Solche „Anlockungsposten“ bestehen lediglich aus kleinen mit

Zinkblech gedeckten Lehmhütten, in die hinein geflochtene Graskörbe,

farbenprächtige Kleider, Kessel, Teller, Löffel und andere nützliche

Gegenstände gelegt werden. Außerhalb der Hütten befinden sich

Wegzeichen, um den Pfad anzuzeigen, der zur Station führt. Auf solche

Weise werden die Wilden durch die Geschenke angelockt und allmählich

dahin gebracht, sich vor den Palisaden zu Unterhandlungen einzufinden.

Einige Tage nach der Einrichtung dieser „Anlockungsposten“ in den

Wäldern fand sich, daß alle dort niedergelegten Geschenke fortgenommen

worden waren. Als Gegengeschenke steckten verzierte Pfeile im Boden.

Doch hatten die Indianer sich große Mühe gegeben, alle Spuren der Wege

zu verwischen, auf denen sie gekommen waren, um zu verhindern, daß man

ihnen zu ihren Maloccas folge.

Als wieder neue Geschenke in die Hütten gelegt wurden, ohne daß man den

Versuch machte, die Indianer in ihren Dörfern aufzuspüren, faßten die

Parintintins allmählich Zutrauen zu der freundschaftlichen Gesinnung

der Garnison. Nach wenigen Wochen versuchten sie nicht mehr, die

Pfade zu verbergen, auf denen sie kamen und gingen. Als Zeichen der

Freundschaft ließen sie in den Lehmhütten Pfeile zurück, geschmückt

mit den prächtigen Federn des Schapú (~Cassicus cristatus~), Arara

und Mutum, oder auch verschiedene kleine Gegenstände, die sie aus den

Zähnen des Waschbären und Jaguars verfertigt hatten.

Die erste wirkliche Begegnung zwischen der Garnison der Station und

den Parintintins fand am 24. März 1922 statt. Ein Assistent, Raymundo

Baptista, ging in den Wald, um einen der kleinen „Anlockungsposten“

nachzusehen und traf überraschend auf eine Gruppe Indianer, die sich

gerade dort befanden. Da er die Unmöglichkeit erkannte, sich im Fall

eines Angriffs zu verteidigen, begann er in der Richtung der Station

davonzulaufen. Er mußte fast durch den Trupp der Indianer hindurch,

die zuerst auch von der Überraschung gelähmt schienen. Aber dies ging

schnell vorüber. Sie griffen nach ihren Bogen und sandten mehrere

Pfeile dem Flüchtling nach, der jedoch unverletzt die Palisaden

erreichte.

Nach diesem Zwischenfall verschwanden die Indianer vollständig für

mehrere Wochen. Sie verbargen sich in den fast undurchdringlichen

Wäldern, die auf Hunderte von Kilometer die Station umgeben. Zuweilen

ließen sich die Töne einer heiligen Bambusflöte hören, auf der sie

Vogelrufe nachahmen. Dann erschienen sie plötzlich auf dem andern Ufer

des Igarapé, schrien „Pum! Pum! Pum!“ und schossen ganze Schauer von

vergifteten Pfeilen auf die Palisaden. Darauf verschwanden sie von

neuem für einige Zeit und machten dann einen entschlossenen Angriff

auf die Station von einem kleinen Stück Land aus, das weniger als 70

Meter von dem Stacheldrahtverhau der Palisaden entfernt war. Ganze

Pfeilsalven flogen herüber, und so oft sich einer von der Garnison

sehen ließ, brachen die Indianer in ihr übliches Schlachtgeschrei aus.

Einige sprangen ins Wasser des Igarapés mit der offenbaren Absicht, zur

Station herüberzuschwimmen, andere verbargen sich zwischen den Zweigen

eines großen Baumes, von wo sie das Fort neugierig beobachteten.

Das ging so beinahe ununterbrochen weiter bis zum 8. Mai. Am Morgen

dieses Tages hörte Señhor Curt, der Kommandant des Forts, zu seiner

Überraschung ein wirres Geschrei von dem Igarapé her. Die Parintintins

rückten zum erstenmal gegen die Palisaden vor. Von den starken

Holzwänden des Forts geschützt, sah die Besatzung, wie die Wilden

den Eingang der Palisadenumwallung erzwangen und vorsichtig mit

schußbereitem Bogen in den Hof eindrangen.

Es war ein bedenklicher Augenblick. Auf die Indianer zu schießen, hätte

ein Zunichtemachen alles dessen bedeutet, was in den letzten Wochen

erreicht worden war. So begnügte sich die Besatzung damit, die Flinten

zu zeigen, worauf sich die Indianer wieder aus der Einfriedigung

zurückzogen, aber in der Nähe stehenblieben. Der Kommandant trat nun in

den Hof hinaus mit mehreren Geschenken in der Hand und rief die Wilden

freundlich an. Als er keine Antwort erhielt, ging er ans offene Tor und

stellte einen Korb mit Messern, Beilen und einem Bund dicker Schnüre

hin, worauf er sich sofort wieder in das Fort zurückbegab.

Die Indianer näherten sich nun dem Tor und setzten sich in Besitz des

Korbes samt Inhalt. Sie schleppten ihn an den Igarapé, wo sie sich

ihrer Gewohnheit nach in dem üblichen Kriegsgeschrei Luft machten.

Dann kletterten sie in die Bäume hinauf und schossen Pfeile ab, die

aber vor dem Fort niederfielen. Nach mehreren Minuten ängstlicher

Erwartung kehrten drei der Parintintins zurück, hielten sich aber in

einer gewissen Entfernung. Sie riefen die Besatzung an und gaben durch

Zeichen zu erkennen, daß sie weitere Geschenke wollten, wobei sie das

Wort „Akanitara“ (Kopfschmuck) wiederholten.

Einer der drei, ein hellfarbiger Junge von etwa fünfzehn Jahren, zeigte

aufs leidenschaftlichste, daß er die versöhnliche Haltung seiner

Begleiter mißbilligte. Sein Gesicht bot ein Bild barbarischer Wut. Als

er sah, daß einer der Indianer den Federschmuck vom Kopf nahm, um ihn

der Besatzung anzubieten, machte er alle Bewegungen des Schießens,

obwohl er keine Pfeile bei sich hatte, stampfte mit den Füßen und stieß

herausfordernde Rufe aus.

Da die beiden andern Geschenke als Gegengabe für den Kopfschmuck

verlangten, trat der Kommandant Curt ans Flußufer, warf einen Korb

mit Buschmessern ins Wasser und rief den Indianern zu, ihn zu holen.

Einige Minuten standen sie still und zögerten. Dann sprang einer ins

seichte Wasser, fischte den Korb heraus und verteilte den Inhalt. Als

Gegengeschenk legten sie einen Kopfschmuck aus Federn außerhalb der

Palisadenumzäunung auf den Boden und bedeuteten der Besatzung, sie

sollte ihn holen. Der Kommandant Curt entgegnete aber, daß er das

nicht tun würde, weil noch vor wenigen Minuten Pfeile auf das Fort

abgeschossen worden waren.

Die Parintintins gebrauchten nun eine schlaue List, um ihn in

Sicherheit zu wiegen. Sie deuteten ihm an, noch mehr Geschenke zu

bringen und fingen inzwischen an zu tanzen und zu singen, während sie

ihre Bogen in die Höhe hoben. Einer hatte den Kopfschmuck an seinen

langen Bogen gebunden. Zwei andere zu beiden Seiten von ihm stießen

ihren Kriegsruf aus, und während alle vier so tanzten mit dem Rücken

gegen das Fort, überwachte ein unbewaffneter Fünfter die Bewegungen der

Besatzung.

Der Kommandant verließ das Fort und legte die Geschenke auf dem

angegebenen Platz nieder. Die Indianer hörten zu tanzen auf und einer

von ihnen überschritt den Fluß, um den Korb mit den Geschenken zu

holen. Mittlerweile stürzten jedoch andere Indianer, die sich jenseits

des Flusses verborgen gehalten hatten, an den Uferrand und schossen

zwei Pfeile ab, die glücklicherweise zu kurz gingen. Curt gab jetzt den

Indianern zu verstehen, daß er keine Geschenke mehr austeilen würde,

aber der Wilde, der den Fluß überschritten hatte, kam nun näher und

erklärte durch Zeichen, daß nicht er die Pfeile abgeschossen hätte.

Vier weitere Indianer hatten inzwischen Mut gefaßt, kamen über den Fluß

und traten zu ihrem Kameraden im Tor der Station. Der älteste von ihnen

nahm die Federkrone vom Kopf und warf sie dem Offizier zu, der sie

auffing und als Gegengabe den Indianern zwei Perlenhalsbänder hinhielt.

Sie zogen sich aber, „Embombo!“ rufend, zurück, ein Ausdruck, der

offenbar von dem Tupiwort abgeleitet ist, das „Spiel“ bedeutet.

Einer der Indianer erkundigte sich, ob die Weißen den „Caiary“

(Madeira) herauf- oder herabgekommen seien und wie der Name ihrer

Heimat wäre. Man antwortete ihm, daß die Besatzung den Fluß

heraufgekommen wäre und daß ihre Heimat weit entfernt gegen den Aufgang

der Sonne zu läge. Ein anderer fragte, ob einer der jungen Männer der

Besatzung der Sohn des Kommandanten wäre! Als das verneint und ihm

erklärt wurde, daß die Frauen und Kinder in der Ferne zurückgelassen

worden seien, schien er überrascht.

Ein paar Tage später kehrten die Parintintins zurück. Diesmal wurden

keine Pfeile abgeschossen. Sie kündigten ihre Ankunft mit Geschrei aus

dem Wald an und kamen bis dicht an die Palisaden heran. Auf die Frage,

ob sie Hunger hätten, machte einer eine komische Gebärde, indem er die

Hand in grotesker Weise auf den leeren Magen legte. So wurden also

Speisen herbeigeschafft, und Curt kostete von jedem Gericht ein wenig,

damit die Indianer sich überzeugten, daß es nicht vergiftet wäre.

Einige Minuten lang wollte keiner näher kommen, trotz ihres Hungers.

Dann trat ein junger Wilder in vollem Vertrauen heran, und erhielt

persönlich die ersehnte Speise.

Curt versuchte, mit ihm unmittelbar ein Gespräch anzuknüpfen, aber der

Indianer kehrte mit den Speisen zu den andern zurück, die außerhalb der

Palisaden auf ihn warteten. Nachdem sie gegessen, gesungen und getanzt

hatten, verschwanden sie wieder im Walde.

Soweit bekannt ist, war dies das erstemal, daß ein Parintintinindianer

irgend etwas friedlich und unmittelbar aus der Hand eines Weißen

entgegengenommen hatte. Hiernach kamen sie öfters auf die Station, und

während die einen geduldig darauf warteten, in den Hof eingelassen zu

werden, versuchten andere mit schweren Holzkeulen die Palisaden zu

zerstören. Bei solchen Gelegenheiten wurden die mehr kriegerischen

Indianer von der Besatzung verwarnt und nur jenen der Eintritt in die

Umfriedigung gestattet, die ihre Waffen draußen gelassen hatten.

Von da an streiften die Parintintins um die Station herum, erhielten

Geschenke und schenkten dagegen von ihren eigenen Schmuckstücken. Im

Anfang waren sie noch scheu, nach ein paar Wochen aber faßten sie

Zutrauen und ließen sich mit Hilfe von Zeichen und Zeichnungen in lange

Gespräche mit der Besatzung ein. Es war interessant, welche Mühe sie

sich gaben, sich durch Zeichen und Tupiwörter verständlich zu machen.

Sahen sie, daß jemand sie nicht verstand, so wiederholten sie die Worte

und wußten sich pantomimisch recht geschickt auszudrücken.

Einmal erschienen sie in Begleitung ihrer Weiber und führten ihre

Stammestänze vor. Sie begannen paarweise, tanzten vor und zurück und

stampften mit den Füßen zur Musik von Bambusflöten. Dann wurden die

Musikinstrumente beiseitegelegt, und aus dem Tanz entwickelte sich

eine Darstellung des Kampfes. Jede Partei ging in einer Linie vor,

dann knieten sie sich plötzlich nieder oder warfen sich der Länge

nach auf den Boden und vollführten die Bewegungen des Bogen- oder

Blasrohrschießens.

Kamen sie zur Station, so war es üblich, die Waffen am Flußufer

abzulegen und sich mit hoch über dem Kopf erhobenen Händen zu nähern,

ehe ihnen das Tor der Einfriedigung geöffnet wurde. Häufig geschah es

jedoch, daß sich unter den Besuchern ein oder zwei wildere Gesellen

befanden, die oft Leute der Besatzung bedrohten. Aber diese verstand

es vorzüglich, die Gefahr abzuwenden und die schlimmsten Instinkte der

Wilden zu besänftigen. Unter den bisherigen Besuchern befindet sich

auch ein Junge von etwa 15 oder 16 Jahren, dessen Hautfarbe viel heller

ist als die der übrigen und der auch gänzlich andere Gesichtszüge hat.“

Der vorstehende Bericht über die Leistungen des Indianeramts in

diesen entlegenen Wäldern enthält alles Wesentliche, was mir der

genannte Beamte am Rio Negro im Dezember 1922 erzählte. Man darf nicht

vergessen, daß alle die Vorbereitungen und daran sich anschließenden

gefahrvollen Unternehmungen lediglich dazu dienten, mit einem einzigen

Stamm der Wilden am Maicy-Mirimé in Berührung zu kommen, einem

Fluß, der auf keiner gewöhnlichen Landkarte zu finden ist. Wenn man

bedenkt, daß es noch heute ein unbekanntes Gebiet von fast zweieinhalb

Millionen Geviertkilometer im Amazonenbecken gibt, so wird man die oft

wiederholte Behauptung, es wäre auf der Welt nichts mehr zu erforschen,

mit einigen Fragezeichen versehen.

Jener fast weiße Parintintinjunge entspricht mehreren gleichartigen

Fällen bei verschiedenen Stämmen, die ich selber auf meinen

monatelangen Wanderungen durch die amazonischen Wälder gesehen habe.

Ob solche merkwürdige Farbe- und Rasseeigentümlichkeiten tatsächlich

mit Raub und Gewalttat an den weißen Frauen irgendeiner entlegenen

Ansiedlung zusammenhängen, ist unmöglich zu sagen. Bekannt ist jedoch,

daß vor mehreren Jahrhunderten ein paar Tausend Spanierinnen von den

Huambisa-Indianern des nordöstlichen Peru geraubt wurden. Allerdings

würde die seit damals verflossene Zeit den Einfluß des weißen Blutes

wieder aufgehoben haben, und auch spätere Räubereien hätten wohl nur

eine Caboclomischung im rein indianischen Blut hervorgebracht.

So auffallend ist der Anblick einer fast weißen Haut unter einer Schar

nackter Bronzegestalten, daß von einer, etwa nur ein wenig helleren

Färbung nicht die Rede sein kann. Auch die Gesichtszüge scheinen

Abweichungen aufzuweisen, und zwar nicht nur nach meiner eigenen

Beobachtung, sondern auch der anderer. Noch komplizierter wird die

Sache dadurch, daß solche weiße Indianer auch nicht die leiseste

Erinnerung an stammesfremde Verwandte haben. Befragt man sie selbst,

so räumen sie wohl ein, daß sie hellfarbiger sind, ohne daß sie aber

imstande wären, einen Grund dafür anzugeben. Die Theorie, daß der

Genuß von Salz bei Europäern eine hellere Haut- und Haarfarbe

hervorbringt, kann unmöglich auf diese Einzelindividuen unter den

bronzefarbenen Stämmen des Amazonengebiets angewendet werden.

[Illustration: Ein Itogapukmädchen, zum Tanz geschmückt.

Die durchbohrte Oberlippe und die merkwürdigen Rohrbänder sind deutlich

zu sehen.]

[Illustration: Itogapukindianer vor ihrem Gemeinschaftshaus.]

In diesem Zusammenhang mag es von Interesse sein, wenn ich mit einigem

Vorbehalt den Bericht Sir Clements Markhams über einen im nordöstlichen

Peru vermuteten weißen Indianerstamm anführe. Der Verfasser bringt ihn

in seinem Werk „~List of Tribes of the Amazon Valley~“, das aus vielen

Quellen schöpft und 1910 vom „~Royal Anthropological Institute of Great

Britain and Ireland~“ herausgegeben wurde.

Dort heißt es, daß die Mayorunasstämme des Ucayali-Yavari-Gebiets

„eine weiße Hautfarbe haben und mehr Engländern als selbst Spaniern

gleichen. Sie ziehen jagend durch die Wälder und halten sich nicht viel

an die Flüsse. Es wird angenommen, daß sie von spanischen Soldaten

der Ursula-Expedition abstammen, doch ist dies unwahrscheinlich. Als

der Inka Pachacuti die Chancas unterwarf, floh ein Teil dieses Volkes

nach Muyumbamba, und dessen Einwohner flohen vor den Eindringlingen

und ließen sich am Ucayali und Yavari nieder. Wahrscheinlich ist dies

der Ursprung der Mayorunas oder Mururunas (= Männer von Muya). Sie

haben eine seltsame und schmerzhafte Art, die Barthaare zu beseitigen.

Sie nehmen zwei Muscheln, die als Haarzängchen dienen, und reißen ein

Haar nach dem andern aus, wobei sie solche Gesichter schneiden, daß

man beim Zusehen lachen und gleichzeitig Mitleid mit ihnen haben muß.

Zuweilen werden sie Barbudos genannt. Sie sind sehr zahlreich, von

höherm Wuchs als die meisten andern Stämme und gehen beständig nackt.

Sie sind kriegerischen Charakters und stehen mit keinem andern Stamm

in einem Freundschaftsverhältnis. Pfeile und Bogen sind bei ihnen

nicht in Gebrauch, sondern nur Speere, Lanzen, Keulen und Cerbatanas

oder Blasrohre, und das Gift, das sie zubereiten, gilt als das

allerwirksamste. Sie sind wohlgebildet, besonders was die Hände und

Füße der Weiber betrifft, haben gerade Nasen und kleine Lippen. Das

Haar schneiden sie quer über die Stirne ab und lassen es über den

Rücken herabhängen. Bemerkenswert ist ihre Reinlichkeit. Tatsächlich

ist sehr wenig über sie bekannt. Sie greifen jeden an, der in ihr

Gebiet eindringt, und die Bootführer nehmen sich in acht, auf ihrem

Ufer des Ucayali zu landen. Castelnau führt zwölf Mayorunawörter an und

Bates gibt die interessante Schilderung eines Mayorunamädchens, das am

Yavari gefangen wurde.“

Seit Jahrhunderten laufen solche Geschichten von weißen Indianern um

unter Forschern und Reisenden vieler Nationalitäten. Nun sind sie von

Offizieren des Indianeramts bestätigt worden, die ihr Leben in den

düstern Wäldern verbringen. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den

sich bekämpfenden Theorien. Jene Indianer sind nicht rein weiß, sondern

haben nur eine sehr helle Hautfarbe, die im schärfsten Gegensatz zu

ihrer Umwelt steht und daher stärker zur Geltung kommt. Ein einziger

weißer Stamm, der sich irgendwo im „großen Unbekannten“ verbirgt,

würde die vielen Einzelfälle nicht erklären, die von mehreren,

Tausende von Meilen von einander entfernten Stämmen berichtet werden.

Die wahrscheinlichste Erklärung liegt in weißen Ahnen, mögen sie nun

Gefangene oder Überläufer gewesen sein, und in einem plötzlichen

Rückschlag nach vielleicht zwei oder mehr Generationen.

11. Die Entdeckung eines unbekannten Indianerstammes.

Wen sein Beruf in die dämmerigen Wälder führt, zu den verseuchten

Sümpfen oder an die entlegenen kochheißen Flüsse dieses geheimnisvollen

Landes der Einsamkeit und unvorstellbaren Ausdehnung, der betrachtet

den großen Amazonenstrom selbst etwa geradeso, wie die Neuyorker oder

Londoner während einer Hitzwelle den Hudson oder die Themse ansehen.

Es gibt dort, sowohl in Pará als in Manáos, winzige Strandplätze mit

Badegelegenheiten, Landhäusern und Dampferausflügen. Zuweilen kann es

geschehen, daß ein Jaguar das Picknick stört, ein Alligator neben der

Barkasse auftaucht oder ein elektrischer Aal das Bad unterbricht. Aber

die Kühle des großen Stromes und ein frisches Lüftchen machen sich

überall geltend, und außerdem gibt es Eisgetränke, richtige Speisen,

ein Dach, ein Bett und menschliche Gesellschaft.

In solcher Weise stand Manáos einladend vor meinem Geist, die kleine

Dschungelstadt am äußersten Rand der Zivilisation, als ich aus den

Gebieten der Flüsse Mutum und Gy-Paraná zurückkehrte. Irgendwie sehnte

ich mich nach einer guten Mahlzeit, einem Bad und der Möglichkeit,

ein wenig zu plaudern. Schon die Vorstellung eines geeisten Getränks

machte mich schwindlig, und so hielt ich mich nur so lange in Humaitá

auf, um es gründlich satt zu bekommen, weil erst nach viereinhalb

Tagen der nächste Dampfer flußabwärts abfahren sollte. Als ich endlich

das weißgetünchte Zimmer mit seinen Ameisen und Spinnen verließ

und an Bord ging, faulenzte ich, las, badete, aß und nahm alle die

Eisgetränke zu mir, nach denen ich mich so sehr gesehnt hatte. Mein

Wunsch, mich in Manáos auszuruhen, verblaßte schnell, und als ich in

Manicoré erfuhr, daß ein höchst angesehener Amazonese eine Expedition

den Aripuananfluß hinaufschickte, verschwand er ebenso eilig aus meiner

Seele wie mein kaum noch respektables Gepäck vom Dampfboot. Zwei Tage

später saß ich mit drei Begleitern in einem großen Batalõe und fuhr um

die Aripuananinsel herum in die verborgene Mündung dieses wundervollen

Flusses gleichen Namens ein. Die Roosevelt-Rondon-Expedition hatte

ihn 1913 in seiner ganzen Länge befahren, unser Ziel aber waren die

noch immer unerforschten Urwälder seitlich des Hauptflusses unter 8°

17′ südlicher Breite. Beamte des Indianeramts befanden sich damals

auf der Suche nach wilden Stämmen, die an den Ufern eines kleinen

Flusses, namens Madeirinha, wohnen sollten, und das Batalõe mit seiner

Caboclo-Bemannung brachte ihnen und einer abgelegenen Pflanzung die

notwendigen Vorräte.

Unwiderstehlich zog es mich dahin, weil ich auf all meinen Karten

und unter meinen Notizen nichts über diesen Fluß finden konnte, noch

irgendeine Andeutung, daß schon europäische Reisende jene „leere“

Gegend erforscht hätten. Theodore Roosevelt und General Rondon vom

brasilianischen Überland-Telegraphen-Dienst, die beiden prächtigen

Pioniere der Wildnis, deren Leistungen viel zu wenig bekannt sind,

waren 1913 den Fluß hinaufgefahren und offenbar auch an der Mündung

des Madeirinha vorübergekommen, aber genauere Nachforschungen schienen

sie in diesem Gebiet nicht gemacht zu haben. Also bot sich jetzt eine

Gelegenheit, die ohne lebenslängliche Reue nicht vernachlässigt werden

durfte.

[Illustration: Skizze des Gebiets des Tapajóz und des Madeira.]

Über die mühselige Reise von 360 Kilometer den Aripuanan flußaufwärts

werde ich nicht viel berichten. Wer sich für seine niemals auch

nur vom leisesten Lüftchen bewegte Wasserfläche interessiert, die

ununterbrochenen Ufermauern tropischer Wälder, seine Stromschnellen,

die stellenweise Lücken in das Blättermeer reißen, seine beständig in

der dampfheißen, stagnierenden Luft umherschwirrenden Moskitos und die

beinahe nicht vorhandene Uferbevölkerung, wird glänzende Schilderungen

davon an andern Orten finden. Was ich selber hinzufügen könnte, wären

nur Beschwerden über persönliches Unbehagen und Erzählungen von

schwierigen Überlandumgehungen einiger Stromschnellen und von fast

unaufhörlicher Arbeit beim Rudern und Stechen gegen die Strömung. Die

Aufgabe des vorliegenden Buches besteht in der Schilderung wilder

Indianerstämme im entlegenen Amazonengebiet. Berichte über die

Schwierigkeiten des Ortswechsels von einer Zone zur andern mit allem

Drum und Dran dürfen den Charakter des Buches nicht in den einer

langweiligen und ereignislosen Reisebeschreibung verwandeln. Der Raum

gestattet nur kurze Erwähnungen des Kommens und Gehens, gerade so viel

als nötig ist, den Zusammenhang der Ereignisse zu wahren.

Am 30. Juli verließen wir die Aripuananinsel auf 5° 22′ südlicher

Breite und bewältigten die 360 Kilometer in achtzehn Tagen. Bald nach

der Vereinigung mit einem großen Fluß, auf 7° 32′ südlicher Breite, kam

eine Reihe gefährlicher Stromschnellen, die öfter als einmal schwere

Arbeit bei der Entladung des Kanus erforderten. Wenige Kilometer

weiter zeigte sich eine anscheinend verlassene Barraca. Dann folgten

noch weitere Stromschnellen, und endlich war die Mündung des kleinen

Madeirinha in den Hauptfluß erreicht, auf 8° 17′ südlicher Breite.

Der kleine Fluß hatte eine flaschengrüne Farbe und wand sich durch den

dichten, düstern Urwald. Stellenweise hingen die mächtigen Äste wie

Schirme über unsern Köpfen, und das Kanu glitt wie auf einem Spiegel

im grünlichen Halbdunkel dahin. Stundenlang hielten wir Ausschau nach

dem Lager des Offiziers des Indianeramts mit seinen Leuten, und endlich

entdeckten wir es auf einer kleinen Lichtung halbverborgen hinter

dem Walddickicht. Der unerschrockene Beamte nahm mich liebenswürdig

auf und erklärte mir, wie er es machte, um mit den Wilden des Landes

in freundschaftliche Berührung zu kommen. Er hatte bereits ihre

Kriegspfade einige Kilometer weit in die hier besonders dichten

Wälder hinein begangen. Auf einen seiner Cabocloleute war mit Pfeilen

geschossen worden, aber bis jetzt hatte man noch keinen Indianer zu

Gesicht bekommen.

Wir schlugen neben der kleinen, nur vorläufigen Station unser Lager

auf, und zum erstenmal seit der Abfahrt aus Manicoré erfreute ich mich

einer wirklichen Nachtruhe, da ich keine Wache zu halten brauchte.

Während der nächsten beiden Tage ereignete sich nichts Besonderes,

doch stiegen meine Hoffnungen, weil der Offizier die Überzeugung

aussprach, daß sich ein gänzlich unbekannter Stamm in den umgebenden

Wäldern aufhalte. Dies bewahrheitete sich schneller, als wir erwartet

hatten. Am dritten Tag näherten sich zwei Wilde den Geschenken, die

verführerisch an den Bäumen hingen. Sie wurden von einem der Leute der

Station überrascht, der sich jedoch in Sicherheit zu bringen vermochte.

Er kam ins Lager und erzählte von Indianern mit Federkronen auf den

Köpfen, riesigen Speeren und aus Holz verfertigten Bändern über beiden

Schultern.

Unter Wilden am Amazonas · 第 10 / 19 段