dschungelbedeckten Ufer des Amazonenstroms nun die noch dunkleren und
dichteren Wälder des großen Madeiraflusses an mir vorbeiziehen ließ.
Kaum waren wir an der großen Insel nächst der Flußmündung vorüber, als
sich der erste Unfall ereignete. Der Dampfer saß auf einer überfluteten
Sandbank fest, die sich erst kürzlich gebildet hatte, gerade gegenüber
den riesigen Imbaubabäumen von Fazendinha. Nach einer Stunde war das
kleine Fahrzeug wieder flott und konnte seinen Weg gegen die starke
Strömung fortsetzen. Meilenlang strömte nun der Fluß zwischen dichten
Uferwäldern dahin. Nur eine Reihe von Inseln unterbrach seinen Lauf,
wie Urucurituba, Ypringa und viele andere. An mehreren kleinen, mit
Palmstroh gedeckten Hütten ging es vorüber, dann gab es wieder einen,
diesmal freiwilligen, Halt, um 120 Kilometer von der Mündung, an einem
Lager, Perseverança genannt, Holz einzunehmen. Hier standen zahlreiche
wilde Kautschukbäume und Kokasträucher. Wirklich, es gehört eine
besondere Art von Beharrlichkeit dazu, daß Menschen die Kraft finden,
sich in diesen feuchtheißen Wäldern abzuplacken, um einen kleinen
Dampfer mit Feuerung zu versorgen!
Bald nach der Weiterfahrt trafen wir auf eine weite Fläche
überschwemmten Waldes und auf offenes Wasser, obwohl die Ufer bisher
ziemlich hoch gewesen waren. Wir befanden uns in der Nähe des Furo
das Guaribas (Affenloch) am Prepriocassee, der seine niedern Ufer
überflutet und sich mit dem Madeira vereinigt hatte. Dann schlossen
sich wieder die dichten Wälder um uns zusammen und begleiteten uns
bis zur kleinen Ansiedlung von Borba, die wir am Morgen des dritten
Tages erreichten. Ihre wenigen verfallenen Lehmhäuser, Barracas und
Strohhütten stehen auf einer steilen erdigen Bank, vom dichten, dunkeln
Urwald eingefaßt. In der Mitte des Dorfplatzes erhebt sich gegen den
Fluß zu eine winzige Kirche. Die Schule war geschlossen, weil kein
Lehrer hatte bleiben wollen, und die Blicke der paar halbnackten
armseligen Caboclofamilien sprachen von hilfloser Verlassenheit,
Beri-Beri und Malaria.
Hinter Borba erschienen einige merkwürdige Felsriffe, die auf dem
Ostufer sich auf etwa 300 Meter landeinwärts erstreckten. Die Höhe der
Bäume nahm zu, und die Schatten unter ihren Kronen wurden schwärzer.
Hier und da leuchteten aus der düstern grünen Wand die gelben Blüten
des Pao d’arco, des berühmten amazonischen Baumes. Die Ufer waren
niedrig und sumpfig. Dann ging es plötzlich um eine Flußbiegung, und
bald darauf wurde die Mauer des Waldes von der Mündung des Autazflusses
unterbrochen. Gegenüber kamen wir an einer Barraca vorüber, und an
Stelle des Waldes trat niederer, verfilzter Dschungel. Wir mußten nun
durch die gefährliche Marapity-Enge, die wir kaum hinter uns hatten,
als sich schon die unter dem Namen „Pedras dos Ganchos“ bekannten
Felsen vor uns aus dem Fluß erhoben, dessen Oberfläche in eine Reihe
von Strudeln und Wirbeln aufgelöst schien. Rundumher nichts als
Igarapés, Seen und wilder Wald.
Bald nachdem wir die Alligatorinsel umfahren hatten, an der vor
vielen Jahren die Greavesexpedition gescheitert war, erreichten wir
Vista Alegre mit seinen Wäldern brasilianischer Nußbäume, seinen
zweistöckigen Häusern und einer kleinen Missionsstation. Die Ufer
liegen hier höher und sind stärker bevölkert. Die Murasindianer, die
einstigen Bewohner dieser Gegend, wurden von kriegerischen Stämmen im
Süden beinahe ausgerottet, und vom Fluß aus bekam man ihre Maloccas
nicht zu Gesicht. Die Strömung ist hier sehr stark und bildet
zahlreiche Strudel. Die Vegetation macht den Eindruck noch größerer
Üppigkeit als an den Ufern des Amazonenstroms.
Einige Meilen weiter, hinter der unbedeutenden Niederlassung von
Taboçal, kamen wir an einem kleinen Friedhof vorüber. Zahlreiche
Holzkreuze bezeichnen die letzten Ruhestätten der Opfer dieser
ungesunden Flußgegend. Auch der Forscher Alvez hat hier sein Grab
gefunden. Dann tauchten die Aripuananinseln auf an der Vereinigung des
gleichnamigen Flusses mit dem Madeira.
Zwischen diesen beiden sich gabelnden Flüssen liegt das große, fast
unerforschte Gebiet, in dessen halbdunkeln Wäldern sich irgendwo die
Maloccas und Jagdgründe der von mir gesuchten Indianerstämme befanden.
Ich glaubte sie jedoch nicht näher als etwa 300 Kilometer südlich der
Mündung vermuten zu sollen, und die Frage erhob sich, welcher der
beiden Flüsse als zweckmäßigste Zufahrtslinie in Betracht käme. Bis
jetzt war es mir nicht möglich gewesen, außer vagen Behauptungen über
das Vorhandensein wilder Stämme verläßliche Auskünfte zu erhalten.
Da ein Eindringen in die Wälder und das kaum bekannte Flußbecken mit
großen Gefahren verknüpft war, schien es nicht geraten, den Dampfer
zu verlassen und Vorbereitungen für eine Fahrt den Aripuanan hinauf
zu treffen. Ein Schiffsverkehr besteht auf ihm nicht, und so hätte es
eine Kanureise von 1200 Kilometer ins Unbekannte hinein bedeutet, um
mit Erfolg durchzuführen, was nur einer wohlausgerüsteten Expedition
gelingen mochte. Tatsächlich hat eine solche später den Aripuanan von
seiner Quelle bis zu seiner Vereinigung mit dem Madeira befahren.
Was mir vorschwebte war, einen bessern Annäherungspunkt zu den
unerforschten Wäldern zwischen den beiden Flüssen aufzufinden, und
nach mehreren Versuchen hatte ich damit auch Glück. Ich entschloß mich
nämlich, den Madeira noch weiter hinaufzufahren und einige seiner
kleinen östlichen Nebenflüsse zu untersuchen.
Während der nächsten 120 Kilometer bot die Landschaft nichts
Besonderes. Dann ging es zwischen Felsen und unbedeutenden
Stromschnellen durch die gefährliche Flußkrümmung bei der Urua-Insel.
Wieder schloß sich der Urwald um uns zusammen, und auf weite Strecken
war nichts sichtbar als der Saum des niedern Dschungels, hin und
wieder eine Strohhütte, eine Barraca oder das einsame Heim einer
Caboclofamilie. In dieser trübseligen Gegend erlebte ich den schönsten
Sonnenuntergang, der mir bisher beschieden gewesen war. Der ganze
Himmel stand in Flammen von Gold und Rot zwischen einem Gewoge von
Wolken. Gerade hindurch schnitt das dunkle Band der olivengrünen
Wälder, und im Widerschein des Wassers spiegelte sich die feurige Glut
des Himmels. Ein wundervolles Schauspiel, das mir mehr Eindruck machte
als die Mitternachtssonne des Nordkaps oder die Nordlichter Alaskas.
Die folgende Nacht jedoch war finster und stürmisch.
Die hübsche kleine Ansiedlung Manicoré liegt auf einer steilen Uferbank
über dem Hochwasserstand des schlammigen Flusses. Langsam geht sie der
Zerstörung entgegen, da die Ufer unaufhaltsam von der starken Strömung
unterwaschen werden. Obwohl es in Manicoré keine eigentlichen Straßen
gibt und die wenigen Häuser und Schuppen auf der bloßen und oft recht
schmutzigen Erde stehen, wirkt es doch lange nicht so verwahrlost und
trübselig wie Borba. Andererseits bietet es allerdings auch nicht das
mindeste an Interesse. Denn rings ist es vom Dschungel umschlossen, und
die Bevölkerung setzt sich zumeist aus Caboclos zusammen. Die kleine
Kirche ist das einzige Gebäude, das nicht in Trümmer fällt.
Bei der Jaguarinsel macht der Fluß zahlreiche Windungen. Man soll
den Knall eines Schusses hören können, der 30 Kilometer weiter
flußaufwärts abgefeuert wird, weil die beiden Punkte in der Luftlinie
nur 3 Kilometer voneinander entfernt sind. Hier liegt die Mündung des
ungesunden Marmellosflusses. Sein Quellgebiet soll bis an den Tapajóz
reichen, und das dazwischenliegende Gebiet befindet sich zum größten
Teil in den Händen wilder Indianerstämme. An diesem Fluß haben sich
nicht wenig Tragödien abgespielt. Auf einer Kautschukpflanzung, nur
einige Kilometer von der Mündung, starben in einem einzigen Jahr über
100 Leute am Fieber.
Auf der Jaguarinsel steht ein kleiner Seringal (Faktorei), bei dem wir
anhielten, um einige Vorräte zu laden. Man zeigte mir einen ungeheuern
Baum, der eine große Menge eines milchartigen Saftes absondert, wenn
man ihn mit dem Buschmesser anschneidet. Die Waldindianer trinken den
Saft an Stelle von Kuhmilch, und die halbzivilisierten Anwohner der
Flüsse gießen ihn in ihren Kaffee. Bei den Eingeborenen heißt der Baum
„Solu“; sein wissenschaftlicher Name ist mir nicht bekannt. Diese
Pflanzenmilch ist recht wohlschmeckend und anscheinend bekömmlich,
wenn auch, soviel ich weiß, eine chemische Analyse von ihr noch nicht
gemacht wurde. Es gibt hier buchstäblich Tausende von Heilkräutern, von
denen die Zivilisation keinerlei Kenntnis besitzt. Von den Eingeborenen
werden sie bei leichteren Erkrankungen mit wunderbarem Erfolg
angewandt, und sicher würde auf diesem Feld der Forschung eine reiche
Ernte das Studium lohnen.
Noch immer fuhren wir zwischen den Mauern der Wälder dahin. In
Jumas-Quadras, einer großen Station auf dem Westufer, gab es kurzen
Aufenthalt. Dann ließen wir die alte São-Pedro-Missionsstation hinter
uns, die verlassen und vom Dschungel überwachsen im Wald liegt, und
bekamen einige Stunden später die kleine Stadt Humaitá zu Gesicht. Sie
liegt auf einer hohen Uferbank, von der Steintreppen zum Hoch- und
Niederwassermal herabführen. Die kleine Niederlassung besitzt einige
Ziegelhäuser neben den üblichen Lehm- und Strohhütten und erfreut
sich sowohl einer Licht- wie Trinkwasserversorgung. Erbaut wurde sie
auf dem Gebiet des Oberst Monteiro, der das urbar gemachte Land, das
Stadtgebiet und die städtischen Bauten der brasilianischen Regierung
1890 schenkte. Die Bevölkerung beläuft sich jetzt auf über tausend
Köpfe.
Längs der Ufer des Madeiraflusses vollzog sich die erste Entwicklung
der Kautschukindustrie im Amazonengebiet. Da der Madeira die
Hauptverkehrsstraße nach dem nordöstlichen Bolivia bildet, bietet
sich hier die beste Gelegenheit, die Bedingungen der wenigen und sehr
dünnen Fäden einer Halbzivilisation zu studieren, die einige Teile
des toten Herzens Südamerikas durchziehen. Eine Meile vom Flußufer
entfernt stehen wir mitten im jungfräulichen Urwald, auf allen Seiten
von Barbarei umgeben. Die Dampfschiffahrt endigt in Porto Velho, von
wo die wunderbarste und gleichzeitig abgelegenste Eisenbahn der Welt,
die Madeira-Mamoré-Bahn, den Reisenden und seine Waren an 400 Kilometer
Stromschnellen vorüberträgt, um ihn an den schiffbaren Flüssen des
wilden Benigebiets in Bolivia wieder abzusetzen.
Es ist unnötig, hier die letzten 80 Kilometer auf dem Madeira, zwischen
Humaitá und Porto Velho, wie auch die Eisenbahn zu schildern, die hier
beginnt, sich am Fluß entlang zieht und in Guajara-Merim in Bolivia
ihr Ende erreicht. Porto Velho ist eine saubere, schön angelegte, mit
Beleuchtung versehene europäische Niederlassung. Hier befindet sich die
Eisenbahnverwaltung, deren Gebäude zum größten Teil durch Drahtgaze
gegen die Moskitos geschützt sind. Die Linie wurde von Brasilien
gebaut und 1913 vollendet, nachdem es durch den Vertrag von Petropolis
einige Landkonzessionen als Entschädigung von Bolivia erhalten hatte.
Ehe die Bahn bestand, mußten alle vom Atlantischen Ozean nach Bolivia
bestimmten Waren den Amazonenstrom und den Madeira hinauf befördert,
in São Antonio umgeladen und zusammen mit den Kanus über Land getragen
werden, eine Strecke von 400 Kilometer an neunzehn Katarakten
vorbei. Will man sich die Aufgabe in ihrer ganzen Riesenhaftigkeit
klarmachen, europäische Waren in das nordöstliche Bolivia auf diesem
Weg zu schaffen, der auch kaum schlechter ist als ein anderer, so
muß man sich vorstellen, daß sie erst über den Atlantischen Ozean
nach Pará verschifft werden mußten, dann etwa 1500 Kilometer auf dem
Amazonenstrom, hierauf ungefähr 1000 Kilometer auf der schiffbaren
Flußstrecke des Madeira nach São Antonio. Dort wurden sie in flache
Kanus umgeladen, die bis zur ersten Stromschnelle hinaufzufahren
vermochten. Von hier konnten die Waren auf wochenlangem Marsch nur
noch auf dem Rücken von Eingeborenen befördert werden, und dann kam
erst eine neue Flußfahrt über viele Hunderte von Kilometer durch halb
erforschte Gegenden, wo das Fieber wütete und wilde Indianerstämme
in den umliegenden Urwäldern hausten. Alles in allem eine gewagte
Unternehmung in tropischer Hitze und Witterung, die etwa sechs Monate
in Anspruch nahm!
Der Bau der Madeira-Mamoré-Eisenbahn wurde schon 1874 begonnen, aber
mehrere Expeditionen mußten, durch Fieber, Sümpfe und feindliche
Indianerstämme gezwungen, den Plan wieder aufgeben. Schließlich
wurde er doch ausgeführt, ebenso wie der Panamakanal mit Hilfe der
ärztlichen so gut als der technischen Wissenschaft. Die Amerikaner
nennen sie mit vollem Recht die wunderbarste Urwaldbahn der Welt. Es
ist aber Tatsache, daß fast jede Schwelle dieser 367 Kilometer langen
Bahnstrecke zum Grabstein eines Menschenlebens geworden ist.
Eine romantische Persönlichkeit war es jedoch, ehe auf solche Weise
die Fälle des obern Madeira umgangen wurden, und ist es in gewissem
Sinne noch heute, die den Handel und alles sonst in diesem wilden
Gebiet beherrschte. Ihr Name ist Nicolas Saurez. Würde die Geschichte
dieses Mannes jemals geschrieben, sie gäbe eine aufregende Erzählung
des Lebens in den großen Wäldern und an den Kautschukflüssen des
Amazonengebiets. Nicolas Saurez fing als Händler an und trat in
Beziehungen zu den wilden Stämmen an den Flüssen Beni, Mamoré und
Madre de Dios, denen sich zu nähern bis dahin noch kein Weißer gewagt
hatte. Bald erlangten er und seine Brüder Konzessionen, die sich von
landesherrlichen Befugnissen kaum unterschieden. Er herrschte mit
fester Hand über die wilden Indianer. Das kleinste Vergehen oder das
mindeste Zeichen von Verräterei fand eine schreckliche Sühne. Ein
Angehöriger von Saurez’ Familie wurde von den Indianern ermordet, und
schauerliche Geschichten von der Bestrafung ganzer Stämme sind in
Umlauf.
In dem Acre-Krieg bildeten Saurez’ Irreguläre eine entscheidende
Macht. Später vernichtete er die Räuberbanden von Mischlingen, die
plötzlich die Kautschukpflanzungen raubend und mordend zu überfallen
pflegten, um sich dann über die Grenze in verhältnismäßige Sicherheit
zurückzuziehen. Ein von Saurez ausgestellter Passierschein bedeutete
für Reisende und Forscher im Benigebiet weit mehr als der Paß einer
Regierung. Bei verschiedenen Gelegenheiten hatte ich das Vergnügen,
mit einem Neffen dieses „Herrschers der Beni“ zusammenzutreffen, der
in Europa erzogen worden war. Unmöglich, einen liebenswürdigeren und
kenntnisreicheren Bolivianer zu finden! Aber Unglück und Tod setzten
schließlich seinen weitreichenden Plänen für die Entwicklung seiner
Heimat ein vorzeitiges Ziel.
In Porto Velho hörte ich von einem Stamm der Caripuna-Indianer, deren
Dorf einige Meilen flußaufwärts an dem kleinen Mutum-Paranáfluß
liegen sollte. Obwohl Wilde im vollsten Sinn des Wortes, waren diese
eigenartigen Eingeborenen doch mehr oder weniger den Eisenbahnpionieren
dieser Gegend vertraut und konnten daher nicht zu den wilden und
unbekannten Stämmen gehören, deren Spuren ich nachforschte. Trotzdem
schien mir der Besuch ihres Dorfes eine Reise von etwa 200 Kilometer
wert, da ich dort genauere Auskünfte über unzugänglichere Stämme zu
erhalten hoffen durfte. Ich brachte also meinen ganzen Kram und die
Vorräte vom „Francisco Salles“ an Land und bestieg die Mamorébahn, die
mich an der Mündung des schlammigen Flusses Mutum-Paraná absetzte.
Dank der Hilfsbereitschaft der Eisenbahnbeamten dieser Wunderlinie, die
über 3000 Kilometer von jeder Zivilisation beginnt und endigt, war ich
bald im Besitz eines Kanus und zweier „gezähmter“ Caripunasindianer,
die mich von der kleinen Niederlassung in der Nähe der Mündung am
stromschnellenreichen obern Madeira flußaufwärts bringen sollten.
Nachdem wir São Antonio passiert hatten, etwa 11 Kilometer von unserm
Ausgangspunkt Porto Velho, lichtete sich der Wald, und die Farbe
des Bodens wandelte sich von einem satten Rotbraun in ein helles,
sandfarbiges Gelb. Auf dem Weiterweg verlor sich der Dschungel in
Buschwerk, und die Fahrt ging viele Meilen lang durch Sümpfe.
Der Mutum-Paraná ist ein schmaler und seichter Fluß. Hohe, dunkle
Bäume säumen seine Ufer, das Unterholz steht aber nicht so dicht
wie wohl sonst im Amazonengebiet. Stellenweise verbirgt die Wölbung
der Baumkronen völlig den Anblick des Himmels. Alles Wachstum der
Blätter und Zweige drängt sich wipfelwärts zum Licht, so daß die
Bäume den Eindruck riesenhafter Schirme machen. Es ist eine ungesunde
Gegend, und meine zwei Kanuleute, die sich der Namen „Washington“
und „Cochrane“ erfreuten, litten beide an den Anfangsstadien der
Beri-Beri-Krankheit. Sie wurden sonst von der Verwaltung beschäftigt,
die Eisenbahnangestellten mit Fischen zu versorgen und waren ganz
freundlich und umgänglich. Gekleidet waren sie in eine Art von losen
Hemden und Hosen.
Viel Interessantes war auf diesem schlammigen und halbdunkeln Fluß
nicht zu sehen, vermutlich, weil die Mauer des Matto Grosso oder
Walddickichts jeden weitern Ausblick unmöglich machte. Was über die
unmittelbaren Uferbänke hinauslag, konnte man nur beiläufig aus der
Abwesenheit von Hügelland erschließen. Die Hitze war arg, und der
Blutdurst der Moskitos und „Piums“ noch ärger als gewöhnlich. Dazu kam
noch, daß das schwere ausgehöhlte Kanu nur ein langsames Weiterkommen
gestattete. Glücklicherweise lag das Indianerdorf näher der Mündung zu,
als wir erwartet hatten, und gerade vor Sonnenuntergang bekamen wir die
mit Palmstroh gedeckten Maloccas durch den Saum des Urwalds hindurch zu
Gesicht.
Als das Kanu am Ufer anlegte, vermochte ich eben noch wild aussehende
Gestalten zu unterscheiden, die unter den Bäumen etwa 80 Meter entfernt
im Halbkreis umherstanden. Ich griff nach dem Segeltuchsack, der die
Geschenke enthielt, und sprang an Land. Obwohl der Stamm als den
Weißen nicht offen feindlich gesinnt galt, schien es mir ratsam, die
Friedfertigkeit meiner Absichten zu betonen. Daher ließ ich alle Waffen
zurück bis auf einen Revolver in der Tasche. Als ich auf die Indianer
zukam, wichen sie weder zurück, noch näherten sie sich; sie blieben
einfach still stehen und starrten mich unruhig an. Möglich, daß ihnen
einige der Eisenbahnbeamten bekannt waren und daß sie mich für einen
von ihnen hielten. Vielleicht schien ihnen auch in meiner Begleitung
durch zwei Stammesgenossen eine Bürgschaft für meine Harmlosigkeit zu
liegen. Wie dem auch sein mag, jedenfalls kamen sie allmählich zögernd
näher, als ich nun aus dem Sack Ketten von billigen Perlen hervorzog,
Taschenmesser, kleine Spiegel und andere Geschenke. Ich unterschied
jetzt Männer, Weiber und Kinder, die alle völlig nackt waren. Man hatte
mir in Porto Velho erzählt, daß die Caripunasindianer viel unter der
Gewissenlosigkeit der Kautschuksammler zu leiden gehabt hatten, die
ihre jungen Mädchen in den Wald verschleppten, um sie nach ein oder
zwei Tagen, meilenweit vom Dorf, irgendwo zurückzulassen. Behandelte
man sie aber als Menschen, so waren sie, wie es hieß, ein vergnügtes,
fügsames, wenn auch aussterbendes Völkchen.
Dem Aussehen nach gehören die Caripunasindianer entschieden zum
mongolischen Typus. Ihre Hautfarbe ist bronzen, das Haar glänzend
schwarz. Sie tragen es vorn in Fransen geschnitten und lang über den
Rücken herabhängend. Ihr Wuchs ist klein, und sie gehen gänzlich
nackt bis auf einen dünnen Faserstrick, den die Männer um die Lenden
schlingen. Die Weiber tragen an dessen Stelle einen verzierten Gürtel.
Aber beides dient dazu, den Eindruck ihrer Nacktheit eher zu erhöhen
als abzuschwächen. Säuglinge werden von der Mutter in einer Binde um
den Nacken getragen. Kochgerätschaften scheinen sie nicht zu besitzen
außer einigen rohen, irdenen Tiegeln.
Haben die Caripunas gerade keine andere Nahrung, so füllen sie
sich den Magen, indem sie Erde essen. Man kann die Wirkung dieses
Nahrungsmittels und des „Farinha“ genannten Mandiokamehls auf den
Bildern beobachten. Es wird aus den giftigen Wurzelknollen des
Kassavestrauchs gewonnen und bildet für alle halbzivilisierten
und wilden Indianer das Hauptnahrungsmittel. In dem kleinen
Eingeborenendorf am Mutum-Paraná sah ich zum erstenmal seine
Zubereitung. Kurz nach Tagesanbruch begaben sich die Weiber des Stammes
zu den „Farinha“-Öfen aus getrocknetem Lehm, unter denen fast beständig
ein Feuer unterhalten wird. Zum Schutz gegen die tropischen Regengüsse
tragen die Ofen ein niederes Dach aus Palmstroh. Die Kassavewurzeln
werden in eine Art halbkreisförmigen Trogs gelegt, der aus dem
gespaltenen Stamm einer Miritypalme ausgehöhlt ist, und dann zu Brei
zerquetscht. Das nur roh durchgeknetete Mehl wird durch ein Fasersieb
getrieben, zu einem feinen Teig verrührt und in Kuchen geformt, die man
zuweilen einige Stunden lang gären läßt.
[Illustration: Caripunasindianer beim Bogenspannen.
Man beachte die Lendenschnur und die Grasbänder an Armen und Beinen.
Die Länge des Bogens beträgt über 2 Meter.]
[Illustration: Wilde Caripunasindianer.]
In diesem Stadium der Zubereitung der Eingeborenenfarinha enthalten
die Kuchen etwas Blausäure und sind folglich giftig. Man entfernt das
Gift, indem man den Teig unter Zusatz von Wasser in einen eigenartigen
Faserbeutel einfüllt, der beim Ziehen an beiden Enden wie eine Presse
wirkt und so Wasser und Gift ausscheidet. Dies wird mehrere Male
wiederholt, ehe man das halbgetrocknete, gelblich weiße Mehl in einen
Tiegel oder offenen irdenen Topf schüttet. Dann wird der Inhalt mit
einem Stock über dem Feuer umgerührt, bis er eine gelbbraune Farbe
annimmt und nun zur Nahrung tauglich ist. Fast alle Indianer führen
diese „Farinha“, in Blätter eingewickelt, auf Jagd- oder Kriegszügen
bei sich. Ihr Nahrungswert ist jedoch sehr gering, sie treibt den Magen
auf und macht für Bleichsucht und die Beri-Beri-Krankheit empfänglich.
Mein Boy „Washington“ wußte einige englische Worte, und mit seiner
Hilfe versuchte ich, nachdem die Geschenke verteilt waren, ein
einsilbiges Gespräch zu führen, um herauszubringen, ob noch andere
Indianerstämme in dem umliegenden Gebiet hausten. Fürs erste
erfuhr ich nur, daß die Wälder fast unbewohnt waren bis auf einige
Caripunasfamilien, die über das weite Gebiet verstreut weiter südlich
lebten. Dann kam mir der Gedanke, eine rohe Landkarte auf dem Lehmboden
der Lichtung zu skizzieren, aber die Indianer zeigten nur mehrere Male
auf eine Stelle, wo etwa Porto Velho liegen konnte, weil sie offenbar
der Meinung waren, daß ich dahin reisen wollte. So schien auch dieses
Mittel zu versagen. Die Schwierigkeit lag darin, daß ich Auskunft über
die Wohnsitze von Stämmen wünschte, die nicht zur Caripunasfamilie
gehörten.
Schon wollte ich meine Bemühungen verzweifelt einstellen, als eine
vom Mutum-Paraná nach Nordosten gezogene Linie plötzlich lebhafte
Zeichen der Verneinung hervorrief. Indem ich diese Spur aufgriff,
erfuhr ich schließlich, daß viele „Sonnen“ weit weg in jener Richtung
mächtige Krieger lebten, die den Weißen ebenso haßten wie die
Caripunasindianer. Dadurch wurde die Ansicht erfahrener Forscher
in Velho bestätigt, daß die vom Madeira weit abliegenden Wälder
gegen Nordosten zu von den Parintintins bewohnt würden. In der
Nähe von Ansiedlungen waren sie nie zu sehen, galten aber für den
wildesten Stamm in dem großen amazonischen Waldgebiet. Ich sprach
den Namen „Parintintin“ aus, begegnete jedoch nur Blicken völliger
Verständnislosigkeit. Entweder war meine Aussprache des Wortes
unrichtig oder der Stamm trug bei den Indianern einen andern Namen. Auf
spätern Reisen erklärte sich die anscheinende Verständnislosigkeit,
da die einheimische Bezeichnung für die wilden Parintintins gänzlich
verschieden klingt.
Das Indianerdorf am Mutum-Paraná bestand aus sechs
Gemeinschafts-Maloccas. In jedem befanden sich die Herdfeuer dreier
Familien, die in verhältnismäßiger Eintracht, aber ohne die leiseste
Spur einer Absonderung zu leben scheinen. Das halbdunkle Innere war
voll Rauch von den Holzfeuern, die auf dem Lehmboden verglommen. Auf
der Lichtung war ein wenig Kassave angebaut.
Die Caripunas sind recht geschickte Fischer. Die Jagd auf Großwild, wie
Jaguare, Tapire oder Hirsche ist ihnen zu anstrengend, und sie ziehen
vor, Affen zu erlegen und zu verspeisen. Viele der Eingeborenen fallen
alljährlich den Bissen der zahlreichen Giftschlangen in den Wäldern des
obern Madeira zum Opfer oder lassen in den erdrückenden Umschlingungen
der Riesenschlangen ihr Leben. Die Kinder sehen für Indianer manchmal
ganz gut aus, altern aber sehr schnell. Das übliche Heiratsalter ist
zwölf oder dreizehn Jahre.