sich die Indianer der Station, und dann ist fast stets Freundschaft das
Ergebnis. Doch wurden auch in mehr als einem Fall Versuche gemacht,
die Lager des Indianeramtes zu überfallen, und tapfere Offiziere mit
ihren Wächtern und Dolmetschern haben dabei ihr Leben eingebüßt. Wenn
erst ein gewisser Grad freundschaftlichen Verkehrs erreicht ist,
werden die Indianer entweder umsonst mit Gerätschaften für die Bebauung
der kleinen Flecken Erde versehen, die zur Urbarmachung innerhalb der
Wälder geeignet sind, oder gegen eine jährliche Entschädigung bei
irgendeiner leichten Regierungsarbeit beschäftigt. So wurden z. B. die
Paressís, eine höchst kriegerische Nation im Innern Brasiliens, dazu
verwandt, die Überland-Telegraphenlinie zu bewachen, die den Staat
von Matto Grosso mit dem Madeirafluß verbindet. Ehe mit ihnen durch
jene Mittel Frieden geschlossen worden war, hätte die Telegraphenlinie
unmöglich erbaut und über Hunderte von Kilometern dichten tropischen
Urwalds hin unterhalten werden können. Sie wäre ebenso schnell als
errichtet wieder zerstört worden, und selbst die Einrichtung einer
Kette militärischer Posten in diesen Fiebergegenden hätte nicht
vermocht, sie zu retten.
Wenn das Gebiet eines bestimmten Stammes der Zivilisation zugänglich
gemacht worden ist, verlegt man die Posten weiter hinaus in das
Riesenmeer der Wälder, das fast das ganze tropische Südamerika an
seiner breitesten Stelle auf 5000 Kilometer hin bedeckt. Aus den auf
solche Weise friedlich eroberten Gebieten werden große Flächen als
„Indianer-Reservationen“ abgeteilt, und es wird Sorge getragen, daß die
auf ihnen lebenden befreundeten Stämme von gewissenlosen Händlern nicht
ausgebeutet werden.
Die Leistungen der tapferen Schar mußten hier ausführlich erwähnt
werden, weil mehrere meiner Reisen in unerforschte Teile des Gebiets
und viel von dem, was ich zu erzählen habe, ohne ihre Hilfe und ihren
Beistand nicht zustande gekommen wären.
Gegen den 16. Juni begannen die verhältnismäßig kleinen Rationen
ihre Wirkung auf mich ausüben. Dazu kamen noch der harte Kampf
mit Stromschnellen, Wasserwirbeln und schwimmenden Hindernissen
und die Strahlen der glühenden tropischen Sonne. Das getrocknete
Schildkrötenfleisch war aufgezehrt, und von „zivilisierten“
Nahrungsmitteln, die wir in Bocca S. Manoel erhalten hatten, waren
uns nichts als einige Biskuits und etwas französische Schokolade
verblieben. Merkwürdigerweise stieß gerade an diesem Tag dem Kanu ein
anscheinend ernstlicher Unfall zu, während wir noch über 80 Kilometer
von dem ersten Vorposten der Zivilisation entfernt waren. Als wir uns
bemühten, einem daherschwimmenden Baum auszuweichen, wurde der Bug von
irgendeinem versunkenen Gegenstand eingedrückt, und das Kanu begann
sich so schnell mit Wasser zu füllen, daß wir nur durch kräftiges
Paddeln vor dem Untersinken noch eine sandige Landzunge zu erreichen
vermochten.
Der tatsächliche Schaden war nicht groß und bald wieder mit Rinde aus
dem Wald behoben, aber alles, der Rest der Biskuits und der Schokolade
mit eingeschlossen, war tropfnaß und äußerst unschmackhaft geworden.
Zu diesen kleinen Unannehmlichkeiten kam die weit schwerer wiegende
Verzögerung. Als wir wieder weiterfahren konnten, waren zwei Nächte und
ein Tag ungenützt verflossen.
Wenn man sich lange Zeit hindurch gut genährt hat, bedeutet das
zeitweise Fehlen ausreichender Nahrung nur eine Unannehmlichkeit. Aber
nach sechs Wochen eines verhältnismäßig kärglichen Speisezettels und
harter körperlicher Arbeit in tropischer Hitze folgt ein schneller
Kräfteverfall dem Mangel an Nahrung. Die Qualen des Hungers, so arg
sie auch sind, gehen bald vorüber. Was bleibt, ist das krankhafte
Gefühl einer dauernden Abspannung. Glücklicherweise waren meine beiden
Begleiter in ihren Nahrungsansprüchen nicht sehr heikel. Nach einem
höchst widerlich aussehenden braungrünen Fisch verzehrten sie noch eine
große Eidechse in halbrohem Zustand.
Kanureisen auf Flüssen des Amazonas sind so monoton, daß es zuzeiten
schwer ist, einen Tag vom andern zu unterscheiden. Die Rückfahrt
den Tapajóz hinab glich aufs Haar vielen ähnlichen Fahrten während
der folgenden Monate. Die vorbeiziehende Landschaft ist immer wild
und prägt dem Reisenden ein, daß noch mehrere Jahrhunderte vergehen
müssen, ehe auch nur ein dünner Hauch der Zivilisation die Tausende
Geviertkilometer dieser Wildnis durchdringen wird.
6. Auf dem sichtbaren Äquator.
Der Rückzug den Tapajóz hinab brachte unsere kleine Expedition an den
Rand des Untergangs. Mangel an richtiger Nahrung in der Dampfhitze
begann ernstlich fühlbar zu werden, noch ehe die letzten 130 Kilometer
zurückgelegt waren. Manche Stunden wurden mit dem Versuch verloren,
Eingeborenenmehl in mehreren Palmstrohhütten an verschiedenen Stellen
des breiten Flusses zu bekommen, denn später stellte sich heraus, daß
sie alle verlassen waren. Meine beiden Caboclos wurden allmählich
widerspenstig. Jeder versuchte, sich vom Paddeln zu drücken und
verwünschte die Eltern des andern. Mich selbst machte eine Darmstörung,
wie sie unter Weißen auf den Kautschukflüssen gewöhnlich ist, weit
weniger widerstandsfähig als sonst gegen die Wirkungen der Hitze, der
Anstrengungen und der Unterernährung.
Für einen weißen Forscher ist es abseits der Hauptrouten im
Amazonengebiet fast unmöglich, sich aus dem Fluß, den Wäldern oder von
den Eingeborenen eine richtige Nahrung zu verschaffen, außer vielleicht
gelegentlich einen schlechten Fisch und Früchten, die aber auch nicht
ohne Zeitverlust und Anstrengung zu erlangen sind und damit den Vorteil
wieder wettmachen. Unvorhergesehene Verzögerungen bei der Abreise oder
beim Rückzug führen mit Sicherheit zum Untergang, wenn nicht schon von
vornherein für ausreichende Vorräte Vorsorge getroffen ist. Auf solche
Art sind in diesem geheimnisvollen Land von unvorstellbarer Ausdehnung
schon mehr Leute zugrunde gegangen als durch die Feindseligkeit und
Hinterlist der Eingeborenen.
Glücklicherweise trat ein Umstand ein, der schon vielen Reisenden
auf diesen Flüssen das Leben gerettet hat und auch meiner kleinen
Expedition ermöglichte, Itaituba vor dem Eintritt völliger Erschöpfung
zu erreichen. Wir fuhren mit der Strömung, die auf allen Flüssen
des Amazonengebiets gegen den Hauptstrom zu gerichtet ist. Ihre
Schnelligkeit hängt gänzlich ab von der relativen Wasserhöhe des
Amazonenstroms im Verhältnis zu der des betreffenden Nebenflusses. Wenn
der große Strom selbst Hochwasser führt, staut er seine Zuflüsse so
lange zurück, bis es wieder fällt.
Zu solchen Zeiten werden Tausende von Geviertkilometer Wald
überschwemmt, und die tiefliegenden Flächen in den Flußtälern bilden
noch wochenlang ungeheure und unzugängliche Sümpfe, nachdem die
eigentliche Überflutung sich wieder verlaufen hat. Es gehört eine
beträchtliche Erfahrung dazu, alle hydrographischen, topographischen
und klimatischen Umstände in Rechnung zu ziehen, um Fehlschläge zu
vermeiden. In unserm Fall ersparte uns eine falsche Berechnung der
Strömung mehrere Hungertage. Später einmal aber schwang das Pendel
nach der andern Richtung, und ich und zwei Begleiter wurden von der
Außenwelt durch mehr als 300 Kilometer Sumpf abgeschnitten, den die
sich verlaufende Flut zurückließ.
In Santarem, wo mehrere Europäer sich aufhalten, genügte eine
Ruhewoche und ein reichhaltigerer Speisezettel, um mich und die beiden
Caboclos wieder so weit herzustellen, daß wir ohne Tränenvergießen
voneinander Abschied zu nehmen vermochten. Meine Begleiter auf der
Tapajóz-Expedition, die mir eine gewaltige Enttäuschung bereitet
hatten, kehrten in ihre Heimstätten bei Pará zurück, und ich selbst
bestieg einen wirklich prächtigen, nach Manáos bestimmten Dampfer,
der kleinen isolierten und typisch amazonischen Stadt, 1675 Kilometer
flußaufwärts am Amazonenstrom.
Die Reise den breiten, sonnenhellen Strom hinauf bis zu seiner
Vereinigung mit dem Rio Negro, unterhalb jener kleinen, wundervollen
Stadt, ist voll Reiz und Interesse. Prächtige Schmetterlinge flattern
über das Deck und farbig gefiederte Vögel fliegen, aufgeschreckt
von der Bewegung und dem Geräusch des Schiffes, über den Fluß oder
die waldbedeckten Ufer entlang. Aus dem Dunkel tauchen ungeheure,
schöngefärbte Motten, angezogen von den Lichtern auf Deck. Schwimmende,
glänzend grüne Inseln und entwurzelte Bäume bieten den geierartigen
Urubú und andern seltsamen Vögeln bequeme Ruheplätze.
Hoch über den Mauern des schweigenden, grünen Waldes zieht der Adler
des Amazonas langsam seine Kreise im tiefen Blau des Himmels. Manchmal
wird die glänzende Fläche des größten aller Ströme durch das Spiel
eines Delphins unterbrochen. Riesige Fische steigen aus der Tiefe
empor, um nach den über Bord geworfenen Überresten zu schnappen,
und weit in der Ferne fällt hin und wieder der Blick auf unbekannte
flachgipfelige Ketten, ungeheure Flächen der wie Rauch erscheinenden
tropischen Wälder und offenen Campos. Es ist die Schwelle zum
Unbekannten, die auf der Landkarte eingezeichnete Straße durch ein
kartographisch nicht aufgenommenes Gebiet so groß wie ganz Europa.
Hinter jeder Windung des Stromes, jedem Igarapé, jeder entfernten
Waldfläche liegt das Geheimnisvolle. Nur die Ufer sind erforscht, und
auch sie nicht eigentlich. Rohe Palmhütten mit halbnackten Bewohnern,
die meilenweit voneinander getrennt hausen, sind die einzigen Zeichen
der Zivilisation längs dieser Tropenstraße in dem großen toten Herz des
Kontinents.
Nachts steigt das Geheimnis aus dem unermeßlichen Schweigen, den
Blitzen, die keinen Donner hervorbringen, dem eigentümlichen Gezirp der
Insekten, den Flammen riesiger Waldbrände, denen in unserer Phantasie
Jaguare, Tapire, Hirsche, Affen, Vögel, Schlangen und Hunderte anderer
Bestien in toller Flucht zu entrinnen suchen. Das Geheimnis lauert in
dem unheimlichen Schrei der Brüllaffen, dem Geheul des Jaguars, die
weithin durch die Stile der tropischen Nacht vernehmlich sind. Ist
die Natur friedlicher gestimmt, so wandelt der große, weiße tropische
Mond den dunklen Strom in einen Pfad goldenen Lichts, von dem sich
die schlanken Palmen wie Geister abheben. Hier sind die Tropen unsrer
Vorstellungen: der sternenerhellte Fluß, der wie aus Silbersand
bestehende Strand, die übers Wasser gleitenden ausgehöhlten Kanus und
der leise warme Wind, beladen mit allen Wohlgerüchen der großen Wälder
ringsumher.
In neuester Zeit ist der Amazonenstrom auch den Touristen zugänglich
geworden. Die größte amazonische Organisation hat ihn dem Weltverkehr
erschlossen und ihre Dampfer der Führung der erfahrensten Piloten
anvertraut. Seine Geheimnisse und seine Pracht liegen offen vor jenen,
die abseits der gewöhnlichen Routen im Luxus zu reisen wünschen. Da
mein Buch den Berichten über Forschungsreisen zu den entlegenen Stämmen
der Wilden gewidmet ist, bleibt mir nur wenig Raum für allgemeinere
Schilderungen von Landschaften und Erlebnissen, so ungewöhnlich oder
interessant sie auch sonst sein mögen. Die Flußstraßen, die an dem
großen Unbekannten vorüberziehen, müssen im allgemeinen außer Betracht
bleiben. Sollte sich aber einer meiner Leser entschließen, diese
einzig dastehende Reise auszuführen, die jetzt in aller Sicherheit und
Bequemlichkeit auf einem Kursdampfer von Liverpool bis Manáos, 1600
Kilometer weit stromaufwärts, unternommen werden kann, so wird er die
Erfahrung machen, daß man einen Schuß vom Deck an fast jedem Punkt der
Fahrt abfeuern und sicher sein kann, daß selbst auf dem Hauptstrom der
Schall in einer Wildnis verhallt, die noch nie vom Fuß eines Weißen
betreten wurde.
Die kleine Niederlassung Obidos, an einem Hügel des Nordufers gelegen,
ist nur deshalb erwähnenswert, weil der Strom hier verhältnismäßig
eng wird und beide Ufer ohne dazwischenliegende Inseln sichtbar sind.
Dann verbreitert er sich von neuem und strömt zwischen den wirklich
wundervollen Wänden des großen amazonischen Urwalds dahin, der an Höhe
und Dichte des Unterholzes die Wälder am Kongo oder andern tropischen
Flüssen weit übertrifft.
Am Südufer des Amazonenstroms, zwischen Obidos und Itacoatiara, liegt
die kleine Siedlung Parintins, in der Nähe der großen Flußinsel
Tupinambaranas, auf der sich eine verlassene Stadt befinden soll.
Von der kleinen, typisch amazonischen Niederlassung zieht ein Fluß
ins Land, namens Camuma. Eine zehntägige Fahrt flußaufwärts bringt
den Reisenden zur Eingeborenenniederlassung Maues, der Heimat jenes
merkwürdigen Arzneitranks, der weit und breit im Amazonengebiet unter
dem Namen „Guaraná“ bekannt ist.
Er wird von den Mauesindianern aus einer kleinen Kletterpflanze
bereitet, die zur Familie der ~Sapindaceae~ (~Paullinia sorbilis~)
gehört und nicht nur wild in den Wäldern wächst, sondern auch angebaut
wird. Die Samen werden im November gesammelt, in der Sonne getrocknet,
leicht geröstet, zu Pulver zermahlen und unter Zusatz von Wasser zu
einer Paste verrührt. Manchmal wird diese in eine wurstähnliche Form
gebracht und so, über dem Feuer erhärtet, in Matto Grosso, Bolivia
und an den Flüssen des Amazonengebiets verkauft. Die Indianer und
Caboclos bereiten daraus ein Getränk, indem sie die harten Würste auf
der getrockneten, feilenartigen Zunge des Pirarucúfisches zerreiben
und dann dem Pulver Wasser zusetzen. Auch zu merkwürdigen Zierstücken
verarbeitet man die Paste in der Form von Alligatoren, Jaguaren, Vögeln
und Schlangen, die als Sammelgegenstände in Pará und Manáos verkauft
werden.
Guaraná ist eines der verhältnismäßig wenigen amazonischen
Arzneimittel, das in der britischen Pharmakopöe aufgeführt wird. Es
gibt nicht nur ein sehr anregendes Getränk, sondern ist auch von
anerkannter Wirkung in Fällen von Dysenterie. Im Amazonengebiet
bereitet man daraus durch Zusatz von Kohlensäure ein recht
wohlschmeckendes „Mineral“-Wasser, das an Beliebtheit mit dem
althergebrachten „Assai“ wetteifert. In Maues, wo der Extrakt von
halbzivilisierten Indianern hergestellt wird, befindet sich eine
Pflanzung von Guaranábüschen, die einem Italiener gehört. Kleinere
Mengen wurden bereits in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgeführt.
In dieser kleinen Niederlassung befindet sich auch eine Station des
Indianeramtes der Vereinigten Staaten von Brasilien. Jetzt ist sie der
Mittelpunkt der Zivilisierung der früher wilden Mauesindianer.
Kehren wir zum Amazonenstrom zurück. Tage vergehen, dann erscheinen
auf einer kleinen Lichtung des Nordufers die wenigen rosa und weiß
gestrichenen Barracas und Landhäuser von Itacoatiara oder Serpa. Dies
ist der Stapelplatz für den großen Madeirafluß, der von seiner Mündung
sich nach Süden wendet, einige 130 Kilometer oberhalb Itacoatiara. Auf
seinem über 1600 Kilometer langen Lauf aus den unerforschten Wäldern
von Matto Grosso nimmt er zahlreiche Nebenflüsse auf.
[Illustration: Krieger mit Bogen.]
[Illustration: Indianerhäuptling mit Bogen und Pfeilen.]
Wir verlassen nun den Amazonenstrom, um etwa 15 Kilometer vor Manáos
in den Rio Negro einzufahren. Das Zusammenfließen der beiden Gewässer
bietet ein eigenartiges Schauspiel. Der Rio Negro führt schwarzes
Wasser, wie sein Name besagt, das sich mitten in der gelben Flut des
Amazonenstroms in großen schwarzen Flecken und kleinen Wirbeln hält.
So deutlich scheiden sich die Wasser ab, daß der Bug des Dampfers ins
dunkle Wasser taucht, während der Stern noch vom gelben umspült wird.
Hier befinden sich auch zwei nicht mehr benützte Leuchttürme, die von
den Eingeborenen die „Steine des Poraqué“ genannt werden.
„Poraqué“ heißt der elektrische Aal, den die Eingeborenen aller
amazonischen Flüsse außerordentlich fürchten wegen der schrecklichen,
zuweilen tödlichen Schläge, die er dem nackten Körper versetzt. Auf
irgendeine Weise wurde das geheimnisvolle Licht, das früher die beiden
einsamen Türme verbreiteten, mit der Wirkung jener gefürchteten
Flußbewohner in Verbindung gebracht.
Von den im Sonnenschein strahlenden, meergleichen Fluten des Rio Negro
aus gewährt Manáos einen hübschen Anblick. Weißschimmernde Häuser,
Türme und Dächer aus mattroten kanellierten Ziegeln erscheinen im
smaragdgrünen Rahmen des tropischen Dschungels, der stellenweise
durch rotbraune Erdklippen oder das blauschwarze Wasser der kleinen
Wasserläufe oder Igarapés unterbrochen wird. Beim ersten Blick wird man
an ähnliche Bilder im Osten, in Afrika, oder selbst an den Küsten des
blauen Mittelländischen Meeres erinnert. Kaum sind wir aber gelandet,
so verschwinden diese plötzlich aufgetretenen Eindrücke wieder und wir
merken, daß diese einzige amazonische Stadt, die über 1600 Kilometer
in jeder Richtung von der Zivilisation abliegt, ihre völlig eigene
Atmosphäre besitzt.
Am auffallendsten ist die moderne Aufmachung in ihrer Abgeschiedenheit.
Im Hafen erheben sich Elevatoren und Drahtseilbahnanlagen auf
ungeheueren, längs der Uferbank schwimmenden Kais, um die Unterschiede
in der Wasserhöhe -- fast 20 Meter! -- zu überwinden. Eine schöne
Straßenbahn dient nicht nur dem Verkehr in der Stadt, sondern
läuft durch den Dschungel bis zu einem Restaurant in Flores. Ein
Kraftwerk für elektrisches Licht liefert auch Strom zum Betrieb
der Ventilationsapparate und zum Kochen. Manáos besitzt eine
Trinkwasserversorgung, verschiedene Zeitungen, die das Neueste aus der
ganzen Welt bringen, ein schönes Theater mit hauptsächlich lokalen
Talenten und die fünftgrößte Münzensammlung des Erdballs, aber keine
Eisenbahnverbindung. Von jedem Punkt der Stadt aus kann man den
wilden Dschungel in zwanzig Minuten Gehzeit erreichen, und auf dem
gegenüberliegenden Ufer sind die Alligatoren fast die einzigen Bewohner
der Igarapés. Eine Eingeborene, die am Strand des S. Raymundo benannten
Stadtteils wusch, sah ihr badendes Kind plötzlich zwischen den
Kinnladen eines mächtigen Alligators. Sie sprang ins Wasser und drückte
ihre Finger in die Augen der Bestie, die darauf den kleinen braunen
Körper wieder losließ. Gleich hinter Flores wurden einsame Fußgänger
auf der einzigen Landstraße in weitem Umkreis von Jaguaren angegriffen,
in Schußweite von der Straßenbahnlinie. Vom Turm der Kathedrale sieht
man weit über dem großen Fluß die wilden, unerforschten, schwarzgrünen
Wälder, deren ungebrochene Linien sich im violetten Dunst des Horizonts
verlieren.
Die gastfreundliche englische Kolonie besitzt ihren Klub, dessen
Beschränkungen mehr in natürlichen Umständen liegen, als einer Absicht
entsprechen. Unter diesen Verhältnissen und bei dem schlechten
Zustand meiner Gesundheit war es nur natürlich, daß der beabsichtigte
Aufenthalt von ein oder zwei Tagen auf die doppelte Zeit ausgedehnt
wurde. Bei meinen drei Besuchen von Manáos bestand die größte
Schwierigkeit immer darin, wegzukommen, ohne meine vielen Freunde dort
zu verletzen. Aber das ist kein Grund, den Leser mit Schilderungen des
gesellschaftlichen Lebens in diesem kleinen Vorposten der Zivilisation
zu langweilen.
Eine seltsame Naturerscheinung zeigt sich in dieser und andern
Gegenden des Amazonengebiets alljährlich um den 24. Juni, der
merkwürdigerweise mit dem Festtag Johannes’ des Täufers zusammenfällt.
Die Wassertemperatur oberhalb der Stadt fällt plötzlich, und das in
solchem Grad, daß kleine Fische oftmals zugrunde gehen. Die Wirkung ist
auch in der Luft längs der Ufer fühlbar, besonders am Amazonenstrom
selber. Die Ansiedler an so weit auseinanderliegenden Plätzen
wie Iquitos, Manáos und Obidos beklagen sich über die plötzliche
Kälte. Während dieser wenigen Tage kann man am Äquator beinahe eine
europäische Kleidung vertragen. Die Ursache der kalten Luft- und
Wasserströmung liegt auf dem Pazifischen Ozean. Der verhältnismäßig
warme „Chinook“-Wind streicht über die höchsten Anden, schmilzt den
Schnee und pfeift durch die rauhen Pässe. Dort verliert er seine Wärme
und zieht mit dem Schneewasser durch die tropischen Wälder und über die
Steppen des Amazonengebiets.
Einige Zeit brachte ich damit zu, mir dürftige Auskünfte über den
Aufenthalt wilder Indianerstämme in den weitentlegenen Wäldern zu
verschaffen und daneben prosaische Geschäfte zu erledigen. Eines Tages
hörte ich von einem Offizier des Indianeramtes, daß einige neue Stämme
um den achten südlichen Breitengrad vorhanden sein sollten, in den
dichten Wäldern und ungesunden Sümpfen zwischen den Flüssen Madeira und
Aripuanan.
Etwa acht Monate vorher hatte ein unbekannter Stamm, wie man erzählte,
einige halbblütige Kautschuksammler angegriffen und umgebracht, die in
jene entfernten Gegenden eingedrungen waren, ungefähr 1500 Kilometer
südlich von Manáos, an der Grenze von Matto Grosso. Einem überlebenden
Caboclo war es schließlich gelungen, sich durchzuschlagen und den
Behörden in Porto Velho am Madeirafluß Kunde zu bringen.
Der Offizier, dem ich diese Auskünfte verdankte, gehörte dem tapferen
Korps an, das als Indianerschutzamt von General Rondon im Jahre
1910 eingerichtet wurde. Artikel 219 seiner Vorschrift lautet
folgendermaßen: „Keine Mühe, keine Gefahr und kein Opfer ist zu
scheuen, wenn es sich bei der Pazifikation der wilden Indianerstämme
darum handelt, ihnen zu helfen und sie vor Ausbeutung und Unterdrückung
zu schützen.“ Ich sah den tapfern Offizier nicht wieder, hörte aber,
daß er später an der Grenze Venezuelas umgebracht worden war. Kürzlich
hatte ich noch das Vergnügen, mit ~Dr.~ Bento Martins Pereira de Lemos
zusammenzutreffen, dem alten Chef des Indianeramtes im Amazonengebiet
und mit seinem Assistenten J. Gondim. Beide waren mir in weitgehendem
Maße behilflich, endgültig einige der Stämme zu identifizieren, die
ich zu verschiedenen Zeiten auf meinen Reisen in entlegenen Gebieten
angetroffen hatte. Zuletzt sah ich ~Dr.~ Lemos zwischen einem kleinen
indianischen Knaben und einem Mädchen. Noch ein Jahr früher waren beide
Angehörige eines wilden Kannibalenstammes gewesen, dem ich in den
düstern Wäldern am Aripuananflusse begegnet war. Doch davon werde ich
in einem der nächsten Kapitel erzählen.
7. Auf dem großen Madeira in das Land der Caripunasindianer.
Nach der Abfahrt von Manáos ging es flußabwärts bis zur kleinen
Niederlassung von Itacoatiara. Dort bestieg ich den Flußdampfer
„Francisco Salles“, der den Oberlauf des Madeira befährt. Ich hoffte,
in einer der kleinen Ansiedlungen auf dem Weg oder in Porto Velho, dem
Ausgangspunkt der Madeira-Mamoré-Eisenbahn, Genaueres über den Ort zu
erfahren, wo die unbekannten Indianerstämme hausen sollten. Denn man
wird sich erinnern, daß ich über ihre Jagdgründe nicht viel mehr wußte,
als daß sie in den wilden, unerforschten, 500 Kilometer langen und 300
Kilometer breiten Wald- und Sumpfgebieten liegen sollten, die sich
zwischen den Flüssen Madeira und Aripuanan um den achten Grad südlicher
Breite als Mittellinie erstrecken.
Auch die Hilfsquellen und Forschungsmöglichkeiten in dieser Gegend
waren so unbekannt wie ihre Bewohner, und die Wahrscheinlichkeit
wichtiger Entdeckungen brachte daher alle Besorgnis vor Fehlschlägen
zum Schweigen. Der Dampferverkehr endigt an der abgelegensten Eisenbahn
der Welt, der Madeira-Mamoré-Bahn, die 400 Kilometer schäumender
Katarakte auf dem Landweg umgeht. So dachte ich, daß eine auf
Augenschein beruhende Schilderung dieser Unternehmung, die nach einem
amerikanischen Ausspruch von „~Dr.~ Lovelace und Chinin“ ausgeführt
worden war, die Zeitungsleser in Europa und den Vereinigten Staaten
wohl interessieren müßte.