Cice zog die Knie an in ihrem kleinen Bett und legte das Ohr an die Wand.
Das Fenster war bleich. Die Mauer zitterte und schien mit ganz leisem Atmen
zu schlafen. Der kleine weiße Unterrock blähte sich über dem Stuhl, von dem
zwei Strümpfe herabhingen, wie schwarze weiche und leere Beine. Ein Kleid
hob sich geheimnisvoll an die Wand, wie wenn es zur Decke hinaufklettern
wollte. Die Dielen des Fußbodens knackten leise in der Nacht. Der
Wasserkrug glich einer weißen Kröte, die im Becken hockt und das Dunkel
schlürft.
-- Ich bin zu unglücklich, sagte Cice. Und sie fing an zu weinen. Die Mauer
seufzte stärker; die beiden schwarzen Beine blieben regungslos, und das
Kleid hörte zu klettern auf, und die zusammengekauerte weiße Kröte schloß
nicht ihr feuchtes Maul.
Cice sprach weiter:
-- Alle sind sie gegen mich, und alle lieben hier nur meine Schwestern, und
man hat mich während des Abendessens zu Bett geschickt, darum will ich
fort, ja, ich will weit fort. Ich bin ein Aschenbrödel, ja, ein
Aschenbrödel bin ich. Aber ich will es ihnen schon zeigen. Ich bekomme
einen Prinzen, und sie bekommen niemand, gar niemand. Und dann komm ich in
meinem schönen Wagen, und mein Prinz neben mir; ja, das mach ich. Wenn sie
bis dahin gut sind, verzeih ich ihnen. Armes Aschenbrödel, ihr werdet schon
sehen, daß sie besser ist als ihr, wartet nur!
Ihr kleines Herz wurde ganz groß, während sie ihre Strümpfe anzog und ihren
Unterrock band. Der leere Stuhl stand verlassen mitten im Zimmer.
Cice stieg leise hinunter in die Küche und kniete sich weinend am Herd hin,
die Hände in der Asche.
Ein Geräusch wie das eines Spinnrades ließ sie sich umwenden. Ein weicher
haariger Körper rieb ihre Knie.
-- Ich habe keine Patin, sagte Cice, aber ich habe meine Katze. Nicht wahr?
Sie hielt ihre Finger hin, und die Katze leckte sie langsam wie mit einer
kleinen warmen Raspel.
-- Komm, sagte Cice.
Sie stieß die Tür in den Garten auf, und die frische Luft schlug ihr ins
Gesicht. Ein dunkler grünlicher Fleck war der Rasen; der große Ahorn
zitterte, und die Sterne hingen in den Zweigen. Der Gemüsegarten jenseits
der Bäume war ganz deutlich, und die Melonen leuchteten wie helle Glocken.
Cice riß lange Gräser aus, die sie ganz fein kitzelten. Sie lief zwischen
den Melonen hin, wo kleine Schimmer flackerten. -- Ich habe keine Patin:
Kannst du einen Wagen machen, Katze?
Das kleine Tier gähnte gegen den Himmel, an dem sich graue Wolken jagten.
-- Ich habe auch noch keinen Prinzen, sagte Cice. Wann kommt er?
Sie setzte sich neben eine dicke veilchenblaue Distel und schaute auf den
Zaun des Gemüsegartens. Dann zog sie einen ihrer kleinen Schuhe aus und
warf ihn mit aller Kraft über die Johannisbeersträucher. Der Schuh fiel
hinaus auf die Landstraße. Cice streichelte die Katze:
-- Hör zu, Katze. Wenn mir der Prinz meinen Schuh nicht bringt, dann kauf
ich dir Stiefel, und wir ziehen aus, ihn zu finden. Es ist ein sehr schöner
junger Mann. Er hat ein grünes Kleid an mit Diamanten. Er liebt mich sehr,
aber er hat mich nie gesehen. Du wirst schon nicht eifersüchtig sein. Weißt
du, wir bleiben zusammen, wir drei. Und ich werde viel glücklicher sein als
Aschenbrödel, denn ich war viel unglücklicher. Aschenbrödel ging jeden
Abend auf den Ball, und sie bekam sehr schöne Kleider. Ich, ich habe nur
dich, meine geliebte Katze.
Sie küßte sie auf ihre feuchte Maroquinnase. Die Katze miaute leise und
rieb sich mit einer Pfote das Ohr. Dann leckte sie sich und schnurrte.
Cice pflückte grüne Johannisbeeren.
-- Eine für mich, eine für meinen Prinzen, eine für dich. Eine für meinen
Prinzen, eine für dich, eine für mich. Eine für dich, eine für mich, eine
für meinen Prinzen. Siehst du, so werden wir leben. Wir teilen alles unter
uns drei und haben keine bösen Schwestern.
* * *
Die grauen Wolken am Himmel hatten sich zusammengezogen. Ein bleiches
blaues Band hob sich im Osten. Die Bäume badeten in einem fahlen
Halbschatten. Plötzlich fuhr ein eiskalter Windstoß Cice an die Kleider.
Alles fröstelte. Der violette Ahorn beugte sich zwei, dreimal. Die Katze
machte einen Buckel und sträubte das Fell.
Cice hörte weit auf der Straße das knirschende Geräusch von Rädern.
Ein glanzloses Feuer lief über die wiegenden Wipfel und das Dach des
kleinen Hauses entlang.
Das Geräusch der Räder kam näher. Man hörte Pferdewiehern und undeutliche
Stimmen von Menschen.
-- Horch, Katze, sagte Cice. Horch. Dort kommt ein großer Wagen! Das ist
sein Wagen! Mein Prinz kommt! Schnell, schnell, er ruft mich!
Ein Schuh aus goldfarbnem Leder flog über die Johannisbeersträucher mitten
unter die Melonen.
Cice lief an den Weidenzaun und öffnete.
Ein langer dunkler Wagen kam schwerfällig heran. Der Zweispitz des
Kutschers leuchtete in einem roten Licht. Zwei schwarze Männer gingen an
jeder Seite der Pferde. Der hintere Teil des Wagens war niedrig und
länglich wie ein Sarg. Ein fader Geruch schwamm im Morgenwind.
Aber Cice verstand nichts von all dem. Sie sah nur eines: der wunderbare
Wagen war da. Und der Kutscher des Prinzen hatte Gold im Haar. Der schwere
Koffer war voll mit Brautgeschenken. Das schreckliche und herrische Parfüm
umschloß sie wie ein Königsmantel.
Und Cice streckte die Arme weit aus und rief:
-- Mein Prinz, nimm mich mit, nimm mich mit!