Beschreibung des Mannes schien mit Sicherheit hervorzugehen, daß wir
auf der Schwelle zu einer Entdeckung waren. Diese Art Jagd auf Indianer
oder, besser gesagt, Anlockung erfordert nicht nur gute Nerven, sondern
auch Geduld. Ein Versuch, gleich auf die erste Begegnung hin die
Maloccos der Indianer aufzufinden, hätte den ganzen Erfolg in Frage
gestellt und wäre vielleicht für uns alle verhängnisvoll geworden. In
den Tiefen der Wälder hätten zwei Weiße mit einigen unzuverlässigen
Caboclos gegen einen wilden Indianerstamm nur wenig ausrichten können,
der zudem im Dschungelkrieg geschickt und erfahren war.
Während der nächsten acht Tage war von den Indianern nichts zu sehen
noch zu hören, und das Warten ging uns gehörig auf die Nerven, da wir
nicht wußten, ob sie nicht einen überraschenden Angriff planten. Am
Morgen des neunten Tages brachten wiederholte wilde Schreie aus dem
halbdunkeln Dickicht das ganze Lager in Bewegung. Wir hielten sie für
Freundschaftsrufe und beantworteten sie demgemäß. Denn die meisten
amazonischen Indianer pflegen sich nur dem Feind schweigend zu nähern.
Aber nichts ereignete sich in der nächsten halben Stunde, obwohl das
Geschrei alle paar Minuten von beiden Seiten seinen Fortgang nahm.
Endlich teilten sich die Blätterwände an verschiedenen Stellen zugleich
und sechs bronzefarbene Gestalten, mit langen Lanzen bewaffnet,
erschienen im Halbkreis auf der winzigen Lichtung. Sofort ward es
augenscheinlich, daß sie zu einem neuen Stamm oder einer Unterfamilie
gehörten. Keiner der sechs hatte die schiefe Augenstellung oder die
mongolischen Gesichtszüge, die sonst bei den amazonischen Wilden
auffallen. Ihr Haar war rings um den Kopf in dicke Fransen geschnitten
und mit kleinen Rohrsplittern verziert. Um die Lenden, Fuß- und
Handgelenke, Arme und Schultern trugen sie Rohr- oder Schilfbänder,
von denen am Oberarm Federn wie Epauletten abstanden. Abgesehen von
diesem seltsamen Schmuck, Halsketten aus Samenkörnern und einer Unzahl
schwarzer, gemalter Ringe um die Beine waren sie völlig nackt.
Der Offizier bedeutete ihnen in der Tupisprache, ihre Lanzen, Bogen
und Pfeile abzulegen. Da sie das nicht zu verstehen schienen, legte
er ruhig seine Flinte auf den Boden. Nach einigen Minuten des Zauderns
folgten sie seinem Beispiel und erhielten darauf zahlreiche Geschenke,
die ihre ein wenig grausamen Augen buchstäblich zum Glitzern brachten.
Aber Tanzen, Schreien oder andere Freudenbezeigungen unterließen sie,
wie ich sie bei den Parintintins beobachtet hatte.
Das Charakteristischste an diesen Indianern waren ihre
blutunterlaufenen Augen und durchbohrten Oberlippen, was beides, wie
ich später erfuhr, mit kannibalischen Gebräuchen zusammenhängt. Ihre
Pfeile waren mit Vogelfedern verziert und hatten breite Holzspitzen,
die nicht in Gift getaucht worden waren. Von andern eigenartigen
Schmuckgegenständen trugen sie Rohrringe am zweiten Finger und
Schlingen aus dünnen Schnüren um Nacken und Lenden, die sich über
der Brust kreuzten. Ungleich allen sonstigen Stämmen, die ich bisher
gesehen hatte, schlugen sie sich nicht wie Affen auf die Brust, um ihr
Vergnügen zum Ausdruck zu bringen, sondern zeigten eine unbefangene und
würdige Haltung.
Nach einer langen pantomimisch geführten Unterhaltung, in die wir
einige Tupiworte mischten, die sie zu verstehen schienen, zogen sie mit
Geschenken beladen wieder ab. Ich dachte bei mir, daß die Hälfte dieser
Geschenke für sie völlig nutzlos war, da sie Dinge wie Löffel und
Gabeln aus Aluminium doch nicht zu gebrauchen wußten. Wahrscheinlich
würden sie mit Steinen zu Speerspitzen verarbeitet werden. Aber
schließlich war nun doch ein Anfang gemacht, was keineswegs so einfach
ist, als es sich hier gedruckt ausnimmt.
Mehrere Tage verstrichen, ohne daß die Indianer wieder erschienen. Dann
drang von neuem Geschrei aus der Tiefe des schweigenden Waldes, aber
diesmal in größerer Stärke. Daraus ging hervor, daß freundschaftliche
Beziehungen hergestellt und daß weitere Indianer gekommen waren, um
Geschenke zu empfangen. Aber auch so mußte sorgsam alles vermieden
werden, was sie hätte beleidigen oder erschrecken können. Niemand
ist empfindlicher als der Wilde, wenn er zum erstenmal mit Weißen
zusammentrifft. Mißtrauen und Argwohn sind in jedem Blick, jeder
Gebärde erkennbar. Für den Augenblick mag Staunen oder Furcht an ihre
Stelle treten, aber vorherrschend sind jene beiden Gefühle, und was
alles an Vorsicht angewendet werden muß, um plötzliche Ausbrüche der
Leidenschaft zu verhindern, ist nicht allein drollig, sondern kann nur
von einem Psychologen gewürdigt werden.
Kaum waren die Indianer aus dem dunkeln Wald hervorgekommen und fast
geheimnisvoll auf der Lichtung erschienen, als auch schon deutlich
wurde, daß ihr Besuch diesmal einen feierlicheren Charakter trug.
Sie standen in einer Gruppe um drei aus ihrer Mitte, die durch
zahlreichere Perlen, Federn und Bänder ausgezeichnet waren. Wie ich
später erfuhr, bildeten sie das Häuptlingstriumvirat des Stammes. Neben
dem eigentlichen Häuptling scheint ein Medizinmann und ein Jäger im
gleichen Rang zu stehen. Sie haben die erste Auswahl unter den Weibern
und entscheiden über Krieg und Frieden. Nachdem wir uns durch Zeichen,
Zeichnungen auf einem Stück reingefegten harten Erdbodens und einige
Tupiworte mühselig genug zu verständigen versucht hatten, stellte sich
heraus, daß ihr Stammesname „Itogapuk“ lautete. Damals wußten wir mit
diesem Wort durchaus nichts anzufangen, aber später erfuhren wir, daß
wir hier einen neuen Stamm oder eine neue Familie der menschlichen
Rasse in diesen großen und geheimnisvollen Wäldern entdeckt hatten.
Die Maloccas der Itogapuks befanden sich weniger als eine „Sonne“
weiter flußaufwärts am kleinen, seichten Madeirinha. Roosevelt zufolge
wurde er zufällig von einem indianischen Seringuero entdeckt, der im
Dienst des Senhor Caripé stand, des Kautschukkönigs am Aripuanan.
Der Mann verirrte sich in den Wäldern am Gy-Paraná, und entdeckte
den Madeirinha, nachdem er achtundzwanzig Tage im dichten Dschungel
umhergeirrt war und von Früchten, Palmschößlingen und Nüssen gelebt
hatte.
Als die Unterhaltung unter Aufwand von viel Geduld und Scharfsinn so
weit gediehen war, hielten wir es für richtig, Geschenke auszuteilen.
Es war bemerkenswert, mit welcher Gier sich sogar die jungen Leute
dieses unbekannten Stammes auf die kleinsten Metallgegenstände
stürzten. Als Gegengaben erhielten wir bereitwillig von den Indianern
Kronen aus Ararafedern, Halsketten aus Samenkörnern und verzierte
Jagdspeere.
Während dieser Austausch von Geschenken und Freundschaftsbezeigungen
langsam vor sich ging, gelang es mir, von einem jungen Krieger,
der nicht älter als 15 Jahre sein konnte, die Einwilligung dazu zu
bekommen, seinen Schmuck genau besichtigen zu dürfen. Außer der
Oberlippe war seine Nasenscheidewand durchbohrt; durch das Loch hatte
er ein kurzes Stück Stroh gesteckt. Der Lendengürtel bestand aus einer
Art Baumrinde und verbarg eine dünne Schnur, die zum Schutz eines
gewissen Körperteils diente. Die Fußringe aus Bambus klapperten nur
beim Tanzen, und dann wurden die Bänder um den Arm herabgeschoben,
um zusammen mit den Gelenkbändern ein Geräusch hervorzubringen. Am
merkwürdigsten war ein Holzring am Mittelfinger, der offenbar als
Amulett gegen böse Einflüsse getragen wird. Später ist mir eingefallen,
daß die hölzernen Beinringe auch dazu dienen könnten, die untern Teile
der Beine vor den Bissen und Stichen größerer Insekten und Reptilien
zu schützen. Denn man darf nicht vergessen, daß der Mangel an Großwild
im Vergleich mit Afrika durch die Verschiedenheit und den Blutdurst
kleinerer Tiere, Insekten und Reptilien wieder ausgeglichen wird. Es
ist für den Weißen gleichwie für den Eingeborenen unmöglich, einige
Kilometer in den Wäldern umherzuwandern, ohne an mehreren Stellen
zerbissen und zerstochen zu werden von Ameisen, Piums, Sandflöhen,
Moskitos, Sandfliegen, Spinnen oder andern Insekten oder Reptilien.
Der junge Itogapuk hatte an den Oberschenkeln und am Rücken Geschwüre,
verursacht von der widerwärtigen Bernefliege, die ihre Eier in die
Stichwunden absetzt.
Gegen Sonnenuntergang zogen die Indianer wieder ab, ohne die genaue
Lage ihres Dorfes anzugeben. Das bedeutete für mich eine große
Enttäuschung, da ich dadurch vor der Entscheidung stand, entweder
nach sechs Tagen mit dem Batalõe den Aripuanan hinab zurückzufahren
oder in dieser abgelegenen Gegend für unbestimmte Zeit zu bleiben,
bis ein neues Vorratsboot die 360 Kilometer des gefährlichen Flusses
heraufkommen würde. Das konnte Monate dauern, und die Umstände
erlaubten mir keine so lange Abwesenheit, wenn ich noch weitere Reisen
in diesem wunderreichen, aber ungeheuer ausgedehnten Gebieten vor der
Rückkehr nach Europa unternehmen wollte.
Ich sollte jedoch nicht lange enttäuscht bleiben, denn zwei Tage darauf
erschienen sechs Indianer und zwei kleine Jungen im Lager, nachdem
sie sich mit den üblichen Rufen angekündigt und ihre Waffen am Rand
der Lichtung niedergelegt hatten. Bisher hatten sie ihre Weiber im
Hintergrund gehalten, aber jetzt merkten wir bald, daß irgendwo im Wald
ganz in der Nähe die Weiber auf ein Zeichen ihrer Herrn warteten, ob
sie ohne Gefahr ins Lager der Weißen kommen könnten. Augenscheinlich
konnten die Itogapuks ebensowenig wie die Parintintins verstehen, warum
wir unsere Weiber und Töchter nicht in den Wald mitgenommen hatten.
Nach einer befriedigenden Erklärung unsererseits verschwanden die
Wilden für eine halbe Stunde. Dann wiederholte sich der Austausch von
Ankündigungs- und Willkommrufen, und etwa ein Dutzend Gestalten zog auf
die Lichtung. Endlich hatten sie ihr Weibervolk mitgebracht, womit sie
anzeigten, daß nun ein Zustand des Vertrauens herrschte, und daß wir
bald die Maloccas dieses bisher gänzlich unbekannten Stammes zu Gesicht
bekommen sollten.
Die Itogapukmädchen sehen entschieden besser aus als die Männer.
Mehrere hatten eine ein wenig hellere Hautfarbe. Sie waren völlig
nackt bis auf einen Rindengürtel und ähnliche Verzierungen, wie sie
die Männer trugen. Wie es scheint, wird bei den Weibern dieses Stammes
nur die Oberlippe durchbohrt, aber nicht die Nasenscheidewand. Sie
entfernen, ungleich den Männern, alle Haare vom ganzen Körper, was bei
den Weibern aller amazonischen Stämme allgemein üblich zu sein scheint.
Zuerst hielten sie sich hinter ihren Männern und Vätern und zeigten
sich sehr scheu. Aber Geschenke nahmen sie bereitwillig aus den Händen
der Weißen entgegen, was die Parintintins nie getan hatten.
Nachdem sie uns eine Zeitlang neugierig beschaut und untereinander
Meinungen ausgetauscht hatten, fragten sie, warum unsere Haut weiß wäre
und ob wir Kleider trügen, weil es in unserer Heimat heißer sei als in
„Emelene“? Wir vermuteten, daß dies die Eingeborenenbezeichnung für
den Madeirinha oder kleinen Madeira sei, aber was der Name bedeutete,
konnten wir nicht herausbringen. Etwa eine halbe Stunde hielten sie
sich im Lager auf und waren schon im Begriff, mit ihren Geschenken
wieder abzuziehen, als wir ihnen begreiflich machten, daß wir nun auch
ihre Maloccas sehen wollten, nachdem sie unsere besucht hatten. Ihnen
diesen Wunsch auseinanderzusetzen, bedurfte trotz seiner Einfachheit
geraumer Zeit und verursachte viel Hin- und Herreden unter ihnen, als
sie ihn endlich verstanden hatten. Doch schließlich willigten sie ein,
am nächsten Tag zurückzukehren und uns zu ihren Maloccas zu führen.
Nachdem wir nun den Stammesnamen der Wilden kannten, saßen wir noch
lange in der Nacht um das Lagerfeuer, das zur Beleuchtung und zum
Kochen diente, und besprachen, ob die Itogapuks ein eigenes Volk
bildeten oder eine Unterfamilie einer der großen ursprünglichen Gruppen
wären. Obwohl eine Entscheidung bei dem Fehlen endgültiger Beweismittel
nicht getroffen werden konnte, schien doch die Wahrscheinlichkeit
dafür zu sprechen, daß dieser merkwürdige Stamm in Wirklichkeit die
Unterabteilung einer oder der andern der beiden großen amazonischen
Rassen bildet: der kriegerischen Parintintins und der ebenso wilden
Nambiquaras, zwischen deren Wohngebieten die Itogapuks in düstern
Urwäldern hausen. Ihre Sprache war uns damals noch fremd, obwohl
gewisse Worte in Tupi, das dem Guarani ähnlich ist, verstanden worden
zu sein schienen. Nach Gestalt, Farbe und Haar ähnelten die Itogapuks
den Parintintins, aber ihr Körperschmuck glich weit mehr dem der
Nambiquaras. Spätere Untersuchungen verstärkten die Annahme zugunsten
der Nambiquaras, aber nebenher gibt es auch schwerwiegende Gründe für
die Annahme, daß sie einen Zweig des wilden Nomadenstammes der Arara
bilden. Das Indianeramt in Manáos führt sie gleichwohl amtlich als
besonderen Stamm unter dem Namen der Itogapuks.
12. Der Fluß der Itogapukindianer.
Spät am Nachmittag des folgenden Tags erschienen die Indianer wieder
auf der Lichtung. Der Stationskommandant, der den verräterischen
Charakter aller Wilden kannte, hielt es für unklug, noch am gleichen
Tag nach den Maloccas aufzubrechen. Den drei Führern wurde Unterkunft
im Lager angeboten, aber schließlich machten sie ein Feuer auf der
Lichtung und legten sich auf den Boden, mit den Füßen gegen die Glut.
Am nächsten Morgen zogen wir los, noch ehe der dichte Wald von den
Fiebernebeln frei war, so daß mich nur eine starke Dosis Chinin vor
einem Anfall der Malaria rettete, die im Juni und Juli in diesen
Waldgebieten besonders heftig auftritt.
Ich möchte hier erwähnen, daß alte Reisende im Amazonengebiet nicht
für den fortgesetzten Gebrauch von Chinin sind. Nach ihrer Behauptung
begünstigt es eine Erkrankung am gefürchteten Schwarzwasserfieber.
Ich selbst habe Wochen auf dem Amazonenstrom und seinen Nebenflüssen
zugebracht, ohne eine einzige Dosis zu nehmen, obwohl ich im Fall
starker Erschöpfung oder Durchnässung bei Regenwetter unweigerlich
Chinin in genügender Menge schlucke, um die Folgen solch gefährlicher
Zustände abzuwehren. Augenscheinlich ist es kein Vorbeugungsmittel
gegen Malaria, aber das bequemste und wirksamste Mittel, die Symptome
zu unterdrücken.
Wir paddelten etwa zwei Stunden im Batalõe flußaufwärts. Auf dem
Igarapé, in den wir dann einbogen, sah ich ganze Felder der
riesigen, unter dem Namen Victoria regia bekannten Wasserrosen. Ihre
schalenförmigen, weißlich grünen Blätter auf dem schwarzen Wasser
boten einen wundervollen Anblick gegen den Hintergrund der Assaipalmen
und des dicht verwachsenen Waldes. Bei der Weiterfahrt trafen wir auf
zahlreiche Alligatoren, die geschäftig ihrer Frühstücksjagd nachgingen.
Es war kaum acht Uhr und die Sonne hatte noch nicht genügend Kraft
gewonnen, um das Leben in den Wäldern auszulöschen. Alles war feucht
und von einem frischen, üppigen Grün. Das von den Alligatoren
aufgewühlte Wasser glänzte wie Gold, wenn sie mit schwerfälligen
Bewegungen dem Batalõe auswichen. In den Bäumen schnatterten Araras und
Affen.
Trotz dieser Morgenfrische hatte man das Gefühl des Ungesunden. Ob es
an dem faden Geruch der faulenden Vegetation lag, an dem Düster des
Blättergewölbes, dem Fehlen auch des leisesten Lüftchens oder daran,
daß man die Einsamkeit, die Ferne und eine Unermeßlichkeit, in der der
Mensch für nichts zählt, empfand, kann ich nicht sagen. Dieser Igarapé
der Itogapuks machte jedenfalls auf mich den Eindruck eines tropischen
Paradieses mit der Atmosphäre eines Grabes.
Eine viertelstündige Wanderung auf einem Dschungelpfad brachte uns
endlich wieder auf eine Lichtung, die der Sonne Zugang verstattete.
Sie war ziemlich groß, und auf der einen Seite befanden sich
zehn merkwürdiger aussehende Maloccas, als ich sie bisher in den
Riesenwäldern dieses geheimnisvollen Landes gefunden hatte. Sie waren
aus teilweise geflochtenem Stroh gebaut und ähnelten Bienenkörben
mit spitzigen Dächern. Hielt man ihre Größe mit der Anzahl der
herumstehenden nackten Gestalten zusammen, so wurde es augenscheinlich,
daß jede Hütte für mehrere Familien berechnet war und daß sich das
häusliche Leben der Itogapuks mehr oder minder in Gemeinschaft
abspielte.
[Illustration: Stärlingsnester.]
[Illustration: Der geheimnisvolle „Felsen der Inschriften“ am oberen
Parimé.
Die Inschriften sollen aus dem siebenten vorchristlichen Jahrhundert
stammen. Die Höhle rechts gewährt fünfzig Reitern Unterkunft.]
Feindselige Absichten wurden nicht offenbar, obwohl eine Mischung von
Scheu und Mißtrauen wohl zu unterscheiden war. Zuerst näherten sich
nur die alten Weiber und Kinder. Als wir aber begannen, Geschenke
auszuteilen, nahm das Gedränge um die Häuptlinge herum allmählich zu.
Die Neugierde der Wilden war stärker als ihre natürliche Furchtsamkeit
und ihr Argwohn, aber ein unrichtiges Benehmen hätte bei der elektrisch
geladenen Atmosphäre der ersten Stunden recht gefährlich werden können.
Nach einem Mahl, das wir von der Station mitgebracht hatten und an dem
der ganze Stamm von fast hundert Leuten teilnahm, ließ die Spannung
langsam nach. Später vertilgten die Itogapuks noch große Mengen von
Affenfleisch und eines berauschenden Getränks.
Zwei junge Itogapukmädchen von etwa 14 Jahren trieben sich neugierig in
meiner Nähe umher und faßten endlich Mut, mich genau in Augenschein zu
nehmen. Zuerst betrachteten sie verwundert meine Kleider, hierauf meine
Hände unter völligem Stillschweigen. Dadurch nicht befriedigt, rollten
sie meine Ärmel auf, spuckten auf meine Arme und rieben sie dann aus
aller Kraft mit den Händen! Offenbar erwarteten sie, daß das Weiß
abgehen und ich in meiner wahren Farbe dastehen würde. Als aber nichts
von dem geschah, dehnten sie ihre Nachforschungen auf meinen Hals
unter dem offenen Hemd aus. Doch da ich von dem einmaligen Anspucken
mehr als befriedigt war, lehnte ich höflich aber bestimmt weitere
wissenschaftliche Untersuchungen ab und suchte ihre Aufmerksamkeit in
andere Bahnen zu lenken, indem ich sie dem Ticken meiner Taschenuhr
lauschen ließ.
Es ist wohl nicht angängig, die jungen Itogapukmädchen hübsch zu nennen
im europäischen Sinn des Wortes, aber für Wilde waren sie keineswegs
häßlich. Die blutunterlaufenen Augen verdarben etwas den Eindruck, und
ihre Nacktheit machte sich infolge der Gewohnheit, alle überflüssigen
Haare vom Körper zu entfernen, noch stärker fühlbar. Mehrere kamen den
sagenhaften weißen Indianern näher, als ich es bisher gesehen hatte.
Später aber traf ich auf zwei Wilde, ein Kind bei den Ocainas und ein
Mädchen eines unbekannten Stammes an der Grenze Ecuadors, deren Haut
so weiß war, daß man sie aus der Entfernung von Europäern nicht hätte
unterscheiden können. Selbst in der Nähe sahen sie nicht dunkler aus
als etwa Italiener.
Die Itogapukweiber haben das Haar kurz geschnitten und mit einem
Strohband eingebunden. Um den Hals tragen sie Halsketten aus braunen
und weißen Samenkörnern, oft in mehreren Reihen. Einige hatten sich
Bänder aus gefärbtem Stroh um jede Schulter gewunden und auch um die
Lenden, Arme, Hand- und Fußgelenke. Säuglinge wurden auf dem Hüftbein
der Mutter umhergetragen. Die Kinder hatten Lieblingsaffen, die auf
ihren Händen oder Schultern saßen. Eines der Weiber trug schwere
Ohrringe aus schwarzem Stein, aber der Gebrauch, das Ohrläppchen zu
verlängern, scheint bei ihnen nicht zu bestehen.
Mehrere Weiber hatten durchbohrte Oberlippen, so daß an einen
allgemeinen Brauch ohne Rücksicht auf das Geschlecht gedacht werden
müßte. Da aber weder Kinder noch junge Leute in solcher Weise entstellt
waren, mag es sich um Heirats-, Alters- oder Standesabzeichen handeln.
Obwohl Männer und Weiber Tag und Nacht nackt unter einem gemeinsamen
Dach leben, war nichts Unschickliches zu bemerken, auch nichts von
jenen schrecklichen Krankheiten, die in den Ansiedlungen nur zu
sichtbar hervortreten.
Die Kriegsbogen waren aus dunkelm, mahagonifarbigem Holz verfertigt
und über zwei Meter hoch. Solch einen Bogen ganz zu spannen erforderte
beträchtliche Kraft. Dazu gab es drei verschiedene Pfeilarten: die
einen mit abgestumpfter Spitze für die Vogeljagd; die zweiten mit
breiten, scharfen Holzschneiden für die Jagd auf den Tapir, den
Jaguar und Wildschweine; ferner Kriegspfeile mit häßlich vergifteten
Widerhaken, die von einer Scheide geschützt waren. Als Speer wurde
nur eine lange Lanze gebraucht mit Vogelfederverzierungen am Griff.
Sie dient hauptsächlich zum Anspießen bei der Jagd auf Schildkröten,
Fische, Alligatoren, Schlangen und Leguane (Eidechsen).
Die Itogapuks glauben an gute und böse Geister, unter denen sie
gleichsam die belohnenden und rächenden Engel eines höchsten und
unsichtbaren Gottes zu verstehen scheinen, den man sich auf der Sonne
oder auf dem Mond wohnend vorstellt. Sie müssen durch Festmähler und
die Martern junger Mädchen versöhnt werden, aus denen man dadurch das
Böse austreibt und die man damit gehorsam und fügsam macht. Kinder
scheinen nicht viel zu gelten, obgleich sie anscheinend gut behandelt
werden. Im Alter von zehn Jahren werden die Mädchen dem Mann verlobt,
der am meisten für sie zahlt. Von da an leben sie am Gemeinschaftsfeuer
ihres Herrn und Gebieters. Waisenkinder werden weggegeben, und auf
diese Weise gelangten ein kleines Mädchen und ein Junge des Stammes zur
Erziehung nach Manáos.
Die Kinder sind ein vergnügtes, lachendes Völkchen. Den ganzen Tag
treiben sie sich mit ihren zahmen Affen spielend umher. Eins oder
zwei trugen Halsketten und Amulette aus dem geglätteten Holz der
Tucunapalme oder Schnüre von braunen und weißen Samenkörnern. Ein etwa
zwölfjähriger Junge war unendlich stolz auf seinen Kopfschmuck aus dem
Fell eines schwarzen Jaguars, der in dieser Gegend sehr selten vorkommt.
Unser Nachtlager wurde am Rand des Igarapés aufgeschlagen, an der
Seite des Indianerdorfes. Die Frösche vollführten ein schreckliches
Gequake die ganze Nacht hindurch, die durch Schwärme von Insekten aller
Gattungen noch unerquicklicher gemacht wurde. Merkwürdigerweise geschah
es in der ersten Nacht, die ich bei diesen Wilden zubrachte, daß ich
Bekanntschaft mit dem Vampir machte. Die Luft war ganz still und
furchtbar heiß. Unter dem Moskitonetz konnte ich kaum atmen, und schon
nach ein paar Minuten war ich im Schweiß wie gebadet. Stundenlang lag
ich so wach und hörte dem Froschkonzert im nahen Sumpf und dem Gesumm
der zahllosen Insekten zu.
Dann war ich doch wohl ein wenig eingenickt und mußte das Moskitonetz
während meines unruhigen Schlafes von den Füßen weggeschoben haben.
Als ich gerade vor Tagesanbruch erwachte, hatte ich ein seltsam
kühles, kitzelndes Gefühl in den Füßen. Ich knipste die kleine
elektrische Taschenlampe an, die ich für Notfälle immer bei mir trage,
und erblickte in ihren Lichtstrahlen einen großen Vampir, der seine
häutigen Flügel auf- und zuklappte, während er das Blut aus einer Wunde
in meinem linken Fuß sog. Durch das Licht geblendet, flog das ekelhafte
Geschöpf in das Moskitonetz und flatterte dann davon in die noch
sternenhelle Dämmerung.
Ich brachte das Netz wieder in Ordnung und untersuchte den Fuß, an
dessem Rist ein kleiner tiefer Einschnitt zu sehen war, aus dem Blut
träufelte. Am nächsten Morgen fühlte ich mich recht schwach, ob
durch den Blutverlust oder den Mangel an Schlaf, vermag ich nicht
zu bestimmen. Meine Fußgelenke waren von den Bissen der Moskitos so
verschwollen, daß ich in die Tourenstiefel nicht hineinkam und mich mit
den weichen Moskitoschuhen behelfen mußte, die ich bisher nur am Abend
im Lager oder im Kanu der Bequemlichkeit wegen getragen hatte.