####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1926 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht
mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
folgenden Symbole gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua : ~Tilden~
####################################################################
Unter Wilden am Amazonas
[Illustration: Eine schauerliche Trophäe.
Ein menschlicher Kopf aus dem oberen Amazonengebiet. Gedörrt und
eingeschrumpft mißt er nur zehn Zentimeter vom Hals bis zum Scheitel.
Die Lippen sind mit langen Baumwollfäden zugenäht.]
~CHARLES W. DOMVILLE-FIFE~
Unter Wilden
am Amazonas
Forschungen und Abenteuer bei Kopfjägern
und Menschenfressern
*
Mit 36 Abbildungen
und 6 Karten
[Illustration]
~LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1926~
+Einband und Schutzumschlag nach Entwürfen von Hanns Langenberg+
Inhalt.
Seite
1. Die Entdeckung des Amazonenstroms 9
2. Aufbruch ins Innere 21
3. Von der Jaguarinsel nach dem Tapajózfluß 32
4. Die Mundurucusindianer des Waldplateaus 48
5. Im Land der Apiacásindianer 63
6. Auf dem sichtbaren Äquator 75
7. Auf dem großen Madeira in das Land der Caripunasindianer 85
8. Ins Herz des tropischen Urwalds 107
9. Unter den Parintintinsindianern am Gy-Paraná 117
10. Das erste Zusammentreffen zwischen Weißen und Wilden 136
11. Die Entdeckung eines unbekannten Indianerstammes 147
12. Der Fluß der Itogapukindianer 159
13. Ein geheimnisvoller Felsentempel 170
14. Den Chimbiri-Yacu flußaufwärts 187
15. Die Kopfjäger der Huambisa 200
16. Unheimliche Bräuche im Land der Uitotosindianer 209
17. Die Konibosindianer am Ucayali 223
18. Unter den Vampirindianern der Pampas Sacramento 232
19. Die Chunchosindianer der Peruanischen Montaña 244
20. Im verbotenen Land der Ungoninos 254
Register 264
Abbildungen.
Seite
Eine schauerliche Trophäe Titelbild
Eingeborenenboot auf dem unteren Amazonas 16
Eingeborenenhausboot 16
Ein Gummisammler im Urwald des Amazonas 17
Halbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der „Farinha“ 48
Moiré auf dem Amazonas 49
Eingeborenenboote an dem Boothdampfer bei der Abfahrt von
Santarem 64
Caripunasindianer in einem „Einbaum“ auf dem Mutum-Paraná 65
Krieger mit Bogen 80
Indianerhäuptling mit Bogen und Pfeilen 81
Caripunasindianer beim Bogenspannen 96
Wilde Caripunasindianer 97
Itogapukmädchen 112
Die drei Unterhäuptlinge der Itogapuks 113
Itogapukweib und Kind 128
Die Frau des Itogapukhäuptlings 128
Drei g’schamige Damen 129
Ein Itogapukmädchen, zum Tanz geschmückt 144
Itogapukindianer vor ihrem Gemeinschaftshaus 145
Stärlingsnester 160
Der geheimnisvolle „Felsen der Inschriften“ am oberen Parimé 161
Mandaño-Indianer vom obern Napo 176
Ihr „Gesellschaftskleid“ 177
Zeichnungen am „Felsen der Inschriften“ (Textabbildung) 179
Schmuckbemalung der Ocainasweiber 192
Der Schluß des großen Tanzes 193
Carijonasindianer mit schweren Ohrpflöcken 208
Konibosindianer im Kusma 208
Landungsstelle am oberen Madeira 209
Zwergindianer von Matto Grosso mit einem hellfarbigen
Caripunasmädchen 224
Gruppe von Riesen-Kaschibos oder Vampirindianern 225
Häuptling der Kampasindianer 240
Zwergindianer der Pampas Sacramento 240
Chunchosindianer am Perené 241
Chunchosmädchen 256
Eingeborenenfloß auf dem oberen Amazonenstrom 257
Karten nach Skizzen des Verfassers.
1. Skizze des Gebiets des Tapajóz und des Madeira 149
2. Skizze der Steppen des Rio Branco 171
3. Skizze des Chimbiri-Yacu-Gebiets 197
4. Skizze des Gebiets des Igara-Paraná 211
5. Skizze der Peruanischen Montaña 235
6. Übersichtskarte, etwa 1 : 6500000, am Schluß des Bandes.
1. Die Entdeckung des Amazonenstroms.
Fernab von aller Zivilisation lebt in den Urwäldern am Rio Napo
ein wilder Stamm, Yáhuas genannt. Noch heutigestags tragen sie das
Haar lang herabfallend; aus Binsen geflochtene Umhänge bedecken
ihre Schultern, ebensolche Röckchen ihre Lenden, so daß sie Weibern
gleichen. Diesem Stamm verdankt das größte Stromsystem der Welt
seinen Namen: „Amazonas“, die Amazonen. Als die kleine Schar Weißer
unter dem Befehl des Francisco de Orellana in den Jahren 1539-41 von
Ecuador aus ihre berühmte Fahrt auf dem Rio Napo in den Amazonenstrom
und auf diesem bis in den Ozean hinab unternahm, hatte sie unter den
beständigen Angriffen dieser Wilden viel zu leiden.
Die Geschichten, die dann Orellana und die andern, die nach ihm dort
waren, erzählten, gaben den Anlaß, daß Herodots altes Märchen über
ein Volk streitbarer Weiber, Amazonen genannt, auf die Bewohner des
äquatorialen Amerika und in der Folge auf das ganze Gebiet und das
Flußsystem angewandt wurde. Merkwürdigerweise war aber die Mündung des
Amazonenstroms schon 39 Jahre vorher von Vincente Yañez Pinzon und
Pedro Cabral, dem großen portugiesischen Seefahrer, entdeckt worden;
am 26. Januar des Jahres 1500 fuhren ihre Galeeren in die größte
Strommündung der Welt ein.
Diese Abenteurer benannten sie „Mar Dulce“ oder „Süßwassermeer“,
wahrscheinlich der Marajó-Bai wegen, wo das Wasser außerordentlich
rein ist. Es wird noch jetzt von den Schiffen benutzt, die die untern
Strecken dieses gewaltigen Stromsystems durchfahren.
So hatte sich also das Dunkel über dem untern Amazonenstrom zum
erstenmal aufgehellt, aber noch viele Jahre brannte das Licht der
Erkenntnis nur trübe, wenn auch in Europa Flotten ausgerüstet wurden,
das neuentdeckte Land zu erforschen, „das von einem gelbfarbigen Meer
durchschnitten“ würde. Es wurde bald zum Dorado des Jahrhunderts.
Kolumbus, der ein geheimnisvolles Land „jenseits des äthiopischen
Meeres“ suchte, entdeckte Südamerika. Andere fuhren mit ihren Galeeren
in das große Ästuar ein oder an den anstoßenden Küsten entlang. In den
Erzählungen der Zurückkehrenden war die Wahrheit stark mit Dichtung
durchsetzt. Der sandige, von gelben Fluten bespülte Strand wurde zum
goldenen Uferrand eines Silbermeers, aus den „Maloccas“ zauberkundiger
Eingeborener wurden die Paläste von Manoa, wo der Dorado, der „Goldene
Mann“, wohnte, dessen Körper mit glitzernden Zechinen bedeckt war, die
Sonne, Mond und Sterne überstrahlten.
Blühende Bilder einer erregten Phantasie waren also die Triebkraft,
die Körper und Geist der europäischen Abenteurer zu ungeahnter
Leistungsfähigkeit anspornte. Auch Gonzalo Pizarro, ein Bruder des
Eroberers von Peru, stand ganz im Bann der Mythen und Fabeln seines
Zeitalters. Im Jahr 1539 sammelte er im Hoheitsgebiet seines Bruders
eine Schar von Abenteurern um sich, machte sich von Peru landeinwärts
auf den Weg, überstieg die Anden und durchquerte Ecuador in dem
Bestreben, das „Süßwassermeer“ aufzufinden, das man damals jenseits des
Festlands vermutete. Er hatte übrigens geschworen, dem Dorado in Manoa
die Rüstung von goldenen Zechinen zu entreißen. Wie viele andere, die
während der nächsten Jahrhunderte seinen Fußtapfen folgten, scheiterte
er an den Millionen Geviertmeilen der äquatorialen Wälder, Flüsse und
Sümpfe.
Trotzdem war sein monatelanges Umherwandern in den Bergen von Ecuador
nicht ergebnislos, wenn er auch von seiner wichtigsten Entdeckung
erst erfuhr, als ein anderer den Erfolg eingeheimst hatte. Im Laufe
seiner Forschungen hatte er seine kleine Schar nahe an die Quelle des
Napo gebracht, eines mehr oder weniger schiffbaren Nebenflusses des
„Süßwassermeers“. Von den Eingeborenen hatte er eine Menge reines Gold
eingehandelt, das, zweifellos irrtümlich, auf 45 Tonnen geschätzt
wurde. Diesen Schatz vertraute er seinem Leutnant Francisco de Orellana
an, der ein rohes Boot baute, das Gold daraufbrachte, die Überreste der
abenteuerlichen Schar verließ und sich auf dem Rio Napo einschiffte,
mit der Absicht, Lebensmittel für die Mitglieder der Hauptexpedition
zu beschaffen, die dem Verhungern nahe waren. Die starke Strömung des
Flusses verhinderte ihn jedoch an der Rückkehr, um so mehr, als sich
nirgends Gelegenheit bot, Lebensmittel zu bekommen.
Ob Orellana die Möglichkeit gehabt hätte, sich gegen die Strömung
zurückzuarbeiten und wieder mit dem Rest der Expedition zu vereinigen,
ist fraglich. Prescott und andere behaupten, es sei möglich gewesen.
Dieses Urteil wurde offenbar auch von dem Gerichtshof geteilt, vor
dem sich Orellana nach seiner Rückkehr nach Spanien wegen Verrats zu
verantworten hatte. Außerdem wird diese Meinung vom Pater Carvajal
verfochten, der die Geschichte von Pizarros Unternehmung schrieb.
Die verlassenen Konquistadoren schlugen sich unter Pizarros Führung
nach Nordosten durch, gelangten auf dem Cassiquare in den Orinoko und
kehrten schließlich von der Küste Venezuelas nach Spanien zurück. War
es auch diesem Teil der Expedition nicht gelungen, den Amazonenstrom zu
entdecken, so hatte er doch, wie ein Blick auf die Karte zeigt, eine
der wundervollsten Taten in der Forschungsgeschichte vollbracht.
Über dem Oberlauf des Amazonenstroms lichtete sich nun das Dunkel.
Orellana gelang die fast unglaubliche, aber geschichtlich bezeugte
Fahrt den 2000 Kilometer langen Napo hinab und 3500 Kilometer auf dem
Amazonenstrom bis ins offene Meer! Er brachte den ihm von Pizarro
anvertrauten Schatz nach Spanien und berichtete über seine Abenteuer
auf der berühmten Reise: während der ganzen Fahrt napoabwärts sei
er ständig von kriegerischen Weibern angegriffen worden, sie hätten
eine mattbronzene Hautfarbe, lange blonde Haare und seien mit
Pfeilen, Schilden und Speeren bewaffnet. Ob er die Yáhua-Indianer des
Napogebiets mit ihrem langen Haar und ihren Schulterumhängen und kurzen
Röckchen aus Gras wirklich für ein Volk streitbarer Weiber hielt, die
die Männerherrschaft abgeschüttelt hatten, muß dahingestellt bleiben.
Sicher jedenfalls ist, daß solche und ähnliche Geschichten diesem
riesigen Strom und dem noch heute großenteils unbekannten angrenzenden
Gebiet den Namen „Amazonas“ verschafft haben. Einer dieser Berichte
betrifft einen Indianerstamm, der jetzt die Serra de Parentins, an der
Grenze der brasilianischen Staaten Pará und Amazonas, bewohnt, bei dem
früher die Weiber mit den Männern in den Kampf zogen, um verschossene
Pfeile und Speere zu sammeln.
Von Englands Küsten sind im goldenen Zeitalter der Abenteurerfahrten
-- unter der Regierung der Königin Elisabeth -- zum erstenmal Schiffe
nach Westindien abgesegelt. Auf der Suche nach dem geheimnisvollen
Dorado, dessen Schätze den abenteuerlustigen Kaufleuten Spaniens
zuflossen, fuhren einige in die Mündung des Amazonenstroms ein. Der
bedeutendste unter den Anführern jener Tage war Sir Walter Raleigh, der
Günstling der Königin. Am 5. Februar 1595 trat er die Fahrt nach der
Insel Trinidad an, und es gelang ihm, sie den Spaniern zu entreißen.
Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Festland zu, querte den
schmalen Arm des Karibischen Meers und fuhr den Orinoko hinauf. Ehe ihn
Krankheiten und Todesfälle unter der Mannschaft zum Rückzug zwangen,
glückte es ihm, in freundschaftliche Beziehungen mit einigen der
wilden Volksstämme zu treten, die das Waldgebiet des Orinoko und des
Amazonenstroms bewohnen. Von ihnen wollte er von einer goldenen Stadt
weit im Innern gehört haben. In Raleighs Reiseberichten war Phantasie
und Wirklichkeit so verwoben, daß sich nur wenig oder nichts mit ihnen
anfangen ließ. Aber sie reizten doch die Begierde der Abenteurer, über
das spanische Gebiet hinaus in jenes Dorado einzudringen, das von
kriegerischen Weibern verteidigt wurde.
Alle die schwächlichen Versuche anzuführen, die gemacht wurden, um
den Schleier des Geheimnisses über der verwirrend ungeheuern Weite
des unbekannten Amazonengebiets etwas mehr zu lüften, wäre ein
ermüdendes, ja fast aussichtsloses Unternehmen. Nur einige Namen
berühmter Erforscher mögen genannt werden, die das ihrige beigetragen
haben zu unserer auch heute noch dürftigen Kenntnis von jenen düsteren
Dschungeln, ausgebreiteten Graswüsten, Bergketten, verschlungenen
tropischen Flüssen, von Reptilien wimmelnden Sümpfen, sonderbaren
Menschenrassen und wilden Tieren. Viele, deren Namen und Taten völlig
verschollen sind, haben zwischen den schweigenden Mauern jener
Millionen von Meilen bedeckenden Urwälder so außerordentliche Taten von
Forscherkühnheit, Ausdauer und Opfermut geleistet, daß ihre Berichte
-- lägen sie der zivilisierten Welt im Druck vor -- als Heldengedichte
des Abenteuers auch noch in einer abgestumpften und ausschließlich dem
Wirtschaftlichen zugewandten Zeit wie der unsern gefeiert würden, die
jedes Interesse am Heroismus des Forschens so gut wie verloren hat.
Von den bekannteren Erforschern jenes wilden Gebiets seien angeführt:
Orellana, der Entdecker des Oberlaufs des Amazonenstroms; der
Jesuitenmissionar Acunas, der die Niederlassungen der Eingeborenen
längs dem Hauptstrom 1698 besuchte; Fritz 1717; Bourdonnais 1733 und
der große Reisende des 18. Jahrhunderts, Humboldt, 1799. Dann Alamada
1787; Montravel 1843; Selfridge 1882; Rodrigues 1875; Shaw 1883 und
Caudeau 1892. Ferner die Vertreter bedeutender gelehrter Gesellschaften
wie Martius und von Spix 1819; der Naturforscher Wallace 1848; der
Entomologe Bates 1849; der Botaniker Spruce 1860; Agassiz, der sein
Augenmerk hauptsächlich auf die Fische richtete, 1866; Chandleß 1880
und Stradelli 1889.
Andere wurden ein Opfer des Fiebers, des Giftes, der verheerenden
Beri-Beri-Krankheit, der Malaria, des Bisses giftiger Schlangen oder
der Grausamkeit menschenfressender Stämme; so Emile Robuchon, von dem
niemals eine Spur gefunden wurde, wenn auch allgemein angenommen wird,
daß er von den Carijonas-Indianern umgebracht und aufgefressen wurde;
du Murez, der an einer durch einen vergifteten Pfeil verursachten
Wunde im Urwald des obern Madeiragebiets starb; Pinzon und Cabral, die
am Fieber zugrunde gingen; die Teilnehmer der ersten unglücklichen
amerikanischen Madeira-Mamoré-Expedition, die unter dem gemeinsamen
Ansturm des Hungers, mordlustiger Indianer und des gelben Fiebers im
Zwielicht der Urwälder ein tragisches Ende fanden; die Prospektoren von
Iquitos, die von den Huambisastämmen am Santiagofluß getötet wurden,
und Kroehle, der an den Wunden starb, die Kaschibosindianer der Pampas
Sacramento ihm geschlagen hatten.
Dann sind jene zu nennen, die den ungeheuern Wäldern lebend entrannen,
und durch die die Welt all das erfuhr, was sie jetzt über jene
geheimnisvollen Gebiete weiß: an erster Stelle Baron Sant’ Anna
Nery, der berühmte brasilianische Schriftsteller, der einen großen
Teil seines Lebens im unbekannten Amazonengebiet zubrachte; dann
Henry Savage-Landor, der 1911 mit Unterstützung der brasilianischen
Regierung eine große Strecke des 11. Breitengrades zwischen den Flüssen
Araguay und Mamoré durchquerte; J. F. Woodroffe, der zwischen 1905
und 1913, fast acht Jahre lang, die Flüsse des Amazonenstrombeckens
durchforschte; Theodore Roosevelt wegen seiner Reise zum Aripuanan
und dem „River of Doubt“; Oberst Fawcett, dessen Werk über die Grenze
rühmlich bekannt ist; der verstorbene Oberst Saurez, für den die
Gebiete von Beni und Acre in Bolivia und Brasilien ein offenes Buch
waren; Wickham, der das Tapajóz-Madeira-Plateau durchforschte und Samen
des Kautschukbaums mitbrachte, aus denen später die Gummipflanzungen
in Asien entstanden; Earle Church, der amerikanische Ingenieur und
Erbauer der Mamoré-Eisenbahn; dann für Forschungen im Gebiet des Beni
und des Madre de Dios Leutnant Maury und M. d’Orbigney, in Guyana Sir
Everard im Thurn, auf dem untern und dem obern Amazonenstrom Algot
Lange, im nordöstlichen Peru G. M. Dyott und in jüngster Zeit viele
andere, von denen der Verfasser innerhalb und außerhalb der Grenzen der
Zivilisation manche traf und deren Namen auf den folgenden Blättern
noch erscheinen werden.
Keinesfalls unerwähnt dürfen die tapferen Offiziere und Beamten des
brasilianischen Indianeramtes und des Überland-Telegraphendienstes
bleiben, wie General Rondon, Bento Lemos und andere, deren Leistungen
unter den wilden Indianerstämmen außerhalb Südamerikas viel zu wenig
bekannt sind.
Alle, die in den großen tropischen Urwäldern gelebt oder sie
durchzogen haben, dürften darin übereinstimmen, daß eine Armee von
Forschungsreisenden, zehnmal so groß als die Zahl der Männer, die
bisher das Amazonengebiet durchwandert haben, nicht ausgereicht hätte,
um alle Geheimnisse dieser düstern, barbarischen, undurchdringlichen
und unvorstellbar ausgedehnten äquatorialen Wald-, Fluß- und
Sumpfwildnis aufzuhellen. Sobald man die Wasserwege verläßt und in den
Dschungel eintritt, ganz gleich unter welchem Breiten- und Längengrad,
steht man auf der Schwelle zum Unbekannten, vor dem Fragezeichen des
„und weiter?“. Und nach monatelangem Wandern und Sichdurchhacken durch
ein jungfräuliches Pflanzengewirr, das den Gesichtskreis auf Mauern und
Decke aus Grün einschränkt, dasselbe Bild: immer liegt darüber hinaus
das Unbekannte und Unerreichbare.
Dies Wenige aus der Erforschungsgeschichte des Amazonengebiets möge
genügen, um darzutun, daß viel seltener und weniger systematisch
Anstrengungen gemacht wurden, diese ungeheure Wildnis tropischen
Urwalds zu erobern, als etwa in Ost-, West- oder Innerafrika. Auf
der Karte Asiens finden sich manche weiße Stellen, aber sie sind
verhältnismäßig nicht umfangreich. Die Pole sind erreicht, man hat fast
alle Meere aufgenommen und vermessen. Afrika ist nicht länger mehr
der dunkle Erdteil; von Kapstadt bis Kairo und vom Kap Guardafui zum
Kap Verde ist es durchforscht und unterworfen. Trotzdem ist die oft
wiederholte Behauptung, daß es nichts mehr zu erforschen gebe, gänzlich
unwahr. Im Herzen Südamerikas, vom 5. Breitengrad nördlich bis zum 25.
Breitengrad südlich vom Äquator, erstreckt sich ein unbekanntes oder
wenig bekanntes Gebiet von über fünf Millionen Geviertkilometer mit
Hunderten von unentdeckten Volksstämmen.
[Illustration: Eingeborenenboot auf dem unteren Amazonas.]
[Illustration: Eingeborenenhausboot.
In diesen Booten leben ganze Familien für Monate.]
[Illustration: Ein Gummisammler im Urwald des Amazonas.
Das Ende des Stockes, den der Sammler in der Hand hält, ist in Rohgummi
getaucht und langsam gedreht worden. Erhitzt man es dann, so wird der
Gummi fest.]
Da der Wettstreit der Nationen hier nicht mitsprach, fehlte es an
Initiative, so daß dieser gewaltige Teil der Erdoberfläche unbeachtet
und unerforscht blieb. Diese Montaña Grande beginnt an der Baumgrenze
des Ostabfalls der Anden und erstreckt sich über etwa 5000 Kilometer
des weiten nördlichen oder tropischen Teiles des verlorenen Erdteils
bis zu dem schmalen, zivilisierten Küstenstreifen Brasiliens und von
den Urwäldern Guyanas bis zum Gran Chaco, nach Norden und Süden eine
Entfernung von 3500 Kilometer. Hier und da liegt in diesem weiten,
einsamen Gebiet eine winzige Insel der Zivilisation mitten im Meer
der Barbarei; hier und da trifft man die Spur eines vereinzelten
Kulturpioniers, der fiebergeschüttelt, vom Düster des Dickichts
verwirrt, aus den Urwäldern auftaucht -- und dennoch ist es immer noch
~Terra incognita~ und die Wohnstätte unbekannter Menschenrassen.
Die Forscher, Händler und Mischlinge, die vom Labyrinth der schiffbaren
Flüsse aus als Kautschuksammler in die Urwälder eindrangen, haben
alle irgend etwas für die Welt draußen Wertvolles entdeckt: Gold,
Silber, kostbare Steine, Hölzer, neue medizinische Essenzen und Drogen,
einzigartige Sammelgegenstände, Überbleibsel ausgestorbener Rassen
und Tiere, offene „Campos“ und zur Viehzucht geeignete Grassteppen,
Kautschukarten und Harze, Inlandseen, merkwürdige Eingeborene und
einen Boden von wunderbarer Fruchtbarkeit, dessen Vegetationsüppigkeit
nicht zu überbieten ist. Es ist daher leicht zu verstehen, daß die
Länder, innerhalb deren ungefähr festgelegten Grenzen dieses ungeheure
Gebiet sich dem Namen nach befindet, von Zeit zu Zeit den Forschern
der zivilisierten Welt in weitgehendstem Maß Unterstützung versprachen
und alles mögliche taten, sie zur Erforschung und Erschließung zu
veranlassen. Von 1843 bis 1910 setzte die Regierung von Bolivia
Geldbeträge bis zur Höhe von 500000 Dollars für den aus, der als
erster auf einem Dampfboot vom Atlantischen Ozean aus Bolivia auf
gewissen unerforschten Nebenflüssen des Amazonenstroms erreichen würde.
1911 gewährte die brasilianische Regierung Henry Savage-Landor eine
beträchtliche Unterstützung, um ihm die Ausführung seiner Expedition in
das unbekannte Waldgebiet von Matto Grosso zu ermöglichen. In einer
oder der andern Form haben sich derartige Anregungen seitdem des öftern
und in weitgehendem Maße wiederholt.
Der erfolgreiche Bau der Madeira-Mamoré-Eisenbahn, der wunderbarsten
und gleichzeitig isoliertesten Urwaldbahn der Welt, hat die
Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit gelenkt, durch Kleinbahnen die
ungeheuern Entfernungen und undurchdringlichen Urwälder dieses toten
Gebiets zu überwinden. Zur selben Zeit erhob sich die Frage nach der
Schiffbarkeit gewisser unerforschter oder nur teilweise erforschter
Flüsse, damit sie unter Umständen als Verkehrswege nutzbar gemacht
werden könnten. Diese Erwägungen gebaren eine wahre Flut neuer Fragen:
nach dem Vorhandensein und der Feindseligkeit indianischer Stämme an
den verschiedenen Orten; in welchem Maß das Klima in den verschiedenen
Gebieten gesundheitsschädlich sei; nach den Wirkungen von Sümpfen
und periodischen Überschwemmungen; nach den Wachstumsbedingungen
des Urwalds, dazwischenliegenden Bergketten und Seen; nach der
Möglichkeit, Pflanzungen und Auswanderersiedlungen an den Flüssen und
Wegen anzulegen. Keine dieser lebenswichtigen Fragen konnte mit der
erforderlichen Genauigkeit befriedigend beantwortet werden, da ein
großer Teil des Gebiets niemals durchforscht worden war und seine
Eigentümlichkeiten wie auch die der dort hausenden Eingeborenen daher
unbekannt geblieben waren.
Nachdem ich lange Zeit kreuz und quer durch Süd- und Zentralamerika
gereist war, um für die unersättliche angelsächsische Presse zweier
Kontinente Lesestoff zu liefern, legte man mir nahe, einen Streifzug
in das Amazonengebiet zu unternehmen. Dies war also der Grund meiner
ersten Betätigung auf diesem Forschungsfeld. Daraus entwickelte sich
ein starkes persönliches Interesse, und während der letzten Jahre habe
ich diese noch immer wilden Gebiete, mit den verschiedensten Aufgaben
betraut, durchzogen. Darunter fällt auch journalistische Tätigkeit
für die Londoner Times, das Sammeln von Material für meine Bücher und
die Einrichtung eines Auskunfts- und Nachrichtendienstes für eine
bedeutende machtpolitische Gruppe.
Ich möchte hier darauf hinweisen, daß die ungeheuren unerforschten
Flächen von Urwald, „Campos“, Flüssen und Sümpfen, die unter dem
zusammenfassenden Namen des Amazonengebiets bekannt sind, nur
zum, allerdings größten, Teil zu Brasilien gehören; 2½ Millionen
Geviertkilometer sind kartographisch noch nicht aufgenommen und so gut
wie unbekannt. Darüber hinaus erstreckt sich das Gebiet jedoch weit
über die Grenzen Brasiliens in die Staaten Paraguay, Bolivia, Peru,
Ecuador, Columbia und Venezuela, abgesehen von den drei Guyanas, die
weitere 2½ Millionen Geviertkilometer dem Unbekannten hinzufügen; alles
zusammen ist eine Fläche so groß wie ganz Europa. So trägt das Gebiet
den Namen des „Verlorenen Erdteils“ nicht mit Unrecht.
Teile dieses Gebiets mußten aus einleuchtenden Gründen außer Betracht
bleiben, und so bestanden die Reisevorbereitungen zunächst darin,
die Aufgaben auf mögliche Ausmaße zu beschränken. Verschiedene
Einbruchslinien zur Erforschung wurden ausgearbeitet; sie werden, nebst
gewissen Abweichungen, auf den folgenden Blättern geschildert werden.
Technische, geographische und wissenschaftliche Einzelheiten dagegen
sollen, als nebensächlich für die Absichten dieses Buches, nicht zur
Sprache kommen.
Die Schwierigkeiten, diese abgelegenen Urwaldgebiete zu erreichen,
waren oft groß, und vieles von geringerem allgemeinen Interesse kann
nur angedeutet oder muß auch bei der Erzählung der Erlebnisse ganz
übergangen werden, um Raum zu gewinnen für ausführlichere Schilderungen
der wilden, in weltentlegeneren Urwäldern hausenden Stämme, worin in
erster Linie die Aufgabe meines Buches besteht.
Der Weltkrieg 1914-1918 unterbrach zeitweise meine Forschungsreisen
in das unbekannte Südamerika. Plötzlich und dramatisch, sei es unter
dem Einfluß des Gesetzes der Gegensätze oder bloß als Ergebnis eines
Kriegszufalls, verschob sich das Feld meiner Tätigkeit, und ich mußte
Jagd auf Unterseeboote in subarktischen Gewässern machen. Sehr zum
Schaden meiner Gesundheit. Über diese Phase eines ruhelosen Daseins
habe ich jedoch an anderer Stelle berichtet, und es genüge zu sagen,
daß ich 1920 wieder jene besonders einsame Strecke des tropischen
Meeres querte, die zwischen der Insel Madeira und den Felsen von St.
Paul liegt.
Man sagt im Amazonengebiet, wer vom Saft der Assaipalme mit Genuß
gekostet habe, werde unwiderstehlich zu den großen Urwäldern und
Flüssen dieses geheimnisvollen Landes zurückgezogen. Wie dem auch sein
mag -- der Zauber des Unbekannten ist jedenfalls nicht zu leugnen,
und kaum zwei Jahre waren vergangen, als 1922 mit neuen Forderungen
erschien. Nun schreibe ich diese Zeilen, die Einführung zu einem
Buch über alle meine Reisen im Amazonengebiet, auf dem Schutzverdeck
des Dampfers „Hildebrand“, eines höchst behaglichen Schiffes der
Boothlinie. Sein Ziel ist der Amazonenstrom, aber diesmal geht es nicht
zu den Sümpfen und dämmerigen Urwäldern zwischen entlegenen Flüssen,
sondern mit einer neuen und ausnehmend interessanten Aufgabe in das
„dunkelste Afrika“ unseres Jahrhunderts.
2. Aufbruch ins Innere.
Das Reisen abseits der gebahnten Pfade -- sei es nun in arktischen oder
in tropischen Gebieten -- erfordert weit mehr sorgsame Überlegung,
Erfahrung und Vorbereitung, als dem Uneingeweihten vielleicht nötig
erscheinen möchte. Keine zuverlässigen topographischen Karten sind für
wenige Mark in der nächsten geographischen Buchhandlung erhältlich; man
kann sich keinen Führer mieten, der schon früher „da war“. Besondere
und sorgfältig verpackte Nahrungsmittel müssen für die Gesamtdauer
der jenseits aller Zivilisation verlaufenden Reise mitgeführt werden,
wobei allen nicht vorauszusehenden Zufällen Rechnung zu tragen ist.
Dann kommt das, was am meisten zu fürchten ist: die Möglichkeit einer
Erkrankung. In Hinsicht darauf möchte ich ein genaues Studium der
amerikanischen Methoden homöopathischer Heilweise und unblutiger
Wundbehandlung empfehlen. Sie haben sich in Verbindung mit einigen
wenigen chemischen Präparaten und Heilmitteln in Tabloidform als das
bei weitem Praktischste und Wirksamste bewährt.
Solche Schwierigkeiten zu verschweigen und ohne weiteres mitten in die
Urwälder des Amazonas hineinzuspringen würde eine völlige Irreführung
bedeuten. Es wäre, als schilderte man den schließlichen Sieg oder
die Niederlage, ohne den voraufgegangenen Feldzug zu erwähnen.
Pionierarbeit in unerforschte oder selbst halberforschte Gegenden
stellt wirklich einen Feldzug gegen alle Mächte der Natur dar, ob
man sie allein oder als Mitglied einer größeren Expedition ausführt.
Früher oder später wird jeder Pionier, dem jenseits der Zivilisation
die Wochen und Monate in mühevoller Arbeit verstreichen, jede Kraft
und List der Natur gegen sich gerichtet sehen. Ob der Feind stark oder
schwach ist, hängt von den verschiedensten Faktoren ab, die sorgfältige
Überlegung und Entschlußfähigkeit erheischen. Die Entfernung von der
Verpflegungsbasis, Verbindungslinien, Klima, feindselige Eingeborene
und tausend andere Umstände wollen in Betracht gezogen sein.
Wer eine gewöhnliche Landkarte betrachtet und weiß, daß es nur einer
fünfzehntägigen Seereise über den südatlantischen Ozean auf einem
Schiff der Booth-Linie bedarf, um von Liverpool nach Pará zu gelangen,
der Stadt und dem Hafen an der Einfahrt in das Flußlabyrinth, das unter
dem verallgemeinernden Namen „Amazonas“ bekannt ist, möchte glauben,
daß nun er und sein Gepäck sich im Ausflugsbereich wilder tropischer
Dschungeln und kannibalischer Indianerstämme befinden. Das ist aber
keineswegs der Fall. Die eigentliche Reise gegen das Unbekannte zu
beginnt erst in Pará und mag irgendwo in 5000 Kilometer Entfernung ihr
Ende finden. Allerdings kann man den tropischen Urwald stellenweise
in wenigen Stunden von Pará aus leicht erreichen, aber als einzige
Wilde wird man wahrscheinlich nur die in dem schönen Indianermuseum
abgemalten zu Gesicht bekommen. Einige Stämme wilder Indianer hausen
jedoch in den Wäldern am obern Tocantinsfluß, wohin man in etwa sechs
Tagen von Pará aus gelangen kann.
Hier dürfte ein allgemeiner Überblick über das Land am Platze sein,
das wir nun betreten sollen. Zur Belehrung der Geographiebeflissenen.
Es gibt drei Zonen im Amazonengebiet: die bekannte, die wenig bekannte
und die unbekannte. Die erste umschließt das Gebiet -- abgesehen
von den Tropenwäldern --, das das Delta und den untern Amazonenstrom
einsäumt, mit zahlreichen Inseln und Pará als Hauptstadt; ferner die
überaus zahlreichen Pflanzungen und kleinen Niederlassungen an beiden
Ufern des Hauptstroms und an gewissen Punkten der hauptsächlichen
Nebenflüsse. Zu der wenig bekannten Zone gehören die mehr oder
weniger zugänglichen Urwälder, die von den Seringueros oder Sammlern
wildwachsenden Kautschuks aufgesucht werden. Es sind im allgemeinen
die Dschungelstreifen an den für Barkassen und Niederwasserdampfer
schiffbaren Flüssen. Um die Zone des Unerforschten zu erreichen, hat
der Reisende die ersten beiden Gürtelzonen zu durchwandern, oft in
einer Breite von vielen hundert Kilometern. Dann erst betritt er die
ungeheuern Waldflächen, die die Quellgebiete fast jedes Nebenflusses
des Amazonenstroms umgeben oder sich zwischen diesen fadenähnlichen
Flußstraßen ausdehnen.
Eine Linie zu ziehen, um die Grenzen der Vorposten der Zivilisation
zu bezeichnen, dürfte unmöglich sein. Denn nur selten geht ihr
Einfluß über einige Kilometer der unmittelbaren Nachbarschaft der
zahlreichen kleinen Niederlassungen hinaus. Das bezieht sich zwar
auf den jungfräulichen Urwald mit seinen Fiebern, Tieren, Vögeln,
Reptilien, Insekten und Sümpfen, aber nicht immer auf die Stämme
der Eingeborenen. Um richtige Wilde anzutreffen, von denen manche
noch kaum in der Steinzeit leben, hat man weit abseits in diesem
Riesenland herumzusuchen. Die Indianer, die an den Ufern der von
Barkassen befahrenen Flüsse wohnen, zeigen meist gewisse Zeichen
der Zivilisation. Vielleicht nur ein schmutziges Hemd oder einen
eingebeulten Hut. Aber nichtsdestoweniger wird schon in ihrem Äußern
sichtbar, daß die Tage uneingeschränkter Wildheit, der Kriegszüge, der
Kopfjägerei, unheimlicher Zeremonien und des Hasses gegen den weißen
Mann für sie vorüber sind. Die Bitte um Geschenke ertönt da, wo früher
das Schwirren des vergifteten Speers zu hören war.
Im entlegenen Hinterland des weiten Amazonengebiets jedoch und im
Herzen der halbdunklen Urwälder leben noch viele wilde Stämme in
gänzlicher Unkenntnis einer Welt, die sich außerhalb des anscheinend
endlosen Meers tropischer Wildnis befindet. Diese abgelegenen
Dschungeln von Zentralpunkten wie Pará am Unterlauf, Manáos am Oberlauf
des Amazonenstroms und Iquitos am Marañon (peruanischer Amazonenstrom)
zu erreichen, erfordert gewöhnlich eine Reise von 300 bis 3000
Kilometer auf Flußdampfern mit geringem Tiefgang, dann im Kanu und
schließlich zu Fuß in den dunklen Urwald hinein.
Infolge der Schwierigkeit, eingeborene Kanuleute und Träger zu
bekommen, sowie die Vorräte an Produkten der Zivilisation auf dem Wege
zu ergänzen, muß das Gepäck jeder Art viel mehr beschnitten werden, als
etwa in Innerafrika mit Sicherheit und Zweckmäßigkeit für verträglich
gehalten würde, wo eingeborene Arbeitskräfte leicht zu beschaffen
sind. Die weitere Erzählung wird dem Leser die Schwierigkeiten und
Entbehrungen deutlich machen, von den Gefahren ganz zu schweigen, die
diese unvermeidliche Verringerung des Nötigsten weit unter das für
tropische Forschungen sonst Unentbehrliche mit sich bringt. Mehr als
einmal mußte die Gesundheit drangegeben und selbst das Leben aufs Spiel
gesetzt werden.
Nach angenehmer Überfahrt von Liverpool aus erreichte ich Pará, wo ich
jede mögliche Unterstützung fand, nicht nur von seiten der englischen
Kolonie, sondern auch der Beamten des brasilianischen Staates. Sie
waren buchstäblich unermüdlich in ihrem Bestreben, mir die letzten
und zuverlässigsten Informationen zu verschaffen. Aber da diese meine
erste Reise im Amazonenland mich vom obern Tapajózflußgebiet aus in
die unbekannten Wälder von Matto Grosso führen sollte, war nur wenig
Sicheres zu erfahren. Ich möchte wissen, ob ein Reisender Forschungen
in eine übelberüchtigte Gegend jemals angetreten hat, ohne feierliche
Warnungen vor den drohenden Gefahren zu empfangen? Wann hätte er jemals
die Verantwortung für etwa eintretende Widerwärtigkeiten auf die eigene
Kappe nehmen dürfen? Jedenfalls wurde meine Stimmung nicht gerade
verbessert, wenn ich während einer Woche eines schwelgerischen, an
Unterhaltungen und neuartigen Anregungen reichen Lebens in Pará eine
feierliche Warnung zum tausendstenmal über mich ergehen lassen mußte.
In einer schwachen Stunde ließ ich mich aber dennoch überreden, die
Ausrüstung und Vorbereitungen auf der Isla des Onças oder Jaguarinsel
einer Art von Prüfung zu unterziehen. Nach diesem erfreulichen Fleck
Erde sollte ich, mein Gepäck und meine beiden Halbblut-Indianer
durch einen Freund gebracht werden, der eine der vielen kleinen
Dampfbarkassen sein eigen nannte.
Wie ich später erfuhr, war das nur ein Manöver, um mich zu veranlassen,
meine Absichten zu ändern und mich mit Dampferfahrten auf den
schiffbaren Flüssen zu begnügen. Die Jaguarinsel ist in malerischer
Hinsicht ein Paradies, aber mit Recht verrufen wegen der Größe und
Blutdürstigkeit der dort lebenden Insekten. Die beiden Mischlinge, die
ich als Führer mitgenommen hatte, willigten nur unter der Bedingung
ein, mich auf der langen Reise zu begleiten, daß sie ihrerseits
die Erlaubnis bekämen, nach neuen Gummiwäldern zu suchen, die sie
dann während der nächsten Saison auszubeuten beabsichtigten. Diese
Übereinkunft wurde später die Ursache erheblicher Unannehmlichkeiten
für mich, als wir die Zivilisation weit im Rücken hatten.
An den Kauf eines Batalõe oder Eingeborenenkanus mit einem
Palmstrohdach über dem Stern zum Schutz vor äquatorialer Sonne und
vor Regen sollte erst in Itaituba herangetreten werden, etwa 240
Kilometer den Tapajóz flußaufwärts. Die Reise von Pará bis zu diesem
Vorposten der Zivilisation am Rande des Unbekannten konnten wir auf
einem der kleinen Niederwasserdampfer des „~Amazon-Navigation-Service~“
zurücklegen.
Die Vorbereitungen waren nun vollendet, aber noch folgte eine
unvermeidliche Verzögerung von zehn Tagen, ehe der Flußdampfer nach
Itaituba abgehen sollte. Währenddem hatte ich reichlich Gelegenheit,
Pará und seine Bewohner kennenzulernen. Der dreitägige Aufenthalt
auf der Jaguarinsel ermöglichte mir, mein wasserdichtes Zelt und die
Lagerausrüstung zu erproben. Auch mit den Bewohnern des dortigen
Dschungels wurde ich noch besser bekannt -- wenigstens soweit sie den
fliegenden, summenden, krabbelnden und stechenden Klassen angehörten.
Über Pará möchte ich nur wenig sagen, da ich keinen Führer dieser
Tropenstadt des nördlichen Brasilien hier geben will. Ein sehr
weitverbreiteter Irrtum muß jedoch aufgeklärt werden. Pará liegt nicht
am eigentlichen Amazonenstrom, sondern wurde auf dem niedern, flachen
rechten Ufer des Flusses erbaut, von dem es den Namen trägt, etwa
130 Kilometer südlich des Äquator. Der Gesundheitszustand der Stadt
hat sich dank sanitärer Maßnahmen in den letzten Jahren wesentlich
gehoben, und die einst verheerenden Fieberkrankheiten sind bedeutend
zurückgegangen. Malaria ist bei längerem Aufenthalt noch immer häufig,
aber es gibt kaum eine Gegend auf der Welt, die sich eines beständigen
Sommers erfreut, wo diese Krankheit unbekannt wäre. Das früher so
gefürchtete gelbe Fieber wurde gänzlich zum Erlöschen gebracht, und
Pará ist jetzt eine recht gesunde und moderne tropische Stadt.
Es ist eine Stadt mit elektrischen Straßenbahnen, einem guten
europäischen Hotel und Morgen- und Nachmittagszeitungen. Die
Beliebtheit dieser Zeitungen ist in hohem Maße durch die beständige
Hitze bedingt, die während der Mittagsstunden am drückendsten
ist. In der Mehrzahl der hunderttausend Einwohner bringt sie einen
Zustand der Erschlaffung hervor, bis der kühle Seewind ungefähr um
4 Uhr nachmittags einsetzt. Er hält bis zum Einbruch der Nacht an
und macht die letzten Tagesstunden zur Arbeit geeignet. Sobald aber
die Dunkelheit sich völlig auf die weißen Häuser und schwankenden
Palmen herabgesenkt hat, bringt der nächtliche Landwind eine feuchte
Kühle von den großen Wäldern über die ausgedörrte Erde und das Grün
dieser prächtigen tropischen Stadt. Das Summen und Surren der Käfer
und Insekten nimmt mit dem Scheiden des Tageslichts ab. Feuerfliegen
schwirren wie winzige schwebende Sterne durch das dunkle Blätterwerk
der Praça da Republica und des schönen, etwas weiter entfernten Bosque.
Im hellen Sonnenlicht eines tropischen Morgens wirkt das alte Pará
mit seinen engen Gassen und farbigen Häusern unansehnlich und ein
wenig verwahrlost, aber die moderneren Stadtteile besitzen mehrere
schöne Straßen und Plätze mit palmenreichen Gärten und Denkmälern. An
den Ankerplätzen und Kais liegen Schiffe vieler Nationen und seltsam
aussehende Fahrzeuge. In der Nähe des Flusses befindet sich der
prächtige Frei-Caetano-Brandão-Platz mit seinen Gärten. Breite Wege
zwischen tropischen Anpflanzungen umkreisen das Denkmal des würdigen
Bischofs, nach dem der Platz benannt ist. Die Praça da Republica bildet
das Zentrum des gesellschaftlichen abendlichen Lebens der Stadt. In
ihrer Nähe liegen das besuchteste Kaffeehaus und das Theater, schöne
Steinbauten von klassischer Architektur. Das Theater ist nicht ständig
geöffnet für wechselnde Truppen wie in England oder den Vereinigten
Staaten, sondern nur dann, wenn eine reisende Konzertgesellschaft
oder eine italienische Operntruppe Pará besuchen. Schauspiele werden
nur selten gegeben. Die Brasilianer, Portugiesen, Italiener sowie
die Mischlingsbevölkerung sind Liebhaber der Musik. Das merkt man
sogar in den entlegenen Niederlassungen und Kautschukplantagen, wo
die Töne einer Violine nicht selten nach Sonnenuntergang erklingen.
Die beiden Treffplätze der englischen Kolonie sind der Klub und das
Straßenrestaurant des Grand Hotel. Während man Eisgetränke oder ein
schwelgerisches Diner zu sich nimmt, kann man alle Farbennuancen der
einheimischen Gesellschaft im Schatten der riesigen Mangobäume an sich
vorüberziehen sehen.
Viele Gebäude Parás sind im modernen Stil erbaut. Der Regierungspalast,
die Kathedrale, das Krankenhaus und die Privathäuser mit ihren
mächtigen Steinsäulen, alle fast begraben unter Schlingpflanzen
und exotischen Blumen, brauchen hier nicht besonders erwähnt zu
werden. Die hauptsächlichen Villenvorstädte sind Mosquerio, Chapeo
Virado, Nazareth und São Jeronimo. Die beiden letzteren haben
Straßenbahnverbindung mit dem Geschäftsviertel der Stadt. Da Pará vom
Handel mit Kautschuk abhängig ist, der aus den Wäldern und Pflanzungen
am untern Amazonenstrom kommt, hat es in den letzten Jahren, seit
dem starken Fallen des Weltmarktspreises für Gummi, schlechte Zeiten
durchgemacht. Aber der Anbau von Kakao und andern Rohprodukten wie
auch das Aufstapeln und Verschiffen von brasilianischen Nüssen haben
Arbeitslosigkeit und Elend wieder etwas ausgeglichen. Pará-Gummi
ist auf der ganzen Welt berühmt, obwohl kaum zu sagen ist, warum er
so genannt wird, da verhältnismäßig nur wenig im Staate Pará selbst
gesammelt wird. Die Haupterzeugungsplätze in Brasilien befinden sich
weiter oberhalb am Amazonenstrom und seinen großen Nebenflüssen, in dem
weitausgedehnten, nicht sehr entwickelten Staate Amazonas. Gewaltige
Massen bringt der Riesenstrom auch aus dem weit entfernten Bolivia und
dem nordöstlichen Peru.
Als ich kürzlich in Pará war und an dem ersten Entwurf des
vorliegenden Buches arbeitete, erneuerte ich meine Bekanntschaft mit
dem Rev. Miles Moß, dem englischen Kaplan für das Amazonengebiet.
Einer seiner Kirchensprengel befindet sich in Porto Velho, das etwa
3200 Kilometer entfernt ist! Mr. Moß ist ein leidenschaftlicher
Mottenjäger und besitzt eine wunderbare Sammlung. Oft verbringt er
die Nacht auf einer Plattform im Dschungel, die zwischen den oberen
Ästen eines Baumes errichtet ist, vierzehn Meter über dem Erdboden.
Mittels zweier starker Lichtquellen werden die Insekten angelockt. In
dunkeln, feuchten Nächten schwirren Tausende von Motten, Nachtwespen,
fliegenden Käfern, Gottesanbeterinnen und Fliegen jeder Art um die
Plattform, angezogen vom Lichtschein in den Baumkronen. Wenn der
strahlende Mondschein der Tropen die dunklen Wälder erhellt, sind die
Jagdergebnisse jedoch nicht so glänzend. Zuweilen stellen sich auch
unheimliche Besucher ein wie Affen, Baumschlangen und riesige haarige
Spinnen, oder der Jäger befindet sich plötzlich in kleinen Wolken
lästiger Schnaken. Mr. Moß hat viele Reisen den Amazonenstrom und
Madeirafluß hinauf und hinab vollführt, nicht weniger als sechsmal das
Innere Perus besucht und kürzlich drei neue Arten der Habichtsmotte
(~Isognathus~) entdeckt, eine in Pará, eine in Manáos und eine in
Pernambuco. Zum ersten Male war ich vor Jahren, in Lima, mit diesem
gelehrten und leidenschaftlichen Naturforscher zusammengetroffen.
Eine herrliche Tropennacht fand mich im Stern einer kleinen Barkasse
sitzen, die mich, die beiden Mischlinge, Fernando und Alberto,
Gepäck und Lagerausrüstung zu dem von Mangroven umsäumten Strand der
Jaguarinsel über die Bucht hinübertrug. Die breite Fläche des Flusses
glitzerte im Schein des Mondes, unser winziges Fahrzeug schnitt wie
durch silbernen Schaum, und die laue Wärme der Nacht tauchte das Bild
in ihren Zauber. Meine Gedanken wanderten. Während ich zurückgelehnt
meine Lieblingsbegleiterin, eine „Comerziale“, liebkoste und die
dunklen Wälder auf allen Seiten betrachtete, begann ich über die
Zukunft nachzugrübeln: Würde es mir gelingen, tief in jene so abweisend
aussehenden Wälder einzudringen, deren Umrisse sich hart von dem gelben
Licht abhoben? Ich dachte an die unbekannten Gefahren und Schauspiele,
die mich auf fernen Flüssen erwarteten; das Vorhandensein merkwürdiger
und vielleicht feindlicher Indianerstämme; die Möglichkeiten, fast
allein auf mich angewiesen, die noch Tausende von Meilen entfernten
Sumpf- und Urwaldregionen zu erreichen.
Obwohl ich gerade kein Neuling im Reisen abseits der gewöhnlichen
Straße war, muß ich gestehen, daß mir in jener Nacht das Herz klopfte,
als ich die Lichter der Stadt allmählich immer undeutlicher werden
sah. Stärker klopfte es als zu irgendeiner Zeit während der folgenden
Monate voll von Mühen und Gefahren. Wie eine Last senkte sich die Größe
und Verlassenheit dieser Unendlichkeit von Pflanzenwuchs und Gewässer
niederdrückend auf meine Seele. Ich wußte, daß sie sich nach beinahe
jeder Richtung mehr als 3000 Kilometer ausbreitete. Die menschlichen
Leistungen schienen sich plötzlich in ihrer ganzen Nichtigkeit zu
enthüllen, gehalten gegen die eindrucksvolle Ungeheuerlichkeit der
Natur. Die Unermeßlichkeit der Wälder und Flüsse des Amazonas erfüllte
mich mit Schrecken.
Möglich, daß ein augenblickliches Versagen der menschlichen
Fähigkeiten, hervorgerufen durch das plötzliche Bewußtwerden der
schrankenlosen Einsamkeit, manche rätselhafte Tragödien verschuldet
hat, denen Forschungsreisende und Pioniere in unbewohnten Teilen der
Erdoberfläche erlagen. Es ist bekannt, daß Leute auf den winterlichen
Schneefeldern der Wildnisse Kanadas und Alaskas wahnsinnig werden, wenn
sie zu lange von der Gesellschaft ihrer Mitmenschen getrennt sind.
Auf der großen Paciencia-Ebene und in der Wüste von Atacama in Chile
gaukelt die menschliche Phantasie Trugbilder und vermeintliche Stimmen
in nächster Nähe vor. Unglückliche, die man auffand, nachdem sie über
die unendliche trügerische Fläche dieser Saharas des Südens gewandert
waren, hatten entweder den Verstand verloren oder waren nackt und tot.
Ich kannte solche Geschichten, und sie fielen mir ein, während wir
über die Parábucht fuhren. Es handelt sich dabei nicht um Anfälle
körperlicher oder geistiger Schwäche, sondern um ein gemeinsames Erbe
der menschlichen Zivilisation, das die Menschen in den Städten sich
zusammendrängen läßt, während das offene Land der Freiheit und der
Sonne verlassen liegt und nur wenigen zur Heimat wird.
Im Schatten der Mangroven verschwand das Licht des Mondes, als die
Barkasse plötzlich in das Dunkel eines schmalen Wasserlaufs einfuhr,
der die Mitte der Insel durchzieht. Solche Wasserläufe heißen in der
Tupisprache Igarapés; Igara bedeutet Kanu, Pé Pfad. Hohe Bäume strebten
auf allen Seiten wie Mauern aus dem phantastisch verschlungenen
Pflanzengewirr empor. Die Sterne verloschen und das Licht wurde trübe.
In einem Augenblick waren wir von der Außenwelt der lebendigen Menschen
in die schweigende, dumpfe Einsamkeit des großen tropischen Waldes
versetzt worden. Ein leichter Schauder lief mir über den Rücken, und
ich lachte laut, um den Zauber zu brechen. Später, in den Tiefen der
unbekannten Dschungeln, erinnerte ich mich dieses Schauders und des
alten Aberglaubens, der mit ihm verbunden ist.
3. Von der Jaguarinsel nach dem Tapajózfluß.
Meine erste Nacht im tropischen Urwald der Jaguarinsel war qualvoll.
Sie bildete das Vorspiel zu vielen ähnlichen Erlebnissen von dem, was
man nicht unrichtig den „sichtbaren Äquator“ genannt hat. Überall
in der tropischen Zone dürfte ohne Instrumente und mathematische
Berechnungen die Bestimmung schwierig sein, wann die Nullinie
geographischer Breite überschritten wird. Die populären Vorstellungen
von Klima und Aussehen von Land und Meer längs des Äquators sind häufig
völlig falsch. Eine spiegelglatte Meeresoberfläche, ein blitzblauer
Himmel und strahlender Sonnenschein bilden keineswegs immer die
atmosphärischen Bedingungen, die auf dem Äquator herrschen.