jeder Forschungsarbeit verbunden sind.
Während des ganzen Tags zügelte ich meine Ungeduld und beschränkte
mich auf gelegentliche pantomimische Bemühungen, den Namen des Stammes
herauszubringen. So entdeckte ich, daß er eine Unterabteilung des
großen Huambisavolks war und „Anchuales“ hieß. Natürlich verschärfte
sich nun mein Wunsch, ihr Leben und ihre Sitten zu untersuchen. Als
die Nacht anbrach, saß ich vor meinem Zelt mit dem Rücken gegen den
Fluß und den kurzen Winchesterkarabiner geladen und schußbereit in
Reichweite. Dann stieg der Mond auf und überflutete die Lichtung mit
seinen geheimnisvollen Strahlen. Ostentativ stand ich auf, warf die
erst halbgerauchte Zigarre weg und verschwand im Zelt. Einer der Boys
hielt draußen Wache.
Auf der Rückseite des Zeltes hatten wir die Leinwand absichtlich nicht
befestigt. Ich konnte daher hier unter die Leinwand kriechen und
wartete, bis eine Wolke den Mond verdeckte. Als endlich das Ufer für
einen Augenblick im dunkeln Schatten lag, glitt ich den steilen Abhang
hinab und verbarg mich unter dem Schutzdach im Stern des Kanus. Hier
wachte und schlummerte ich abwechselnd, bis es anfing zu dämmern. Als
alles ruhig blieb, badete ich und bereitete mich auf den kommenden Tag
vor.
Von +einem+ Umstand hatte ich mich durch diese Maßregeln überzeugt: daß
kein unmittelbarer Angriff geplant war. Hätten die Indianer vorgehabt,
mich zu ermorden oder auszuplündern, so würden sie mich sicher
angegriffen haben, kurz nachdem ich mich ins Zelt zurückgezogen hatte,
da sie glaubten, ich wolle nur eine Nacht hierbleiben. Dann wäre,
abgesehen von den beiden Cocamaboys, der Weg frei gewesen, das kleine
Lager zu überfallen.
Durch diese Erwägungen ermutigt, erklärte ich meine Absicht, den
Aufenthalt um einen oder zwei Tage zu verlängern, angeblich, um
den Kanuboys Gelegenheit zum Ausruhen zu geben, die übrigens diese
Nachricht nichts weniger als freudig aufnahmen. Sogleich begann ich nun
mit meinen Nachforschungen und nahm mir vor, sofort abzufahren, sobald
ich sie zu einem Abschluß gebracht hätte.
15. Die Kopfjäger der Huambisa.
Dieser Huambisastamm hat ein mongolisches Aussehen und scheint weder
körperlich noch seiner ganzen sonstigen Beschaffenheit nach kräftig
zu sein. Die Durchschnittshöhe der Leute beträgt etwa 1,60 Meter. Sie
haben ungewöhnlich lange und dünne Arme und sind nicht völlig nackt
wie die Wilden am Tapajóz, Madeira, Aripuanan und andern Flüssen des
brasilianischen Amazonengebiets, sondern haben um die Lenden eine Art
Leibbinde geschlungen, deren unterer Saum in glänzende Federn ausläuft.
Die Weiber tragen von der rechten Schulter herabhängend ein Gewand
aus einem Stück. Mit Käferflügeln verzierter Ohrschmuck aus Rohr ist
beiden Geschlechtern gemeinsam. Die Männer tragen noch Armringe aus
Eidechsenhaut, während sich die Weiber mit Halsketten aus gefärbten
Samenkörnern schmücken.
Zur Bemalung des Gesichts, der Arme und des Körpers wird der rote
Farbstoff des „Achiote“ oder der blaue einer andern Pflanze benützt,
die, wie ich glaube, „Piau“ genannt wird. Einige unverheiratete
Mädchen trugen Fußringe aus Rohr. Die auf das Gesicht gemalten Zeichen
scheinen die Stammeszugehörigkeit anzuzeigen und ersetzen gewissermaßen
den Paß des Weißen, während die Körperbemalungen die Stelle der
Tapferkeitsmedaillen auf der Brust des Soldaten oder Seemanns vertreten
und somit verraten, daß der Träger sich im Kampf ausgezeichnet hat.
Die Weiber sehen weit besser aus als die Männer. Ihr rabenschwarzes
Haar ist vorn kurz geschnitten und hängt frei über den Rücken herab
oder wird in Zöpfchen geflochten und um den Kopf gelegt. Einige jüngere
Mädchen tragen an der Seite des Kopfes Haarzöpfchen, die unter dem Kinn
zusammengeflochten werden, ein häßlicher Brauch, der übrigens bei den
Mädchen nicht sehr beliebt zu sein scheint.
Dem Anschein nach ist dieser Stamm sehr sauber. Nachdem man mit
Kanupaddeln auf die Oberfläche des Flusses geschlagen hatte, stiegen
etwa dreißig Männer, Weiber und Kinder ins Wasser und plätscherten
dort lärmend fast eine Stunde lang herum. Der Spektakel hat zweifellos
nebenbei auch den Zweck, hungrige Alligatoren in achtungsvoller
Entfernung zu halten. Mehrere Indianer hatten eine hellere Hautfarbe,
als ich zuerst angenommen hatte. Damals war mir der Grund unbekannt,
aber später erfuhr ich, daß sie 1849 einige größere Ansiedlungen
überfallen, die Männer ermordet und eine beträchtliche Menge spanischer
Mädchen geraubt hatten, von denen man nie wieder etwas hörte. Die
wenigen weißen Indianer unter den andern kupferfarbenen sind sicher die
Abkömmlinge der unglücklichen Gefangenen.
Die Huambisa jagen und fischen mit Hilfe von Gift. Sie zerstoßen eine
gewisse Wurzel, füllen das Mehl in einen Sack und hängen ihn an einer
Schnur in den Fluß. Fische, die in die Nähe kommen, werden betäubt
und steigen an die Oberfläche, wo sie leicht gespießt werden können.
Der Genuß des Fleisches wird durch dieses merkwürdige Narkotikum in
keiner Weise beeinträchtigt. Auf ähnliche Art werden Affen, Tapire und
Wildschweine mit vergifteten Pfeilen erlegt. Die gebräuchlichen Waffen
sind lange, dünne Speere aus Ponaholz, Bogen, Blasrohre und vergiftete
Pfeile.
Die Blasrohre der Huambisa sind gewöhnlich etwa 2½ Meter lang. Sie
werden aus zwei Hälften verfertigt, die zusammengefügt werden, nachdem
man sie sorgfältig ausgehöhlt hat, damit der Pfeil glatt durchfliegt.
Am einen Ende befindet sich ein Mundstück. Die beiden Hälften werden
mit Gras zusammengebunden, und dann wird das Ganze mit einer Art
Gummi überstrichen. Die Blasrohrpfeile sind sehr dünn, scharf und
vergiftet. Ein Führungsring am einen Ende wirkt abschließend wie ein
Pumpenkolben. Sie werden in einem Köcher getragen, in dem Affenzähne
dergestalt angebracht sind, daß die vergifteten Pfeilspitzen sich beim
Herausziehen zur Hälfte abspalten. Dies geschieht, damit die Spitze
beim Eindringen in die Beute kurz abbricht und nicht infolge des
Pfeilgewichts aus der Wunde wieder herausfällt. Der Köcher besteht aus
einem Rohrstück, an dem der Behälter mit dem Gift hängt, und wird über
der Schulter getragen.
Außer dem Fischen mit Gift erlegen die Huambisa die größeren
Flußbewohner einschließlich der Vaca Marina und der Schildkröten durch
Pfeile, die sie von ihren über zwei Meter langen Bogen abschießen,
welche aus einem harten, braunen, ungeglätteten mahagoniähnlichen Holz
verfertigt sind. Die Jagdpfeile haben Spitzen aus Tierzähnen und sind
unten mit Federn versehen, damit sie genauer fliegen. Bei der Jagd
auf gewisse Fische und auf Schildkröten schießen die Huambisa mit
wunderbarer Geschicklichkeit indirekt, so daß der Pfeil senkrecht auf
den Fisch oder die Schale der Schildkröte trifft, von der er sonst
zurückprallen würde.
Die Hütten dieses Stammes sind aus dem Holz der Chontapalme gebaut
und beherbergen etwa zehn Familien. Selten sind sie weniger als etwa
20 Meter lang, bei einer Breite von 12 und einer Höhe von 6 Meter. Im
Innern sind Rohrplattformen zum Schlafen längs der Wände angebracht,
während sich in der Mitte ein Ring von Feuerstellen, die irdenen Töpfe
und Krüge befinden. Da Vielweiberei allgemein üblich ist, für die
zweite oder dritte Ehefrau aber keinerlei Schlafgelegenheit vorhanden
zu sein scheint, müssen diese unglücklichen Geschöpfe wohl auf der
Erde zu Seiten des Ruhebetts ihres Herrn und Gebieters liegen. Ein
solches Ruhebett ist eine merkwürdige Einrichtung. Das Rohrgestell
reicht nur bis zu den Knien, dann kommt ein leerer Raum, eine Fußstütze
und das Feuer. Beim Schlafen liegt der Körper bis zu den Knien auf
dem dünnen, elastischen Rohr, und die Füße hängen nicht über, sondern
ruhen auf einer besonderen Stütze, an deren Ende unmittelbar das Feuer
brennt, um die Sohlen zu wärmen.
Vor einer der Dorfhütten war, etwa 5½ Meter über dem Boden, eine Art
Wehrgang aus hohen Palmstämmen errichtet, zu dem ein eingekerbter
Baumstamm als Leiter hinaufführte. Wie ein Turm überragte er den
Hütteneingang. Sein Zweck ist zweifellos der, das Gemeinschaftshaus
gegen einen Überfall benachbarter Stämme zu schützen. Wie ein richtiger
Wehrgang war er verschalt, gedeckt und mit Schießscharten für die
Pfeile versehen. Von da aus kann man die an dem Zweig eines Baumes
aufgehängte „Tunduy“ (in Brasilien Manguaré) erreichen, ein Instrument,
das der Sturmglocke entspricht. Es wird mit einer kleinen Keule
geschlagen, und sein Klang ist meilenweit in den umliegenden Wäldern
zu vernehmen. Unter dem Vorbau, den der Wehrgang bildet, schien der
Versammlungsplatz aller Haushühner, Schweine und Hunde zu sein.
Obgleich mehrere Kanus aus ausgehöhlten Baumstämmen vorhanden waren,
wird doch als beliebtestes Beförderungsmittel auf dem Fluß das Floß
oder die Balsa benutzt. Es ist geradezu wunderbar, welche Reisen auf
diesem primitiven Fahrzeug ausgeführt werden. Ganze Familien fahren
damit wochenlang auf entfernten und unbekannten Flüssen und Seen umher
und nehmen dabei ihre ganze, allerdings nicht große Habe mit.
Feuer machen die Huambisa, indem sie zwei Stöcke aneinanderreiben,
wie es bei den Wilden auf der ganzen Welt üblich ist, oder indem sie
Steine aufeinanderschlagen und die Funken auf ein kleines Häuflein
Holzmehl sprühen lassen, das sie aus dem Kernholz einer an der
glühenden Sonne ausgedörrten Palme gewinnen. Während meines Aufenthalts
bei dem Stamm sah ich nur einmal, wie man auf die zuletzt genannte
Art Feuer zu machen versuchte. Wenn das Feuer einmal im Innern der
Hütte brennt, wird es von den Weibern unterhalten, die es nur selten
erlöschen lassen.
Männer und Weiber nehmen große Mengen eines höchst berauschenden
Getränks zu sich, „Masata“ genannt, das aus der Yukka in einer
Weise bereitet wird, die eine kleine Vorstellung von der Gemütsart
der Huambisa gibt. Die Yukka wird geschält, dann etwa zehn Minuten
lang von den Weibern zerkaut und in einen großen Topf gespien.
Unter Zusatz von Wasser läßt man darauf die trübe Masse gären. Nach
einiger Zeit wird sie durch ein dickes, handgewebtes Tuch geseit und
in beträchtlichen Mengen getrunken. Bei einer Gelegenheit sah ich,
wie drei junge Huambisamädchen von dem schmutzigen Gebräu tranken,
während sie Yukka kauten, und dann alles zusammen in den zu neuer
Mischung bereitstehenden Topf wieder von sich gaben! Ich konnte mir
nicht helfen, die ekelhaften Sitten und Gebräuche dieses Stammes mit
den reinlicheren Gewohnheiten und Gepflogenheiten anderer Stämme zu
vergleichen, mit denen ich zusammengetroffen war. Die bei den Huambisa
anscheinend vorherrschenden Krankheiten sind Tuberkulose, Aussatz,
Syphilis und Malaria.
Die Mädchen werden im Alter von etwa sechs Jahren verlobt oder
eigentlich als Sklavinnen verkauft, wenn sich ihre körperlichen Vorzüge
schon mehr oder weniger zeigen. Aber erst mit zwölf oder dreizehn
Jahren beginnt das gemeinschaftliche Leben mit ihrem Gatten. Dann sind
sie natürlich bereits weiterentwickelt als eine Europäerin von 16 oder
17 Jahren.
Als ich eine kleinere Hütte bemerkte, die etwa dreißig Meter von den
großen Gemeinschaftshäusern ablag, erkundigte ich mich nach ihrem
Zweck, konnte aber die in Zeichensprache erteilte Auskunft nicht
verstehen. Der Häuptling, der einen Helm aus Affenhaut trug, führte
mich darauf über die Lichtung zu dem verdeckten Eingang. Das Innere
war halbdunkel und von einem beißenden Rauch erfüllt. Ein leises
Ächzen drang aus einem Winkel neben dem schwelenden Feuer, und einen
Augenblick glaubte ich wirklich, durch meine Wißbegierde in ein
Seuchenhaus hineingeraten zu sein.
Bei dem trüben Licht des Feuers konnte ich zwei verschrumpfte, nackte
Gestalten erkennen, die auf einer niedern Plattform ausgestreckt
lagen. Ihre Gesichtszüge waren aber in der rauchigen Atmosphäre nicht
zu unterscheiden. Dann zuckte ich zusammen, denn ich sah, daß ich
Leichen vor mir hatte, und daß das Ächzen von den Verwandten ausging,
die auf dem Boden kauerten. Die Leichen werden hierhergebracht und
auf die Plattform gelegt. Dann ziehen die Zauberdoktoren das Blut aus
dem Körper in einer Art und Weise, die hier nicht geschildert werden
kann. Das Feuer aus einer chemische Dämpfe entwickelnden Holzart wird
angezündet und muß so lange brennen, bis die eingeschrumpften Leichen
zu Mumien geworden sind. Dann werden sie mit Rinden bedeckt und unter
dem Boden ihrer einstigen Wohnhütten begraben.
Hier war also endlich die geheimnisvolle Totenkammer der Huambisa.
Der Boden war hart von geronnenem Blut, das durch ungezählte Jahre
aus menschlichen Leibern gezogen worden war. Häufig überfällt dieser
wilde Stamm benachbarte Dörfer, raubt Weiber und Mädchen und tötet die
Männer. Die Erschlagenen werden enthauptet und die Köpfe im Triumph
zurückgeschleppt. Bei der Ankunft im Dorf steckt man sie auf Lanzen,
und um sie herum versammelt der Stamm sich zu einer wilden nächtlichen
Orgie. Trinken, Schmausen und unsagbare Ausschweifungen währen bis zur
Morgendämmerung; dann bringen die Zauberdoktoren die Köpfe in die
Totenkammer, und hier vollzieht sich der geheimnisvolle Prozeß ihrer
Verkleinerung.
Fast jedes Buch über Reisen und Forschungen im Amazonengebiet enthält
eine Schilderung dieses Verfahrens, durch das Menschenköpfe bis auf
den Umfang einer kleinen Orange verkleinert werden, ohne daß die
Gesichtszüge eine Veränderung erleiden. Fast alle diese Schilderungen
weichen in wesentlichen Einzelheiten voneinander ab oder sind für
wissenschaftliche Zwecke zu unbestimmt. Es ist sehr zweifelhaft, ob
das wirkliche Verfahren jemals von einem Weißen in den letzten Jahren
beobachtet worden ist. Man kennt Fälle, daß die +verkleinerten Köpfe
von Europäern+ den Weg zu Sammlern gefunden haben, Jahre, nachdem die
Tat begangen worden war. Nach meiner eigenen Kenntnis der amazonischen
Wilden neige ich zu dem Glauben, daß solcherart das Schicksal jedes
Weißen sein würde, der das Verfahren gegen die Wünsche des Stammes
ausspäht und dabei ertappt wird. Es mag aber von Interesse sein,
wenn ich hier die Art erzähle, die man allgemein für richtig hält.
Man läßt die Köpfe mehrere Tage in der Totenkammer, bis sie genügend
ausgetrocknet sind, dann werden die Knochen durch das Hinterhaupt und
die Schädelöffnung entfernt. Um die Haut zu lösen, werden hierauf heiße
Steine eingeführt. Die Lippen formt man über einem Holzstück oder näht
sie mit Baumwollfaden zu, worauf die Haut langsam einschrumpft und
ausdörrt. Dann wird sie durch die gleiche Räucherung mumifiziert, wie
die Leichen der Verstorbenen.
Wie dem nun auch sein mag, ich selbst jedenfalls beanspruche keine
ausschließlichen Kenntnisse, weil keiner der Stämme, mit denen ich in
Berührung kam, dazu bewogen werden konnte, das Verfahren zu verraten.
Die Indianer, die wissen, daß die Behörden Perus an jedem, der im
Besitz eines „gedörrten“ Kopfes getroffen wird, die Todesstrafe
vollziehen, scheuen sich natürlich, irgend etwas zuzugeben, und die
richtigen Wilden, die in keiner Beziehung zu den Regierungsbeamten
und Händlern stehen, betrachten diese schauerlichen Trophäen als ihr
wertvollstes Eigentum. Doch erfuhr ich immerhin von diesem Stamm,
welche Gefühle den Besitzer eines eingeschrumpften Kopfes beseelen. Es
scheint, daß derartige Trophäen entweder an der Hüfte oder rückwärts
am Nacken hängend getragen werden, wenn der Krieger in den Kampf
zieht, als Warnung des Gegners vor gleichem Schicksal. Im Frieden aber
quillt aus dem Bewußtsein, das Haupt des Überwundenen an den Lippen am
Gürtel oder Halsband aufgehängt zu haben, ein beständiges Gefühl der
Genugtuung, wie nur unbeherrschte Wildheit und der rücksichtsloseste
Haß es zu empfinden fähig sind. Man muß dabei bedenken, daß Blutrachen
die Hauptursachen der unaufhörlichen Kriege zwischen fast allen wilden
Stämmen des entlegenen Innern bilden.