Die Mündung des Amazonenstroms, 400 Kilometer von Inseln zwischen einer

grünlichgelben Flut, trifft auf den Südatlantischen Ozean zwischen

dem zehnten Grad südlicher und zehnten Grad nördlicher Breite. Die

anstoßenden Meeresteile unterliegen dem Einfluß der nordöstlichen

und südöstlichen Passatwinde, die oft einen grauen Himmel und kurze

Nachmittagsregen mit sich bringen. Am besten wird man die Atmosphäre

mit dumpfig und feuchtheiß bezeichnen. Man kann sich kaum einen

Meeresstreifen denken, der den allgemeinen Vorstellungen von den

Tropen mehr widerspräche. Erst dann tritt eine Veränderung ein, wenn

man sich der Mündung des Amazonenstroms oder des Paráflusses nähert.

Schon in einer Entfernung von 1600 Kilometer verliert sich allmählich

das Grau des Nordost-Passats, und das wunderbare Blau des glasigen

Stilltegürtels tritt an seine Stelle. Dann bringt der Landwind

Nachmittagsregen, und die Farbe des Meeres verwandelt sich von Blau in

ein gelbliches Grün, denn der Amazonenstrom färbt den Ozean über 160

Kilometer weit.

Eine niedrige, mit Palmen besetzte Küste steigt langsam über den

Horizont: Salinas mit seinem Leuchtturm. Die weißen Gebäude von

Pará, die grüne Insel Marajó und andere Orte ziehen wie in einem

Sommernachtstraum vorüber. Alles ist eingeschlossen von den großen

tropischen Wäldern, und dem Reisenden steigt die Ahnung auf, daß hier

die Tropen seiner Träume sich befinden, der „sichtbare Äquator“, ohne

daß er Instrumente oder geographische Kenntnisse zu Hilfe riefe.

Auf etwa 5000 Kilometer folgt der Riesenstrom der Mittellinie der

Erdoberfläche.

Genug von dieser Abschweifung! Die Barkasse legte am Ufer der

Jaguarinsel an, und die funkelnden Sterne waren nur noch wie durch

einen Trichter im Ausschnitt des Baumdickichts zu sehen. Überall schloß

sich die schwarze Mauer des Urwalds um uns zusammen. Die bedrückende

Stille wurde nur durch das Summen und Schwirren zahlloser Insekten

unterbrochen. Das Aufschlagen des Lagers ist immer eine mühselige

Angelegenheit, weil es nach den Arbeiten des Tages kommt. In der

Arktis wird die Wirkung der Kälte mit dem Sinken der menschlichen

Widerstandskraft fühlbarer, und unter den Tropen scheint die Hitze

mit der Dunkelheit zuzunehmen, der Blutdurst der Insekten mit ihrer

Unsichtbarkeit zu wachsen, die dünnste Kleidung zu ersticken und

am Körper zu kleben, weil des Tages Hitze und Bürde voraufgingen.

Das erste Lager aufzuschlagen und die neue Ausrüstung in Ordnung zu

bringen, dauert natürlich länger als später, denn so sorgfältig und

systematisch das Verpacken auch vorgenommen wird, etwas Wesentliches

ist stets nicht zu finden. In diesem Fall war es der wasserdichte

Bodenbelag meines Zeltes, das ich auf Reisen außerhalb der Zivilisation

immer mit mir führe.

Schließlich war alles aus der Barkasse an Land gebracht, die unter

mühseligem Schnaufen einen Weg durch den engen Igarapé in die Parábucht

hinaus suchte und uns drei zwischen den schwarzen Mauern des Waldes

in der geheimnisvollen Stille der tropischen Nacht zurückließ.

Ein wenig ermüdet von den Anstrengungen des Lageraufschlagens und

Abendessen-Kochens in der heißen und feuchten Luft des dichten

Dschungels legte ich mich mit meiner Pfeife in die zwischen Böcken

aufgespannte Hängematte, die für die nächsten Monate meine Schlafstätte

bilden sollte. Vielleicht interessiert es den Leser zu erfahren, daß

die Südamerikaner sich quer in die Hängematte zu legen pflegen mit

einem Kissen, um den Kopf zu stützen. Es ist die einzige mir bekannte

Methode, um nicht vom Krampf gepackt zu werden, wenn man wochenlang

krummgebogen schlafen muß, mit Kopf und Füßen viel höher als der Rest

des Körpers. Die Hängematte ist einem Feldbett vorzuziehen, weil sie

dem Heer kriechender und krabbelnder Insekten weniger leicht zugänglich

ist, wie auch den Ameisen, den Herren der Wälder des Amazonas. Nötig

sind auch Moskitostiefel, die ich vorsichtigerweise anzog, nachdem

das Lager fertig war und ich meine ein wenig schwere Tourenkleidung

gewechselt hatte. Aber dadurch wurden die ersten beiden Stunden der

Nacht um nichts friedlicher. Das frische Blut des Neuangekommenen

lockte die Moskitos, meinen Nacken und meine Handgelenke in Angriff

zu nehmen. Große Motten, die vom Licht im Zelt angezogen wurden,

waren nicht minder lästig, bis Fernando den wirklich genialen Einfall

hatte, unsere kleine Petroleumlampe an einem Baum aufzuhängen, ein

paar Meter vom Lager entfernt. Fast augenblicklich verminderte sich

die Zahl und Angriffslustigkeit der verwünschten Insekten, und die

kohlpechrabenschwarze Finsternis wirkte so eintönig, daß nichts

übrigblieb als einzuschlafen.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, waren trotz eines

Patent-Moskitonetzes, das über die ganze Hängematte gezogen werden

konnte, Gesicht und Handgelenke so verschwollen und von Bissen und

Stichen entzündet, daß ich mich nicht einmal rasieren konnte. Die

Erfahrung bei ähnlichen Gelegenheiten hatte mich aber gelehrt, die

roten Stellen mit ein wenig reinem Alkohol zu behandeln, um Schmerz

und Entzündung zu mildern. Es eilte uns, mit der vorläufigen Prüfung

der Lagerausrüstung so schnell als möglich fertig zu werden. Allen

unerfahrenen Reisenden sei eine solche Prüfung aufs wärmste empfohlen,

ehe sie den Bereich der Zivilisation verlassen, wenn auch die damit

verbundene Verzögerung des eigentlichen Expeditionsbeginns noch so auf

die Nerven geht. Wir machten uns also daran, alles am vorhergehenden

Abend ans Land Gebrachte auszupacken und setzten die Arbeit eines

vollen Tages daran. Unter anderm mußten auch die Wasserflaschen gefüllt

und die Filter ausprobiert werden, die das Trinkwasser zwar klären,

aber keineswegs reinigen, so daß es nötig ist, ein oder zwei besondere

Kessel zum Abkochen mit sich zu führen.

Ein tropischer Regenguß um vier Uhr nachmittags enthüllte bald die

verwundbaren Stellen unserer Rüstung gegen Feuchtigkeit. Segeltuchsäcke

sind gänzlich nutzlos. Sie lassen Wasser durch und werden furchtbar

schwer, selbst wenn sie nur Gegenstände enthalten, die durch

abwechselndes Eingeweicht- und Von-der-Sonne-wieder-Geröstetwerden

nicht verderben. Ein Bodenbelag im Zelt aus wasserdichtem Segeltuch

ist eine Wohltat, nicht nur des Schutzes gegen Ameisen und andere

erdbewohnende Insekten wegen, sondern auch, weil er die Feuchtigkeit

beim Lagern auf sumpfigem Boden abhält. Die photographische Kamera muß

für die Arbeit im Freien aus tropensicherem Mahagoni verfertigt und

in wasserdichte Blechbehältnisse verpackt sein. Films werden am besten

zu je sechs Rollen in Blechkanistern untergebracht. Die Fugen des

Deckels verklebt man mit Heftpflaster, um das Eindringen der feuchten

Luft zu verhindern. Das Pflaster kann man abreißen, wenn man die Films

braucht, und wieder daraufpressen, nachdem man die fertigen Films in

den Kanistern verstaut hat.

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß der Sonnenstich trotz der großen

Hitze im Amazonengebiet unbekannt ist. Ob das von der Feuchtigkeit

der Atmosphäre kommt oder durch andere Ursachen bedingt wird, ist

schwer zu entscheiden. In diesem Zusammenhang mag bemerkt werden,

daß die chemische Wirkung des Lichtes für die Tropen außergewöhnlich

gering ist, soweit das Photographieren in Betracht kommt. Eine

Augenblicksaufnahme wird nur sehr wenige Einzelheiten bringen. Bei

Aufnahmen von unbewegten Gegenständen bringt eine Belichtungsdauer von

sechs Sekunden, stark abgeblendet, bei weitem die besten Ergebnisse.

Längeres Belichten ist jedoch im dichten Dschungel nötig, auch dort, wo

das Licht verhältnismäßig gut zu sein scheint.

Die Entdeckung der geringen chemischen Lichtwirkung war für mich

eine große Überraschung und kostete mich nicht wenig verdorbene und

unterbelichtete Films. Ein Mediziner, der die Sache studierte und viele

Reisen auf dem Amazonenstrom machte, leitete aus dieser merkwürdigen

Erscheinung die Abwesenheit des Sonnenstichs ab. Einerseits erspart

dieser Umstand dem Forscher die Notwendigkeit, einen Tropenhelm, einen

Nackenschützer, grüne Schleier oder Augengläser zu tragen, macht aber

andererseits die Amateuraufnahmen vom Leben der Eingeborenen in den

Urwäldern, von beweglichen Dingen, wie Vögeln und wilden Tieren, sehr

schwierig, wenn auch durchaus nicht unmöglich, sobald man erst einige

Erfahrung gewonnen hat.

Während des zweiten Tages unseres Aufenthalts auf der Jaguarinsel

hatte ich Gelegenheit, einen Einblick zu tun in den wahren Charakter

meiner beiden Halbblut-Begleiter. Ein weiterer Aufenthalt von einem

Tag vor der Rückkehr nach Pará würde es mir ermöglicht haben, einige

Versuche in Hinsicht auf die Zweckmäßigkeit der in meine beiden Kameras

eigens eingepaßten Objektive anzustellen, was durch die Entdeckung von

der geringen photographischen Lichtwirkung nötig geworden war. Obwohl

es mir eilte, weiterzukommen, schien es doch rätlich, sich erst der

vollen Brauchbarkeit jenes Instrumentes zu versichern, das fast jeder

ernsthafte Reisende als Hauptbestandteil seiner Ausrüstung mit sich

führt. Gegen diese Verzögerung erhoben aber die beiden Mischlinge

Einspruch mit der Begründung, sie verlören dadurch zu viel kostbare

Zeit. Hätte ich mir damals klargemacht, daß gegenüber Angehörigen von

Mischrassen eine entschlossene Haltung von wesentlicher Bedeutung

ist, wenn der Erfolg einer Forschungsreise nicht in Frage gestellt

werden soll, so würden mir vielleicht nicht geringe persönliche

Widerwärtigkeiten in der Zukunft erspart worden sein. Andererseits

hätten mir aller Wahrscheinlichkeit nach einige weitere Tage auf der

kleinen Insel genügt, Einblicke nicht nur in den wahren Charakter,

sondern auch in die persönlichen Gewohnheiten meiner Begleiter zu

gewinnen. In diesem Fall würde ich sie wohl unter keinen Umständen als

Begleiter an der langen und gefährlichen Reise nach dem Tapajóz-Plateau

angenommen haben.

Es ist unnütz, den Leser mit weiteren Einzelheiten der Rückkehr

nach Pará und der letzten Vorbereitungen für die Abreise meiner

kleinen Expedition zu langweilen. Wir verließen den Kai, am Ende der

Central Avenue, in dem kleinen Flußdampfer mit seinen wenigen engen

vierschläfrigen Deckkabinen und fuhren um die zahlreichen waldigen

Inseln herum in jenen Teil des Paráflusses hinaus, der den Namen der

Bucht von Marajó trägt.

Dieser Mündungsteil des großen Amazonenstroms wurde zuerst von den

Seefahrern entdeckt und „Süßwassermeer“ getauft. Die Wasserbehälter

werden meistens hier aufgefüllt, da das Wasser frisch und, wenn

filtriert, zum Genuß geeignet ist. Einige Stunden, nachdem die Nacht

sich auf die weite, schweigende Wasserfläche und die fernen Wälder

herabgesenkt hatte, kamen wir an der Mündung des Tocantinsflusses

vorüber und fuhren in den eigentlichen Amazonenstrom ein.

Was sich während der nächsten vierzehn Stunden ereignete, ist vom

Schleier des Geheimnisses bedeckt. War es die verhältnismäßige

Behaglichkeit der kleinen Kabine, deren ich mich allein, dank der

Güte der Beamten und anderer Freunde in Pará, erfreute, oder war

es die kühle Brise vom offenen, hier sehr breiten Strom her nach

den qualvollen Nächten auf der Jaguarinsel -- das vermag ich nicht

genau festzustellen. Aber jedenfalls schlief ich so gut, daß ich das

kleine, aus Fisch und Früchten bestehende Frühstück auf dem Hinterdeck

versäumte und mich mit schwarzem Kaffee und Biskuits bis zum Lunch

begnügen mußte.

Wir befanden uns nun in den berühmten Engen des Amazonenstroms. Die

Tausende von bewaldeten Inseln legen sich so zusammen, daß der reißende

Strom häufig auf weniger als 180 Meter eingeschnürt wird -- ein

Gegensatz zu den 50 Kilometer gegenüber Pará! Die gelbe Flut schießt

zwischen den grünen Inseln in mannigfachen Richtungen dahin; ein

Schauspiel großartiger tropischer Schönheit. Die zierliche Assaipalme

mischt ihre federartigen Wedel in das Blättergrün zahlloser anderer

Baumarten, Lianen hängen in Schleifen und Girlanden von den luftigen

Ästen der Urwaldriesen, gewaltige Wurzeln ragen wie Strebepfeiler aus

dem Gewirr des Unterholzes, und auf den Lichtungen und den schmalen

Igarapés wandelt sich der strahlende Sonnenschein der Tropen zum

Dämmern grünlichen Zwielichts.

Hier und da erheben sich die mit Palmstroh bedeckten Behausungen

der Caboclos, der halbblütigen Kautschuksammler, auf dünnen Pfählen

über die überfluteten Ufer. Die primitiven Hütten stehen gleichsam

im Schatten der gewaltigen äquatorialen Urwälder. Die Armut dieser

Flußleute ist oft schrecklich. Die nackten Kinder, die in den roh

ausgehöhlten Kanus spielen, dem einzigen Verkehrsmittel, tragen alle

Zeichen der Unterernährung an sich. Sich auf dem Lande zu ergehen, ist

ihnen des dichten Dschungels wegen verwehrt. Das Hauptnahrungsmittel

besteht aus Mandiokamehl, das Magenerweiterungen und Blutarmut

verursacht. Neunzig von hundert dieser Kinder sollen an Hakenwürmern,

Malaria und Bleichsucht leiden. Flußfische und Waldfrüchte bilden die

sonstige Nahrung dieser merkwürdigen Mischrasse aus Indianern und

Portugiesen, die an den Ufern der fast überall zugänglichen Flüsse des

Amazonenbeckens wohnt. An den Uferrändern der Engen des Amazonenstroms

finden sich außerdem viele Indianer, halbzivilisierte Nachkommen

der einst mächtigen Tupination. Von den Caboclos unterscheiden

sie sich durch ihren kleinen Wuchs, die braune Hautfarbe und eine

vierschrötige, muskulöse Gestalt. Sie sprechen die „Lingoa Geral“,

die als Verständigungsmittel zwischen den Portugiesen, den Caboclos

und den Indianern dient, einen verdorbenen Tupidialekt, leben in

Familien und haben seltsam verwickelte Verwandtschaftsverhältnisse.

Geschwisterkinder sind unbekannt, und alle Enkel eines Großvaters

werden als Brüder und Schwestern betrachtet!

Die Weiber gehen bei den Caboclos und Indianern halbnackt oder

in leuchtend roten Röcken; die Männer tragen selten mehr als

schmutzige Unterhosen und einen Strohhut. Ihre mit Palmstroh

gedeckten, auf Pfählen über der gelben Flut erbauten Hütten, mit

den Kronen der Riesenbäume drüber statt des Himmels, machen einen

trübseligen Eindruck. Sie bestehen aus einem Raum, der beinahe keine

Einrichtungsgegenstände, nicht einmal Kochgerätschaften enthält. Außer

einer Schilfhängematte und einigen irdenen Töpfen ist dort nichts zu

sehen. Fast den ganzen Tag bringen sie auf der von Pfählen getragenen

Plattform zu, die das einzige Wohngemach umgibt.

Zuweilen kommen sie zu einem Tanz zusammen, der meist abends

stattfindet beim flackernden Schein eines angezündeten Holzhaufens.

Die älteren Leute singen eine langsame, traurige Melodie, mit vielen

Wiederholungen, zu der sie mit Gefäßen voll trockener Erbsen, die

geschüttelt werden, eine Art Begleitung spielen. Dazu schleifen die

jungen Caboclos mit den Füßen und verdrehen den Körper, was weder

graziös noch künstlerisch aussieht. Sieht man solche Tänze im Dickicht

der großen Wälder oder am mondbeschienenen Strand mit dem dunkeln,

schweigenden Fluß vorn und der schwarzen Wand des Dschungels als

Hintergrund, von dem sich die rote Glut des Holzfeuers abhebt, so

machen die langsamen, schattenhaften Bewegungen der Gestalten und das

rhythmische Gerassel der Erbsenbehälter einen unheimlichen und im

höchsten Grad barbarischen Eindruck.

Während der letzten Tage des Juni begehen die Caboclos alljährlich

das Fest von St. Juan (Johannes des Täufers). Dabei gibt es Tänze und

seltsame Zeremonien, die ihren Höhepunkt in einer Art von Karneval

am 24. Juni erreichen. Fast jede der nah und fern über die Ufer der

30000 Kilometer schiffbarer Flüsse verstreuten Familien zündet ein

Feuer im Freien an und nimmt um Mitternacht ein wohlriechendes Bad.

In den vielen kleinen Niederlassungen längs der verschlungenen Flüsse

kommt man maskiert zusammen. Die Leute verkleiden sich als Stiere mit

Kopfschmuck und Hörnern oder als wilde Indianer mit Tukanfedern, Bogen

und Pfeilen. Wilde Musik und Tänze füllen die Stunden aus zwischen

Sonnenuntergang und Mitternacht, dann kommt das wohlriechende Bad.

Fast vor jeder Caboclohütte stehen auf der Plattform über dem Fluß

oder Sumpf irdene Töpfe, in denen gewisse Pflanzen wachsen. Sie dienen

dazu, um das Bad an jenem großen Festtag der Mischlingsbevölkerung zu

parfümieren, die das dünne Band einer Halbzivilisation an den Ufern der

vielen schiffbaren und befahrenen Flüsse des Amazonengebiets bildet.

Es sind harmlose und freundliche Leute, wenn sich auch das impulsive

Temperament der Indianer zuweilen in einer Messerstecherei Luft macht.

Obwohl die Hütten dieses Flußvolks, des Steigens der Flüsse wegen,

fast stets auf Pfählen errichtet sind, kommt es nicht selten vor, daß

die Leute bei außergewöhnlichem Hochwasser ganze Tage auf den Dächern

zubringen müssen. Die an den Stromengen Hausenden sind hauptsächlich

Cearaetze oder Eingeborene aus dem Staat Ceara, die zwangsweise aus

diesem wüstenartigen Gebiet während einer Trockenperiode deportiert

und in den feuchten äquatorialen Wäldern des untern Amazonenstroms

angesiedelt wurden. Ihre Haut- und Haarfarbe ist verhältnismäßig

hell, während die, die am Oberlauf des Amazonenstroms und an den

entlegeneren Flüssen hausen, dunkler sind und mehr den zivilisierten

Indianern gleichen. Aber es ist unmöglich, allgemein zutreffende

Angaben zu machen, weil auch Neger, d. h. freigelassene Sklaven, und

ihre Abkömmlinge sehr zahlreich sind und die Mischung der verschiedenen

Rassen allerlei Merkwürdigkeiten in Farbe und Typus hervorgebracht hat.

Nachdem die 200 Kilometer langen Stromengen durchfahren sind, gewahrt

man auf den mit dichten Wäldern bestandenen Uferbänken nur wenig

Zeichen des Lebens. Im Düster der Riesenbäume wird trockenes Land nur

selten sichtbar, und das erklärt bis zu einem gewissen Grad das Fehlen

der Fauna. Zuweilen wird die Stille der tropischen Nacht von dem fernen

Geheul eines Jaguars unterbrochen oder dem Lärmen einer aus dem Schlaf

geschreckten, schreienden Affenkolonie. Ehe in den frühen Morgenstunden

der dünne, weiße Nebel von Fluß und Dschungel verschwunden ist, kann

man häufig von der Mitte des Flusses aus das Kreischen der Papageien

und das Geschnatter der Affen hören.

Dicht am Ufer sieht man oft Papageien, Araras, weiße Reiher, Kormorane

und Enten zwischen ihren Nahrungs- und Brutplätzen hin- und herfliegen.

Zuweilen scheucht das Geräusch des Dampfers einen Königsfischer oder

Reiher auf oder man bekommt einige Schopfhühner zu Gesicht, lebende

Verbindungsglieder zwischen Pterodaktilus und Vogel. Riesenfische, mit

den Kinnladen einer Bulldogge und vorstehenden Augen, tauchen aus der

Tiefe der gelben Flut, um den Abfall der Schiffsküche aufzuschnappen,

und hoch über den gewaltigen Wäldern ziehen in schwerfälligem Flug die

schwarzen, geierartigen Urubú (Rabengeier) dahin oder kreist langsam

der amazonische Adler. Flußdelphine erscheinen gelegentlich an der

Oberfläche des Flusses, und zur Zeit des Niederwassers sind in der

Mittagshitze sich sonnende Alligatoren kein seltener Anblick.

In den Quellgebieten der abgelegenen Amazonenflüsse sind die

Alligatoren so zahlreich, daß sie eine beständige Gefahr bilden. Dort

kommt auch der Piranha genannte Kannibalenfisch vor, von dem ich später

noch mehr berichten werde.

Auf der Fahrt nach dem Tapajóz-Plateau war ich noch nicht lange genug

im Amazonengebiet, um die bittere Wahrheit der Behauptung zu verstehen:

„Hinter jedem Blatt ein Insekt und in jeder Blume wenigstens eine

Ameise.“ Zwar hatte ich den fast ununterbrochenen Lockruf der Käfer

vernommen, das Zirpen einer Art Grille, das unaufhörliche Summen und

Surren der zahllosen Insekten, aber noch keine Wespennester so groß

wie Kokosnüsse gesehen, Armeen von Sauba-Ameisen, Büsche bedeckt mit

„Micuims“, lästigen Zecken, die sich zu Hunderten unter die Haut

eingraben, wenn man durch das Dickicht des Urwalds wandert. Auch war

ich noch wenig vertraut mit der nächtlichen Tätigkeit der Sandflöhe,

Sandfliegen und der ungeheuern Spinnen, von denen manche ein rotes

Kreuz als Zeichen der Gefährlichkeit auf ihrem widerlichen Rücken

tragen. Einige wenige Schlangen hatte ich in verschiedenen Gegenden

Südamerikas zu Gesicht bekommen, aber die waren nichts im Vergleich

zu den Stücken, die ich später in den Sümpfen des Madeiragebiets

antraf. Als daher der kleine Flußdampfer sich entschloß, einige Stunden

in Santarem anzuhalten, der hübschen, kleinen Niederlassung an der

Mündung des Tapajózflusses, machte ich mich auf, die Stadt und die sie

umgebenden Dschungeln zu besuchen, um meine vernachlässigte Erziehung

zu vervollständigen.

Die Vereinigung des dunkelgrünen Tapajózflusses mit der gelben Flut des

Amazonenstroms, gegenüber Santarem, bietet einen merkwürdigen Anblick.

Die Gewässer vermischen sich nicht, sondern bilden Farbenflecken und

Miniaturwirbel weithin über die ungeheure Fläche des wie gescheckten

Stromes. Das Land an beiden Mündungsufern des mächtigen Nebenflusses

besteht aus imponierenden waldbedeckten Klippen und Hügeln. Zwischen

dem Vegetationsgeflecht wird stellenweise der rote Sandstein sichtbar.

In den tiefer gelegenen Dschungeln gibt es Palmen der verschiedensten

Art, weiter oben aber, auf dem trockenen Grund, erheben sich die Riesen

des Urwalds, und das Unterholz nimmt ab.

Hätte ich sonst keine Erfahrungen auf meiner Wanderung um Santarem

herum gemacht, so würden mir mehrere qualvolle Stunden erspart

geblieben sein. Wenn man aber einmal von den „Micuims“ gebissen wurde,

ist das beste Heilmittel „Cacash“, ein billiger, einheimischer, starker

Sprit, in dem man sich glücklicherweise auch ein Bad leisten könnte.

Er lindert die Stiche der Moskitos und die durch Hunderte von kleinen

Parasitenarten verursachten Entzündungen. Neulinge im Reisen in den

Wäldern des Amazonas pflegen über die Quälgeister noch kräftiger zu

fluchen, als über alle sonstigen Beschwerlichkeiten. Zum Glück ist der

kühle Fluß frei davon.

Als die Sonne wie gewöhnlich in einem Strahlenglanz von gelben, roten

und purpurfarbenen Wolken unterging und den stillen Strom, die Palmen,

Klippen und weißen Landhäuser in ein Meer von Gold und Karmesin

tauchte, nahm das Violett des Tapajózflusses die Farbe rötlichen

Schaumes an. Aber während die erste Asche der eben angezündeten Zigarre

zu Boden fiel, war das Feuer im Westen schon erloschen, und die

Lichter Santarems wurden von den dunklen Mauern des tropischen Waldes

aufgeschluckt.

Hinter Santarem bildet der Tapajóz eine etwa 15 Kilometer breite,

trichterförmige Bucht, die nach Süden, in das Herz des Kontinents,

hineinführt. Während der nächsten 80 Kilometer verengert er sich aber

wieder allmählich bis auf weniger als drei Kilometer bei der kleinen

Niederlassung Aveiros. Bald nach Sonnenaufgang hielt der Dampfer an

einer „Barraca“ oder einem Magazin, etwa 100 Kilometer stromauf, um

seine Vorräte an Heizmaterial zu ergänzen. Die kleinen Holzklötze

waren auf einer wackeligen Plattform aufgeschichtet, die sich dicht am

Ufer über das dunkelgrüne Wasser erhob. Abgesehen von den Kanus wird

die ganze Flußschiffahrt im Amazonengebiet mit Holzfeuerung aus den

umliegenden Wäldern betrieben. Die Bäume werden von den Caboclos, den

Sammlern von Kautschuk und brasilianischen Nüssen, gefällt, zerkleinert

und den Dampfern an den Barracas verkauft. Auch die zur Ausfuhr

bestimmten Produkte des Waldes werden hier aufgestapelt. Diese niedern

Schuppen auf ihren Holzpfählen bilden ein charakteristisches Bild an

allen stark befahrenen Flüssen des Amazonengebiets. Sie scheiden die

bekannten Routen von den unbekannten. Wo es keine Barracas gibt, können

nur Kanus zu Erforschungszwecken mit Erfolg benutzt werden.

Vor wenigen Jahren erschienen einige unerfahrene Reisende an der

Schwelle eines entlegenen Gebiets des brasilianischen Guyana in einer

sorgfältig ausgerüsteten Motorbarkasse, die sie auf dem Deck eines

Frachtdampfers mitgeschleppt hatten. Unnötig zu sagen, daß sie über

dreihundert Kilometer von der Basis ihrer Benzinversorgung nicht

hinausgelangten, und das in einem Gebiet, wo eine Kanureise von 1500

Kilometer für nichts Besonderes gehalten wird!

Unter Wilden am Amazonas · 第 2 / 19 段