Lilly und Nan dienten auf einem Bauernhofe. Sie schleppten im Sommer das
Wasser aus dem Ziehbrunnen den in dem reifen Korn kaum sichtbaren Pfad
entlang; und im Winter, wenn es kalt war und die Eiszapfen an den Fenstern
hingen, kroch Lilly zu Nan ins Bett. Ganz vergraben in den Decken horchten
sie auf den heulenden Wind. Sie hatten immer blanke Geldstücke in ihren
Taschen und feine Brusttücher mit kirschroten Bändern; und ganz gleich
blond waren beide und lustig. Jeden Abend stellten sie in die Ecke des
Flurs einen Zuber mit schönem frischem Wasser; und da fanden sie auch, so
sagte man, wenn sie aus dem Bett sprangen, die Silbermünzen, die sie von
einer Hand in die andere klingen ließen. Denn die >Pixis< warfen es in den
Zuber, nachdem sie darin gebadet hatten. Aber weder Nan noch Lilly, noch
sonst wer hatte je die >Pixis< gesehen, wenn sie wirklich diese kleinen
bösartigen schwarzen Dinger mit dem beweglichen Schweif sind, von denen in
den Märchen und Balladen steht.
Eines Nachts hatte Nan vergessen, Wasser heraufzuziehen; man war auch im
Dezember, und die Brunnenkette war ganz mit Eis überzogen. Und wie sie
schlief, die Hände auf Lillys Schultern, da wurde sie plötzlich in die Arme
gezwickt und in die Waden und schrecklich an den Haaren gerissen. Weinend
wachte sie auf: »Morgen werd ich ganz schwarz und blau sein!« Und sie sagte
zu Lilly: »Drück mich, halt mich: ich habe den Zuber mit frischem Wasser
vergessen; aber ich geh nicht aus dem Bett, allen >Pixis< von Devonshire
zum Trotz.« Da küßte sie die gute kleine Lilly, stand auf, zog Wasser aus
dem Brunnen und stellte den vollen Zuber in die Ecke. Als sie wieder ins
Bett kam, war Nan schon eingeschlafen.
Und in ihrem Schlafe hatte die kleine Lilly einen Traum. Es schien ihr, als
käme eine Königin an ihr Bett, ganz in grünen Blättern und mit einer
goldnen Krone auf dem Kopfe; und sie rührte sie an und sprach zu ihr. Sie
sagte: »Ich bin die Königin Mandosiane; Lilly, komm und hole mich.« Und sie
sagte noch: »Ich sitze in einer smaragdnen Wiese, und der Weg, der zu mir
führt, ist dreifarben: gelb, blau und grün.« Und sie sagte: »Ich bin die
Königin Mandosiane; Lilly, komm und hole mich.«
Darauf barg Lilly ihren Kopf in den schwarzen Kissen der Nacht, und sie sah
nichts mehr. Aber am nächsten Morgen, als der Hahn krähte, war es Nan nicht
möglich aufzustehen, und sie klagte und jammerte, denn ihre Beine waren
ohne Gefühl, und sie konnte sie nicht rühren. Des Tags kamen die Ärzte, und
nach langem Beraten entschieden sie, daß Nan gewiß immer so liegen werde
und nie mehr wieder gehen könnte. Und die arme Nan schluchzte, denn nun
würde sie nie einen Mann finden.
Lilly faßte ein großes Mitleiden. Wenn sie die Winteräpfel pflückte, die
Mispeln in Reihen legte, die Milch butterte, die Molken durch ihre roten
Finger drückte, immer mußte sie denken, wie man die arme Nan gesund machen
könnte. Und den Traum hatte sie schon ganz vergessen, als eines Abends, da
der Schnee in dichten Flocken fiel und man heißes Bier mit Brotschnitten
trank, ein alter Balladenhändler an die Tür klopfte. Alle Mädchen des Hofes
sprangen um den Alten herum, denn er hatte Handschuhe, Liebeslieder,
Bänder, holländische Leinwand, Strumpfbänder und güldne Hauben.
-- »Hier die traurige Geschichte«, sagte er, »von der Wucherersfrau, die
zwölf Monate schwanger ging mit zwanzig Säcken Talern und ganz versessen
darauf war, Vipernköpfe zu essen und Krötencarbonade.«
»Hier die Ballade von dem großen Fisch, der am vierzehnten Tage des April
auf den Strand kommt, mehr als vierzig Brassen aus dem Wasser holt und fünf
Tonnen ganz grün gewordene Eheringe ausspeit.«
»Hier das Lied von den drei schlechten Königstöchtern und von der einen,
die ein Glas voll Blut auf den Bart ihres Vaters schüttet.«
»Und ich hatte auch noch die Abenteuer der Königin Mandosiane; aber ein
Schuft von einem Windstoß hat mir auf der Straßenwende das letzte Blatt aus
den Händen gerissen.«
Sogleich dachte Lilly an ihren Traum, und sie wußte, daß ihr die Königin
Mandosiane sagen ließ zu kommen.
Und in derselbigen Nacht küßte Lilly Nan ganz leise, zog ihre neuen Schuhe
an und machte sich auf den Weg. Aber da war der alte Balladenhändler
verschwunden, und sein Blatt von der Königin Mandosiane war so weit
weggeflogen, daß Lilly es nicht finden konnte; sie wußte nicht, wer
Mandosiane war noch wo sie sie suchen sollte.
Und niemand konnte es ihr sagen, wie sie auch auf ihrem Wege die Leute auf
den Feldern fragte, die von weitem standen, ihre Augen mit den Händen
beschattend; auch die jungen schwangern Frauen wußten nichts, die müßig vor
den Türen standen, und nichts die Kinder, denen sie die Zweige der
Maulbeerbäume über die Zäune bog. Die einen sagten: »Es gibt keine
Königinnen mehr«; die andern: »wir haben hier so etwas nicht; ja, früher in
alten Zeiten«; und andere: »Mandosiane? Heißt so ein hübscher Bursch?« Und
andere wieder, die schlecht waren, führten Lilly vor eines jener Häuser,
die tagsüber geschlossen sind und sich des Nachts öffnen und erhellen,
sagten und beteuerten, da drin wohne die Königin Mandosiane und trüge ein
rotes Hemd und hätte nackte Frauen zu Dienerinnen.
Aber Lilly wußte ganz gut, daß die wirkliche Mandosiane grün und nicht rot
gekleidet sei, und daß man auf einem dreifarbigen Weg zu ihr käme. So
erkannte sie die Lüge der Schlechten. Und lange ging sie und weit. Ja, sie
ging den ganzen Sommer ihres Lebens dahin im weißen Staub der Landstraße,
in den Kotpfützen der Radspuren, begleitet von den Fuhrmannskarren und
abends, wenn der Himmel sich rot färbte, von mächtig mit Garben beladenen
Wagen, aus denen die blinkenden Sensen staken. Aber niemand konnte ihr
etwas von der Königin Mandosiane sagen.
Daß sie den schwierigen Namen nicht vergäße, hatte sie drei Knoten in ihr
Strumpfband gemacht. An einem Mittag, weit war sie schon seit dem Morgen
gegangen, kam sie auf einen gelben gewundenen Weg, der führte an einem
blauen Kanal lang. Und wo sich der Kanal mit der Straße traf, da war eine
grüne Böschung.
Da begegnete ihr ein kleiner Junge mit absonderlich geschlitzten Augen, der
zog eine schwere Barke den Kanal hinauf. Sie wollte ihn fragen, ob er die
Königin gesehen, aber da ward sie mit Schrecken inne, daß sie den Namen
vergessen hatte. Da klagte sie und weinte und betastete ihr Strumpfband --
umsonst. Und sie schrie stärker, als sie sah, daß sie auf dem dreifarbnen
Wege ginge, aus gelbem Staub, blauem Wasser und grüner Böschung. Und von
neuem betastete sie die drei Knoten, die sie geknüpft hatte, und
schluchzte. Und der kleine Junge, der sah, daß sie litt, und ihren Schmerz
nicht verstand, brach vom Wegrand der gelben Straße ein armseliges Kraut
und gab es ihr in die Hand.
-- Die Mandosiane heilt, sagte er.
* * *
So fand Lilly ihre in Grün gekleidete Königin.
Vorsichtig drückte sie sie an sich und ging den weiten Weg zurück. Aber die
Heimreise war noch langsamer als die andre, denn Lilly war müde. Es kam ihr
vor, als sei sie seit Jahren unterwegs. Aber sie war voll Freuden, denn sie
wußte, daß sie die arme Nan heilen könne.
Und sie zog über das Meer, wo die Wellen wie Berge waren. Endlich kam sie
in Devonshire an und trug das Kraut zwischen Leib und Hemd. Und zuerst
erkannte sie die Bäume nicht wieder; und das Vieh schien ihr verändert. Und
in der großen Stube des Bauernhofes sah sie ein altes Weib inmitten von
Kindern. Und sie lief hin und fragte nach Nan. Die Alte betrachtete Lilly
voll Staunen und sagte:
-- Aber Nan ist ja seit langem fort und verheiratet.
-- Und geheilt? fragte Lilly voll Freude.
-- Geheilt, nun, natürlich, sagte die Alte.
-- Und du, bist du nicht Lilly?
-- Ja, sagte Lilly; aber sag, wie alt mag ich wohl sein?
-- Fünfzig, nicht wahr, Großmutter, riefen die Kinder; sie ist nicht ganz
so alt wie du.
Und wie Lilly müde lächelte, da betäubte sie der starke Duft der
Mandosiane, und sie starb in der Sonne. So ging Lilly die Königin
Mandosiane holen und wurde von ihr hinweggenommen.