wir das Gepäck auf die Schultern, ganz gegen die Wünsche der beiden
Boys, und tauchten in das Dunkel des ein wenig unheimlichen Urwalds.
Zuerst bemühte ich mich, gewisse auffallende Bäume im Gedächtnis zu
behalten, umgefallene und von den Ameisen zerfressene Stämme und
Einsenkungen im überwachsenen und unsichtbaren Boden, für den Fall,
daß wir genötigt wären, einen eiligen Rückzug zum Fluß anzutreten.
Aber bald sah ich die Unmöglichkeit eines solchen Verfahrens ein.
Hatte ich meinem Gedächtnis eben eine bestimmte Palme eingeprägt,
so zeigte sich sicher im grünen Zwielicht ein paar hundert Meter
weiter die gleiche Palme in fast genau derselben Umgebung. Plötzlich
erinnerte ich mich an meinen Taschenkompaß, und von da an merkte ich
mir jeden Richtungswechsel vom Fluß aus und fühlte mich nun ein wenig
unabhängiger von jenem unbekannten X -- dem Wohlwollen eines wilden
Stammes irgendwo in den Wäldern vor uns.
Als das Dämmerlicht immer mehr abnahm, schloß ich hinter unsern drei
Führern auf, teils, um irgendwelche verräterische Handlung verhindern
zu können, dann auch, um mich vor schlimmen Fällen über umgefallene
Baumstämme zu bewahren und den Ranken der Schlingpflanzen auszuweichen,
in denen sich Füße, Kleider und Kopfbedeckung verfingen. Gerade ehe es
völlig dunkel und jedes Weiterkommen im Wald unmöglich wurde, gelangten
wir auf einen kleinen freien Platz. Hier standen die Bäume weiter
auseinander, und das Unterholz wurde lichter. Offenbar bildete der
Dschungelpfad, den wir gekommen waren, den gewöhnlichen Weg zwischen
dem Fluß und dem Eingeborenendorf. Aber er war so schmal und gewunden,
daß nur ein mit allen Geheimnissen des Waldes vertrauter Indianer
seinen Anfang am Fluß zu bemerken imstande war oder ihm durch den fast
undurchdringlichen Busch auf allen Seiten folgen konnte.
Auf der Lichtung angelangt, fanden wir uns fast augenblicklich inmitten
einer Menge dunkler Gestalten. Bei der Finsternis war es unmöglich,
Farbe oder Geschlecht zu unterscheiden. Der älteste unserer Führer
deutete auf eine niedere Öffnung in einer der bienenkorbähnlichen
Palmhütten, deren Umrisse gerade noch sichtbar waren. Da ich kein
Mißtrauen zu zeigen wünschte, bückte ich mich und trat ein, nachdem
ich noch die Boys beauftragt hatte, das kleine, wasserdichte Zelt
aufzuschlagen. Im Innern der Malocca, wie diese Eingeborenenhütten
heißen, herrschte kohlenpechrabenschwarze Finsternis, aus der nur die
düstere Glut einiger kleinen Feuerstellen in verschiedenen Winkeln
hervorleuchtete. Als sich meine Augen allmählich an die rauchige Luft
und das flackernde Licht der Holzfeuer gewöhnt hatten, erkannte ich
Gruppen umherhuschender Gestalten und vermochte die Größe der Hütte
zu schätzen, die etwa 10 Meter lang, 5 Meter breit und 3½ Meter hoch
sein mochte. Augenscheinlich lebten mehrere Familien in dieser einen
Hütte. Jeder war eine bestimmte Fläche des Lehmbodens und eine eigene
Feuerstelle zugewiesen. Trotz der erstickenden Hitze und schlechten
Lüftung wird das Feuer beständig in Brand gehalten. Auf der einen Seite
erhob sich eine große Plattform aus Zweigen, die mit getrocknetem Gras
zusammengebunden waren. Zum Hinaufsteigen diente ein der Länge nach
geteilter Palmstamm, in den Löcher eingeschnitten waren. So bildete
er eine Art Leiter, deren Gebrauch allerdings nur für nackte Füße
berechnet war. Dieser erhöhte Platz war dem Häuptling vorbehalten, der
Raum darunter seiner Familie. Noch in wenigstens einer der fünf übrigen
Gemeinschaftshütten des Dorfes war eine derartige Plattform vorhanden.
Dies schien darauf hinzudeuten, daß in dem Dorf zwei Familien mit je
einem Oberhaupt lebten oder daß der Medizinmann dasselbe Vorrecht
wie das Familienoberhaupt oder der Häuptling des Stammes genoß, denn
bestimmte und homogene Eingeborenenrassen gibt es im Amazonengebiet
nicht.
In der Nähe der Plattform fand sich ein „Manguaré“, eine Vorrichtung,
die als Telegraph und zugleich als Musikinstrument dient. Sie bestand
aus zwei Stücken eines ausgehöhlten Baumstamms, das eine länger als das
andere, die verschiedene Töne hervorbringen, wenn darauf geschlagen
wird. Dazu bedient man sich einer kurzen Keule, wie beim Gong, deren
eines Ende augenscheinlich in den Milchsaft des Kautschukbaumes
getaucht und dann mit Palmfasern umwunden wird. Die beiden Teile
hingen an Riemen von einem Querbalken herab, der die Hauptstütze des
Daches bildete. Auf diesen „Manguarés“ schlägt man den Takt bei den
Tänzen. Sie geben einen durchdringenden, sonoren Klang von sich. Ein
ähnliches, aber etwas größeres Instrument hing von einem Baum vor der
Hütte und diente als Sturmglocke oder Alarmsignal. Man kann damit über
eine Waldstrecke von 20 bis 25 Kilometer Signale geben, die allerdings
so weit nur in der Stille der Nacht vernehmlich sind. Hört man in der
Nähe zu, so bringt jeder Schlag einen eigenen, bestimmten Ton hervor.
In der Hütte waren an den Enden der hohlen Röhren Menschenschädel
als Verzierungen angebracht, denen man alle Zähne ausgerissen hatte,
um sie für Halsketten zu verwenden. Die Schädel stammten von den bei
Stammesfehden getöteten Feinden. Solche Kriege zwischen den Stämmen
scheinen überall in den entlegenen Wäldern fast ununterbrochen
zu herrschen und über Jahrhunderte hinweg fortgeführt zu werden.
Wahrscheinlich hing damit auch der Widerwille meiner beiden Boys
zusammen, unbekannte Waldgebiete zu erkunden, wo Wilde hausen mochten,
die ihrem Stamm feindlich gesinnt waren.
Einige Minuten hielt ich’s in der widerwärtigen Hüttenatmosphäre
aus. Der Rauch der Holzfeuer war zum Ersticken. Nachdem ich durch
die niedere Öffnung hinausgekrochen war, atmete ich mit Entzücken
die feuchte und schwüle Nachtluft des Waldes wieder ein. Vor Jahren
hatte mich einmal ein plötzlicher Sturm gezwungen, wie sie auf
dem „Dach“ der neuen Welt häufig sind, eine volle Nacht in einer
Lehmhütte der Aymara-Indianer des bolivianischen Hochlands zu
verbringen. Da ich nicht wußte, ob die Maloccas der Parintintins ebenso
ungezieferverseucht sein mochten, hielt ich es für geraten, mein ganzes
Unterzeug zu wechseln.
Die Frage, die sich nun erhob, war: Schlafen oder Nichtschlafen.
Natürlich wäre es einfach gewesen, die Nachtwache unter uns drei zu
teilen, aber schwieriger war es schon, sich einem friedlichen Schlummer
hinzugeben und der Wachsamkeit und Ehrlichkeit eines Eingeborenen
anzuvertrauen. Waren meine beiden Boys auch halbzivilisiert und
von anderm Stamm, so schien es doch ein Wagnis, ihnen den Schutz
der zum Leben nötigen Vorräte vor den Räubereien anderer gänzlich
unzivilisierter Eingeborenen zu überlassen. Das Ergebnis aller
Überlegungen war eine schlaflose Nacht, die durch Moskitoschwärme um
nichts erfreulicher gemacht wurde. Auch andere Quälgeister stellten
sich ein, die Sandflöhe, die sich unter die Haut eingraben, eine
chronische Entzündung hervorrufen und, wenn medizinische Hilfsmittel
fehlen, mit einer sterilisierten Nadelspitze entfernt werden müssen.
Als endlich das Licht des Tages durch die Lücken in der Baumwand
strömte, war es mir völlig klargeworden, daß Nächte im amazonischen
Urwald mehr an Dante als an die 1001 Nächte der arabischen Märchen
erinnern. Aber nicht lange darauf kam die Belohnung. Fast schon vor
Sonnenaufgang hatte der älteste unserer drei Führer vom letzten Tag
uns Speise ins Zelt geschickt. Es war ein unappetitliches Gemengsel
aus einer Art Pfeilwurz bereitet, in dem als ~pièce de résistance~
Teile eines großen Frosches zu erkennen waren, der bei vielen der
amazonischen Indianer als Leckerbissen gilt. Außerdem aber gab es
einen Haufen von „Maracajas“, der köstlichen Frucht der Passionsblume.
Da ich keinen Argwohn zeigen wollte, vergrub ich heimlich das
Pfeilwurzgericht. Heimlich, weil die Kinder durch die Zeltöffnung und
unter das Segeltuch hereinguckten. Dann machte ich mich mit übertrieben
zur Schau gestelltem Appetit an die Früchte. Aber sie bekamen mir
schlecht, und ich mußte später meine Zuflucht zu Chlorodyne nehmen.
[Illustration: Itogapukweib und Kind.]
[Illustration: Die Frau des Itogapukhäuptlings.]
[Illustration: Drei g’schamige Damen.
(Itogapuks.)]
Die Angehörigen des Stammes waren alle mittelgroß oder auch unter
Mittelgröße, hatten aber stark entwickelte Muskeln. Sie scheinen sich
fast ausschließlich von Wild, Fischen, Nüssen, Wurzeln und Früchten
zu nähren. Nicht weit von den Maloccas waren mit unendlicher Mühe
kleine Lichtungen ausgerodet, auf denen sie Bananen, Baumwolle,
Yukka, Yamswurzeln und Kassave anbauten. Tag und Nacht lebten sie im
Zustand völliger Nacktheit, nur die Frauen trugen eine sehr kleine
„Tanga“ (Schürze) aus gewebter Baumwolle oder andern Fasern, die mit
dem Saft des Orleanstrauchs (~Bixa Orellana~) rot gefärbt werden.
Sie verfertigen auch Körbe und andere Gegenstände aus Stroh und
Weidenzweigen, Hängematten und rohe, irdene Töpfe. Die Haare entfernen
sie vom Gesicht und Körper mit zangenähnlichen Muscheln, die man im
Schlamm der Igarapés und Waldseen findet.
Die Fischerboote und Kriegskanus werden aus leichten, ausgehöhlten
Bäumen oder aus Rinde gemacht und durch die Hitze des Feuers in Form
gebracht. Anscheinend besitzen die Parintintins ein natürliches
Zeichentalent. Sie verzieren selbst ihre „Taquaras“ oder Pfeile mit
Bildern von Vögeln, Reptilien und wilden Tieren. Mit dieser Waffe
erlegen sie Großwild so gut wie Fische und Vögel. Ihre schweren
Kriegsspeere und Bogen, wie auch sich selber bei ihren barbarischen
Orgien, schmücken sie mit Vogelfedern. Alle Krieger tragen dann Kronen
und Gürtel aus glänzenden Federn. Einige lassen die Schwänze von Araras
über den Rücken herabhängen, andere, auch Weiber zuweilen, haben
Bilder dieser Vögel auf Gesicht und Körper eintatauiert. Bei solchen
schauerlichen Festlichkeiten tragen die Weiber breite, lebhaft gefärbte
Strohtangas, die von den Ellenbogen bis zu den Lenden reichen.
Die Parintintins verbringen oft Tage fern von ihren Maloccas auf
dem Kriegspfad und auf Jagd- und Fischzügen. Zum Fischen bauen sie
sogenannte Tapirys an den Ufern der Seen und Igarapés. Sie bestehen
aus einer Plattform, die auf Pfählen über dem Wasser errichtet und vor
den tropischen Regengüssen durch ein Palmstrohdach geschützt wird. Rund
um die Maloccas finden sich an den Bäumen merkwürdige eingeschnitzte
Darstellungen von Menschen und Tieren. Sie dienen nicht nur zur
Belustigung der zahllosen nackten kleinen Kinder, sondern werden auch
als Zielscheiben benützt beim Unterricht im Schießen mit Bogen und
Blasrohr, wobei die Krümmung der Bäume das Treffen nicht unerheblich
erschwert.
Seltsam und auffallend ist das völlige Fehlen von Bärten und
Schnurrbärten bei den alten Männern. Offenbar werden alle Haare gleich
entfernt, wenn sie sich auf den Gesichtern der Männer oder dem Körper
der Weiber zu zeigen beginnen. Die Sprache der Parintintins scheint
zur Sprache des „Tupi“ zu gehören. Sie ist gänzlich verschieden von
der Lingoa Geral der alten halbzivilisierten Anwohner am Madeira, ein
weiterer Beweis, daß sie weder mit den Weißen noch der Halbzivilisation
längs der Hauptflüsse in nähere Berührung gekommen sind. Mit der
Guaranisprache hat das Tupi viel Gemeinsames.
Die Pfeilspitzen bestehen aus gehärtetem Holz, das in Gift getaucht
wird, oder aus den scharfen Zähnen des Waschbären. Frauen und Kinder
tragen Halsketten aus den Zähnen dieses Tiers, des Jaguars und
Alligators oder aus Menschenzähnen, die aus den Schädeln im Kampf
getöteter Feinde herausgerissen wurden.
Die Parintintins sind sehr abergläubisch wie auch andere amazonische
Stämme, sie glauben an gute und böse Licht- und Nachtgeister und können
als Mondanbeter bezeichnet werden. Nachts legen sie Früchte und Fleisch
auf die Bäume zur Speise für die bösen Geister, damit sie nicht in die
Maloccas kommen. Kein Mann darf sich ein Weib nehmen, ehe er nicht ein
wildes Tier erlegt hat, dessen Namen er nun sein Leben lang trägt. In
der dritten Nacht meines Aufenthalts unter den Parintintins war ich
so glücklich, einer ihrer schauerlichen Festlichkeiten beiwohnen zu
dürfen, die anscheinend mit ihrer Mondverehrung zusammenhing.
Sie begann mit dem wiederholten Kriegsgeschrei „Ya Taipehe!“, was,
wie ich später erfuhr, bedeutet: „Wir sind die Parintintins!“ Auf das
unheimliche Geschrei in der Stille der Wälder folgte ein nachahmendes
Wehklagen von seiten der Weiber im Schatten der Bäume. Dann begannen
die mit Federn prachtvoll geschmückten Tänzer mit ihren langen, mit
Büscheln versehenen Speeren in grotesker Weise in die schwarzen
Schattenflecke der Bäume oder vor dem Mond vorbeiziehenden Wolken
hineinzustechen. Plötzlich aber steckten sie die Speere mit der Spitze
nach oben in den Boden der Lichtung, und die ganze wirre Masse der
nackten Wilden formierte sich zu einer Linie von Bogenschützen, die nun
vorging, zurückwich, einen Kreis bildete und sich in Paare auflöste,
während sie unaufhörlich die Gebärden des Schießens machten, schrien
und mit den Füßen stampften.
Es war ein barbarisches Schauspiel, das sich auf der kleinen Lichtung
vor dem schwarzen Hintergrund des Waldes abspielte. Ebenso plötzlich
ging das kriegerische Bild in eins des Friedens über. Gegen das
Mondlicht zu stand nicht mehr eine Linie dunkler Gestalten mit Speeren
oder Bogen, sondern eine Reihe von Paaren, die auf Bambusflöten eine
seltsame Musik hervorbrachten und den Takt dazu mit den Füßen stampften.
Dann folgte ein Mahl von Affenfleisch, Eidechsen, Farinha und
einem seltsam bittern und höchst berauschenden Getränk, das „Embo“
genannt wird. Aus dem denkwürdigen Tanz entwickelte sich eine ebenso
unvergeßliche Orgie, an der die Männer, Weiber und selbst die
Kinder teilnahmen. Was danach kam, entzieht sich der Beschreibung.
Glücklicherweise stand der Mond niedrig über dem Wald, und die
Lichtung lag im Schatten. Streit erhob sich, und das Gesicht des
einen Beteiligten wurde durch den Schlag eines Steinbeils fast
entzweigerissen.
Da ich sah, daß die Sache jeden Augenblick eine schlimme Wendung nehmen
konnte, machte ich mir den Schatten der Bäume zunutze, rief meine
beiden Boys zu mir und zog mich mit ihnen in eine Bananenpflanzung
zurück, von wo wir das Zelt zu übersehen vermochten. Mitternacht war
schon vorüber, aber ich wagte weder einzuschlafen, wo ich lag, noch
nach dem erleuchteten Zelt zurückzukehren. Vier Stunden lang ging das
Schreien, Brüllen und Singen so weiter. Als aber die ersten gelben
Streifen am blaßgrünen Himmel erschienen, verstummte jeder Laut,
und vom Fieber geschüttelt, begab ich mich ins Zelt und zu meinem
Chininvorrat zurück.
Am nächsten Tag war der ganze Stamm mürrisch, verdrießlich und
schlechter Laune. Einer oder der andere der jungen Krieger erschien
im Zelt und verlangte Geschenke. Dann ließen sie ihre Bogen schwirren
und taten so, als zielten sie auf unser Lager. Meine beiden
Kanuboys fürchteten sich so, daß sie nicht dazu zu bringen waren,
die Nähe des Zelts zu verlassen. An diesem Tag war ich Zeuge einer
Begräbniszeremonie. Ob das Opfer bei einem Streit in der verflossenen
Nacht getötet worden war, kann ich nicht sagen. Die Leiche wurde aus
der Malocca herausgetragen und der Kopf vom Rumpf getrennt. Den Kopf
brachte man in die Hütte zurück, der Rumpf aber wurde in den Wald
geworfen, um dort von den wilden Tieren oder den geierartigen Urubú
abgenagt zu werden.
Früh am Nachmittag des fünften Tages gab es eine Überraschung. Ein
Indianermädchen trat aus einer der Hütten und ging über die Lichtung
in die Baumwollpflanzung auf der gegenüberliegenden Seite. Im Licht
der Sonne erschien ihre Hautfarbe fast weiß. Bei näherer Untersuchung
erwies sie sich jedoch als ein stumpfes Gelb, viel heller als die
Farbe aller andern Stammesmitglieder, soweit wir sie bisher zu
Gesicht bekommen hatten. Auch sie trug kein anderes Kleidungsstück
als die kleine Tanga. Aus einer Reihe von Fragen ging hervor, daß die
Parintintins sich Sklaven und Frauen auf ihren Raubzügen verschaffen
und daß das Mädchen zu einem andern Stamm gehörte, der weit im Süden
seinen Wohnsitz hat. Genauere Auskünfte, als daß sie aus dem Süden
stamme, konnte ich nicht erlangen.
Eine ähnliche Entdeckung wurde erst kürzlich von einem Beamten des
Indianeramts, namens Curt gemacht, der gegenwärtig mit dem Versuch
betraut ist, diesen wilden Stamm der Zivilisation näherzubringen.
Da ich einen allzu großen Beitrag zum Festmahl der letzten Nacht
gestiftet hatte, erhob sich von neuem die Frage der Ernährung, die
an Wichtigkeit nur von der eines sichern Rückzugs aus dem Dorf der
Parintintins übertroffen wurde. Ich erkannte ganz klar, daß unser
Leben von der täglichen Verteilung von Geschenken abhing. Viele
von ihnen wären ja für die Indianer ganz nutzlos gewesen ohne die
Anwesenheit jemands, der ihnen den Gebrauch erklärte. Eines Tages
weigerte ich mich, weitere Geschenke zu machen, hauptsächlich deshalb,
weil wir selber nur noch wenig hatten, selbst von den ursprünglichen
Vorräten an Lebensmitteln und Kleidern. Von diesem Augenblick an
schlug die Stimmung um, und in ehrlicher Bestürzung gelobte ich eine
große Verteilung, falls sie das Zelt und das schwere Gepäck zum Kanu
zurückschaffen würden. Vorerst waren sie damit nicht einverstanden.
Sie sagten, ich solle bei ihnen bleiben und ihnen im Kampf mit meiner
Flinte beistehen.
Das gab eine erwünschte Gelegenheit. In einer Reisetasche war noch
eine 5,6 Millimeter kalibrige Sportflinte mit abnehmbarem Kolben
verpackt. Als ich ihnen sagte, daß ich ihnen für die Rückbeförderung
zum Kanu einen „sprechenden Stock“ geben würde, wurde die Begierde des
Häuptlings schließlich so heftig, daß sie einwilligten. Ich fühlte mich
nun wesentlich erleichtert. In der Nacht noch suchte ich das wenige
Wichtige unter meinen Sachen heraus und packte es zusammen mit einigen
Lebensmitteln und Arzneien in meinen Rucksack.
Die Parintintins hielten Wort. Am folgenden Morgen begleitete uns fast
der halbe Stamm auf dem Rückweg zum Fluß. Ich bemerkte aber, daß meine
beiden Kanuboys außer einem kleinen Pack Lebensmittel nichts trugen.
Von diesem Augenblick an wußte ich, daß nur eine Politik der starken
Hand uns lebend bis zum Fluß brächte. Der Häuptling, ein verrunzelter
alter Krieger mit den dünnen, knochigen Beinen des Beri-Beri-Kranken,
verlangte ungefähr halbwegs, ich solle ihm den „sprechenden Stock“
zeigen. Das schlug ich glatt ab und antwortete, daß in meiner Hand
alle Stöcke sprächen. Höhnisch nahm er einen dürren Ast auf und
überreichte ihn mir. Ich fühlte nach meinem Revolver und feuerte durch
meine Rocktasche, während ich den Ast in der andern Hand hielt. Diese
einfache List machte Eindruck auf die Parintintins. Und obwohl noch
einige saure Gesichter machten und mit ihren Bogen klapperten, geschah
nichts weiter, bis wir den Fluß und das Kanu erreichten.
Nachdem wir die Zweige, mit denen das Kanu bedeckt war, entfernt
hatten und alles zur Abfahrt fertig war, nahm ich die Vogelflinte
aus der Reisetasche und händigte sie dem Häuptling ein. Sogar jetzt,
nachdem wir sechs Tage zusammengewesen waren, wollte der mißtrauische
alte Indianer sie nicht aus meiner Hand nehmen, sondern bedeutete
mir, ihm den Gebrauch zu zeigen. Das tat ich denn auch vor all
diesen halbdrohenden Wilden, aber ich trug Sorge, nur Platzpatronen
dazulassen, aus denen ich während der letzten Nacht Kugeln und Pulver
entfernt hatte. Ins Kanu springend machte ich den Revolver schußbereit.
Und es war gut, daß ich das tat, denn kaum tauchten die Ruder in den
Fluß, als ein Schauer vergifteter Pfeile überall um uns das Wasser
traf. Einer blieb zitternd im Holz des Kanus stecken.
Es war ein kitzliger Augenblick. Moskito verlor den Kopf und paddelte
aus aller Kraft, während der andere Boy vor Furcht wie gelähmt schien.
Dadurch fuhr das Kanu schief in den Fluß hinaus, statt sich von den
Indianern zu entfernen, die längs dem verwachsenen Ufer nicht folgen
konnten. Ich feuerte drei Schüsse gegen das Dickicht ab, hinter dem die
verräterischen Indianer Deckung gesucht hatten. Ob es nun der Knall
war, der den Zauber brach oder ein wohlgezielter Fußtritt -- jedenfalls
glitt das Kanu im nächsten Augenblick den Fluß hinab, getrieben von
zwei gänzlich verängstigten Boys. Fast zwei Stunden lang paddelten sie
so stark sie nur konnten, daß das kleine Fahrzeug über die dunkle,
ruhige Wasserfläche hinschoß, in der sich millionenfach die Blätter des
Urwalds spiegelten.
Von den ermüdenden Tagen der Rückfahrt in der Dampfbadatmosphäre
dieser zentralen Waldregion brauche ich nichts zu erzählen, außer daß
wir weder einen Indianer noch eine Malocca zu Gesicht bekamen. Die
Parintintins, die das ganze Gebiet zwischen den Flüssen Marmellos und
Gy-Paraná bewohnen, ziehen die entlegenen Wälder, Seen und Igarapés
vor. Auch heute sind sie zum größten Teile noch nicht unterworfen,
wie aus dem folgenden lebensvollen Bericht hervorgeht, den ich der
persönlichen Güte des Señhor J. Gondim vom Indianeramt verdanke. Ich
machte seine Bekanntschaft auf späteren Reisen im Amazonengebiet.
In diesem Bericht schildert er in allen Einzelheiten die letzten
Unternehmungen, die gemacht wurden, mit diesem wilden Stamm der großen
Wälder in freundschaftliche Beziehungen zu kommen.
10. Das erste Zusammentreffen zwischen Weißen und Wilden.
„Die Parintintins, die die entlegeneren Wälder des Madeiratals
bewohnen, zwischen den Flüssen Marmellos, Maicy und Gy-Paraná, sind
erst in allerletzter Zeit in Berührung mit der Zivilisation gekommen.
Wie man jetzt weiß, verlegen diese schlauen und äußerst wilden Stämme
ihre Maloccas häufig in dem unermeßlichen Gebiet von unbekannten
Wäldern, Flüssen und Sümpfen dieses großen Binnenlandes des ewigen
Dämmerlichts. Ein- oder zweimal waren zufällig vereinzelte Forscher
oder Kautschuksammler auf sie gestoßen, von denen manche angegriffen
und ermordet worden waren. Selbst die genaue Lage der Wohnsitze dieser
Wilden war ein Geheimnis, und die Grenzen der Zivilisation hatte
nur spärliche Kunde von den wenigen Weißen erreicht, die in diese
entfernten Gebiete eingedrungen und lebend wieder herausgelangt waren.
Daher mußten erst vorbereitende Forschungen von den Offizieren des
Indianeramts ausgeführt werden über weite Gebiete hin, um Beweise für
das Dasein der Parintintins in der Form von Kriegspfaden, verlassenen
Maloccas und frischen Lagerplätzen zu entdecken, ehe die schwierige
und gefährliche Arbeit wirklich in Angriff genommen werden konnte, mit
diesen Stämmen in unmittelbare Berührung zu treten.
Der erste Posten des Indianeramts in diesem Gebiet wurde am 24. März
1921 in der Schleife einer großen Flußkrümmung am mittleren Maicy,
einem Nebenfluß des Madeira, errichtet. In den umliegenden Wäldern
hauste ein starker Stamm von Pirahanindianern (Turas), die seit
Jahrhunderten in beständigen Fehden mit ihren nomadischen Nachbarn,
den Parintintins, leben. Die Kämpfe zwischen diesen beiden Stämmen
finden oft auf dem offenen Fluß statt, wo sie in ihren rohen Kanus aus
ausgehöhlten Baumstämmen heftige Angriffe aufeinander machen und sich
aus nächster Nähe mit vergifteten Pfeilen überschütten. Jeder Kriegszug
von der einen Seite hat einen Rachezug von der andern zur Folge, und so
geht der Krieg ewig weiter.
Mit der Gründung der Station am mittleren Maicy schränkten die
Pirahans ihre blutigen Kriegszüge gegen die benachbarten Stämme
allmählich ein und betreiben nun Jagd und Feldbau mit den Geräten und
Werkzeugen, die ihnen von der Station geliefert wurden. Nachdem diese
Vorbereitungsarbeit vollführt war, wurde ein neuer Hilfsposten an
einem Nebenfluß des Maicy errichtet, dem Maicy-Mirimé. Das kleine Fort
mit seiner Palisadenumwallung steht auf einer hohen Uferbank an der
Vereinigung des Flusses mit einem Igarapé, namens Novo de Janeiro, etwa
neun Tagereisen von der Station am mittleren Maicy. Nach Ankunft der
kleinen Garnison richtete der Kommandant sogenannte „Anlockungsposten“
an den Ufern der Igarapés Macacos (Affen) und Traheras und auch längs
der Kriegspfade ein, die von den Indianern in der Nachbarschaft
begangen zu werden pflegten.