Die Perverse

Madge!

Die Stimme stieg durch eine viereckige Öffnung des Fußbodens herauf. Das

runde Dach durchquerte ein mächtiger glatter Eichstamm, der sich mit

Geknarr drehte. Der große Flügel aus grauem Tuch, das an das Holzskelett

genagelt war, flog draußen vor der Dachluke im Sonnenstaub. Grade darunter

schien es, als ob zwei steinerne Tiere nach allen Regeln miteinander

kämpften, während die ganze Mühle schnaufte und im Grunde zitterte. Alle

fünf Sekunden durchschnitt ein langer gerader Schatten den kleinen Raum.

Die Leiter, die bis ins Dachinnere hinaufreichte, war ganz weiß von Mehl.

-- Madge, kommst du? ließ sich die Stimme von unten wieder vernehmen. Madge

hatte ihre Hand auf die eichene Radachse gelegt. Das fortwährende Reiben

kitzelte ihr die Haut. Etwas vorgebeugt sah sie in das flache Land hinaus.

Der Hügel, auf dem die Mühle stand, hob sich darin wie ein geschorener Kopf

in die Höh. Die Flügel berührten im Drehen fast das kurze Gras, auf dem

sich ihre Schatten verfolgten, ohne sich je zu erreichen. So mancher Esel

schien sich an der kaum beworfenen Mauer den Rücken gerieben zu haben, denn

der abgefallene Verputz zeigte die grauen Flecken der Steine. Vom Fuß des

Hügelchens lief ein kleiner Pfad, den eine ausgetrocknete Wagenspur

furchte, bis hinab zu einem weiten Weiher, in den rote Blätter tauchten.

-- Madge, wir gehen! rief die Stimme wieder.

-- Gut, so geht doch, sagte Madge ganz leise.

Die kleine Türe der Mühle knarrte. Madge sah die zitternden Ohren des

Esels, und wie er vorsichtig seine Hufe aufs Gras setzte. Ein voller Sack

hing ihm auf dem Rücken. Der alte Müller und sein Knecht stießen ihn ins

Hinterteil. Alle drei stiegen sie den gefurchten Pfad hinunter. Madge blieb

allein, den Kopf durch die Dachluke hinausgestreckt.

* * *

Als ihre Eltern sie eines Abends auf dem Bauch liegend im Bett gefunden

hatten, den Mund voll mit Sand und Kohle, da hatten sie einige Ärzte um Rat

gefragt. Die meinten, man solle Madge aufs Land schicken, damit ihre Arme,

Beine und Rücken müde würden. Aber seitdem sie in der Mühle war, flüchtete

sie sich gleich bei Sonnenaufgang unter das kleine Dach und sah dem sich

drehenden Schatten der Flügel zu.

* * *

Plötzlich fuhr ihr ein Zittern durch den ganzen Leib. Jemand hatte den

Türriegel zurückgeschoben.

-- Wer ist da? fragte Madge durch die Luke im Boden.

Und sie hörte eine schwache Stimme:

-- Ob ich etwas zu trinken haben könnte: ich habe solchen Durst.

Madge schaute durch die Leitersprossen. Es war ein alter Bettler von der

Straße. Er hatte ein Brot in seinem Bettelsack.

-- Er hat Brot, dachte Madge; schade, daß er nicht Hunger hat.

Sie liebte die Bettler, wie die Raben, die Schnecken und die Kirchhöfe, mit

einem gewissen Grauen.

Sie rief:

-- Wartet ein wenig!

Dann stieg sie die Leiter herunter, das Gesicht nach vorne. Unten angelangt

sagte sie:

-- Ihr seid wohl recht alt -- und habt großen Durst?

-- O ja, mein liebes kleines Fräulein, sagte der Alte.

-- Die Bettler haben Hunger, fing Madge entschlossen an. Ich habe den

Mauerkalk gern. Da.

Sie riss eine weiße Kruste von der Wand, steckte sie in den Mund und kaute.

Dann sagte sie:

-- Alle sind fort. Ich habe kein Glas. Da ist die Pumpe.

Sie wies auf das gebogene Rohr. Der alte Bettler bog sich nieder. Während

er trank, den Mund ganz an der Öffnung, zog ihm Madge ganz behutsam das

Brot aus dem Sack und schob es in einen Haufen Mehl.

Als er sich umwandte, tanzten Madges Augen.

-- Dort unten, sagte sie, ist der große Teich. Daraus können die Armen

trinken.

-- Wir sind keine Tiere, sagte der Alte.

-- Nein, aber unglücklich seid Ihr. Wenn Ihr hungrig seid, ich stehle ein

bißchen Mehl und geb es Euch. Mit Wasser aus dem Weiher könnt Ihr Euch am

Abend dann Teig machen.

-- Rohen Teig! sagte der Bettler. Man hat mir ein Brot gegeben, Fräulein,

ich danke schön.

-- Und was würdet Ihr tun, wenn Ihr kein Brot hättet? Wenn ich so alt wäre,

ich würde mich ertränken. Die Ertrunkenen sollen sehr glücklich sein. Sie

sollen sehr schön sein. Ihr tut mir sehr leid, armer Alter.

-- Gott sei mit Ihnen, gutes Fräulein, sagte der Alte. Ich bin recht müde.

-- Und Ihr werdet Hunger haben heute Abend, rief ihm Madge nach, während er

den Hügel hinabstieg. Nicht wahr, mein Lieber? Ihr werdet Hunger haben? Da

müßt Ihr Euer Brot essen. Müßt es in das Teichwasser tauchen, wenn Eure

Zähne schlecht sind. Der Teich ist sehr tief.

Madge horchte den Schritten nach bis sie verklangen. Sie zog leise das Brot

aus dem Mehl und betrachtete es. Es war ein Stück schwarzen Bauernbrots,

jetzt ganz mit Mehl bestaubt.

-- Puh! machte Madge. Wenn ich arm wäre, würde ich in den schönen

Bäckerläden weißes Brot stehlen.

* * *

Als der Müller heimkam, lag Madge auf dem Rücken, mit dem Kopf im Mahlkorn.

Sie drückte das Brot an die Brust mit beiden Händen; und mit vortretenden

Augen, aufgeblähten Wangen, ein Stückchen violetter Zunge zwischen den

zusammengepreßten Zähnen, versuchte sie das Bild nachzuahmen, das sie sich

von einem Ertrunkenen machte.

Nach der Suppe sagte Madge:

-- Nicht wahr, Meister, vor langer, langer Zeit einmal lebte ein ungeheurer

Riese in dieser Mühle, der sein Backmehl aus Menschenknochen mahlte.

Der Meister sagte:

-- Das sind Märchen. Aber unter dem Hügel da sind Zimmer aus Stein, die

wollte mir einmal so eine Gesellschaft abkaufen, um sie auszugraben. Aber

lieber reiße ich meine Mühle nieder.

Die sollen nur ihre alten Gräber in ihren Städten aufgraben. Das fault

genug.

-- Das muß geknackt haben, und wie! Tote Menschenknochen, sagte Madge. Mehr

als Ihr Korn, Meister. Und der Riese buk sehr gutes Brot daraus, und er aß

es -- ja, er aß es.

Jean, der Knecht, zog die Schultern hoch. Das Ächzen der Mühle hatte

aufgehört. Der Wind blähte die Flügel nicht mehr. Die beiden runden

Steintiere hatten zu streiten aufgehört. Das eine ruhte still an dem

andern.

-- Jean sagte mir einmal, begann Madge wieder, daß man die Ertrunkenen

auffinden kann mit einem Stück Brot, in das man Quecksilber getan hat. Man

macht ein kleines Loch in die Rinde und schüttet es hinein. Dann wirft man

das Brot ins Wasser, und es bleibt stehen, gerade über dem Ertrunkenen.

-- Was weiß ich, sagte der Müller. Das ist keine Beschäftigung für ein

junges Fräulein. Was sind das für Geschichten, Jean!

-- Fräulein Madge hat mich darum gebeten, antwortete der Knecht.

-- Ich, ich werde Schrot hineintun, sagte Madge. Hier gibt es kein

Quecksilber. Vielleicht findet man Ertrunkene im Teich.

Vor der Tür erwartete sie die Dunkelheit, ihr Brot unter der Schürze,

kleine Bleistückchen fest in der Faust. Der Bettler mußte hungrig geworden

sein. Er hatte sich im Teich ertränkt. Sie würde seinen Leichnam

heraufholen, und wie der Riese würde sie dann aus den Knochen des Toten

Mehl mahlen und Teig kneten können.

Das Buch von Monelle · 第 14 / 29 题