Der Überdruß an allem, was sich „amazonisch“ nannte, hatte mich fest

in seinem Griff. Jede Bewegung schien eine Anstrengung, die den

letzten Nerv meiner Willenskraft in Anspruch nahm. Während ich vor

mich hindöste, war es, als ob der Boden unter den Hufen meines Pferdes

verschwände, bis ich wieder mit einem quälenden Ruck zu mir selber

kam. Gehirn und Muskeln waren wie gelähmt, aber einen wirklichen

Schmerz fühlte ich nicht. Dieser äußerste Lebensüberdruß brachte nur

eine Empfindung des Ekels hervor und leichtes Kopfweh. Wer aus den

tropischen Wäldern kommt und deren erschlaffende Luft unter beständigem

Schweißverlust monatelang eingeatmet hat, muß auf diese merkwürdige

Reaktion gefaßt sein. Ob man sie über Fluß und Meer verläßt, über die

luftigen Pässe der Anden oder die offenen Steppen am Rio Branco, hat

wenig zu bedeuten. Das Ergebnis ist fast stets das gleiche: mehrere

Tage einer unwiderstehlichen Schwere und eines Überdrusses, die nicht

viel ausmachen, wenn man auf einem Deckstuhl herumfaulenzen kann,

aber während der glühenden Mittagsstunden im Sattel inmitten der

ozeangleichen Weiten der steinigen, wellenartigen Steppe zu einer

wirklichen Qual werden.

Als die Sonne in düsterer Glut hinter den dürren Hügeln unterging,

beschleunigte ich den Marsch meiner kleinen Kavalkade. Sie bestand

aus drei Leuten und fünf Pferden, von denen zwei nur als Packpferde

zum Tragen der Zeltausrüstung mitgeführt wurden. Obwohl unser Ziel am

Surumú weniger als 100 Kilometer entfernt war, wurde es uns doch bald

klar, daß wir es nicht vor Einbruch der Nacht erreichen würden, da

wir einen kleinen, aber schwierig zu überschreitenden Fluß zu queren

hatten. So schlugen wir wieder das Lager auf den offenen Campos auf,

während es die ganze Nacht durch blitzte. Am nächsten Tag gelangten wir

zu dem Posten des Indianeramts an den Flüssen Surumú und Cotinga.

Die kleine weitentlegene Station dient zur Zivilisierung der Macuxy-,

Jarikunas- und Uapirkanasindianer. Sie sind eine uninteressante,

aber recht umgängliche Gesellschaft. Da sie vorzügliche Reiter

sind, verwendet die Regierung sie als Viehhirten, um die Herden

auf den offenen Flächen dieses großen, einsamen Landes zu hüten.

Eine Schule für die Indianerkinder ist der Station angegliedert,

und die wunderlichen kleinen Geschöpfe sehen sich zum erstenmal in

der Geschichte ihrer Rasse den Einschränkungen von Kleidern und

Schulstunden unterworfen.

Jenseits dieses letzten Vorpostens einer Halbzivilisation liegen die

unbekannten Ketten der Serra Pacaraima an der Grenze Venezuelas. Die

niedrige Kette der wellenförmigen Hügel, die nur selten die Höhe von

500 Meter überschreiten, ist mit Gebüsch bedeckt, aber sonst breitet

sich nach allen Richtungen über Tausende von Geviertkilometer die

Steppe aus. Es ist ein ungeheures, unbevölkertes Land unermeßlicher

Möglichkeiten. Von den wenigen dort wohnenden Indianern sieht man nicht

viel, ehe man die Hügelkette überstiegen und die Wälder auf der Seite

Venezuelas betreten hat. Dort bewachen noch heute die Punabi- und

Brüllaffenindianer die Annäherungslinien an die unerforschte Quelle

des großen Orinoko, und noch weiter nördlich hausen andere ebenso

kriegerische Stämme um den heiligen Berg „Sipapo“.

Unter den Grenzern und Schmugglern hört man viel von Gold, Diamanten

und kostbaren Steinen, die am Surumú, Cotinga, Majery und andern

Flüssen des wilden Landes gefunden werden. Auf 4° 15′ nördlicher Breite

erhebt sich am Cotinga eine kleine Bergkette, die die Lokalbezeichnung

„Serra das Crystaes“ (Kristallberge) trägt. Sie wurden mir geschildert

als „ein Fundort von weißen, blauen und roten Kristallen“. Diamanten

hat man an den Ufern des Cauamé gefunden, aber dieser und viele andere

Flüsse sind gänzlich unerforscht und scheinen für wissenschaftliche

Untersuchungen ein glänzendes Feld zu bieten, und zwar mit weit weniger

Gefahr für Leben und Gesundheit, als mit der Erforschung der großen

Wälder im Süden unvermeidlich verbunden ist.

Als ich auf meiner Rückkehr zum Rio Branco an der Mündung des

Uraricoera vorüberkam, verbrachte ich eine Nacht im Lager Raoul

Rabeques, des berühmten „R. R.“ der französischen Forschung. Er hatte

seine Untersuchungen am Uaupésfluß beendigt und war an den Rio Branco

heraufgekommen, ehe er in die Berge seines geliebten Jura zurückging.

450 Kilometer jenseits des letzten Vorpostens der Zivilisation hatte

er am Oberlauf des geheimnisvollen und wenig bekannten Uaupés eine

schwere Malaria überstanden. Der Amazonenstrom selbst ist ganz gesund,

und in Städten wie Pará und Manáos hat man von Malaria nichts zu

fürchten, aber die entlegenen Flüsse und Sümpfe sind außerordentlich

malariagefährlich, besonders, wenn die Gewässer aus den überschwemmten

Wäldern wieder ablaufen. Dieser verhältnismäßig junge Forscher

hatte sich zu lange in den Fiebergegenden aufgehalten und trug die

unverkennbaren Zeichen an sich, daß er nur noch eine große Reise ins

Unbekannte vor sich habe, obwohl er einen lebhaften und vergnügten

Eindruck machte. Er starb etwa sechs Monate später auf See nach einem

Besuch in Rio de Janeiro.

Von Rabeque erfuhr ich interessante Einzelheiten über die

Uaupésindianer, mit denen er während seines acht Monate währenden

Aufenthalts in den Wäldern in nahe Berührung gekommen war. Die Wilden

an diesem entlegenen und von Stromschnellen unterbrochenen Fluß,

einem Nebenfluß des oberen Rio Negro, sind zuweilen großgewachsen,

haben die Hautfarbe hellen Kupfers und schwarzes Haar, das sie

vorn kurzgeschnitten und über den Rücken herabhängend in einen

langen Schwanz geflochten tragen. Ihre Hütten sind die größten

Gemeinschaftshäuser der Welt. Einige sind über 50 Meter lang, 25

Meter breit und 12 Meter hoch. Die Dachstützen bestehen aus glatten,

runden Baumstämmen. In einer dieser Riesenmaloccas spielen sich die

seltsamen Zeremonien ihrer Juripariverehrung ab. Bis zu 40 Familien

leben in einer Hütte. Jede besitzt ihre Feuerstelle und ihre eigenen

Gerätschaften, untersteht aber den Befehlen eines Unterhäuptlings.

Sie schlafen in Netz- und Federhängematten und bearbeiten kleine

Anpflanzungen von Kassave, Yams und Tabak. Ihre Kanus bestehen aus

einem einfach ausgehöhlten Baumstamm, sind bis zu 10 Meter lang, aber

im schnellfließenden Wasser kaum zu brauchen.

Die Männer haben zuweilen eine Art Schürze, die Weiber aber, die

keineswegs häßlich sind, gehen vollständig nackt. Alle Krieger tragen

um den Hals an einer Kette von schwarzen Perlen einen zylinderförmigen

weißen Stein, dessen Größe je nach dem örtlichen Rang des Trägers

verschieden ist. Das Oberhaupt des Hauses heißt „Tischana“. Sein Amt

ist erblich, solange seine Söhne es den besten Jägern des Stammes

gleichzutun vermögen.

Das Uaupé- oder Uaupécarevolk, wie es auch heißt, teilt sich in 21

Unterstämme, die 15 verschiedene Dialekte sprechen. Jeder Stamm

hat einen Namen, der zu seinen hauptsächlichsten Gewohnheiten oder

Gebräuchen in Beziehung steht. So gibt es Tapuras (Tapirs), Tucunderas

(Ameisen), Banhunas und Cubeus (Menschenfresser), Tucanos (Tukans),

Piriacurus (Fische), Pesas (Netze) und noch andere, die alle das

malariaverseuchte, gewundene Flußtal bewohnen.

Die Sitte verbietet Zwischenheiraten unter ihnen. Kann ein Mädchen

nicht im Kampf mit einem benachbarten Stamm erbeutet werden, so muß

der Heiratslustige sie aus gewissen Stämmen des Uaupévolks nehmen, in

die hineinzuheiraten gestattet ist. Diese sind friedliche Ackerbauer,

während die kriegerischen Stämme von gegenseitigen Raubzügen oder der

Brandschatzung benachbarter Indianerstämme leben.

Der Fluß und die Indianer tragen offenbar ihren Namen von einem kleinen

Vogel „Uaupé“ oder „Glanzkopf“, der seines schöngefärbten Köpfchens

wegen so heißt. Stirbt ein Uaupé, so wird der Leichnam den Raubvögeln

überlassen, bis sie ihn zum Skelett abgenagt haben. Die Knochen werden

dann zu Pulver zerrieben, mit einem berauschenden Getränk vermischt

und von allen Verwandten getrunken. Diesem widerlichen Brauch liegt die

Vorstellung zugrunde, daß „es besser ist, sich im Innern eines Freundes

als eines Insekts oder Reptils zu befinden“.

Die Waffen der Uaupés bestehen aus Lanzen, Blasrohren, Bogen,

vergifteten Wurfspießen, Wurfpfeilen, Pfeilen und Keulen. In mancher

Hinsicht scheinen sie den Ocainas zu ähneln, die ich später am Putumayo

traf, da sie, nach Rabeque, sich auch am ganzen Körper zwei- oder

dreimal des Tags mit gewissen Blättern abreiben.

Das Interessanteste an den Uaupés, weil einzig dastehend, ist

vielleicht ihre Verehrung des Juripari, die in den wenigen Religionen

und Mythologien anderer amazonischer Stämme kein Gegenstück hat. Es

gibt bei ihnen Zauberdoktoren oder „Payés“, aber sie glauben weder an

einen Gott noch an einen unsichtbaren Schöpfer. Alle sind diesen Payés

untertan, und sogar die Kinder werden streng überwacht und müssen eine

Art Katechismus lernen, der nichts enthält als eine Aufzählung ihrer

Naturbeobachtungen.

Der Mittelpunkt ihrer rohen Kultur ist eine Art Teufelsgottheit, namens

Juripari, und die ganze Religion ist auf einen Geheimdienst gegründet.

Ungefähr sechsmal im Jahr wird in einer der Riesenmaloccas das Fest

des Juripari begangen. Aus verschiedenen gegorenen Früchten bereitet

man ein berauschendes Getränk in ungeheuren Mengen und vermischt es

mit zu Pulver gestoßenen menschlichen Gebeinen. Die Payés legen ihre

grotesk bemalten Masken an und führen unter dem Klang von Bambusflöten,

unheimlichem Geschrei und allerhand Körperverdrehungen eine Art

Prozession durch den Wald. Vernehmen die unverheirateten Weiber des

Stammes die „Juriparimusik“, so fliehen sie in die Wälder und warten

auf ein Zeichen, das sie herbeiruft. Inzwischen versammeln sich die

jungen Männer, um sich einer gewissen Operation zu unterziehen, bei

der kein junges Mädchen zusehen darf.

Wenn das vorbei ist, ziehen die älteren Männer und Weiber in den Wald

und holen die unverheirateten Mädchen, die auf sie gewartet haben.

Oft sind sie Gefangene von andern Stämmen. Sie werden in die Malocca

geleitet und nach einer Untersuchung durch die Payés ihren betreffenden

Gatten nach irgendwelchen geheimnisvollen Regeln übergeben. Der

Bräutigam beschreibt genau den Mädchentyp, den er zu heiraten wünscht,

mit allen körperlichen Vorzügen, auf die er Wert legt, ehe er noch

die Gefangenen gesehen hat. Etwa ebenso, wie auch die Europäer ihrer

Vorliebe für große, kleine, blonde oder brünette Frauen Ausdruck

geben. Der Unterschied ist nur, daß die Payés bis ins kleinste gehende

Einzelheiten verlangen, ehe sie zur Verteilung schreiten. Ist kein

Mädchen vorhanden, das den Forderungen des Heiratslustigen in jeder

Hinsicht entspricht, so muß er bis zum nächsten Fest warten oder

bei den Stämmen, in die einzuheiraten ihm gestattet ist, selbst auf

die Suche gehen und die Gefangene dann zu einer neuen Feierlichkeit

mitbringen. Geburten verlaufen fast schmerzlos und ohne Beschwerden

für die Mutter, weil an den Mädchen schon von früher Kindheit an

gewisse Operationen vollzogen werden. Erblickt ein Mädchen die heiligen

Zeremonien des Juripari, die vor den Masken der Teufelsgottheit am

Beginn des Festes stattfinden, so muß sie einen grausamen Tod durch

Gift erleiden.

In der Londoner Times war vor einigen Jahren zu lesen, daß zwei

Missionare die unsagbaren Greuel des Juriparidienstes abzuschwächen

hofften, indem sie die heiligen Kultsymbole und Messer dem versammelten

Stamm zu Gesicht brächten. Es gelang ihnen auch durch eine List,

die Gegenstände der Stammesverehrung dem allgemeinen Anblick

darzubieten. Die Weiber flohen entsetzt, und in einer Beratung der

Payés ward entschieden, daß zur Besänftigung der erzürnten Götter

von den Mädchen, die die heiligen Symbole erblickt hatten, jedes

zehnte durch Gift sterben müsse. Der schauerliche Beschluß gelangte

sofort zur Ausführung. Die Leichen wurden in riesigen irdenen Urnen

verschlossen und unter der Maske des Juripari begraben. Natürlich gibt

es verschiedene Symbole dieses seltsamen Kults, aber bisher haben so

selten Weiße auch nur einem Teil der Zeremonien beigewohnt, daß sehr

wenig darüber bekannt ist. Der Juriparidienst bildet noch heute zum

größten Teil eins der unenthüllten Geheimnisse der großen Wälder.

14. Den Chimbiri-Yacu flußaufwärts.

Am Unterlauf des Rio Branco ist das Klima sehr feucht und ungesund.

Als ich auf der Rückkehr nach Manáos aus der weiten, offenen Steppe

an der Grenze durch den dichten Waldgürtel kam, hatte ich abwechselnd

Schweißausbrüche, Fieberanfälle und Schüttelfröste zu überstehen.

Aber der starke Malariaanfall verging, noch ehe ich Manáos erreichte.

Der Anblick eines schönen Boothdampfers am Quai, 1600 Kilometer fern

von der Zivilisation, tat das übrige, und so kehrte ich im schönsten

Wohlleben nach England zurück.

Zwölf Monate später war ich wieder im Amazonengebiet. Diesmal berührte

ich die freundliche, kleine Dschungelstadt Manáos nur auf der Fahrt

den meeresgleichen Strom weitere 1600 Kilometer hinauf nach Iquitos im

nordöstlichen Peru. Über den Solimões, wie der Amazonenstrom zwischen

der Mündung des Rio Negro und der Grenze Perus genannt wird, ist nicht

viel zu sagen, außer daß die Ufer nicht mehr so tief sind und bei

Hochwasser oft halb überschwemmt werden. Die rote Erde blickt zuweilen

durch das lastende Dickicht der prächtigen tropischen Vegetation, und

Riesenflöße aus amazonischen Hölzern mit winzigen Palmstrohhütten

darauf werden von der Strömung flußabwärts getragen. Dann wieder

gleiten vom Grund gelöste Palmeninseln majestätisch vorüber, deren

grüne Wipfel wie Segel in der Sonne schimmern. Und immer noch begleiten

die Mauern der großen tropischen Wälder den Reisenden auf seiner

5000-Kilometer-Fahrt durch den Kontinent. So heftig wütet unter dem

dunkeln Blättergewölbe der Kampf ums Dasein, daß nur die Bäume, die

sich zum Licht durchringen, auf dauerndes Leben hoffen dürfen. Die

andern sterben dahin und fallen den gefräßigen Ameisen zum Opfer. Viele

ersticken auch in der verhängnisvollen Umarmung der Lianen. Nachdem sie

ihnen Menschenalter hindurch als Stützpunkte gedient haben, fallen sie

endlich unter ihrer würgenden Umklammerung.

Einige, wie die Assaipalmen mit ihren schönen, federgleichen Wedeln,

streben empor, bleiben aber schwach aus Mangel an Licht und Luft. Im

Zwielicht welken sie, ehe sie das düstere grüne Dach durchbrochen

haben. Viele Parasitenpflanzen, wie die Orchideen, nehmen die

Gastfreundschaft der lebenskräftigeren Waldgewächse in Anspruch. Den

Reisenden überschleicht der Wunsch, all diese schwelgerische Schönheit

möchte der Welt auf der Leinwand dargeboten werden. Aber ein Bates oder

ein Wallace mit ihren Kenntnissen von tausend Arten müßten zugleich

die Kunst eines Landseer oder Salvator Rosa beherrschen, um das uralte

amazonische Pflanzenschlachtfeld im Bild wiederzugeben.

Bei den wilden Tieren, den Vögeln, Reptilien und Insekten ist es nicht

viel anders. Die wenigen Großen leben von den zahllosen Kleinen.

Nur die Insekten sind durch die Jahrhunderte hindurch an Anzahl

gleichgeblieben. Die Raubtiere, wie der Jaguar und der Alligator,

ziehen sich vor dem Dampfschiff und dem sich allmählich ausbreitenden

Verkehr in die Seitenflüsse zurück. Und die schwächeren und weniger

behenden Tiere, wie die Seekuh und die Schildkröte, fallen dem

Nahrungsbedürfnis der vorrückenden Menschenarmee zum Opfer, die ihre

geliebte Wildnis zerstören würde, wenn das die Üppigkeit der Natur

zuließe.

Wer philosophisch über solche Fragen nachdenkt, während die

Tage auf dem breiten Solimões vorüberziehen, kann sicher sein,

sich dadurch den wundervollen Eindruck des Flusses, Urwalds und

schimmernden Himmels zu verderben. Hitze, Stille und das Gefühl der

Abgeschiedenheit von der menschlichen Gesellschaft sind ebenso viele

Feinde vernünftigen Nachdenkens. Wie die sandbedeckten Wüsten und

arktischen Schneefelder sind die großen tropischen Wälder die Stätten

des Schweigens, wo der Mensch sich seiner Bedeutungslosigkeit und

seiner Anmaßung bewußt wird. Am besten ist es hier, nicht unter die

Oberfläche zu sehen; die Tiefe führt zum Wahnsinn. Nicht wenige brave

Männer sind so zugrunde gegangen auf ihren Wanderungen durch die

dämmrigen Hallen der Wälder, bis zur Brust im schlammigen Untergrund

der Tausende von Kilometer langen Uferstrecken versinkend; oder

sie wurden, laut vor sich hinredend, am Verhungern oder gestörten

Geistes aufgefunden. Die Roosevelt-Rondon-Expedition traf solch einen

Verirrten Hunderte von Meilen fern jeder Zivilisation; ein anderer

starb im Candelaria-Krankenhaus; ein dritter ließ eine letzte,

unzusammenhängende Botschaft an einem Baum am Rio Branco zurück; und

das sind nur ein paar, wie sie mir gerade einfallen. Ein Grauen geht

aus von den schlangenverseuchten Sümpfen, den ekelhaften Insekten,

scheußlichen Krankheiten und Todesarten, den unverständlichen Kulten,

sonderbaren atmosphärischen Stürmen, dem unheimlichen Zwielicht, der

drückenden Hitze und Lautlosigkeit, den giftliebenden Eingeborenen

und den erstickenden Düften der Verwesung ringsum. Und doch ringt

sich überall das Leben durch. Da sind wir in Coary, einer kleinen,

von Petroleum erleuchteten Caboclostadt. Dann folgt Tabatinga,

der Grenzposten mit seiner dunkelfarbigen Garnison, am breiten,

sonnenhellen Fluß inmitten einer frischgrünen Vegetation. Also warum

nachgrübeln über die unsichtbaren Tiefen einer noch immer vom Schleier

des tiefsten Geheimnisses verhüllten Gegend der Erde?

In der Nachbarschaft von Tabatinga, an der Grenze Brasiliens

und Perus, leben die Überbleibsel der einst mächtigen

Tacuná-Indianerstämme. Nur einige Meilen von der Niederlassung entfernt

treiben sie sich noch in den Wäldern umher, nackt und um den Mund herum

tatauiert, so daß sie wie Affen aussehen. Auch die Weiber und selbst

die älteren Kinder haben die Gesichter mit Linien von den Mundwinkeln

bis zu den Ohren bemalt. Ohne diese scheußliche Kriegsbemalung würden

die Tacunás zu den bestaussehenden und bestgeformten Indianern im

Amazonengebiet gehören. So wie sie aber sind ist ihre Erscheinung im

höchsten Maß grotesk. Sie glauben an einen guten Geist „Nanuloa“ und

einen bösen Geist, den sie „Locazy“ nennen. Nach dem Tod geht die Seele

in das Heim des guten Geistes. Der Leichnam wird zusammengebogen, bis

die Hände und Füße sich berühren, dann in einer riesigen irdenen Urne

verschlossen und begraben. Man kann solche wiederausgegrabene Urnen mit

dem Skelett drin in einigen der kleinen Uferniederlassungen käuflich

erwerben. Die Tacunás tragen Halsketten aus den Zähnen von Affen

und Jaguaren, schmücken Kopf und Arme mit Federn und verstehen das

wirksamste Gift im ganzen Amazonengebiet zu bereiten.

Bei Pebas fährt der kleine Flußdampfer in eine Bucht am Nordufer ein

und legt dort vor einem buntscheckigen Haufen von Lehm- und Strohhütten

und ein paar verputzten Barracas an. Ein kleiner Fluß läuft von hier

landeinwärts gegen den Putumayo. An seiner inselreichen Mündung waren

wir einige Meilen vorher vorübergekommen, während sanfter Mondschein

auf diesem Gewässer einstiger Greuel schimmerte. Die Yáhuasindianer

kommen den Fluß herab, um ihre eigenartigen Erzeugnisse an einen

Kaufmann in Pebas zu verhandeln.

Diese Indianer sind noch wild, aber verhältnismäßig harmlos. Sie

kleiden sich in Umhänge und Röckchen aus Gras und sind die Nachkommen

jener Wilden, die vor Jahrhunderten auf Orellana einen so starken

Eindruck machten, als er seine berühmte Entdeckungsreise den Rio

Napo herab vollführte. Er glaubte damals, von einem wilden Stamm

kriegerischer Weiber angegriffen zu werden, den Amazonen. Auf in Pebas

aufgenommenen Photographien einiger Yáhuasmänner tritt ihre Ähnlichkeit

mit Frauen auffallend hervor.

Die Yáhuas, die auch unter mehreren Namen bekannt sind, gehören zu

einem Unterstamm der Orejonesindianer. Sie bemalen ihren Körper mit

dem roten Saft des „Achiote“ und wohnen am Yáhuafluß, einem kleinen

Nebenfluß des Putumayo, von dem der Stamm seinen Lokalnamen erhielt. In

der Nähe von Pebas befindet sich eine Missionsstation, die unter diesem

und den benachbarten halbwilden Stämmen eine segensreiche Tätigkeit

ausübt. Der Rest dieses Indianervolks wohnt an den Ufern des obern

Putumayo und des Napo.

Die letzten 160 Kilometer Flußfahrt vor der Ankunft in Iquitos sind von

Inseln und dem Ästuar des Napo unterbrochen, den Orellana herabkam,

als er 1539 den Amazonenstrom entdeckte. Auf beiden Seiten dieses

Abschnitts des Hauptstroms gelangt man schon sehr bald auf einem oder

dem andern der Nebenflüsse oder Igarapés in das Gebiet halbwilder

Stämme.

Die kleine Niederlassung von Iquitos, etwa 3500 Kilometer vom

Atlantischen Ozean entfernt, macht gegenwärtig einen armseligen

Eindruck, wobei die Schuld mehr an der Untätigkeit der Regierung

als an der seiner Einwohner liegt. Sie steht auf einer Uferbank

des Marañon, die von der Strömung beständig unterwaschen wird. Aus

verschiedenen Anzeichen ist zu schließen, daß der Amazonenstrom in weit

zurückliegender Zeit den Teil eines Binnenmeeres bildete. In einer

Schicht werden Muscheln gefunden, die man allgemein für solche von

Meerfischen hält.

Die Straßen von Iquitos sind nicht ohne Reiz. Niedrige einstöckige

Häuser, deren vorspringende Dächer Schutz gegen die Glut der Sonne

gewähren, wechseln mit Ziegelbauten und verputzten Gebäuden einer

mehr modernen Architektur. Sehr schlecht ist die Kanalisation der

Stadt. Offene Abzugskanäle durchziehen die Straßen, die während der

Regenzeit infolge von Schmutz und stagnierenden Wassertümpeln kaum

passierbar sind. Trotz dieser beklagenswerten hygienischen Verhältnisse

erfreut sich das kleine Städtchen einer elektrischen Beleuchtung! Da

dem Verkehr mit der Zivilisation, etwa 2000 Kilometer entfernt an der

Küste des Pazifischen Ozeans, fast unüberwindliche Schwierigkeiten

entgegenstehen, haben die energischen Einwohner, die erst kürzlich

nach einer monatelangen Revolution wieder beruhigt werden konnten, mit

Begeisterung die Idee einer Luftverbindung über die Anden aufgegriffen.

Nach einem Aufenthalt von sieben Tagen in Iquitos entdeckte ich eine

Barkasse, die dem Señor Ramon gehörte und nach einer Grenzstation

fahren sollte, 24 Kilometer den Chimbiri-Yacu flußaufwärts, in die

Nähe der winzigen Eingeborenenniederlassung von Vaca Marina. Señor

Ramon versprach mir, mich ins Schlepptau zu nehmen, ohne mit echt

peruanischer Höflichkeit das geringste dafür annehmen zu wollen. So

erwarb ich ein recht hübsches Kanu für eine ebenfalls recht hübsche

Summe, kaufte Vorräte, die selbst zu Teuerungspreisen nur schwer zu

erhalten waren, und mietete zwei junge und ganz umgänglich aussehende

Cocama-Indianer.

Der langsame Kampf gegen die Strömung wäre schrecklich eintönig

gewesen, hätte ich nicht von Señor Ramon interessante Auskünfte über

die wilden Indianerstämme der Gegend erhalten. Vor mehreren Jahren

hatte er am untern Pastazafluß sich um Kautschukkonzessionen umgetan

und erzählte mir nun, daß alle die Stämme zwischen dem Westufer des

Tigré und dem Ostufer des oberen Santiago zur kannibalischen

Huambisanation gehörten, obwohl sie in den wenigen Fällen wirklicher

Untersuchungen unter verschiedenen Namen von Unterfamilien

bekanntgeworden waren. Die Stämme in den dichten, von den Ufern

entfernten Wäldern galten als sehr wild und verräterisch.

[Illustration: Schmuckbemalung der Ocainasweiber.

Die Bemalung wird in Rot, Blau und Schwarz mit weißen Umrissen auf dem

matten Bronzegrund der Haut ausgeführt. Die Mieder aus geflochtenem

Stroh bedeuten zwar eine Auszeichnung, werden aber hauptsächlich von

„Anfängerinnen“ getragen. Die „Wadenstutzen“ bestehen aus klebrigem

Kautschuk, Federn, Erde oder Affenhaut.]

[Illustration: Der Schluß des großen Tanzes.

Erst wenn der Tanz vorbei ist, mischen sich die Männer unter die jungen

Mädchen.]

Unter Wilden am Amazonas · 第 13 / 19 段