Die Wollüstige

Schrecklich das, -- sagte das kleine Mädchen, -- es blutet weißes Blut. Sie

grub ihre Nägel in die grünen Mohnköpfe. Ihr kleiner Kamerad schaute ganz

ruhig zu. Sie hatten Räuber gespielt zwischen den Kastanienbäumen, hatten

die Rosen mit frischen Kastanien bombardiert, die jungen Schösse enthauptet

und die junge miauende Katze auf den Zaun gesetzt. Ganz unten im dunklen

Garten, wo ein weitästiger Baum stand, war Robinsons Insel gewesen. Eine

Gartenspritze hatte als Kriegsdrommete gegen die Angriffe der Wilden

gedient. Gräser mit langen schwarzen Häuptern wurden zu Gefangenen gemacht

und geköpft. Einige blaue und grüne Kugelkäfer, die erbeutet worden waren,

hoben schwerfällig ihre Flügeldecken im Wasser des Brunnenbeckens. Sie

hatten den Sand in den Alleen mit Wasser weggeschwemmt, um schwerbepackten

Armeen Weg zu machen. Jetzt griffen sie einen Wiesenhügel heftig an. Die

untergehende Sonne hüllte sie in ein verklärtes Licht.

Sie streckten sich etwas müde auf dem eroberten Platze aus und bestaunten

die fernen scharlachnen Nebel des Herbstes.

-- Wenn ich Robinson wäre, sagte der Junge, und du Freitag und wenn dort

unten ein großer Strand wäre, so gingen wir die Fußspuren der Kannibalen im

Sand suchen.

Sie dachte darüber nach und fragte: -- Hat Robinson den Freitag geschlagen,

daß er ihm gehorcht?

-- Ich erinnere mich nicht mehr. Aber die alten häßlichen Spanier haben sie

verhauen und die Wilden aus dem Land, wo Freitag her war.

-- Ich mag diese Sachen nicht, sagte das Mädchen; das sind Spiele für

Jungens. Es wird dunkel. Wenn wir uns Geschichten erzählen würden, wir

würden uns fürchten, vor der Wirklichkeit.

-- Vor der Wirklichkeit?

-- Na, glaubst du denn, daß das Haus des Menschenfressers mit den langen

Zähnen nicht wirklich jeden Abend im dunklen Wald erscheint?

Er schaute sie an und schlug die Zähne aufeinander:

-- Und als er die sieben kleinen Prinzessinnen aufaß, da machte es njam,

njam, njam.

-- Nein, nicht, sagte sie; man kann entweder nur Menschenfresser sein oder

Däumling. Niemand kennt den Namen der kleinen Prinzessinnen. Wenn du

willst, so mache ich das Dornröschen im Schloß, und du kommst mich

aufwecken. Du mußt mich sehr stark küssen. Die Prinzen küssen schrecklich,

mußt du wissen.

Er fühlte sich schüchtern und meinte:

-- Ich glaube, es ist schon zu spät, um im Gras zu schlafen. Dornröschen

lag in ihrem Bett, in einem Schloß ganz verwachsen mit Blumen und Dornen.

-- Dann spielen wir Blaubart, sagte sie: Ich bin deine Frau, und du

verbietest mir, das kleine Zimmer zu betreten. Fang an: Du kommst, um mich

zu freien. »Mein Herr, ich weiß nicht . . . Ihre sechs Frauen sind auf so

geheimnisvolle Weise verschwunden. Es ist ja wahr, Sie haben einen schönen

und großen blauen Bart und wohnen in einem herrlichen Schloß. Werden Sie

mir niemals was zu Leid tun, nie, nie?«

Sie fragte ihn mit einem bittenden Blick.

-- Jetzt also hast du um mich angehalten, und meine Eltern waren nicht

dagegen. Wir sind nun verheiratet. Gib mir alle Schlüssel. »Und wozu ist

dieser ganz kleine hübsche da?« jetzt verbietest du mir mit lauter Stimme

zu öffnen.

Jetzt, jetzt gehst du fort, und ich bin sofort ungehorsam. »Oh!

Schrecklich! Sechs gemordete Frauen!« Ich falle in Ohnmacht, und du kommst

und stützt mich. So. Dann kommst du als Blaubart zurück. Du bist

übelgelaunt. »Mein Herr Gemahl, hier sind alle Schlüssel, die Ihr mir

anvertraut habt.« Du fragst mich nach dem kleinen Schlüssel. »Mein Gemahl,

ich weiß nicht, ich hab ihn nicht angerührt.« Nun schreist du. »Mein

Gemahl, verzeiht mir, hier ist er: er war ganz zuunterst in meiner Tasche.«

Jetzt schaust du den Schlüssel an. War Blut an dem Schlüssel? -- Ja, sagte

der Junge, ein Blutfleck.

-- Ich erinnere mich, sagte das Mädchen. Ich habe daran gerieben, aber das

Blut ging nicht weg. Das war das Blut der sechs Frauen, nicht?

-- Ja, von den sechs Frauen.

-- Er hatte sie alle getötet, nicht wahr, weil sie in das Zimmer gegangen

waren? Wie hat er sie getötet? Schnitt ihnen den Hals ab und hing sie auf

in dem schwarzen Zimmer? Und das Blut lief ihnen an den Füßen hinunter bis

auf den Boden? Rotes, ganz schwarzrotes Blut, nicht wie das von den

Mohnköpfen, wenn ich dran kratze. Man muß knien, wenn man den Hals

abgeschnitten bekommt, nicht?

-- Ich glaube, sagte er, man muß knien.

-- Das wird riesig lustig sein, sagte sie. Und du wirst mir ganz wirklich

den Hals abschneiden?

-- Natürlich, sagte er, aber Blaubart konnte sie nicht trösten.

-- Das macht nichts. Weshalb hat der Blaubart nicht seiner Frau den Kopf

abgeschnitten?

-- Weil ihre Brüder gekommen sind.

-- Sie hatte Angst, nicht wahr?

-- Große Angst.

-- Und schrie?

-- Sie rief nach ihrer Schwester Anna.

-- Ich, ich hätte nicht geschrien.

-- Ja, sagte der Junge, aber Blaubart hätte Zeit gehabt, dich zu töten. Die

Schwester Anna war auf dem Turm und sah das Gras, wie es grünte. Ihre

Brüder, die sehr starke Musketiere waren, kamen im Galopp auf ihren

Pferden.

-- Ich mag so nicht spielen, sagte das kleine Mädchen. Das langweilt mich.

Denn ich hab doch gar keine Schwester Anna.

Sie drehte sich artig zu dem Jungen:

-- Weil meine Brüder nicht kommen werden, mußt du mich töten, mein kleiner

Blaubart, mich stark, stark töten!

Sie kniete hin. Er packte ihr Haar und legte es nach vorn; dann hob er die

Hand.

Langsam, mit geschlossenen Augen und zitternden Lidern, die Mundwinkel von

einem nervösen Lächeln bewegt, hielt sie den Flaum ihres Nackens und den

Hals und ihre wollüstig eingezogenen Schultern dem grausamen Streich von

Blaubarts Säbel hin.

-- Oh . . . Au! schrie sie, das wird mir weh tun!

Das Buch von Monelle · 第 13 / 29 题