Die Itogapuks haben an ihren Strohhütten zwei sehr niedrige
Eingangsöffnungen, so daß ich fast auf allen vieren kriechen mußte, um
hineinzukommen. Im Innern war es fast finster bis auf das trübe Licht,
das von den Eingängen herkam. Von schwelenden Feuerstellen war nichts
zu sehen wie in den Maloccas der Indianer am Tapajóz und Gy-Paraná.
Außer einem Weidenkorb mit Früchten, mehreren Flaschenkürbissen und
einer hölzernen Schüssel zum Ausquetschen der Mandioka gab es keinerlei
Hausgerät. Mehrere Bogen lehnten an der Strohwand, und eine Anzahl von
Pfeilen steckte in der Erde in eigens dafür gemachten Löchern. Auf
dem Boden lagen ein oder zwei Felle, die den Raum für jede Familie
abgrenzen. Denn die Malocca war recht groß und mochte etwa 10 Meter
im Durchmesser halten und 4½ Meter hoch sein. Durch die beiden
Öffnungen läßt sich im Fall eines Angriffs schnell das Freie gewinnen.
Die eine ging auf den Igarapé hinaus, die andere auf die Lichtung.
Unter dem Ufergebüsch lagen die Kanus verborgen, leichte, aber sehr
starkgebaute Fahrzeuge aus Rinde, die durch Spreizen offen gehalten
wird. Den ausgehöhlten Stämmen der Caripunas waren sie weit überlegen
und glichen mehr den Kanus der Parintintins. In jedem Kanu befand sich
ein wasserdichter Flaschenkürbis, der innen an dem gekrümmten Holzstück
befestigt war, das als Bug- und Sternpfosten dient. Aus dieser starken
Versteifung der Boote ging hervor, daß die Itogapuks geschickte
Kanuleute sind, die auch Fahrten über die Stromschnellen nicht
scheuen. Doch scheint es sehr unwahrscheinlich, daß sie den Aripuanan
befahren, der den Kautschuksammlern mehr oder weniger bekannt ist und
von ihnen besucht wird. Die Wilden hassen diese Leute, denn sie haben
zu viel unter ihren stets schußbereiten Winchesterbüchsen gelitten.
Die Quelle und die Zuflüsse des kleinen Madeira sind noch immer
unbekannt, und vielleicht entdeckt man eines Tages, daß er in einen
größeren Fluß führt oder einen der Nebenflüsse des Madeira, wodurch
eine Kreisverbindung mit dem Aripuanan hergestellt wäre. Wie dem auch
sein mag -- die Itogapuks sprachen von dem „großen weißen Wasser“
und dem „See der Piranha“. Dieser Fisch, der auch Menschen angreift,
kommt in vielen amazonischen Flüssen vor. Er ist mehr gefürchtet als
der „Jacaré“ oder Alligator, den man sehen kann, während die Piranha
plötzlich aus der Tiefe auftaucht und über Wasser zuschnappend mit
ihren messerscharfen Zähnen einen Finger, eine Hand oder die Zehen
abbeißt.
Es wäre irreführend zu behaupten, daß dieser Stamm von Wilden zum
Kannibalismus neigt. Solange endgültige Beweise fehlen, sollte das
Gegenteil angenommen werden. Denn Kannibalismus im vollsten Sinn des
Wortes kann bis jetzt keinem einzigen Stamm der großen amazonischen
Waldgebiete zur Last gelegt werden. Allerdings besteht nur wenig
Zweifel, daß sie kannibalische Gebräuche ausüben. So pflegen sie eine
Schale Blut von gewissen erlegten Tieren zu trinken, im Glauben,
dadurch der Stärke, Schlauheit oder Klugheit ihrer Opfer teilhaftig
zu werden. In dieser Hinsicht gleichen sie den Kaschibosindianern am
Ucayali und den Uaupés am gleichnamigen Fluß, die die Knochen der
im Kampf erschlagenen Feinde zerstoßen, das Pulver mit gegorenem
Fruchtsaft mischen und es dann trinken, um sich der Stärke oder
Klugheit des toten aber bewunderten Gegners zu versichern. War der
Überwundene schwach, feig oder leicht zu besiegen, so wird der Kopf
als Trophäe abgeschnitten und der Rumpf in den Wald geworfen oder als
Lockspeise für Raubtiere verwandt. Anscheinend nehmen die Weiber an
derartigen Gebräuchen nicht teil, doch bin ich dessen nicht sicher.
Jedenfalls habe ich keinen Beweis, daß Kannibalismus unter jenen
Stämmen herrscht, und glaube, daß es sich dabei um eine irrtümliche
Anschauungsweise handelt.
Am Abend des zweiten Tages führten uns die Itogapuks einen Kriegstanz
vor. In ihrem Schmuck von Vogelfedern und Fußringen boten sie einen
barbarischen Anblick auf dem charakteristisch tropischen Hintergrund
von Palmwedeln und breiten Paicovablättern. Aus der Darstellung eines
Angriffs scheint hervorzugehen, daß die 2 Meter langen Kriegsbogen erst
über den Kopf gehalten werden, während die Sehne bis zur Schußlage
gespannt wird. Dann senkt sich der Bogen mit dem langen gefiederten,
mit vergifteten Widerhaken versehenen Pfeil bis zur Augenhöhe, ehe der
Pfeil abfliegt. Nach den Leistungen dieses Indianerstamms zu urteilen,
ist die Treffsicherheit weit übertrieben worden. Auf ganz kurze
Entfernung vermag der Schuß tödlich zu wirken, muß aber die Flugbahn
in Betracht gezogen werden, so ist die Treffsicherheit sehr gering.
Der Tanz besteht aus einem langsamen Hin- und Herschieben der Füße,
Schwenken der nackten Körper, Vorgehen und Zurückweichen unter wildem
Geschrei und noch wilderer Musik von Flöten und hohlen Kalabassen.
Nur am Schluß unterschied er sich von ähnlichen vorher und nachher
beobachteten Tänzen, als die Gefangennahme der Weiber und Mädchen durch
die Sieger dargestellt wurde. Jeder der Leute suchte sich ein Mädchen
aus, warf sie in die Luft und rannte mit der kreischenden Beute in
seine Malocca zurück.
Am nächsten Morgen verließen wir das Dorf der Itogapuks und fuhren den
kleinen Igarapé hinab zu unserm Lager am Aripuanan. Auf seinem Oberlauf
wird er von den wenigen Caboclos „Castanho“ genannt, die in diese
entlegenen Gegenden kommen, um Kautschuk zu sammeln.
Zwanzig Tage später erfreute ich mich einer guten europäischen Mahlzeit
in dem wohlbekannten Café der „Avenida“ in Manáos.
Auf dieser Reise, in Manicoré, hörte ich zum erstenmal von Major
Tito Neves, der damals einen Besitz am Marmellosfluß hatte, dem
ungesundesten unter allen Nebenflüssen des großen Madeira. Als ich auf
einem Vergnügungsausflug viele Monate später nach Manáos kam, war die
Geschichte der Taten dieses Mannes in den Tiefen der Wälder im Druck
erschienen und verbreitet worden. Für die Wahrheit der Darstellung kann
ich persönlich nicht stehen, aber meine Quellen scheinen zuverlässig
zu sein, und außerdem liegen die Berichte auf Portugiesisch im Druck
vor. Ich will hier nur einen kurzen Abriß geben als Illustration
der Behandlung der Indianer seitens gewissenloser Leute und des
merkwürdigen Abenteurerlebens im Amazonengebiet.
Der Maicyfluß teilt sich in zwei Abschnitte. Am Unterlauf, nahe
seiner Mündung, sitzen die Pirahanindianer, während der Oberlauf
und die Gebiete um den Maicy-Mirimé und Gy-Paraná die Domäne der
kriegerischen Parintintins bilden, von denen in früheren Kapiteln die
Rede war. Zwischen diesen zwei Stämmen herrschte eine Blutfehde bis zum
Erscheinen der Offiziere des Indianeramts in den allerletzten Jahren.
Der Maicyfluß war der Schauplatz beständiger Stammeskriege, und um
Frieden zu stiften wurden Stationen des Indianeramts an der Mündung
und zwischen den düstern, von den Pirahans und Parintintins bewohnten
Waldgebieten errichtet. Später kam noch die schon erwähnte Station
am Maicy-Mirimé dazu, die die Aufgabe hatte, mit den Parintintins
in freundschaftliche Beziehungen zu treten. Diese drei Stationen
verwandeln allmählich den Fluß aus einem Schauplatz blutiger Kämpfe in
eine Gegend des Friedens.
Gegenüber der Station am mittleren Maicy befinden sich die Dörfer der
Pirahans. Hier spielte sich das Folgende ab. Wie man erzählt, überfiel
Major Tito Neves die Dörfer mit bewaffneter Macht, vertrieb die
Indianer aus ihren Maloccas und Tapirys, nahm ihre kleinen Pflanzungen
in Besitz und machte viele von ihnen zu Sklaven, um die umliegenden
Wälder von brasilianischen Nußbäumen auszubeuten.
Nach der Ernte verbrannte Neves die Dörfer mit der Absicht, die
Indianer an der Rückkehr zu hindern und zog sich selbst mit dem
Gewinn nach Manicoré zurück. Später baute er eine Barraca nächst
dem zerstörten Dorf, aber ein ungeheurer Baum fiel auf das Gebäude
und zertrümmerte es. Und so abergläubisch sind die Caboclos oder
Mischlinge, daß ihn fast alle seine Arbeiter verließen, weil sie den
Unfall für eine Schickung der Vorsehung hielten.
Diese kleine Geschichte, die „Neves’ Schatten“ heißt, bietet an sich
nichts Besonderes. Doch braucht man nur ein wenig Einbildungskraft,
um sie mit schauerlichen Einzelheiten auszufüllen. Aber freilich hat
alles zwei Seiten, und neben dieser Geschichte erzählt man eine andere
in Porto Velho von dem Überfall einer Plantage durch die Indianer
mit Mord, Brandstiftung und Zerstörung, ohne daß die Regierung den
betreffenden Stamm zur Rechenschaft zog. Die beiden Geschichten
sollen nur als Illustration dienen für Typen und Zustände in den
verschlungenen Wäldern und ungesunden Flußgebieten dieser Grenzen
zwischen Zivilisation und Barbarei.
13. Ein geheimnisvoller Felsentempel.
Im mittleren Amazonengebiet ist Manáos der gegebene Knotenpunkt
des Stromsystems, ebenso wie Pará für den Unterlauf der Flüsse.
Erst jenseits der Grenze Perus verlegt er sich von Manáos nach
Iquitos, und da hat auch der Amazonenstrom einen andern Namen
angenommen. Zuerst heißt er Solimões und dann, nach Überschreiten der
brasilianisch-peruanischen Grenze, Marañon. Iquitos liegt jedoch über
1600 Kilometer von Manáos entfernt, und von ihm ist vorläufig noch
nicht die Rede. Wir befinden uns im Land der Riesenentfernungen, wo
jeder Ortswechsel nur mit Hilfe der Karte anschaulich gemacht werden
kann.
Nach wenigen Rasttagen in Manáos entschloß ich mich, einen weitern
Vorstoß in das Herz der brasilianischen Wildnis zu unternehmen, und
zwar diesmal nach Norden in das wenig bekannte Gebiet an der Grenze
Venezuelas, ehe ich zu längerer Ruhe nach Europa zurückkehrte.
Mein Entschluß, den Rio Negro und Rio Branco hinaufzufahren,
entsprang verschiedenen verführerischen Aussichten. Zuerst einmal
war mir Förderung meiner Absichten versprochen worden, wenn ich zur
Staatsdomäne von S. Marcos am wenig bekannten Rio Uraricoera gelangen
würde; zweitens hatte ich genug von den düsteren Wäldern und sehnte
mich nach den ungeheuern, unbekannten Flächen, die nördlich des dritten
Breitengrades vorhanden sein sollten. Dort gab es Indianer eines
völlig von jenem der dichten Dschungeln verschiedenen Typs, den
kürzlich entdeckten „Felsen der Inschriften“, die Kristallberge und die
unerforschten Steppen des Amazonenstroms.
[Illustration: Skizze der Steppen des Rio Branco.]
Der Flußdampfer, auf dem ich mich am 12. September einschiffte,
war sehr klein und hatte nur wenig Tiefgang. So langsam war seine
Fahrt gegen die Strömung, daß Stunden auf dem offenen, sonnenhellen,
blauschwarzen Rio Negro verflossen, ohne daß unser Fortschritt recht
bemerkbar wurde. Die weißen Häuser und Türme von Manáos, die ihm einen
östlichen Anstrich verleihen, schimmerten im Licht der sinkenden
Sonne, überragt von der grüngoldenen Kuppel des nutzlosen Theaters
und eingefaßt von der frischen tropischen Vegetation und den Klippen
aus rotem Sandstein. Dahinter wogte es wie Feuer um den untergehenden
Sonnenball über den unbekannten Wäldern des brasilianischen Guayana.
Träge kämpften wir uns gegen die schnelle Strömung an S. Raymundo
vorüber, der hübschen, kleinen und durch seine Wäscherinnen berühmten
Vorstadt von Manáos, an der drahtlosen Station und endlich an dem
Igarapé vorbei, der durch überschwemmte Wälder zu den Fällen von Tarumá
führt. Und dann ging’s hinaus in die nachtverhüllte Wildnis auf dem
sternenhellen Fluß.
Nirgends im Amazonengebiet spiegeln sich die zahllosen Lichtpunkte
des indigoblauen Himmelsgewölbes in gleicher Pracht auf der ruhigen
Oberfläche der Flüsse wie auf den schwarzen Wassern des Rio Negro.
Zuzeiten ist die Wirkung geradezu zauberhaft. In stillen, mondlosen
Nächten ist man von Sternen wie umgeben. Solange noch der Widerschein
der Schiffslichter auf dem Wasser liegt, ist der Eindruck schwächer; zu
später Stunde aber, wenn sie abgeblendet sind, ist’s, als schwebte man
langsam durch einen sternenerfüllten Raum.
Auf diesen Flußdampfern speist man unter einem Schutzdach auf dem
Hinterdeck, und wäre die Verpflegung nur einigermaßen gut, so könnten
solche Reisen auf den stärker befahrenen amazonischen Flüssen
von und bis zu der Endstation ganz gemütlich und außerordentlich
unterhaltend sein. Die Speisekarte besteht mit wenigen Unterschieden
aus in Baumwollsamenöl gebratenen Eiern, schwarzem Kaffee und Farinha,
einem wie Sägemehl schmeckenden, aus Mandioka bereiteten Brei,
Konservenfleisch, Goyabagelee und getrockneten Süßwasserfischen. So
geht es, je nachdem, tage- oder wochenlang fort in der beständigen
Hitze der Wälder und Flüsse und nimmt der sonst landschaftlich
wundervollen Fahrt jeden Reiz. Die Reise wird so zu einer Frage der
Ausdauer, einer Vorprüfung für die unendlich größern Entbehrungen, wenn
das „Mutum-Mutum“, wie die halbzivilisierten Indianer das Dampfboot
nennen, erst Hunderte von Meilen hinter uns liegt und die Wildnis
uns aufgenommen hat mit ihren Ansprüchen an Kraft, Zähigkeit und
Unverdrossenheit, mag auch alles noch so sorgfältig vorbereitet und
organisiert worden sein.
Die Landschaft am Rio Negro ist gänzlich verschieden von der an
den meisten amazonischen Flüssen. Im Osten begleiten seinen Lauf
Hügelketten, im Westen viele überschwemmte Wälder. Die Hügel erheben
sich über die in den breiten Fluß vorspringenden Sandsteinklippen und
kleiden sich in das Grün der tropischen Vegetation, das beständig
andere Töne annimmt. Nach Süden und Westen schaut man meilenweit
über den wilden, unerforschten Dschungel, die Heimat unbekannter
Stämme, deren Jagdgründe und Maloccas sich meistens in weiter Ferne
in den düstern Wäldern befinden, die wie dunkle Wellen den dunstigen,
blaugrauen Horizont umsäumen. In diese Richtung erstrecken sich
viele lange Igarapés, und weit draußen trifft das Auge auf glänzende
Flecken, die verraten, daß sich dort namenlose Waldseen befinden.
Erklimmt man einen der Hügel, so fliegt der Blick über unendliche
Strecken tropischer Wälder, was in diesem unermeßlichen Gebiet von fünf
Millionen Geviertkilometer sonst nur selten in Flußnähe der Fall ist.
Vorübergehend halten wir an einigen Caboclohütten und Lehmziegelhäusern
namens Tauapersassu und Ayrao und endlich an dem trübseligen und
verwahrlosten Städtchen Moura, 274 Kilometer von Manáos. Fast gerade
gegenüber der verfallenen Niederlassung mischen die Gewässer des Rio
Branco ihre weißen Streifen und Flecken in die schwarze Flut des Rio
Negro. Er ist noch weitere 400 Kilometer bis Santa Isabel schiffbar,
aber während der Niederwasserzeit von Dezember bis März nur für
Dampfboote mit sehr kleinem Tiefgang. Jenseits Santa Isabel beginnen
dann zahlreiche Stromschnellen und gefährliche Felsriffe.
In Moura heißt es entweder den Dampfer mit der staatlichen Barkasse
„Amazonia“ vertauschen oder sich ein Batalõe verschaffen für die
lange Fahrt den Rio Branco flußaufwärts, dessen starke Strömung der
Schiffahrt erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Nur langsam geht es
vorwärts. Im Unterlauf des Flusses gibt es allerlei Hindernisse wie
bewaldete Inseln, gewundene „Furos“ (Flußarme) und Brackwasserseen.
Zu beiden Seiten hat man den tropischen Wald, dessen Bäume ihre
mächtigen Äste über den Fluß breiten. Selbst mit Hilfe der Karte und
des Kompasses ist es nicht leicht, sich im richtigen Fahrwasser zu
halten. Oft gehen Stunden verloren, wenn man einen der verschlungenen
Wasserwege verfolgt, der schließlich nur wenige Kilometer oberhalb
wieder in den Hauptfluß einmündet.
Das Ästuar, einige Kilometer oberhalb Moura, bildet eine prächtige, mit
bewaldeten Inseln bedeckte Wasserfläche. Jenseits begleiten den Fluß
350 Kilometer lang die Mauern der immergrünen Wälder, die nur einmal am
rechten Ufer, 250 Kilometer von Moura, einen Ausblick auf die Serras
do Barauana gewähren. Bis oben hinauf dicht bewachsen unterbrechen sie
die Eintönigkeit der Landschaft. Dann kommt die kleine Niederlassung
von Vista Alegre, wo die von Manáos durch die Wälder geplante Straße
einmal ihr Ende am Rio Branco finden soll. Der Bau geht jedoch nur
langsam vorwärts und ist, obwohl er vor vielen Jahren begonnen wurde,
erst bis Campos Salles gediehen, einige dreißig Kilometer über Manáos
hinaus.
Am Nordufer beugten sich hier zwei große Bäume über den Fluß, die über
und über mit den merkwürdigen Nestern von Stärlingen besetzt waren.
Fast von jedem Zweig hingen sie herab. Der Eingang zu den Nestern
dieser eigenartigen Tiere befindet sich am Boden, von wo ein Gang
nach oben zu dem Brutplatz des Weibchens führt. Diese Stärlinge sind
fröhliche kleine Geschöpfe, die den ganzen Tag singen und zwitschern.
In der Nähe war ein Baum, von dem nicht weniger als drei große,
bienenkorbähnliche Wespennester herabhingen.
Etwa 30 Kilometer über Vista Alegre hinaus ist das Fahrwasser durch die
gefährliche Cachoeira (Stromschnelle) Bemqueror unterbrochen, doch kann
man sie sowohl durch den Furo do Cuyubim umfahren als auf dem Landweg
über die Serra Caracarahy umgehen. Hat man erst diesen schwierigen
Abschnitt hinter sich, so liegt der Weg frei bis Boa Vista, ungefähr
100 Kilometer jenseits der Stromschnellen. Der Wald wird nun lichter,
bis endlich in weiter Ferne unendliche Ebenen wie ein wogendes Meer
erscheinen. Kommt man aus dem feuchten Zwielicht der tropischen Wälder
und hat nun vom hohen Ufer aus plötzlich die durch kleine Palmeninseln
durchbrochenen Flächen bis zum Horizont vor sich, so ist’s, als träte
man aus dem Düster eines Treibhauses auf ein frischgrünes Feld hinaus.
Mit Wonne atmete ich die Luft der amazonischen Steppen ein, die wie
eine Seebrise nach einem Londoner Nebel auf mich wirkte. Obwohl Gruppen
von Bäumen und selbst kleine Dschungelstreifen erst verschwanden,
als die Ultima Thule des Amazonengebiets erreicht war, weit oben an
den Flüssen Parimé und Surumú, hatte ich doch endlich die dunstigen
Wälder, ungesunden Flüsse und moskitoverseuchten Sümpfe hinter mir, und
ungehemmt von den grünen Gefängnismauern durfte der Blick in die Weite
schweifen.
Die kleine Niederlassung Boa Vista, etwa 700 Kilometer von Manáos
entfernt, besteht aus vielleicht 130 Gebäuden, die eine ungepflasterte
und unbeleuchtete Straße bilden. Es ist eine hinterwäldlerische
Ansiedlung. Die meisten Häuser sind aus Luftziegeln und „Taipa“ gebaut
und haben Zink- oder Strohdächer. Ich hielt mich hier nur so lange auf,
als erforderlich war, mein Gepäck in die Barkasse umzuladen, die schon
wartete und mich nach S. Marcos und den Uraricoera flußaufwärts bringen
sollte bis zu seiner Vereinigung mit dem Parimé auf 3° 20′ nördlicher
Breite.
Auf der Staatsdomäne von S. Marcos, die vom Indianeramt verwaltet wird,
traf ich mehrere Offiziere. Nach Ergänzung der Vorräte fuhren wir
westwärts in den Uraricoera ein. Den Ufern des schmalen Flusses entlang
befinden sich zahlreiche Farmen, auf denen hauptsächlich Viehzucht
auf den Steppen ringsum getrieben wird. Außer den ausgedehnten
Staatsdomänen, wo man Macuxyindianer als Viehhirten beschäftigt,
wären hier zu nennen die Facendas des Oberst Bento Brazil und des
Commendadore Araujo am Pariméfluß. Dorthin ging meine Reise, um den
geheimnisvollen Felsen der Inschriften zu untersuchen. Dann wollte ich
über die offenen „Campos“ den obern Surumú erreichen.
Über die Reise den Uraricoera und Parimé flußaufwärts brauche ich
nur wenig zu sagen, um zu schildern, wie ich die Tage hinbrachte.
Der Uraricoera ist auf beiden Ufern umsäumt von kleinen Gruppen
von Palmen und andern Bäumen, zwischen denen sich weite Ausblicke
auf die wellenförmige Steppe und auf namenlose Serras bieten. Der
Parimé ist ein schnell dahinströmender kleiner Fluß, dessen Quelle
in einer Kette hoher unerforschter Berge fern am Horizont liegt.
Da er damals mit Barkassen nicht befahren werden konnte, mußte
dieses Beförderungsmittel gegen Pferde vertauscht werden. Beamte
der benachbarten Fazenda stellten sie mir liebenswürdigerweise zur
Verfügung zusammen mit einigen wenig anmutig aussehenden indianischen
Vaqueros, die zugleich als Führer dienen sollten.
[Illustration: Mandaño-Indianer vom obern Napo.
Diese Indianer sind Kopfjäger. Die scheckige Bemalung mit
Pflanzenfarben macht sie im Dickicht schwer erkennbar.]
[Illustration: Ihr „Gesellschaftskleid“.
Bemalung eines Ocainamädchens.]
Der wenig bekannte Felsblock, den zu sehen ich so weit gereist war,
befindet sich in einiger Entfernung vom Alto Parimé und steigt wie ein
gigantischer Ballon aus der ebenen Steppe. Er ist so abgelegen, daß die
Annahme wohl richtig ist, daß er der heilige Felsentempel der großen
Indianerstämme war, deren Jagdgründe sich hier vor 600 Jahren ringsum
ausbreiteten.
Es ist kaum möglich, ein Gefühl scheuer Ehrfurcht zu unterdrücken,
wenn man von der Steppe her in den Schatten dieses ungeheuren Blocks
reitet. In mancher Hinsicht ähnelt er den merkwürdigen Matoppos in
Rhodesia, nur ist er viel größer. In seiner Riesenhaftigkeit gibt er
das überwältigende Gefühl einer Allmacht, die allein fähig war, diesen
kolossalen abgerundeten Felsbrocken hierher auf eine sich nach jeder
Richtung auf Meilen und Meilen eben ausdehnende Fläche zu versetzen.
Ein schmales Felsband führt spiralenförmig um die Basis der
überhängenden Masse. Auf einer Seite befindet sich eine Höhle, die
einer Kavallerieschwadron Unterkunft bieten würde. Offenbar war hier
der Tempel der alten indianischen Götter, und auf dem Steinaltar sind
zweifellos viele blutige Opfer dargebracht worden. Hoch oben an der
Außenwand ist eine augenscheinlich künstliche, schmale, merkwürdige
Plattform, von der ein Abstieg jetzt jedoch nicht mehr durchführbar
zu sein scheint. Über dreißig Meter unter ihr erhebt sich eine
natürliche ebene Steinterrasse. Unwahrscheinlich ist es nicht, daß
von dem luftigen Altar auf unbekannte Weise die Menschenopfer auf
die Steinterrasse im Angesicht der unten versammelten Indianerstämme
herabgestürzt wurden.
Die Seiten dieses sicherlich größten Felsblocks der Erde sind
ausgewittert und verfärbt von der tropischen Sonne und den Regenfluten
der Jahrhunderte. Aber außer den tief in den Felsen eingegrabenen
Inschriften, von denen ich auf Seite 179 einige wiedergebe, weiß man
wenig Sicheres über seine Geschichte und seinen Zweck. Daß er einst ein
großer Tempel war, ist zweifellos und wird von den Macuxy-, Uapirkanas-
und Jarikunasindianern bestätigt, den mächtigsten Stämmen, die jetzt
die Umgebung bewohnen.
Diese Nacht lagerte ich im Schatten des großen Felsentempels. Alle
Stunden der Finsternis waren erhellt von den lautlosen tropischen
Blitzen. Zuweilen war das Stampfen der Hufe flüchtender Rinderherden
weit draußen in der Steppe zu hören, sonst nicht einmal das leise
Flüstern des Windes im Grase. Eine Stille wie nicht von dieser Welt.
Im Zucken der blauen Blitze am unerforschten Horizont enthüllte sich
jedesmal die ungeheure schwarze Felsmasse. Nur schwer ließ sich die
Phantasie zügeln, die nachtverhüllten Flächen ringsum mit nackten
Gestalten in geisterhaften Zeremonien zu bevölkern. Der Schlaf floh
mich, trotzdem der mühselige Ritt in der großen Hitze des Tags mich
erschöpft hatte. Als die ersten roten Streifen der Dämmerung über die
gebrochenen Linien der Steppe hinzitterten, war ich froh zu essen,
aufzupacken und von dem unheimlichen Felsblock wegzukommen, dessen
eigentümlich farbgesprenkelten Flächen im rosigen Licht des Morgens wie
von Blut trieften.
[Illustration: Zeichnungen am „Felsen der Inschriften“.]