flaschengrüner Farbe, aber während Brennholz an der Barraca eingenommen
wurde, benützte ich die Gelegenheit, dieses merkwürdige Flußwasser
in einem Glas und unter dem Mikroskop zu untersuchen. Es sah nun
kristallklar aus mit nur wenigen pflanzlichen Bestandteilen an der
Oberfläche; ganz im Gegensatz zu dem schlammartigen, gelbbraunen Wasser
des Amazonenstroms. In seinem Unterlauf zieht der Tapajóz breit und
stattlich dahin zwischen Uferbänken, die bis zu beträchtlicher Höhe
ansteigen und rote Felsen zwischen den Riesen des Urwalds hervortreten
lassen. Die Schiffahrt geht aber doch nur von der Mündung bei Santarem
ungefähr 240 Kilometer weit bis zu einem Häuflein aus Luftziegeln
errichteter Hütten, das sich stolz Itaituba nennt. Über diesen Punkt
hinaus ist das Flußbett von einer Reihe gefährlicher Stromschnellen
unterbrochen, und das angrenzende Gelände ist nur halb erforscht,
obwohl Franco, Wickham und Rondon zu verschiedenen Zeiten des letzten
Jahrhunderts viele hundert Kilometer weiter vorgestoßen sind.
Das Fehlen jeglichen andern Beförderungsmittels nötigte mich in
Itaituba zum Ankauf eines geräumigen Kanus oder Batalõe. Als der
kleine Dampfer im „Hafen“ angelegt hatte, beeilte ich mich, die
bräunlichen Beamten aufzusuchen, an die ich Empfehlungsbriefe in Pará
erhalten hatte. Eine nähere Bekanntschaft mit den paar verfallenen
Vorratshäusern und Ziegelhütten des Ortes verstärkte noch meinen
Entschluß, ein Nachtquartier dort wenn möglich zu vermeiden.
Aber wehe den Plänen der Menschen in dieser geheimnisvollen Region der
Urwälder und Gewitter! Kaum hatte sich die Sonne hinter die Baumwipfel
gesenkt, als der ganze Himmel im Feuer zu stehen schien. Drei Stunden
lang hielt das Gewitter an, ohne daß das leiseste Geräusch des Donners
oder vom Aufklatschen von Regentropfen zu hören gewesen wäre. Es
blitzte nur unaufhörlich, daß die Augen fast geblendet wurden. Lautlose
Flächen- und Zackenblitze -- auch Fluß und Wald schienen den Atem
anzuhalten.
Glücklicherweise hatten wir Vorräte und Ausrüstung noch nicht
ausgeladen und brachten die Nacht an Bord des Dampfers zu. Itaituba
hat dem in privaten oder Amtsgeschäften Hierherkommenden keine
Bequemlichkeit zu bieten, die über ein Dach und eine Hängematte
hinausginge. Seine Einwohnerzahl beträgt etwa 500 Köpfe, und
bemerkenswert ist es nur als Aufenthalt von Mr. Wickham, der hier die
Samen sammelte, aus denen später die malaiischen Gummipflanzungen
hervorgingen. Gegen Mitternacht hörte das Blitzen auf, und der Regen
setzte ein. Eine zischende und tobende Sintflut drang durch die
überhitzten und gesprungenen Deckplanken, weckte während der zwanzig
Minuten ihrer Dauer uns alle an Bord und ersäufte zwei Hühner, die an
einem Stützbalken der Schiffstreppe angebunden waren.
Der nächste Morgen war von strahlender Schönheit, aber drückend heiß.
Ganz gegen meine Erwartung gelang es mir, sofort ein Batalõe für die
nicht übertriebene Summe von 15 Pfund zu erwerben. Der bisherige
Besitzer dieses sonderbaren, unangestrichenen Fahrzeugs erzählte mir,
daß Regengüsse wie der der gestrigen Nacht in dieser Jahreszeit selten
wären, außer zwischen 3 und 4 Uhr jeden Nachmittag! Im Gebiete des
untern Amazonenstroms verabredet man sich je „vor“ oder „nach“ dem
täglichen Guß. An manchen Plätzen setzt er um Mittag, an andern etwa
eine Stunde später ein. Selten hält er länger als einige Minuten an,
außer während der stärksten Regenzeit im Januar, Februar und März.
Monate später erfuhr ich am eigenen Leib, was Reisen auf unbekannten
Flüssen und durch sumpfige Urwälder während der Regenzeit in
Wirklichkeit heißt. Ich hoffe keine Wiederholung zu erleben. Für mein
erstes längeres Eindringen in die Wildnis des Amazonas hätte ich mir
aber keine günstigere Zeit wünschen können. Es war die zweite Maiwoche
und Trockenzeit, mit dem wesentlichen Unterschied, daß es zwar fast
jeden Tag, aber doch nicht den ganzen Tag hindurch regnete.
4. Die Mundurucusindianer des Waldplateaus.
Von Itaituba flußaufwärts ist der Tapajóz fast unerforscht. Die
Dampfschiffahrt findet hier ihr Ende, und die kartographisch nicht
aufgenommenen Gewässer bereiten nun ernstlich auf das weite, unbekannte
Innere vor. Nachdem wir unser Gepäck, die Lebensmittelvorräte und
die Lagerausrüstung vom Flußdampfer in das Batalõe umgeladen hatten,
verließen wir am 14. Mai die kleine, aber saubere Niederlassung, die
von der Mündung des Tapajóz 240 Kilometer flußaufwärts abliegt. Noch
kamen wir an einem Ort namens Itapeu vorüber, dann hatten wir, wenige
Stunden nach der Abfahrt von Itaituba, alle Anzeichen der Zivilisation
hinter uns gelassen.
An beiden Ufern zogen sich stellenweise dichte Wälder aus mächtigen
Bäumen hin, im Hintergrund aber, besonders gegen Südwest zu, erhoben
sich steile Felsen aus rotem Sandstein und dschungelbewachsene Hügel.
Sie bildeten den Abfall des wenig erforschten Tapajózplateaus, das
sich über eine weite Fläche hin ausdehnt: westlich bis zum Tal des
Madeiraflusses, während es gegen Süden in das Plateau von Grosso
übergeht, im Innern des Kontinents. Es wird niemals überschwemmt.
Spätere Forschungen zeigten, daß das niedere Plateau, dessen
Durchschnittserhebung über den Meeresspiegel etwa 250 Meter beträgt,
aus einem unermeßlichen Wald riesenhafter Bäume besteht, überall
durchflochten von der Cipó oder Mordrebe. Das Unterholz steht aber
gegen alle Erwartung viel weniger dicht als in den niedern Flußtälern.
[Illustration: Halbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der
„Farinha“.]
[Illustration: Moiré auf dem Amazonas.
An manchen Stellen sehen die Wasser dieses geheimnisvollen Flusses wie
gelbes Moiréband aus.]
Kilometer nach Kilometer glitt das Kanu friedlich auf dem stillen,
breiten Fluß dahin oder wurde durch Stromschnellen gezogen und mit
Stangen fortgestoßen. Solche Stromschnellen befinden sich in der
Nähe von Bella Vista und São Luis, von wo an eine Dampferverbindung
vollkommen unmöglich wäre, da unmittelbar hinter dieser kleinen,
unbedeutenden Niederlassung der Fluß durch Felsen und Stromschnellen
gänzlich gesperrt ist. Das stundenlange Herumsitzen in verkrampfter
Stellung, wie sie in einem schwerbeladenen Kanu allein möglich ist,
wäre unerträglich geworden, hätten nicht zuweilen zackige Felsen, die
schroff aus dem Wasser aufstiegen, Abwechslung in die eintönige Fahrt
gebracht. Um die Felsen herum bildeten sich Wirbel von beträchtlicher
Stärke. Für etwas aber war ich von ganzem Herzen dankbar, nämlich
die Abwesenheit der Insektenschwärme, die auf manchen Flüssen des
Amazonengebiets die Tage zu einer einzigen Qual und die Nächte kaum
weniger peinigend machen. Dieser Vorteil wurde freilich durch die
unbeschreiblich ekelhaften Gewohnheiten meiner beiden Begleiter
aufgewogen. Es war zum erstenmal, daß ich allein durch die Wildnis mit
Angehörigen einer Mischrasse reiste, deren Vokabular, abgesehen von
einem halb brasilianischen, halb indianischen Lokalpatois, aus nicht
mehr als 50 wunderlichen englischen Worten bestand, die sie im Dienst
der Dampfschiffahrtsgesellschaft auf dem Amazonenstrom aufgeschnappt
hatten.
Wir umgingen die Apuéfälle, die eigentlich aus einer Reihe von
Stromschnellen bestehen, wo der Fluß sich durch Felsenengen in einer
anscheinend wilden und verlassenen Gegend hindurchzwängen muß. Sieben
Tage später, am 23. Mai, bekamen wir einige Indianer auf einer kleinen
sandigen Strandstelle des Westufers zu Gesicht. Da wir gern einen
Führer angeworben hätten, der die Eigentümlichkeiten und Gefahren der
folgenden Flußstrecke kannte, wandten wir den Bug des Kanus gegen das
Ufer. Fast augenblicklich verschwanden die bronzefarbigen Gestalten
im Buschdickicht und erschienen auch nicht wieder, obwohl wir einen
glänzenden Fußring und einige Perlenschnüre als Geschenke auf den
Strand legten und das Kanu in den Fluß zurückstießen. Zwei Stunden
warteten wir, dann legten wir von neuem an, da es uns unklug schien,
die Geschenke bei unserm beschränkten Vorrat zu opfern, ohne dafür
einen Führer zu bekommen. Kaum hatten wir sie wieder im Kanu geborgen,
als ein Pfeil über unsere Köpfe schwirrte, worauf wir keine Zeit
verloren, in die Mitte des Flusses zurückzurudern.
Ungefährer Berechnung nach hatten wir nun etwa 220 Kilometer von den
ersten Stromschnellen an zurückgelegt, die die Dampfschiffahrt auf
dem Oberlauf dieses prächtigen Flusses wirklich unmöglich machen. Der
durchschnittliche Fortschritt betrug also stündlich nur ungefähr 3
Kilometer. Die Gründe für die Langsamkeit unseres Weiterkommens lagen
einmal darin, daß wir viel Zeit hatten damit zubringen müssen, das
schwer beladene Kanu durch die schäumende Flut zu ziehen, oft bis zur
Brust im Wasser stehend, oder es um Hindernisse herum über Land zu
tragen; zum zweiten in den voraufgegangenen Regengüssen flußaufwärts,
so daß wir eine ungewöhnlich starke Strömung beständig gegen uns hatten.
Die Uferbänke waren an mehreren Stellen unterwaschen. Während der
Hochwasserzeit, gegen Ende Juni, entstehen hier Überschwemmungsseen von
50 Kilometer Länge und 10 Kilometer Breite, weil das Hochwasser des
Amazonenstroms die Gewässer der Nebenflüsse zurückstaut. Bei unserm
spätern Rückzug den Tapajóz hinab war die Fahrt auf diesen Riesenseen
wegen der herumschwimmenden Baumstämme und anderer Hindernisse weder
sicher noch leicht.
Der übliche Regenguß, der seit Antritt der Fahrt uns alltäglich
heimgesucht hatte, blieb am 25. Mai aus. Gegen 3 Uhr nachmittags
erschien weit oben auf der breiten schimmernden Wasserfläche ein
winziger schwarzer Punkt. Zuerst dachten wir, es wäre ein ungewöhnlich
großer Baumstamm, bald aber konnten wir Ruder in der Sonne glänzen
sehen, und unsere Spannung wurde immer stärker. Schnell kam das Batalõe
auf der reißenden Strömung näher, und in weniger als fünfzehn Minuten
war es bei uns. Nachdem wir die Boote in die Mitte des Flusses gelenkt
hatten, legten wir uns Bord an Bord. Man kann sich meine Überraschung
vorstellen, als ich mich einem andern weißen Reisenden in dieser
weltentlegenen Gegend gegenübersah.
~Dr.~ Cabral, ein eifriger Sammler und Forscher im Amazonengebiet,
hatte einige Wochen auf dem Oberlauf des Tapajóz zugebracht und einen
Punkt etwa 250 Kilometer weiter flußaufwärts erreicht, jenseits der
großen Stromschnellen, die den Fluß in zwei Abschnitte teilen. Sein
Kanu war schwer beladen mit dem, was er in dieser wundervollen Gegend
gesammelt hatte. Nun kehrte er mit den Früchten seines Fleißes zur
Zivilisation zurück. Dieser unerschrockene Reisende, der damals schon
länger als 10 Jahre im Amazonengebiet zugebracht hatte, starb, wie ich
erst kürzlich erfuhr, am Fieber in einer winzigen Niederlassung an der
Grenze von Peru. Teile seiner Sammlungen befinden sich in Pará, Rio und
São Paulo. Ich verdanke ihm nicht wenig Auskünfte über die Sitten der
Mundurucusindianer.
Es war mein erstes Zusammentreffen mit diesem außerordentlichen Mann.
Später hatte ich das Glück, in Manáos mehrere Tage in seiner fesselnden
Gesellschaft während eines unfreiwilligen Ruheaufenthalts zu verleben.
Ausgestattet mit einer wunderbar widerstandsfähigen Konstitution in
einem hageren aber zähen Körper und mit weit über das Wissen eines
gewöhnlichen Arztes hinausreichenden wissenschaftlichen Kenntnissen
hatte er, entweder allein oder mit Eingeborenen, Tausende von Meilen
der ungeheuren Wildnis auf Dschungelpfaden längs der schweigenden
Flüsse durchwandert, stets gänzlich seiner Aufgabe hingegeben, neue
Stücke der Fauna und Flora des Amazonengebiets seiner Riesensammlung
einzuverleiben. Da er als Arzt die Schmerzen und Leiden der Indianer
lindern konnte, stand er in freundschaftlichen Beziehungen mit vielen
wilden Stämmen der entlegenen Fluß- und Waldgebiete; trotzdem wäre
auch er beinahe öfter das Opfer ihres angeborenen Mißtrauens gegen den
Weißen geworden. Einmal wurde er von einem Stamm von Konibosindianern
an den Ufern des Ucayaliflusses vergiftet, ein anderes Mal in den
Maloccas eines Nambiquarastammes am Juruenafluß gefangengehalten und
mit martervollem Tod bedroht, wenn der Häuptling nicht genesen würde,
den er heilen sollte.
~Dr.~ Cabral ließ sich nicht überreden, die Nacht über auf dem
Ufer zu lagern, in dessen Nähe wir zusammengetroffen waren. Wäre
es später am Tag gewesen, nach vollbrachter Arbeit, so würde ich
vielleicht mehr Erfolg gehabt haben. Er gab mir gewisse Auskünfte über
das Quellgebiet des Tapajóz, die ich in der beigedruckten Kartenskizze
verwendet habe. Unsre eigenen Reiseabsichten gingen lange nicht so
weit. Nachdem wir die beiden Kanus ans Ufer gebracht und an einem
überhängenden Baum angebunden hatten, unterhielten wir uns eine Stunde
in gebrochenem Englisch und schlechtem Portugiesisch. Dann sahen wir
das Batalõe des großen Reisenden wieder im Dunst des Tropenflusses
verschwinden. Monate später traf ich einen Angehörigen des berühmten
Indianeramts von Brasilien unter sehr ähnlichen Umständen gerade zur
rechten Zeit -- aber das ist eine andere Geschichte.
Ein Reisetag nach dem andern verstrich auf dem Tapajóz, ohne daß
unsre Mühen durch entsprechende Fortschritte belohnt worden wären.
Meine Befürchtungen wuchsen, da unsere Vorräte an „zivilisierten“
Nahrungsmitteln beständig abnahmen, die auf den Flüssen des
Amazonengebiets nur schwer zu ergänzen sind. Ich wußte, daß meine
Begleiter sich oft wochenlang von Früchten und Reptilien zu nähren
pflegten. In ihrem Plane lag es, weiterzufahren und nebst neuen
Kautschukwäldern eine Durchfahrt durch den kleinen Martinhofluß in den
Madeira aufzufinden, ohne Rücksicht auf die Ernährungsweise und eine
mögliche Erkrankung an der Geißel dieser Gebiete, der Beri-Beri-Seuche,
die durch Unterernährung entsteht. Mir, als Neuling in diesen Gebieten,
widerstand nichts so sehr als die Vorstellung, mich von Reptilien
nähren zu müssen. Bisher hatte ich niemals Schildkröten, Affen,
Eidechsen und Käfer gegessen. Einige Monate später hatte ich von all
diesen widerwärtigen Speisen, Käfer ausgenommen, gekostet, aber nie
gelang es mir, mehr als ein paar Bissen hinunterzuwürgen. Ausgenommen
hiervon ist Schildkrötenfleisch, das im Amazonengebiet als Leckerbissen
gilt.
Etwa 300 Kilometer von den Apuéfällen gelangten wir am 28. Mai zu einem
Indianerdorf an einer Biegung eines Igarapé. Durch Verteilung von
Geschenken gelang es uns, das Mißtrauen zu beschwichtigen, das, wie es
scheint, allen Reisenden von den Amazonenindianern entgegengebracht
wird. Diese Flußbewohner erwiesen sich als zum Stamm der Mundurucus
gehörig. Sie waren bis auf eine kleine Schürze gänzlich unbekleidet und
hatten die Farbe dunkler Bronze. Ihre Maloccas bestanden aus Blättern
und Zweigen und sahen wie riesige Bienenkörbe aus. Alle Arbeit scheint
von den Weibern verrichtet zu werden, während die Männer entweder
auf die Jagd gehen oder, Speer, Bogen und Pfeile schnitzelnd, faul
herumliegen. Aus großen Schalen pflegen sie eine sonderbare Mischung
zu trinken, die hauptsächlich aus Mandioka bereitet wird. Im übrigen
ist mit ihnen ganz gut auszukommen.
Wer einer kunstreichen Tatauierung ermangelt, scheint nicht heiraten zu
dürfen. Erreichen die Knaben ein gewisses Alter, das ich auf vierzehn
Jahre schätze, so wird diese Verschönerung zwangsweise an ihnen
vorgenommen. Während unserer dritten Nacht unter den Eingeborenen, als
der Mond geisterhaft über den schwarzen Baumwänden stand und auf dem
breiten Fluß wie Silber schimmerte, ertönte plötzlich der Lärm einer
Art von Tamtam. Später fand ich, daß er durch Stockschläge auf den
hohlen Stamm eines Baumes hervorgebracht wird, der Manguaré heißt.
Ich sprang aus dem kleinen Zelt, das auf der Uferbank errichtet war.
Auf dem Boden kauerte eine Gruppe von Indianern, während zwei von
ihnen einen entsetzt aussehenden Jungen in ihrer Mitte festhielten.
Der Medizinmann, der auch das Amt des Oberpriesters zu versehen
schien, murmelte mit monotoner Stimme Worte vor sich hin und rührte
gleichzeitig mit beiden Händen in einem irdenen Krug herum. Dazu
schlugen die Weiber die Hände zusammen, stampften mit den Füßen und
sangen. Der nackte Junge wurde auf den Boden gelegt, der Medizinmann
näherte sich ihm und begann, seinen Körper mit einem leuchtenden Rot zu
tatauieren. Die Farbe wird aus den Samen des Achiote (~Bixa Orellana~)
gewonnen. In den Strahlen des Mondes sah sie wie Blut aus.
Obwohl die Körperverdrehungen des Jungen verrieten, daß er Qualen
ausstand, gab er doch keinen Laut von sich, wenn der Büschel aus
Palmnadeln, mit dem die Operation ausgeführt wurde, in sein Fleisch
eindrang. Länger als eine Stunde ging das so fort, dann verkündete ein
lautes Geschrei der Weiber, daß dieser Teil der Zeremonie zu Ende war.
Der Junge stand auf und erhielt einen Bogen, Pfeile und einen Speer.
Hierauf wurde ein junges Mädchen in den Kreis gebracht, das sich heftig
sträuben mußte, was von seiten des neugebackenen Kriegers mit grotesken
Kraftäußerungen erwidert wurde. Neben mehreren Strichen und Klecksen
trug er nun einen kleinen blutroten Alligator auf seiner Brust. Er
ergriff das Mädchen bei den Haaren und zog sie gegen eine neuerrichtete
Hütte. In der Nähe des niedern Eingangs ließ er sie los, fing sie aber
sogleich wieder, als sie davonrannte. Diesmal führte er sie in den
Kreis der kauernden Wilden, nachdem ihr Widerstand offenbar gebrochen
und Untertänigkeit erzwungen war.
Wie lange diese Feierlichkeit noch gedauert haben würde, ist schwer
zu sagen, weil in diesem Augenblick schwere, schwarze Wolken über den
Mond zogen und Wald und Fluß in Finsternis hüllten. Fast gleichzeitig
ertönte das Klatschen der Regentropfen auf den Blättern. Ich eilte
auf mein Zelt zu, das ich nur undeutlich unterscheiden konnte, obwohl
es keine sieben Meter entfernt war. Das Prasseln des Regens wurde
bald zu einem lauten Toben. Blendende Blitze erhellten das dunkle
Dschungeldickicht, und der Donner rollte über die Wasserfläche. In
einer halben Stunde war das Gewitter vorüber, und ein weißer, wallender
Nebel stieg aus der üppigen Vegetation auf. Bei solchen Gelegenheiten
bedarf der reisende Weiße in den Urwäldern des Amazonas einer starken
Dosis Chinin und eines wasserdichten Schlafsacks.
Die Mundurucus bilden einen der volksreichsten und ausgebreitetsten
Indianerstämme im Gebiet des Amazonenstroms. Im Jahre 1788 vernichteten
sie ihre Erbfeinde, die Muras, in einer großen Schlacht in den
Wäldern des Tapajóz-Madeira-Plateaus. Einige Stämme leben seit
über hundert Jahren im Frieden mit den Weißen, andere, die in den
Urwäldern hausen, sind heute noch unbekannt. Erkrankt einer von den
Indianern hoffnungslos, so wird er von weiteren Leiden durch seine
Verwandten erlöst. Auch Eltern werden von ihren Kindern oft auf diese
wirksame Weise ins Jenseits befördert, wenn sie, infolge von Alter und
Kränklichkeit, an den Freuden dieses Lebens nicht mehr teilzunehmen
vermögen. Viele der Stämme sind noch recht kriegerisch. Sie bilden
Unterfamilien und haben eigene Namen, wie z. B. die Guaribos oder
Affenindianer. Ihre Sprache ist der Tupidialekt, und ihre Methoden der
Jugenderziehung haben ihnen den Namen der Spartaner des Amazonenstroms
eingebracht. Von anderen Stämmen in der Nähe werden sie Paiguize,
Kopfjäger, genannt. Das bezieht sich aber heutzutage nur noch auf die
Abteilungen, die in den weitentlegenen, unerforschten Wäldern hausen.
Am folgenden Morgen setzten wir unsere Reise nach den Fällen des oberen
Tapajóz fort. Ehe ich das Indianerdorf verließ, gelang es mir, einen
Alligatoren zu schießen, der sofort von den Mundurucus abgezogen und
zerteilt wurde. Sie verwenden das Fleisch zu verschiedenen Zwecken. Ein
Teil wird als Leckerbissen verzehrt; das Fett dient als Massagemittel
gegen alle möglichen Krankheiten, und die Zähne werden von den Weibern
aufgereiht und als Halsketten getragen.
Die Mauern des Waldes schlossen sich um den Fluß zusammen, und mehrere
Tage lang war uns kaum ein Blick auf die Gegend darüber hinaus
vergönnt. Eines Nachts lagerten wir auf dem Ostufer an einem Punkt,
wo der Hauptfluß sich verengt und ein kleines Flüßchen sich mit ihm
vereinigt. Ich hätte gerne unsere genaue Lage in dieser weiten und
anscheinend verlassenen Gegend festgestellt und suchte unter meinen
Notizen nach irgendeiner Erwähnung dieses Punktes durch andere
Reisende. Aber ich fand nichts, so weit meine Aufzeichnungen reichten,
weder bei Wickham oder Herbert Smith, der 1878 den Tapajózfluß
hinaufgefahren war, noch auf den englischen Landkarten. Es handelt
sich also wohl um einen der vielen unbenannten kleinen Flüsse dieses
wilden Landes.
Dies mag einen Begriff von den Schwierigkeiten geben, einen Fluß in
dem Labyrinth der Wasserwege des Amazonas ohne ein charakteristisches
Kennzeichen auf dem Land festzustellen. Ebenso schwer ist es, eine auch
nur einigermaßen zuverlässige Routenkarte anzulegen, die den Reisenden
aus den Arbeiten ihrer Vorgänger Vorteil zu ziehen gestatten würde.
Darin liegt vielleicht die größte Schwierigkeit bei Forschungsreisen im
entlegenen Amazonengebiet. Eigentlich ist so gut wie nichts vorhanden,
was auf systematischen Aufnahmen beruhte, weil es denen, die in diese
Gebiete vordrangen, an den nötigen wissenschaftlichen Instrumenten
fehlte, die sie auch gar nicht hätten mitführen können, selbst wenn
sie sie besessen hätten. Der Mangel an eingeborenen Trägern und die
daraus sich ergebende Notwendigkeit, das Gepäck auf ein Mindestmaß zu
beschränken, macht vieles, was geleistet worden ist, für geographische
Zwecke nutzlos. Was im Amazonengebiet ausgerichtet wurde, ist fast
völlig das Ergebnis individueller und meistens vereinzelter Leistungen,
unter Bedingungen, gegen die die Forschung in Afrika nur ein
Kinderspiel war.
Um ähnliche Erwägungen handelt es sich beim Wiedererkennen der
verschiedenen Indianerstämme. Wahrscheinlich wohnen an 400
Eingeborenenstämme auf den zweieinhalb Millionen Geviertkilometer
unbekannten Landes, das die Quellgebiete der Flüsse des Amazonas
umgibt. Alle diese Stämme leben in kleinen Familiengruppen, die
bei den nichtigsten Meinungsverschiedenheiten sich trennen, die
sich durch Heiraten vermischen, durch die schlechte Behandlung der
Kautschuksammler, besonders jenseits der Grenzen Brasiliens, versprengt
und durch mörderische Kriege gegeneinander dezimiert werden. Viele sind
Nomaden, und die geringe Bevölkerungsdichte des Gebiets ermöglicht
es diesen Familiengruppen, nach Belieben umherzuziehen und zu jagen,
ohne durch benachbarte Stämme darin beschränkt zu werden. Dazu kommt
noch die Verwirrung durch die Masse der Stamm- und Nebenstammnamen,
der portugiesischen, phonetischen und Geschlechtsbezeichnungen, so daß
jeder Versuch einer Klassifikation völlig hoffnungslos ist. Alles, was
getan werden kann, beschränkt sich auf gewissenhafte und folgerichtige
Beobachtung durch die Forscher, die in einen oder mehrere Teile dieses
unvorstellbar ausgedehnten Gebiets eindringen, in dieses Land der
dichten, düstern Wälder, verschlungenen Flüsse und Stromschnellen
und der weiten, offenen „Campos“, der Heimat geheimnisvoller
Indianerstämme, von denen viele das Vorhandensein von Weißen nicht
einmal ahnen. Davon wird später noch die Rede sein. Im vorliegenden
Werke erhalten die einzelnen Stämme die Namen, unter denen sie in ihren
jeweiligen Wohngebieten bekannt sind.