dort ein Lager an einer Stelle aufzuschlagen, die eine riesige Insel
zu sein schien. Um mich von der langen Kanufahrt ein wenig zu erholen,
machte ich mich auf die Beine, nahm die Winchesterbüchse aus ihrem
behelfsmäßigen, wasserdichten Gehäuse und wanderte gegen die lichteren
Stellen des Waldes zu, wobei ich nicht verfehlte, etwa alle hundert
Meter ein Stück Rinde als Merkzeichen von den Bäumen abzuhauen. Es
ist merkwürdig, wie leicht man sich im tropischen Dschungel verirrt.
Noch kürzlich verlor eine Gesellschaft englischer Reisenden den
bekannten Dschungelpfad zu den Tarumáfällen am Rio Negro, obwohl sie
von Caboclo-Führern begleitet war. Sie feuerten Flintenschüsse ab, um
mit einer vorangegangenen Gesellschaft in Verbindung zu kommen, aber
trotzdem glückte es nicht, den Weg wieder aufzufinden, und die ganze
Gesellschaft mußte nach zweistündigem vergeblichen Umhersuchen zu ihren
Barkassen zurückkehren, ohne die Fälle erreicht zu haben.
Ich sah nichts, was wert gewesen wäre, eine wertvolle Patrone zu
verschwenden. Munition ist selbst in den Niederlassungen äußerst schwer
zu beschaffen, und es ist fast unmöglich, eine ausreichende Menge
mitzuführen, da es so schwer ist, Kanuleute und Träger zu mieten. So
kehrte ich wieder zum Lager zurück, gerade als die letzten blutroten
Strahlen der Sonne hinter den überschwemmten Wäldern erloschen,
durch die wir gekommen waren. Die unbeschreibliche Stille, die der
kurzen Dämmerung voraufgeht und allen Reisenden in tropischen Wäldern
bekannt ist, breitete sich über die Erde. In diese Lautlosigkeit
hinein klang das gewisse Geräusch, das entsteht, wenn eine Bogensehne
zurückschnellt. Darauf folgte ein seltsam erstickter Schrei und
plötzlich schnatterten ganze Kolonien von Affen, die bisher geschlafen
hatten.
[Illustration: Itogapukmädchen.
Man beachte die merkwürdigen Bänder um Leib und Arme, die ins Fleisch
einschneiden. Wie sehr dies der Fall ist, ist oberhalb des Handgelenks
auf dem linken Bild deutlich sichtbar.]
[Illustration: Die drei Unterhäuptlinge der Itogapuks.
Im Hintergrund eine der merkwürdigen Gemeinschaftsmaloccas dieses
neuentdeckten Stammes.]
Als ich das Lager erreichte, das nur wenig Schritte entfernt war,
deutete einer der Boys auf eine Stelle unter einem Baum, und im
Zwielicht konnte ich gerade noch den zusammengezogenen, vom Pfeil
durchbohrten Körper eines haarigen Guaribas oder Brüllaffen (Simia
mycetes) erkennen. Sie heißen so, weil sie mit ihrem zu einer
knöchernen Schallblase erweiterten Zungenbeinkörper ein unheimlich
durchdringendes Geschrei auszustoßen vermögen. Er war reichlich ein
halbes Meter lang, hatte einen großen Kopf, fünf Finger an jeder Hand
und einen buschigen Greifschwanz. Die Farbe des Fells war rötlichbraun.
Ich ärgerte mich über die unnütze Grausamkeit, bedachte dann aber
wieder, daß unsere jagdlichen Gesichtspunkte doch wohl verschieden
waren. Währenddem erzählte der Schütze stolz und eifrig, wie schwierig
diese Affen ihrer Schlauheit wegen mit Pfeil und Bogen zu erlegen wären
und daß sie geröstet oder als Ragout bei seinem Stamm als Leckerbissen
betrachtet würden.
Nun wurde ein großes Feuer angezündet und einer der Kochtöpfe
herangeschafft. In dieser Nacht kostete ich zum ersten- und letztenmal
Affenfleisch. Sein Geschmack ist keineswegs unangenehm, aber irgendwie
widerstand mir die Mahlzeit, und dann war ich im tiefsten froh darüber,
als einer der Indianer die Hand des Affen aus dem Kochtopf fischte.
Sie sah nun nicht mehr braun aus, sondern blaßrosa und glich der Hand
eines Kindes. Dieser Anblick und die Gier, mit der der Indianer sich
ans Verzehren machte, verursachte mir ein solches Gefühl von Übelkeit,
daß ich ein großes Glas Whisky aus der kostbaren Flasche zu mir nehmen
mußte. Hätte ich damals geahnt, was mich bei andern Stämmen noch
erwartete, wäre es klüger gewesen, mich gleich gegen den würgenden
Ekel zu stählen, den ich schon beim Zusehen einer Affenmahlzeit
empfand, wie sie bei allen Eingeborenen des Amazonengebiets häufig
genug ist. Der Festschmaus zog sich durch die ganze Nacht hin, so daß
schlafen unmöglich war. Ich war daher froh, als wir endlich im hellen
Sonnenschein des tropischen Morgens das Lager abbrachen.
Um Mittag kamen wir an einem schmalen Fluß vorüber, der von Südwesten
her in den Gy-Paraná mündet. Da ich bis heute auf keiner Karte seinen
Namen finden konnte, habe ich ihn auf der Kartenskizze (S. 149)
als „Monkey River“ (Affenfluß) eingetragen, weil ein ganzer Trupp
Spinnenaffen auf den niedern Ästen der nächsten Bäume umherturnte.
Einige Kilometer weiter flußaufwärts wurde das Wasser so seicht, daß
die beiden Indianer über Bord springen mußten, um das Batalõe über eine
Reihe neugebildeter Schlammbänke zu ziehen. Ermüdet von dieser Arbeit
schlugen wir das Lager schon vor Sonnenuntergang auf. Meine Absicht
war, am nächsten Tag die Umgebung des Flußufers nach Indianerpfaden
oder irgendwelchen Spuren abzusuchen, die etwa das Vorhandensein von
Stämmen in der Nähe verraten könnten. Trotzdem ich selbst und einer
der Boys abwechselnd aufmerksam Wache hielten, wurden uns während der
Nacht aus dem Kanu einige Lebensmittel und ein Jagdmesser gestohlen.
Dies, obwohl bisher irgendeine Spur freundlich oder feindlich gesinnter
Indianer nicht zu entdecken gewesen war.
Dieses Lager gelangte zu ungewöhnlicher Wichtigkeit und verdient
deshalb eine genauere Beschreibung. Während der letzten Kilometer
hatten die Baumkronen das schmale Bett des Flusses beinahe überwölbt,
auf der von uns gewählten Lagerstelle aber wich das hohe Schilfgras
und das Buschdickicht ein wenig zurück und ließ einen rotbraunen Platz
frei, den der anscheinend undurchdringliche dunkel drohende Dschungel
umstand. Hier konnte das Licht der Sonne eindringen, ungehemmt vom
üppigen Vegetationswachstum, und kaum hatte ich einen Blick darauf
geworfen, war ich entschlossen, nicht daran vorüberzufahren.
Bald war das kleine wasserdichte Zelt aufgeschlagen, ein Feuer
von den trockenen Kernspänen umgefallener Bäume angezündet und
das schwelgerische Mahl bereitet, bestehend aus gesalzenem
Konservenfleisch, Früchten, Biskuits und schwarzem Kaffee. Nachdem ich
ihm alle Ehre angetan hatte, legte ich mich auf die wasserdichte Decke,
um zu rauchen, auszuruhen und nachzudenken, ehe ich die üblichen
Eintragungen über das am letzten Tag Geleistete in mein Notizbuch
machte. Die Sonne strahlte in tiefem Rot und Gelb und verlieh der
Landschaft etwas vom Geist des tropischen Waldes. Als ich noch ein
Knabe war, hatte ich einmal in einem Wanderpanorama ein treues Bild
vom ersten Lager Sir H. M. Stanleys am Ufer der innerafrikanischen
Seen (mit allerlei Gepäck) gesehen, und das stieg nun ungerufen aus
den Tiefen des aufgespeicherten Unterbewußten vor meinem Geist empor.
Sah man vom See ab, so fand sich hier in der amazonischen Wildnis
eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Vorstellungen des Künstlers von
Innerafrika.
In diesem Lager war es, wo meine Pläne einen völligen Schiffbruch
erlitten. Als ich die Schulden der beiden Turas zahlte und sie damit
in meinen Dienst nahm, hatten sie sich bereit erklärt, in den Wäldern
umherzukundschaften, um mit den in der Umgebung lebenden oder jagenden
Wilden in Verbindung zu kommen. Nun weigerten sie sich glatt, diesen
Teil des Programms auszuführen, indem sie erklärten, sie würden dabei
umgebracht und aufgefressen, da die betreffenden Stämme ihrem eigenen
Stamm ebenso wie allen Weißen feindlich gesinnt wären. Dies zusammen
mit dem Verlust von Lebensmitteln schien die Expedition zu einem
plötzlichen und unheilvollen Abschluß zu bringen. Die beiden durch
Drohungen oder mit Gewalt in die Wälder zu treiben, wäre natürlich
schlimmer als nutzlos gewesen, und das Versprechen einer Belohnung
hatte nur Mißtrauen und Widerspenstigkeit zur Folge.
Unter solchen Verhältnissen schien es unangebracht, noch weiter
flußaufwärts zu fahren. Das Lager zu verlassen und mich selbst in
dem umliegenden Wald auf die Suche zu machen, hätte bedeutet, das
Unheil geradezu herauszufordern. Ließ ich die beiden Indianer allein,
so mochten sie Verrat planen oder sich, was weit wahrscheinlicher
war, in ihrer Furcht flußabwärts davonmachen. Dann hätte ich mich
allein, vielleicht ohne Lebensmittel, einer Reise von 250 Kilometer
einen schwierig zu befahrenden Fluß hinab gegenübergesehen, mit weit
überschwemmten Flächen oder Seen und feindlichen Indianern in den
Wäldern auf der ganzen Rückzugslinie. Später stellte sich heraus, daß
meine Boys alte Kriegspfade anderer Stämme wiedererkannt hatten.
Es liegt viel Wahrheit in dem Spruch, daß Notwendigkeit die Mutter
der Erfindung ist. Während ich auf dem Rand des Kanus saß, um mich zu
einem würdelosen Rückzug zu entschließen, kam mir ein Einfall, der
das Problem schließlich löste. Ich bewaffnete mich mit der Flinte und
der elektrischen Taschenlampe, legte einige Kleinigkeiten, darunter
mein letztes Taschenmesser, in das Kanu und wartete die Nacht hindurch
auf die Rückkehr der Indianerdiebe. Mehrere Male kamen Geräusche aus
dem dichten Busch, der das Lager umgab, und die Versuchung war groß,
die Taschenlampe anzuknipsen. Wer einmal eine Nacht unter ähnlichen
Umständen durchwacht hat, weiß, wie lang die Stunden scheinen und wie
unerträglich die Spannung allmählich wird.
Als der Mond aufstieg und sein Licht über die Landschaft warf,
schien die Gelegenheit vorüber, aber ich setzte doch die Wache fort,
wenn ich auch Augen und Gehör nicht mehr so anzustrengen brauchte.
Stunde um Stunde verrann langsam, und im feuchten Dunst überfiel
mich ein unangenehmes und Unheil kündendes Frösteln. Dann zeigten
sich die ersten helleren Streifen der Dämmerung; der ungesunde Nebel
verschwand von den Uferbänken, hielt sich aber noch in den üppigen
Buschdickichten. Der Wald erwachte zum Leben. Durch und durch entmutigt
und erschöpft kroch ich auf die wasserdichte Decke und vergaß bald die
Suche nach neuen Menschenrassen.
9. Unter den Parintintinsindianern am Gy-Paraná.
Etwa zwei Stunden später erwachte ich durch ein Zerren an der Decke
zu vollem Bewußtsein. Der Indianer, der seiner dünnen Glieder
wegen „Moskito“ hieß, plapperte und deutete aufgeregt nach der
Zeltöffnung. Ich sprang schnell auf die Füße und schüttelte ein
Gefühl ab, das dem glich, wenn man es verschlafen hat. Groß war meine
Überraschung, als ich den andern Boy „Unani Assu“ (großer Mann)
sich hinter einem Baumstumpf verbergen sah. Meine Augen suchten die
Ursache und entdeckten sie in weniger als 25 Meter Entfernung. Auf
der gegenüberliegenden Uferbank stand ein kleiner, untersetzter,
bronzefarbiger und gänzlich nackter Wilder, den Bogen in der Hand. Ich
ergriff meinen Rasierspiegel als Friedensgabe, verließ das Zelt, rief
laut und hielt die Hände hoch als Zeichen, daß ich unbewaffnet war.
Fast im gleichen Augenblick zischte ein Pfeil von irgendwoher aus dem
Dickicht des Ufers gegenüber, war jedoch zu kurz gezielt und fiel
vor dem Lager in den Fluß. Da ich die Gefahr unserer Lage erkannte,
falls ein Angriff von mehreren Seiten aus erfolgte, beschloß ich, alle
Feindseligkeiten zu vermeiden. Ich ging vielmehr ins Zelt zurück,
raffte hastig zusammen, was den Indianern begehrenswert erscheinen
mochte, und hielt es in die Höhe, damit sie es sehen konnten. Diesmal
antwortete kein Pfeil. So legte ich die Sachen an den Rand des Ufers
und zog mich auf das höher gelegene Lager zurück.
Lange Zeit machten die Indianer keinen Versuch, sich in den Besitz
der Geschenke zu setzen. Ich benützte die Zwischenzeit, um Flinte
und Revolver zu laden und das Gepäck am Ufer des kleinen Igarapés
aufzustapeln. Dann erschien plötzlich der gleiche Wilde, den ich auf
dem Ufer gegenüber gesehen hatte, auf der Lagerlichtung. Es war ein
spannender Augenblick. Irgendwie war ich mir bewußt, daß aus dem
dunkeln Dickicht des Waldes unsichtbare Augen jede meiner Bewegungen
überwachten. Wieder winkte ich mit erhobener Hand und deutete auf die
Geschenke am Uferrand, etwa 12 Meter entfernt.
Offenbar hatte der Indianer den Fluß durchschwommen oder durchwatet,
denn sein Haar war naß. Meine beiden Boys hatten sich in ihrem
Entsetzen versteckt, und ich selbst sprach unglücklicherweise kein Wort
Guarani, das von den Stämmen in diesen Wäldern gewöhnlich verstanden
wird. Der Indianer näherte sich vorsichtig den Geschenken, riß sie,
in Reichweite angekommen, an sich und zog sich wieder an den Saum des
Dschungels zurück. Inzwischen hatte ich „Moskito“ hinter einem Baum
in der Nähe entdeckt und zog ihn auf die Lichtung heraus. Ich setzte
ihm auseinander, daß wir alle zweifellos umgebracht würden, wenn er
nicht versuchte, sich mit dem Indianer freundschaftlich zu stellen,
und befahl ihm, auf Guarani zu rufen, daß wir Freunde seien und
Lebensmittel brauchten.
Der Indianer hielt plötzlich im Schatten der Bäume still, und mein Herz
begann unruhig zu schlagen. Dann versuchte ich, durch Zeichen eine
Unterhaltung anzubahnen und brachte den Wilden allmählich näher, indem
ich ihm ein Stück wohlriechender Seife anbot. Offenbar plagte ihn die
Neugierde mächtig, aber die Vorsicht verbot ihm, die Seife aus meiner
Hand zu nehmen, und ich mußte sie erst auf den Boden legen. Nachdem so
eine Art Freundschaft hergestellt war, bedurfte es nur kurzer Zeit, um
ihn aufzuklären, daß er uns mit Lebensmitteln versorgen solle, was
am leichtesten auszudrücken und zu verstehen war. Der Indianer schien
einzuwilligen und verschwand wieder im Dickicht.
Einige Sekunden darauf trafen drei Pfeile mit bemerkenswerter
Genauigkeit den Boden ein wenig links vom Zelt. Sie waren
augenscheinlich in hohem Bogen abgeschossen worden, entweder wegen der
Entfernung oder damit sie senkrecht in der Erde steckenblieben. Später
brachte ich diese Trophäen in Sicherheit; sie waren schön geschnitzt
und mit Federn verziert. Was zuerst wie Feindseligkeit, niedrige
Undankbarkeit und Verräterei ausgesehen hatte, gewann plötzlich
eine andere Bedeutung. Die Pfeile waren nacheinander abgeschossen
worden, und jeder steckte links vom Zelt ein Meter vom nächsten im
Boden. Hätten die Indianer mörderische Absichten gehabt, so würden
sie entweder auf mich selbst gezielt oder ihre Geschosse über das
ganze kleine Lager verteilt haben. Offenbar waren die Pfeile als
Gegengeschenke gedacht, und ich fühlte mich nun wesentlich behaglicher
als während der letzten halben Stunde.
Etwas später erschien der untersetzte Indianer wieder, nachdem er
mehrere Male etwas gerufen hatte, was wie „Aemu“ klang. Als Antwort
schrien wir zurück. Er brachte einen toten Spinnenaffen, von dessen
Körper jedes Haar abgesengt war. In achtungsvoller Entfernung folgten
ihm zwei andere Stammesangehörige. Einer von ihnen war mit einem
Blasrohr bewaffnet.
Ich bedeutete ihnen, die Waffen abzulegen, was sie auch, bis auf den
Mann mit dem Blasrohr, merkwürdigerweise ohne Zögern taten. Dann
erhielten sie weitere Geschenke, die mich der letzten Gabel und des
letzten Löffels beraubten. Das Vertrauen nahm allmählich zu, und nach
kaum einer halben Stunde waren die drei wild blickenden Gestalten
dabei, alles im Lager zu untersuchen.
Aus unserer beschränkten Unterhaltung, die meinerseits nur durch
Zeichen geführt werden konnte, wozu „Moskito“ noch einige Worte in
Guarani beisteuerte, schien hervorzugehen, daß sie zu einem Stamm
namens „Taipehe“ gehörten und von einem „Tapiry“, d. h. einer Jagd-
oder Fischerhütte, kamen, die etwas abseits ihres Dorfs lag. Später
erfuhr ich, daß „Taipehe“ der einheimische Name der Parintintins ist.
Um ihr Vergnügen beim Empfang auch der kleinsten Gabe auszudrücken,
schlugen sie sich auf die Brust, stampften mit den Füßen und
wiederholten das Wort „Aemu“, das, soweit ich ausmachen konnte,
„Kamerad“ bedeutet. Ob sie schon früher Weiße gesehen hatten, schien
mir zweifelhaft, jedenfalls noch nie in der Nähe. Am merkwürdigsten
berührte mich, daß sie sich beharrlich weigerten, irgend etwas
unmittelbar aus meiner Hand anzunehmen und sich beständig drei Meter
von mir entfernt hielten.
Mein Wunsch, das Blasrohr zu untersuchen, das ein junger, höchstens
15 Jahre alter Krieger trug, begegnete keinem Widerstand. Es war
aus dem Stamm einer Palme verfertigt und etwa drei Meter lang. Das
Kernholz war entfernt und das innere Bohrloch gleichmäßig geglättet.
Etwaige Krümmungen hatte man durch ein kleines Palmstämmchen im Innern
ausgeglichen, das in das größere Rohr eingeschoben war. Die vergifteten
Pfeile steckten in einer Art Köcher, der mit Verzierungen versehen war
und an einer Schnur am Blasrohr hing.
Da ich gern gesehen hätte, wie weit die Freundschaft der Wilden ging,
nahm ich einen der Pfeile heraus, dessen feine, fast nadelscharfe
Spitze, wie ich wohl wußte, in Gift getaucht war, und machte, als ob
ich seine Schärfe auf meinem Daumen prüfen wollte. Der junge Krieger
verzog zunächst keine Miene, aber der alte Mann gestikulierte, worauf
der Junge mir durch Zeichen andeutete, das Blasrohr und die Pfeile auf
den Boden zu legen, damit er sie aufheben könne. Dies tat ich denn
auch, und nach wiederholten „Ye Aemu“-Rufen, die nach meiner Meinung
sagen sollten: „Wir sind Kameraden“, verschwanden sie im Wald.
In der Nacht ließen wir das Zelt stehen, legten uns aber zum Schlafen
ins Kanu. Ich schlief die ganze Nacht nicht und hielt Wache. Am
nächsten Morgen schlummerte ich dann ein paar Stunden und machte meine
Eintragungen. Am folgenden Tag erschienen die Indianer wieder und
verlangten weitere Geschenke. Da ich den eigens dafür mitgebrachten
Vorrat bereits beinahe erschöpft hatte, gab ich jedem ein schmutziges
Hemd, worüber sie sich außerordentlich zu freuen schienen, obwohl sie
die Hemden nicht anzogen.
Obschon man diese Indianer nicht für Zwerge halten konnte, gehörten
sie sicherlich zu einem wenig bekannten Stamm oder Unterstamm von
außergewöhnlich kleinem Wuchs. Jeder Versuch, sie zu messen, schlug
fehl, aber dem Augenmaß nach betrug ihre Länge 1,35 bis 1,40 Meter.
Dabei waren sie außerordentlich stark und hatten ungewöhnlich breite
Brustkasten. Die Gesichter hatten keinen platten oder mongolischen
Typus, auch war die Augenstellung nicht schief wie bei den Asiaten.
Außer einem Strick um die Lenden und einer zylinderförmigen Röhre aus
Palmblättern gingen sie völlig nackt. Nur Arme und Beine waren mit
Strohbändern oder „Embira“ umwunden. Die Farbe ihrer Haut war eine
matte Bronze, im Ton viel heller als die der Mundurucus am Tapajóz.
Wahrscheinlich war die verhältnismäßig hellere Farbe und die Kleinheit
des Körperbaus das Ergebnis des Aufenthalts im Düster der Wälder seit
ungezählten Jahrhunderten, abgeschlossen vom Licht der Sonne. Nicht
nur, daß sie die Augen in schrecklichster Weise verzerrten, so oft
sie auf den Glanz des Flusses trafen, sondern sie kehrten den Rücken
auch beharrlich den Stellen zu, wo die Sonne durch das Blättergewölbe
schien.
Daß sie zu den wilden Parintintins gehörten, unterliegt nicht dem
leisesten Zweifel, obwohl diese Indianerstämme nur dem Namen nach
bekannt waren, als ich mit ihnen in den Dschungeln am Gy-Paraná
zusammentraf, so daß ich keine Möglichkeit hatte, sie endgültig zu
identifizieren. Hätte ich damals schon gewußt, was ich erst viel später
erfuhr, so wären diese verräterischen und kriegerischen Indianer in
ihren entlegenen Wäldern sicher von mir unbehelligt geblieben. Wie es
aber nun einmal war, gab ich ihnen in mühseliger Zeichensprache meinen
Wunsch zu erkennen, ihr Dorf aufzusuchen.
Auf meinen Vorschlag hin begannen sie lange miteinander zu reden,
konnten sich aber offenbar nicht entscheiden. Das Gespräch wurde in
merkwürdig hoher Tonlage geführt, aber fast ohne jede Klangfärbung.
Ich sah wohl, daß die Unternehmung tatsächlich nicht ohne Gefahr sein
würde. Denn in viel weniger entlegenen Waldgebieten waren Caboclos
und Sammler von brasilianischen Nüssen häufig von den wilden Stämmen
ermordet worden, die in ihren waldverborgenen Schlupfwinkeln hausen und
zum Teil noch niemals von weißen Menschen gehört haben. Ein derartiger
Fall hatte sich während meines Aufenthalts in Manáos ereignet. Am Ufer
des Cauraflusses war von einem Seringuero eine halbverweste Leiche, der
der Kopf und das rechte Bein fehlten, aufgefunden worden. Doch muß ich
gestehen, daß mir damals die ganze Größe der Gefahr unbekannt war, was
allerdings auf meine beiden moskitoähnlichen Boys keineswegs zutraf.
Sie brachten die alten Gründe vor, um mich zurückzuhalten: zuerst,
daß die Maloccas der Indianer viele „Sonnen“ entfernt wären, und als
sie sahen, daß mich das nicht rührte, erklärten sie, wir würden alle
aufgefressen werden wegen „der Stärke in uns“. Diese Behauptung suchten
sie anschaulich zu machen, indem sie in ihre eigenen Arme hineinbissen.
Meine besondere Sorge war, alles zu vermeiden, was nach Zwang
aussah. Denn ich wußte, daß wir im Dickicht der Wälder gänzlich von
der Gnade der Wilden abhängig sein würden, die, wie alle Stämme im
Amazonengebiet, zweifellos von verräterischem Charakter waren. Uns
offen umzubringen mochte bei der Unterlegenheit ihrer Waffen seine
Schwierigkeit haben, wenn sie auch für den Dschungelkrieg sehr gut
geeignet waren. Aber nichts wäre ihnen leichter gewesen, als uns ins
Herz der großen, düstern Wälder und zugleich in einen Hinterhalt zu
führen. Die vorherrschenden Angriffsmethoden im Amazonengebiet sind
jenen ähnlich, die früher bei den Aschantis und Eingeborenen am Kongo
im Schwang waren. Gassen werden durch das Dickicht längs den Flüssen
und natürlichen Dschungelpfaden geschlagen, und die vorrückende
Expeditionskolonne wird plötzlich so lange mit einem Hagel vergifteter
Pfeile überschüttet, bis ein wirksames Gewehrfeuer die Eingeborenen in
den Schutz ihrer fast undurchdringlichen Wälder zurückgetrieben hat.
Später hörte ich jedoch, daß eine der Lieblingsmethoden dieses Stammes,
sich seiner Feinde zu entledigen, darin besteht, zahllose Palmdornen
in starkes Gift zu tauchen und mit den Spitzen nach oben auf den Boden
der Dschungelpfade zu streuen, die ihre bloßfüßigen Opfer zu betreten
pflegen. Sogar die halbblütigen Kautschuksammler wandern beständig mit
nackten Füßen durch die Wälder, da sie sich durch jede Fußbekleidung
behindert fühlen. Auch tritt auf Leder über Nacht Schimmelbildung auf,
und die Termiten zerstören in wenigen Stunden ein Paar Reitstiefel,
wenn Unvorsichtigkeit oder Sorglosigkeit ihnen dazu Gelegenheit gibt.
Schließlich entschied sich die Frage meines Dorfbesuchs nach einer
aufregenden halben Stunde. Der Älteste von den drei, der auch der bei
weitem am wildesten Aussehende und Häßlichste war, zeigte auf das Kanu
und deutete zugleich an, daß sie uns begleiten würden. Wir paddelten
den schmalen und von Hindernissen versperrten Fluß fast zwei Stunden
lang hinauf, und ich begann mich zu fragen, ob das nicht nur eine List
wäre, uns in die Irre zu führen, bis sie Gelegenheit fänden, während
der nahenden Nacht zu entkommen. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang
zeigte der ältere Mann, dessen Haar in Fransen auf die Stirn hing, auf
das Ufer, und nachdem wir das Kanu durch das scharfblättrige Sumpfgras
hindurchgestoßen hatten, landeten wir an einer besonders dunkeln Stelle
des Waldes.
Zwei Stunden etwa lagen noch vor uns, ehe die Sonne hinter den
endlosen Wäldern untergehen und die kurze tropische Dämmerung völliger
Finsternis weichen würde. Unter diesen Umständen hatte ich keine Lust,
an diesem Tag noch weiterzumarschieren und versuchte, das zu erklären.
Aber die Verständigungsmöglichkeit durch Zeichen und Gebärden ist
weit beschränkter, als jemand glauben mag, der noch nie einen ganzen
Tag darauf angewiesen war, darin seine Meinungen klarzumachen. Jeder
Reisende und Forscher sollte wirklich seiner Lehrzeit einen Kursus
in einer Taubstummenschule anfügen, falls er beabsichtigt, abseits
gelegene Gebiete aufzusuchen, wo Führer und Wörterbücher mit den
„gebräuchlichsten Redensarten“ nicht die leiseste Hilfe bieten.