Tatauieren oder Bemalen des Körpers ist bei den Caripunas nicht

gebräuchlich. Dagegen umwinden sie Waden- und Armmuskeln mit schmalen

Faserriemen. Ob sie das in dem Glauben tun, dadurch ihre Kraft zu

erhöhen, weiß man nicht genau. Doch scheint es unwahrscheinlich,

weil der Brauch unter Männern durchaus nicht allgemein ist und auch

bei Weibern und jungen Mädchen auftritt. Die Kanus der Caripunas sind

ganz roh. Ein Baumstamm wird ausgehöhlt und zusammengebogen, so daß

die offenen Enden weit über dem Wasser liegen. Es muß nicht wenig

gefährlich sein, in diesen unhandlichen Booten die seichten, von

Alligatoren wimmelnden Flüsse und Igarapés zu befahren. Die Bewaffnung

der Männer besteht aus vergifteten Speeren und Pfeilen. Die Kriegsbogen

sind weit über zwei Meter lang, und auf nahe Entfernung treffen sie

damit recht sicher. Blasrohre, Keulen, Tanzstöcke, Macanas (eine Art

Holzschwerter) und andere Waffen oder Zeremonialgerätschaften bekam

ich bei den Caripunas nicht zu Gesicht, wie ich sie später bei wilden

Stämmen fand, die mit den Weißen noch nicht in Berührung gekommen

waren. Einer der Indianer war im Candelaria-Krankenhaus bei Porto Velho

operiert worden. Er humpelte auf einem Bein umher, ist aber seitdem

gestorben. Die Tuberkulose ist von den Weißen eingeschleppt worden, und

fast der ganze Stamm hat darunter zu leiden.

Eine der Dorfmerkwürdigkeiten war ein gefleckter Indianer von einem

Stamm, der sich in den Wäldern zwischen dem Westufer des Madeira und

dem Purúsflusse aufzuhalten pflegt. Sein ganzer Körper war mit weißen

und braunen Flecken bedeckt. Sie sind die Folgen einer seltsamen

Krankheit, die früher am Rio dos Purús, dem „Flusse der Gefleckten“,

weitverbreitet war. Man behauptet, daß diese geheimnisvolle, aber nicht

tödliche Krankheit entsteht, wenn man ohne Kleidung auf den Uferbänken

schläft. Der einzig bekannte Stamm, der jetzt noch an ihr leidet,

ist der der Pammarys oder Purús. Ein Sachverständiger in Porto Velho

meinte, daß sie vom Trinken eines Safts gewisser giftiger Kräuter käme.

Zwei Nächte lagerte ich am Ufer in der Nähe des Caripunas-Dorfes. In

der letzten brach einer jener heftigen Gewitterstürme aus, wie sie im

Amazonengebiet häufig sind. Bald nach Sonnenuntergang setzte er mit

Regenschauern und fast unaufhörlichen Blitzen ein, deren Licht die

dunkelsten Winkel des Urwalds erhellte. Das Segeltuch meines kleinen

Zeltes beulte sich nach innen unter der tropischen Sintflut. Kaum hatte

sich der Sturm erhoben, als die Klappe des Zelts zurückgeschlagen

wurde und ein kleines menschliches Wesen ohne weitere Förmlichkeiten

hereinkam. Ich wollte gerade die Lampe anzünden, aber der Luftzug von

der Zeltöffnung löschte das Streichholz aus. Einen Augenblick wußte

ich nicht, ob ich ein neues anzünden und mich dadurch einem etwa

beabsichtigten Angriff gegenüber hilflos machen sollte, oder ob es

geratener wäre, vorsichtig nach der Flinte zu greifen, die irgendwo

unter den bei Beginn des Gewitters hastig geborgenen Sachen lag. Dann

fiel mir ein, daß der Eindringling wahrscheinlich einer meiner eigenen

Boys wäre. Ich suchte einigermaßen Deckung, indem ich mich hinter den

Gepäckhaufen kniete, strich ein Zündholz an -- und brach in ein lautes

Gelächter aus!

Der Eindringling entpuppte sich als ein kleines, etwa elfjähriges

Mädchen, dessen Haare und Körper von Wasser trieften. Sie sah furchtbar

erschrocken aus, entweder durch die Blitze oder weil sie sich in

einer Falle fand, da die Zeltklappe hinter ihr wieder zugefallen war.

So beeilte ich mich, die kleine Sturmlampe anzuzünden. Gelähmt vor

Furcht, war das Kind außerstande zu sprechen oder sich zu bewegen und

zuckte zurück, als ich es zu beruhigen versuchte. Die Lage war nicht

gerade gemütlich. Die Kleine konnte jeden Augenblick ihre Sprache

wiederfinden, und ihr Geschrei mochte ernste Folgen nach sich ziehen.

Denn galten auch die Caripunas für umgänglich, so waren sie doch Wilde

und daher dem Impuls des Augenblicks ohne Überlegung hingegeben. Dazu

kam noch, daß sie von gewissenlosen Caboclos manche Unbill erlitten

hatten.

Trotzdem es gewiß kein Vergnügen war, schlüpfte ich also aus dem Zelt

in die Sintflut hinaus, um sofort der Länge nach in den Schmutz über

einige Kisten zu fallen, die in der Eile draußen vergessen worden

waren. Das Leuchten der Blitze zeigte mir den Weg zu der unbenutzten

Malocca, die man meinen beiden Caripunasboys angewiesen hatte. Zufällig

waren sie aus einem andern Dorf und nicht wenig erschrocken, als ich

plötzlich im Düster des Innern neben ihrer Feuerstelle auftauchte. Ich

packte Washington am Arm und zog ihn in den Sturm hinaus und ins Zelt

zurück. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich das Kind,

die Ursache alles Schreckens, auf meinem Bett sitzend entdeckte, wie es

in aller Ruhe Biskuits aus einer Blechdose knapperte!

Ich gab Washington die nötigen Erklärungen, der grinste und mit der

Kleinen redete. Wie es schien, war sie von der Neugier verführt worden,

durch einen Schlitz in der Klappe hereinzugucken, als der Sturm sie

packte. Nicht mein unerwarteter Anblick war es gewesen, der sie

erschreckt hatte, sondern das brennende Zündholz, das ich in der Hand

hielt! Unnötig zu sagen, daß die keineswegs scheue junge Dame ohne

weiteres durch Washington an den Busen ihrer Familie zurückbefördert

wurde, nachdem ich ihr Mund und Hände noch mit Keks vollgestopft hatte.

Dieser Vorfall bewies mir, daß die Caripunas ihre Kinder im allgemeinen

gut behandeln, sonst würde die Kleine Zeichen von Furcht verraten

haben, als ich sie beim Verzehren meiner Biskuits überraschte. Am

nächsten Morgen erfuhr ich auf meine Fragen, daß das Mädchen „Teite“

hieß, konnte aber nicht herausbekommen, was der Name bedeutete. Das

brennende Streichholz hatte sie von meiner Fähigkeit überzeugt, Licht

von den Blitzen mit der Hand einzufangen!

Da es unmöglich war, sich nach Nordosten durch die Wälder

durchzuschlagen ohne die Begleitung zahlreicher mit Buschmessern

versehener Leute und ohne Vorräte für einige Monate, entschied ich

mich dafür, sofort nach Porto Velho zurückzukehren und von dort

verschiedene Flüsse zu untersuchen, die der Madeira unterhalb seiner

neunzehn Katarakte nach Nordosten entsendet. Die Oberläufe mehrerer

dieser Flüsse waren noch unerforscht, und ich beschloß einen Vorstoß in

die Wälder des Quellgebiets des Gy-Paraná zu versuchen. In Porto Velho

hielt man das für äußerst gefährlich, da die Indianerstämme in jener

Gegend feindlich gesinnt sein sollten. Aber in den großen tropischen

Wäldern des Amazonengebiets ist nur für +den+ Forscher ein Erfolg zu

holen, der frisch und unbedenklich dem Unbekannten gegenübertritt.

+Einer+ Gefahr allerdings beabsichtigte ich mich nicht auszusetzen, der

des langsamen Verhungerns in den düstern Wäldern, ein Schicksal, das

dem unerfahrenen Reisenden im Amazonengebiet nur zu leicht beschieden

sein mag.

Als meine Absichten und Ziele in Porto Velho bekannt wurden, bekam

ich keine Kanuleute, da zwei Deutsche vor wenigen Monaten im Gebiet

des Gy-Paraná von unbekannten Indianern ermordet worden waren.

Einige Caboclos hatten nur ihre Gebeine aufgefunden. Dadurch aber

wollte ich mir meine Pläne nicht vereiteln lassen. Ich bestieg den

„Francisco Salles“, der den Madeira hinabfuhr, und verließ ihn wieder

bei der kleinen Ansiedlung von Humaitá, wo es mir bald gelang, zwei

halbzivilisierte Torasindianer von dem Faktoreibesitzer zu bekommen.

Ich „kaufte“ sie mit der Vereinbarung, daß sie auf meinen Wunsch hin

als Kundschafter in den Wäldern am Gy-Paraná Dienste leisten sollten.

In den Gebieten, wo Kautschuk- oder Nußbaumwälder vorhanden sind,

wird sich der Reisende an den Endpunkten des Dampferverkehrs ohne

besondere Empfehlungen der Schwierigkeit gegenübersehen, eingeborene

Kanuleute und vor allem Träger zu bekommen. Der Grund liegt darin,

daß fast alle halbzivilisierten Indianer ihren Herren, den Seringals

oder Faktoreibesitzern, verschuldet sind. Sie dürfen nur dann einen

andern Dienst annehmen, wenn der neue Herr ihre Schulden bezahlt.

Verläßt ein verschuldeter Indianer seinen Dienst, so wird er

zwangsweise zurückgeschafft, und wird er losgekauft, so steht er für

die betreffende Summe in der Schuld seines neuen Herrn. In Brasilien

wird diese Einrichtung viel gerechter gehandhabt als in Peru, weil sich

die Tätigkeit der Beamten des Indianeramtes auch auf die Waldgebiete

erstreckt. Aber der europäische Reisende wird über die Höhe jener

„Schulden“ doch recht erstaunt sein, wenn er sie nicht wieder auf einen

Nachfolger abwälzen kann, den ihm Freunde oder Beamte des Indianeramtes

verschaffen.

Zwei Tage mußte ich in dem Moskitonest Humaitá aushalten und mich

mit gerissenen Mischlingen herumschlagen, um verschiedene Vorräte

recht zweifelhafter Güte einzuhandeln. Dann endlich schafften meine

beiden Indianer das Gepäck das steile Ufer hinab ins Kanu, und fort

ging es auf dem dunkeln, schnell dahinströmenden Flusse. Es war ein

kochend heißer Tag, und die Oberfläche des Wassers strahlte wie

geschmolzenes Gold. Auf meinem kleinen Taschenthermometer las ich

37° Celsius im Schatten ab. Ehe die Nacht einbrach, hatten wir das

Häuflein Palmhütten von Boa Esperança passiert und die schwierige

Durchfahrt zwischen den „Pedras das Gaivotas“ (Möwenfelsen) hinter

uns. Dann aber waren wir am Ende unserer Kräfte und schlugen das Lager

auf einer kleinen Graslichtung in der Nähe der Mirary-Faktorei auf. Es

war eine wundervolle tropische Nacht. Auf dem Fluß lag der Silberglanz

des Mondes, von dem sich die schwarzen Umrisse der hochgewachsenen,

schirmartigen Bäume des großen Urwalds abhoben.

Während ich auf der schmalen Lichtung auf und ab ging, um die Glieder

nach dem stundenlangen Im-Kanu-Sitzen wieder geschmeidig zu machen,

fühlte ich feine Spinnenfäden sich um mein Gesicht und meine Hände

schlingen. Auf verhältnismäßig trockenen Plätzen im Dickicht kommt das

durchaus nicht selten vor, und ich würde es wohl kaum bemerkt haben.

Aber in meinem Zelt brannte die Lampe, die ich zum Lesen und Schreiben

immer mit mir führe, und auf der erleuchteten Zeltwand erschien ein

dunkler Fleck, der meinen Blick auf sich zog. Bei genauerem Zusehen

erkannte ich eine mächtige, haarige Spinne, anscheinend von der

Vogelspinnenart, und mit Hilfe meiner elektrischen Taschenlampe

verfolgte ich das Netz, das sich im Dreieck zwischen zwei etwa sieben

Meter voneinander entfernten Bäumen und dem Zelt ausspannte!

Wenn etwas mir einen Schauder einjagt, so sind es Spinnen. Der Anblick

dieses Untiers, dessen Scheußlichkeiten auf dem Seidenzeug des Zelts

durch das Licht der Lampe in jeder widerlichen Einzelheit sichtbar

wurden, jagte mir trotz der erstickenden Schwüle der tropischen Nacht

ein Frösteln über den Rücken. Wie sollte ich den Eindringling wieder

loswerden? Schlug ich nach der Spinne mit dem Flintenkolben, so gab’s

ein Loch oder das Zelt wurde überhaupt niedergerissen und meine

unersetzliche Lampe ging in Trümmer. Ein Schuß wäre ebenso unheilvoll

gewesen, aber trotzdem konnte ich mich nicht überwinden, im Zelt zu

schlafen, solange das Untier sich nur einen oder zwei Fuß von meinem

Gesicht befand -- wenn auch an der Außenseite des Zeltes.

Zehn Minuten später hatte sich noch nichts an dieser Lage geändert.

Hätte ich einen Eimer voll Wasser über die Bestie geschüttet, so

wäre sie freilich fortgekrochen, aber vielleicht in das Zelt hinein!

Schließlich weckte ich in meiner Verzweiflung einen der im Kanu

schlafenden Indianer. Die Spinne wurde in einem Reserve-Moskitonetz

gefangen und wanderte in meine Sammlung. Dann endlich konnte ich

mich zurückziehen mit einem Gefühl der Erlösung, aber auch der

äußersten Unzufriedenheit mit mir selber. Während der folgenden

schlaflosen Nacht hatte ich dann genug Zeit, über die Albernheit von

„Idiosynkrasien“ im Licht der modernen Psychologie nachzudenken.

Es ist wirklich unnötig, bei einer Schilderung der Schönheit des

nächsten Morgens zu verweilen. Denn auf diesen ungesunden tropischen

Flüssen des entlegenen Amazonengebiets sind die Morgen beständig

frisch, klar und sonnig, außer vielleicht während der dicksten

Regenzeit. Kaum hatten wir begonnen, flußaufwärts zu rudern, als auf

dem Ostufer sehr hohe, rote Klippen erschienen, die die Eintönigkeit

des Waldes unterbrachen. Hinter der grünen Palmeninsel von Pasto Grande

wurde das Kanu plötzlich in einen Strudel gezogen, der sich um einen

sehr gefährlichen Felsen unter Wasser gebildet hatte. Es drehte sich um

sich selbst, und wir mußten all unsere Ruderkünste anwenden, um nicht

zu kentern, bis wir wieder in ruhiges Wasser gelangten.

Bald nach Mittag trafen wir auf die Mündung des unerforschten

Maicyflusses, der sich später als der beste Weg ins Herz des Landes

der Parintintins erwies. In der Nähe der Mündung standen einige

ziegelbedeckte Häuser, eine Barraca und eine Windmühle. Sie bildeten,

wie ich leider erst später erfuhr, eine Station des Indianeramts. Hätte

ich hier angehalten, statt den Gy-Paraná hinaufzufahren, würde ich mir

viel Zeit, Mühe und auch manche Gefahr erspart haben. Für den Reisenden

liegt die größte Schwierigkeit im Amazonengebiet in seiner Unkenntnis

dessen, was schon vorher von andern geleistet worden ist, in dem

Fehlen zuverlässiger Karten und einer Stelle, die wirklich Auskünfte

zu geben in der Lage ist. Andererseits wären mehrere damals unbekannte

Indianerstämme unentdeckt geblieben, wenn wir uns nicht den ungesunden

Gy-Paraná hinaufgearbeitet hätten.

Bald hinter der Calamarinsel und den vier Häusern, die den stolzen

Namen „Calamar“ tragen, fuhren wir in die von Inseln versperrte

Mündung des Gy-Paraná ein. Künftigen Reisenden diene zur Auskunft, daß

sich die Einfahrt auf der linken Seite befindet; rechts gelangt man

in einen kleinen Fluß, der die Lokalbezeichnung Rio Preto führt. Hat

man einmal den breiten Madeira hinter sich gelassen, so scheint der

letzte Zusammenhang mit der Zivilisation plötzlich abzureißen. Was auf

der weiten Wasserfläche für Gesicht und Gehör unbemerkt blieb, drängt

sich nun der Aufmerksamkeit auf, besonders während der eigentümlichen

Stille der äquatorialen Abenddämmerung. Fast sofort schlossen sich die

Mauern der dunklen Bäume um den still strömenden Fluß zusammen, und

die Luft wurde schwer vom schwülen Geruch des tropischen Waldes. Unter

einer riesigen Induba schlugen wir unser Lager auf, gerade als das

letzte Gold des Himmels die lichteren, aber schweigenden Hallen der

unerforschten Wälder um uns durchzitterte.

8. Ins Herz des tropischen Urwalds.

Als wir früh am folgenden Morgen dicht am Ufer dahinfuhren, kam aus

dem Gebüsch ein knurrender Laut und man hörte Zweige brechen. Im

nächsten Augenblick bekam ich zum erstenmal den amazonischen Tiger,

den Jaguar, zu Gesicht. Das Gebüsch und das hohe Schilfgras teilten

sich gegenüber dem Kanu, und der König des südamerikanischen Großwilds

erschien für einige Sekunden, offenbar geblendet vom Licht. Keine 10

Meter von uns entfernt stand er da. Vom Hellgelb des Fells hoben sich

die pechschwarzen Streifen und Flecken prächtig ab. Es war unmöglich,

die volle Größe des Tieres zu schätzen, da nur Kopf, Brust und

Vorderpranken in dem hohen Gras und verfilzten Ufergebüsch sichtbar

wurden. Der Jaguar knurrte und verschwand sofort wieder, als er uns

mit erhobenem Kopf gewittert hatte. Meine beiden Indianer hätten ihn

gern verfolgt, aber die begrenzte Zeit und unsere beschränkten Vorräte

verboten es. Auf späteren Reisen jedoch glückte es mir, eine solche

Jagd mitzumachen. Die Turasindianer fangen den Jaguar in einer aus Gras

geflochtenen Schlinge, die auf dem Wechsel verborgen wird, den die

Tiere betreten, wenn sie, meist bei Sonnenuntergang, sich an den Fluß

oder ein Wasserloch zur Tränke begeben. Das Ende des Grasseils, das in

die Schlinge ausläuft, ist so an einem heruntergezogenen Ast befestigt,

daß das gefangene Tier buchstäblich gehängt wird. Das Fell wird nicht

zu Kleidern verwendet, sondern dient als Decke in den Hütten oder als

Schutz gegen die tropischen Regengüsse. Gegen Speere auf der Jagd sind

die Indianer eingenommen, weil durch die zahlreichen Stiche das Fell

beschädigt wird.

Es gibt wohl kaum einen schöneren Anblick als den des amazonischen

Waldes aus der Nähe besehen. Von den breiten Flüssen aus, dem

Amazonenstrom selbst, dem Tapajóz, Madeira oder Ucayali macht er

den Eindruck einer fast ungebrochenen und sehr eintönigen Mauer

aus verschwommenem Grün -- eines Vegetationschaos. Bei näherer

Bekanntschaft jedoch entfaltet er den ganzen Zauber seiner

Schönheit. Über den Fluß breiten sich in tausendfältigem Widerspiel

der Wasserfläche zahllose Palmenarten: die bis zu 15 Meter hohe

Miritypalme mit ihren großen fächerähnlichen Wedeln und rotleuchtenden

Fruchtbüscheln; die graziöse Caranápalme mit ihren Dornen am Stamm und

an den Blättern; die Jupatipalme mit ihren federartigen Blütenmassen,

die über die lichtern Stellen des Flusses ihre Schatten werfen; die

Bandpalme Jacitará (~Desmoncus~), die flechtenartig an den Stamm

fast jedes der Baumriesen sich anklammert. Mächtige, silberweiße Stämme

heben sich von der dunkeln Blätterwand ab und breiten, wie riesenhafte

grüne und rote Schirme, ihre Kronen hoch über das unendliche

grüne Meer. Neben der Assaipalme, die wie ein Rohr vom leisesten

Luftzug bewegt wird, erhebt sich stark und bejahrt die Tucumápalme.

Grüngefaserte Seile hängen in Schlingen von den höchsten Ästen, und

Orchideen, Cattleyen und andere Arten heben ihre Blüten aus feuchten

und üppigen Höhlungen. Sinkt dann die Sonne im Westen, so wandelt sich

das Grün der Wälder in Gold, Rot, Dunkelbraun und Violett, bis es

endlich in geisterhafter Schwärze erstirbt.

Träge flossen die Tage in dem leichten Rindenkanu unter dem

Palmstrohschutzdach dahin, denn es war die Zeit des Hochwassers und

gab keine Strömung. Der mächtige Amazonenstrom, dessen Gewässer selbst

den Atlantischen Ozean über 300 Kilometer weit von seiner Mündung

färben, zwingt allen Nebenflüssen seinen Willen auf, sogar solchen

wie dem Gy-Paraná, der fast 1600 Kilometer vom Hauptstrom abliegt

und fast 3000 Kilometer vom Gestade des Meeres! Er zwingt sie, ihre

Gewässer zurückzuhalten, bis er selber weit genug gefallen ist, um sie

aufnehmen zu können. Dadurch werden unermeßliche Flächen überflutet.

Fast zwei Tage lang fuhren wir über ruhige Seen und durch überschwemmte

Urwälder. Die eigenartige Stille dieses weiten überschwemmten

Dschungelgebiets ist höchst eindrucksvoll. Jedes Anzeichen von

Leben scheint sich aus Land und Bäumen zurückgezogen zu haben. Die

schnatternden Affen, die lärmenden Papageien und Araras, die Spieß- und

Pampashirsche, die sonst durch das brechende Unterholz streifen, der

sein Weibchen lockende Tapir, das im Schmutz wühlende Wildschwein, der

herumscharrende Ameisenfresser, die in Höhlen wohnenden Gürteltiere

-- sie alle flüchten vor den steigenden Fluten, und selbst die Vögel

streifen über das dunkelgrüne Blätterdach ohne Schrei und Gesang. Nur

die sumpfliebenden Schlangen, die Fischottern und Alligatoren, die

gefürchteten elektrischen Aale und die Wolken von Insekten scheinen

sich im Dunst der Gewässer und des Moders wohlzufühlen.

So schlich Stunde um Stunde dahin in Sonnenhitze und Schweigen. Überall

um uns der Wald, aus der Grenzenlosigkeit des stagnierenden Wassers

emporsteigend. Dann wieder lange Nächte im Kanu in verkrampfter

Haltung, während der gelbe tropische Mond hinter den hohen Bäumen stand

und sonderbare Schatten auf das Brackwasser warf. So niedergedrückt

fühlte ich mich, daß ich mehr als einmal, in Augenblicken der Schwäche,

laut redete, um den Eindruck der schauerlichen Verlassenheit zu

vertreiben. Diese überschwemmten Flächen, die zuweilen 50 bis zu 250

Geviertkilometer bedecken, sind so häufig in den niedern Flußtälern,

daß die beiden Turas, schweigend und unbewegt wie nordamerikanische

Indianer, weiterpaddelten, ihre kärgliche Nahrung zu sich nahmen,

schliefen, und gleichmütig nach dem tiefen Wasser Ausschau hielten, das

das Bett des Flusses anzeigt.

Gegen Mittag des zweiten Tages in diesem Riesensumpf ereignete sich

ein Zwischenfall, der unsere kleine Expedition beinahe zum Scheitern

gebracht hätte. Von einem überhängenden Ast fiel eine Schlange ins

Boot, während die Ruderer in der Mittagshitze ausruhten. Tod durch

Schlangenbiß ist so häufig unter den nackten und daher ungeschützten

Eingeborenen, daß meine beiden Indianer in ihrer Hast, von dem sich

krampfhaft ringelnden grünen Ding wegzukommen, beinahe das Kanu zum

Kentern brachten. Sie zogen die Gefahren vor, die unsichtbar unter dem

brüheartigen Wasser lauerten und sprangen über Bord.

So einfach war es nicht, den gefährlichen Eindringling unschädlich zu

machen. Es war eine Louro Machaco oder Papageienschlange, so genannt

wegen ihrer wunderschönen grünen Farbe. Ich quetschte sie mit einer

schweren Kiste gegen die Bordwand und beförderte sie dann durch

einige Schläge mit dem Paddel ins Jenseits. Die Haut wurde ihr als

Siegestrophäe abgezogen.

Nach einer solchen Aufregung wird die erschlaffende Hitze des

amazonischen Waldes erst recht fühlbar. Meine dünne Kleidung war vom

Schweiß buchstäblich wie aus dem Wasser gezogen. Zu der körperlichen

Unbehaglichkeit kam noch der seelische Schock bei dem Gedanken, wie

nahe wir daran gewesen waren, durch das Kentern des Kanus Ausrüstung

und Vorräte einzubüßen. Die verhältnismäßig unbedeutende Anstrengung

rief eine krankhafte Abgespanntheit hervor, die einige Stunden

anhielt und mich zur Einnahme einer Extradosis Chinin veranlaßte, was

zuzeiten im entlegenen Amazonengebiet für Leben und Tod entscheidend

ist. Wir befanden uns nun mitten im Sumpf- und Flußgebiet des oberen

Madeiratals, dem Lieblingsaufenthalt des Alligators und der Anakonda.

Exemplare dieser Riesenschlange von zwölf Meter Länge waren in den dem

Madeira benachbarten Seen und Sümpfen oberhalb Porto Velho gefangen

worden. Die Eingeborenen behaupten, daß einige dieser überfluteten

Dschungelstrecken im Kanu nur unter Todesgefahr zu befahren sind,

die von diesen riesigen Reptilien droht. Die Haut der Anakonda ist

gewöhnlich bräunlich oder schwarz und gelb gestreift. Sie erdrückt

ihre Beute, indem sie sie in ihren Umschlingungen zusammenpreßt, bis

die Knochen gebrochen sind. Dann soll sie Affen, Jaguare, Tapire und

Ameisenfresser fast im ganzen verschlingen können. Ein Mensch, den

sie einmal in solcher Umschlingung gefangen hat, hat kaum noch eine

Hoffnung auf Rettung.

Der Vorfall mit der Schlange ist an sich durchaus nichts Ungewöhnliches

auf Reisen im Amazonengebiet. Aber den beiden Turas brachte er die

Eingeborenensagen von der „Mae de Agua“, der „Mutter des Wassers“,

wieder in Erinnerung, die sich zweifellos auf Anakondas oder ähnliche

Ungeheuer beziehen. Eine Zeitlang ängstigten sie sich vor allem, was

nur einigermaßen diesem Schrecken der Sümpfe glich, ob das Licht des

Tages, Dämmerung oder Mondschein herrschte. Was mich selber betrifft,

so war ich zu sehr damit beschäftigt, mich gegen die Insektenpest zu

verteidigen, als daß ich mich ähnlichen Gedanken hätte hingeben können.

Sie machte jede Stunde des Tags und der Nacht zu einer endlosen Qual,

aber wenigstens wurde ich dadurch davon abgehalten, an weit größere

jedoch weniger unangenehme Bestien zu denken.

Unter Wilden am Amazonas · 第 7 / 19 段