Als wir endlich am Abend des 28. Mai die Gewässer des Tapajóz

verließen, um unter 8° 6′ südlicher Breite in den kleinen Martinhofluß

einzubiegen, kamen wir schneller vorwärts, da hier die Strömung

schwächer ist. Aber nun erhob sich eine neue Schwierigkeit. Alle paar

Kilometer war das enge und seichte Flußbett von den Stämmen und Ästen

umgefallener Bäume gesperrt. Eines dieser Hindernisse kostete uns 6

Stunden harte Arbeit, um den Weg für das Kanu freizumachen. Entladen

und über Land tragen konnten wir es nicht, da die Ufer sumpfig und mit

dichtem Unterholz bestanden waren. Nach zwei Tagen war es uns klar,

daß eine Durchfahrt in die Hauptverkehrsstraße des Madeiraflusses, 500

Kilometer nach Westsüdwest, unmöglich zu bewerkstelligen war, nicht nur

im Hinblick auf die bedenklich rasch abnehmenden Lebensmittelvorräte,

trotzdem wir sie täglich aus Fluß und Wald ergänzten, sondern auch

wegen einer niedern Hügelkette, die offensichtlich dem Weiterlauf

des Flusses vorgelagert war. Die Strömung nahm wieder zu, und der

Fluß wurde so schmal, daß die Baumkronen an manchen Stellen ihn

überwölbten. Das Fortstoßen mit Stangen bot die einzige Möglichkeit, um

weiterzukommen.

Am 31. Mai hatten wir unser Lager auf einer kleinen Lichtung

aufgeschlagen, die den Sonnenstrahlen kaum Zugang gewährte. An diesem

Tag entschlossen wir uns zur Umkehr, wenn auch sehr widerwillig, da

wir ein Vordringen in den Madeira für ausgeschlossen hielten. Der

Martinho kommt offenbar aus jenen niedern Hügeln, die seinen Lauf in

einer Entfernung von etwa 30 Kilometer schneiden und sich durch das

Fernrohr als eine unregelmäßige Kette von ungefähr 300 Meter Höhe

darstellen. Wir hatten gehofft, daß er in den Gy-Paraná (oder Machado),

einen Nebenfluß des Madeira, führen würde, der in diesen Fluß bei der

Niederlassung von Humaitá mündet. Die Entdeckung, daß dem nicht so war,

erfüllte uns mit großer Sorge. Denn die Lebensmittel gingen auf die

Neige, und noch hatten wir 500 Kilometer zurückzulegen, in einem wilden

Land, den Tapajóz hinab, bis Itaituba.

Unsere Lage besserte sich jedoch auf unvorhergesehene Weise. Die harte

Arbeit beim Fortstoßen des Kanus sowie das Wegräumen von Baumstämmen

und anderen Hindernissen hatte uns alle drei erschöpft. Da es von

wesentlicher Bedeutung war, die Rückfahrt, glücklicherweise mit der

Strömung, so bald als möglich anzutreten, war eine ausreichende

Nachtruhe äußerst wünschenswert. Aber während der Dunkelheit mußte

trotzdem beim Kanu und Lager Wache gehalten werden, und da meine

mittelmäßigen Fähigkeiten in der Behandlung des Fahrzeugs bei der

Talfahrt doch von wenig Nutzen waren, erbot ich mich, die Wache zu

übernehmen. Ich konnte ja dann am nächsten Tag im Kanu während der

Fahrt ausruhen.

An diesem Abend ging die Sonne in einem besonders prächtigen

Strahlenglanz unter, dessen Farbenspiel jedoch nur im Widerschein der

Flußmitte sichtbar wurde. Eine halbe Stunde später war es finster,

und über den Urwald in unserm Rücken legte sich eine lastende Stille.

Während der Tagesstunden ist die Natur der Wildnis weniger fühlbar. Das

Schnattern der Affen, das Kreischen der kleinen Papageien, das Pfeifen

der sehr häufigen Abart eines kleinen roten Vogels, das Heulen des

Jaguars, die mörderischen Schwanzschläge eines gereizten Alligators und

das Summen der Insekten bilden ebenso viele Ablenkungen. Selbst ein

Schimmer des gestirnten Himmels oder ein Strahl des Mondes dient dazu,

das nächtliche Düster des tropischen Waldes zu mildern. In den früheren

Lagern am Tapajóz war uns denn auch immer, dank der Breite des Flusses,

die eine oder andere dieser freundlichen Erscheinungen beschieden

gewesen.

Hier stiegen die Stämme der Bäume wie mächtige Säulen empor bis

zu einer Höhe von 20 Meter. Gegen den Boden zu, wo sie in grotesk

gebildete Strebepfeiler auswuchteten, mochten sie wohl einen

Durchmesser von über drei Meter haben. Unter einer riesenhaften

Itauba (~Acrodiclidium itauba~) hatten wir das Lager aufgeschlagen.

Sie besitzt ein sehr hartes, schwer faulendes Holz, das den Tausenden

von Insekten Widerstand leistet, die sonst einen schlecht gewählten

Lagerplatz zu überfallen pflegen. Von dem dämmrigen Gewölbe senkten

sich die Wedel der Miritypalmen herab. Lianen schlangen sich wie

Drahtseile um die Stämme und hingen in Schleifen und Knoten von den

Ästen, unter ihnen die Cipórebe oder Mordliane, die die Bäume in

ihre erstickende Umklammerung zieht. Jenseits der winzigen Lichtung

lag ein grauer, vermoderter, von Ameisen ausgehöhlter Baumstamm, ein

Zeuge ihrer zerstörenden Kräfte, über dem zersplitterten Unterholz.

Die Luft war schwül und drückend, von einer feuchten Kühle nach der

großen Hitze des Tages. Als das Düster zunahm, glich die Umgebung dem

nächtlichen Kirchenschiff einer Kathedrale, mit zahllosen Pfeilern,

die aus der dunklen Tiefe emporwuchsen und sich oben in der Dunkelheit

verloren.

Die völlige Finsternis wurde nur durch einen schmalen Strich des

Mondlichts in der Mitte des schnell strömenden Flusses unterbrochen.

Nur einmal während der langen Nacht drang ein Laut durch die unirdische

Stille dieser tropischen Waldwildnis. Sein Klang war so unheimlich, daß

mich ein Schauder erfaßte. Ein scharfer und durchdringender Schrei, wie

von einem Menschen, kam von einer Lichtung in der Nähe. Untersuchen war

unmöglich. Auch nur einige Schritte in den verfilzten Urwald hinein

zu machen, hätte sichern Tod bedeutet. So blieb die Herkunft des

Schreis ein Geheimnis. Wahrscheinlich war ein Bewohner des Dschungels

in die Umschlingung einer Anakonda oder zwischen die Kinnladen eines

aufgestörten Alligators geraten.

Es mag seltsam erscheinen, daß ich keinen Versuch machte, das Rätsel

des Schreis aus den Tiefen des Waldes zu lösen. Aber es war unmöglich,

während der Nacht im dichten Dschungeldickicht auf die Suche zu gehen,

und außerdem wußte ich auch, daß verschiedene Affenarten, besonders

die ~Simia mycetes~ oder Brüllaffen, unheimliche, fast menschliche,

auf weite Entfernungen vernehmliche Laute hervorbringen. Auf späteren

Reisen gewöhnte ich mich mehr oder weniger an plötzliche und unirdische

Laute während der nächtlichen Stille, da auch eine gewisse Vogelart ein

halbmenschliches Geschrei ausstößt.

Als sich die ersten helleren Streifen des neuen Tages zeigten, machten

wir uns an ein dürftiges Mahl und trafen eiligst unsere Vorbereitungen

zur Abfahrt. Während wir noch damit beschäftigt waren, ließ sich von

flußaufwärts der rhythmische Schlag von Rudern hören, begleitet von

gutturalen Rufen. Meine Flinte war in einer leeren Biskuitbüchse

verstaut, um sie bei etwaigem Kentern des Boots mitten im Wasser zu

sichern. Ehe es mir noch gelungen war, sie herauszunehmen, schoß ein

Kanu, voll von nackten Wilden, um die nächste Flußbiegung.

5. Im Land der Apiacásindianer.

Die Überraschung der Indianer war offenbar noch weit größer als unsere,

und ihr roh ausgehöhlter Baumstamm, der keinerlei Ansprüche an Form

oder Stabilität stellte, kenterte beinahe. Da sie nicht imstande

waren, in der schnellen Strömung das Fahrzeug anzuhalten, trieb es

flußabwärts und würde an unserm Lagerplatz vorbeigefahren sein, wäre

es nicht durch die Hindernisse aufgehalten worden, die unsere Reise

am vorhergehenden Tag zu einem Ende gebracht hatten. Die krampfhaften

Anstrengungen der Indianer, einem Zusammenstoß und gleichzeitig einer

Landung mitten unter uns zu entgehen, entbehrten nicht der Komik, wenn

uns auch zunächst die Alligatoren Sorge machten. Wie es kommen mußte,

kam es. Das unhandliche Fahrzeug legte sich mit der Seite gegen das

Flußhindernis und erst, nachdem wir zum Zeichen der Freundschaft unsere

Waffen ostentativ weggeworfen hatten, landete der Indianer mit seinen

drei Weibern und seinen Kindern auf dem einzigen trockenen Platz in der

ganzen Gegend.

Neugierde auf Seite der Weiber überwand bald die natürliche Scheu der

Wilden. In einer halben Stunde hatten sie alles im Lager untersucht und

wandten nun unglücklicherweise ihre Aufmerksamkeit mir zu. Es begann,

als ich meine Hemdärmel umstülpte. Zuerst blickten sie zweifelnd

auf mein Gesicht und deuteten mir durch Zeichen an, es im Fluß zu

waschen; dann kniffen sie mich in die Arme und würden, ganz gegen

meine Absicht, ihre unheilige Neugier nach der Beschaffenheit meines

ganzen Körpers auf verschiedene Weise noch weitergetrieben haben, hätte

ich nicht versucht, ihre Aufmerksamkeit durch Geschenke abzulenken.

Dadurch versetzte ich sie in einen wahren Freudentaumel. Der Vater der

Familie hatte bisher abseits gestanden. Wahrscheinlich hatte er schon

öfters Weiße gesehen und nur sein Weibervolk in der Abgeschiedenheit

der Urwälder gehalten. Jetzt grinste er begierig. Sie sprangen ohne

Rücksicht auf etwa vorhandene Alligatoren in den schmutzigen Fluß,

lachten, schrien und rollten sich im Schlamm. Dann begannen sie, ohne

sich zu reinigen, ein Lager aufzuschlagen, während wir ihren Herrn und

Gebieter über den Stand unserer Speisekammer unterrichteten.

Diese Apiacásweiber hatten bald aus Palmwedeln und mit Schlamm

bedeckten Zweigen einen rohen Unterschlupf fertig. Küchengerätschaften

schienen sie nicht zu besitzen, außer einem irdenen Tiegel. Nachdem

der Indianer, der allein bekleidet war, versprochen hatte, durch eine

Jagdbeute an Wild und Fischen unsern Vorräten aufzuhelfen, entschlossen

wir uns, noch mehrere Tage im Lager zu bleiben, ehe wir uns den Tapajóz

hinab auf die Fahrt nach Itaituba und was sonst am Amazonenstrom an

Zivilisation zu finden ist, machten.

[Illustration: Eingeborenenboote

an dem Boothdampfer bei der Abfahrt von Santarem.]

[Illustration: Caripunasindianer in einem „Einbaum“ auf dem

Mutum-Paraná.

Das Fahrzeug besteht lediglich aus einem ausgehöhlten Baumstamm. Die

Enden sind offen.]

Es zeigte sich, daß die Weiber nur selten Weiße gesehen hatten, obwohl

sie offenbar schon mit Kautschuksammlern zusammengetroffen waren, die

aber weder schwarz noch weiß sind, sondern sowohl im Gesicht wie am

Körper von einem matten Gelbbraun. Sie versuchten, durch Zeichen zu

erfahren, zu welchem Zweck wir in diese abgelegene Gegend gekommen

wären, indem sie an die riesigen Kautschukbäume klopften, wie sie

in diesen Wäldern in Massen vorkommen. Als ich den Kopf schüttelte,

schienen sie beunruhigt. Natürlich war ich nicht imstande, sie durch

Zeichen über meine Reiseabsichten aufzuklären und hatte auch nicht

den Wunsch, dies in Hinsicht auf meine Begleiter zu tun. So begnügte

ich mich mit einigen beruhigenden Gebärden. Wenigstens waren sie

so gemeint. Ich wußte, daß die Ängstlichkeit aller Waldbewohner im

Amazonengebiet, wo immer Kautschukbäume wachsen, von der barbarischen

Behandlung herrührt, die sie früher von gewissenlosen Kautschuksammlern

erfahren haben. Man zwang sie nicht nur, bei Strafe der Auspeitschung,

den kostbaren Saft zu sammeln, sondern auch unsagbare Schändlichkeiten

wurden an ihren Weibern verübt.

Nachdem die Freundschaft hergestellt war, folgte das Austauschen

vertraulicher Mitteilungen. Die Indianer gehörten zu einem Dorf, das

einige Kilometer vom Flußufer entfernt und noch nie von Sklavenzügen

der Kautschukpflanzer berührt worden war. Ehe die brasilianische

Regierung das Indianer-Schutzamt einsetzte, von dem noch zu sprechen

sein wird, waren solche Raubzüge an der Tagesordnung.

Die Apiacás bewohnen ein Waldgebiet von etwa 350 Geviertkilometer

an beiden Ufern des Tapajóz und auch am Unterlauf des Rio Manoel.

Sie sprechen die Tupisprache und haben viel Gemeinsames mit Stämmen,

die ich später in den Tälern des Madeira und Aripuanan antraf. Ihr

Charakter ist nicht ganz zuverlässig, und sie setzen allen Eingriffen

der Weißen Widerstand entgegen, haben aber der Regierung lange nicht so

viel Verlegenheiten bereitet wie die Parintintinsindianer am Gy-Paraná

und Maicy. Keiner dieser Indianer trägt Lippenschmuck, in die Lippen

eingesetzte Verzierungen aus Muschelschalen oder Bein. Die Weiber

waren bis auf einen dünnen Grasschurz völlig unbekleidet. Sie trugen

Fußringe, vermutlich als Zeichen, daß sie entweder verheiratet oder

heiratsfähig waren. Eine Witwe, die zu alt ist, um noch einen Mann zu

bekommen, schneidet beide Fußringe ab, um anzudeuten, daß sie sich mit

ihrem Los abgefunden hat. Legt sie nur einen Fußring ab, so heißt das,

daß sie bereit ist, wieder zu heiraten. Trägt aber eine verheiratete

Frau gar keinen Fußring, so bedeutet es Untreue oder daß sie gegen die

Wünsche ihres Stammes geheiratet hat. Ich glaube wenigstens, das so

verstanden zu haben, soweit eben Zeichen, Zeichnungen und nachahmende

Gebärden eine vollständige Verständigungsmöglichkeit ersetzen können.

Die Apiacás tragen ihr glänzend schwarzes Haar vorn auf der Stirn in

Fransen geschnitten und über den Rücken lang herabhängend, wie viele

andere Stämme des Amazonengebiets. Männer, Weiber und Kinder haben

die gleiche Haartracht. Die Amulette, die beide Arme zieren, sind aus

Bein oder Fasern und dienen als Schutzmittel gegen die Gefahren der

Wildnis. Die Kinder gingen völlig nackt und sahen recht gesund und

handfest aus. Der Junge, den ich auf ungefähr zwölf Jahre schätzte,

trug den dünnen Körperriemen und die Fasernhose, die beim Schlüpfen

durch das Dschungeldickicht Verletzungen verhüten sollen. Der Vater

dieser Bronzefamilie war mit Rock und Hosen aus grobem, einheimischen

Stoff bekleidet und mit einer alten Schrotflinte bewaffnet, die er aber

nicht zur Jagd gebrauchte. Er zog einen schöngeschnitzten Speer vor,

der schließlich im Tausch gegen ein gutes schwedisches Taschenmesser in

meine Sammlung überging. Weiße hatte er bereits auf den Ufern gesehen

und schien ihnen viel mehr zu mißtrauen als seine Weiber, die in ihrer

Unwissenheit glücklich waren.

Erst am zweiten Tag ihres Aufenthalts im Lager bemerkte ich, wie eins

der Weiber ein Trinkgefäß aus dem Kanu holte, um es mit Wasser aus dem

Fluß zu füllen. Nach einigen Minuten gelang es mir, das Gefäß genauer

zu betrachten, und ich muß gestehen, daß mich ein leiser Schauder des

Ekels beschlich. Es war ein menschlicher Schädel, dessen Augen-, Nasen-

und Ohröffnungen mit schmutzigem roten Lehm verstopft waren.

Die Unterhaltung ging nicht sehr rasch vonstatten, da sie durch Zeichen

geführt werden mußte. Als ich versuchte, etwas über die Herkunft dieser

greulichen Reliquie herauszubekommen, war das Ergebnis ein wenig

überraschend. Augenscheinlich handelte es sich um eine hochgehaltene

Kriegstrophäe, deren Besitz eine Quelle des Stolzes bildete. Auf

meine Fragen begann das Weib, mir mimisch einen Kampf vorzuführen.

Schließlich ergriff sie ein nacktes Kind, das uns zusah, und tat,

als ob sie seinen Kopf mit einem scharfen Messer aus Fischknochen

abschnitte. Das Geschrei des Kindes brachte den Vater herbei. Er

erschien mit einem mörderlich aussehenden Speer, der mit Büscheln aus

Vogelfedern verziert war. Aber offenbar sind die Apiacás nicht ohne

Sinn für Humor, denn er grinste, als ihm die Ursache des Geschreis

klargemacht wurde.

Nachts sollte auf einer Reihe von Sandbänken flußaufwärts auf die

Schildkrötenjagd gegangen werden. Es war eine merkwürdige Unternehmung,

an der auch die Weiber teilnahmen. Fackeln aus harzreichem Holz wurden

angezündet und die Kanus an die seichten Schlammstellen hingebracht.

Die Flammen warfen ein düsteres Licht auf die Mauern des Waldes und

die schweigende, rasch dahinströmende, schwarze Flut. Es war nicht

die Zeit des Eierlegens, daher befanden sich die Schildkröten an den

Untiefen der Sandbänke, wo sie vor den gefräßigen Alligatoren und den

beutegierigen Jaguaren in Sicherheit waren. So geschickt handhabte

der Indianer seinen langen, dünnen Speer, daß er in weniger als

einer halben Stunde drei Stück der kleineren Art aufgespießt hatte,

die Tracajaas genannt wird. Später sah ich in andern Gewässern des

Amazonas, wie man diese Geschöpfe harpunierte, mit dem Lasso oder in

Fallen fing und ihrer Eier beraubte.

In dieser Nacht schien der Urwald nicht so verlassen wie sonst. Ich

saß neben dem Feuer, obwohl die Nacht warm war, und versuchte von

einem sehr schläfrigen Apiacásindianer Auskünfte zu erhalten über die

Sitten und den Glauben dieses „wilden“ Stammes. Alles, was ich erfuhr,

war, daß die Köpfe der im Kampf getöteten Feinde als Kriegstrophäen

abgeschnitten würden. Doch war dieser Brauch kürzlich vom Administrator

in Bocca S. Manoel verboten worden. Die Apiacás glauben, daß die

Seelen der Abgeschiedenen in Vögeln oder Tieren wiedergeboren werden,

und zwar in jenen Arten, die sie selbst während ihres Lebens am

charakteristischsten zur Darstellung bringen. Den Mond halten sie für

einen bösen Geist, dessen Diener in den dunklen Gewässern der Flüsse

hausen. Sie ziehen den waghalsigen Indianer in die Tiefe, der allein

in seinem kalten, weißen Licht badet. Merkwürdigerweise spielen die

Alligatoren keine Rolle in dieser überirdischen Tragödie. Daß Baden

in Gesellschaft sicherer ist, erklärt sich durch das Herumplätschern

im Wasser. Ich versuchte das dem Indianer auseinanderzusetzen, aber

seine Antwort war verblüffend. Diese niedrigstehenden Menschenwesen

glauben, daß der Alligator den Mond ebenso fürchtet und vorzieht,

seine Mahlzeiten bei Tageslicht zu verzehren! Die Apiacás sind nicht

tatauiert, ungleich den Mundurucus, und scheinen nur sehr wenig

seltsame Zeremonien zu haben. Darin unterscheiden sie sich von den

Uaupés des brasilianischen Guyana, die den blutigen Juriparidienst

ausüben.

Es machte mir viel Verdruß, daß ich das Dorf der Apiacás im dichten

Wald nicht besuchen konnte, aber der Mangel an Lebensmitteln ließ

die Rückkehr zur Zivilisation gebieterisch erscheinen. In diesem

Zusammenhang dürfte die Erfahrung interessieren, daß der Weiße

nicht sehr lange von den Naturprodukten des Waldes zu leben vermag,

ohne der Beri-Beri-Krankheit zu verfallen. Sogar die Eingeborenen

leiden schrecklich unter dieser und andern verheerenden Seuchen. Die

Schwindsucht fordert alljährlich zahlreiche Opfer. Die an diesem und

andern Leiden Erkrankten werden bei den Halbzivilisierten in eigenen

Dörfern untergebracht, wo sie eine Zeitlang von alten Weibern gepflegt

werden. Die Unheilbaren begräbt man auf ihren eigenen Wunsch lebendig.

Ich fertigte eine rohe Kartenskizze des Flußlaufs an und erfuhr,

daß zwischen dem kleinen Martinho und den Zuflüssen des großen

Madeiraflusses keine Verbindung besteht. Nach den Angaben des Indianers

dehnten sich die niedrigen Hügel vor uns „drei Sonnen“, drei Tagereisen

weit aus. In den Wäldern jenseits der Hügel sollte ein Stamm sehr

kleiner Menschen von blasser Farbe leben. Eine Angehörige dieses

Stammes traf ich später an einem Nebenflusse des Aripuanan. Es war ein

Mädchen andern Stammes, das offenbar in Gefangenschaft geraten war. Sie

war ganz wild und maß nur vier Fuß. Dem Anschein nach gehörte sie zu

einem Nebenzweig der großen Nambiquarasfamilie von Matto Grosso, obwohl

ich mir darüber nicht sicher bin. In einem spätern Kapitel werde ich

darauf noch zurückkommen.

Am nächsten Tag beluden wir das Kanu mit Fisch, Schildkrötenfleisch,

Früchten, einer Art wilder Pfeilwurz und unsern sehr spärlichen Resten

an „zivilisierten“ Nahrungsmitteln. Dann rüsteten wir uns zur Abfahrt.

Ich tauschte einige Handelswaren gegen ein paar rohe Sammelgegenstände,

und nachdem wir noch einige Geschenke verteilt hatten, paddelten wir

den Fluß hinab und entgingen knapp einem ernstlichen Unfall beim

Wegräumen des Hindernisses, das den Einbaum des Indianers zum Anhalten

gezwungen hatte.

Auf der Rückfahrt legten wir an einem Regierungsposten nahe Bocca S.

Manoel an. In Pará war mir von dem Vorhandensein dieser Station nichts

gesagt worden. Auch meine beiden Caboclos wußten nichts von ihr, noch

war sie auf irgendeiner meiner Karten eingezeichnet. Der Administrator

befand sich irgendwo flußabwärts, aber sein Assistent hatte die Güte,

uns nicht nur mit einem kleinen, für ein bis zwei Tage ausreichenden

Vorrat an Nahrungsmitteln zu versehen, sondern mir auch den ersten

Einblick in die Aufgaben des Indianeramtes der Vereinigten Staaten von

Brasilien zu verschaffen.

Ein großer Teil der Arbeit an den Zuflüssen des Amazonenstroms wird

von den Beamten des Indianeramtes bei Nacht an den weiten Grenzen

des Unbekannten ausgeführt. Die ungeheure Fläche der kartographisch

nicht aufgenommenen Waldgebiete ist in rohe Abschnitte geteilt, und

jedem wird ein Offizier zugewiesen, mehrere bewaffnete Wächter und ein

oder zwei Dolmetscher. Während des Tages ist der tropische Dschungel

erfüllt von den Lauten des wimmelnden Tier- und Insektenlebens.

Nachts aber, wenn nichts zu hören ist, als zuweilen das Gebrüll eines

Jaguars, nehmen diese Leute ihren Posten ein auf einer hoch oben in

den Baumwipfeln erbauten Plattform. Dann senden sie mittels eines

Lautsprechers Botschaften von Freundschaft und Frieden weit über die

dunkeln, schweigenden Wälder.

Die Eingeborenen in ihren Maloccas werden durch die seltsamen Töne

geweckt und lauschen zitternd den Erzählungen von der Ankunft ihrer

blaßgesichtigen Brüder, die allen Geschenke bringen werden. Das

Merkwürdigste ist für sie, daß die Stimme aus den Wipfeln der Bäume

kommt und in ihrer eigenen Sprache redet.

Auf andern Außenstationen im Innern Brasiliens, unter den wilden

Javahés, die geschickt mit dem Blasrohr und vergifteten Pfeilen

umzugehen wissen, wurde Musik mit Erfolg zum Zweck einer „friedlichen

Durchdringung“ angewendet. Wenn das tausendfältige Lärmen der Affen,

Papageien, Jaguare, Pumas und Insekten verklungen ist und der tropische

Riesenmond seine Strahlen über den düstern Urwald sendet, schwimmen

die Töne einer Violine durch den Säulenwald. Die Wilden in ihren

versteckten Dörfern in den Tiefen der dunkeln Wälder werden von dem

Gesang eines neuen, wundervollen Vogels geweckt. Ihre Neugier erwacht,

und sie folgen den Klängen. Ohne Scheu umstehen sie im hellen Mondlicht

den Baum, der den Spieler verbirgt. Dann schweigt der Gesang und an

seine Stelle tritt eine Stimme, die in ihrer Sprache zu ihnen redet und

von all den schönen Dingen erzählt, die Abgesandte der Weißen ihnen

bringen werden. Die erschrockenen Wilden gleiten wie Schlangen in

den Schutz des dunkeln Waldes zurück, aber die Friedensbotschaft ist

ergangen und gehört worden.

Ein anderer Kunstgriff, „Anlockungsposten“ genannt, dient dazu, das

Werk der Versöhnung zu vollenden. Gassen werden durch das Dickicht

geschlagen, die von dem Lager in den Urwald hinausführen. Alle

Kilometer etwa entlang diesen bezeichneten Pfaden werden Geschenke

an die Bäume gehängt zusammen mit kurzen Botschaften in indianischen

Schriftzeichen, die die friedliche Gesinnung der Weißen klarmachen

und von noch begehrenswerteren Geschenken näher dem Lager erzählen.

Oft vergehen Monate, ehe einer der furchtsamen, aber sehr wilden

Eingeborenen im Bereich der Station erscheint. In den Stunden der

Finsternis werden die Geschenke so und so oft von den Bäumen genommen,

aber nichts geschieht dagegen. Nur wird in den Botschaften, die jedem

neuen Geschenk beigelegt sind, betont, daß Heimlichkeit bei der

Annäherung an die Bäume und das Lager unnötig ist und daß die Weißen

die Gegend verlassen werden, wenn die Indianer nicht kommen, um ihnen

für die bereits empfangenen Gaben zu danken.

Unter Wilden am Amazonas · 第 4 / 19 段