Die Prinzessin Morgane liebte niemanden. Sie hatte eine kalte Keuschheit
und lebte unter den Blumen und den Spiegeln. Sie heftete rote Rosen in ihr
Haar und betrachtete sich. Sie sah kein junges Mädchen und keinen jungen
Mann, denn in allen Blicken, die man ihr gab, sah sie nur sich. Und sie
kannte nicht die Grausamkeit und nicht die Wollust. Ihre schwarzen Haare
fielen um ihr Gesicht wie langsame Wellen. Es verlangte sie, sich selbst zu
lieben: aber das Bild in den Spiegeln hatte eine stille und ferne Kälte,
und das Bild in den Teichen war trüb und bleich, und das Bild in den
Flüssen zitterte und zerfloß.
Die Prinzessin Morgane hatte in den Büchern die Geschichte vom Spiegel der
Schnee-Weiße gelesen, der sprechen konnte und ihr ihre Ermordung
verkündete, und die Geschichte vom Spiegel der Ilsée, aus dem eine andere
Ilsée entstieg, die die Ilsée tötete, und das Abenteuer vom nächtlichen
Spiegel der Stadt Milet, der es dahin brachte, daß sich die Milesierinnen
beim Abendaufgang erdrosselten. Sie hatte das geheimnisvolle Bild gesehn,
worauf der Bräutigam vor seiner Braut ein Schwert gezogen, weil sie selbst
einander in der Dämmerung des Abends begegnet waren: denn die Doppelgänger
verkünden den Tod. Aber Morgane fürchtete ihr Bild nicht, denn niemals war
sie sich begegnet anders als rein und verschleiert, nicht grausam und
wollüstig, sie selbst für sich selber. Und die glatten grüngoldnen Rahmen,
die schweren quecksilbernen Tafeln zeigten Morgane nie die Morgane.
Die Priester ihres Landes waren Geomanten und Feueranbeter. Sie breiteten
den Sand in dem viereckigen Kästchen aus und zogen die Linien; sie
wahrsagten aus ihren ledernen Talismanen und machten den schwarzen Spiegel
aus Wasser und Rauch. Und des Abends begab sich Morgane zu ihnen und warf
drei Kuchen als Opfer ins Feuer. »Sieh«, sagte der Geomant; und er zeigte
den schwarzflüssigen Spiegel. Morgane schaute hinein: und ein klarer Rauch
zog über die Fläche, dann kreiste ein farbiger Ring, und nun hob sich ein
Bild, das sich leise bewegte. Es war ein weißes Haus, wie ein Würfel, mit
hohen Fenstern; und unter dem dritten Fenster hing ein großer erzener Ring.
Und rings um das Haus war weit hin nichts als grauer Sand. »Das ist der Ort
des wahrhaftigen Spiegels«, sprach der Geomant; »aber unsere Wissenschaft
kann ihn weder halten noch erklären.«
Morgane beugte sich und warf drei andere Opferkuchen ins Feuer. Aber das
Bild schwankte und wurde dunkel; das weiße Haus verging, und vergeblich
schaute Morgane in den schwarzen Spiegel.
Und am folgenden Tage verlangte es Morgane zu reisen. Denn es schien ihr,
als hätte sie den düsteren Sand wiedererkannt, und sie wandte sich gegen
Westen. Ihr Vater gab ihr eine erlesene Karawane, Maultiere mit silbernen
Glöckchen, und man trug Morgane in einer Sänfte, deren Wände waren aus
kostbaren Spiegeln.
So zog sie durch Persien und besuchte die einsamen Herbergen, und jene, die
an den Stadtgräben stehen und von den Wanderern als verrufene Häuser
gemieden werden, wo nächtlich die Weiber singen und die Goldstücke rollen.
Und an den Grenzen des Perserreiches sah sie viele weiße kubische Häuser
mit hohen Fenstern; aber der eherne Ring hing an keinem davon. Und man
sagte ihr, der Ring wäre im christlichen Lande der Syrer, gegen Westen.
Und Morgane kam an den flachen Ufern des Stromes vorbei, der das Land der
feuchten Ebene umgibt, wo dichte Süßholzwälder stehen. Es gab da Schlösser
aus einem mächtigen Felsblock gehauen, der auf seiner Spitze stand; und die
Frauen, die in der Sonne an der Heerstraße saßen, trugen Fransen um die
Stirne gewunden, die waren aus roten Pferdeschweifen. Und es leben dort
die, die große Herden von Pferden hüten und Lanzen mit silbernen Spitzen
tragen.
Und weiter noch ist ein wildes Gebirge; da leben Räuber, die trinken
Gerstenbranntwein zu Ehren ihrer Götter. Sie beten grüne, seltsam geformte
Steine an und prostituieren sich einander im Kreise brennender Sträucher.
Morgane faßte ein Grausen vor ihnen.
Und weiter noch ist eine unterirdische Stadt mit schwarzen Menschen, zu
denen ihre Götter nur kommen, wenn sie schlafen. Sie essen die Fasern des
Hanfes und bedecken ihr Gesicht mit zerriebener Kreide. Und die sich an dem
Hanf berauschen, durchschneiden den Schlafenden den Hals und schicken sie
so zu den nächtlichen Göttern. Morgane faßte ein Grausen vor ihnen.
Und weiter noch dehnte sich die graue Sandwüste, wo Pflanzen und Steine dem
Sande gleichen. Und am Eingange in diese Wüste fand Morgane das Haus mit
dem Ring.
Sie ließ ihre Sänfte halten, und die Treiber schirrten die Maultiere ab. Es
war ein altes Haus und ohne Mörtel gebaut; und seine steinernen Quader
waren sonngebleicht. Aber der Besitzer des Hauses konnte Morgane nichts vom
Spiegel sagen: denn er kannte ihn nicht.
Und des Abends, nachdem man die dünnen Fladen gegessen hatte, erzählte der
Wirt Morgane, daß dieses Haus vom Ringe in alten Zeiten von einer grausamen
Königin bewohnt war. Und sie ist für ihre Grausamkeit bestraft worden. Sie
hatte befohlen, daß man einen frommen Mann köpfe, der da einsam inmitten
der Wüste wohnte und die Pilger mit guten Worten im Flusse baden hieß. Und
gleich darauf kam die Königin um mit ihrem ganzen Stamm. Und das Zimmer, in
dem sie gewohnt hatte, wurde vermauert. Der Wirt zeigte Morgane die
steinverschlossene Tür.
Darauf legten sich alle im Haus zur Ruhe in den viereckigen Räumen und
unter dem Wetterdach.
Aber gegen Mitternacht weckte Morgane ihre Leute und ließ sie die
vermauerte Tür aufbrechen. Und sie stieg durch das Mauerloch, eine eiserne
Fackel in der Hand.
Und die Leute der Prinzessin vernahmen einen Schrei und folgten Morgane. Da
lag sie inmitten des vermauerten Zimmers auf den Knien vor einem kupfernen
Becken, und das war voll Blut; und ihre Augen stierten in das Blut. Und der
Hauswirt hob die Arme: denn das Blut im Becken war nicht eingetrocknet seit
damals, als die grausame Königin ein abgeschlagenes Haupt hineinlegen ließ.
* * *
Niemand weiß, was die Prinzessin in dem Spiegel aus Blut sah. Aber auf dem
Heimweg fand man jede Nacht einen ihres Gefolges ermordet, das graue
Gesicht dem Himmel zugewandt; und jeder war zuvor in der Sänfte gewesen.
Und man nannte diese Prinzessin Morgane die Rote und sie war eine berühmte
Hure und eine furchtbare Männermörderin.